Dienstag, 19. November 2013

Es macht keinen Spaß

Sollte man nicht machen. Eine Kurve schneiden. Nachts. Im Gewerbegebiet. Auch nicht, wenn nachts alle Ampeln in Betrieb sind. Sechs an der Zahl, und außer mir ist fast niemand unterwegs. Und alle sechs sind so geschaltet, dass man mit 50 km/h eine "Rote Welle" hat.

Da juckte es mir in den Fingern. Hab ich natürlich noch nie vorher gemacht... zügig anfahren, auf etwa 65 km/h beschleunigen, vor dem Schneiden der Kurve schauen, dass niemand von vorne kommt und auch gerade niemand überholt, und dann alle sechs Ampeln in dem Moment passieren, wo sie von Grün auf Gelb umschalten. Strike!

Und sich über den Passat Kombi wundern, der hinter mir heran braust und die Ampeln aber sicher bei dunkelrot nimmt. Und an der nächsten Ampel, drei Kilometer weiter, neben mir steht. Zwei Typen sitzen drin, das hatte ich vorher schon im Rückspiegel gesehen. Im Augenwinkel sah ich, wie auf der Beifahrerseite die Scheibe runter ging. Der Fahrer hupte. War meine Zentralverriegelung zu? Ja, war sie. Bloß nicht hingucken. Nachts in Hamburg. Im Gewerbegebiet. Als Frau mit blonden Haaren. Hinterm Steuer.

Man hupte nochmal. Fuhr dann zwei Meter vor. Bei Rot über die Linie, halb vor mich. Mein Blutdruck stieg. Was wollten die Typen vor mir?

Die Frage klärte sich sofort. Der Beifahrer hatte eine rot leuchtende Kelle in der Hand. Zeigte mir dem Zeigefinger der anderen Hand auf den Text, der dort geschrieben stand. Waren die beiden echt?

Sie stiegen aus. Beide trugen zivile Kleidung. Einer kam an meine Tür, machte eine kurbelnde Handbewegung. Noch nie was von elektrischen Fensterhebern gehört? - "Ausweis", sagte ich in seine Richtung und hoffte, er könnte Lippen lesen. Konnte er. Beide hielten ihre Chipkarte vor mein Fenster und einer von den beiden zog seine Jacke ein Stück zur Seite. Ein Schulterholster wurde sichtbar. Ich öffnete das Fenster.

"Guten Morgen! Etwas flott unterwegs, oder? Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere hätte ich gerne mal gesehen. Motor können Sie laufen lassen, ist ja saukalt draußen."

Ich händigte ihm die Dokumente aus. Er ging damit zu seinem Fahrzeug, holte ein Handfunkgerät heraus und laberte etwas hinein. Inzwischen sagte sein Kollege: "In der Stadt ist 50. Außer dort, wo die Schilder mehr erlauben. Wir belassen es bei einer Ermahnung, weil Sie danach 50 gefahren sind, obwohl sie uns nicht erkannt haben und die Ampeln dort wirklich beknackt geschaltet sind. Es ist aber kein Grund, schneller zu fahren oder Kurven zu schneiden. Beim nächsten Mal müssen Sie mit einer Anzeige rechnen. Haben Sie das verstanden?"

"Jawohl", sagte ich.

Er rieb sich die Hände. "Mensch, ist das bloß kalt geworden! Was haben Sie da? Einen Lenkraddrehknopf?"

"Ja, ich bin Rollstuhlfahrerin und fahre nur mit den Händen." - "Oha. Das wusste ich nicht. Das ist faszinierend, dass es sowas gibt. Also dass man ein Auto nur mit den Händen bedienen kann. Glauben Sie mir, das hat man nicht alle Tage. Und es macht auch nicht unbedingt Spaß, eine Rollstuhlfahrerin anzuhalten."

Nanu? Ich fragte: "Warum? Ich bin doch ganz nett!" - "Ja, so meine ich das auch nicht. Für Sie bedeutet Ihr Auto doch große Mobilität, und da ist es zumindest für mich schon mit einem faden Geschmäckle verbunden, dort einzugreifen." - "Gleiches Recht für alle." - "Ja, trotzdem. Spaß macht das nicht."

Sein Kollege kam zurück, fragte mich: "Was sind das für Eintragungen im Führerschein? Sind Sie schwerbeschädigt?"

Ich verkniff mir ein Grinsen. Beschädigt bin ich zwar nicht, aber ich wusste ja, was er meinte. Ich antwortete: "Ich bin Rollstuhlfahrerin."

Sein Kollege sagte: "Haben wir schon geklärt. Liegt was vor? Dann gute Fahrt." - Der andere Polizist war etwas verdattert, gab mir die Papiere zurück und sagte: "Jaja, gute Fahrt."

Sie stiegen ein. Und weg waren sie. Soso. Es macht keinen Spaß, eine Rollstuhlfahrerin anzuhalten.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ich denke das war nett gemeint. Hätte er gewusst, dass Du Rollifahrerin bist, lies er Dich in Ruhe.

LG

Andreas

Anonym hat gesagt…

"Warum? Ich bin doch ganz nett!"

Du bist so eine süße Maus <3 <3, dich würde ich auch gerne mal anhalten. :)

Anonym hat gesagt…

aber ist es nicht so, dass ein auto fuer dich mehr mobilitaet bedeutet als fuer fussgaenger? ich mein, ich kann zum beispiel einfach in die bahn steigen und zum strand fahren, du musst das anmelden. und wenn dann ein zug zu spaet kommt.. haben wir ja alles schon lesen duerfen.. oder bahnhoefe wo die aufzuege nicht funktionieren.. da nimmt man als fussgaenger dann halt die treppe, du musst nen umweg mit dem bus/rolli nehmen..

Anonym hat gesagt…

@19.43

Das ist doch unbestritten. Dass Auto mehr Mobilität bedeutet. Worauf willst du hinaus?

Jule hat dem doch nicht widersprochen. Es ist doch nur spannend, dass es den Polizisten so bewegt, als er das hört.

Edelnickel hat gesagt…

Hm. Ich verstehe das Problem, das man damit haben könnte. Nennt sich positive Diskriminierung.
Ich kann einsehen, dass der eine oder andere sich daran stört; manchmal tu ich das auch, obgleich ich in diesem Fall nicht von böser Absicht oder sowas ausgehen würde.

Aber süß, deine Antwort. "Ich bin doch ganz nett" :D Da war ihm bestimmt schon nicht mehr ganz so kalt. <3

BigDigger hat gesagt…

Schäm Dir, Jule! Kannst doch nicht einfach den Zanardi geben!

Kümmelspalter hat gesagt…

"Sein Kollege kam zurück, fragte mich: "Was sind das für Eintragungen im Führerschein? Sind Sie schwerbeschädigt?"

*Grööööhl*

Unter anderem Situationen wie diese sind der Grund, warum ich deinen Blog so gerne lese und mich dabei ab und an köstlich amüsiere! ^^

Allzeit gute Fahrt wünscht dir der
Kümmelspalter

DerSven hat gesagt…

@Mobilität:
Ja. Für Jule wäre es wesentlich problematischer, wenn Sie den Führerschein abgeben müsste (Tacho 65 + gelbe Ampel ist da noch weit von entfernt). Aber deswegen gelten ja trotzdem dieselben Regeln.
Sie sollte es sich halt zweimal überlegen, ob sie die Regeln übertritt.
Ich denke, darauf wollte Jule hinaus. Keine Extrawurst für sie. Gute Einstellung.

Im Fall der Fälle würde sie ein Fahrverbot aufgrund ihrer Einschränkungen wahrscheinlich eher durch Zahlung einer höheren Geldbuße abwenden können. Das fände ich okay.

Anonym hat gesagt…

Ist doch eigentlich eine ganz einfache Sache:
Wenn ich - aus welchem Grund auch immer - im besonderen Maße auf mein Auto angewiesen bin, dann fahre ich der StVO entsprechend und riskiere nicht, dass mein Lappen einkassiert wird. Deshalb sollte es da keine unterschiedliche Behandlung geben.
Interessant an der Geschichte ist, dass der Polizist in Jules Handeln eine Rationalität erkannt und es freundlicherweise bei einer Ermahnung belassen hat.

Anonym hat gesagt…

Du argumentierst auch nur so wie es dir gerade passt, wie die Eckfahne im Wind. Fahr 50, dann halten sie dich auch nicht an. Es ist schon eine Frechheit, wegen deiner Behinderung zu meinen, dass die Verkehrsregeln für dich nicht gelten.

Anonym hat gesagt…

@09:45

Die Aufregung ist unnötig. Die Meinung hat sie keineswegs geäußert.

Schnuffelsocke(n) hat gesagt…

*seufz*
Also bei manchen Kommentaren hier kann ich echt nur den Kopf schütteln.

Herrje... Jule, ich find's super, dass du dir mal nen Spaß erlaubt hast. Ich bin sicher, du fährst sonst immer Vorschriftsmässig. Und ich find's auch super, wie du reagiert hast.
Du hast Recht. Es sollte für alle Menschen gleich gelten. Und ich kann zwar auch verstehen, dass Polizisten so etwas ungern tun (weil sie eben Rücksicht nehmen wollen und so), aber deine Reaktion darauf war einfach "Leider geil!"

Olli hat gesagt…

Sie stiegen aus. Beide trugen zivile Kleidung. Einer kam an meine Tür, machte eine kurbelnde Handbewegung. Noch nie was von elektrischen Fensterhebern gehört?

Ich bin sehr sicher, sie haben. Aber wie sollen sie leicht erkennbar, eindeutig, verständlich die Betätigung des entsprechenden Tasters mimisch/gestisch darstellen? Aus demselben Grund werden teils nochheute Telefone mit Wählscheibe als Symbol dargestellt - es geht darum, möglichst prägnant, eindeutig und leicht erkennbar etwas darzustellen - da nimmt man dann (warum genau, können wachere Psychologen oä bestimmt besser erläutern als ich gerade) eben etwas bewährtes und nichts neumodisches. Der Unterschied zwischen bewährt und neumodisch kann sich dann aber leicht diverse Jahrzehnte/Generationen betragen.