Montag, 9. September 2013

Die drei aus Berlin

Typisch Großstadt: Da gurkt ein 61jähriger Rollstuhlfahrer mit seinem Elektromobil durch sein Wohnviertel, als ein schwarzer Mondeo mit Berliner Kennzeichen anhält, zwei Frauen, um die 30 Jahre alt, aussteigen und ihn nach dem Weg fragen. Der Fahrer bleibt im Auto. Als der Rollstuhlfahrer den beiden erklärt, dass sie mit einer Straßenkarte aus Hannover nicht weit kommen und ihnen ohne Karte beschreibt, wie sie zu ihrem Ziel gelangen, beginnen die beiden Frauen, dem Rollstuhlfahrer eine Hand- und eine Halskette zu entreißen.

Der Mann wurde inzwischen von der Boulevardpresse zu Hause besucht, in Großaufnahme abgelichtet und als der wohl härteste Rollstuhlfahrer Hamburgs beschrieben. Weil er oft mit Hanteln im Fitness-Studio trainiert, konnte er mit einer Hand seine Kette festhalten und mit der anderen eine der beiden Frauen umstoßen. Am Ende sind die drei mit einem wertlosen Kettenanhänger getürmt. Einen zweiten Angriff hätten sie sich nicht getraut.

Ich bin, ehrlich gesagt, sehr irritiert. Da fahren drei Personen mit einem nicht gerade unauffälligen Fahrzeug in die äußerste Ecke einer Wohnsiedlung, aus der man mit dem Auto so gut wie überhaupt nicht fliehen kann, um 700 Meter von einer Polizeidienststelle entfernt einen Raub zu begehen? Das bedeutet, da verabreden sich drei Leute, einem Rollstuhlfahrer eine halbwegs wertlose Kette wegzureißen? Am hellichten Tag, vor den Fenstern etlicher Menschen? Bereiten das noch vor, indem sie eine falsche Straßenkarte mitnehmen? Und dann bleibt ausgerechnet der Mann im Auto sitzen? Und die beiden Frauen kommen nicht auf die Idee, den gelähmten Menschen aus seinem Stuhl zu holen oder ihn mitsamt dem Gefährt umzukippen? Sondern lassen sich von ihm zu Boden werfen? Und hauen dann sofort ab? Und niemand hat was gesehen? Und vom Kennzeichen fällt einem nur noch ein, dass es aus Berlin war?

Ich hoffe nicht, jemals in so eine Situation zu kommen. Und wenn es so war, wie es beschrieben ist, ist es schlimm. Aber wenn nicht, dann ist es fast noch schlimmer. Finde ich.

Kommentare :

Gabi hat gesagt…

Dieses Vorgehen macht anscheinend die Runde. Vor ein paar Wochen ist ein älterer Bekannter von mir auf ähnliche Art und Weise beraubt worden. Vor lauter Scham hat er erstmal gar nichts gesagt, er empfand es als sehr schlimm, dass er sich nicht wehren konnte und dem Ganzen hilflos ausgeliefert war. Und es war am helllichten Tag an einer stark befahrenen Straße in der Nähe einiger Fußgänger.

Der Rollifahrer aus Hamburg, der in der Lage war, sich zu wehren hat dann noch Glück gehabt, dass er heil aus der ganzen Sache herausgekommen ist.

Olli hat gesagt…

Würden alle Verbrecher stets wohlüberlegt und rational nachvollziehbar agieren, wäre die Polizei wohl chancenlos...

Clavicular von PL hat gesagt…

Die Wissenschafft bezeichnet das ganze als "Bystander-Effekt"
Kurzer Abriss weshalb niemand hilft:
Je mehr Menschen ein Geschehen mitbekommen desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft. Das liegt einfach daran, dass wir uns an den anderen Mitmenschen orientieren.
Person A denkt "oh, da ist was, der braucht hilfe, mmh, aber die B, C, D,... sind ganz cool, ich habe mich wohl doch getäuscht"
Person B denkt, oh, da ist was, ..." und so denkt jeder das gleiche und orientiert sich an den anderen. Niemand getraut sich diesen Kreis zu brechen. Letztlich hilft niemand. Das wird als "pluralistische Ignoranz" bezeichnet. Hinzu kommt, dass wir uns sagen "ich? ne, sind doch noch 5 andere da, die können das auch machen" Dieses Phänomen wird als "Verantwortungsdiffusion" bezeichnet.
In der Stadt kommt erschwerend hinzu, dass wir mit Reizen überflutet sind. Viele Dinge bekommen wir gar nicht mit. Wir blenden sie aus. Wir würden bekloppt werden wenn wir überall unsere Augen hätten.
Wen es genauer interessiert:
Anderson Sozialpsychologie. Kapitel 11 "pro-soziales Verhalten. Warum Menschen helfen". Recht einfach geschrieben. Versteht auch der Laie.
Ansonsten kann man auch Begriffe
"Bystander-Effekt" / "pluralistische Ignoranz" / "Verantwortungsdiffusion" googlen.
Übrigens, wer diese Dinge kennt, dem fällt es leichter Hilfe zu leisten ! Denn er weiß weshalb gerade sonst keiner Hilft. Die anderen haben nämlich genau die gleichen Ängste. Also, nur Mut !

Anonym hat gesagt…

Merkwürdig, in der Tat...Wieso fällt mir nun Herr Wallraff ein, wenn ich solche Räuberpistolen lese?
Wie dem auch sei:
Beste Grüße aus Yerevan!

Olli hat gesagt…

Nachtrag zu "Nähe Polizeistation": in meiner Heimat(mini)stadt wurde mal ein Hanfblumenkasten entdeckt. Vor dem gepanzerten Fenster der Polizeiwache. Das es dort an den eigentlich üblichen und in den anderen Kösten an dem Haus vorhandemem Geranien usw. mangelte war den damals noch grünen nicht aufgefallen... Der Tip kam von einen zufällig vorbeilaufenden Bio-Studenten, der nicht glauben konnte, was er sah...