Mittwoch, 8. Januar 2014

Buckelnder Amtsschimmel

Cathleen braucht einen neuen Rollstuhl. Das kommt bei Menschen im Rollstuhl hin und wieder vor. Bei jungen Menschen häufiger, wenn sie nämlich rauswachsen, bei älteren Menschen nicht mehr so häufig. Der, den Cathleen fährt, ist fünf Jahre alt. Als sie ihn bekommen hatte, war sie Jugendliche, gerade ausgewachsen. Inzwischen müsste er für mehrere tausend Euro repariert werden, die teuersten Punkte wären eine neue Sitzbespannung (die alte ist eingerissen und löst sich auf) und ein Rahmen (der alte ist weich und verzieht sich immer mehr, knarzt und knackt bei jeder Bewegung). Die Räder müssten auch neu eingespeicht werden, verschiedene Lager sind schwergängig, knacken - das Ding ist einfach fertig. Die Krankenkasse hat eine Reparatur abgelehnt, da "die Reparaturkosten den Zeitwert des Stuhls vielfach überschreiten und eine nachhalte Wiederherstellung des Stuhls trotz umfangreicher Reparaturarbeiten nicht sichergestellt werden" würde.

Daraufhin musste Cathleen eine Stellungnahme ihrer Hausärztin (Maries Mutter) einreichen, dass sie noch immer auf einen Rollstuhl angewiesen ist... Die tippte sich nur an die Stirn. Als das Rezept vorlag, wurde sie vom Medizinischen Dienst eingeladen, der zu der Frage Stellung nehmen sollte, ob sie alleine fährt oder geschoben wird. Das war Anfang Oktober mit einem Gutachten abgeschlossen. Der Gutachter, in dem Fall ein Orthopäde, empfahl eine besonders hochwertige Versorgung, um Cathleens Mobilität, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Pflege bestmöglich zu unterstützen und, mit Blick auf das langjährige dauernde Sitzen, Fehlhaltungen vorzubeugen. Außerdem müsse ausreichend dem Wundsitzen vorgebeugt und ausreichend auf ihre von den Standardmaßen abweichende Körpergröße (unter 150 cm) eingangen werden. Mit Blick auf Cathleens Körpergröße schrieb er vorsorglich: "Die Versorgung mit einem Kinderrollstuhl ist bei einer erwachsenen Frau nicht angemessen."

Ein befreundetes Sanitätshaus erstellte daraufhin einen Kostenvoranschlag über einen fest verschweißten Aktivstuhl nach Maß im Sonderbau plus Anti-Dekubitus-Sitzkissen im Gesamtwert von rund 4.900 € und schickte diesen, ebenfalls Anfang Oktober, an die Krankenkasse. Davon genehmigte die Krankenkasse am 20. Dezember insgesamt 1.800 € für den Stuhl und 360 € für das Sitzkissen. Eigenanteil für eine mittellose Schülerin: 2.700 € für den Stuhl und 150 € für das Sitzkissen. Plus 2 x 10 € Zuzahlung, denn Rollstuhl und Sitzkissen sind jeweils ein Hilfsmittel, zu dem die gesetzliche Zuzahlung zu leisten wäre. Cathleen könnte nicht mal die 150 € für das Sitzkissen bezahlen. Der Genehmigungsbescheid kam Montag bei Cathleen an.

Heute nun waren Cathleen und ich bei Maries Mutter und haben was fürs Leben gelernt. "Bitte wählen Sie mal diese Nummer und stellen durch", sagte sie zu ihrer Mitarbeiterin. - "Warum wählst du nicht selbst?", fragte ich sie. - "Psychologischer Trick. Der Sachbearbeiter hat in aller Regel kein Vorzimmer, sondern muss selbst wählen, damit ist die Rangordnung von vornherein abgesteckt. Ich bin zwar kein Fan von solchen Manövern, aber wenn in einer Behörde der Amtsschimmel schon buckelt, kann meine Verstärkung ihn ruhig schonmal ans Halfter legen."

Das Telefon läutete. Es ginge um ihre Patientin Cathleen, da liege ihr jetzt die Entscheidung über den Rollstuhl auf dem Tisch und da sei irgendwas in den Sieben der Bürokratie hängen geblieben. Sie habe gerade so gar keine Zeit für irgendeine Paragrafenreiterei und die Patientin könne jetzt nicht auch noch ein weiteres Vierteljahr auf die nächste Entscheidung warten, daher möchte sie gerne von ihm als Fachmann wissen, wie "wir die Patientin resourcenschonend zu einer angemessenen Versorgung" bekämen. Die Antwort war denkbar einfach: Sie müsse nur das verordnen, was der Gutachter in sein Gutachten geschrieben hätte. Also einen fest verschweißten Aktivrollstuhl nach Maß im Sonderbau unter Berücksichtigung der besonderen ergonomischen Verhältnisse. Wenn sie eine solche Verordnung vorab faxe, mache er noch heute die Bewilligung fertig.

Kommentare :

Philipp hat gesagt…

Da soll noch einer durchblicken!

Anstatt das System grundlegend zu sanieren werden überall solche Tricks eingebaut auf die Otto Normalverbraucher natürlich nicht kommen soll und als Dummer den Bändel selber zahlen kann.

Armes Deutschland.

Grüße aus Kaiserslautern

Philipp

ruolbu hat gesagt…

Ich komm ehrlich nicht ganz mit, teilweise, weil mir die angedachten Wege, die man bei sowas für gewöhnlich gehen muss, nicht klar sind. War das am Ende jetzt erneut so ein "den richtigen Weg gehen, dann klappt das auch zeitnahe" Manöver?
Und wenn ja, was wäre die Alternative gewesen?

Anonym hat gesagt…

ich habe es nicht 100% verstanden. Hat Maries Mutter ihre Sekretöse im Amt anrufen lassen und diese sagte zu dem Ansprechpartner im Amt "guten Tag, anruf für sie, ich stelle durch" oder wie war das gemeint?

Tim Hoogeveen hat gesagt…

@Anonym:
Genau so. Wahrscheinlich ungefähr so "Hallo Herr Sachbearbeiter, hier spricht die Sprechstundenhilfe von Fr. Dr. $MariesNachname. Sie wünscht sie zu sprechen. Bitte warten Sie, ich verbinde."
Rangordnung abgesteckt.

Fastdäne hat gesagt…

Moin, moin,
cooles Ding! Das mit dem "Vorzimmer" ist zwar eigentlich ein alter Hut, zeigt aber immer wieder richtig gute Wirkung. Zu der "Hilfeverhinderungsbürokratie" fällt mir wenig ein. Bestätigen kann ich aber, dass es immer wieder Sinn macht, statt mit Widersprüchen viel Zeit zu verbrauchen, pragmatisch nach einer Lösung zu suchen. Hat ja auch hier geklappt.

BigDigger hat gesagt…

@ruolbu:
Was ist denn da nicht zu verstehen?

1. Sanitätshaus => Schrottgutachten
2. Schrottgutachten -> Krankenkasse
3. Hausarzt => Rezept
4. Rezept -> Krankenkasse
5. Krankenkasse => Stellungnahme vom Medizinischen Dienst
6. Gutachten (MD) -> Krankenkasse
7. Krankenkasse => Teilbewilligung
8. Widerspruch -> Krankenkasse
9. Hausarzt => Verordnung
10. Verordnung -> Krankenkasse
11. Krankenkasse => Bewilligung

Dass Du da nicht mitkommst, liegt nur daran, dass Du Stinkis Geschwurbel schlecht rezipieren kannst... ;-P

@Anonym (00:59)
Exakt so. Wer Geld hat, sich eine Angestellte zu leisten, die Zeit hat, für ihn Telefonate zu verbinden, ohne davon pleite zu gehen, muss was Besseres sein - so die Psychologie. Nach oben wird gebuckelt, nach unten wird getreten. Darum pinkeln manche Pinscher und Terrier im "Hand"stand...

ruolbu hat gesagt…

@ BigDigger
Und der Sinn der Aktion mit Maries Mutter hinter ihrem Vorzimmer war jetzt, dass die gesamten Kosten von der Krankenkasse übernommen werden sollten?
Bei mir kam nur an, dass es wohl nicht möglich ist, dass Cathleen das selbst bezahlt. Dann stand da was von gesetzliche Zuzahlung, aber ob sich das nun auf die hohen Kosten oder die 2x10€ bezieht, war für mich uneindeutig. Und wer nun solche Zuzahlungen zu tragen hat, kann ich nicht sagen. Der Begriff alleine verrät mir nichts. Wie sowas für gewöhnlich abläuft, weiß ich nicht. Was das für Cathleens Kostenanteil bedeutet, konnte ich nur raten.

Im letzten Absatz erkenne ich nur, dass Maries Mum Cathleen angeblich ein Vierteljahr Wartezeit erspart mit dem Anruf. Von Kosten finde ich da nichts. Einen Widerspruch finde ich im gesamten Text nicht.
Das gibt es da nicht zu verstehen ;)

Aber danke für die Schrittanleitung, wenn das so stimmt, ist mir das auch recht.

Jule hat gesagt…

@ruolbu:
Die Krankenkasse ist für die Instandhaltung ihres Hilfsmittels verantwortlich. Als sie erkannt hatte, dass es nicht mehr wirtschaftlich repariert werden kann, musste Cathleen ein Attest vom Hausarzt einreichen, dass sie immernoch auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Dieses Attest hat die Krankenkasse dann vom Gutachter prüfen lassen. Der Gutachter hat es bestätigt und ausgeführt, dass man hier nicht sparen sollte. Daraufhin hat die Krankenkasse gespart und nur einen Teil einer neuen Versorgung bewilligt, Cathleen die restlichen Kosten aufs Auge gedrückt (nach dem Motto: Wir zahlen nur den billigsten Schrott, unser eigenes Gutachten interessiert uns nicht). Weil das schon absurd ist, hat Maries Mutter (als Cathleens Hausärztin) bei der Krankenkasse angerufen.

Und die Antwort war: Wenn die Hausärztin nun noch ein Rezept ausstellt, in dem das gleiche steht wie in dem Gutachten der Krankenkasse, dann bezahlt die Krankenkasse nach Gutachten.

Anonym hat gesagt…

Jetzt ohne davon großartig Ahnung zu haben: ist es für die KK nicht viel teurer, ständig den/mehrere Gutachter zu bezahlen, als einfach mal in die "Krankenakte" von Cathleen zu schauen, festzustellen, dass eine eindeutige lebenslänglich unverbesserliche Diagnose vorliegt (ggf. vom Hausarzt bestätigen lassen bzw. die genauen Spezifikationen für das Hilfsmittel einholen) und das dann einfach für sämtliche kommenden Rollianträge zu verwenden?