Mittwoch, 31. Dezember 2014

Wir haben

Wenngleich ich es sonst selten so direkt mache, wende ich mich heute direkt an die Leserinnen und Leser meines Blogs und wünsche allen einen guten Rutsch und ein schönes Jahr 2015.

Ich wünsche mir, dass Menschen mehr und offener miteinander reden und dass unsere Gesellschaft verständnisvoller miteinander umgeht. Dass wir die Vielfalt und damit auch die Unperfektheit als Bereicherung sehen.

So wie in diesem Schild. In diesem Sinne: Alles Gute für!!!

Dienstag, 30. Dezember 2014

Knallerei und Silvester

Ich bin froh, am Silverstertag nicht in der chirurgischen Notaufnahme zu sitzen. Und nicht bei der Feuerwehr zu arbeiten. Nennt mich eine Schisssocke, aber ich gebe nicht einen Cent für Knallerei und Feuerwerk aus. Ansehen werde ich mir das Spektakel aus sicherer Entfernung. Zusammen mit Marie und einigen anderen Leuten wollen wir morgen Silvester feiern und um Mitternacht auf gutes Wetter an der Elbe hoffen. Sieben Grad und Nieselregen sind vorhergesagt. Es könnte also besser sein - aber auch viel schlimmer!

Montag, 29. Dezember 2014

Gute Vorsätze

Wie soll es erst im nächsten Jahr werden? Also in 2015? Da haben die Läden vom Donnerstag, den 24. Dezember mittags bis Montag, den 28. Dezember morgens geschlossen! Ein Chaos wird ausbrechen, denn die Menschen müssen sich für dreieinhalb Tage bevorraten! Ob man vielleicht am 27. Dezember einen verkaufsoffenen Sonntag veranstaltet? Sozusagen als den Tag, an dem das Weihnachtsgeld von Oma auf den Kopf gehauen, die Geschenke getauscht und die sonst fast viertägige Hungersnot vorzeitig beendet werden kann?

Die letzten Schokoweihnachtsmänner, die seit Ende August die Regale füllten, werden für 20 Cent das Stück verkloppt. Platz muss dringend her für die Osterhasen, die im kommenden Jahr schon am 5. April wieder beim Hoppeln ihre Eier verlieren und jetzt schon in den Lagern einstauben. Und endlich gibt es wieder frische länger haltbare Milch. Und Brot, auf deren Tüten endlich eine "2015" eingeprägt ist.

Zwanzig Kassen hatten geöffnet, als ich heute um kurz vor sechs einige wenige Knabbersachen für unsere Silvesterparty einkaufen wollte. Ich schwöre: Das werde ich im nächsten Jahr anders machen. Womit ich meinen ersten gute Vorsatz habe. Zur Silvesterparty 2015/16 bringe ich wieder Knabberkram mit. Nur werde ich den bereits kurz nach dem Nikolaustag holen.

Die Kassiererin möchte 7 Euro und 15 Cent von mir. So etwas zahle ich nicht mit Karte. Und irgendwo hatte ich neben dem Zehn-Euro-Schein auch noch eine Zehner- und eine Fünfer-Münze. Nein, es dauert nicht zu lange. Dennoch probt die Dame, die hinter mir steht und mir beim Warten in der Schlange zuvor schon vier Mal versehentlich gegen das rechte Rad meines Rollstuhls getreten hat, ihre guten Neujahrsvorsätze, Barmherzigkeit und Nächstenliebe, indem sie mir mit den Worten: "Soll ich Ihnen helfen?" mein Portmonee aus der Hand nehmen will. Ich drehe meinen Oberkörper weg und nehme schützend einen Ellenbogen zwischen mein Geld und die Frau und kann mir ein unwirsches "Geht's noch?" nicht verkneifen. Ich bin ja vieles gewohnt, und ich bin auch bereits, nicht nur ob meines letzten Neujahresvorsatzes, sehr viel geduldiger gegenüber jenen Menschen, die es mit ihrer Hilfsbereitschaft übertreiben; aber dass mir jetzt jemand ins Portmonee fasst oder mir selbiges aus der Hand zu nehmen versucht, um für mich zu bezahlen, das geht eindeutig zu weit und so etwas gehört gleich im Keim erstickt.

Genauso wie die Diskussion, die die Dame zu beginnen versuchte. "Ich wollte nur helfen." - "Sie können doch nicht einfach fremden Leuten ins Portmonee greifen!", gab ich ihr mit ernster Miene in scharfem Ton zurück. Zweifel, dass ich selbst für mich sorgen könnte, sollten danach eigentlich nicht mehr vorhanden sein. Die Dame holte Luft, allerdings mischte sich die Kassiererin ein: "Das muss ich aber auch sagen. Nur weil sie im Rollstuhl sitzt, ist sie doch nicht bescheuert!"

"Ich habe es nur nett gemeint", verteidigte sich die Dame erneut. Nett ist bekanntlich eine kleine Schwester, aber so weit will ich nicht ausholen. Ins Portmonee greifen ist ein No-Go, und dabei bleibe ich. Selbst wenn ich mit Geld nicht umgehen könnte, läge es wohl bei mir, die Kassiererin um Hilfe zu bitten. Jene adrette Dame, die zwischen den Kassen mit der Stornokarte und dem schnurlosen Telefon hin- und herläuft, wurde auf die Situation aufmerksam und stellte sich dazu. Ich bekam ohne weitere Worte meine drei Euro Wechselgeld und zog davon. Ohne mich noch einmal umzudrehen.

Sonntag, 28. Dezember 2014

Sebastian

Alle waren sie da. Alle Meinungen. So ist das, wenn man viele Menschen fragt. Da bekommt man viele Antworten. Von "steig noch heute mit ihm in die Kiste" über "abwarten und Tee trinken" bis "halte dich von ihm fern, er wird dich töten" war alles dabei. Am Ende stellt sich heraus: Meine Entscheidung wird mir niemand abnehmen. Ich muss selbst Verantwortung übernehmen für das, was ich tue und lasse. Aber das wusste ich auch vorher schon und die Erwartung, jemand könnte mir meine Entscheidungen abnehmen, habe ich nie gehabt. Allerdings sehen viele Augen mehr als meine zwei vielleicht geblendeten - und bringen damit vielleicht etwas mehr Licht in die Dunkelheit.

Sehr spannend finde ich, welche Eigenschaften sich aus ein paar Absätzen herauslesen lassen. Und sehr spannend fand ich auch ein Gespräch mit Maries Mutter zu dem Thema. Sie hat sehr viel Gewicht in zwei Sätze gelegt: "Wenn wir dabei Freunde bleiben können, kannst du das bei mir auch haben." Und: "Es liegt jetzt an dir, ob du ab sofort nichts mehr mit mir zu tun haben willst."

Sie findet das sehr dominant, nahezu manipulativ. "Er setzt dir einen, wie er selbst sagt, unmoralischen Wunsch vor, diktiert dabei gleich die künftigen Beziehungsverhältnisse - und falls du darauf nicht eingehen solltest, schiebt er dir gleich noch die Verantwortung dafür zu, wenn im Ergebnis die Freundschaft daran zerbricht. Und dann macht er das nicht in den Stunden, in denen ihr auf Augenhöhe zusammen am Tisch sitzt und esst, sondern quasi mit dem Fuß in der Tür, nämlich während er ohne Jacke im Schneegestöber friert, nachdem er dich sicher im Auto verstaut hat. Du musst dich also entscheiden, ob dein sofortiger Gesprächsbedarf wichtiger ist als seine Gesundheit. Und die einzige Nachfrage, die du wagst, nämlich die nach den Pornos, beantwortet er ausweichend." - "Du würdest mir also abraten?", fragte ich.

Maries Mutter antwortete: "Nein, so pauschal nicht. Du musst dir aber im Klaren sein, worauf du dich da einlässt. Auf einen Typen, der nicht genug Arsch in der Hose hat, um dich gerade heraus zu fragen, ob du mit ihm vögeln willst, der dich als Abenteuer, vielleicht sogar als Spielzeug sieht, mit dem er Spaß haben kann, und der seine Verantwortung vermutlich auch künftig in erheblichen Teilen auf dich abwälzen wird. Das klingt erstmal negativ und nervig, und von einer Partnerschaft mit ihm würde ich dir in der Tat abraten - auch wenn ich glaube, dass Erfahrungen nützlicher sind als gute Ratschläge. Aber wenn du dich stark genug fühlst, um hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen für das, was er im Bett mit dir macht, dann kann das der beste Sex deines Lebens werden."

"Du meinst..." - "Genau. Das Spiel mit den gezinkten Karten ist nur so lange ungerecht, wie einer von dem Zink nichts weiß."

Ich glaube, ich habe verstanden. Wie gesagt, sehr spannend. Ich kenne ihn übrigens seit mehreren Jahren. Nicht aus der Behinderten-Szene. Woher, das verrate ich vielleicht später mal. Womit klar ist, dass es weiter geht. Wie, das weiß ich noch nicht. Und wo schon nach einem Namen gefragt wurde: Sebastian.

Samstag, 27. Dezember 2014

Ein unmoralisches Angebot

Ich weiß, dass einige Menschen meinen Blog lesen. Ich weiß auch, dass einige Freundinnen und Freunde mal häufiger, mal seltener hier reinschauen. Oft höre ich: "Worüber du so alles schreibst! Und was die Leute so alles lesen! Und dass das beides offensichtlich so gut zusammenpasst! Das hätte ich nie gedacht." - Wie ich einst zum Bloggen gekommen bin, erzähle ich dann hin und wieder, manchmal aber inzwischen auch nicht mehr.

Die meisten Menschen, die ich persönlich kenne und die nebenbei auch meinen Blog kennen, kritisieren, dass ich zu ausführlich schreibe. Die Texte seien zu lang und meine Meinung sei ihnen zu facettenreich und zu kompliziert zu verstehen. Vielleicht liegt das an meiner Weiblichkeit. Frauen sind ja allgemein schwer zu verstehen, gerade von Männern.

Auf meine Weiblichkeit hat es gerade auch jemand abgesehen, den ich aus Hamburg kenne. Er kennt mich, er kennt meinen Blog, und hat aktuell von meiner beendeten Jörn-Beziehung erfahren. Aus meinem Blog. Und von dem, was ich mit Jörn vorhatte. Sein Statement, für das er mich unbedingt zu einem leckeren Kartoffel-Auflauf eingeladen hat und das er mir quasi erst nach dem Essen, nachdem er mir ins Auto geholfen hatte: "Wenn wir dabei Freunde bleiben können, kannst du das bei mir auch haben."

Meinen fragenden Blick beantwortete er so: "Ganz einfach: Ich schätze unsere Freundschaft und möchte sie nicht gefährden. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir miteinander auch auf anderer Ebene großen Spaß haben könnten. Ungezwungen. Sieh es als unmoralisches Angebot. Es liegt jetzt an dir, ob du ab sofort nichts mehr mit mir zu tun haben willst, alles so bleibt wie es ist oder wir mal zusammen in die Sauna gehen. Vielleicht ja schon in der nächsten Woche. Ich bin nicht verliebt in dich und ich kann mir auch keine Beziehung mit dir vorstellen. Dafür sind wir zu verschieden und ich habe schon mehrmals schmerzhaft erfahren müssen, dass die von mir beanspruchten Freiheiten jeder ernsthaften Partnerschaft im Weg stehen."

"Was für Freiheiten sind das?", fragte ich, um einfach mal eine Frage zu stellen und ein wenig Zeit für ein bis zwei klare Gedanken zu dem doch recht überraschenden unmoralischen Angebot zu gewinnen. Während ich im Auto saß und er in der halb geöffneten Beifahrertür lehnte. Ohne Jacke im eisigen Wind; nachdem er meinen Rollstuhl auf dem Beifahrersitz sicher untergebracht hatte. Er antwortete: "Die Pornosammlung auf meinem PC zum Beispiel. Die mochte bisher noch keine Partnerin." - "Hm. Ich glaube, dass viele Männer Pornos auf ihrem PC haben. Davon mal abgesehen, dass ich mir mit dir auch keine Partnerschaft vorstellen kann, und zwar einfach aus dem Gefühl heraus, wüsste ich jetzt hierbei nicht, wo genau das Problem liegen soll. Sind das spezielle Pornos?"

Er antwortete: "Es sind keine verbotenen oder perversen Sachen. Also nichts mit Kindern oder Tieren oder sowas." - "Aber dennoch ungewöhnliche?" - "Was ist schon gewöhnlich? Bei Pornos geht es darum, schnell zur Sache zu kommen und Druck abzubauen. Wenn ich unterhalten werden will, gucke ich einen Spielfilm. Also muss im Porno niemand am Ende heiraten, ich wäre ohnehin vorher fertig. Und bei meinen Partnerinnen war bisher oft das Problem, dass ich ihnen zu wenig romantisch war. Ich brauche keine 200 Teelichter um das Bett und keine fünf Duftkerzen daneben - die einen erzeugen unnötige Wärme, die anderen unnötigen Gestank. Außerdem muss man ständig aufpassen, dass die Bettdecke nicht Feuer fängt." - "Banause", lachte ich. - "Gar nicht! Würde meine Freundin mich bitten, ihr eine herzförmige Trockenbauwand mit roter Hintergrundbeleuchtung und integriertem Flachbildfernseher ins Schlafzimmer zu bauen und die Decke als Sternenhimmel mit 75 Mini-Lämpchen abzuhängen, würde ich mich drei Tage lang mit nichts anderem beschäftigen und ihr ein perfekt verkabelt und verspachteltes Liebesnest bauen. Meinetwegen auch mit Wasserbett und Fußbodenheizung. Allerdings würde ich ihr auch zeigen wollen, dass die roten LEDs bei Bedarf auch lila oder türkis blinken können, und dann wäre wieder alles dahin."

Ich musste grinsen und fragte weiter, wollte es noch einmal hören: "Und was willst du jetzt von mir?" - "Wie gesagt: Ich mache dir ein unmoralisches Angebot. Für eine Beziehung bist du mir zu jung. Immerhin sind es zehn Jahre. Oder elf? Egal, deine Ansichten sind mir zu jugendlich. Aber ich finde dich sexy. Dich und deinen Körper." - "Meinen Körper? Sexy? Im Rollstuhl?" - "Ja, wieso? Hast du Komplexe oder was?" - "Ähm, nein, ich unterstelle sie nur oft unbewusst anderen Menschen." - "Ich merke das schon. Überleg es dir. Ruf mich an, wenn du zu Ende überlegt hast. Und fahr vorsichtig, es könnte glatt sein! Tschüss!"

Zack, war die Tür zu. Als er an seinem Hauseingang war, winkte er nochmal. Und jetzt sitzt er vor seinem PC und liest, was ich über ihn geschrieben habe.

Freitag, 26. Dezember 2014

Honig im Kopf

Manche Menschen schwärmen für den nuschelnden Tilman. Manche konnten kaum erwarten, bis sein neuer Film in die Kinos kam. Ausgerechnet am ersten Weihnachtstag, am Fest der Liebe und der Familien, läuft "Honig im Kopf" an. Wenn das mal kein Zufall ist...

Ich selbst bin weder pro noch contra Schweiger. Beim Tatort geht er mir regelmäßig auf den Keks, kürzlich bei Inas Nacht fand ich ihn zu hochnäsig, was vielleicht an seiner akuten Erkältung gelegen hat - in seinen Kinofilmen ist mir manches zu übertrieben, manches zu einfach durchschaubar und zu konstruiert. Aber "Wo ist Fred?" hat mir sehr gut gefallen, nicht zuletzt wegen der einschlägigen Thematik, und auch Zweiohrküken und Kokowääh fand ich durchaus sehenswert.

Etwas schade ist, dass der Film in Hamburg in den Abendvorstellungen der großen Kinos aktuell nur in Sälen gespielt wird, die für Rollstuhlfahrer nicht erreichbar sind. So haben Marie und ich uns zusammen mit Maries Eltern, die den Streifen auch sehen wollten, in einen für den Andrang viel zu kleinen Kinosaal gesetzt und versucht, uns berieseln lassen.

Berieselt hat allerdings nur die Werbung. Sobald der Film startete, ging es zur Sache. Mehr als drei Sekunden durfte der Blick nicht in die Popcorntüte wandern, sonst lief man Gefahr, irgendeine Pointe zu verpassen. Was nicht gerade entspannend ist; aber immerhin war auch niemand eingeschlafen. Der Streifen enthielt den üblichen Klamauk, die Handlung war mir teilweise zu stark konstruiert. Damit meine ich weniger die Darstellung der Krankheit "Alzheimer", sondern mehr die viel zu lässigen und oft für mich persönlich nicht realistischen Reaktionen aus der Umwelt.

Wie schon in den letzten Streifen durften natürlich auch diesmal Pinkelszenen und gecrashte Oberklassefahrzeuge sowie das Feuer in der Küche nicht fehlen. Wenn man das aber als schweigertypisch abhaken konnte, bleibt etwas sehr, sehr schönes übrig: Ein wunderbarer Film über eine fiese und weit verbreitete Krankheit, über die Fachleute viel forschen, die aus dem Alltag aber lieber verdrängt wird. Und nachdem ich täglich selbst erlebe, vor welche Herausforderungen ich als Rollstuhlfahrerin meine Mitmenschen oft nur durch meine bloße Anwesenheit stelle, möchte ich gar nicht darüber nachdenken, wie schwierig doch Begegnungen zwischen sich für normal haltenden Menschen und jenen sein können, in deren Köpfen die Gedanken so zäh "wie durch Honig fließen".

Dieter Hallervorden, der in diesem Film den an Alzheimer erkrankten Opa spielt, läuft zur Höchstform auf. Eine so glaubwürdige Vorstellung hätte ich ihm, ehrlich gesagt, nicht zugetraut. Was vielleicht daran liegen könnte, dass ich den Fernseher eher selten einschalte und wenn, dann meistens, um Entspannung zu suchen. Entspannend fand ich dabei Didis Witze allerdings nie, eher habe ich immer ziemlich zeitnah ein anderes Programm gewählt. So war er mir bisher mehr als alberner Komiker und weniger als großartiger Filmschauspieler bekannt. Begeistert hat mich auch Emma, die 11jährige Schweiger-Tochter.

Trotz der mit sehr viel Humor verfeinerten ernsthaften Handlung finde ich den Film sehr gelungen und bereue nicht, ihn mir am heutigen zweiten Weihnachtstag angesehen zu haben. Für einen familienfreundlichen Unterhaltungsfilm bekommt er von mir als Mensch mit - derzeit zum Glück nur körperlichen - Beeinträchtigungen viereinhalb Sterne. Ich kann nur hoffen, dass der Streifen die öffentliche Debatte über den gesellschaftlichen Umgang mit beeinträchtigten Menschen weiter anfeuert, und dass wir alle uns darauf besinnen, dass die kognitive Leistungsfähigkeit eines Menschens kein Qualitätsmerkmal ist.

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Gekartoffelt und gekäst

Maries Eltern waren heute zu einem Sektfrühstück eingeladen, Marie und ich durften ausschlafen und anschließend mit dem Hund eine Stunde am Deich spazieren gehen. Insofern fing der Tag besser an als er danach weiterging. Wir freuten uns schon auf gemeinsames Raclette mit zwei Freundinnen. Als endlich alle sechs am Tisch saßen, gab es ein eher leises Knacken in dem Gerät, anschließend wurde es dunkel im Raum. Irgendeine Sicherung in der Hausinstallation war rausgesprungen. Maries Vater probierte das noch ein zweites Mal in seinem Bastelkeller mit ähnlichem Ausgang. Eine der beiden Bekannten meinte dann: "Meine Eltern haben fast das gleiche Gerät zu Hause. Wir könnten es schnell holen."

Gesagt, getan. Die beiden Freundinnen waren mit Fahrrädern gekommen, die Eltern wohnten aber rund fünfzehn Kilometer entfernt. Maries Papa wollte nach dem Sektfrühstück nicht mehr fahren, also war ich dran. Da die Freundinnen erst noch fragten, wie denn das mit dem Rollstuhl ginge, entschied sich kurzerhand Maries Papa, mit mir mitzufahren. So konnte bei den Eltern der Freundin schnell jemand aus dem Auto springen und das Gerät rausholen.

Ich hatte ja schon immer den Verdacht, dass Maries Papa selbst auch einen Magneten mit sich führt, der meinen Idiotenmagneten zumindest ablenkt. Wenn auch nur sehr schwach. Ich fuhr mit rund 35 km/h auf eine Ampelkreuzung zu. Die Straße war hier in meine Richtung dreispurig. Jeweils eine Rechts- und Linksabbiegerspur und eine für Geradeaus. Ich wollte mich auf die Linksabbiegerspur einordnen, und da man dabei ja einen Schulterblick macht, guckte ich für einen Moment nicht nach vorne. Genau in dieser Sekunde kam eine Frau in einem Kleinstwagen aus einer rund 200 Meter vor der Kreuzung von rechts einmündenden Stopp-Straße geschossen. Ohne zu blinken, vermutlich ohne zu gucken und ganz sicher ohne an der Haltelinie zu stoppen. Aufmerksam wurde ich auf sie zuallererst durch die City-Notbremsfunktion an meinem Fahrzeug, die unvermittelt auslöste, dann durch ein "Vorsicht!" von Maries Vater, der vergeblich auf das nicht vorhandene Bremspedal auf der Beifahrerseite steigen wollte. Mein Glück war, dass auf der entgegenkommenden Spur niemand fuhr, so dass ich mit einem beherzten Dreh am Lenkrad eine Kollision gerade noch verhindern konnte.

Die erste Reaktion von Maries Vater, der sich bei dem Manöver den Kopf gestoßen hatte: "Alter Schwede, hast du Reflexe. Ich wäre der jetzt ganz geschmeidig in die Tür gekachelt." - "Das war die Elektronik. City-Notbremsfunktion nennt sich das. Die bremst noch bevor die Schrecksekunde vorbei ist." - "Egal, jetzt weißt du, wieso ich nach einem Sekt nicht mehr Auto fahre." - "Sag mir mal lieber, was die geraucht hat", meinte ich und wunderte mich darüber, dass die Dame ohne offenbar von der Situation Notiz genommen zu haben, weiterfuhr und sich inzwischen nicht mehr ganz links, sondern mittig (in der Geradeausspur) vor der roten Ampel eingeordnet hatte. Maries Vater sagte: "Die hatte zu Weihnachten acht Flaschen Melissengeist - da bleibt eben Restalkohol."

Als wir neben ihr an der Ampel standen, wagte ich einen Blick nach rechts. Das Auto war völlig von innen beschlagen, nur die Seitenscheibe war einmal unten gewesen und in der Frontscheibe war eine pizzateller-große Fläche freigewischt. "Sie kocht sich gerade einen Tee", blödelte ich. Maries Vater schüttelte nur den Kopf. Die Ampel sprang auf grün, ich fuhr los, da kein Gegenverkehr kam, konnte ich sofort abbiegen. Ich guckte zur Sicherheit noch einmal links über die Schulter, ob noch vielleicht ein Radfahrer ohne Licht gegen die Fahrtrichtung über den Fußgängerüberweg geprescht kommt, und als ich wieder nach vorne gucke, sehe ich im Augenwinkel die Scheinwerfer eines Autos im rechten Außenspiegel. Reflexartig weiche ich nach links aus und komme gerade noch rechtzeitig vor einem Linienbus zum Stehen, der gerade an seiner roten Ampel wartet. Tatsächlich war die Frau in dem beschlagenen Auto ebenfalls links abgebogen - von der Geradeausspur, quasi in zweiter Reihe. Da es eigentlich nur eine (meine) Linksabbiegerspur gab, mussten wir uns am Ende eine Fahrspur teilen. Und die hatte Madam bereits durch ihr Rechts-beim-Abbiegen-Überhol-Mavöver voll in ihrem Beschlag. Sie blieb neben mir kurz stehen und zeigte mir eine Scheibenwischer-Geste. Ich habe vermutlich aus der Wäsche geguckt wie eine Kuh wenn es donnert.

Der Busfahrer nahm die Hände vor sein Gesicht und schüttelte ebenfalls den Kopf, lehnte sich extra weit nach vorne, um der Frau in dem beschlagenen Auto noch hinterher gucken zu können. Ich seufzte einmal tief und ordnete mich wieder in den fließenden Verkehr ein. An der nächsten Kreuzungsampel hatten wir sie wieder eingeholt. Maries Vater sagte: "Bleib bloß dahinter, sie biegt bestimmt gleich aus der linken Spur nach rechts ab." - Wäre es nicht so gefährlich, könnte man glatt darüber lachen: Er sollte recht haben. Kaum über die Kreuzung, zog sie ohne zu blinken und ohne zu gucken nach rechts in meine Spur und bremste scharf. Da wir versetzt fuhren, war das nicht weiter kritisch, außer dass ich eben auch scharf bremsen musste. Dann bog sie nach rechts auf eine Tankstelle ab. "Fahr mal hinterher", meinte Maries Vater.

"Und dann?", fragte ich. Er sagte: "Ich will mal sehen, ob die besoffen ist. Falls ja, rufe ich eben meine Kollegen an. Bevor sie heute noch einen vom Fahrrad holt oder vielleicht ein Kind totfährt." - Madam fuhr allerdings nicht zum Tanken, sondern gleich wieder zur Ausfahrt. Vielleicht fühlte sie sich verfolgt. Ich blieb neben einer Zapfsäule stehen und sagte: "So. Ich werde jetzt mein Glück nicht weiter strapazieren und du hast heute dienstfrei. Diesel ein Euro sieben. Machst du kurz voll? Und dann holen wir den Raclette-Grill. Nicht, dass die Trulla uns gleich noch reinknallt und ihr Anwalt später vor Gericht die Frage stellt, warum wir nicht schon vor drei Kilometern die Polizei gerufen haben." - "Da hast du recht." - "Siehste..."

Am Ende gab doch noch ein tolles Raclette-Essen. Ich fühle mich nun völlig genudelt gekartoffelt und gekäst, bin mit Marie, den Eltern und den Gästen noch eine große Runde durch Felder und Wiesen bei strahlend blauem Himmel und eiskaltem Wind gedreht, wir mit (Vorspann-) Handbikes, die restlichen Leutis auf Fahrrädern und der Hund auf vier Pfoten. Endlich kann ich mich mal ein wenig entspannen!

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Owie lacht!

Was wäre bloß eine Arztpraxis ohne Notfallsprechstunde am Heiligabend? Marie und ich durften Maries Mutter in ihrer Praxis unterstützen. Ihr ausdrückliches Ziel war es, bis zum frühen Nachmittag wieder abschließen zu können. Die Mitarbeiterin schlug vor, ein Schild an die Tür zu hängen: "Heute nur Notfälle!" - Maries Mutter meinte, dass das eher diejenigen zum Umkehren bringt, die wirklich gesundheitliche Probleme haben. Die anderen fühlen sich dadurch eher noch bestätigt. Sie sollte Recht behalten.

Um 7.40 Uhr, zwanzig Minuten vor dem Aufschließen, saßen bereits vier Patienten in ihren Autos, teilweise in Begleitung, teilweise alleine. "Wer noch selbst Auto fahren kann, riskiert entweder fahrlässig seinen Lappen oder ist kein Notfall", philosophierte Maries Mutter.

Ein Mann um die 40 kam mit einem Migräne-Anfall. Er besuche seine Eltern in Hamburg, habe seine Medikamente nicht mitgenommen, da er seit einem halben Jahr keinen Anfall gehabt hatte. Seine Eltern sind bei Maries Mutter in Behandlung. Ausgerechnet zu Weihnachten ging das los. Ihm war wirklich anzusehen, dass es ihm nicht gut ging. Er bekam seine Notfallmedizin verordnet und machte sich auf den Weg zur Notdienst-Apotheke.

Ein anderer Mann in etwa gleichem Alter hatte sich einen Nerv in der Schulter eingeklemmt und höllische Schmerzen. Da konnte Maries Mutter gut helfen. Eine junge Frau kam mit ihrem kleinen Kind, das sich beim Toben eine stark blutende Wunde am Unterarm zugezogen hatte. Auch das war eher Routine. Eine ältere Frau, um die 70, hatte seit dem Vorabend Probleme mit einem implantierten Herzschrittmacher. Sie habe das Gefühl, mehrmals kurzzeitig bewusstlos gewesen zu sein. Sie wollte "ein paar starke Wachmacher auf Rezept" - und bekam natürlich eine Einweisung ins Krankenhaus. Einem älteren Mann war es sichtlich unangenehm, dass seine Frau ihre Zuckertabletten verloren hätte. Es sei sowieso der letzte Blister gewesen und der sei nun weg. Für diese Leute war es wichtig, heute einen Arzt anzutreffen.

Aber es gab natürlich auch wieder den üblichen Wahnsinn. Ein junger Mann mit einer entzündeten Haarwurzel wollte etwas zum Abschwellen, damit seine Freundin nicht denke, er sei unhygienisch. Ein anderer junger Mann wollte ein Antibiotikum. Er habe seit Wochenbeginn eine Erkältung, letzte Nacht im Zug aus Berlin Fieber bekommen. Eine junge Frau wollte die "Pille danach", sozusagen vorweg, falls über Weihnachten etwas unvorhergesehenes passiert. Ein Vater kam mit seiner Tochter, die angeblich beim Zähneputzen das Wasser samt einer erbsengroßen Menge Zahnpasta runtergeschluckt und nun Bauchweh habe. Der Unfall war allerdings schon gestern abend gegen 18 Uhr passiert.

Und ein Mann Mitte 30, vorher noch nie in der Praxis gewesen, wollte wissen, ob heute viel los sei - falls nicht, würde er sich nämlich gerne eine kleine Warze an der Brust entfernen lassen, dazu habe er sonst immer keine Zeit, weil er arbeitete. Nein, nicht seine Brustwarze. Es handelte sich um ein stecknadelkopfgroßes Fibrom. Als Maries Mutter ihm dann erzählte, dass sie auch Termine vor und nach seiner Arbeit hätte und das eine privatärztliche Leistung sei, wurde er laut und flog am Ende raus.

Kurz vor Schluss kam noch eine alte Frau, weit über 90, zum Blutdruckmessen. Sie ist dement und wohnt bei ihrer Tochter und dem Schwiegersohn. Als diese sie alleine ließen, um die Enkelkinder vom Flughafen abzuholen, hat sie sich auf den Weg zum Arzt gemacht. Nachdem alles kontrolliert war, holte die von mir angerufene Tochter sie wieder ab. Sie kamen gerade durch die Tür, als das Telefon klingelte - und damit blieb ihnen zum Glück jede Aufregung erspart. "Das war das erste Mal, dass sie aus dem Haus gegangen ist", meinte die Tochter. Die alte Dame antwortete: "Ich kann doch wohl noch alleine zum Arzt gehen, schließlich hatte ich einen Termin! Meine Tochter stellt mich immer dümmer dar als ich bin." - "Das ist bestimmt keine Absicht", beschwichtigte Maries Mutter, "ich glaube, Ihre Tochter macht sich einfach Sorgen um Sie und möchte, dass es Ihnen gut geht!"

Es gelang, um halb vier Feierabend zu machen. Um sechs Uhr abends gingen Marie und ich mit Maries Eltern in einen Gottesdienst, anschließend gab es zu Hause eine kleine Bescherung (am meisten bekam der Hund, und dem gefiel am besten das Geschenkpapier) und einen wunderschön entspannten Abend. Würstchen und Kartoffelsalat als klassisches Hamburger Heilig-Abend-Mahl - anschließend wurde getanzt und gesungen. Unsere zwei Gitarristinnen haben das mal wieder toll hinbekommen. Der weiße Neger Wumbaba war heute zwar nicht vor Ort, dafür hatte Gottes Sohn Owie aber endlich mal wieder gelacht (Insider: "Stille Nacht, heilige Nacht, Gottes Sohn Owie lacht lieb aus deinem göttlichen Mund, ..."). Am schönsten von uns allen sang der Hund, wobei er aus meiner Sicht für seine Lautstärke noch nicht textsicher genug war. Aber das sah Marie ganz anders. Sie sprach von Multilingualität. Auf ihren Füßen sitzend, den Kopf im Nacken, erfuhren wir, dass "A-huuuu-hu-huuuuu-jajaja-njam-njam" - alles klar?

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Dienstag, 23. Dezember 2014

Spontanes Training

Der Norden hat mich wieder. Endlich. Wie habe ich sie vermisst, die Stadt, von der viele Hamburgerinnen und Hamburger behaupten, sie sei die schönste der Welt. Auch das norddeutsche Wetter habe ich vermisst. Die Niederschlagsmenge würde zwar für locker zwei Meter Neuschnee reichen, die Windstärke für einen weiteren Meter Schneeverwehungen, nur für einen weißen Heiligabend hat irgendwer den Thermostat falsch eingestellt: Bei deutlich zweistelligen Werten könnte man beinahe über eine Kugel Eis auf die Hand nachdenken.

Lisa fragte ungefähr ein halbes Dutzend Mal, ob wir noch eine Runde mit dem Handbike trainieren wollen. Zuerst hatte ich das für einen Scherz gehalten, denn die Regentropfen flogen zeitweise waagerecht. Aber es war ernst gemeint. Warm genug war es, und so trafen wir uns tatsächlich noch zu einer moderaten Einheit auf dem Elbdeich. Lisa fiel uns buchstäblich um den Hals, drückte Marie und mir einen dicken Kuss auf die Wange und erzählte uns mindestens drei Mal, wie sehr sie uns vermisst hätte. "Die Leute sind aktuell alle so träge", ließ sie uns wissen.

Und sie hätte Frust angestaut, den sie durch ein wenig körperliche Bewegung loswerden wollte. Frust darüber, dass ihr Chef sie zum Jahresende gekündigt hat - wegen ihrer Behinderung. Bevor nun eine Diskussion beginnt, dass man Menschen mit Behinderung nicht wegen ihrer körperlichen Beeinträchtigung kündigen dürfe, fasse ich das Drama kurz zusammen: Sie soll geklaut haben. Irgendetwas geringwertiges, womit sie zudem wegen ihrer Behinderung gar nichts anfangen kann. Sie sagt, das sei an den Haaren herbeigezogen. Wirklicher Grund war, dass ihr Chef vor kurzer Zeit erkannt hatte, dass das Arbeitsamt nicht für Lisas Gehalt aufkommt. Auch nicht teilweise. Darauf hatte der Chef aber spekuliert, als er eine junge Frau mit Behinderung eingestellt hatte. Es hätte sogar für zwei bis drei Jahre funktionieren können, wenn der Arbeitsvertrag nicht befristet geschlossen worden wäre.

Wie dem auch sei - sie arbeitet, um nicht vom Unterhalt der Eltern abhängig zu sein. Sie ist stolz auf ihre Unabhängigkeit. Der angebliche Diebstahl passt überhaupt nicht. Und ich kann es verstehen, dass sie sich darüber aufregt. Es regt ja sogar mich auf, wenn ich nur zuhöre. Gemeinsames Schimpfen über das ganze System tat ihrer Seele gut. "Am liebsten hätte ich an dem Tag alles kurz und klein gehauen und mich mit allen Leuten, die mir über den Weg gelaufen sind, geprügelt", meinte sie und fügte hinzu: "Wunder dich nicht, wenn ich gleich absichtlich mittig durch die tiefsten Pfützen fahre. Ich brauche das heute."

So gesellte sich zu Marie und einer Stinkesocke, die aussahen wie zwei begossene Pudel, ein kleines Erdferkel, das sichtlichen Spaß daran hatte, dreckig zu werden. Marie und ich mussten sie am Ende mit vereinten Kräften davon abhalten, direkt in den See zu springen. Nach zwei Stunden Training wäre das gerade noch sieben Grad warme Wasser eine absolute Herausforderung für jeden Kreislauf. Mit ungewissem Ausgang. "Ich mache dir einen anderen Vorschlag", sagte Marie. "Wir duschen jetzt warm und anschließend kommst du mit zu mir und wir machen zu dritt einen Sauna-Abend bei uns im Garten."

Schön war es. Auch wenn mir Sauna bei Schneegestöber besser gefällt als bei zweistelligen Außentemperaturen, die Gartensauna war definitiv auch etwas, was ich in den letzten Wochen vermisst hatte.

Montag, 22. Dezember 2014

Vier Mann, vier Ecken

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Das wusste schon Matthias Claudius, und der fuhr mit Sicherheit nicht im ICE. Ich dachte mir, im Laufe der Jahre würden sich die Dinge so langsam verändern, vielleicht sogar verbessern. Aber ich bin wohl zu ungeduldig.

Spontaner ist sie geworden, die Deutsche Bahn. Während ich früher oft die Auskunft erhielt, Rollstuhlfahrer dürften nicht mitfahren, wenn sie nicht mindestens 48 Stunden vor Abfahrt angemeldet seien, hat man inzwischen sogar ausnahmsweise die Möglichkeit, die örtlichen Mitarbeiter großer Bahnhöfe spontan anzurufen, um sie um Einstiegshilfe zu bitten. Ganz ohne telefonische Voranmeldung zu reisen, ist aber nach wie vor nicht empfehlenswert: Es ist noch gar nicht so lange her, als mir eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn sagte, ich müsse auf dem Bahnsteig stehen bleiben, weil ich nicht vorgemeldet sei. Sie nehme nur Reisende im Rollstuhl mit, wenn diese angemeldet wären. Vier junge Männer, die kurzfristig von ihren Sitzen aufsprangen und getreu dem Motto "Vier Mann, vier Ecken" die Stinkesocke über die Schwelle trugen, ließen die Dame mit der roten Mütze recht schattig darstehen.

Was aber auch passieren kann, und da erinnere ich mich an meine letzte Reise, dass ich mich ordnungsgemäß angemeldet habe, aber niemand am vereinbarten Treffpunkt erscheint. Nun muss man dazu sagen, dass sich als Treffpunkt nur selten "vor der Zugtür" vereinbaren lässt. Oft erwartet der Servicedienst der Deutschen Bahn, der Rollstuhlfahrer oder die Rollstuhlfahrerin möge sich zwanzig Minuten vor Abfahrt des Zuges an einem Service Point einfinden. Um ihm oder ihr dann dort zu sagen: "Sind Sie Frau Stinkesocke? Alles klar, dann treffen wir uns in zwanzig Minuten vor der Tür zu Wagen neun! Fahren Sie schonmal vor!" - In diesem Fall stand ich am Service Point, allerdings alleine. Nach zehn Minuten entschied ich mich, doch zum Zug zu fahren und die Aufsicht auf dem Bahnsteig anzusprechen. Kreisch: "Das müssen Sie anmelden!" - "Hab ich, ich komme gerade vom Service Point, da waren wir vor zehn Minuten verabredet, aber Ihr Kollege ist nicht erschienen!" - "Warum kommen Sie denn erst jetzt? Wie soll ich in den verbleibenden zehn Minuten einen Kollegen finden, der die Rampe bedienen kann?"

Schlurfenden Ganges kam der Herr für die Rampe dann doch noch rechtzeitig. Er habe mich am Service Point gesucht, ich sei nicht dort gewesen. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf. Übrigens kam der Zug zwanzig Minuten verspätet, da er verzögert bereit gestellt worden war. Und in umgekehrter Wagenreihenfolge. Was natürlich immer besonders lustig ist, da die mehrere Meter breite, fahrbare Rampe am halben Zug entlang durch die Ströme sich neu orientierender Reisender hindurch geschoben werden muss. Aber immerhin blieb das Gleis dasselbe, so dass mir hektische Wechsel auf andere Bahnsteige erspart blieben.

Im Zug ging das Chaos weiter: "Müssen Sie in den nächsten Stunden auf die Toilette? Denn die einzige Behindertentoilette ist gesperrt. Wir könnten Sie an der nächsten Station raussetzen, Sie warten dort eine Stunde auf den nächsten Zug - oder Sie müssen ein paar Stunden anhalten." - "Kann man da denn nur nicht spülen oder ist der Raum unbenutzbar?" - Ich wollte der Zugbegleiterin jetzt nicht erklären, wie Einmalkatheter mit Beutel funktionieren (grundsätzlich sollte jeder, der sich bei voller Blase kurzzeitig einen Katheter zur Blasenentleerung durch die Harnröhre schieben kann, entsprechendes Equipment bei jeder Bahnfahrt notfallmäßig im Rucksack haben), bekam aber dennoch gleich die passende Antwort: "Wenn Sie es genau wissen wollen: Jemand hat seine Wurst gleichmäßig über die Brille verteilt. Und ich mache das nicht weg." - Das war doch mal eine Ansage. Und das ausgerechnet auf dem Behindertenklo. "Das muss irgendein Behinderter gewesen sein", befand ich, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Eine Rollstuhlfahrerin, die es sich bereits auf dem anderen der beiden vorgesehenen Plätze gemütlich gemacht hatte, konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. "Das habe ich mir auch schon gedacht", meinte sie. Die Zugbegleiterin schüttelte verstört den Kopf und schritt davon.

Am Ende bekam ich die Präsidenten-Suite zum Kathetern. Die Zugbegleiterin räumte ihr Büro, ich durfte mich auf ihren Stuhl setzen, Rollstuhl raus, Tür zu, Hose runter, Beine breit, Schlauch rein, Schlauch raus, Hose hoch - fertig. Jetzt nur auf ein intaktes Rücklaufventil hoffen und den Beutel draußen im Restmüll entsorgen. Und hoffen, dass er unter dem Gewicht des übrigen Mülls nicht platzt.

Die Verspätung baute sich auf insgesamt vierzig Minuten auf, da wir aufgrund der ersten Verspätung uns nun hinter einem langsam fahrenden Güterzug befanden. Gerade hatten wir den überholt, da musste jemand vom Rettungsdienst aus dem Zug geholt werden, wofür der Zug noch einmal außerplanmäßig an einem Wald- und Wiesenbahnsteig hielt. Einige Reisende nutzten diesen Aufenthalt als Rauchpause, sehr zum Ärgernis der Zugbegleiterin, denn die musste erstmal von Wagen 1 zu Wagen 11 laufen, um die Leute wieder in den Zug zu scheuchen. Das "Bitte steigen Sie ein, wir wollen weiterfahren!" über die Lautsprecheranlage reichte nicht.

Und muss ich noch erwähnen, dass an meinem Zielbahnhof die bestellte Ausstiegshilfe nicht bereit stand? Worauf der Zug beinahe mit mir weiter gefahren wäre, allerdings ist die Stinkesocke ja inzwischen so routiniert und dreist zugleich, dass sie sich mit ihrem Stuhl so in die offene Tür stellt, dass diese nicht mehr ohne Besuch der Zugbegleiterin zufällt. Man lernt eben dazu. "Vier Mann, vier Ecken" half auch hier. Was wäre ich bloß ohne die vielen starken und hilfsbereiten Männer, die regelmäßig Zug fahren?

Dienstag, 16. Dezember 2014

Amt und Sexualität

Ich bin kein Sex-Nerd. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Prostituierte aufgesucht, auch keinen Callboy gecallt. Ich hatte eher unfreiwillig und zuletzt zum Glück eher wenig mit Menschen zu tun, für die Behinderung ein Fetisch ist. Ich bekleide kein öffentliches Amt. Aber eins habe ich mit einem städtischen Behindertenbeauftragten aus Rheinland-Pfalz dann doch noch gemeinsam: Ich schreibe öffentlich über (meine) Sexualität. Nicht allzu häufig, sondern eher hin und wieder, aber bei Bedarf auch ausführlich und im Detail.

Warum ich das tue, ist schnell beantwortet: Ich glaube, dass es Menschen interessiert. Und das erkenne ich nicht zuletzt an der viel zu häufig gestellten Frage von Freunden, Bekannten und Fremden, ob ich trotz oder mit meiner körperlichen Einschränkung ein halbwegs befriedigendes Sexualleben hätte. Ja, richtig gelesen, solche Fragen werden mir teilweise im Aufzug zwischen U-Bahn-Tunnel und Straßenebene von wildfremden Menschen gestellt. Und das nicht selten.

Kurzum: Es gibt Menschen, denen juckt niemals das Fell, wenn ihr Arm gerade über Wochen eingegipst ist. Aber wehe, wenn es doch mal juckt. Eine Kollegin hat mir erzählt: Lineale, Stifte und Schals bleiben regelmäßig in Gipsverbänden hängen. Manchen Menschen ist das peinlich, anderen weniger. Und genauso gibt es Menschen, die kaum sexuelle Bedürfnisse haben. Aber eben eine deutliche Mehrheit, die den Reproduktionstrieb regelmäßig befriedigt. Und sei es alleine. Manchen Menschen ist das peinlich, anderen weniger.

Fakt ist doch wohl, dass jeder Mensch entscheiden kann, ob er einen Beitrag über Sexualität lesen möchte. Zumindest ist das in meinem Blog so. Soll heißen: In diesem Beitrag geht es auch um Sexualität, wer es nicht lesen will, scrollt weiter zum Nächsten. Beitrag. Wenn ich über Sexualität schreibe, entsteht das, wie bereits erwähnt, meistens aus der Motivation heraus, andere Menschen an meinen Wünschen, Bedürfnissen, Gedanken und an meinem in meiner Situation erworbenen Kenntnis- und Erfahrungsschatz teilhaben zu lassen. Mit dem Wissen, dass Sexualität, und insbesondere jene von Menschen mit Beeinträchtigungen, über lange Zeit tabuisiert wurde. In der Hoffnung und dem Ziel, Ängste zu nehmen und Offenheit zu produzieren. Und in dem Glauben, dass Offenheit uns allen gut tut.

Ich kenne inzwischen viele Menschen mit Behinderungen, einige auch sehr eng, und mit vielen habe ich auch bereits über Sexualität gesprochen. Wenn mich jemand um einen zusammenfassenden Vergleich bittet, würde ich in den Raum stellen, dass die Sexualität von Menschen mit und ohne körperliche Beeinträchtigung sich jeweils nicht unterscheidet. Manchmal gibt es die eine oder andere Herausforderung bei der technischen Umsetzung. Und Menschen mit Behinderung habe ich häufig wesentlich offener und ehrlicher erlebt, was aber daran liegen kann, dass ich selbst sofort als Mensch mit Behinderung erkennbar bin und sich damit eine Berührungsangst reduziert.

Ich habe mir gerade vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn mir aufgrund dieser meiner Einstellung zu und diesem meinem Umgang mit Sexualität nun Türen aktiv verschlossen werden würden. Wenn ich beispielsweise meinen späteren Beruf, ein öffentliches Amt nicht (mehr) ausüben dürfte. Oder wenn ich deshalb nicht mehr bloggen dürfte. Ich glaube, ich wäre schon sehr enttäuscht von unserer Gesellschaft. Weil ich eigentlich von ihr ein anderes Bild habe.

Dem eingangs erwähnten Behindertenbeauftragten einer rheinland-pfälzischen Stadt mit immerhin über 100.000 Einwohnern scheint es, Medienberichten zufolge, gerade so zu ergehen. Seine Wiederwahl wurde einfach von der Tagesordnung genommen, nachdem eine Partei zuvor noch "Beratungsbedarf" habe. Der jetzige Amtsinhaber habe diese Information erst während der entsprechenden Veranstaltung erhalten - und beraten werde nur in seiner Abwesenheit. Zum Beispiel sei sein Stellvertreter auf inoffiziellem Weg um eine Kandidatur gebeten worden. Dabei wurde der zu offene Umgang des Amtsinhabers mit dem Thema "Behinderung und Sexualität" als Grund für dieses Ansinnen genannt. Weil das nichts brachte, sollen nun die Behindertenverbände der Stadt angeschrieben werden, um andere Personen für das Amt vorzuschlagen.

Ich muss erwähnen, dass ich mit keiner der beiden "Parteien" (nicht im politischen Sinn) gesprochen habe, sondern meine Informationen ausschließlich aus verschiedenen Presseartikeln und Veröffentlichungen auf Webseiten von Politikern zusammengetragen habe. Kopfschüttelnd. Was mich maßlos stört, ist der undurchsichtige Weg, auf dem Leute in ein Amt kommen (oder aus einem Amt gedrängt werden), die, laut offizieller Webseite der Stadt, die Interessen der behinderten Einwohner der Stadt vertreten. Damit meine ich weniger, dass diese Person nicht direkt von allen betoffenen Bürgerinnen und Bürgern gewählt wird. Sondern vielmehr, dass offenbar die Ausübung eines Amtes selbst nur solange von gewählten Regierungsvertretern ertragen wird, wie sie in ihrem Sinne erfolgt.

Die Berichterstattung erweckt den Eindruck, als gebe es keine offizielle Möglichkeit, den sexuell aktiven Behindertenbeauftragten aus dem Amt zu heben. Wenn das so ist, dann bleibt wohl nur eins: Einfach weiterscrollen, wenn er wieder über Themen schreibt, die man selbst noch nicht ertragen kann. Oder einfach nicht lesen möchte. Das mache ich übrigens bei vielen parteipolitischen Texten auch so.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Eine besondere Party

Unter einer "ruhigen Adventszeit" stelle ich mir eigentlich etwas anderes vor. Nämlich, dass es nicht in meinem Tagebuch sehr ruhig ist, weil ich vor lauter Terminen kaum noch zum Schreiben komme. Die Uni stresst mich zurzeit wirklich. Es vergeht aktuell kein Tag, an dem nicht irgendeine wichtige Arbeit abgeliefert, vorgetragen oder geschrieben wird. Alles ist sehr lernintensiv und vieles auch sehr tiefgründig. Bisher ist noch alles irgendwie gut gelaufen, aber ich sehne mir wirklich das Weihnachtsfest herbei, um mal wieder etwas durchschnaufen zu können.

Zoey musste so lange zum Glück nicht warten. Wir haben in der Nacht zu gestern unsere erste Übernachtung hinbekommen, hauptsächlich mit dem Ziel, dass sie lernen sollte, wie man alleine abführt. Ja lecker, aber nötig. Ihr Problem: Wegen ihrer Querschnittlähmung kann sie es bislang nicht alleine, bisher hat die Mutter den Enddarm im Liegen ausgeräumt, während Zoey fern gesehen hat. Das kann natürlich nicht ewig so weitergehen und vor allem muss das eigentlich nicht sein. Dass jemand manuell nachhelfen muss, sollte eher die Ausnahme sein. Sie hatte mir einen sehr langen Brief geschrieben, in dem es über mehrere Seiten darum ging, wie sehr sie diese Situation belastet, zumal die Sache an sich natürlich auch für ihre Mutter nicht angenehm ist, wobei diese aber, nach Zoeys Empfinden, zudem noch sehr dominant auftrete und sich kaum in die Situation der Tochter hinein versetzen könne. Mir persönlich wäre es insbesondere während der Pubertät schon zu viel, dass bei der Aktion überhaupt noch jemand anderes im Raum anwesend ist.

Was mir auffiel, war, dass Zoey in Anwesenheit ihrer Mutter meistens nur oberflächlich zuhörte und mit den Gedanken oft woanders zu sein schien. Das war, als wir uns unterhielten, überhaupt nicht der Fall. Im Gegenteil, es wirkte, als könne sie überhaupt nicht genügend Input bekommen. Ich vermute, dass sie einfach durch die ständige Übernahme ihrer Angelegenheiten durch die Mutter unterfordert war.

Sie sollte in meinem Bett schlafen, ich ging so lange zu Marie. Um 5.30 Uhr war der ausgemachte Termin, wobei mich wunderte, dass der zu Hause wohl selten eingehalten wurde. Und für einen gelähmten Darm ist es Gift, die Abführzeiten ständig zu wechseln. Wichtig war, dass sie bis 5.30 Uhr im Bett blieb und erst dann aufstand. Dann zum Klo, pinkeln, einen großen Becher warmen Tee trinken, wieder hinlegen, Zellstoff drunter, einige Stücke Küchenkrepp abreißen und bereit legen, Handschuhe an.

"Willkommen zur Kackparty", freute sich Zoey und wirkte irgendwie gar nicht distanziert sondern fröhlich. Ich bat sie, sich auf die linke Seite zu legen, aus anatomischen Gründen, und erfuhr, dass die Mutter das zu Hause immer machte, indem Zoey auf der rechten Seite lag. "Andersrum geht das nicht, das Bett steht an der Wand." - Das ist ungefähr so hinderlich, als würde man einem Kind zum Sprechenlernen eine Kartoffel in den Mund stecken. Das linke Bein anzuwinkeln macht auch Sinn. Ich führte ihre Hände, sowohl die linke als auch die rechte nacheinander in die richtigen Positionen. "Nicht wehtun", war der einzige Moment, in dem ich neu um Vertrauen werben musste. "Zoey, du wirst das gleich alles selbst machen, ich lege deine Hände nur an die richtigen Stellen."

Zunächst musste der Enddarm so weit ausgeräumt werden, dass Platz für ein Mikro-Klistier war. Das klappte auf Anhieb, wenngleich Zoey sehr zögerlich und übervorsichtig war, fast schon zittrig. Marie saß vor Zoeys Kopf in ihrem Rollstuhl. Auf Zoeys ausdrücklichen Wunsch sollte sie mit dabei sein, als seelische Unterstützung. Sie guckte sich die Kliestierverpackung an und sagte: "Da solltest du, wenn alles funktioniert, mal probieren, ob nicht ein weniger heftiges es auch tut."

Sie machte auf Anhieb alles richtig. Nun galt es abzuwarten, bis die Wirkung vorbei war. "Ich merke das immer an meinem Herzschlag. Sobald der wieder ruhiger wird, kann es losgehen." - Nach zwanzig Minuten ging das schon von alleine los. Zoeys Kommentar: "Scheiß die Wand an, wieso explodiert das denn fast? Das ist ja geil. Macht meine Mutter da immer nur die Hälfte rein oder was?" - Ich antwortete, konnte mich vor Lachen kaum senkrecht halten: "Erstens der heiße Tee, zweitens liegst du auf der linken Seite. Und drittens kannst du froh sein, dass hier keine Wand ist. Das hätte durchaus Potential gehabt. Du solltest also wirklich sehen, dass du das nicht mehr im Liegen, sondern auf dem Klo machst, und dann demnächst auch mal ein schwächeres Mittel nehmen. Vielleicht reicht ein pflanzliches. Aber erstmal musst du jetzt lernen, wie du deinen Enddarm leer bekommst, wenn es auf dem Klo nicht funktionieren sollte. Erstmal wartest du, was von alleine passiert. Und zum Schluss machst du das weiter, was du vorhin schon angefangen hast. Bis nichts mehr kommt."

"Das ist ja easy", befand Zoey. Und fügte hinzu: "Und mit einem Handschuh auch nicht eklig. Hätte ich das gewusst, hätte ich meine Mutter schon vor drei Jahren raus geschickt. Und wieso pinkel ich jetzt?" - "Das ist ein Reflex, der bei einigen Leuten auftritt, wenn der Enddarm leer ist. Deswegen legst du ja genügend Zellstoff drunter. Du kannst das also künftig alleine. Wichtig ist nur, dass du das regelmäßig spätestens jeden zweiten Tag, am besten zur gleichen Zeit, machst, und dass du nichts anderes als deinen Zeigefinger dort reinsteckst. Da kann man nämlich ganz viel verletzen. Und dann würde ich es künftig auf dem Klo probieren. Höchstwahrscheinlich wirst du nach ein paar Wochen ohne Zurhilfename deiner Finger auskommen."

Nun bin ich mal gespannt. Mittags sagte Marie: "Stell dir mal vor, Zoey ist zwölf, kommt nach Hause und erzählt ihrer Mama ganz stolz: 'Muddi, ich kann jetzt alleine kacken!'" - Bei der Gelegenheit musste ich an eine Kollegin vom Sport denken, die mir erzählt hat, dass ihre Mutter sie früher immer bat, sie solle unterwegs 'ich möchte singen' sagen, um ihr Bedürfnis alltagstauglich zu umschreiben. Was eines Tages in der S-Bahn dazu geführt habe, dass eine ältere Frau geantwortet hat: "Das ist aber schön, singst du uns was vor?"

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Ein roter Fleck

Das war doch mal ein überwiegend lustiger Praktikumstag! Endlich hatte ich mal richtig viel Spaß bei meiner praktischen Arbeit, die ich in diesem Semester einmal wöchentlich in der Chirurgie ableisten muss und die mir die nötigen Erfahrungen vermitteln soll. Der Hauptgrund dafür war wohl eine Ärztin, an deren Fersen ich mich heften sollte. Ich kann kaum beschreiben, warum sie mir so sehr gefiel. Es war vermutlich ihre direkte und unvoreingenommene Art, vielleicht aber auch ihr deutlich wahrnehmbarer Gefallen an ihrer Arbeit. Sie bat mir gleich das "Du" an, was erfahrungsgemäß nicht selten, aber auch nicht selbstverständlich ist, und während ich sonst oft das Gefühl hatte, ich oder zumindest mein Rollstuhl stört eher als dass wir willkommen sind, kam es mir hier so vor, als könnte sie es nicht abwarten, mit mir zusammen den ersten Patienten aufzurufen. Um sich dann völlig entspannt an die Wand zu lehnen und zu sagen: "So, Jule, dein Job. Auf gehts!"

Von großartigen Notfällen blieb ich am heutigen Tag weitestgehend verschont. Saisonal häufiger vorkommende Verletzungen, nämlich solche, die in irgendeinem Zusammenhang mit Nadelbäumen stehen, waren aber wieder dabei. Eine junge Frau war beim Schmücken ihrer zimmerhohen Tanne vom Drehstuhl gefallen, auf dem sie nicht saß, sondern stand, mit der Folge einer distalen Radiusfraktur links. Auf Deutsch: Sie hat sich den Unterarm, genauer gesagt die Speiche, in der Nähe des Handgelenks durchgebrochen. Oder kurz: Zitter, wackel, polter, bumms, knack, autsch. Zum Glück waren die Knochenteile nicht gegeneinander verschoben, so dass ein einfacher Gips ausreichte. Ganz anders hatte ein älterer Mann mit seinem Weihnachtsbaum zu kämpfen, als er sich mit einer Axt ins Schienbein hackte. Allerdings bekam ich den nicht selbst zu sehen, sondern seine Geschichte in einer Pause brühwarm erzählt.

Brühwarm bis brühheiß war es auch bei einer anderen Patientin zugegangen. "Für euch liegt in der Vier eine 18jährige Rollstuhlfahrerin mit Verbrennungstrauma. 'Verbrennungstrauma' sagt die Mutter. Am linken Oberschenkel ist eine erbsengroße rötliche nicht nässende Hautverfärbung. Die Patientin selbst sieht es sehr entspannt, die Mutter tigert daneben auf und ab und ist außer sich." - Meine auch nach Stunden noch immer völlig von diesem Tag begeisterte Anleiterin rieb sich die Hände, grinste mich an und sagte: "Au ja, geil. Jule, das wird dein Durchbruch."

Wir kamen durch die Tür und noch bevor wir einen Namen sagen konnten, kam die Mutter auf uns zugestürmt: "Meine Tochter hat sich verletzt. Ausgerechnet im gelähmten Bereich. Sie wissen bestimmt, dass das bei Querschnittlähmungen sehr gefährlich sein kann. Ich bin mit ihr sofort ins Krankenhaus gefahren. Sofort! Leider hat sie dafür noch immer nicht den nötigen Blick, sie sieht das immer zu locker. Sie hat schon drei Mal fast ein halbes Jahr mit einer Druckstelle im Krankenhaus gelegen und eigentlich soll sie jetzt im Frühjahr Abitur machen. Sowas kommt auch immer kurz vor Weihnachten."

Ich ließ die Mutter stehen, rollte zu der Patientin, die, unten nur mit einer Unterhose bekleidet, auf der Liege lag, gab ihr die Hand. Zeigte auf die rötlich verfärbte Stelle am Bein und sagte: "Na? Der Fleck hier? Was hast du da gemacht?" - "Beim Sex in der Dusche gegen das heiße Rohr gekommen. Also das an der Wand.", sagte sie und grinste schelmisch. Jetzt bloß nicht meine Anleiterin angucken, sonst weiß ich nicht, ob ich noch ernst bleiben kann. Die Mutter fauchte lautstark dazwischen: "Ich habe dir gesagt, du sollst diesen Mist nicht erzählen!" - Ich drehte mich um: "Okay. Die Verletzung ist da, wir können sie nicht mehr rückgängig machen. Es ist niemandem geholfen, wenn Sie jetzt so aufdrehen. Also versuchen Sie mal bitte, sich ein wenig zu entspannen, damit wir in Ruhe und mit Bedacht eine Lösung finden, die Ihrer Tochter hilft. Am Besten wäre es vermutlich, wenn Sie sich mal für einen Moment draußen in den Wartebereich setzen."

Hatte ich das wirklich gerade gesagt? In Erwartung eines Donnerwetters zog ich schon mal vorsorglich den Kopf ein. Aber im Gegenteil: Die Mutter guckte mich halb böse, halb genervt an und ging zur Tür. Mit dem Griff in der Hand blieb sie einen Moment stehen, drehte sich zu mir und maulte: "Sie hat noch nicht mal einen Freund. Geschweige denn Sex in der Dusche." - Dann schob sie die Tür auf, schob sie hinter sich wieder zu und stampfte davon. Ich wandte mich wieder der Patientin zu. Für den Bruchteil einer Sekunde kreuzte sich mein Blick dabei mit dem meiner Anleiterin. Das reichte, um alle nötigen Gedanken auszutauschen. Ich fragte: "So, jetzt mal Klartext. Was hat das mit der Stelle auf sich?" - Sie antwortete: "Nix, keine Ahnung. Irgendwo gestoßen, irgendwo hängen geblieben, irgendeine Falte in der Hose gehabt, die zu lange auf dieselbe Stelle gedrückt hat, was weiß ich. Das tut aber nicht mal weh, ich würde das merken. Das ist einfach etwas gerötet und morgen wieder weg. Meine Mutter hat das zufällig gesehen und darauf bestanden, sofort mit mir ins Krankenhaus zu fahren."

Ich wollte sie beinahe fragen, ob sie noch einen Bruder hat, der Jörn heißt. Aber den Witz hätte außer mir niemand verstanden. Also ließ ich meine Anleiterin auch noch einmal mit einem Auflichtmikroskop auf die Stelle schauen, die sagte nur: "So, Feierabend, Hose zu, ab nach Hause. Klären Sie das mit Ihrer Mutter oder sollen wir ein Pflaster drüber machen?" - Sie sagte: "Bloß kein Pflaster, nicht, dass sich daraus noch eine Druckstelle entwickelt." - Ich seufzte und sagte: "Ich schreibe kurz einen Zweizeiler für den Hausarzt, vielleicht redest du kurz mit der Mutter draußen?" - Meine Anleiterin antwortete: "Nee, ich schreibe, du redest mit der Mutter."

Ich rollte mit der Patientin aus dem Untersuchungsraum, die Mutter bestand zunächst darauf, dass ein Dermatologe hinzu gerufen wird, stürmte dann noch einmal zu meiner Anleiterin hinein und wurde erneut laut. Die sagte aber nur: "Jetzt ist es genug. Freuen Sie sich, dass die Verletzung Ihrer Tochter nicht schwerwiegender ist und kommen Sie mal wieder runter." - Als die beiden draußen waren, sagte ich leise: "Was sie wohl macht, wenn ihre Tochter mal wirklich was hat." - "Das will ich mir lieber nicht vorstellen."

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Nicht der Richtige

Er ist nicht der Richtige. Das muss ich leider so zusammenfassen und der Kennenlernphase ein Ende setzen. Wenn es jemand über zwei Monate nicht über sein Herz bringt, sich klar zu positionieren, ist das zwar ein gangbarer Weg, aber keiner, den ich mitgehen möchte. Es ist gar nicht so sehr das Verhältnis zu seiner Mutter, das ausschlaggebend war, sondern der dahinter stehende Ansatz, Entscheidungen aus dem Weg zu gehen. Klar, es kann mitunter sehr reizvoll sein, einen eher zurückhaltenden bis devoten Partner zu haben. Was mich aber nervt, ist, wenn die Unterwürfigkeit so weit geht, dass die eigene Meinung selbst bei den wichtigsten Entscheidungen nicht mehr erkennbar wird.

Ich kann ja verstehen, dass jemand mit seiner Mutter nicht über alles reden möchte. Auch dann, wenn man (noch) bei seiner Mutter wohnt. Aber ich erwarte von jedem Menschen, der älter als 14 ist, dass er sich einen Umgang aneignet, mit dem sowohl Mutter als auch Sohn leben können. Wenn ein Sohn seine Autonomie völlig aufgibt, um jedem Problem vor seiner Entstehung bereits aus dem Weg gegangen zu sein, ist es für die außerfamiliäre Umwelt einfach zu schwierig, einen adäquaten Zugang zu diesem Mutter-Sohn-System zu bekommen.

Seine abschließende Reaktion, es sei nicht so schlimm, er könne damit leben, wenn wir hin und wieder mal gemeinsam ein Schnitzel essen würden, mag einen großen Schmerz überspielt haben, mag aber auch von der auf mich befremdlich wirkenden Gleichgültigkeit durchsetzt sein. Ich hätte mir eben schon etwas vorstellen können, nur hat es leider - mal wieder - nicht gepasst. Schwierig das.

Donnerstag, 27. November 2014

Dublin und Zoey

Zoey. So nenne ich sie mal. Zoey bedeutet "Leben" und der Name ist Programm. Und falls jemand fragt: Das Ypsilon habe ich drangehängt, damit nicht jemand "Zö" liest. Ich musste mir neulich nämlich im Zug über eine Stunde lang mit anhören, wie eine ältere Frau, geschätzt auf etwa 70 Jahre, mit ihrer Freundin per Handy telefonierte. In einem Großraumwagen, in dem eigentlich das Telefonieren verboten ist. Und da die ältere Dame nicht mehr so recht hörte, gelang mir wiederum das Weghören nicht. Sie sprach ausführlichst über einen Roman, den sie gerade las. Dieser spielte in Dublin, der Hauptstadt von Irland.

Man kann vielleicht darüber diskutieren, ob man Städtenamen in der jeweiligen Landessprache aussprechen muss. Als sie allerdings Überlegungen anstellte, dass die Deutschen mit den Iren gemeinsam hätten, dass ihre Hauptstädte auf "lin" enden, wobei es bei einem Vergleich der Einwohnerzahlen eher "Dublinchen" heißen müsste, wagte ich einen zweifelnden Blick durch die Sitzreihen nach hinten. Marie murmelte leise: "Weißt du denn, wie die dort hergestellte irische Schokolade heißt?" - Ich guckte sie mit halb fragenden, halb genervten Blick an und überlegte einen Moment. Dann sagte sie: "Kleiner Tipp: Es ist die kleine Schwester der wahrscheinlich längsten Praline der Welt: Duplinchen." - Auweia.

Zoey ist zwölf. Sie ist vor fünf Jahren beim Spielen auf dem Spielplatz verunglückt. Sie hatte sich an eine Seilbahn gehängt und bekam von einem Freund zum Ende des Seils so viel Anschwung, dass sie sich nicht mehr halten konnte, losließ und im hohen Bogen gegen einen Pfeiler krachte. Seitdem hat sie einen inkompletten Querschnitt im unteren Brustwirbelbereich, etwa in Höhe des Bauchnabels.

Ich wurde auf Zoey im Schwimmbad aufmerksam. Das ist inzwischen mehrere Wochen her. Ich kraulte meine Bahnen und sah irgendwann aus dem Augenwinkel eine Frau mit einem Kind auf dem Arm neben meinem Rollstuhl stehen. Das passiert hin und wieder mal, aber meistens sind Leute, die sich neugierig das leere Teil am Beckenrand ansehen, nach spätestens meiner übernächsten Bahn wieder verschwunden. In diesem Fall hielt ich mich acht Bahnen später am Beckenrand fest, überlegte einen Moment, wieso jemand ein zwölfjähriges Kind auf dem Arm trug, und fragte dann: "Na? Steht der im Weg?"

"Nein, nein, keineswegs. Wir schauen nur völlig begeistert zu, wie Sie das ohne den Einsatz Ihrer Beine alles hinkriegen. Ich habe zu meiner Tochter gerade gesagt: 'Ich würde vermutlich untergehen!'" - "Naja, zum Kraulschwimmen braucht man die Beine ja nicht unbedingt. Es ist zwar vorteilhaft, sie einsetzen zu können, aber mit ein wenig Übung klappt es auch ohne."

Ich erfuhr, dass Zoey auch im Rollstuhl sitzt. Mich wunderte aber, dass die Mutter sie trug und die ganze Zeit auf dem Arm hielt. Das Mädchen sagte keinen Ton. Sie trug einen zu klein geratenen pinkfarbenen Inkontinenz-Badeanzug mit eingenähtem Rüschen-Kleidchen, und aus meiner Perspektive sah ich am Beinabschluss Teile einer Schwimmwindel unter dem Ding hervorscheinen. Zoey hatte ihren Kopf an die Schulter der Mutter gelegt und beobachtete mich, ohne ein Wort zu sagen. Ihre Haare waren zu einem Zopf aufwändig zusammengeflochten. Zwei pinke Haarspangen hielten weitere Haare aus dem Gesicht. Sie wirkte müde. Für einen Moment lang überlegte ich, ob sie möglicherweise auch kognitive Einschränkungen haben könnte.

Hatte sie aber nicht. Inzwischen, mehrere Wochen später, kann Zoey schwimmen. Zumindest schafft sie eine Bahn ohne Hilfe. Manchmal dreht sie sich noch auf den Rücken, wenn es ihr unterwegs zu anstrengend wird, aber manchmal schafft sie auch eine Bahn Brustschwimmen in einem Stück. Wir haben immer mal wieder zusammen geübt und Zoey ist sehr ehrgeizig.

Und sehr anhänglich. Wie ich die Mutter verstanden habe, hat sie sehr wenig Kontakt zu anderen Menschen im Rollstuhl. Warum das so ist, weiß ich noch nicht. Aber es bringt mit sich, dass sie alles selbst ausprobieren und herausfinden muss. Wie komme ich vom Boden in den Rolli? Wie bleibt mein Sitzkissen im Schwimmbad trocken? Wie ziehe ich mir im Sitzen selbst die Hose über den Po?

Die Mutter sagte in dieser Woche zu mir, dass ihre Tochter in den letzten Wochen in einigen Bereichen um Jahre erwachsener geworden sei, so käme es der Mutter vor. Einerseits eine erschreckende Entwicklung, meint die Mutter, andererseits eine längst überfällige. Mit zwölf Jahren sollte ein Kind sich alleine an- und ausziehen. Wenn es das kann. Und Zoey kann es. Inzwischen.

Auch den scheußlich-pinken Kleidchen-Badeanzug haben wir inzwischen ersetzt gegen etwas sportliches Schwarzes. Funktioniert genauso gut und sieht nicht so behindert aus wie das andere Ding. Wie einfach es doch ist, die Mama zu überstimmen, sobald es jemanden gibt, der ins gleiche Horn stößt...

Wir haben uns verabredet, dass Zoey in den nächsten Wochen ein oder zwei, vielleicht auch drei Nächte bei Marie und mir schlafen wird. Es mag sehr befremdlich wirken, aber es gibt eine Sache, die möchte Zoey auch alleine können: Abführen. Wie wir das mit der nötigen Diskretion und Wahrung ihrer Intimsphäre hinbekommen, müssen wir noch überlegen. Aber Zoey wünscht sich nichts sehnlicher, als mit zwölf Jahren endlich ohne die Hilfe der Mutter auszukommen. Ich bin mir sicher, dass sie es schaffen wird. Denn einen Anfang hat sie bereits gemacht: Mir einen langen Brief geschrieben, in dem es einzig und allein um diesen Wunsch geht.

Sonntag, 23. November 2014

Diesel, Bratwurst und Muskelschwund

Was für eine dicke Suppe! Bis kurz vor Hannover war das Wetter noch schön, von dort an wurde die Sicht immer schlechter. Als Marie und ich am Freitag in Hamburg aus dem Zug stiegen, kam man sich vor wie in einer Waschküche. Stellenweise konnte man keine 50 Meter weit gucken. Und so schauten wir beispielsweise an der Tankstelle auch zwei Mal hin: Diesel für 1,17 € pro Liter? Tatsächlich.

Das Riesenrad auf dem Winterdom, dem Volksfest in Hamburg, drehte leer seine Runden. Was wohl daran lag, dass man von unten noch die ersten fünf Gondeln erkennen konnte, darüber aber alles in der grauen Suppe verschwand. Irgendwie unheimlich. Es war voll, aber es waren erstaunlich wenige Leute im Rollstuhl unterwegs. Cathleen, Marie und ich waren (von zwei älteren Damen in ihren Alu-Shoppern abgesehen) die einzigen. Auf hohe oder schnelle Karussells hatten wir kaum Lust, denn es war kalt und nass. "Lass uns eine Runde im Autoscooter drehen", meinte Cathleen. Doch daraus wurde nichts: "Es ist zu voll. Kommen Sie mit Ihren Rollstühlen einen anderen Tag wieder." - Danke für die Gastfreundschaft. Das hatten wir so auch noch nicht erlebt.

Die Bratwurst vom Schwenkgrill schmeckte dafür aber umso besser. Wenn man vom Preis absah: 3,80 € fand ich reichlich happig. Aber dafür gab es den Senf gratis dazu. Und wir hatten ja immerhin schon günstig getankt. Vom freitäglichen Höhenfeuerwerk war natürlich auch absolut nichts zu sehen. Kurz vor Mitternacht waren wir wieder bei Marie zu Hause. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: "Wir saunieren im Garten. Bitte stört uns nicht. Danke und gute Nacht!"

Ich tippte auf den Zettel und kommentierte: "Vögel im Nebel?" - Marie antwortete: "Will ich gar nicht wissen. Sollen sie machen. Wenigstens warnen sie vor." - Ich grinste. Marie schüttelte den Kopf.

Gestern abend durfte ich einen Arbeitskollegen von Maries Vater (und seine Frau) kennenlernen, die bei Maries Eltern zu Abendessen eingeladen waren. Es gab Fondue, Marie und ich waren auch eingeladen und durften unsere Gabeln in den heißen Topf halten. Es war lecker und die Gäste waren sehr nett.

Nach einem kurzen Besuch bei unserem Haus, das noch steht und immer besser aussieht, sind wir nun wieder auf der Rückreise. Morgen früh muss ich über 45 Minuten lang die Ergebnisse einer recht umfangreichen Hausarbeit vorstellen. Ich bin nicht wenig aufgeregt. Ich durfte mich zusammen mit drei Kommilitoninnen und Kommilitonen mit Muskelschwund, wie es im Volksmund heißt, befassen. Ich bin mit meinen 45 Minuten als erste dran und stelle das Thema vor. Um den Umfang der Arbeit kurz anzureißen: Es gibt rund 800 Erkrankungen, die mit einem Abbau der Muskelmasse einhergehen können. Diese lassen sich in 23 Gruppen untergliedern. Mein Job ist es morgen, die 23 Gruppen vorzustellen und abzugrenzen. Also im Durchschnitt zwei Minuten pro Gruppe, und das alles so aufbereitet, dass niemand der Zuhörer etwas durcheinander bekommmt und nach der 22. Gruppe noch alle folgen können. Hurra. Aber ich freue mich - es ist ein sehr interessantes Thema!

Dienstag, 18. November 2014

Vielleicht der Salat

Mir ist es richtig schlecht ergangen. Ich war schon vor meinem Unfall nicht wehleidig, nach meinem Unfall hat sich mein Empfinden für mein Befinden noch ein wenig verschoben. Bevor ich also auf die Idee komme, mir könnte es schlecht gehen, muss schon etwas mehr als ein eingerissener Fingernagel mich bedrücken.

Ich bin gestern abend ins Bett gegangen, da war alles völlig normal. Marie und ich haben jeweils eine Scheibe Brot zum Abend gegessen, einen Tee getrunken, haben uns irgendwann in unsere Betten gelegt - Feierabend. Kaum lag ich, wurde mir speiübel. So etwas hatte ich lange nicht. Ich rätselte, ob mit dem Essen etwas nicht in Ordnung gewesen sein könnte. Aber eigentlich war alles frisch. Ich setzte mich mehrfach im Bett hin, irgendwann setzte ich mich in meinen Stuhl und rollte zum Klo, weil ich ernsthaft befürchtete, ich müsste mich übergeben. Aber außer dass mir nach wie vor speiübel war, passierte nichts. Mein Magen fühlte sich aufgebläht an, wenn ich mit der Hand darüber strich. Nach dreißig Minuten vor dem Klo nahm ich mir eine Wärmflasche mit und verschwand wieder im Bett. Es dauerte nicht lange und ich bin eingeschlafen.

Um 4.30 Uhr war ich schlagartig hellwach. Die Übelkeit war vorbei, ich hatte bis eben gut geschlafen. Jetzt aber, ich lag auf der linken Seite, spielte mein Kreislauf verrückt. Mir war schwindelig, mein Puls raste und ich hatte Unterbauchschmerzen. So heftig, dass ich nicht wusste, wie ich liegen sollte. Einerseits war die aktuelle Lage unerträglich, andererseits war das Umdrehen auch unerträglich. Ich versuchte zu lokalisieren, woher die Schmerzen kamen. Mittig? Rechts? Eher rechts, aber irgendwie auch mittig. Vorne, unten. Aua. Ich legte die Wärmflasche, die noch lauwarm war, auf meinen Bauch. Das verschaffte geringfügig Besserung. Ich verspürte Harndrang. War das die Blase, die solches Theater machte?

Nach zwei, drei Minuten wurden die Schmerzen etwas weniger. Ich setzte mich in den Stuhl, rollte zum Klo, setzte mich auf die Schüssel. Am besten gleich mal einen Teststreifen in den Strahl halten. Negativ. Kein Eiweiß, kein Blut - also eher nicht die Blase. Auf dem Klo ging das wieder los. Einschießende, kolikartige Schmerzen, so heftig, dass meine Beinmuskeln, die ich nicht willentlich ansteuern kann, sich krampfhaft verspannten und derart herumzappelten, dass ich beinahe vom Toilettenbecken gerutscht wäre. Ich musste mich mit den Händen festhalten und abstützen. Nicht witzig. Vielleicht sollte ich Marie mal wecken?

Nach ein paar Minuten war es wieder besser. Ich setzte mich in den Stuhl, rollte zu Marie. Sie schlief tief und fest, wurde aber wach, als ich bei ihr leise klopfte und vorsichtig die Zimmertür öffnete. "Tschuldigung, Marie, kannst du mir bitte helfen? Mir geht es gerade tierisch dreckig. Ich habe ganz heftige Unterbauchschmerzen." - Sie richtete sich im Bett auf, machte Licht an. Blinzelte mich an. Sagte: "Ach du Scheiße. Du siehst ganz übel aus. Weißt du, was es ist?"

Ich schüttelte den Kopf. Sie sagte: "Leg dich mal in dein Bett, ich komme rüber." - Ich packte mich ins Bett. Ich erzählte ihr, dass ich einen Urintest gemacht habe, der aber unauffällig war. Dass mich vor dem Einschlafen Übelkeit geplagt hatte. Kaum lag ich wieder richtig, ging das wieder los. Schmerzen! Unglaublich. Ich wusste nicht, wie ich liegen sollte. Marie machte die Wärmflasche neu, die half etwas. Sie hörte meinen Bauch ab. Darmgeräusche waren überall normal, nach Blinddarm sah es auch nicht aus. Unten rechts war der Bauch deutlich überwärmt.

"Soll ich dich ins Krankenhaus fahren?", fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Eigentlich wollte ich nur in Ruhe gelassen werden. Mal war es zehn Minuten erträglich, mal war es zehn Minuten gut, dann ging es wieder los. Irgendwann bat mich Marie, das auf einer Skala von 0 bis 10 einzuordnen, wobei 10 für den heftigsten, unerträglichen Schmerz steht, den ich mir vorstellen konnte. Ich entschied mich für etwa 5, in Wellen bis 7. An Blutdruck messen und entsprechend lange stillhalten war nicht zu denken. Fieber hatte ich keins.

"Ich ruf meine Mutter an", sagte sie irgendwann. Ich erwiderte: "Die schläft doch jetzt und hat das Handy lautlos. Und wird auf die Entfernung hin auch nichts sagen können. Lass uns noch eine Zeitlang abwarten, vielleicht geht das von alleine wieder weg." - "Ich hätte noch etwas Scopolamin in meiner Giftküche." - "Och Marie. Ich bin für solchen Unsinn jetzt nicht zu haben." - "Mäuschen! Quartäres. In Drageeform. Und Metamizol könnte ich auch noch auftreiben." - "Das ist lieb gemeint, aber irgendwas stimmt hier ja nicht mit mir. Da bringt es ja nichts, symptomatisch die Schmerzen auszuschalten und in vier Stunden sind sie wieder da und irgendeine Seuche oder irgendein technisches Problem ist vier Stunden lang unbemerkt weiter fortgeschritten. Es muss ja einen Grund für so heftige Schmerzen geben."

Sie kamen wieder. Sie waren so heftig, dass ich nicht mehr liegen wollte. Ich setzte mich hin. Ich krümmte mich vor Schmerzen. Marie sagte: "So, pass auf, wenn sich das jetzt hier nicht gleich ändert, rufe ich einen Krankenwagen." - "Wenn es schlimmer wird oder in den nächsten zwei Stunden nicht besser, fahre ich ins Krankenhaus. Können wir uns darauf einigen?" - "Ungern. Aber du bist die Chefin. Soll ich mich zu dir ins Bett legen?" - "Bloß nicht. Dann werde ich wahnsinnig. Ich weiß so ja schon nicht, wie ich mich hinlegen soll."

Um halb sieben musste ich noch einmal pinkeln. Unauffällig. Marie kochte mir einen Kamillentee, machte die Wärmflasche neu. Ich drehte mich nach wie vor von einer Seite zur anderen. Um halb acht sagte Marie: "Du ziehst dir jetzt was an und dann fahre ich dich in die Klinik. Die sollen wenigstens mal ein Ultraschall machen. Du tust dir keinen Gefallen damit, das jetzt über Stunden zu ertragen." - "Im Moment würde ich es auf der Schmerzskala bei 2 einordnen. Gerade war es eher 8 als 7, aber im Moment ist es 2. Lass uns noch einen Augenblick abwarten." - "Dann nutze doch jetzt wenigstens diese Zeit, um dir schon mal was anzuziehen."

Ich wartete, rechnete fest damit, dass es nur eine Ruhe vor dem Sturm war. Zehn Minuten. Nichts. Die Schmerzen gingen zurück. Ich bemerkte Unmengen überschüssiger Stresshormone in meinem Blut. Mein Herzschlag wurde langsamer. Ich verspürte plötzlich Hunger. Es war wie nach einem Triathlon. Ich war völlig geschafft, aber glücklich. Marie guckte mich an: "Was ist denn jetzt mit dir? Du hast plötzlich wieder Farbe im Gesicht." - "Die Schmerzen sind weg. Ich weiß nicht, warum, aber sie sind weg. Null. Ich traue dem Frieden noch nicht ganz. Aber es im Moment fühlt es sich gut an."

Es sollte dabei bleiben. In den nächsten dreißig Minuten blieb alles so wie es war. Ich war so müde, dass mir im Sitzen die Augen immer wieder zufielen. Marie und ich legten uns ins Bett und schliefen ein. Um halb vier am Nachmittag wachte ich zum ersten Mal wieder auf. Die Zimmertür war einen Spalt offen, Marie klickerte in ihrem Zimmer an ihrem Laptop herum. Ich setzte mich in meinen Stuhl und rollte zu ihr. "War ich sehr gemein zu dir heute morgen?", fragte ich, ein enorm schlechtes Gewissen habend. Ich erinnere mich noch sehr genau, mehrmals sehr unwirsch reagiert zu haben, weil ich einfach nur überfordert und total genervt und beängstigt war.

"Du warst ziemlich ungnädig, aber das war völlig okay so. Es gab dafür ja einen guten Grund." - "Hast du nochmal überlegt, was es war?" - "Ich vermute irgendwas mit dem Essen. Vielleicht der Salat. Du hast in den ersten Stunden im Schlaf rumgepupst wie ein Weltmeister. Einen Moment lang habe ich überlegt, ob das für einen Heißluftballon reichen würde."

Sonntag, 16. November 2014

Hamburg

Sie ist nicht neu, aber sie ist immer gegenwärtig: Meine Liebe zu Hamburg. Wie liebe ich diese Stadt! Und wie vermisse ich sie und sehne mich nach ihr, wenn ich längere Zeit weg gewesen bin. Hamburg bedeutet für mich in erster Linie "Freiheit". Und auch wenn ich Weihnachten wegen des damit leider verbundenen kommerziellen Wahnsinns seit Jahren nicht mehr so viel abgewinnen kann wie früher, als ich noch ein Kind war, freue ich mich dennoch schon auf die ganze Weihnachtsbeleuchtung und den einzigartigen Lichterglanz an Elbe und Alster.

Heute war es zwar regnerisch und alles grau in grau, trotzdem habe ich es geschafft, ein Motiv in recht schönen Farben zu knipsen, bevor mich morgen früh die Uni wieder sieht.

Mittwoch, 12. November 2014

Zu schwach

Ich glaube, die Chirurgie und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Mein aktueller Anleiter findet, Chirurgie sei ein Knochenjob, und Menschen, die körperlich bereits nicht voll fit sind, seien zu schwach dafür und hätten dort nichts zu suchen. Dabei will ich nur mein Praktikum durchziehen, das verpflichtend im klinischen Teil des Studiums ist (und in späteren Abschnitten werde ich noch weitere Pflichtteile in der Chirurgie haben), meine Scheine bekommen und mich dann so schnell wie möglich wieder anderen Bereichen widmen. Ich werde vermutlich auch später keine Facharztausbildung in der Chirurgie anstreben. Aber die Pflicht-Inhalte traue ich mir schon zu, und die haben vor mir auch andere Menschen, die im Rollstuhl sitzen, geschafft. Insofern ist diese Diskussion überflüssig - ich mache die Vorgaben für das Studium nicht. Vielmehr versuche ich, sie bestmöglich zu erfüllen, und dann finde ich solche Belehrungen einfach überflüssig.

Zum Glück gibt es noch andere Menschen, die das völlig anders sehen, und von mir begeistert sind. Ein "Kollege" im Praktischen Jahr redet mir regelmäßig Mut zu und stand mir zur Seite, als mein Anleiter mich da so angeblubbert hat. Einen Anlass hat es übrigens für die Blubberei nicht gegeben. Zumindest keinen leistungsbezogenen. Vielleicht ist er mit dem falschen Bein aufgestanden. Ich weiß es nicht. Der Kommentar kam völlig aus heiterem Himmel.

Und so blöde, wie der Tag begann, ging er weiter. Jörn ist krank, wie ich beim Schwimmen erfahren habe. Ich hatte mich schon gewundert, warum er auf meine Nachrichten nicht antwortet. Ein fiebriger Infekt habe ihn darnieder gerafft. Wäre es nicht so kompliziert mit seinen Eltern, würde ich ja mal einen Hausbesuch wagen und ein wenig Medizin, sprich ein paar Süßigkeiten, Tee, ein Buch oder eine Zeitschrift, mitnehmen. Aber wer weiß, was dann passiert, welche Probleme er bekommt oder welche Probleme ich bekomme. Also warte ich ab. Und freue mich darüber, dass er mich bei seiner Massage und vor allem zuvor im Schwimmbad offensichtlich nicht angesteckt hat!

Samstag, 8. November 2014

Bahnstreik und Rutsche

Da haben wir schonmal eine Bahncard 100, dann wird gestreikt. Ja, ich weiß, man kann Anträge auf Erstattungen stellen, aber das bringt uns heute auch nicht nach Hamburg. Und mit dem Auto? Angesichts dessen, dass wir bestimmt nicht die einzigen sein würden, die auf diese Idee kommen, wären wir vermutlich deutlich länger unterwegs als sonst. Also entschieden wir uns, ausnahmsweise auch am Wochenende an unserem Studienort zu bleiben und gemeinsam etwas zu unternehmen.

Es dauerte etwas mehr als eine Stunde Autofahrt, wobei das eher an den vollen Straßen als an der weiten Entfernung lag, bis wir in einem Thermen-Urlaubs-Oasen-Paradies ankamen. Wir hatten uns spontan mit zwei Kommilitoninnen verabredet, einen gemeinsamen Tag in einer solchen Einrichtung zu verbringen. Weil Menschen mit Behinderung dort zwar voll zahlen müssen, die Begleitpersonen aber freien Eintritt erhalten, waren wir trotz Wochenend-Aufschlag in einem akzeptablen Rahmen.

Die Saunenlandschaft haben wir von vornherein völlig ausgeklammert, dafür hätten wir einen zweiten Tag gebraucht. Am besten gefielen Marie und mir natürlich die Thermalbecken, die man nach 20 Minuten wieder verlassen musste, um dem Kreislauf noch eine Chance zu geben, sich nicht völlig zu verabschieden. Heiß wie eine Badewanne - herrlich.

Und wann bin ich zum letzten Mal gerutscht? Was für eine Mordsgaudi! "Sind Sie körperlich fit genug für diese Rutsche?", wollte der Aufsichtsmensch wissen, als ich mich vom Rollstuhl in den Startbereich rübersetzen wollte. Mit dem Aufzug kam man bis an den Einstieg heran, lediglich unten brauchte ich Hilfe, denn der Rollstuhl muss ja irgendwie wieder nach unten kommen. Aber dafür hatte meine Begleitperson ja freien Eintritt bekommen. Und sie löste die Aufgabe ganz anders und recht charmant, wie ich fand: "Ich nehm dich auf den Rücken und wir rutschen gleich noch einmal."

Die Leute guckten zwar etwas doof, warum da zwei Frauen huckepack im Aufzug befördert wurden, aber da mich hier niemand kannte, war mir das egal. Wichtig war mir lediglich, dass ich mit dem Kopf voraus rutschen konnte. Beine voraus ist, wenn man die Muskeln in den Beinen nicht anspannen kann, nicht empfehlenswert. Gerade auf steilen Rutschen nicht. Das sagte mir aber der gesunde Menschenverstand bevor es zu größeren Katastrophen kam. Beim 20. Mal habe ich aufgehört zu zählen. Nach dem gefühlten 30. Mal wäre ich zwar gerne noch 30 Mal gerutscht, aber meine Kondition verließ mich. Hört sich doof an, wenn man getragen wird, mit dem Aufzug fährt und eigentlich nur rutschen muss. Aber vor allem das Wegtauchen am Ende der Rutsche, mit wenig Rumpfmuskulatur, ohne den Einsatz der Beine, möglichst ohne sich dabei die Haut abzuschürfen, ist schon eine Herausforderung. Aber es hat immer auf Anhieb geklappt. Und das war mit Sicherheit nicht mein letzter Besuch in der Therme.

Auch Marie und vor allem den beiden Kommilitoninnen hat es gefallen. "Wir hätten nicht gedacht, dass wir mit euch beiden so viel Spaß haben werden", sagte die eine. Wenigstens ist sie da ehrlich und gesteht laut ihr Vorurteil ein - warum sollte sie mit uns keinen oder nur wenig Spaß haben? Selbst wenn es so gewesen wäre, dass wir nicht rutschen, sondern uns 12 Stunden lang im Thermalbecken auf die Sprudelliege fläzen wollten, hätte das doch niemanden davon abhalten müssen, selbst zu rutschen. Oder vier Kilometer im Sportbecken zurückzulegen. Aber sie dachte ganz anders: "Ich habe damit gerechnet, dass wir euch im Wasser die ganze Zeit irgendwie festhalten müssen. Ich weiß auch nicht warum, im Nachhinein finde ich die Gedanken voll doof, aber ich hatte früher mal probiert, ohne Beinschlag zu schwimmen. Im ruhigen Wasser mag das noch gerade so gehen, aber spätestens bei der ersten Welle säuft man doch ab! Dachte ich." - "Umso schöner fand ich es, dass ihr trotzdem mitgekommen seid", sagte Marie.

Mittwoch, 5. November 2014

Massage

Der Wechsel meiner Praktikumsstelle bringt ungeahnte Vorteile: Ich kann endlich wieder meine heiß begehrte Schwimmtrainingszeit nutzen, die in den letzten Wochen immer mit anderen (Uni-) Terminen kollidiert ist. Und hatte ich erwähnt, dass ich einen meiner Trainings-Badeanzüge bei 60 Grad mitgewaschen habe? Ja, das kommt dabei heraus, wenn man ihn in ein Handtuch einwickelt und dieses Handtuch noch eben schnell mit in die Maschine wirft. Alle Befürchtungen, er würde jetzt allenfalls noch Nachbartochters Modepuppe passen, waren unnötig: Er ist noch genauso groß wie vorher. Wer hätte das gedacht?

Das mit dem Mitwaschen kann ja mal passieren, kritisch finde ich es allerdings, wenn ich statt Unterwäsche (für später) einen zweiten Badeanzug einpacke und die Handtücher ganz vergesse. Irgendwie bin ich gerade ein wenig durch den Wind. Neulich lag mein Autoschlüssel im Kühlschrank, dafür lag eine Tomate neben der Garderobe im Flur. Und die Geschichte von der Multivitamintablette ist nur deshalb erwähnenswert, weil ich sie statt in Wasser in Fruchtsaft aufgelöst und mich beim Trinken gewundert habe, warum das so eklig schmeckt. Dass ich eine höhere Dosierung meiner Blasen-Medikamente nicht vertrage, war mir schon lange bekannt. Auch ein neuer Versuch mit einem moderneren Präparat darf als fehlgeschlagen bezeichnet werden, nachdem ich nur noch verplant durch die Gegend gerollt bin. Nein, die bisherige Dosierung und das altbewährte Medikament bleiben nach wie vor der beste Kompromiss. Das neue Präparat ist abgesetzt. Jetzt kann ich auch wieder in ganzen Sätzen schreiben, was bei Bloggerinnen eindeutige Vorteile mit sich bringt.

Zurück zum Schwimmen: Jörn war nicht zu sehen, Marie und ich waren gleichermaßen enttäuscht, hatten wir ihm doch vorher noch geschrieben, dass wir uns freuen, ihn endlich wieder zu treffen. Wir zogen unser Trainingsprogramm durch, und als ich fertig war und gerade aus dem Wasser klettern wollte, greift mir doch jemand von hinten unter meinen Schultern hindurch, presst sich an meinen Rücken und verschränkt seine Arme vor meiner Brust. Ich habe mich gehörig erschrocken und wusste für einen Moment lang nicht, ob das Jörn sein könnte oder irgendein Spinner, vielleicht sogar einer, der mir beim Verlassen des Beckens helfen wollte. Ich gehöre eher nicht zu denjenigen Mädchen, die kreischen, aber in dem Augenblick musste ich es mir wirklich arg verkneifen. Nun biss mir auch noch jemand mittig knapp oberhalb der Schulterblätter in den Nacken. Zwar eher grob als zärtlich, dennoch eher zärtlich als brutal. Wäre ich irgendwie darauf vorbereitet, hätte ich es genießen können, so wollte ich zunächst wissen, wer da dieses Spiel mit mir spielte.

Ich holte tief Luft, tauchte unter, stieß mich unten mit den Armen kräftig vom Beckenrand weg und rutschte so aus der Umklammerung. Ich tauchte hinter Jörn wieder auf, der sich inzwischen umgedreht hatte und mich angrinste. "Kannst du mich mal vorwarnen? Ich hätte dir fast eine reingehauen! Für einen Moment lang dachte ich, das wäre irgendein Spinner, der mir aus dem Wasser helfen will!"

"Ich dachte, du freust dich", erwiderte Jörn. Ich sagte: "Ich freue mich, aber ich habe mich sehr erschrocken. Wo warst du denn die ganze Zeit? Ich habe ständig nach dir gesucht!" - "Ich bin eben erst reingekommen. Ich hatte vorher noch was zu erledigen und habe es nicht eher geschafft." - "Ich wollte eigentlich gerade aus dem Wasser." - "Eigentlich? Also schwimmst du noch eine Runde mit mir?" - "Eine Runde ja, aber viel mehr nicht. Ich habe heute schon vier Kilometer abgerissen." - "Zwei Runden, ja? Und anschließend komme ich mit zu dir nach Hause und massiere deine ganzen Verspannungen weg, die du von den zwei Runden bekommen hast. Okay?"

Im Anschluss an das Schwimmtraining haben wir also zusammen gekocht, ich habe mir nach dem Essen von Jörn den Rücken massieren lassen ... leider nur im Sitzen, dafür aber wenigstens oben ohne und mit Lotion. Fast 20 Minuten lang. Ich finde, er macht es gut. Er meinte, ich würde gut aussehen. Da oben. Auch. Ich fühle mich geschmeichelt. Sehr.

Anschließend musste er relativ bald wieder nach Hause. Marie, die, während Jörn und ich unsere Massagestunde hatten, sich in ihr Zimmer verkrümelt und für die Uni gelernt hatte, meinte, er solle sein Handy doch mal zu Hause vergessen. Dann könne seine Mutter nicht ständig hinter ihm her telefonieren. So langsam nervt es selbst mich, dass sie permanent wissen will, was gerade passiert. Hat sie kein eigenes Leben?

Freitag, 31. Oktober 2014

Das Gute im Menschen

Wie es wieder funktioniert! Immer wieder die gleiche Masche, immer wieder die gleichen Leute, die darauf reinfallen und sich instrumentalisieren lassen. Ich begreife es nicht.

Alles Reden nützt nichts. Schon Martin Luther hatte Gutes im Sinn, als er empfahl, nicht alles zu glauben, was man hört, und nicht alles zu sagen, was man weiß. Ich weiß nicht, wie egoistisch und wie abgebrüht man sein muss, um Gerüchte über jemanden zu verbreiten, die geeignet sind, mal eben ganz großen Schaden anzurichten: Ein Kommilitone soll Geld unterschlagen haben. Öffentliches Geld, das ihm zu Forschungszwecken bewilligt wurde. So ein Vorwurf kann schlimmstenfalls eine ganze Karriere kaputt machen.

Es zog ganz große Kreise, und um Ermittlungen nicht zu gefährden, wurde mit ihm nicht gesprochen. Der Eine glaubt, was zu wissen, der Zweite glaubt, was gehört zu haben, der Dritte will sich wichtig machen, der Vierte sein Ego polieren und der Fünfte sich für irgendetwas rächen. Der Sechste dachte, er lästert nur und dichtet noch etwas dazu - und schon steht sie da: Eine öffentliche Meinung über einen Menschen, über den es normalerweise nichts Schlechtes zu reden gäbe.

Wie froh kann man doch sein, wenn es Menschen gibt, die schlechter sind. Wenn für eine gewisse Zeit die eigene dunkle Seite im Schatten des Bösewichtes leuchtet. Wenn man jemanden angrinsen kann, weil man zu schwach ist für ein Lächeln. Am Ende galt für den jungen Mann die Unschuldsvermutung nicht mehr. Er musste beweisen, dass er nichts Unrechtes getan hatte. Und siehe da: Den einzigen Fehler, den er gemacht hatte, war eine Fehlkalkulation bei den benötigten Mitteln. Der Fehler ist aber mehreren Personen, die eigentlich auf solche Fehler hin kontrollieren sollen, nicht aufgefallen. Solche Fehler können passieren. Und sie passieren auch immer wieder. Anstatt einmal mit ihm zu reden, wurde gleich das Schlimmste vermutet.

Fakt ist, dass die zu viel bewilligten Mittel niemals abgerufen wurden. Vielmehr hat der Kommilitone bereits vor Monaten ordnungsgemäß die Planung korrigiert. Und das hatte er schriftlich. Das ist inzwischen auch offiziell mit ausdrücklichem Bedauern bestätigt und verkündet worden.

Ich habe bereits als kleines Kind von meinem Großvater gelernt: "Glaube immer zuerst an das Gute im Menschen."

Es fällt manchmal schwer, denn das Schlechte scheint manchmal näher zu liegen. Aber in Wirklichkeit sagt eine solche Haltung in erster Linie etwas über die eigenen Vorstellungen und Erwartungen aus. Völlige Arglosigkeit hilft mit Sicherheit nicht, und ein gesundes Misstrauen sollten alle Menschen hegen. Ein gesundes Misstrauen muss sich aber auch immer gegen die eigenen Gedanken richten. Insbesondere gegen die, die anderen Menschen schaden könnten.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Unbequeme Freunde

Ich hatte gestern erneut Kontakt mit Gerd. Jenem 51 Jahre alten Patienten, der vor einigen Wochen einen schweren Verkehrsunfall hatte, und der letzte Woche völlig desorientiert war. Ich bin im Rahmen einer schriftlichen Hausarbeit von meinem Professor darauf hingewiesen worden, dass zwingend auch einige allgemeine Befunde mit erhoben und aufgeschrieben werden müssen. Er wurde beinahe etwas böse: "Das haben Sie ja nun schon etliche Male gemacht und wissen es daher. Warum werden Sie da jetzt nachlässig?"

"Ich bin da keineswegs nachlässig", widersprach ich und sagte, dass ich jüngst in meinem Praktikum gelernt hätte, dass jene Beobachtungen, die ich keiner chirurgischen Diagnose zuordnen konnte, nichts in der Chirurgie zu suchen hätten. Da hatte ich ja was gesagt. Ich beschrieb die Verwirrtheit des Patienten, sagte, dass ich es für ein Delir (Durchgangssyndrom) halten würde, mir aber gesagt wurde, dass mich das nicht zu interessieren hätte. Das sei Aufgabe des Psychiaters, nicht des Chirurgen. Ich wusste, dass ich damit provoziere. Ich wusste aber auch, dass ich es nicht hinnehmen werde, dass mich ein anleitender Arzt erst fünf Minuten mit einem desorientierten Patienten rumlabern und dann dumm stehen lässt.

Ich bekomme meine Informationen, wenn ich sie denn für das Studium brauche, im Zweifel auch anderswo. Aber kann ich mir denn sicher sein, dass der Patient die Behandlung bekommt, die er braucht? Ein Delir, das zwei Wochen nach dem Koma noch besteht, bedarf einer Behandlung, so habe ich es gelernt. Wenn das inzwischen überholt ist oder es Ausnahmen gibt, dann möchte ich das auch lernen! Ansonsten interessiert mich wenigstens, ob er behandelt wird.

Ich bin seit heute auf einer anderen chirurgischen Station. In einem anderen Krankenhaus. Offiziell, weil es Probleme wegen des Rollstuhls im OP gibt. Kapazitätsprobleme. Man bedauert das. Die Patientenakte von Gerd durfte ich nicht noch einmal einsehen. Aber verabschiedet habe ich mich von ihm, er war übrigens völlig wach und orientiert. Und ich habe auch seine Tochter kennenlernen dürfen, die sich bei mir bedankt hat.

Wie gesagt, seit heute findet mein Praktikumstag auf einer anderen chirurgischen Station statt. Mein Professor hat mich noch einmal zur Seite genommen: "Das hat keine disziplinarischen Gründe, dass Sie jetzt woanders sind. Sachlich haben Sie alles richtig gemacht. Ich rate Ihnen nur ... nein, ich rate Ihnen nichts. Sie gehen manchmal einen schwierigen, unbequemen Weg. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit chronischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen häufig die schwierigen Wege gehen. Damit werden Sie sich nicht immer nur Freunde machen."

Ich antwortete: "Das ist mir bewusst. Ich bin mir aber sicher, dass nicht alle Menschen einen großen Bogen um mich machen werden. Es gibt Menschen, die mögen unbequeme Freunde." - Streckt er mir doch die Hand aus...

Dienstag, 28. Oktober 2014

Manchmal

Manchmal, aber nur manchmal, kann ich nicht mehr schlafen und blättere mich durch alte Blogeinträge. Finde Rechtschreibfehler, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie mache. Spüre meine damalige Stimmung und hätte wiederum nie gedacht, dass ich so drauf sein kann. Lese, was ich so erlebe, und frage mich, ob ich ein bewegtes Leben habe. Muss grinsen, schaue in den Himmel und frage den, der da oben irgendwo wohnt: "Sag mal bitte, habe ich irgendwann mal zu laut geäußert, mir wäre langweilig?"

Dann frage ich mich, ob ich alles richtig mache. Und erinnere mich an eine Vorlesung aus dem Bereich der Psychiatrie, in der ein Patient vorgestellt wurde, der seine Armbanduhr zu Rate gezogen hat, sobald er eine Antwort brauchte. Er fragte dann laut: "Mache ich alles richtig?" - Dann blickte er einmal auf den Sekundenzeiger. Stand dieser gerade auf einer ungeraden Zahl (1, 3, ... 59), hieß das "Ja!", stand er auf einer geraden Zahl (0, 2, ... 58), hieß das "Nein." - Ich weiß jetzt nicht, welche Regel gilt, wenn der Zeiger gerade umspringt. Vermutlich gab es dafür auch eine Lösung. Bei mir ist es gerade 4 Uhr 27 und exakt 1 Sekunde. Es ist aber keine Armbanduhr und ich habe vorher nicht laut gefragt, also zählt das nicht.

Bevor das Formen annimmt, die ich nicht mehr erklären kann, gebe ich mir die Antwort selbst: Ich mache nicht alles richtig. Aber auch nicht alles falsch. Ich rolle meinen Weg. Einen Weg. Mal mehr, mal weniger planvoll; mal mehr, mal weniger spontan. Meine Richtung kenne ich, mein Lebensziel nicht. Mein Wunsch: Ich möchte glücklich sein und niemals einsam. Ob ich das weiterhin schaffe? Ich lasse mich überraschen.

Montag, 27. Oktober 2014

Hin und wieder Koma

Eigentlich fahre ich ja immer in der zweiten Klasse im Zug. Allerdings sind in manchen ICE-Zügen die Sitzplätze für Menschen mit Behinderung am Ende des Wagen 9 lokalisiert. Wagen 9 ist eigentlich ein Erste-Klasse-Wagen. Da das Kleinkindabteil genau daneben liegt, relativiert sich die sonst bessere Ruhe der 1. Klasse oft sofort wieder, aber die Sitze sind wenigstens etwas bequemer. Und man bekommt Tageszeitungen angeboten. Manchmal. In diesem Fall stieg ein Reisender aus und fragte mich, ob ich seine Zeitung haben wollte. Ich bejahte und stolperte über einen Artikel, der meine Augen größer werden ließ.

In London soll ein inzwischen 47jähriger Mann eine hohe Querschnittlähmung vorgetäuscht haben. Er falle zudem regelmäßig ins Koma. Der Schwindel sei aufgeflogen, als die Polizei ihn beim Einkaufen erwischte. Ohne Rollstuhl, ohne die angeblich nötige Beatmung. Der Grund für das ganze Manöver: Angeblich habe er seine Nachbarn um 50.000 Euro betrogen. Als das aufflog und er vor Gericht musste, ließ er sich einfallen, so die Tageszeitung weiter, dass er ab sofort ein wenig pflegebedürftig sei, so dass die Gerichtsverhandlung gegen ihn über die angeblich ergaunerten 50.000 Euro mehrmals verschoben wurde.

Was mich wundert, ist, dass offenbar niemand seinen Unfall mit dem Garagentor, der zu der schweren Beeinträchtigung geführt haben soll, untersucht hat. So eine hohe Querschnittlähmung macht doch eine lange Krankenhausbehandlung nötig. Wie kommt da jemand an ein entsprechendes ärztliches Attest zur Vorlage bei Gericht? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich will es auch gar nicht wissen. Nur ich denke mir: Wenn man schon so viel unternimmt, dass einem ein Gericht (vorerst) Glauben schenkt (oder schenken muss), wieso lässt man sich dann beim Einkaufen auf zwei Beinen filmen?

Was mich bei der Sache am meisten aufregt, sind die erheblichen Mittel aus Sozial- und Krankenfürsorge, die ihm in den letzten Jahren zugeflossen sind. Ich möchte mich auf das dünne Eis wagen und anhand verschiedener Erzählungen von Freunden und auch aufgrund einer persönlichen Begegnung vor etwa vier Jahren eine Haltung einnehmen, die möglicherweise im ersten Moment befremdet. Nämlich: Meiner Meinung nach muss jeder selbst entscheiden, ob er zu Fuß, auf einem Fahrrad oder im Rollstuhl durch die Weltgeschichte eiert. Genauso wie es mir egal ist, ob jemand rosafarbene oder schwarze Unterhosen trägt, sich die Nippel piercen lässt oder ein dichtes Fell am Rücken hat. Ich habe zwar meine persönlichen Präferenzen und würde selbst bei Bekannten ein zweites Mal hinschauen, aber letztlich ist es eine völlig private Entscheidung, wie sich jemand aus dem Haus wagt und wie sich jemand fortbewegt.

Sie ist es allerspätestens in dem Moment nicht mehr, wo (zu Lasten anderer) getäuscht und Sozialhilfe bezogen wird. Soll heißen: Kauf dir privat deinen Rolli, cruise damit durch die Stadt, triff dich mit Gleichgesinnten, aber spiel mit offenen Karten. Und rechne damit, dass diejenigen nicht so eng mit dir befreundet sein wollen, die sich nicht (mehr) aussuchen können, ob sie mal eben aufstehen wollen, wenn es am Strand ein wenig zu sandig wird. Und akzeptiere, dass eben genau diese Menschen sehr sauer werden, wenn du diejenigen Leistungen, die dafür bestimmt sind, ein Leben mit so extremen Beeinträchtigungen wie einem Halsquerschnitt oder einem Wachkoma zu ermöglichen, für dich ungerechtfertigt in Anspruch nimmst.

Auch wenn es den Staat vermutlich nicht aus dem finanziellen Gleichgewicht bringt, seine Pflegeleistungen grundlos gezahlt und vermutlich auf Nimmerwiedersehen verloren zu haben - es ist eine riesige Sauerei. Es ist so schon schwer genug, als betroffener Mensch an die vorgesehenen Leistungen zu kommen. Wenn ich sehe, welcher Aufriss mitnichten veranstaltet wird, bevor irgendwas bewilligt wird, wäre ich doch glatt dafür, solche mutmaßlichen Betrüger als Strafe für mindestens fünf Jahre zu einer sozialen Tätigkeit zu verdonnern, in der sie ihr "Wissen" für wirklich betroffene Menschen einsetzen können.

Samstag, 25. Oktober 2014

So ein Tag

Heute war mal wieder so ein Tag von der besonderen Sorte. Eigentlich ging es gestern schon los, als ich vor dem Aufzug im Bahnhof stand und ein Reisender, Rentenalter, mit rollendem Aktenkoffer, polierten Lackschuhen und schwarzem Schirm mich ungefragt dumm von der Seite zulaberte: "Ich hatte mal eine Bekannte im Rollstuhl, die konnte auch nichts alleine." - Leider hatte ich meine Stöpsel nicht im Ohr. Taub stellen? Der Typ gaffte mich von der Seite an. Ich spürte seinen Blick. Die Kabinentür des Aufzugs öffnete sich. Ich dachte mir so: 'Wenn der mich jetzt anfasst, um mich dort hinein zu schieben, fängt er sich eine. Nein, Jule, beruhige dich, das kannst du nicht machen.' - Ich deutete auf die Tür: "Bitteschön, ich warte noch." - "Nicht mit?" - "Ich warte. Und das kann ich sogar schon alleine." - "Nun sei mal nicht gleich so zickig, du weißt doch wohl genau, wie das gemeint war. Also mach hier keinen Zirkus und steig ein." - Ich drehte mich weg, nahm mein Handy in die Hand und checkte meine Mails. Er sagte: "Na dann eben nicht, dann musst du eben in deinem Selbstmitleid ertrinken."

'Mein Selbstmitleid, wie du es nennst, krieg ich schneller runter als du in den Aufzug kommst. Und bevor die Tür zu ist, schmeiß ich dir noch die leere Flasche hinterher', dachte ich mir leise. Ich sah vor meinem inneren Auge meine Psychotherapeutin sich grinsend die Hände reiben. Der Aufzug kam von oben wieder runter, ein Mann stand drin, blieb beim Aussteigen in der Tür stehen. "Warten Sie, ich halte Ihnen die Tür auf!" - Ich erwiderte: "Wenn Sie in der Tür stehen, komme ich aber nicht an Ihnen vorbei. Kommen Sie einfach raus, das geht schon." - "Meinen Sie?" - "Ja." - Er kam nach draußen, um direkt vor der Kabinentür, sich halb um die Ecke wickelnd, stehen zu bleiben und einen ausgestreckten Arm in die Lichtschranke zu halten. Dabei musste ich mit meinem Kopf unter seinem langen Mantel hindurchtauchen. "Geht es so?" - "Ja, danke", seufzte ich.

Heute morgen habe ich das Einkaufen übernommen. Auf meiner Liste standen jene Reste, die Maries Mutter gestern nicht bekommen hatte. Ich fuhr mit dem Auto, alle Behindertenparkplätze waren belegt. Eine Frau stand an der geöffneten Tür eines Fahrzeugs, das auf einem solchen Parkplatz stand. Ich öffnete das Fenster auf der Beifahrerseite: "Entschuldigung, fahren Sie weg?" - "Das ist ein Behindertenparkplatz!" - "Ja genau, fahren Sie weg?" - "Ich habe gesagt: Das ist ein Behindertenparkplatz!" - Okay. Ich nahm meinen Parkausweis in die Hand, hielt ihr den sichtbar hin und versuchte es ein drittes Mal: "Schauen Sie mal bitte. Fahren Sie weg?" - Ich bekam zum dritten Mal die Antwort: "Das ist ein Behindertenparkplatz!" - Ich gab auf. Ich fuhr auf die andere Seite einer Hauptstraße, durch das dortige Wohngebiet. Dort waren auch zwei Behindertenplätze. Beide waren belegt, beide von Autos, in denen kein Ausweis auslag. Ein "normaler" Parkplatz wurde gerade frei. Ich stellte mich rückwärts in die Parklücke. Rückwärts, weil der Parkplatz am rechten Rand eines Fünferblocks war und ich so die Garantie hatte, dass bei der Rückkehr nicht jemand neben der Fahrertür stehen würde. Ausweis in die Windschutzscheibe - ansonsten hätte ich ein Ticket lösen müssen.

Als ich wieder zurück kam, auf dem Schoß eine große Klappkiste mit dem Einkauf, hatte doch tatsächlich jemand auf dem Gehweg neben meiner Fahrertür geparkt. Sich quasi so zwischen Fahrradständer und Blumenbeet gequetscht, dass alle Fußgänger über die Fahrbahn laufen mussten und ich selbst dann nicht mehr ins Auto gekommen wäre, wenn ich ohne Rollstuhl unterwegs gewesen wäre. Man hatte, um in die Lücke zu gelangen, sogar meinen Außenspiegel angeklappt. 'Immerhin nicht abgefahren', dachte ich mir. Ich verstaute meinen Korb im Kofferraum. Ich rollte um die Fahrzeuge herum und sah an meinem Scheibenwischer einen Zettel. Nee, oder? Doch angeditscht? Nein, eine Knolle. Parken ohne Parkschein, Sie erhalten demnächst Post. Unglaublich. Allerdings, der Uhrzeit nach konnte die Überwachungskraft noch nicht weit weg sein. Ich rollte in eine Position mit besserer Übersicht und sah eine weiße Mütze in einiger Entfernung. Auf in den Kampf.

"Entschuldigung, ich habe hier gerade einen Zettel an meinem Scheibenwischer entdeckt. Kann es sein, dass Sie etwas übersehen haben? In meiner Windschutzscheibe liegt eine Ausnahmegenehmigung aus, dass ich keinen Parkschein lösen muss." - "Was?!", erwiderte der Mann entsetzt. - "Na, ich bin Rollstuhlfahrerin, wie Sie sehen, und ich habe eine Ausnahmegenehmigung, dass ich an Parkscheinautomaten ohne Gebühr und ohne zeitliche Begrenzung parken darf." - "Die lag nicht aus." - "Aber sicher lag die aus!", sagte ich mit meinem hübschesten Lächeln. - "Die haben Sie eben hingelegt." - "Also hören Sie mal, die Unterstellung ist aber jetzt ein wenig frech, finden Sie nicht? Denken Sie, ich hab das nötig?" - "Denken Sie, ich habe es nötig, falsche Tickets auszustellen? Sehen Sie. Aber Sie bekommen ja noch eine Anhörung, da können Sie das ja aufschreiben." - "Kommen Sie doch bitte einmal mit zurück. Dann werden Sie sehen, dass ich den da gar nicht nachträglich reingelegt haben kann. Ich bin nämlich komplett eingeparkt worden und kriege keine Tür mehr auf." - Er guckte mich mit prüfendem Blick an und sagte dann: "Ich komme da gleich hin. Ich schreibe den hier noch kurz zu Ende."

Zwei Minuten später standen wir vor meinem Auto. Es war offensichtlich, dass ich höchstens durch den Kofferraum hätte einsteigen können. Und dass ich das nicht gemacht habe, glaubte er mir endlich. Er guckte in die Windschutzscheibe: "Ach da liegt ja der Ausweis! Den müssen Sie ein wenig deutlicher nach oben schieben, so sieht man den kaum, vor allem, wenn der hier so dicht dran steht und man gar nicht dazwischen kommt! Geben Sie her, ich buche das aus, die Sache hat sich für Sie erledigt." - "Könnten Sie einen Abschlepper bestellen?" - "Für den da?" - "Ja, ich komme nicht mehr in mein Auto. Und das liegt nicht daran, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Da würde niemand mehr reinkommen." - "Naja, da müsste ich ein paar Fotos machen. Moment." - Er funkte seine Zentrale an. Der Mann mit der weißen Mütze verschwand, der Abschlepper kam relativ schnell, aber dann: "Das tut mir leid, junge Frau. Wenn ich den wegziehe, ballert der dabei gegen Ihr Auto. Die Vorderräder sind voll eingeschlagen, da müssten wir einen Kran holen. Ich könnte aber den anderen hier wegziehen und umsetzen. Dann müssten Sie das allerdings bezahlen." - "Kosten?" - "Bei Ihnen würde ich einen Sonderpreis machen, 79 Euro." - "Interessant, kommt aber sowieso nicht in die Tüte." - "Wieso?" - "Na, ich erteile Ihnen ja keine Aufträge, fremde Autos umzusetzen. Oder?" - "Ja, dann kommt der Kollege mit dem Kran, das kann aber ein bis zwei Stunden dauern." - "Dann rufe ich jetzt bei der Polizei an und erkläre denen, dass der Auftrag erst in zwei Stunden erledigt werden kann, ob sie eventuell einen anderen Abschleppunternehmer schicken. Es ist kalt, es fängt an zu regnen..."

Nach zehn Minuten war der Kollege (vom selben Unternehmen) mit dem Kran da. Geht doch. Kaum war das Auto angebunden, kam dessen Besitzer an. "Halt, was machen Sie da mit meinem Auto?" - "Wir haben einen Abschleppauftrag von der Stadt. Sie stehen hier auf dem Gehweg und alle Fußgänger müssen über die Fahrbahn." - "Aber da schleppt man doch nicht gleich ab!" - "Das müssen Sie mit der Stadt klären. Wir haben den Auftrag." - "Okay, was kostet es?" - Der Sonderpreis war hier gleich doppelt so hoch, immerhin hatte man nicht nur die Anfahrt, sondern auch noch Vorbereitungen zum Abschleppen getroffen. Wahnsinn.

Als ich endlich wieder bei Marie zu Hause ankam, stellte ich fest, dass ein eigentlich noch drei Wochen haltbares Lebensmittel bereits verdorben war. Ich ärgerte mich darüber, dass ich das im Supermarkt nicht gesehen hatte, obwohl ich eigentlich sehr genau hinschaue. Und dann hatte ich noch ein wichtiges Teil vergessen, obwohl ich mir sicher war, es im Einkaufskorb gehabt zu haben. Vielleicht war es an der Kasse auf dem Laufband in einen anderen Einkauf gerutscht, denn auf dem Bon stand es nicht. Und wenn jetzt noch jemand behauptet, meine Bauchschmerzen wären psychogen, gibt es Kloppe...