Mittwoch, 9. Oktober 2013

Großer Schub

Ich kann auch was Schönes erzählen. Zum Beispiel, dass mich Marie jeden Tag im Krankenhaus besucht hat. Und Cathleen mindestens jeden zweiten. Auch Maria ist zwei Mal vorbei gekommen. Maries Mama und auch der Papa waren ein paar Mal da. So viele Zeitschriften wie in den zwei Wochen habe ich seit mindestens fünf Jahren nicht mehr gesehen. So viele Blumen wie in den zwei Wochen habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht bekommen. Und trotzdem waren die Wochen scheiße. Zwar nicht ganz so scheiße wie sie gewesen wären, hätte mich niemand besucht, aber schön geht anders.

Einige Tage vor meiner Entlassung kam Marie abends vorbei. "Kann ich bei dir fernsehen?", fragte sie mich. "Papa will Fußball gucken."

Das war der Abend, an dem es mit meiner Stimmung allmählich wieder bergauf ging. Ich zog die Schublade meines Nachtschranks auf, holte ein Schlüsselbund heraus und hielt es Marie hin, ohne eine Miene zu verziehen. "Du weißt ja, wie mein Fernseher funktioniert." - Und für einen Moment überlegte sie, ob ich sie wirklich missverstanden habe. Aber damit muss sie halt rechnen, wenn sie mir so einen Unsinn erzählt. Als wenn ich nicht wüsste, dass es bei ihr zu Hause mehr als einen Fernseher gibt und als wenn ich nicht merken würde, dass sie mich ablenken will. Ein paar Sekunden dauerte es, bis sie mich angrinste und sagte: "So langsam wirst du wieder die alte."

Der Rest des Abends hatte überhaupt keinen Krankenhaus-Charme. Wir haben uns zu zweit ins Bett gelegt, Pizza aus dem Karton gespeist gefressen, Schwachsinn im Fernsehen geguckt, ohne Ende gequatscht ... und plötzlich kam die Nachtschwester rein. Blieb wie angewurzelt in der Tür stehen, guckte einen Moment und sagte dann grinsend: "Och wie niedlich. Braucht ihr noch was zur Nacht?"

Ich schüttelte den Kopf.

Sie sagte: "Einen Tee zur Nacht? Oder zwei?"

Am Ende schob die Schwester ein zweites Bett für Marie rein. Mit den Worten: "Wenn es morgen früh Ärger gibt, müssen Sie ein Zustellbett für Angehörige nachlösen."

Es gab keinen Ärger. Sondern am nächsten Morgen sogar ein Frühstück ans Bett für Marie. Die Aktion war natürlich mehr erlebnisorientiert als komfortabel. Maries Mutter meinte dazu, wir haben gehörig einen an der Mütze. Aber es war spaßig und ich würde sagen, die Aktion hat, auch wenn es nur eine Nacht war, meiner Genesung einen großen Schub gegeben. Ich habe der Nachtschwester bei meiner Entlassung eine kleine Aufmerksamkeit ins Fach legen lassen. Ich hoffe, sie ist angekommen.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Ich hab hier gerade ein fettes Grinsen im Gesicht! Super! :D

Anonym hat gesagt…

Ich möchte das Krankenhaus sehen, dass einen Pizzaboten auf die Station lässt, Fettflecken im Bett zulässt und für Freunde ein Bett mit ins Zimmer schiebt. Und die Schwester, die dafür eine Abmahnung riskiert.

Ich arbeite selbst im Krankenhaus und bei uns wäre Pizza im Bett ein Grund, die Reisetasche zu packen.

Niklas hat gesagt…

Das war nun das andere Extrem.. ;D

Krankenschwester hat gesagt…

@anonym:

Warum denn nicht, bin selber Krankenschwerster, und es gibt viele Patienten die sich Pizza bestellen, warum denn auch nicht. Natürlich nur, wenn kein medizinischer Grund dagegen spricht. Ab und an bestellen Pflegepersonal und Patienten sogar zusammen was. :-)

Patrick Gamm hat gesagt…

@Anonym:
Da hast du wohl das falsche Krankenhaus erwischt. Ich habe es selbst als Patient und als Besucher schon erlebt das sich Essen vom Lieferservice bestellt wurde. Und auch das Zustellbett finde ich nicht weit hergeholt wenn Bett und Platz vorhanden sind und auch hier keine medizinischen Gründe dagegen sprechen.

@Jule:
Es freut mich dass du nach dem Pflege(l)schüler auch noch nettes Personal während deines KH Besuches gehabt hast.

Anonym hat gesagt…

@Anonym: Informier dich, bevor du hier rumstänkerst. Zustellbett für Angehörige steht in jedem Tarif mit drin. Wird nur selten offensiv angeboten, da Krankenhaus und kein Hotel. Aber es kommt vor.

Und was das Pizza bestellen angeht, ist das auch gängig.

Anonym hat gesagt…

Zustellbett ist eine ganz normale Wahlleistung, die man bezahlen muss. Das größte Problem sehe ich hier, dass die Verwaltung das nicht erfahren hat.

ABER: Wenn für Jule eine Fallpauschale gezahlt wird, ist es im Interesse der Klinik, wenn durch so ein Manöver die Behandlungszeit vielleicht verkürzt wird. Weil wem es besser geht, der wird schneller gesund. Also einmal auf 50 Euro verzichtet, dafür aber 1500 Euro gespart, weil man Jule schneller nach Hause schicken und ihr Bett neu belegen kann.

Man muss nicht hierher auf den Blog kommen um solche KOmmentare abzulassen.

Anonym hat gesagt…

@Anonym
9. Oktober 2013 22:23
Schlimmer ! Ich arbeite im Gesundheitswesen. Desöfteren bringe ich Patienten in die Notaufnahme (!). Nicht selten steht gleichzeitig der Pizzalieferdienst am Tresen und bringt den Bediensteten dort Pizza, Pasta und Co. Daneben stehe ich und übergebe meinen Patienten. Probleme? Nein, der ganz normale Wahnsinn.

Anonym hat gesagt…

Pizza ins Krankenhaus haben wir als Patieten auch schon öfters bestellt. Ich finde die Aktion der Nachtschwester auch nett und verständnisvoll, aber auf der anderen Seite zeigt es leider auch, wie Privatpatienten behandelt werden.
Ich hab damals als Kassenpatient eine ewig lange Diskussion mit der Nachtschwester führen müssen, weil sie angeblich keine Zeit hatte, mir nicht die Pfanne zum Pinkeln zu geben, sondern mich ins Bad zu begleiten. Eine Nachtschwester hat in der Regel die ganze Station, manchmal sogar 2. Da hat sie Zeit, noch ein paar junge Mädels zu bedienen, die sich einen netten Abend machen?
Freut mich für Jule, zeigt, dass die Frau cool drauf war, zeigt aber auch, was an unserem System falsch läuft.

nobelix hat gesagt…

Schön, dass es auch Erfreulicheres als so einen Halbaffen aus dem letzten Beitrag zu berichten gibt. :-)

Wenn ihr wüsstet, wer, wo und in welcher Situation Pizza bestellt wird...da sind Krankenhäuser ja noch recht normal. ;-)

Edelnickel hat gesagt…

Eine sehr schöne Aktion von der Schwester. Und schön natürlich auch für dich. :)

Philipp hat gesagt…

@22:23

öhmm, was ist das denn für ein Krankenhaus wo du da arbeitest????

Bei uns, oder in dnen die Ich war ists ganz normal dass man sich Essen bestellt hat!

Entweder weils keinen was angeht oder weil die selber wissen wie beschissen Ihr eigenes Essen schmeckt.

Hab Ich auch schon gemacht.

Grüße von einem Kaiserslauterer in Dresden

Philipp

Jule hat gesagt…

@10.10.13 1.10 Uhr:

Woher willst du denn wissen, ob ich überhaupt Privatpatientin bin?

Es ist doch normal, dass die Nachtschwester zu Beginn eine Runde dreht. Haben die auf meiner Station jedenfalls jeden Abend gemacht. Dabei schoben sie einen Getränkewagen vor sich her und haben jeden gefragt, ob noch ein Tee gewünscht wird.

Und das Bett vom Flur ins Zimmer zu schieben und die Folie zu entfernen war eine Sache von 30 Sekunden.

Also zusammengefasst: Ja, die Zeit hatte sie. Sonst hätte ich es nicht geschrieben.

Schafpudel-Team hat gesagt…

Pizza bestellen ist normal, hab ich auch schon öfter mal gemacht, wenn das essen gar nicht ging.

Auch in der Klinik gibt es, streßige und weniger Streßige Nächte. Beim letzten aufenthalt, hat der Nachtpfleger sogar so viel Zeit gehabt, das wir locker 10 Minuten zu 4. gequatscht haben.
Klar das geht nicht immer, es kam auch vor das nur der Kopf rein gesteckt wird und gefragt wird ob noch was gebraucht wird. Dann ist es eben mal mehr los.

Anonym hat gesagt…

Ach wie cool. So soll dat sein.