Sonntag, 17. November 2013

Komischer Messwert

Der zweite Praktikumstag ist vorbei. Er war deutlich spannender als der erste. Und deutlich emotionaler. Oder, um es anders zu beschreiben: Dieses Mal waren nicht mehr alle Kollegen nett zu uns. Wir mussten unsere erste Duftmarke setzen und entsprechend gibt schon den ersten Kollegen, der uns hasst. Beim Frühstück sollte man das übrigens nicht lesen, es wird super-eklig. Und etwas Zeit braucht man auch.

Wir sollten auf einer gastroenterologischen (also Magen-Darm-Krankheiten) Station mit der Stationsärztin mitlaufen und darüber hinaus nach Möglichkeit bei allen Notfällen, die von der zentralen Notaufnahme in die am Wochenende nur für Notfälle geöffnete Ambulanz einzeln herübergeschickt werden, dabei sein. Unsere Anleiterin sollte gegen 10 Uhr erscheinen, wir mussten allerdings um 8 Uhr auf der Matte stehen und sollten so lange schonmal einem ihrer Kollegen hinterherrollen.

Der Kollege war Anfang 40, gebürtiger Italiener, sprach mit deutlichem Akzent sehr einfaches Deutsch, etwa 165 cm groß, schlank, muskulös, braungebrannte Haut, kurze schwarze Haare. Er wirkte auf mich als hätte er zu viel Kaffee getrunken. Aufgekratzt, wirbelig. Nervig. Er begrüßte uns mit: "Ah die beiden eifrigen Studentinnen, die mir jetzt noch meine letzte Stunde mit ihren vielen Fragen auf die Nerven gehen und alles besser wissen. War nur ein Spaß. Stehen Sie mir heute bloß nicht im Weg rum, warum wollen Sie eigentlich Arzt werden, wenn Sie im Rollstuhl sitzen, das ist doch gar nichts für Sie? Haben Sie keine andere Aufgabe gefunden, Sie sind doch bestimmt nicht dumm? Ich muss jetzt noch kurz in mein Zimmer und dann will ich mir mal eine Patientin ansehen von der Station, sie hat Probleme mit ihrem neuen Stoma, Sie dürfen dabei sein, aber Sie haben Sendepause, damit wir gleich richtig abgesprochen sind, das ist hochsensibel, und Sie stellen sich vor das Fenster und lassen mich meine Arbeit machen. Avete capito?"

Marie murmelte sich ein "Si capisce!" in den nicht vorhandenen Bart, woraufhin er noch irgendwas auf Italienisch plapperte und dann mich mit seinem Handrücken von vorne an der Schulter anstieß und meinte: "Sie wissen, was ein Stoma ist?" - Ich musste an das höhenverstellbare Klo denken. Und fragte zurück: "Na sicher. Hat die Patientin ein Kolo- oder ein Ileostoma?" - Seine Antwort: "Ja, finden Sie das mal heraus! Wir treffen uns in 20 Minuten im Untersuchungsraum 1 im Erdgeschoss, umgezogen in grüner Arbeitskleidung. Und vergessen Sie nicht ...", sagte er, während er mit ausgestrecktem Zeigefinger mehrmals an meinen Button tippte, der auf meiner Brust klemmte, "Ihren 'Ich lerne noch'-Aufkleber an der anderen Kleidung zu befestigen. Nicht, dass man Sie für wichtiger hält als Sie sind."

Die Tür schloss sich hinter ihm, Marie seufzte einmal und sagte: "Das kann ja heiter werden." - Ich antwortete: "Na komm, die zwei Stunden stehen wir durch. Danach wird es schlagartig besser."

Nach dem Umziehen rollten wir in einen riesigen Untersuchungsraum. Im Raum wirbelte eine Krankenschwester herum und hatte bereits alles mögliche vorbereitet. Sie begrüßte uns freundlich. Ich schätzte sie auf Mitte 50. Sie fragte: "Sind Sie gleich bei der Untersuchung dabei?" - Wir nickten. - "Schauen Sie zu oder assistieren Sie?" - "Nee, wir schauen nur zu." - "Sonst hätte ich den Tisch gleich noch ein wenig weiter rübergezogen, damit wir auf der Seite genug Platz haben." - "Nee, wir haben schon Anweisung bekommen, uns mucksmäuschenstill vor das Fenster zu stellen." - "Vor das Fenster? Da sehen Sie doch nichts. Ich zieh den Tisch ein Stück weiter rüber. Bums, aus. Konnte ich ja nicht wissen. Stellen Sie sich mal dorthin."

Einen Moment später sagte sie: "Ich rufe jetzt die Patientin auf." - Sie verschwand, kam kurz danach wieder. Hinter ihr trottete eine etwa 35 Jahre alte Frau im Klinik-Nachthemd, auf Birkenstock-Schuhen, gestützt von einem Mann, nach erster Vermutung ihr Freund oder Ehegatte. Sie schlich deutlich gekrümmt und schien starke Schmerzen zu haben. Sie war leichenblass und wirkte auf mich wie eine Hochschwangere in den Wehen. Sie setzte sich auf den Untersuchungstisch. Dann guckte sie zu uns. Ich rollte den einen Meter auf sie zu, stellte mich vor, gab ihr die Hand und fragte: "Wir sind heute im Rahmen unseres Studiums Gast auf dieser Station. Haben Sie etwas dagegen, wenn wir bei der Untersuchung anwesend sind?" - "Selbstverständlich nicht."

Die Frau war den Tränen nahe. Sie war völlig aufgelöst. Marie gab ihr auch die Hand. Dann fing sie zu heulen an. Und ohne dass jemand sie fragte, redete sie: "Ich habe solche Angst vor dem, was jetzt kommt. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, habe mich im Bett hin und her gedreht, wusste vor Schmerzen nicht, wie ich liegen soll. Am besten ging es eine Zeitlang im Vierfüßlerstand. Mir ist seit gestern abend übel ohne Ende, ich habe mich zwei Mal übergeben. Fieber habe ich nicht. Ich war vor zwei Tagen unterm Messer, mein Pouch aus den 1990er-Jahren wurde stillgelegt, aber belassen. Ich habe ein Stoma bekommen, sowas hatte ich vor vielen Jahren schon einmal. Damals hatte ich alle Hoffnung in den Pouch gesteckt, aber der hat sich auch ständig entzündet und nun versuchen wir nochmal, ihn ein paar Monate zu entlasten, aber vermutlich wird er nie wieder angeschlossen. Und das neue Stoma funktioniert irgendwie überhaupt nicht. Da kommt höchstens mal ein bißchen Schleim."

Ach. Du. Scheiße. Ich konnte ihr so halb folgen, Marie wohl auch. Eines darf man in einem anspruchsvollen Studium nicht falsch machen: Im Zweifel gilt es immer, die Klappe zu halten und später nachzulesen. Sind Fragen unvermeidbar, sollte man sie überlegt stellen. So sollte man niemals fragen: "Was ist ein Pouch?" - Sondern lieber: "Was für einen Pouch haben Sie?" - Die erste Frage suggeriert, dass man überhaupt keine Peilung hat, die zweite, dass man weiß, dass es verschiedene gibt. Falls nicht, kommt man da schneller wieder raus als wenn erstmal alle denken, man sei betriebsblind.

Sie antwortete: "Einen J-Pouch. Also den üblichen. Ich habe den 1995 bekommen, nachdem man mir in einer Not-OP den gesamten Dickdarm entfernt hat. Es hatte sich über Nacht ein toxisches Megakolon gebildet." - Okay. Ein toxisches Megakolon ist eine Komplikation bei der Colitis ulcerosa (chronische Dickdarmentzündung), die absolut lebensbedrohlich ist. Ein Pouch, so mutmaßte ich in dem Moment, und das bestätigte sich dann später auch, ist ein vom Chirurg angelegtes Resevoir im Bauchraum, das aus Dünndarmschlingen genäht wird und zwischen Dünndarm-Ende und After eingesetzt wird, um salopp gesagt zu erreichen, dass der flüssige Dünndarmstuhl gehalten und eingedickt werden kann. Der Pouch ersetzt also quasi den Dickdarm - nur leider entzündet er sich meistens genauso wie bislang der inzwischen entfernte Dickdarm.

Der begleitende Ehemann sagte: "Und jetzt hat meine Frau Angst, dass hier wieder etwas lebensbedrohliches ist. Als der Dickdarm entfernt wurde, hat man auch viel zu lange rumgeträumt und dann war plötzlich das Theater groß. Ich verstehe nicht, warum man sie nicht schon gestern abend untersucht hat."

Marie antwortete: "Das weiß ich auch nicht. Das kann ich aber auch überhaupt nicht beurteilen, dafür bin ich noch viel zu unerfahren. Ich drücke Euch aber die Daumen, dass der Doktor Ihnen gleich helfen kann und es Ihnen gleich besser geht." - Die Frau nahm Maries Hand und strich ihr über den Handrücken. Die war völlig fertig. Um das zu erkennen, mussten Marie und ich kein abgeschlossenes Studium haben. Um so erstaunlicher, dass kurz danach der Arzt reingepoltert kam, auf den wir alle warteten. Und der erste Spruch war: "Na, haben Sie schon die Anamnese erhoben? Sie sollten sich doch dort vor das Fenster stellen."

Bevor Marie und ich antworten konnten, sagte die Schwester: "Vor dem Fenster ist schlecht, da kriegen sie ja nichts mit. Ich hatte die beiden hierhin gestellt, das geht auch, oder?" - Und bevor er etwas antworten konnte, hakte ich ein: "Anamnese haben wir uns mit Blick auf den Zustand verkniffen. Wir sind davon ausgegangen, dass die bekannt ist, wenn sie in dieser Klinik schon mindestens eine Nacht verbracht hat."

Der Arzt fragte: "Welchen Zustand?" - "Naja, sie weint. Es geht ihr schlecht." - "Sie beiden müssen noch viel lernen. Aber dafür sind Sie ja hier. Sie fahren jetzt vor das Fenster und haben jetzt Sendepause!"

Während wir vor das Fenster rangierten, sagte die Patientin: "Falls Sie dort unten spiegeln wollen, möchte ich bitte unbedingt ein Schmerzmittel bekommen, ich halte es so schon kaum noch aus vor Schmerzen. Und am liebsten würde ich schlafen." - Der Arzt ließ sich zwei Spritzenampullen mit Pethidin und Midazolam aufziehen, dröhnte ihr jeweils was davon in die in der Armvene steckende Kanüle. Die Patientin nickte sofort weg. Marie und ich gingen davon aus, dass der Arzt weiß, was er da tut, es mutete aber schon sehr seltsam an. Ich hätte erstmal gefragt, was jetzt das akute Problem ist, aber vielleicht wusste er das ja schon.

Ich kenne die Gründe nicht, aber es machte schon einen merkwürdigen Eindruck, wenn jemand ein Video-Endoskop verwendet, dann aber das Bild nicht auf den Monitor übertragen lässt, sondern extra nur auf ein digitales Okular. Oder anders ausgedrückt: So, dass nur er gucken kann, obwohl andere auch gerne was sehen würden. Marie und ich haben zum ersten Mal in unserem Leben live einen künstlichen Darmausgang gesehen. Aus einem Meter Entfernung halt. Der Arzt meinte, der sehe normal aus, noch etwas angeschwollen nach der OP, im Inneren sehe auch alles gut aus, soweit er das sehen könne. Auch der Pouch sei gut. Dass bisher noch kein Stuhl aus dem Ausgang fließe, sei nicht beunruhigend - jeder Darm sei ein hochsensibles Organ und einige Därme spucken danach wie ein Wasserfall, andere gönnen sich drei Tage Ruhe. Panik sei ein schlechter Weggefährte.

Wenn seine Frau jetzt nach der Operation Schmerzen hätte, sei das ebenfalls normal. Dann müsste sie halt öfter um Schmerzmittel bitten, er mache nochmal einen Vermerk in die Akte, dass die Schwestern darauf achten sollten. So eine frische Sache brauche ein paar Tage Ruhe und Geduld, man solle jetzt bloß nicht in Hysterie verfallen. Als Mann solle er etwas beruhigend auf seine Frau einwirken. Dann entschuldigte sich der Arzt, er habe seit einer Stunde Feierabend und würde jetzt gerne nach Hause. Falls im Laufe des Tages noch Fragen auftauchen sollten, würde der diensthabende Kollege beraten - seine Frau käme jetzt in einen Aufwachraum und sei in zwei Stunden wieder wach und könnte dann auf die Station zurück. Mittagessen könnten die beiden also zusammen, wobei die Frau nach der Operation natürlich noch nicht wieder alles essen dürfe. Ob die Ernährungsberaterin schon da gewesen sei, wollte er wissen, und als der Ehemann das bejahte, sagte er: "Sehen Sie, es geht alles seinen Weg."

Von uns verabschiedete er sich nicht, wünschte uns aber viel Spaß mit seinen Kollegen. Dann war er weg. Die Schwester schrieb noch einige Zeit an einem Protokoll, dann fragte der Ehemann: "So, und jetzt?" - "Jetzt schieben wir Ihre Frau gleich in den Aufwachraum und nach ein, zwei Stunden kann sie dann zurück auf die Station."

Der Bericht wird so irre lang, weil ich gerne alles aufschreiben möchte, was passiert ist. Und ich habe das Gefühl, nur alles zusammen ergibt die richtigen Zusammenhänge und Emoitionen. Mir kam diese ganze Sache so unheimlich falsch vor. Ich guckte Marie an und ich hatte ohne jedes Wort im Gefühl, dass sie ebenfalls ziemlich ratlos war. Wenn diese Patientin sich schon die ganze Nacht vor Schmerzen im Bett hin- und hergewälzt hatte, wieso hatte sie dann keine stärkeren Schmerzmittel bekommen? Wieso ist das die einzige Therapie und was hatte der Arzt gerade gemacht? Mit dem Endoskop kann ich in den Dünndarm so gut wie gar nicht hinein. Er hat sich einen normalen Befund anzeigen lassen und den Rest als Hysterie abgetan. Ist diese Frau, die leichenblass und gekrümmt in das Untersuchungszimmer kam, wirklich hysterisch? Oder gibt es noch ein ganz anderes Problem und hat sie nach der Vorgeschichte vielleicht einen richtigen Riecher? Oder ist das einfach eine fiese OP und man muss die ersten Tage die Zähne zusammenbeißen, womit diese Frau ob ihrer bewegten Vergangenheit einfach Schwierigkeiten hat?

Ich rollte an die Position, an der vorher der Arzt gesessen hatte. So ein Endoskop würde ich ja gerne mal selbst in der Hand halten. Ob es wohl schwer ist? Bloß nicht anfassen, dafür ist es noch viel zu früh. Aber es sieht schon interessant aus und ist so teuer wie ein Neuwagen ... wieso zeigt das Pulsoxymeter auf dem Monitor gegenüber eigentlich nur Null-Linien an? "Marie? Komm mal bitte. Guck mal", sagte ich und deutete auf den Monitor. Der Ehemann guckte auch dorthin und fragte: "Oh nein! Ist sie tot?" - "Quatsch", sagte ich und merkte ein leicht panisches Gefühl in mir aufsteigen, "das Gerät misst nicht. Sie atmet, das sieht man doch."

Ich fühlte an ihrem Hals den Puls. Der raste. Ich hob das Bettlaken, mit dem sie zugedeckt war, hoch. Der rot leuchtende Fingerclip lag lose neben ihrer Hand. "Da hat sich nur der Clip gelöst. Ich mach den kurz nochmal dran." - Die Schwester guckte mich entsetzt und ratlos zugleich an. Es dauerte zwei, drei Sekunden, dann wurden Werte auf dem Monitor angezeigt. Puls um die 130, Sauerstoffsättigung 82%. Diese beiden Werte wurden abwechselnd normal und invers dargestellt und normalerweise würde zumindest der zweite von einem ohrenbetäubenden Pling-Pling, Dingel-Dongel-Dingel-Dongel, Tututututututut oder wenigstens Dauermöööööp begleitet werden. Warum das nicht passierte, konnte man rechts oben lesen: "Alarme aus!" stand dort, deutlich sichtbar. Geil.

Ein Messfehler? Hatte sie lackierte Fingernägel? Nee, hatte sie nicht. Eine Blutarmut nach der OP oder nach der langen entzündlichen Phase vor der OP? Und hätte das Einfluss auf den Wert? Wie war das noch gleich? Und wie passte der hohe Puls dazu? Doch wohl nur, weil das Herz versucht, so schnell wie möglich sauerstoffreiches Blut zum Hirn zu bringen, weil das, was da vorbei kommt, nicht ausreichend gesättigt ist. Oder? Andere Ursachen? Was weiß denn ich?!

Ruhe bewahren. Ich sagte zu der Schwester: "Sauerstoffsättigung 82%, Puls 130. Da sollte nochmal ein Arzt draufgucken." - Die Schwester kam so um den Untersuchungstisch, dass sie den Monitor sehen konnte. Und fragte: "Ist der Clip richtig dran? Ich mach ihn mal an die andere Hand." - Dieselben Werte. Dann sagte sie: "Dann rufe ich mal auf der Station an, der Herr Dr. [...] hat ja jetzt Feierabend." - "Piepen Sie mal bitte die Frau [...] an." - "Die Chefin kann ich dafür nicht holen, die dreht mir ein Gewinde in den Hals." - "Unsinn. Das ist unsere Anleiterin und wir haben Order, sie immer zu fragen, wenn wir nicht weiter wissen. Ich nehme das auf meine Kappe, ich sage, dass ich darauf bestanden habe. Oder noch besser: Sagen Sie mir mal bitte die Nummer, ich mache das selbst. Dann können Sie ihr schonmal eine Sauerstoffmaske auf das Gesicht setzen."

Das war ja noch nie da. Die Schwester gab mir die Kurzwahlnummer für den Pieper unserer Professorin, wetzte zum Schrank, holte eine Einmalmaske für die Sauerstoffinhalation raus, steckte das Ding samt Befeuchter in den Wandanschluss, hängte ihr das um das Gesicht. Der Ehemann guckte mit großen Augen. "Was ist mit meiner Frau?" - "Der eine Wert auf dem Monitor gefällt mir nicht. Ich bin aber zu unerfahren, um zu entscheiden, was das bedeutet. Deshalb kommt jetzt nochmal ein Arzt und guckt nach ihr. Solange bekommt sie ein wenig Sauerstoff um die Nase, damit ihr das Atmen etwas leichter fällt." - Und damit das, was sie atmet, der vermutlich dringend benötigte Sauerstoff ist, fügte ich in Gedanken hinzu.

"Sie hat doch Midazolam bekommen - ziehen Sie mal bitte einen Flummi auf", fügte Marie hinzu. "Nicht geben, sondern schonmal bereithalten." - Die Schwester tat es. Holte eine Ampulle Flumazenil aus dem Schrank und füllte sie in eine Spritzenampulle um, beschriftete sie und legte sie neben der Patientin auf den Tisch. Man merkte, dass auch sie aufgeregt wurde. Dann endlich der Rückruf. Meine Anleiterin. "Oh können Sie bitte kommen, wir sitzen hier noch neben der Patientin von Dr. [...], die soll in den Aufwachraum, aber sie hat auf dem Monitor nur 82% Sauerstoffsättigung und hier ist kein Arzt." - "Vermutlich spinnt das Gerät. Klemmen Sie das Ding mal an den großen Zeh, unterhalb des Nagels. Haben Sie mal einen Puls gemessen?" - "130, auch gefühlt, das Herz rast." - "Rufen Sie mal nach einer Schwester, sie soll Sauerstoff dranhängen. Ich komme sofort. Kein Grund zur Panik, okay?"

Das aus ihrem Mund ... also war die Situation so ernst wie wir vermutet haben. Ich sagte: "Sie kommt mal eben vorbei." - Meine Finger zitterten. Wenn wir hier jetzt Scheiße gebaut hatten und das alles eine harmlose Erklärung hätte, könnten wir uns wohl warm anziehen. Wie stehen wir vor dem Ehemann und der Schwester? Und wenn nicht? Darüber wollte ich nicht nachdenken, schob den Gedanken zur Seite. Ich nahm mir das Stethoskop, das neben dem Monitor hing, legte die Membran auf die Pulsader an ihrem Handgelenk und zählte. Puls 130 könnte wirklich hinkommen. Achja, die Klammer sollte ja an den großen Zeh.

Kurz darauf ging die Tür auf. Unsere Anleiterin kam rein. Ja, die war flott unterwegs gewesen. Sie fragte ausgerechnet mich und nicht die Schwester, was hier los sei. Mir schwante schon Böses. Sollte ich jetzt selbst darauf kommen, indem ich das alles noch einmal wiederholte? Egal. Ich stotterte mir zurecht: "35-jährige Patientin nach radikaler Kolektomie 1995. Bekam einen Pouch." - "Totale Kolektomie mit Pouchanlage, ja. Weiter?" - "Ja, nach toxischem Megakolon." - "Spielt jetzt keine Rolle. Akut?" - "Akut ist Zustand nach Anlage eines Ileostomas zur Entlastung des Pouch, weil der sich ständig entzündet hatte." - "Chronische Pouchitis. Weiter?" - "Die OP war vor zwei Tagen, jetzt Klagen über massive Schmerzen, hat sich die ganze Nacht hin und her gewälzt, im Vierfüßlerstand geschlafen, sich übergeben, konnte..." - "Übergeben? Wie oft?" - "Zweimal, glaub ich." - "Geruch? Konsistenz?" - "Keine Ahnung."

Der Ehemann mischte sich ein: "Widerlich. Wie Kuhscheiße." - "Wie hat der Kollege jetzt befundet?" - "Stoma leicht geschwollen, Pouch ohne krankhaften Befund. Hatte Dr. [...] gespiegelt." - "Sono?" - "Keine Ahnung." - "Kein Sono eben?" - "Nein." - "Nicht gemacht oder nicht gesehen?" - "Nicht gemacht."

Sie fragte den Ehemann: "Hat man ein Ultraschall von dem Bauch Ihrer Frau gemacht in den letzten Stunden?" - "Nein."

Während sie fragte, untersuchte sie die Patientin von Kopf bis Fuß. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Gefühlt hier, gedrückt da, abgehört da, den Stomabeutel ab, kurz drunter geguckt, wieder draufgeklickt. Dann: "Was hat die Patientin für Medikamente bekommen zur Spiegelung?" - "Pethidin und Midazolam." - "Midazolam?" - "Ja." - "Sicher?" - "Ja! Er hat es gesagt und es war kein Propofol, denn es war keine milchige Flüssigkeit, die er gespritzt hat."

Die Schwester sagte: "Ja, Midazolam. Drei Mal 10 und am Ende nochmal 5, weil sie sehr unruhig war. Außerdem 50 Pethidin." - "Ziehen Sie mir mal bitte Flumazenil auf. Wir bereiten dem Spuk jetzt hier mal ein Ende." - "Liegt hier schon bereit." - "Sehr gut." - "Das kam von der jungen Dame dort", sagte sie und zeigte auf Marie. - "Noch besser", sagte unsere Anleiterin. Die Schwester bereitete das Ultraschallgerät vor, dann nahm unsere Anleiterin den Schallkopf in die Hand und innerhalb von 10 Sekunden hatte sie drei Bilder ausgedruckt. "Das muss jetzt mal zack-zack gehen, ich zeige Ihnen das ein anderes Mal", sagte sie zu uns. Einen Moment später war die Patientin hellwach. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Sie war panisch, versuchte, sich die Maske vom Gesicht zu nehmen.

"Ganz ruhig bleiben, die Untersuchung ist vorbei. Lassen Sie die Maske mal drauf, das ist nur Sauerstoff, damit Sie leichter Luft bekommen." - Sie drehte ihren Kopf, ihr Mann hielt ihr die eine Hand, mit der anderen Hand griff sie nach der Hand von Marie. Die Ärztin fuhr fort: "Frau [...], Sie haben vermutlich einen Ileus. Das ist ein Darmverschluss. Vermutlich durch die Schwellung im Zusammenhang mit der Operation. Ist Ihnen aktuell noch übel?"

Die Patientin wurde wieder panisch, fing an zu weinen. "Ich hatte das schonmal, muss ich nochmal operiert werden?" - "Im Moment nicht. Im Moment werden wir versuchen, das zu entlasten und dann ein paar Tage abwarten, ob die Schwellung zurückgeht. Ist Ihnen aktuell noch übel?" - "Ja, ich habe ganz heftigen Druck auf dem Magen und ich habe das Gefühl, ich muss jeden Moment spucken."

Zur Schwester sagte sie: "Holen Sie mal eine Spuckwanne. Eine große. Und eine große Spritze, am besten eine Blasenspritze oder sowas." - Und dann zu der Patientin: "Ich werde Ihnen gleich eine Nasensonde legen. Also einen kleinen Schlauch durch die Nase in den Magen, damit die Soße abfließen kann. Das wird einmal einen Moment lang richtig unangenehm, aber danach fühlen Sie sich wie neu geboren und alles ist vorbei. Das Problem ist, dass der Darm an einer Stelle zugeschwollen ist und wenn es in die eine Richtung nicht weitergeht, transportiert der Darm alles in die andere Richtung. Deswegen liegt der gesamte Nahrungsbrei jetzt bei Ihnen im Magen und will raus. Und deswegen geht es Ihnen so schlecht. Okay?"

Die Frau weinte: "Ich möchte aber keine Nasensonde."

Die Ärztin sagte: "Das geht nicht anders. Es geht Ihnen in fünf Minuten sehr viel besser, das verspreche ich Ihnen. Es gibt nur noch ein kleines Problem. Die Narkose eben haben Sie nicht gut vertragen. Wir haben Ihnen ein Gegenmittel gespritzt, das die Narkose aufhebt. Damit können wir Ihnen nicht noch eine neue Narkose geben. Die würde nicht wirken und andere Mittel, die wirken würden, kann ich Ihnen nicht ohne Anästhesist und nicht ohne Schlauch in die Lunge geben. Das wäre alles unverhältnismäßig und eine reine Quälerei. Deswegen würde ich Ihnen gerne die Sonde kurz ohne Narkose legen. Ich gebe mir ganz viel Mühe und es wird ganz schnell vorbei sein."

Die Schwester kam mit einer großen Plastikwanne für Instrumente wieder. Die Ärztin forderte mich auf, mich auf Befehl mit dem ganzen Körpergewicht auf die Füße der Patientin zu legen. Schwester und Ehemann sollten jeweils einen Arm festhalten. "Sie wird mit Händen und Füßen um sich schlagen und treten, Sie müssen richtig gut festhalten. Richtig gut. Okay?" - Die Patientin stimmte zu. Ich setzte mich mit dem Po auf das untere Ende des Untersuchungstisches, griff ihre Fußgelenke und stützte mich mit meinem gesamten Körpergewicht dagegen. Die Ärztin bereitete alles vor, dann ging es los. "Festhalten! Und schlucken, schlucken, schlucken, schlucken!"

Die Frau versuchte zu zappeln, aber alle hielten fest. Nach fünf Sekunden war alles vorbei. Die Ärztin zog eine eklig braune Flüssigkeit mit der Blasenspritze durch den Schlauch und plötzlich wurde der Druck so groß, dass der Kolben der Spritze rausploppte und sich die ganze Soße schwallartig in die Wanne ergoss. "Falls jemand kotzen muss, bitte direkt auf den Fußboden. Nicht über die Geräte und nicht hier erst noch rumlaufen und hinfallen. Einfach auf den Fußboden", sagte unsere Anleiterin. Ein bestialischer Gestank breitete sich aus. Die Schwester hielt sich einen Ärmel vor das Gesicht, ging zur Tür und betätigte die Lüftung. Nachdem der größte Teil der Brühe rausgelaufen war, zog die Ärztin den Rest des Mageninhalts mit der Spritze nach draußen. Nach drei bis vier Minuten war alles draußen, dann drückte die Ärztin der Schwester die Wanne in die Hand und sagte: "Bitte sofort vernichten."

Die einzige, die das alles toll fand, war die Patientin. Sie bekam wie auf Bestellung rosa Farbe ins Gesicht und wurde richtig fröhlich. Sie bekam die Sonde festgeklebt und wurde kurz danach auf ihre Station zurückverlegt. Unsere Anleiterin sagte anschließend zu uns: "Wer von Ihnen ist eigentlich auf die Idee mit dem Flumazenil gekommen?" - Ich deutete auf Marie. Die Ärztin sagte: "Woher wussten Sie das? Das können Sie eigentlich noch gar nicht wissen." - "Meine Mutter ist Ärztin und ich habe schon als ich 14 war immer bei ihr in der Praxis geholfen und Blutanalysen mitgemacht und so weiter. Alles, was mit Medizin zu tun hat, sauge ich auf wie ein Schwamm und das behalte ich auch. Ich habe meine Mutter mal gefragt, warum die Rettung von Michael Jackson so schwer war und am Ende gescheitert ist. Da hat sie mir von der geringen therapeutischen Breite von Propofol erzählt und dass es dagegen kein Antidot gibt, man also nur immer weiter beatmen kann, bis die Wirkung raus ist. Während man bei Midazolam einfach ein Gegenmittel geben kann, wenn da was falsch läuft."

"Und warum nimmt man Midazolam heute eigentlich nicht mehr, Jule?" - "Weil es so einen langen Überhang hat, es dauert Stunden, bis die Patienten aus der Kurznarkose wieder wach sind. Man braucht ein zusätzliches starkes Schmerzmittel, die Patienten dämmern vor sich hin - bei Propofol geht es wie mit einem Lichtschalter. Narkose an, und wenn man nicht nachdosiert ist kurz danach die Narkose vorbei." - "Und woher wissen Sie das? Das war doch noch gar nicht dran im Studium." - "Ich stand daneben, als Maries Mutter das erklärt hat." - "Okay. Marie, was muss man denn beachten, wenn man das Flumazenil gegeben hat? Stichwort: Wirkdauer?" - "Es wirkt kürzer als das Midazolam, deswegen muss sie später vermutlich noch was nachgespritzt bekommen." - "Sie wissen beide, dass Sie der Frau gerade sehr geholfen haben, ja?" - "Naja, ohne uns hätte das Gerät im Aufwachraum gepiept oder sie hätte dort alles vollgekotzt." - "Oder sie hätte auf dem Weg dorthin in Rückenlage erbrochen und die ganze Soße wäre in die Lunge gelaufen. Warum haben Sie mich eigentlich erst bei 82% gerufen?"

Ich antwortete, und ich weiß, dass mich der italienische Arzt dafür vermutlich immer hassen wird: "Das war der erste Wert, den das Gerät anzeigte, als ich es angeschlossen habe. Davor zeigte es nur Nullen an, weil der Clip neben dem Finger lag."

Das gibt vermutlich noch jede Menge Stress. Stressfrei verlief der Tag nach diesem ersten Schreck. Von dem Moment abgesehen, als wir noch einmal bei der Patientin am Zimmer klopften und fragten, wie es ihr inzwischen gehe. Die Frau schlief (endlich), aber der Ehemann sagte mit Tränen in den Augen: "Ich bin Ihnen beiden so dankbar. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn Sie das nicht übernommen hätten. Und der Ärztin bestellen Sie das bitte auch. Die war richtig top." - Und wieder denke ich: Ich hab doch eigentlich gar nix gemacht. Außer jemanden angerufen, weil mir ein Messwert komisch vorkam.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ihr Beiden seit die geborenen Ärzte, nochmals bis zum Überdruss: lässt Euch wegen Eurer Rollstühle nicht verrückt machen, es ist scheissegal, dass Ihr nicht laufen könnt. Der komische Italiener wird nie ein guter Arzt werden.
Ein Freund von mir famulierte viel in bella Italia, und erzählte mir, dass selbst auf den grossen Kliniken dort das Chaos herrsche, weil die Ärzte miteinander sich zu wenig absprechen. Ich lernte auch sehr fähige italienische Ärzte kennen, aber dieser hier gehörte eindeutig zur ersten Sorte.
Die Patientin hatte schlicht und einfach Miseré, wer das übersieht, der sollte sein Diplom zurückgeben
Nochmals Bravo, Bravo, Bravissimo
Vor allem die Nummer mit dem Anexate, Hut ab.


Andreas

rike hat gesagt…

Heilige Scheiße, was für ein Arzt...
Ihr habt großartig reagiert, ein Hoch auf Maries Mutter!

ruolbu hat gesagt…

Das Eklige, weswegen du vor dem gleichzeitigen Essen und Lesen gewarnt hast, kann ich gut verkraften. Aber das Gefühl, dass wegen (wie es sich für mich darstellt) Fahrlässigkeit die Frau in so eine Situation gebracht wurde, hat mir beinahe Übelkeit beschert.
gruselig

Niklas hat gesagt…

Nichts gemacht?!

Ich weiß nicht, ob ich mich das getraut hätte.. so beherzt einzugreifen, selbst wenn ich Medizinstudent wäre.

Der komische Arzt ist ein Vollhonk. Es war richtig, ihn zu "verraten". Das mit dem Clip war schließlich kein Verrat, sondern ein unerhörter, unprofessioneller und potentiell lebensgefährlicher Vorgang.

Anonym hat gesagt…

Normalerweise kommentiere ich nicht, aber heute juckt es mir in den Fingern. Ich bin selbst Arzt und ich kann nicht begreifen, was der Kollege da veranstaltet hat. Dass der Clip abfällt oder die Patientin den beim Rumrödeln abstreift, alles schon da gewesen. Dass der Alarm aus ist, weil das tierisch nervt wenn man sich konzentrieren muss und dann plärrt da was los und man erschrickt sich und verreist das Endoskop, alles kein Problem. Aber wenn ich schon keinen Narkosearzt dabei habe und das alles selbst mache, dann muss ich doch zumindest hin und wieder mal einen Blick auf das Ding werfen oder der Schwester sagen, sie soll es einmal pro Minute tun und mich warnen, wenn da was blinkt. Und dann noch solche Sprüche raushauen, solche Kollegen hasse ich und leider gibt es davon viel zu viele.

Ihr habt alles richtig gemacht. Mit einer Sauerstoff-Gesichtsmaske kann man erstmal nicht viel verkehrt machen und dann sofort Hilfe holen. Und eure Anleiterin ist nicht ohne Grund Professorin, von der könnt ihr richtig was lernen. Das erkennt man sofort.

Edelnickel hat gesagt…

Super gehandelt, kühlen Kopf bewahrt und nachgefragt. Genau so sollte das doch auch laufen. Ihr hättet das auch falsch machen, einfach abnicken und euch das schönreden können mit dem Messwert, aber das habt ihr nicht getan. Und ein guter Arzt (in Ausbildung) springt auch mal über seinen Schatten und fragt nach.

Der italienische Arzt wollte einfach schnell nach Hause und hat sich keine Mühe gegeben. Schade, dass er scheinbar so abgestumpft ist. Vielleicht sollte er mal was anderes machen...

Niklas hat gesagt…

Also, WEGEN der Sache mit dem Clip war das kein Verrat meinte ich natürlich. :)

Schnuffelsocke(n) hat gesagt…

Ich finde ihr habt beide wahnsinnig toll und vor allem auch richtig gehandelt!
Mir wird schlecht, wenn ich von derartigen Ärzten lese. Auch wenn ich keine Ahnung von Medizin etc. habe kam mir das alles schon alleine vom Lesen her sehr, sehr seltsam vor.
Gut, dass ihr gehandelt habt!

ednong hat gesagt…

Wow.

Ich hoffe, eure Anleiterin wird sich euch richtig zu Herzen nehmen und euch noch ne Menge beibringen bzw. beibringen können, wenn es da noch etwas gibt, was ihr nicht wißt ;)

Dass Ärzte keine Götter sind, weiß ich. Aber so etwas -- haut mich jedesmal irgendwie um.

Vio hat gesagt…

Da kann man sich wirklich nur wünschen niemals an so einen Arzt zu gelangen... Ich hoffe sehr, dass so eine schlampige Behandlung Konsequenzen für den Arzt hat. Da scheinen doch einige vorsätzliche Fehler gemacht worden zu sein. Ich finde es wichtig, dass auch Ärzten Fehler zugestanden werden, aber so wie du es beschreibst wirkt es ja als hätte er um schnell in den Feierabend zu kommen billigend in Kauf genommen eine Fehldiagnose zu stellen und dies sogar mit Vorsatz getan.

Schlimm genug, dass ihr euch noch Gedanken darüber machen müsst, ob ihr auf Fehler aufmerksam machen sollt/dürft. Gerade so eine Halbgott-in-Weiß-Respekts-Atmo sorgt doch dafür das Fehler verheimlicht werden.

Noxi hat gesagt…

Ich kommentiere normalerweise auch nicht und bin auch Ärztin.

Ganz großes Lob an euch. Ihr habt absolut richtig reagiert und die Patientin vor Schlimmerem bewahrt. Eure Professorin hat da nicht übertrieben, das hätte wirklich schnell noch brenzliger werden können.

Der italienische Kollege ist leider ein Schwachkopf erste Güte. Schrecklich, dass der den Beruf ausüben darf. Ich hoffe, dass er (verdient!!) richtig Ärger bekommen wird.

Eine Frage hätte ich aber noch: ihr werdet ja in Zukunft auch Praktika im OP haben . Wie wird das denn mit den Rollstühlen gehandhabt? Das kann - je nach OP - ziemlich eng werden. Davon abgesehen ist so ein Rollstuhl ja nicht sauber und darf doch nicht eingeschleust werden. Das würde mich wirklich interessierten!

Bernd hat gesagt…

Hallo Jule

Ihr habt der Frau geholfen, indem Euch nicht alles egal war wie dem anderen Arzt und indem Ihr Eure Anleiterin geholt habt, als Euch etwas komisch vorkam.

Deshalb macht Euch doch nicht immer selbst schlechter als ihr seid.

Ich bin mir sicher, Du und Marie werdet mal sehr gute und vor allem verantwortungsvolle Ärzte.

Anonym hat gesagt…

Tschuldigung, wenn ich mal so doof frage, aber stimmt das wirklich, dass der Darm die Kacke in den Magen wieder hochschiebt, wenn unten zugeschwollen ist? Dann müsste das bei Verstopfung doch auch passieren oder?

Und woher wisst ihr, welcher Prozentwert richtig ist? Wenn mir einer sagen würde, 7% wäre richtig, würde ich das genauso glauben wie 97%. Welcher Wert muss es denn eurer Meinung nach sein?

Und dritte Frage: Bekommt ihr keinen Ärger, wenn ihr da einfach in die Behandlung eingreift? Also Sauerstoff geben ist ja schon eine Behandlung oder das anordnen ... stellt das nicht streng genommen eine Körperverletzung dar?

Bei dir kommt es mir manchmal so vor wie bei TKKG. Da heiligte auch immer der Zweck die Mittel und Tarzan hat so getan, als wenn Mädchen nur den Schongang vertragen und als wenn man auf Gangster immer draufkloppen darf.

Die drei ??? hat gesagt…

@23:34

a) Hab ich auch noch nie gehört, aber sowas denkt sich doch niemand aus, zumal hier ja nun auch einige Fachkräfte mitlesen.

b) Weil die beiden das Fach studieren. Dann weiß man, welche Werte normal sind. Außerdem blinkte das aufgeregt.

c) Man kann wählen zwischen Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung. Die beiden haben sich für die geringsmögliche Körperverletzung entschieden und ihr Sauerstoff ins Gesicht geblasen.

d) Wer liest denn TKKG?

Anonym hat gesagt…

Kein Zweifel, dieser Arzt ist ein Vollidiot. Aber warum ist es für die Geschichte wichtig dass er aus Italien kommt??

Mart hat gesagt…

Das nennt man Miserere. Und klar gibt es das.

Wolfy hat gesagt…

@23:34:

Ganz einfach.
Das Ding misst, wie viele rote Blutkörperchen mit Sauerstoff beladen sind. Im Idealen Fall hat JEDES Blutkörperchen im arteriellen Bereich Sauerstoff. Dann hat man eine Sauerstoff-Sättigung von 100%.
Der Sauerstoff wird in der Lunge rauf und an den Organen wieder abgeladen - lebenswichtig, damit die Organe leben.

Alles was UNTER 100% liegt, ist also entsprechend zu bewerten:
Das Blut kann nicht genug Sauerstoff aufnehmen. Patient bekommt nicht genug Luft, etc. pp.

Nun muss man nur noch wissen, was die Toleranz- und kritischen Werte sind. Und das muss man pauken.

Scheinbar gilt bis 90% als nicht besorgniserregend. Ab 85% wird es aber kritisch.
Eigentlich muss man sich also nur merken: <85% - sofort handeln.

Was die dritte Anfrage anbelangt:
Mit Sauerstoff kann man als Dareichung via Maske nicht viel falsch machen. Wenn alle Blutkörperchen beladen sind, dann wird kein weiterer Sauerstoff aufgenommen. Fertig aus.
Es gibt zwar bestimmte Erkrankungen (ALS, COPD), die gegen eine Sauerstoffgabe sprechen - aber davon konnte man hier nicht ausgehen.

Insgesamt kann man aber sagen:
Die Patienten war in einer lebensbedrohlichen Situation. Die Beiden haben in erster Hilfe nach besten Wissen und Gewissen gehandelt.
Wichtiger noch: sie haben nicht selbst Hand angelegt, sondern die Schwester machen lassen, die im Zweifelsfall über das KH abgesichert ist - anders als die beiden Mädels.
Das einzige, was wirklich gefährlich hätte werden können, war die besagte Atemmaske. Da aber sofort auch in Arzt gerufen wurde, sollte das nicht so tragisch sein.
Hätten die Beiden versucht das Mittel zu spritzen, sehe das wieder anders aus.
Hier haben sie es aber einfach bereit legen lassen. Wäre es falsch gewesen, hätte man es einfach entsorgt - so hatte man aber schnellen Zugriff drauf. Das ist tatsächlich ein normales Prozedere. Nicht nur bei Notfällen. ;)

Das Anlegen des Pulsoxy dagegen nicht. Das Gerät war an, de Clip lag neben der Hand. Schaden anrichten kann man damit nicht (das leuchtet ja nur durch den Finger und misst da was).
Hier hätte wahrscheinlich jeder das Pulsoxy wieder angelegt, wenn er sieht, dass das offensichtlich an den Finger gehört (auch als Angehöriger mit null Ahnung von Medizin).

Und was "Der Zweck heiligt die Mittel" anbelangt:
Jule studiert Medizin und lernt damit gerade genauso zu handeln wie die Professorin. Gewisse Sachen werden da von Anfang an eingepläut. Sauerstoff und dessen Zusammenhänge gehören da genauso dazu wie nen Druckverband anzulegen.
Was die beiden zeigten war eher Zivilcourage als unverantwortlich.

Anonym hat gesagt…

Als Medizinstudent sollte man die wichtigsten Parameter schon kennen. Wobei die Beiden noch sehr früh im Studium dran sind. Ein gesunder Mensch sollte 99% Sauerstoffsättigung haben, 82% sind eine Katastrophe. Da war wirklich höchste Eisenbahn einzuschreiten.
O2 ist natürlich wie ein Arzneimittel zu betrachten, jedoch ist in Mehrzahl der Fälle, wenn nicht abusiv verwendet, unkritisch in der Anwendung. Auch Krankenschwestern und Sanitäter dürfen es zumindest kurzfristig aplizieren.
Das Flumazenil haben sie ja nur herrichten lassen, aber mit dem spritzen gewartet bis die Professorin kommt. Völlig korrekt.

Zum Einwand der Kollegin betreffend OP und Rollstühle:
Man könnte hauseigene AOK Chopper durch die Bettenwaschstrasse laufen lassen und im Umkleideraum die Beiden umsetzen lassen.
Viel werden die Beiden nicht zu sehen bekommen, da der OP Tisch in der Regel für stehende Chirurgen eingerichtet ist. Höchstens Handchirurgie wird im sitzen gemacht.
Es steht meines Wissens nirgends geschrieben wie viele Stunden im OP, auf der Ambulanz und auf der Bettenstation verbracht werden muss.
Am besten sind die Beiden auf der chirurgischen Ambulanz aufgehoben, dort lernen sie akutes Abdomen zu diagnostizieren, Verbandwechsel, Behandlung chronischer Wunden, etc.
Auf der Unfall Wunden nähen, Röntgenbilder interpretieren, etc.
Man lernt die Chirurgie und die Traumtologie für den "Hausgebrauch" nicht unbedingt beim "Hackerl halten" im OP.
Die Beiden werden ohnehin nie ein chirurgisches Fach machen. Ich finde das auch für nicht weiter tragisch, da sich die Beiden insbesondere Marie in internistischen Fächern sowieso viel besser einbringen können, es gibt auch genug Fussgänger, die sich nicht für die Chirurgie eignen.

In diesem Sinne wünsche ich Dir Marie und Jule noch schöne und spannende Tage in der Klinik

Andreas

Rosa hat gesagt…

Was ihr gemacht habt, war zu widersprechen, obwohl das nicht der Hierarchie entspricht. Passend dazu: Hierarchie führt zu Fehlern, Abbau von Hierarchie kann Leben retten:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/interview-wie-die-luftfahrt-aus-ihren-fehlern-lernt-a-930916.html

Anonym hat gesagt…

@23:34 und 00:21
zu a) ja, das ist richtig. Bei einer richtigen Verstopfung kann man das Erbrechen, was eigentlich unten raus soll. Deswegen ist bei erbrochenem Stuhl höchste Alarmstufe und KKH angesagt.

@Jule und Marie: Ihr habt Mut bewiesen und richtig gehandelt. Ob andere diese Courage aufbringen, sei nochmal dahingestellt.

Noxi hat gesagt…

@23:34

a) ja, es stimmt tatsächlich, dass bei einem Darmverschluss - wenn nicht rechtzeitig bemerkt und therapiert - sich der Darminhalt zurückstaut. Bei schweren Fällen kann es dabei zu Stuhlerbrechen kommen. Bei einer Verstopfung kommt es aber nicht dazu.

b) genau, man studiert als Mediziner ja nicht umsonst. Bestimmte Grenzwerte im Kopf zu haben ist selbstverständlich und auch wichtig.

c) Sauerstoff zu geben ist keine Körperverletzung. Dazu zählen nur invasive Maßnahmen (z.B. auch Nadel legen oder Blut abnehmen oder die Magensonde, die der Patientin gelegt wurde). Im Normalfall muss der Patient einer invasiven Maßnahme mündlich oder schriftlich zustimmen. In einem Notfall (was dieser Vorfall ja war) und bei evtl. nicht ansprechbarem Patienten wird das Möglichste gemacht um den Patienten zu retten (außer er hat eine bekannte Patientenverfügung, die das verbietet).

Anonym hat gesagt…

@23:34:
meinst du mit prozentwert die sauerstoffsaettigung, die mit dem clip (u.a.) gemessen wird? dann sind 100% optimal und bis 90% ist so etwa alles ok.
und ja, das kann auch bei einer verstopfung passieren, aber nur im schlimmsten fall, normalerweise wuerde die vorher behandelt werden ;)

(ich bin auch erst vorklinik-studentin, als man korrigiere meine fehler ;))

Xin hat gesagt…

Schön, wenn man den Mut haben, das Richtige zu machen, obwohl man Ärger bekommen könnte.

*daumen hoch*
Auch dann, wenn ihr euch getäuscht hättet.

Jakob hat gesagt…

Damit habt ihr die Frage " Warum wollen Sie eigentlich Arzt werden, wenn Sie im Rollstuhl sitzen?" souveränstmöglich beantwortet. Hut ab!

BigDigger hat gesagt…

@Anonym (23:34):
Sagen wir so: Wer schon mal einen Eltern- oder Großelternteil in der Notaufnahme besucht hat, hat gute Chancen, zumindest mitzubekommen, dass 82% Sauerstoffsättigung zu wenig sind.

Im April hatte ich dieses "Vergnügen" bei meiner Großmutter. Da sank der Wert immer wieder auf 85 bis 82% ab, und entsprechend gab's kurz Alarm. Dann hat sie wieder besser auf ihre Atmung geachtet, und der Wert sprang über die 90 (und der Alarm hörte auf).

Was diesen italienischen Arzt angeht: Meiner Meinung nach sollte der noch nicht mal Kühe schlachten, mit dieser Berufsauffassung.

Abgesehen davon: Fragt sich überhaupt noch irgendjemand, warum in Deutschland 30.000 Menschen jedes Jahr an Krankenhauskeimen sterben? Die Toten nach Behandlungsfehlern sind zwar nicht zu beziffern (weil es schwer ist, einen natürlichen Tod von einem Behandlungsfehler zu unterscheiden, wie dieser Fall hier zeigt; oder andersherum, weil es leicht ist, einen Behandlungsfehler als natürliches Ableben aussehen zu lassen), aber man kann durchaus sagen, dass der durchschnittliche Krankenhausbedienstete mehr Menschenleben auf dem Gewissen hat als ein durchschnittlicher Al-Kaida-Kämpfer...

Auch das ist leider eine Wahrheit des deutschen Gesundheitswesens.

jali hat gesagt…

@23:34:

a) Ja. https://de.wikipedia.org/wiki/Darmverschluss#Symptome
Das scheint mir eine ziemlich widerliche Angelegenheit zu sein.

b) http://lmgtfy.com/?q=Sauerstoffs%C3%A4ttigung
Ich vermute solche grundlegenden Dinge bekommen Jule und Marie gleich am Anfang beigebracht, noch lange bevor man sie bei einer Untersuchung dabei sein lässt.

c) Klares nein. Zum einen liegt bei der Gabe von ein bisschen Sauerstoff ja kein Eingriff in die Gesundheit der Patientin vor. Zwar ist ein Übermaß an Sauerstoff auch giftig, aber jemanden, der es eigentlich nicht braucht, für ein paar Minuten unter eine Maske zu legen schadet niemandem.
Dazu kommt, dass es sich um eine Hilfeleistung handelt. Wer Hilfe leistet macht sich auch dann nicht strafbar, wenn er dabei einen Fehler macht. Bei zwei Medizinstudentinnen dürfte die Messlatte etwas höher liegen als bei uns Normalos, aber niedriger als bei einem Arzt. Nun ist das Beatmen einer Patientin, die nicht mehr ausreichend selber atmen kann objektiv richtig. Aus den Willenserklärungen der Frau und ihres Mannes ist darüber hinaus eindeutig zu entnehmen, dass kein Widerspruch gegen die Behandlung besteht. Es liegt also mindestens eine mutmaßliche Einwilligung der Patientin vor. Damit kann der Straftatbestand der Körperverletzung gar nicht erfüllt sein. Und fahrlässig gehandelt haben die beiden auch nicht. Im Gegenteil, sie haben sofort die Ärztin geholt.

Anne hat gesagt…

Falls ich je ins Krankenhaus muss, hoffe ich, dort Leuten wie euch beiden und der Ärztin zu begegnen. Ihr scheint ja echt super reagiert zu haben!
Ihr beide werdet bestimmt mal ganz grossartige Ärztinnen! Und wenn euch andere für eure Kompetenz hassen würde ich das eher als Lob sehen. ;)

Jule hat gesagt…

@BigDigger:

"man kann durchaus sagen, dass der durchschnittliche Krankenhausbedienstete mehr Menschenleben auf dem Gewissen hat als ein durchschnittlicher Al-Kaida-Kämpfer..."

Lieber BigDigger, den Vergleich finde ich nun wirklich unpassend. Ich stimme dir zwar soweit zu, dass Fehler beim Krankenhauspersonal direkt Einfluss auf die Gesundheit oder sogar das Leben eines Menschens nehmen können. Ich gehe auch den Weg mit, dass Personal, das sich dieser Verantwortung nicht bewusst ist, besser den Hof fegen sollte.

Wogegen ich aber deutlich widersprechen möchte, ist die Annahme, als Krankenhausmitarbeiter hätte man Menschenleben auf dem Gewissen. Wenn ich mich nach besten Kräften bemühe, einem Menschen zu helfen, und er trotzdem stirbt, dann ist das eine Entscheidung, die nicht ich getroffen habe.

Ein Mensch, der nicht ins Krankenhaus geht, stirbt an einer Krankheit. Ein Mensch, der ins Krankenhaus geht, stirbt vielleicht nicht an einer Krankheit, weil das Krankenhaus im helfen kann. Wenn ich später mit dem Gedanken leben müsste, dass ich für den Tod eines Menschens verantwortlich sein soll, weil ich ihm nicht mehr oder nicht ausreichend helfen konnte, und wiederum für den Tod eines Menschens verantwortlich sein soll, weil ich ihm nach Berechnung der Prognose gar nicht erst geholfen habe, definiert sich meine Schuld doch lediglich danach, ob dieser Mensch sich entscheidet, zu mir oder zu einer anderen Person in Behandlung zu gehen.

So einfach, und dann noch mit so einer Aussage, mache ich es dir hier nicht. Pardon.

Kümmelspalter hat gesagt…

Moin!

Mir ist beim Lesen einiges durch den Kopf gegangen.

1) Zuerst mal möchte ich Jule und Marie einen großen Applaus spenden und ein Lob aussprechen. Wirklich ganz großes Tennis! Da hätte wirklich einiges passieren können!

Ich habe so etwas mal im Pflegepraktikum erlebt: Ein Pat. kommt aus dem Altersheim und wird stationär aufgenommen. Er kann sich kaum noch bewegen und nur auf dem Rücken liegen. Als ich am nächsten Morgen kam und dieser Pat. nicht mehr da war, habe ich nachgefragt, ob er verlegt wurde oder so. Antwort: Nee, der ist heute Nacht verstorben. Lag auf dem Rücken und hat sich erbrochen. Anschließend hat er die ganze Soße aspiriert und ist erstickt.

2) Propofol ist zur Sedierung bei chir. bzw. diagn. Eingriffen wirklich nicht schlecht. Außerdem ist es das einzige Narkoseeinleitungsanästhetikum, das man bei Eingriffen als Repetitionsdosis verabreichen kann. Es hat eine Eliminationshalbwertszeit von ca. 0,9 h. Würde man z.B. Thiopental oder Midazolam kontinuierlich verabreichen, würde es unter Umständen Tage dauern, bis die Pat. wieder aufwachen.

3) Was für ein Dünnbrettbohrer, dieser Italiener! Jule, dein Idiotenmagnet hat ja mal wieder hervorragend funktioniert. Dass du das Ding auch überall mit hinschleifen musst! ^^

4) Wie laufen eure praktischen Einsätze ab? Ihr habt eure Anleiterin, klar. Aber seid ihr immer im gleichen Bereich der Klinik oder schickt man euch jeweils auf eine neue Abteilung? Also z.B. heute Gastroenterologie, morgen Kardiologie etc.?

Euch beiden weiterhin viel Spaß und viel Erfolg!

Viele liebe Grüße vom
Kümmelspalter :)

Xin hat gesagt…

@BigDigger:

Auf jeden tödlichen Behandlungsfehler kommen 1000 oder 10000 Patienten, die einfach so wieder nach Hause gehen und das als normale Dienstleistung empfunden haben, dass jemand in ihrem Körper rumgeschnibbelt hat oder einen Mix an Chemikalien auf den Körper losgelassen hat.

Ich denke auch, dass der Arzt vor Behandlungsfehlern geschützt sein muss. Wir erlauben den Krankenhäusern Ärzten teils mehrtägige Schichten aufzudrücken und verlangen gleichzeitig perfekte Arbeit. Menschen machen Fehler - müde Menschen erst recht.

Wenn die Ärzte nun aus Angst vor Behandlungsfehlern nicht mehr arbeiten, stirbt ein Patient weniger aufgrund eines nicht durchgeführten Behandlungsfehlers und 1001 aufgrund der nicht durchgeführten Behandlung. Das wäre dann halt auch suboptimal.

Der Punkt ist, dass man selbst große Angst hat, am Ende der Behandlungsfehler zu sein. Und die Angst ist genauso berechtigt, wie die Angst vor'm Fliegen. Sich beim Fensterputzen aus dem Fenster zu lehnen oder hinters Steuer zu setzen, da hat keiner Angst vor, da hat man die Situation ja selbst unter Kontrolle... und da passieren auch Fehler...

Mein Arzt nennt meine Behandlung - Zitat: - "Freestyle". Weil bei mir eigentlich keiner weiß, was bei richtig oder falsch ist. Wir probieren halt rum und ich lebe noch. Soweit sogut. Eventuell machen wir dabei was falsch. Sowas kann passieren, sofern ich vorher nicht beim Fensterputzen aus dem Fenster falle...

Blogolade hat gesagt…

Super gemacht ihr zwei!

Anonym hat gesagt…

Ihr seid großartig. :)

Anonym hat gesagt…

Ich weiß, die Geschichte ist nicht witzig, aber ich musste an der Stelle: "Die einzige, die das alles toll fand, war die Patientin." doch ein bisschen grinsen.

Aber so gesehen ist das doch eigentlich die Hauptsache, dass es einer/m Patienten/in nach der Behandlung besser geht, oder? :-)

Habt Ihr gut gemacht!


meg hat gesagt…

Oh Mann! Das riecht nach Ärger mit Mr. Italo! Aber Hut ab, dass ihr euch nicht habt einschüchtern lassen und euren Kopf eingeschaltet habt. Super!

Polly Oliver hat gesagt…

Ich unke jetzt einfach mal und sage, es wird leider nicht das letzte Mal sein. Du wirst höchstwahrscheinlich, auch wenn ich es dir nicht wünsche, noch ein paar Mal mehr daneben stehen und dir denken wtf, warum wird das so gemacht, warum nicht so und es wird auch nicht immer unbedingt positiv ausgehen, so schei*e es ist.
Es ist zwar nicht schön, aber leider die Realität. Ich glaube, Maries Mutter könnte euch da auch ein paar Geschichten erzählen...
Ich finds auf jeden Fall gut, dass der Italiener aufgeflogen ist! Denn mal ab davon, was der da mit der Patientin veranstaltet hat, euch vorm Patienten zu sagen, ihr sollt euch in die Ecke stellen und die Klappe halten find ich hart. Von den Sprüchen am Anfang mal abgesehen. Da kann man echt nur mit dem Kopf schütteln...

Liebe Grüße, Polly

ruolbu hat gesagt…

Was ich gerade ziemlich interessant finde, ist eine Kleinigkeit, die mit dem Kommentar von 01:09 zusammen hängt.
Der erste Kommentar von Andreas liefert ein interessantes Stückchen Kontext. Darüber hinaus ging ich davon aus, dass die Anmerkung "der Arzt sein Italiener" kam, weil er sich das "Avete capito?" in einer herablassenden Art erlaubt hat, die bezeichnend für sein gesamtes Auftreten gegenüber Jule und Marie war. Wie sie ja schrieb, lag es ihr am Herzen, möglichst viele Details in die Erzählung zu bringen, um einen Eindruck zu vermitteln, der nahe an ihre damalige Empfindung heran kommt.

Mir geht es nicht darum, jemanden aus den Kommentaren oder Jule selbst zu korrigieren/kritisieren. Ich finde nicht, dass etwas falsch gemacht wurde oder sich bisher jemand etwas zu Schulden hätte kommen lassen. Nichts, was nicht banal und alltäglich wäre (wobei ich da anhängen muss, dass unser Alltag ein paar wiederliche Dinge bereit hält die leider oft banalisiert werden, aber das ist imho etwas anderes).

Der Arzt übernimmt in dieser Geschichte die Rolle des Bösewichten. Ob Jule das so beabsichtig hat oder nicht ist tatsächlich ziemlich irrelevant, wenn man sich die Kommentare anguckt. Die Leute sind abgestoßen von ihm und seiner Art und wollen sich (ich würde sagen, verständlicher Weise) von ihm abgrenzen. Zum einen, um ihn als schlecht zu entblößen, aber ein bisschen schwingt dabei immer mit, das eigene Ich positiv zu betonen. Man kann sich damit ein kleines bisschen wohler fühlen, dass man es selbst ja richtig macht und nicht so ist wie die andere Person da, dies es schließlich falsch macht. Dabei kann es leicht zu Übergeneralisierung kommen, denn hey, so wenig wie ich von dieser schlechten Person weiß, muss ich nehmen, was ich kriegen kann. Alles was also nicht meinem Selbst, meinen Normen und meinem Wertesystem entspricht, kann also der Abgrenzung dienen. (Dabei ist die Abgrenzung von den offensichtlich schlechten Eigenschaften gemeint.)

Und nun weiß ich einmal zufälliger Weise, dass der Arzt Italiener ist. Ich bin kein Italiener. Ich kenne auch keine und treffe nie welche. Italiener sind eigentlich ziemlich irrelevant in meinem Leben. Es hat nichts mit den negativen Eigenschaften zu tun, aber da ich einen großen Mangel an Informationen zum Arzt habe (außer, dass er unhöflich ist) nehme ich mir diese Eigenschaft von ihm und beschreibe ihn damit. Voila, ich hab ihn von mir und somit mich von ihm abgegrenzt. Eigentlich ganz einfach, eigentlich sogar harmlos soweit.

Nur leider können durch solche beiläufig fallen gelassenen Bemerkungen mit der Zeit Fronten entstehen. Und darum finde ich die Frage "Aber warum ist es für die Geschichte wichtig, dass der Arzt aus Italien kommt?" ganz relevant. Sie ist aber nicht an Jule gerichtet, und auch nicht an die Kommentarschreiber_innen, die es als adjektiv verwendet haben. Sondern an alle.
Und wie schon erwähnt, Andreas hat ja ein bisschen Kontext geliefert, vielleicht gibt es da ja eine Korrelation, das wäre doch mal ganz interessant.

Anonym hat gesagt…

Was ich überhaupt nicht verstehe, die Schwester war doch schon älter und hat sowas bestimmt schon oft miterlebt. Warum ist die nicht auf die Idee gekommen, mal den klip ran zu machen oder schnell eine. Arzt zu holen bei dem Wert und dann Sauerstoff zu geben?

Anonym hat gesagt…

Toll gemacht, wirklich gut. :)


Kann mich bezüglich dem "Italiener" aber nur einem Vorposter anschließen, weiß nicht, wieso das so betont werden musste.
Es liegt auch relativ nahe, dass er gar nicht Italiener ist, sondern Deutscher.

Anonym hat gesagt…

Super gemacht, ihr zwei!
Lasst euch von diesem miesepetrigen Arzt ja nicht euren Begeisterung verderben. Ihr habt der Frau mehr geholfen als er während seiner schludrigen Untersuchung. Und warum? Weil ihr euch kümmert. GANZ große Klasse!

Chrissy hat gesagt…

Respekt, ihr zwei :-) Da kriegt man ja richtige Zustände, wenn man sieht, wie manche "Ärzte" mit Patienten umgehen. Ihr habt super gehandelt! Macht weiter so!

P. hat gesagt…

Danke. Ich bin grad einfach nur glücklich, dass es irgendwann in naher Zukunft zwei Ärztinnen mehr geben wird, die mitdenken und handeln .. auch wenn sie damit einen quasi Vorgesetzten verärgern könnten.
In dem Fall dankt es euch die Patientin .. und ich bin mir sicher, wenn ihr so weiter macht, werden da noch ganz ganz viele weitere dankbare Menschen hinzukommen.

Den anderen Arzt könnte ich treten, mittig dahin wo es wirklich weh tut. Selbst nach einer langen Schicht .. sowas ist absolut unverantwortlich und ich hoffe, er muss dafür noch die Konseuquenzen tragen.
Ja, ich habe Verständnis für Fehler, die aufgrund von Müdigkeit passieren. Aber nicht für Fehler, die aufgrund von Kein Boch passieren. Da platzt mir echt die Hutschnur.

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,
mir sind zwei Dinge aufgefallen, die mich ein wenig verwundert haben. Die beziehen sich nicht auf den Arzt, sondern mehr auf die Krankenschwester.
Es ist seltsam, dass der Krankenschwester die Nulllinie auf dem Monitor nicht aufgefallen ist, sondern erst euch, ich dachte eigentlich achten die Krankenschwestern da auch mit drauf. Bei dem Zustand der Patienten, den Du beschrieben hattest, ist die Kontrolle der Werte doch wichtig, zumindest sagt mir das mein Bauchgefühl. Es wirkt dort schon sehr Merkwürdig, dass sie es annimmt, dass der Clip abgefallen ist. Der andere Punkt, kann auch einfach durch meine Unwissenheit entstanden sein, aber ich fand es seltsam, dass die Krankenschwester auf Marie´s Anweisung hin eine Spritze aufgezogen hat. Okay, es kann sein, dass die Krankenschwester wusste, dass von der Ärztin gleich auch diese Anweisung kommt oder die eigene Erfahrung ihr das sagte. Es war der zweite Tag in dem Einführungspraktikum, daher ging ich davon aus, dass Anweisungen für Medikamente, auch wenn sie nicht verabreicht werden nicht durch Studenten erfolgen.
Eure Professorin hat sicherlich noch ein ernstes Gespräch mit dem Arzt geführt haben.
Er mag fachlich kompetent sein, aber auch er musste im Studium diese Praktika absolvieren und weiß daher, was die für Euer Studium bedeuten. Wenn es ihn stört, dass ihn öfters mal Studenten begleiten, dass ist er in einem Lehrkrankenhaus fehl am Platz. Wobei hier dann noch die Aussage „er hätte seit einer Stunde Feierabend“ eigentlich den Dienst in einem Krankenhaus ganz ausschließt. Da wäre er doch besser in einer Arztpraxis ausgehoben, in der er durch feste Öffnungszeiten auch seinen nahezu pünktlichen Feierabend bekommt.
Ihr beide habt dort wirklich was Gutes bewirkt, durch Eure kleinen Taten.

Liebe Grüße
Dennis

ThorstenV hat gesagt…

@Xin sind die 1000 bis 10000 freihändig geschätzt oder basiert das auf empirisch ermittelten Werten?

"Der Punkt ist, dass man selbst große Angst hat, am Ende der Behandlungsfehler zu sein. Und die Angst ist genauso berechtigt, wie die Angst vor'm Fliegen. Sich beim Fensterputzen aus dem Fenster zu lehnen oder hinters Steuer zu setzen, da hat keiner Angst vor, da hat man die Situation ja selbst unter Kontrolle... und da passieren auch Fehler..."

Ist eigentlich niemandem das hier aufgefallen

"Als der Dickdarm entfernt wurde, hat man auch viel zu lange rumgeträumt und dann war plötzlich das Theater groß. Ich verstehe nicht, warum man sie nicht schon gestern abend untersucht hat."

Das ist offensichtlich nicht das erste Mal, dass diese Patientin weil man ihre Symptome ignorierte knapp an der Katastrophe vorbeischrammt. Wenn ein solcher Fall nur einmal in 1000 oder 10000 Fällen vorkommt, müsste das bei zweimal ein Fall von 1 in einer Million sein.

Die Frau ist durch ihre Krankheit gezwungen sich immer wieder Ärzten auszuliefern, die sich weder um ihre Schmerzen noch die Lebensgefahr groß scheren. Die hat verdammt gute rationale Gründe sich zu fürchten. Das ganze führt zudem in einen Teufelskreis, weil viele Ärzte, wenn sie einer immer furchtsamen Patientin begegnen geneigt sein werden, Symptome auf die "Empfindlichkeit" der Patientin zu schieben. Wie Jule mehr als deutlich macht (Bild, das keiner sehen soll? Untersuchung an einem per Endoskop zum größten Teil ununtersuchbaren Dünndarmabschnitt? großzügige Verabreihung von Ruhigstellern), war eine gründliche objektive Untersuchung von vornherein wohl nie beabsichtigt, sondern ein wenig technischen Zauber zu veranstalten, damit die hysterische Patientin Ruhe gibt.

Jule und Marie gebührt nicht nur Dank, die Patientin gerettet zu haben, sondern auch, diesen "1 in einer Million"-Fall dokumentiert zu haben.

Anonym hat gesagt…

Wenn es je Probleme mit diesem Arzt geben sollte, dann schnauf einmal tief durch und denk dran, dass du das Richtige gemacht hast. :-)

Habt ihr gut gemacht!

Jule hat gesagt…

Leute, übertreibt es nicht. Der Arzt hat in Italien studiert und dort seinen Doktor gemacht, wie er selbst erwähnt hat. Ohne diese Information hätte sein "Avete capito" in einem völlig anderen Licht gestanden. Ich weiß nicht, was daran so schlimm ist, dass er aus Italien kommt und ich das erwähne. Ich würde ja auch erwähnen, wenn er Rollstuhlfahrer wäre. Ohne dass ich damit mögliche schlechte Eigenschaften oder berufliche Verfehlungen erklären oder auch nur verbinden möchte. Ihn als Beispiel zu nehmen für alle Italiener oder alle italienischen Ärzte ... das ist nun wirklich weit hergeholt. Und wenn man von ihm einen schlechten Eindruck gewonnen hat, kann ich nur sagen: Das habe ich auch. Und das hatte wohl auch seine Gründe. Und das finde ich auch legitim. Ich habe aber nicht geschrieben, dass ich ihn für einen schlechten Menschen halte. Oder ähnliches.

Und was die Schwester angeht, die nicht gehandelt hat, so hat das auch Marie und mich verwirrt. Der Bildschirm des Pulsoxymeters war so ausgerichtet, dass die Schwester ihn überhaupt nicht sehen konnte aus dem Bereich, in dem sie arbeitete. Was aus meiner Sicht absolut unverständlich ist. Wir haben ihn vom Fenster aus ebenfalls nicht gesehen, er war erst sichtbar, als ich an der Stelle stand, an der vorher der Arzt saß. Ich gehe davon aus, dass auch sie gewusst hätte, was zu tun ist. Oder ich hoffe es. Sie wollte einen Arzt von der Station rufen, ich habe darauf bestanden, meine Anleiterin anzupiepen. Weil es mir komisch vorkam, was da gelaufen ist. Weil man nicht auf ihre Übelkeit und ihre massiven Schmerzen eingegangen war, weil es keine Diagnose gab. Weil ich befürchtete, ein Kollege der Station könnte mit Blick auf etwaige Fehler seines Kollegens befangener oder zumindest zurückhaltender als die Chefin sein. Vielleicht zum Nachteil der Patientin, der es sichtlich schlecht ging und die nunmehr gerade noch ein ernstes Problem dazu bekommen hatte. Es fängt doch schon damit an, dass wir gelernt haben, ein Arzt darf nicht gleichzeitig für Narkose und Untersuchung (Darmspiegelung) verantwortlich sein. Da möchte ich die Chefin rufen, da setze ich mich durch, auch als Studentin am zweiten Praktikumstag - und ich habe das Gefühl gehabt, die Schwester war froh darüber.

Anonym hat gesagt…

ruolbuu hat da sicher ein paar interessante psychologische Aspekte eingebacht.
Warum ein paar Leute inklusive der TE Erstellerin so auf der Tatsache, dass der Arzt Italiener ist, herumgeritten ist?
Weil er leider ein paar typische Verhaltensweisen an den Tag gelegt hat, die halt sehr "italienisch" sind. Meine Frau hat in bella italia ein paar Jahre gelebt und spricht fliessend italienisch. Als ich ihr den blog vorlas, meinte sie nur "typisch". Warum? Italienische Männer neigen zum Chauvinismus. Unsere beiden Protagonisitnnnen haben das insofern voll zu spüren bekommen, weil sie im Rollstuhl sitzen. Frauen sind für diese Type Italiener, und ich betone ausdrücklich, dass nicht alle so sind, sondern nur ein bestimmter Menschenschlag die von diesem schönen Land stammen, Mamma, Freundin und Ehefrauen, aber keine vollwertigen Partnerinnen. Für diesen Hr. Doktor sind Frauen im Rollstuhl als Frauen völlig uninteressant, als angehende Ärztinnen unter seiner Würde mit ihnen überhaupt zu reden. Wahrscheinlich hatte er einen anstrengenden Dienst hinter sich, und wollte die ganze Angelegenheit schnell hinter sich bringen.
Ich bin überzeugt, wenn die beiden auf hohen weissen Zoccolis dahergetänzelt wären, hätte er sich zu ihnen ganz anderes verhalten und eventuell das Feuerwerk seines ganzen Wissens abgebrannt um zu beeindrucken. Alleine der Satz "und ihr wollt Ärtzinnen im Rollstuhl werden" spricht Bände.
Natürlich hätte ein Österreichsicher Arzt genauso borniert reagieren können, ich kenne genug von dieser Sorte, glaubt mir das.
Aber der italienische Kollege hat nun einmal eine Menge Vorurteile leider erfüllt.

LG

Andreas

Anonym hat gesagt…

"Er ist Italiener" ist eine einfache Information. Die kann man benutzen oder es lassen. Wenn man sie kennt.

Sie vorzuenthalten, weil sie zu Vorurteilen (oder deren Bestätigung) führen kann, ist wohl politisch korrekt. Und deswegen vielfach erwünscht, aber ja nicht zwingend richtig. Denn warum soll es Aufgabe des Informationssenders sein, den -empfänger vor irrigen Ideen zu schützen?

Olli hat gesagt…

Klar sind nicht alle Italiener zwangsweise so, aber er hat offensichtlich so manches Klischee/Vorurteil mit Leben gefüllt. Weil Werbung auch gerne mit so etwas arbeitet, sehe ich im Geiste schon halb bei der Verfilmung von Jules Biographie/Weblog den entsprechenden Darsteller auf einmal ganz charmant liebreizend sagen: "Isch abe ga kaine Approbassion".