Sonntag, 10. November 2013

Erster Praktikumstag

Die Patientinnen und Patienten, die gestern in die internistische Notaufnahme eines großen Hamburger Krankenhauses kamen, mussten einiges über sich ergehen lassen. Nicht jene, die gleich in den Schockraum kamen, damit hatten wir nichts zu tun. Aber durch die Behandlungsräume, wo diejenigen waren, die nicht aus dem letzten Loch pfiffen, rollten zwei eifrige Rollifahrerinnen und wollten was lernen.

Marie und mich gab es nur im Doppelpack: Immer abwechselnd stand eine von uns daneben und schaute zu, die andere musste die Patientinnen und Patienten aufrufen, sie in den Behandlungsraum begleiten, das akute Problem erfragen, zusammen mit einer Schwester je nach Problem Blutdruck, Puls, Temperatur und Blutzucker messen, die Vorgeschichte grob aufschreiben, der Internistin Bescheid sagen und dann zugucken oder sogar assistieren, also irgendwas aus den Schubladen holen oder ähnliches.

Die Reaktionen auf uns waren sehr vielfältig. Es gab eine etwa 70jährige Frau, die Angst vor mir hatte und von mir nicht behandelt werden wollte. Das war krass, aber ich hatte das Gefühl, sie war auch schon etwas durch den Wind. Die Internistin, bei der wir im Moment Praktikum machen, sagte: "Warum wollen Sie sich denn von meiner Kollegin nicht untersuchen lassen?" - "Die ist krank und ich komme damit nicht zurecht. Sie macht mir Angst."

Ein Mann hatte einen kleinen Dachschaden, das merkte man aber nicht sofort. Erstmal wurde er richtig giftig. Wir müssen alle einen Button tragen, dass wir noch lernen. Sofortiger Brüll-Kommentar: "Ich möchte von einem Doktor der Chirurgie behandelt werden, Sie müssen einen Doktor rufen, es ist wichtig!!" - Auch mit der Schwester wollte er nicht reden. Die rief die Ärztin, erklärte ihr, dass der Patient nicht mit uns reden wollte. Woraufhin er wiederholte: "Ich kann nur mit einem Doktor der Chirurgie reden, drunter mach ich es nicht." - Unsere Ausbilderin stand noch in der Schiebetür, eine Hand am Griff, antwortete: "Der Herr guckt zu viel Schwarzwaldklinik. Jetzt sag ich Ihnen mal was: Ich bin Doktorin. Professorin sogar. Und du kannst mich mal. Du sagst jetzt der Schwester schön deinen Namen oder du kannst hier warten, bis du schimmelst." - Marie und ich guckten uns mit großen Augen an, während neben uns die Tür ins Schloss fiel. Kurz danach kam der klinikeigene Security-Mensch in unser Zimmer und stellte sich in die Ecke, bis die Schwester mit Blutdruckmessen fertig war. Wo denn sein Problem liege, wollte sie wissen. Der Typ meinte: "Mir sitzt ein Pups quer. Hier oben." - Dann packte er Zigaretten aus, wollte rauchen. Der Security-Mensch nahm ihm die Schachtel weg: "So. Raus." - Spuk beendet.

Ansonsten waren sehr viele alkoholisierte und damit kotzende Leute da. Einer wurde mit Unterbauchbeschwerden mit einem Taxi gebracht, als er auf der Liege saß, kippte er plötzlich nach hinten weg, fing an zu krampfen und einen Moment später setzte er sich wieder hin und spuckte mindestens einen halben Liter Blut diagonal durch den Raum. Zum Glück stand niemand von uns in der Schussbahn. Was für ein Schweinkram, und wie das stank! Boa, pfui Teufel. Wir mussten natürlich sofort raus. Was aus dem Typen geworden ist, wissen wir noch nicht.

Eine weitere Gruppe: Viele Obdachlose, die zum Teil sehr merkwürdige Beschwerden hatten. Die Ärztin meinte, oft kämen sie auch, weil es draußen kalt und ungemütlich ist. Dann sei es im Krankenhaus warm und trocken, ein sauberes Bett ... nur da müsse man hart sein. Wenn sich das rumspricht, hätten wir hier bald ein Obdachlosenhaus und das sei halt nicht unser Zweck. Da sei die Stadt gefragt, den Menschen vernünftige Betten zu geben. Das entbinde einen allerdings nicht von der Pflicht, sehr genau zu schauen. Man dürfe nie das Vorurteil haben, dass jemand komme, um nicht draußen schlafen zu müssen. Und bei der Frage, ob man jemanden einen Tag lang zur Beobachtung aufnimmt, müsse immer derselbe Maßstab gelten, so dass selbstverständlich auch jeder Mensch ohne festes Zuhause zur Beobachtung aufgenommen werden könne, wenn die Beschwerden unklar seien. Wem sagte sie das?

Die Mehrzahl der Leute, die an dem Abend da waren, hatte Beschwerden, die man auch einen Tag zuvor beim Hausarzt hätte klären können. Viele Patienten haben Marie oder mich in der Zeit, wo wir auf die Ärztin gewartet haben, angesprochen und gesagt, dass sie das toll finden, dass wir uns von unseren körperlichen Einschränkungen nicht den Berufswunsch diktieren ließen. Das ist natürlich nett gemeint, ich reagiere darauf auch immer mit einem "Dankeschön"; es zeigt aber andererseits auch, dass es eben für die meisten Menschen nicht selbstverständlich ist, was mir machen. Insgesamt hat der Tag Marie und mir sehr viel Spaß gemacht. Es war einer von sieben Terminen, die wir samstags im Rahmen eines Vorbereitungspraktikums ableisten müssen. Die Kolleginnen und Kollegen sind allesamt sehr nett und auch erstaunlich gut gelaunt, es ist beim Personal bisher niemand dazwischen, mit dem man nicht irgendwie zurecht kommt. Beim Personal war es auch deutlich entspannter: Wir waren nicht die ersten Studentinnen, die im Rollstuhl sitzen. Das fand ich sehr angenehm. Das Haus ist zudem sehr gut ausgestattet, soweit ich das beurteilen kann. Wenngleich mir der Samstag eigentlich so gar nicht passt, freue ich mich schon auf den nächsten Termin.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Klingt doch insgesamt sehr positiv. Freut mich!

Anonym hat gesagt…

Guten Morgen!

Schön, dass Ihr Euch nicht entmutigen lässt. Die alte Frau war wohl schon etwas dement, abgehakt.

Der alles mit Blut vollgekozt hat, scheint wohl ein Alkoholiker mit Ösophagusvarizenblutung gewesen zu sein? Das gehört leider zum Job.

Ich finde es von den Patienten für nett zu betonen wie toll es sei im Rollstuhl Medizin zu studieren, aber ich kann mir vorstellen, dass das auch mit der Zeit nervt. Als Patient würde ich ehrlich gesagt die Klappe halten, und Dich und Marie genauso behandeln wie jeden anderen Famulanten. Schließlich macht es doch keinen Unterschied ob der/die FamulantIn läuft oder rollt.

Toi, toi, toi

alles Liebe

Andreas

PS: der Andreas der zum Renault geraten hat, war ein anderer Andreas. Ich muss mir endlich einen Account nehmen.

Xin hat gesagt…

Arzt zu werden, ist auch für Menschen nicht selbstverständlich, die keine Einschränkungen besitzen.

Ich denke, diese Anerkennung dürft ihr ohne Wenn und Aber einstecken. Und anders als Andreas oder Du, Jule, halte ich es durchaus für einen positiven Zug, wenn die Leistung von Menschen nicht einfach als selbstverständlich hingenommen oder ignoriert wird, sondern auch zur Kenntnis genommen wird.

Man zollt einem Arzt durchaus auch Respekt. Ihr solltet euch eher Gedanken machen, wenn man euch nichts sagen würde, dann würde man euch nämlich anders behandeln als Doktoren auf Beinen.

Anonym hat gesagt…

Ich würde mich definitiv nicht von einer Behinderten behandeln lassen, da hätt ich wirklich Angst um gesundheitliche Nachteile.

claralottiluth hat gesagt…

Liebe Jule,

mich würde interessieren, ob Du nach solchen Tagen manmchmal darüber nachdenkst, ob Du das richtige Studium bzw. den richtigen Job gewählt hast. Theorie ist das eine, Praxis kann sehr ernüchternd sein.

LG
Stefy

Anonym hat gesagt…

Klingt gut!

Edelnickel hat gesagt…

"Das ist natürlich nett gemeint, ich reagiere darauf auch immer mit einem "Dankeschön"; es zeigt aber andererseits auch, dass es eben für die meisten Menschen nicht selbstverständlich ist, was mir machen."

Ist es ja auch nicht. Wie Xin geschrieben hat, ist es auch für Menschen ohne Einschränkungen nicht selbstverständlich. Umso unwahrscheinlicher wird es dann bei Menschen mit Einschränkung, wobei es natürlich auf die Einschränkungen ankommt.
Mir jedenfalls ist noch nie ein Arzt, Assistent, Krankenpfleger oder sonstwie mit Rolli begegnet und ich war schon in vielen medizinischen Einrichtungen. (Im Uniklinikum Jena gibt es lediglich Wegweiser im Rolli.)

Ich finde ganz persönlich nicht, dass ein solches Kompliment von oben herab geschieht oder als "oho, du hast ja trotzdem was aus dir gemacht" oder so. (Puh, ich hoffe du weißt, worauf ich hinaus will.)
Es soll auch ganz bestimmt nicht auf den Rolli reduzieren. So ein Kompliment ist ernst gemeint eine Anerkennung, weil ihr euch weder von euch selbst noch von der Gesellschaft diktieren lasst, was ihr mit eurem Leben anfangt. Ich kenne genug, die sich nach körperlichen Einschränkungen aufgegeben haben und in das Bild des behinderten Hilfsarbeitens einfügten, das so gern verbreitet wird. Ihr nicht. Ihr lebt wie ihr das möchtet und das zusammen mit der respektablen medizinischen Arbeit ist solche Komplimente ganz ehrlich und aufrichtig wert. Du kannst sie also auch einfach annehmen. ;)

Anonym hat gesagt…

Also ich bin der Meinung, dass das Lob der Patienten zwar sehr nett gemeint ist, aber die Betroffenen ein bisschen auf ihre Behinderung reduziert. Zugebenmassen würde ich auch was Positives sagen, aber nach reiflicher Überlegung einfach nicht gut finden.

LG

Andreas

Anonym hat gesagt…

Naja, das mit dem "Lob" dass man das auch macht, wenn man im Rollstuhl sitzt - sowas gibt es überall. Auch als "gesunde" Ingenieurin muß man sich das immer mal wieder anhören. Oder als Erzieher im Kindergarten. - So ist es halt und man gewöhnt sich ein bischen daran :-)

Anonym hat gesagt…

@18:55 Anonym

Ich muss Dir da heftigst widersprechen. Da ich selber Arzt bin, gestehe ich mir die Kompetenz zu dieses zu beurteilen.
Jule hat schon bewiesen, dass sie sogar reanimieren kann, siehe http://jule-stinkesocke.blogspot.co.at/2011/09/hattest-du-doch-blo.html

Natürlich kann man als RollifahrerIn nicht jedes Fach machen. In rehabilitativen Fächern kann man als Betroffener wesentlich authentischer arbeiten. Man stelle sich vor, man liegt als frischer QS auf der Station und ein fussgehender Arzt kommt herein und erklärt einem "das wird schon, man kann trotzdem ein gutes Leben führen, blabla". Und Jule kommt herein gerollt im weissen Kittel als authentischer Beweis was man noch vom Rollstuhl aus leisten kann. Wem vertraust Du mehr?

Ich hoffe, dass Dein Beitrag von Dir Anonym nur eine Provokation war.

LG

Andreas

P. hat gesagt…

"Gelobt" werden, weil man den Beruf macht .. das ist nichts neues.
Bei dir heißt es dann zwar "trotz Behinderung" .. bei allen zweibeinig laufenden Menschen fehlt einfach nur der Zusatz und man bekommt das Lob, weil man's überhaupt macht.

Und - die Menschen, die nicht mit dir reden wollen, weil du ja nur eine unfähige weil noch nicht fertige Ärztin bist .. die werden dich genau bis zum Tag deines Abschlusses begleiten.
Witzigerweise sprechen die Menschen genau einen Tag später völlig normal mit dir, als hätten sie dich Tage vorher nicht wie den letzten unwissenden Deppen behandelt ..

Willkommen in der Menschheit ;)

Dennis hat gesagt…

Wünsche Euch für morgen viel Spaß beim Praktikumgstag :)

Anonym hat gesagt…

Nimm das lob als kompliment. die leute wissen ja nicht, dass sie nicht die ersten sind die das sagen. sie meinen es nur gut.


genauso wie leute mit lustigen nachnamen immer wieder darauf angesprochen werden

oder wie bei mir früher, mit meiner besonderen blond/roten frisur angesprochen wurde. innerlich manchmal die augen verdreht. aber immer brav gesagt: "ja wirklich? sieht es wirklich aus wie eine geburtstagstorte/streichhölzer/pommes mit ketschup" weil ich wusste sie meinen es gut :)