Sonntag, 8. September 2013

Trainingscamp in Niedersachsen

Am letzten Wochenende war ich endlich mal wieder auf einem Trainings-Camp. Nachdem die letzten beiden Termine gecancelt worden waren, weil mal wieder kurzfristig alle möglichen Leute wieder abgesagt haben, fand dieser Termin nun tatsächlich mal statt. Veranstalter war ein befreundeter Verein aus Niedersachsen, das Angebot richtete sich nicht nur an Triathleten, sondern ausdrücklich auch an Paratriathleten. Der Schwerpunkt war auf das Schwimmen gesetzt.

Am Freitag war die Anreise, nach Möglichkeit sollten wir um 11 Uhr auf der Matte stehen. Berufstätige durften auch später anreisen. So standen Marie und ich kurz vor 11 Uhr nach knapp dreistündiger Autofahrt in einem Büro eines Sportzentrums. Nachdem wir dort alle möglichen Anmeldeunterlagen und einen sechsseitigen Belegungsvertrag ausfüllen mussten ("Wünschen Sie sich täglich eine kostenlose Probepackung Sportlernahrung auf Ihr Zimmer?", "Wünschen Sie eine Ernährungsberatung während Ihres Aufenthaltes?", ...) und dann noch mit allen möglichen Flyern und bunten Handzetteln versorgt wurden ("Die Entspannungsmassage kann auch morgens vor dem Frühstück auf Ihrem Zimmer stattfinden", "Bitte werfen Sie keine Papiertücher in die WC-Becken", "Bitte verzichten Sie auf die Einnahme von Mahlzeiten im Nassbereich der Schwimmhalle", "Die Verwendung von Haft- und Sprühklebern in der Sporthalle ist untersagt, zuwider Handelnde zahlen eine Vertragsstrafe von 500 €", "Die Mitnahme von Speisen und Getränken aus der Sportlerkantine stellen wir als Lunchpakete in Rechnung."), bezogen wir unser Zimmer.

Nach und nach rollten einige bekannte und unbekannte Gesichter über den Flur, bevor wir gemeinsam zum Mittagessen in einen Raum aufbrachen, an dessen Tür "Speisesaal" klebte, der aber nach den Worten von Nils, einem zu Fuß gehenden Teilnehmer Mitte 30 aus Schleswig-Holstein, eher an eine Fressbude erinnere. In der Salatbar bewiesen zwei auffallend blinkende digitale Ziffern, die gemeinsam eine "16" ergaben, dass irgendwas mit der Kühlung nicht ganz in Ordnung war, einen Tresen weiter wurde die Hauptmahlzeit in einem Wasserbad heiß gehalten. Laut Beschriftung sollte es sich um Kaisergemüse handeln, laut Nils waren es "Blähbohnen, Knallerbsen und Futtermöhren", wobei ich ihm bei den Futtermöhren sofort zustimmen musste. Als famoses Zartgemüse aus der taschengroßen Weißblechdose konnte das auf keinen Fall durchgehen und der Mais, der ebenfalls als Bestandteil namentlich auf dem Schildchen benannt war, war vermutlich bei der legendären Gemüseparade in die falsche Richtung abgebogen.

Das Schnitzel war nach Art des Hauses, was, laut Sternchen-Fußnote in Acht-Punkt-Schrift "Geschnetzeltes, überwiegend aus der Schweine-Oberschale, in Flüssigpanade (Mehl, Bio-Eier, Semmel, Gewürze) eingelegt und anschließend von Hand schonend goldbraun gebraten" bedeutete. Am besten war der Hinweis: "Enthält Gluten, kann Spuren von Senf enthalten." - Nils meinte, es handele sich um Fleischabfälle, die mit Eierpanade zusammengeklebt worden seien. Es hätte seinen Grund, warum dort "Geschnetzeltes, überwiegend aus der Schweine-Oberschale" stünde und nicht "Schweineschnitzel aus der Oberschale" oder wenigstens "Geschnetzeltes vom Schwein, überwiegend aus der Oberschale". Somit sei, laut Nils, der Hinweis auf die Senfkörner eher als Zynismus zu verstehen, und der Wellensittich sei vor seiner Weiterverarbeitung hoffentlich gerupft worden. Ich kann so etwas zwar immer nur schlecht beurteilen, aber selbst aus dem Blickwinkel einer Nachwuchssportlerin, die notfalls auch auf einer Turnmatte übernachtet, den Kopf auf einem Pullover oder Handtuch, war mir das alles nicht ganz geheuer. Um den Nachtisch in ein Schüsselchen füllen zu können, musste man mit einem Esslöffel in einem großen Eimer herumrühren - entsprechend sah der Esslöffel, den vor mir schon 50 andere Leute in der Hand hatten, und der immer wieder auf einen Teller gelegt wurde, aus.

Als eine Küchenmitarbeiterin um die Ecke bog, fragte Nils, warum die Karotten denn so groß wie Telefonzellen seien müssten und ob es irgendwo noch die angekündigte Kartoffel zu finden gäbe. Die Frau zuckte mit den Schultern. "Wenigstens eine vernünftige Kelle für den Nachtisch sollte bei einem Neun-Euro-Sechzig-Mittag drin sein, finden Sie nicht?!" - Marie und ich rollten ohne zu essen wieder raus, auf zum nächsten Supermarkt, uns erstmal mit ein paar Keksen und Getränken eindecken. Übrigens waren die folgenden zwei Mittagessen auch nicht besser. Insbesondere dass an allen drei Tagen immer Brechbohnen zwangsläufig im Gemüse verschnibbelt waren, nervte nicht nur mich, die davon ständig pupsen muss und das deswegen gar nicht erst auf ihren Teller füllt, sondern auch mindestens einen anderen Teilnehmer, der eine Lebensmittelallergie hatte und überhaupt keine grünen Bohnen vertrug.

Bei einem Abendessen, das ebenfalls 9,60 € kostet, hatte ich mehr erwartet als Brot und Brötchen mit drei Wurst- und einer Käsesorte. Dazu Mineralwasser und Tee. Dabei möchte ich nicht falsch verstanden werden: Ich finde es völlig ausreichend, zur Abendmahlzeit Brot zu essen. Aber dann reicht auch ein Preis von 2,50 €. Marie und ich hatten aber keinen Bock, uns darüber zu beschweren - und alle anderen schien das nicht genug zu stören. Möglicherweise mussten die ihre Teilnahme auch nicht selbst bezahlen und wussten daher nicht, was das kostet. Oder wir sind inzwischen zu verwöhnt.

Wie immer, wenn man ausgiebig über das Essen meckert, war alles andere toll. Das Zimmer mit einem Kingsize-Bett und einem riesigen Fernseher und einer barrierefreien Dusche, nachts schön dunkel und sehr ruhig gelegen, war klasse. Das Schwimmbad war gut, lediglich stank es mehr nach Chlor als die Halle, in der wir sonst trainieren und teilweise waren für meinen Geschmack auch zu viele Leute drin. Aber die Trainerin war gut. Insgesamt hatten wir sechs Einheiten im Wasser, davon vier Ausdauereinheiten mit jeweis 3.000 bis 4.000 Metern und zwei Technikeinheiten. Wir waren auf dem Zug- und auf dem Rollergometer.

Am ersten Abend hatten Marie und ich noch eine Begegnung mit einem 17jährigen Fußgänger aus Schleswig-Holstein, der dort mit einer Schwimmgruppe war. Wir saßen mit einigen Leuten um einen Tisch und spielten Kakerlakenpoker. Da das Sofa sehr bequem war, hatten sich Marie und ich umgesetzt. Unsere Rollstühle hatte jemand aus Platzgründen an den Nachbartisch geschoben. Besagter 17jähriger setzte sich neben mich und fragte, ob er mal zuschauen könnte, kam immer dichter. Ich glaube, er fand mich nett, allerdings nur solange, bis er merkte, was mit mir los war. Als nämlich mein Handy klingelte und ich denjenigen, der am nähsten an meinem Rolli dran war, bat, ob er mir das mal eben rübergeben könnte, guckte mich der 17jährige entsetzt an und fragte mich: "Ist das dein Rollstuhl?"

Später erzählte mir dann ein anderer Rollstuhlfahrer, dass er auf ein Gespräch der Schleswig-Holsteiner aufmerksam wurde, das die im Umkleideraum führten. "Das kann auch nur ... passieren, dass er sich ausgerechnet zu einer Behinderten aufs Sofa setzt und die auch noch angräbt." - Tja. Was soll man dazu sagen?

Der Samstagabend stand ganz im Zeichen einer Bierstaffel. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trainingscamps bildeten Mannschaften, bunt gemischt durch die Vereine, und traten gegeneinander an. Aufgabe: Eine halbe Schwimmnudel als "Staffelholz" durch die 50-Meter-Bahn treiben, drüben rausklettern, am Tisch einen Drittelliter Bier auf Ex runterkippen, möglichst ohne sich dabei die Hälfte über den Badeanzug zu kleckern, zum Beckenrand zurück gehen oder krabbeln, die Nudel, die nicht mit aus dem Wasser genommen werden durfte und im glücklichsten Fall noch in derselben Bahn war, einsammeln und zurück schwimmen. Drüben die Nudel übergeben.

Meine Mannschaft machte den ersten Platz und gewann eine alte Luftpumpe. Die Mannschaft von Marie machte den letzten Platz. Es lag aber nicht an Marie...

Insgesamt gab es drei Durchgänge. Immerhin waren wir pro Staffel 12 Leute, so dass man erst beim dritten Durchgang das Gefühl hatte, gleich kotzen zu müssen. Zum Glück blieb es allseits bei diesem Gefühl. Marie und ich waren nach dem Tag so fertig, dass wir gleich ins Bett verschwunden sind. Und, wie man sich denken kann, war die zweite Nacht nicht annähernd so entspannt wie die erste. Ich glaube, alleine ich war vier Mal auf dem Klo.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

"Tja. Was soll man dazu sagen?"

Ganz einfach: BAUERNSPACKEN ...

Das sind solche Typen, die sich von den Eltern zum 18. Geburtstag einen Seat Cordoba schenken lassen, changierenden Lack von Tuckenrosametallic bis Industrieminzmetallic auftragen lassen, 205er-Reifen aufziehen, die über den Radkasten hinausragen, 600-Euro-Audiosystem mit Subwoofer und Endstufe einbauen und dann nachts von Tankstellenshop zu Tankstellenshop und von Dorf zu Dorf ziehen, gröhlend und mit 150-db-Utzutzutzutz-Dauerrauschen um die Ohren und sich wie unfassbar geile Hengste fühlen.

Bauernspacken eben...

Niklas hat gesagt…

Das mit dem Essen war doof, der Typ auch, aber deine Blogeinträge zu lesen ist immer wie ein gutes Buch zu lesen.

Freue mich immer total, wenn's was Neues gibt. :D

Olli hat gesagt…

Niklas hat Recht.
Und immerhin dürfte es auch viele, sehr viele geben, die bei "Ist das Dein Rollstuhl" ganz normal sitzen blieben und weiter baggern würden.

Das mit den Blähbohnen, ich weiss nicht, ich habe den Eindruck (und die Selbsterfahrung *Fenster aufreiß*), das stimmt gar nicht mit "jedes Bönchen gibt ein Tönchen", den gerösteter und gesalzener Mais (gern in türkischn Läden) wirkt mind. bei mir in der Hinsicht weit stärker...

Anonym hat gesagt…

öhm - ich finde eher die anderen doof die den 17jährigen dann doof belabert haben.

Stefan hat gesagt…

Moinsen,

endlich wieder Neuigkeiten und gleich drei Stück. So kann der Tag beginnen :-).
Eines muß ich mal loswerden:
Wenn Du Dich im "normalen Leben" genauso gibst wie im Blog hier, bist Du der Traum eines jeden, halbwegs intelligenten, Mannes. Charmant, witzig, schlagfertig, hast ein großes Herz und bist wahrscheinlich auch sehr lieb.

//Stefan

Anonym hat gesagt…

"Tja. Was soll man dazu sagen?"

Nichts. Ohne Worte. Es ist alles gesagt, weil die Einstellung klar ist...

Der Kantinenfraß auf dem Lehrgang ist ja schlimm, muss aber nicht sein. Auch wenn der "Nils" nach Nörgler klingt: so ganz von der Hand zu weisen ist es nicht. Es gibt besseres Essen für weniger Geld, und damit meine ich nicht die Systemgastronomen!

jali hat gesagt…

Hihi, wenn ich das mit dem Biertrinken im Schwimmbad höre: Ich hätte glaube ich nach drei Durchgängen nicht mehr nur die Schwimmnudel übergeben...

Das mit dem Essen ist Mist, aber typisch. Als ich letzte Woche auf der England-Fähre war, habe ich dort das Frühstücksbuffet bestaunt. Das war ähnlich wie das von Dir geschilderte Abendbrot, nur noch teurer. Kann man halt machen, wenn die Leute keine Alternative haben.

Aber immerhin klingt es als hattet ihr trotzdem euren Spaß.

P.S.: Wie geht "Kakerlakenpoker"?

Pascal hat gesagt…

Also ich bin ja mittlerweile schon fast alt (26), aber auch mit 17 hätte ich überhaubt kein Problem gehabt, wenn ich "ausgerechnet" die Behinderte angegraben hätte... Mir fallen da echt keine Worte zu ein. :(

Carsten hat gesagt…

Och Mensch Jule, warum seid ihr beiden denn bloß so zäh und lasst nicht mal Fünfe gerade sein? Wenn ihr acht Stunden schlaft und jeder vier Mal raus muss und den anderen weckt, seid ihr im Durchschnitt jede Stunde einmal wach.

Ihr habt doch, anders als die meisten anderen Menschen, wegen eurer Behinderung den Zugriff, die Erfahrung. Und die Distanz, die viele Menschen zu diesen Produkten haben, ist bei euch doch auch nicht.

Warum legt ihr euch nicht jeder vor dem Zubettgehen eine entsprechend ausgelegte Windel an, klebt die schön eng zu, schlaft einfach durch, schmeißt die morgens weg und geht erstmal schön duschen?

Ihr braucht doch voreinander, wenn beide dasselbe machen, keine Hemmungen zu haben und ganz ehrlich, wenn meine Tochter eine solch schwere Behinderung hätte, dass sie auf den Rollstuhl angewiesen ist (bei allem Respekt davor, wie hart und tapfer du bist), ich glaube, ich wäre der letzte, der das nicht irgendwie verstehen könnte und darüber die Nase rümpfen würde.

Seb hat gesagt…

Selbst Schuld, der Vollidiot.
Ich wäre zwar auch aufgestanden, aber um das Handy zu holen.

Mach dir nix draus! Auf Flirtversuche von oberflächlichen, seichten Typen kannst du doch getrost verzichten ;)

~Seb

Philipp hat gesagt…

"Das kann auch nur ... der Jule ... passieren, dass sich ausgerechnet so ein Hampelmann zu Ihr aufs Sofa setzt und die auch noch angräbt."

Idiotenmagnet sag Ich da nur!

Grüße aus Kaiserslautern

Philipp

TineHappy hat gesagt…

Ach Mensch...
Was für Idioten es doch auf der Welt gibt. Einfach nur ohne Worte!!!
Aber sonst klingt es ja ganz gut dein Trainingscamp! :) Bis auf das Essen, aber ich habe bisher selten mal Trainingslager gehabt, wo das Essen in Ordnung war.

Mike hat gesagt…

Zum 17-jährigen...
Dem sein Gesicht hätte ich gerne noch gesehen, wenn er zusätzlich zu deinem Rolli noch mitbekommen hätte, dass Du ein paar Jahre älter bist als er UND noch dazu Medizin studierst.

;-)

LG
Mike

Christine hat gesagt…

Du bist nicht zu anspruchsvoll!
9,60 für Brot und ( in der Regel billige Wurst und geschmacksneutralen ) Käse ist heftig!