Freitag, 20. Dezember 2013

Punktion und Schubkarre

Manche Menschen stechen Eier an, damit sie nicht platzen. Hühnereier, wohl gemerkt. Manche sagen: Das ist alles Humbug, die platzen genauso häufig und genauso selten, wenn man sie nicht anpiekst.

So ähnlich auseinander gehen die Meinungen zum Blutabnehmen: An einigen Unis benötigt der Nachwuchs einen Punktionsschein, bevor er in Eigenregie Blut abnehmen darf, bei anderen offenbar nicht. Eine einheitliche Regelung gebe es nicht, meinte unser Proff; ich habe es nicht recherchiert, sondern mir sagen lassen, dass es in Hamburg Usus ist, dass jede Studentin und jeder Student spätestens im ersten Praxissemester eine (ärztliche) Bescheinigung vorlegen muss, dass sie oder er punktieren kann.

Wehe dem, der nur an Apfelsinen oder am hochschuleigenen Plastikmodell übt und denkt, er könne das anschließend auch am Menschen. Und so haben Marie und ich kürzlich Maries Mutter zum Blutspendetag begleitet und ihr nicht nur gefühlte 753 Mal beim Punktieren der Armvene zugeschaut, sondern durften zum Ende hin erstmalig auch selbst ran. Maries Mutter sagte: "Beim Blutspenden triffst du am ehesten Leute, die das mitmachen."

Wir wurden immer vorgestellt als "Studentinnen, die das können, das auch schon paar Mal gemacht haben, die aber noch Übung und Routine brauchen, damit es auch im Notfall automatisiert klappt." - Und Maries Mutter hatte Recht: Niemand hat es abgelehnt, dass wir selbst Hand anlegen durften. Ich fasse es zusammen: Alle Aufregung war unnötig. Es hat kein einziges Mal eine Schweinerei gegeben und ich habe mich nur ein einziges Mal verstochen. Bei einem älteren Herrn, der aber meinte, dass es oft einen zweiten Anlauf bei ihm bräuchte. Einmal hatte jemand nach dem Ziehen der Kanüle nicht lange genug drauf gedrückt, so dass es plötzlich heftig wieder zu bluten anfing, aber das war ja nicht meine Schuld.

Maries Mutter und auch die Patienten hatten eine Engelsgeduld. Ist der Stauschlauch nicht zu locker und nicht zu fest? Welche Vene ist geeignet? Handelt es sich wirklich um eine Vene und nicht um eine Arterie? Und so weiter, und so fort. Beim ersten Patienten hatte ich Schweißperlen auf der Stirn, beim zwanzigsten war ich total happy, dass es doch nicht soooo schwierig ist. Ich fand den Handrücken sogar fast noch einfacher als die Armbeuge. Jetzt fehlen nur noch Routine und Erfahrung.

Gestern abend war ich bei Marie in der Sauna und im Pool, habe anschließend bei ihr geschlafen, denn heute morgen sollten zwei sehr "spannende" Patienten zur Kontrolle kommen. Eine 24jährige zum Ultraschall, die eine künstliche Herzklappe hat, und eine heute 16jährige, die vor acht Jahren ein neues Herz (Spenderherz) bekommen hat. Insbesondere einen so jungen Menschen mit erfolgreich transplantiertem Herzen sieht man nicht alle Tage. Der Tag des Herzens sollte aber definitiv anders beginnen: Als wir beim Frühstück saßen, bekam Maries Mutter einen Anruf von einem Pflegedienst. Eine alte Frau, über 95 Jahre alt, bettlägerig, habe über 800 Zucker und wolle nicht ins Krankenhaus. Sie habe Angst, dass es ihre letzte Station sein wird und dass sie sich etwas wegholt, was ihr den Rest gibt. Dabei freue sie sich doch so auf den Besuch ihrer Kinder und Enkel zu Weihnachten. "Ich komme dorthin, jetzt, vor meiner Sprechstunde."

Ich frage mich nicht, wie eine vom Pflegedienst betreute bettlägerige Frau auf einen solchen Zuckerwert kommen kann. "Ich schaffe es wahrscheinlich nicht ganz pünktlich, ihr könnt ja solange den Helferinnen helfen." - Drei sollten eigentlich kommen, eine hatte sich bereits am Anfang der Woche krank gemeldet. Von den verbleibenden zweien rief dann noch eine kurz vor Dienstbeginn an, der kleine Sohn habe Fieber und Erbrechen, sie könne nicht kommen. Die vierte MFA war in Urlaub ... das konnte ja lustig werden. Und das wurde es auch.

"Immer Ruhe bewahren, dann dauert das halt heute etwas länger", sagte Marie zu der völlig genervten Helferin, die gerade im August erst ihre Ausbildung fertig hatte und übernommen worden war. "Bis meine Mutter wieder da ist, nehme ich, wenn Sie das möchten, das Telefon an und pflege die Warteliste, dann können Sie sich schon um die Laborpatienten kümmern. Jule kann zwar inzwischen noch besser punktieren als ich, aber das lassen wir mal, solange meine Mutter nicht dabei ist oder zumindest davon weiß. Jule könnte aber die ganzen Leute übernehmen, bei denen erstmal Blutdruck und Blutzucker gemessen werden muss. Okay?" - Man merkte, dass Marie nicht zum ersten Mal aushalf. Der erste Schwung, der vor dem Aufschließen vor der Tür wartete, war gerade drinnen, als eine alte Frau mit Kopftuch, Schürze und Gummistiefeln reingelaufen kam. "Ich brauch mal eben ganz schnell die Frau Doktor, ich hab meinen Mann draußen auffer Schubkarre liegen, dem gehts gar nicht gut."

Auf der Schubkarre?! Na klar, ihr Bauernhof liegt rund einen Kilometer entfernt... Die Helferin wetzte mit nach draußen. "Bringen Sie ihn mit rein, ich halte die Türen auf." - "Die Karre kommt aus dem Stall, die ist voller Mist und Gülle." - "Kommen Sie rein hier, wir wischen hinterher durch. Nun machen Sie schon."

Der Mann, geschätzt um die 80, bekleidet mit Holzfällerhemd, Weste, Cordhose mit Hosenträgern, Gummistiefeln, weißes Haar, Hände so groß wie zwei Zelte, sah elendig aus. Aschgraue Gesichtsfarbe, schweißbedeckte Stirn, lag zusammengekauert in der Karre, die Knie hingen zwischen den Griffen. Schmerzen habe er, so flüstert er fast, so etwas habe er sein Leben lang noch nicht gehabt. Als wenn ihm der Teufel den Oberkörper zuschnüre. Tränen standen ihm in den Augen. Marie rollte nach draußen, sollte ihre Mutter anrufen. Und vorher den Notarzt. Die Schwester fragte: "Liegen Sie so einigermaßen bequem? Dann würde ich Sie gerne kurz so liegen lassen. Wir tun ihnen noch was hinter den Kopf, dass das bequemer ist. Frau Doktor ist gerade unterwegs, wird aber jeden Moment zurück sein. Wir rufen Sie gerade an, damit sie uns schonmal sagen kann, was wir Ihnen gegen die Schmerzen geben können. Ich mache Ihnen jetzt ein EKG dran und meine Kollegin legt Ihnen unterdessen einen Venenzugang."

Die Kollegin war ich. Hatte Marie nicht gerade noch erzählt, wie toll das geklappt hat? Jetzt bloß nicht patzen. Ich kam mit meinem Rollstuhl an der Schubkarre nicht vorbei, die Helferin warf mir alles, was ich benötigte, von der Arbeitsplatte gegenüber zu. Die Frau setzte sich auf einen Stuhl, stützte ihren Kopf mit einer Hand auf und weinte. Der alte Mann ließ alles mit sich machen. Die Helferin klemmte ihm ein Pulsoxymeter an den Finger. Der Puls war bei 90, die Sauerstoffsättigung bei 94%. Fast unauffällige Werte. Die Helferin schnitt das Hemd auf, rasierte radikal ein paar Büschel Haare von der Brust, klebte Elektroden auf. Ich merkte, wie mir der Schweiß von den Achseln durch den BH lief. "Jetzt bloß nicht patzen", dachte ich nochmals. Stach zu und ... die saß. Auf Anhieb.

Marie kam wieder zur Tür, hatte den Koffer mit dem Defibrillator auf dem Schoß und stellte ihn neben der Frau auf die Erde. Ich hoffte nur, dass uns das erspart bleiben würde. Einen Moment später kam Marie mit dem nächsten Notfallkoffer wieder. Legte ihn vor der Tür auf einen Stuhl und warf mir als erstes das Nitrospray zu. "Anweisung von Mama: Bereitlegen. Eine Kautablette ASS 250 mg soll er jetzt sofort in den Mund stecken. Und wir sollen 5 mg Morphin aufziehen und bereitlegen."

Inzwischen war das erste EKG geschrieben. Ich kannte das bisher nur aus dem Lehrbuch, aber die ST-Hebung in den Ableitungen II, III und aVF war eben auch wie aus dem Lehrbuch. Normalerweise sieht man im EKG zuerst die (Erregungs-) Aktion des Sinusknotens, also des Taktgebers des Herzens, in Form einer kleinen Kuppel in positiver Richtung. Dann passiert einen Moment nix, dann gibt es eine kleine negative Zacke, dann die große positive, den eigentlichen "Herzschlag", dann wieder eine kleine negative, dann eigentlich wieder eine Zeitlang nichts, dann noch einmal kuppelförmig die Rückbildung der Erregung. Bei einigen Leuten gibt es danach noch eine kleinere, weitere kuppelförmige Hebung; das kann normal sein, kann aber auch an einer schlechten Elektrolytversorgung (Kaliummangel etc.) liegen.

Bei diesem EKG gab es, wie gesagt, lehrbuchmäßig, eine weitere Kuppel zwischen der zweiten kleinen negativen Zacke und der Hebung, die die Erregungsrückbildung kennzeichnet. Das gibt es nur, wenn das Herz selbst nicht genug Sauerstoff bekommt und zusammen mit den übrigen Symptomen ist die Diagnose damit eindeutig: Akuter Herzinfarkt. Jetzt sollte nur eins nicht passieren: Dass sich hier jemand weiter aufregt. Insofern sagte ich nur: "Die Frau Doktor wird sofort hier sein und dann kommen Sie sofort als erster dran, ja? Es dauert nur noch einen kleinen Moment."

Eine andere Patientin kam an die Tür. "Warum geht es hier nicht weiter?" - Marie antwortete: "Setzen Sie sich bitte wieder hin, Sie müssen sich einen Moment gedulden." - "Ich hatte aber schon vor über 15 Minuten einen Termin und ich bin Privatpatientin und muss zur Arbeit." - "Ich kann es jetzt nicht ändern. Entweder warten Sie oder Sie kommen einen anderen Tag wieder." - "Dann machen wir einen anderen Termin?" - "Ja, rufen Sie bitte an." - "Nee können wir gleich einen neuen Termin machen?" - "Sie sehen doch, dass das jetzt nicht geht."

In dem Moment kam Maries Mutter durch die Tür. Die Frau wollte gleich auf sie einreden, Maries Mutter machte kurzen Prozess: "So, alle die hier jetzt nichts zu suchen haben: Weg! Und auch jetzt nicht die Durchgänge blockieren, wir brauchen hier Platz. Herr ..., guten Morgen, Sie kriegen jetzt Hilfe. Was machen Sie denn für Sachen? Das war gut, dass Sie gleich gekommen sind, Sie bekommen jetzt erstmal was gegen die Schmerzen, okay? Sie schauen gar nicht gut aus, Sie haben bestimmt starke Schmerzen. Es ist gleich vorbei, ja? Noch ein paar Sekunden tapfer sein. Hat er ASS bekommen? Nitro auch schon? Dann kommt Nitro jetzt unter die Zunge. Und dann auch mal Diazepam aufziehen."

Während Maries Mutter mit ihrem Stethoskop das Herz und die Halsvenen abhörte, betete ich, dass meine Kanüle richtig liegt. Dann kamen zwei rot gekleidete Männer schwer bepackt rein. Die beiden waren relativ fit und merkten sofort, was hier los war. Maries Mutter sagte: "Gebt her euer Gerödel, ich stöpsel euch alles um und ihr holt bitte schonmal zügig die Trage, damit er bereits im Auto liegt, wenn der Arzt kommt. Welcher kommt?" - "Christoph 29, ist auch schon zu hören."

Christoph 29? Das ist der Hubschrauber, mit dem ich vor 5 Jahren selbst geflogen bin. Ob die Notärztin wohl heute Dienst haben würde, die mich damals betreut hatte? Hatte sie nicht. Der Mann hat überlebt. Die kritischen Tage nach dem Infarkt ... mit etwas Glück übersteht er sie auch. Ich wünsche es ihm. Und seiner Frau. Und die Nummer mit der Schubkarre? Maries Mutter sagte: "Das sind alte Menschen, die noch immer ihre Tiere und ihre Ländereien haben. Die rufen keinen Doktor nach Hause. Die wollen keine Umstände machen. Die rufen höchstens mal den Tierarzt, wenn es einer Kuh schlecht geht. Wenn die hier vor der Tür stehen, dann kannst du davon ausgehen, dass der Baum brennt. Zu allem Überfluss haben Sie mich auf der ... Straße eben auch noch geblitzt. Mit über 100 statt erlaubter 60 - da kommt dann also auch nochmal toller Schreibkram auf mich zu." - Auf schnurgerader Straße, weit und breit keine Häuser, niemand unterwegs, auf dem Weg zum Herzinfarkt, wird das wohl eingestellt.

Morgen haben wir unseren Praktikumstag. Und ich wette, dass wieder 50% der Leute an einem Samstag im Krankenhaus sind, die wegen irgendwelchen Problemen kommen, die eigentlich gar nicht dorthin gehören. Eigentlich. So unterschiedlich kann das in Hamburg sein. Und die beiden anderen Herzpatientinnen? War spannend. Aber der Eintrag ist bereits lang genug...

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Mensch, Jule, Du lässt nichts aus! Seit 2,5 Jahren habe ich eine eigene Ordination und hatte nach einem Jahr einen transmuralen Infarkt zu betreuen. Gott sei Dank! Sonst alle Infarkte vorher nur auf der Notfallaufnahme gehabt, wo es einfacher ist, da mehr Material und Helfer. Das Dir das schon in 2. Semester beim helfen in der Ordi passiert ist gegen jede Wahrscheinlichkeit.
Auf jeden Fall ist das toll, dass Du so viel siehst.
Sogar reanimieren kannst Du schon, wenn auch der Anlassfall dramatisch und tragisch war.
Das ist ein echtes Stahlbad durch das Du gehst. Hut ab, dass Du in solchen Situationen die Nerven behältst, vor allem musst Du sehr geschickt sein, da der Rolli die Arbeit nicht gerade erleichtert.

Weiter so

Liebe Grüße und
ein gesegnetes Fest ohne Komplikationen

Andreas

ruolbu hat gesagt…

Mir ist beim Lesen gerade klar geworden, dass irgendwann der Tag kommt, an dem nicht alles läuft wie gehofft. Ob menschliches oder technisches Versagen oder ob es schlicht nichts mehr gab, was getan werden konnte. Wenn du uns weiter von deinen Erlebnissen aus dem medizinischen Alltag berichtest und diese nicht nach "Erfolg" filtrierst, kommt irgendwann der Eintrag, der beschreibt, wie ein Mensch gestorben ist.
Und auch, wenn wir es nicht zu lesen bekommen - weil du es nicht möchtest oder deinen Blog eingestellt hast oder sontwas - wird für dich und Marie der Tag kommen, an dem ihr soetwas mit erlebt.
Ich glaube ich würde das für mich nicht wollen. Und in dem Sinne, wünsche ich euch viel Erfolg und Gutes für eure Zukunft.

P. hat gesagt…

Ich "liebe" ältere Landmenschen .. wenn es manchmal nicht ein klein wenig zu viel Sturheit wäre und gefährlich werden kann, könnte man über sowas echt schmunzeln. Wozu auch 'nen Doktor rufen? Kommt von alleine, geht von alleine. Bei denen weiß man nur eins ganz genau - wenn sie dann wirklich mal um Hilfe bitten .. dann ist es wirklich was Ernstes.

Eine kleine Bitte nur am Rande - hälst du mich auf dem Laufenden, was den Strafzettel betrifft?

Ich arbeite in der ambulanten Pflege. Klar, ich bin keine Ärztin .. aber schon des öfteren auf dem Weg zu Notfällen bei unseren Palliativpatienten. Das allerdings hat als Begründung für eine Geschwindigkeitsüberschreitung noch nie geholfen - selbst unter ähnlichen Bedingungen, also niemand auf der Straße, unbewohnte Gebiete, gute Straßenverhältnisse ..

Von daher würd es mich schon interessieren, ob da bei Ärzten andere Maßstäbe angelegt werden?

Jule hat gesagt…

@Andreas: Es ist bereits das 4. Semester, allerdings macht es das nicht eine Spur besser... :)

@ruolbu: Der Tag wird kommen. Die Frage wird aber immer sein, ob ich diesem Menschen hätte helfen können. Meine Möglichkeiten sind beschränkt. Wenn das, was ich tun kann, nicht reicht, ist die letzte Hoffnung gerade geplatzt. Aber für den Tod an sich bin nicht ich verantwortlich. Das muss man differenzieren und dafür kann ich auch keine Verantwortung übernehmen. Jedes Leben endet irgendwann, die Umstände sind verschieden. Natürlich darf niemals ein Fehler passieren, der ursächlich für einen Tod ist - ich glaube, wenn das bei mir so wäre, würde ich damit nicht klar kommen und würde diesen Beruf auch nicht mehr ausüben wollen.

Anonym hat gesagt…

@P: Die wird ihren Lappen erstmal einige Monate abgeben dürfen. Schließlich gilt das Gesetz für einen Arzt genauso wie für andere Menschen.

Anonym hat gesagt…

Was mich jetzt mal intressieren würde: Was macht man eigentlich, wenn das nach dem Ziehen der Nadel wieder heftig blutet? Ich hatte das neulich im Wartezimmer gesehen, dass das bei einer Frau wieder anfing und die drückte und drückte, aber es lief immer mehr. Ich bin dann raus und habe der Schwester bescheid gesagt, und dann an die frische Luft, da ich sowas nicht gut sehen kann. Also, was macht man dann?!

Olli hat gesagt…

Lese ich das richtig? Den Blutspendern wurde gesagt, ihr hättet schonmal "gazapft", hattet das aber noch nicht? Fände ich etwas unschön, wenn dem so wäre.

Das andernsfalls sich wohl wenige als "Versuchskaninchen" hergeben würden, ist wohl klar, aber manche machen es doch. So wie ich... OK, es gab beim dem wohl wirklich ersten Mal der Medizinstudentin beim Blutspenden bei mir ein bisschen Sudelei und hinterher einen netten Bluterguß (das schafft die eigentlich erfahrene Hausärztin meiner Mutte rleider auch oft). Und ja der CHef stand daneben. Für mich gabs hinterher noch nette "Gesprächsbetreuung" und gemeinsamen Mensabesuch, aber mehr dann leider doch nicht. Hey Jule, vielleicht lernst Du Deinen zukünftigen ja beim "zapfen" kennen ;-)

ruolbu hat gesagt…

Mir ging es auch eher darum, dass das bloße Erleben, wie ein Mensch stirbt, etwas ist, das mich sehr gruselt. Soweit dass mich bereits die Vorstellung gruselt, es in deinen Texten zu lesen.

Über Ursachen und Auslöser will ich garkeine Aussage getätigt haben.

jali@orca-central.de hat gesagt…

@P: Nein, wird sie nicht. Maries Mutter ist zu schnell gefahren, weil sie auf dem Weg zur Notfallversorgung eines Patienten war.
So etwas gilt als Nothilfe, da darf man auch mal ein paar Gesetze brechen, so lange es verhältnismäßig bleibt und der Rettung dient. Wenn sie niemanden gefährdet hat, ist es nur ein bisschen nerviger Papierkram.

Das Nothilfeprivileg gilt nicht nur für Ärzte: Wenn Du z.B. siehst, wie jemand im See ertrinkt, darfst Du sogar ein in der Nähe liegendes Boot stehlen, um die Rettung durchzuführen. Wenn das bei der Rettung beschädigt wirst, bist Du auch für den Schaden nicht haftbar.

Wenn Du an einem Unfallort Erste Hilfe leistest, darfst Du ja auch im Halteverbot stehen, ohne dass Du ein Knöllchen kriegst.

Jule hat gesagt…

@0.10:

Wenn das immer weiter blutet, legt man erstmal den Stauschlauch neu an und zieht den zu. Dann hört das auf zu bluten, dann macht man das sauber und drückt nochmal neu drauf.

@Olli:

Das stimmte ja. Nur bisher nicht am unbekannten Patienten, sondern höchstens bei Kommilitonen. Die ja aber wissen, wie schwierig das ist und deswegen einen nicht so ins Schwitzen bringen wie völlig unbekannte Menschen.

@jali:

Maries Mutter meinte, das wird ein ziemlicher Akt. So einfach wird das nicht eingestellt werden, dafür müsste sie schon mit einem Anwalt kämpfen. Sie meinte, man wird wissen wollen, warum sie trotzdem noch schnellstens zur Praxis musste, obwohl Rettungswagen und Notarzt schon unterwegs waren, ob die 2 Minuten, die sie vor dem Rettungsdienst da war, entscheidend waren, ob sie durch die Geschwindigkeitsübertretung wirklich früher angekommen ist, ob sie niemanden gefährdet haben könnte und so weiter. Sie geht davon aus, dass das eine drei- bis vierseitige schriftliche Äußerung wird, in der alles abgewogen werden muss, und dass am Ende nicht die Bußgeldstelle, sondern ein Richter entscheidet, ob von Strafe abgesehen wird oder nicht.

Anonym hat gesagt…

Jule: Wieso wirst Du Ärztin, wenn Du vom Schreiben leben könntest?
OK, um Themen zu haben, verstehe...
Aus der Stinkesocke wird Frau Dr., und das Blog geht hoffentlich auch dann weiter.
Danke!, liebe Jule, für alle spannenden und rührenden Beiträge.

Anonym hat gesagt…

Da hat Maries Mutter auch Recht. Und ich wäre auch nicht sicher, ob es überhaupt eingestellt wird. Denn der zuständige Arzt war bereits (ebenfalls notfallmäßig, also sogar mit Blaulicht und Martinhorn, bzw. hier sogar per Hubschrauber) unterwegs, vor Ort war eine ausgebildete Helferin und zwei Medizinstudenten, das ganze in einer Arztpraxis - sieht also nicht so gut aus. Kommt also sehr darauf an, wie das begründet wird und dann abgewogen wird.

Und das ist eben der Unterschied zum Diebstahl des Bootes: der ist auch nur dann straffrei, wenn nicht das Boot der DLRG bereits auf dem Weg ist (und nicht wesentlich später ankommt). Denn dann ist das zusätzliche Boot nicht notwendig oder sogar eine zusätzliche Last.

Anonym hat gesagt…

Aber sie konnte nicht wissen dass der Hubschrauber kommt. Genauso wenig darf sie sich auf die Studentinnen verlassen. Daher muss sie so handeln als ob nur die Helferin da wäre und unbekannt ist wie lange der Notarzt braucht.

Dennis hat gesagt…

Da habt Ihr beide sehr gut gehandelt.
Wünsche Dir/Euch ein schönes Fest und schöne Weihnachtstage

Anonym hat gesagt…

Das ist eine unglaubliche Frechheit, dass man so eine Prozedur ertragen muss. In Österreich ist das einfacher, da kann man das schon teilweise im Vorfeld abklären. Vor allem, wenn sie langsam fahrt und der Pat wird geschädigt, ist es auch nicht recht. Vor allem,sie weiss ja nicht, dass NAW und Huberer unterwegs sind.
Ich habe zB nur im Dienst eine Blaulichtberechtigung, kann aber eine für die ganze Woche beantragen um ein Schweinegeld mit ungewissen Ausgang. Trotzdem meinten die Polizisten der nahegelegenen Polizeiinspektion, dass wenn ich zu einem Pat. berufen werde dem es nach weislich schlecht ging, niemand eine Anzeige weiter verfolgt.
Irgendwie sind die Deutschen da zu formalistisch, sorry.

Anonym hat gesagt…

Das ist typisch für einen Hausarzt in ländlichen Gebieten. Da nippelt einer fast ab, hat Schmerzen dass er mit 80 Jahren Tränen in den Augen hat und die Ärztin will das mit Aspirin (ASS ist der Inhaltsstoff) behandeln. Kleiner Tip am Rande: Ihr solltet euch nicht zu lange dort aufhalten, sondern mehr in der Klinik lernen! Beste Grüße aus dem Nachtdienst, Robert

Anonym hat gesagt…

@Anonym 03:05

Wenn man keine Ahnung hat einfach mal...
Die "Landärztin" hat sich vorschriftsgemäß an das offizielle MONA-Schema gehalten, also Morphin, Oxygen, Nitro und ASS, wobei das ASS natürlich nicht zur Analgesie gedacht ist, sondern als Aggregationshemmer. Das Morphium sollte Jule ja auch schon aufziehen, aber im Gegensatz zur einer Tablette ASS kann sie das als Studentin ja nicht einfach geben. Ich empfehle im Nachdienst mal die ERC-Leitlinien zu lesen ;)

Schnuffelsocke(n) hat gesagt…

Oh maaan!
Wenn ich gerade lese, was hier ein gewisser Anonymer User geschrieben hat, wird mir schlecht.
Ehrlich... Wenn es so "einfach" wäre mal eben Nitro und sonst was zu geben, dann bräuchte es wohl keine Notärzte mehr. Könnte dann ja theoretisch der Rettungsdienst machen (sollte es eben nicht in einer Arztpraixs passieren).
Dumm nur, das niemand im Rettungsdienst auch nur ne ASS geben darf, bevor der Arzt bzw. Notarzt es angeordnet hat.
Sorry... Aber wenn man so einen Stuss schreibt, sollte man gefälligst alles lesen und auch mal bedenken wie die Gesetze dazu sind!

Anonym hat gesagt…

Natürlich ist ASS absolut indiziert. Wobei es verschiedene Schemata gibt. Wir zB geben auch ASS, aber kein Nitro. (wegen des Drucks), aber dafür einen Betablocker. Es wird auch zwischen einen STEMI und non-STEMI unterschieden. Wobei der Infarkt Jules Patienten ein STEMI war, der lässt sich sehr eindeutig im EKG diagnostizieren.

Fröhliche Weihnachten

Andreas

Jule hat gesagt…

@12.45:
Ich denke, wir warten mal ab. Die Straße, auf der geblitzt wurde, geht über Kilometer zwischen Feldern schnurgeradeaus, keine Kreuzungen, keine Einmündungen, gut ausgebaut, gut einsehbar, die einzigen, die hier mal quer laufen, sind Bambis. Von daher ist es gut darstellbar, dass niemand gefährdet werden konnte.

Hinzu kommt, dass sie näher am Unglücksort war als der nächste Rettungswagen und näher als der nächste Notarzt. Der Patient war in akut lebensbedrohlichem Zustand und hatte starke Schmerzen. Niemand vor dem Eintreffen des ersten Arztes durfte eine adäquate Behandlung einleiten, da die Wirkstoffe dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen und du eine Approbation als Arzt haben musst, um die verabreichen zu dürfen (und das hat auch seinen guten Grund). Maries Mutter war also aufgrund der örtlichen Situation klar, dass der Notarzt wesentlich länger braucht als sie. Letztlich war er auch erst vor Ort, als der Patient bereits abfahrbereit im Rettungswagen lag.

@03.05:

Dazu muss man wissen, dass ASS nicht zur Schmerzbekämpfung gegeben wird, sondern als "Blutverdünner". Ich bin zwar (noch) kein Arzt, aber in meinen Büchern steht es genauso drin. Und da steht auch drin, dass man Sauerstoff nur bei akut verminderter Sauerstoffsättigung gibt, da es sonst mitunter mehr schadet als nützt (genau das hatte sie am Telefon übrigens auch schon gesagt). Nitro wird in meinem Buch allerdings auch nicht mehr als Standard empfohlen, Betablocker dafür aber auch nicht als Standardtherapie. Ich bin, und das ist im Moment für mich das Entscheidende, sehr fest davon überzeugt, dass Maries Mutter genau gewusst hat, was sie da macht. Das ist nicht das erste Mal, dass ich dabei war, wie sie jemandem hilft dem es sehr schlecht geht, und bisher hatte ich nicht eine Sekunde Zweifel, dass sie da irgendwas komisches fabrizieren könnte. Von daher: Einfach mal einen Gang zurück schalten!

Dorle hat gesagt…

oh nein, dieser Eintrag hätte wegen mir noch länger werden dürfen. Da das lesen so spannend ist als wär man selber dabei merke ich nicht wielang und wieviel ich schon gelesen habe. Und ich liebe deine Eintragungen über das medizinische und das drumherum ganz besonders. Hör bloß nicht auf damit! Sag mir Bescheid wenn du jemals ein Buch herausgibst... ich will es haben!
Liebe Grüße und ein schönes Fest!

avalon hat gesagt…

jule, wie du schreiben kannst...der wahnsinn. ich halte den atem an, bis der beitrag zu ende ist...genau wie bei dem text über die junge frau mit dem darmverschluß vor ein paar wochen. chapeau!

Olli hat gesagt…

Ah, dann bin ich doch beruhigt. Nicht - weil ich nicht wirklich annahm, das ihr mit Vorspiegelung falscher Tatsachen arbeitet.
Interessant, dass Du das zapfen bei Kommilitonen als entspannter ansiehst als bei unbekannten Patienten. Ich hätte gedacht, dass gerade bei den Kommilitonen, die ja selber genau wissen, was alles schiefgehen kann der Anfänger mehr unter Druck ist. Ich zb weiss, weil ich nie so genau zugucke (dummes vegetatives Nervensystem), gar nicht, wie es genau geht, was noch in Ordnung und was falsch ist. Kann ichnur m ergebnis (Sudelei ja/nein, Bluterguß) etwas einordnen. Ich nahm zB an, dass die Studentin bei mir zum ersten Mal am lebenden Objekt übte und dachte, die hätte es vorher nur an Plastikmodellen oä. geübt.

Sehr skuriler Ansatz für etwas Gästebuchartiges für Mediziner, der mir gerade kommt: statt Unterschriften von jedem etwas zapfen und zB auf Textil aufheben, Bekommt dann einer einen herausragenden Lebenswandel, hat man gleich eine Reliquie (im Kölner Dom ist Textilkstückchen mitBlut von Johannes Paul II als Reliquie seit kurzem zu sehen).

Zur Behandlung noch: das Holzfällerhemd wurde aufgehackt, äh geschnitten - hätte gerade bei einem Herrenhemd nicht auch aufknöpfengereicht oder dauert das doch die möglicherweise entscheidenden Sekunden zu lange?

Hemd aufscheiden

Anonym hat gesagt…

@ Robert:

ASS ist ein Standardmedikament bei einem akuten Herzinfarkt - und es ist absolut "state of the art" es in Kombination mit anderen Medikamenten (Nitro, Betablocker ...) anzuwenden. Meistens i.v. aber bei unsicherem Venenzugang ist eine Kautablette sicherlich ebenso zu vertreten.
Auch wenn als beste Lösung für den Patienten anschliessend im Spital eine Coronarangiographie durchgeführt wird sind 250 mg eine durchaus vertretbare Dosis (bzg. Blutungsrisiko ...)

Sabine, Dr. med. mit Notarztdiplom (Österreich) mfg

Anonym hat gesagt…

P.S. Morphine gehören als Schmerzmedis beim akuten Myokardinfarkt natürlich ebenfalls dazu - nur nebenbei, die hat er ja offensichtlich auch bekommen siehe blogg

Sabine