Freitag, 15. November 2013

Zweihundert Euro

Marie und ich ziehen mit einigen anderen Leuten aus unserem Sportverein unsere Bahnen im Wasser. Wir sind genervt, weil nicht nur die barrierefreie Dusche mal wieder außer Betrieb ist, sondern auch der Duschraum für die Damen neu gefliest wurde und daher nicht betreten werden darf. Alle anderen Frauen sollen im Saunabereich duschen, wir können das nicht, weil wir dafür über Stufen müssten.

Wir wundern uns schon längere Zeit über einen Typen, Anfang 40, der in unserer Bahn in unserem Tempo seine Runden dreht. Normalerweise kümmert uns das nicht, es kann ja sein, dass Tatjana, unsere Trainerin, uns gleich noch ein neues Gesicht vorstellen will. Plötzlich, ich bin gerade am Beckenrand und warte darauf, dass die Schwimmerin vor mir genügend Abstand hat, tippt mir dieser Typ von hinten auf die Schulter. Er sagt: "Die Dusche ist gesperrt!"

Ich antworte: "Weiß ich schon!", und schwimme weiter. Fünf Bahnen später gibt es am Beckenrand eine tierische Aufregung. Unter anderem wartet Marie am Ende der Bahn auf mich und fragt mich: "Was ist das für ein Typ, den ich nicht kenne?" - "Keine Ahnung." - "Der hat mir und einigen anderen gerade 200 Euro angeboten, wenn jemand mit ihm in die Dusche geht." - "Waaaas?"

Ende vom Lied: Er ist so unauffälig verschwunden wie er plötzlich da war. Wir haben Tatjana Bescheid gesagt, einer von unseren Fußgängern ist gleich durch die Umkleiden hinterher, der Schwimmeister hat sogar die Polizei gerufen - aber von dem Typen weit und breit keine Spur.

Marie meinte hinterher: "Jetzt sind mir doch glatt die 200 Euro entgangen. Dabei wollte ich mir diesen Monat noch eine Winterjacke kaufen." - Worauf Tatjana antwortete: "Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?" - "Natürlich nicht. Ich frage mich nur gerade, ob das eine spontane Idee war, oder ob derjenige mit dieser Tour schon einmal oder sogar mehrmals Erfolg hatte."

Und ich frage mich, was er wohl der Polizei erzählt hätte, hätte man ihn geschnappt. Maries Vater, selbst bei dem blau-weißen Verein, sagte, als Marie ihm das zu Hause erzählte: "'Da hat Marie etwas gänzlich missverstanden. Ich habe einen Zweihundert-Euro-Schein vor der Damendusche gefunden und wollte wissen, ob das ihrer ist. Ich hatte gesehen, dass sie dort längs gefahren ist und mir war so, als wäre er aus ihrem Rollstuhl geflattert.' Und dann übergibt er den Polizisten als Fundsache den Schein, den Marie für das Beine breit machen bekommen sollte."

Marie guckte ihn entgeistert an: "Nee, oder?" - "Doch, alter Hut. Wenn du clever bist, sagst du gleich: 'Tatsächlich, da ist ja mein Geld!'"

Maries Mutter erzählte bei der Gelegenheit, dass sie, als sie noch studiert und später im Krankenhaus gearbeitet hat, über die Jahre mehrmals einschlägige Angebote von Kommilitonen, Kollegen und sogar Vorgesetzten bekommen hätte. Wahrscheinlich bin ich zu naiv. Ich bin ja inzwischen so drauf, dass ich einen One-Night-Stand (oder vielleicht auch mehrere) mit dem richtigen Typen nicht mehr kategorisch ausschließe. Aber sich dafür bezahlen lassen? Mal eben so nebenbei? Unter Freunden? Unter Kommilitonen? Unter Kollegen? Mit Vorgesetzten? Was geht denn jetzt ab?!

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Du bist nicht naiv. Du hast nur keine Lust, Deinen Blog in "Jule Rollstuhlhure" umzubenennen... :-P

Anonym hat gesagt…

Für 200 würd ich es machen. Was man sich davon alles kaufen kann ... Winterjacken zum Beispiel.

Wäre das nicht eine gute Möglichkeit für dich, ein paar Erfahrungen zu sammeln? Okay, der ist gemein. Lassen wir das.

Leute gibts...

Anonym hat gesagt…

Was wohl Alice Schwarzer dazu sagen würde xD

Voyager hat gesagt…

"Tatsächlich, da ist ja mein Geld!" - LOL, das müsste mal jemand ausprobieren :D Könnte man für so eine Aktion eigentlich strafrechtlich belangt werden (Diebstahl? Betrug?) oder wird das als "Schmerzensgeld" betrachtet?

Mastacheata hat gesagt…

Für Sex zu bezahlen finde ich keineswegs verwerflich.
Aber um auf die Idee zu kommen jemand wildfremdes der/die das nicht explizit und von sich aus anbietet anzusprechen und solch ein Angebot zu unterbreiten müssen da oben schon einige Windungen schief gelaufen sein.

Mich wundert auch immer wieder warum man sowas ausgerechnet immer nur über Männer liest. Frauen sollten doch das gleiche sexuelle Bedürfnis haben und entsprechend müsste es doch (zumindest theoretisch) auch genausoviele schief gewickelte Frauen geben die Männern solche Angebote machen.

Aber vermutlich läuft das wie im professionellen Gewerbe der sexuellen Dienste: Frauen legen mehr Wert auf Diskretion.

Anonym hat gesagt…

Ohne Worte
Gleich wegsperren solche Männer

Schnuffelsocke(n) hat gesagt…

Ne, ich vermute eher, dass Frauen mit derartigen Bedürfnissen darauf warten, von derartigen Kerlen angesprochen zu werden, um sich dann auch noch dafür bezahlen zu lassen, zu diensten gewesen zu sein.

*kopfschüttel*

Edelnickel hat gesagt…

Danke BigDigger, jetzt hab ich meinen Kaffee über den Schreibtisch gespuckt. :D Oh mein Gott!

Jule, ich finde nicht, dass du da naiv bist. Für mich gehört sowas auch nicht zur Normalität und ich wundere mich über solche Stories genauso wie du.
Ich wurde mal gefragt, ob ich jemandem einen blasen wollte, aber das war auch nach ner langen Diskonacht. Sonst ist für mich sowas auch (Achtung Schlagwort) Neuland.

ruolbu hat gesagt…

Das ist sowas von nicht okay, auf diese Weise Leute zu belästigen und ich finde es gerade unterhaltsam aufzuschlüsseln warum und wo ich zwischen ok und nicht ok unterscheide.

Ich gebe Mastacheata da recht, Bezahlung für Sex ist grundsätzlich nichts, was ich für falsch, verwerflich oder dergleichen halte. Und da es nunmal eine Unmenge verschiedener Beziehungstypen (im Sinne von allgemeine zwischenmenschliche Beziehung) gibt, schließe ich auch nicht aus, dass es in irgendeiner Konstellation völlig okay sein kann wenn Person A einer anderen Person B den Vorschlag unterbreitet, gemeinsam Sex zu haben und dafür bereit ist als zusätzlichen Anreiz eine gewisse Menge Geld zu zahlen - weil die Vorstellung des gemeinsamen Sex nach der Einschätzung von A für B wohl keine ausreichende Motivation wäre.

Ich sehe absolut ein, dass das zur Zeit nicht unbedingt eine massentaugliche Ansicht ist, aber für mich kann sich das auf der gleichen Ebene bewegen wie folgendes, soeben erdachtes, fiktives Beispiel.
A: "Hey B, hast du Lust demnächst mit uns zu ["beliebtes Musikfestival"] zu fahren?"
B: "Nee du, das mag ja spaßig sein, aber kostet auch und dauert so lange und in der Zeit muss ich auch noch YXZ erledigen"
A: "Hmm aber ich würde dich liebend gerne dabei haben. Ist es okay für dich, wenn ich dich dazu einlade und mich um die Kosten kümmere? Und ich glaube bei XYZ könnten wir dir sogar helfen, dann hast du die Zeit ja vielleicht."
B: "Ehrlich gesagt, das klingt gar nicht so schlecht, wenn das für euch in Ordnung ist, könnte ich mir das so vorstellen."

Um so eine Situation funktionieren zu lassen braucht es meiner Meinung nach aber ein paar geltende Rahmenbedingungen. Zum einen eine intakte Kommunikation, bei der offen ausgesprochen wird, was, wann und wie vereinbart wird. Mit klaren Grenzen, damit daraus kein schwammiger Daueranspruch wird, der eigentlich nie vorgesehen war. Und als Grundlage dafür braucht es meiner Meinung nach zumindest eine solide Bekanntschaft wenn nicht sogar eine Freundschaft.

Wie soll ich einschätzen können, ob die Person, der ich diesen Vorschlag unterbreiten möchte, nicht bereits den Vorschlag an sich als gewalttätigen Übergriff empfindet, wenn ich sie nicht kenne. Oder anders herum, wie kann ich sicher stellen, dass die andere Person mir gerade einen ehrlichen Vorschlag macht oder ob ich mich damit womöglich in Gefahr begebe, wenn ich diese Person nicht ansatzweise kenne. Einer Person die mir derartig auflauert und mir keine Chance lässt, dieses Angebot nicht unterbreitet zu bekommen, bzw. sich nicht darum schert, ob ich das schlimm finde, kann ich kein Vertrauen entgegen bringen. Und ohne Vertrauen ist aus meiner Perspektive kein einvernehmlicher Sex möglich.

Tja, und die Situation, die Jule beschrieben hat, lässt so ziemlich alles vermissen, was ich als Voraussetzung ansehe. So theoretisch hab ich jetzt fertig :3 ... praktisch will ich aber noch auf Mastacheata zweiten Absatz eingehen. Vermutlich aber lieber in einem eigenen Kommentar. *auf die Beitragslänge versuchen zu acht*

ruolbu hat gesagt…

@Mastacheata

Ich gebe dir auch bei deinem zweiten Absatz recht, mich wundert es auch immer, dass sexuelle Straftaten anscheinend nur von Männern begangen werden. Naja, eigentlich wundert mich eher der Schluss der daraus gezogen wird, dass Männer angeblich ganz andere Bedürfnisse hätten und regerlrecht Triebgesteuert wären bis hin zum Kontrollverlust. Mit Kontrollverlust hat das sicherlich auch etwas zu tun, aber ich glaube nicht, dass die Ausgangsbedingung hiefür unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse sind.

Ich kann es schlecht zu ein paar Zeilen Text komprimieren, maximal ein paar Anekdoten wiedergeben.
Frauen und Männer werde mit unterschiedlichen Blicken betrachtet in unserer Gesellschaft. Und meine Erfahrung mit den Medien die Frauen und Männer so verschieden darstellen ist, dass die Darstellung einer Frau wesentlich häufiger eine offensichtliche oder subtile sexuelle Erregung hervorrufen soll, als die eines Mannes. Und damit meine ich nicht, dass Frauenkörper häufiger idealisiert werden als die von Männern, das mag nichteinmal der Fall sein. Aber wo Darstellungen von Frauen oft die Aussage haben "Dies ist eine sexuell anziehende Frau" und sich damit primär an eine Bevölkerungsgruppe wenden, die Frauen anziehend finden (Spoiler: mehrheitlich heterosexuelle Männer), so tragen Darstellungen von Männern oft eher die Aussage "Dies ist eine normale Person, mit der du dich identifizieren können sollst und nach deren Leitbild du streben sollst." Die Zielgruppe hier sind alle, unabhängig vom Geschlecht.

(Viele Frauen haben durchaus Probleme damit, sich mit männlichen Darstellungen zu identifizieren, aber unserer Medienkultur mangelt es stark an weiblichen Vorbildern, so dass ihnen nichts anderes übrig bleibt als zwischen "sei sexuell erregend" oder "männlich ist die Norm" zu wählen, wenn sie versuchen sich selbst in den populären Medien wieder zu finden.)

Männer werden jedoch in den poplären Medien eher selten als sexuell erregend präsentiert. Oh ja, es passiert, aber es ist in meiner Erfahrung wesentlich subtiler und weniger körperlich.
Das Resultat ist, dass Männer ein ganz anderes Leitbild von Sexualität vermittelt bekommen als Frauen. Ihnen wird beigebracht ständig und überall Objekte zu sehen, die sie sexuell erregen können, ihnen wird vermittelt, dass diese Objekte zu haben sind, wenn sie sich nur irgendwie richtig anstrengen (z.B. Produkte kaufen oder bestimmte Verhaltenweisen an den Tag legen) und ihnen wird beigebracht, dass sie das Recht verlieren, sich mit dem "männlichen" Leitbild, der Norm wie ein Mensch zu sein hat, zu identifizieren wenn sie damit nicht irgendwann - möglichst schnell und möglichst oft - Erfolg haben.

Und ich weiß, das klingt gerade so, als würden wir alle Blind versuchen den Medien zu folgen. Aus meiner Erfahrung heraus läuft es etwas subtiler ab. Gerade während der Teenagerjahre, während die Findung des Selbst groß am Laufen ist, emfpand ich einen enormen Druck einem gewissen Schema zu entsprechen. Wenn ich gewisse Vorlieben hatte - ob Farben, Nahrung, Musik, Serien, Sex, whatever - konnte ich mich damit lächerlich machen. Das Resultat hätte sein können, dass mir mein soziales Umfeld wegbricht und Mobbing ist eine starke Motivation um nicht derartig aufzufallen.


Das ist mein Ansatz dazu, etwas grobschlechtig versucht Zusammenhänge aneinanderzureihen.
Ich glaube also nicht, dass solch übergriffiges Verhalten das primär von Männern ausgeht etwas naturgemäß männliches ist. Ich glaube, dass es in unserer Gesellschaft systeminhärent ist. Ein Bug unserer Geschichte und Medienkultur.