Donnerstag, 16. Januar 2014

Laut und unbequem (Nachtrag)

Ich mache das selten, aber heute möchte ich einen Nachtrag zu meinem gestrigen Beitrag hinzufügen. Denn die Bundesregierung hat genau zu meiner gestrigen Frage, warum ihre Wahl auf Verena Bentele gefallen ist, Stellung bezogen. Sie führt aus:

"Frau Bentele verfügt als unmittelbar Betroffene [...] über eine entsprechende Lebenserfahrung. Sie hat es als Mensch mit einem Sehhandicap geschafft, Abitur zu machen und zu studieren, und sie hat zwölf paralympische Medaillen gewonnen. [...] Das ist hinreichend Beleg für ihre Qualifikation und auch für die Überzeugungskraft, die sie bei solch einer Aufgabe haben muss. [...] Es ist sehr selten, als vollständig blind geborener Mensch Abitur zu machen, ein Studium zu absolvieren und derart herausragende sportlerische Leistungen zu zeigen."

Schade, kann ich dazu nur sagen. Ich hätte erwartet, dass unsere Bundesregierung schon einen Schritt weiter ist. Aber dann gebe ich meinen Mitmenschen die Zeit, die sie brauchen. Ich hoffe, dass Verena Bentele es schafft, andere davon zu überzeugen, dass sie eben nicht deshalb außergewöhnlich ist, weil sie als blinder Mensch ein herausragendes Abitur, ein bestechend abgeschlossenes Studium und eine einmalige sportliche Karriere hingelegt hat; sondern weil ihr einmaliger Lebensweg einen Menschen geformt hat, der weiß, wie man andere Menschen bewegt und Menschen mit Behinderung davon überzeugen kann, dass es sich lohnt, weiterhin für ein gleichberechtigtes Miteinander und damit gegen jede Behinderung zu kämpfen. Ich wünsche ihr dafür viel Kraft und drücke ihr meine Daumen.

Auch meine Frage, ob Verena Bentele künftig überhaupt vor dem Parlament sprechen darf, weil sie eben kein Mandat hat, ist aufgegriffen worden: Diese Frage werde derzeit noch geprüft. Und noch etwas: Anders als bisher angenommen, soll die Tätigkeit nicht im Ehrenamt, sondern mit einem regulären Arbeitsvertrag ausgeführt werden, was ich mit Blick auf die Bedeutung der Tätigkeit sehr begrüße. Bleibt nur zu hoffen, und das meine ich ehrlich und ohne jeden Unterton, dass Frau Bentele für ihre Tätigkeit keine persönliche Assistenz benötigt (die ihr zum Beispiel was vorliest), denn sonst bleibt ihr -als Mensch mit Behinderung- von diesem Gehalt nicht viel mehr als der Sozialhilfesatz übrig.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Du meinst es ohne Unterton, aber allein die Existenz dieses Nachsatzes lässt bei mir eine Frage ganz schüchtern von hinten an die Glasmurmeln klopfen, die die Augen darstellen:

Wat willst Du eigentlich in der Medizin, wenn Du schriftliche Werke mit solchen Sätzen beenden kannst, die in mir den Samen der Hoffnung nähren würden, dass der Qualitätsjournalismus doch noch nicht am Aussterben sein könnte?

JD hat gesagt…

Hut ab, Stinkesocke.

Ich hoffe, dass Frau Bentele es schafft, die Menschen davon zu überzeugen, dass es nicht ihre Behinderung ist, die sie qualifiziert. Auch ich wünsche ihr alles Gute für das Amt und bin sehr gespannt auf den frischen Wind, den sie hoffentlich in den Laden bringen wird.

Anonym hat gesagt…

Bleibt nur zu hoffen, und das meine ich ehrlich und ohne jeden Unterton, dass Frau Bentele für ihre Tätigkeit keine persönliche Assistenz benötigt (die ihr zum Beispiel was vorliest), denn sonst bleibt ihr -als Mensch mit Behinderung- von diesem Gehalt nicht viel mehr als der Sozialhilfesatz übrig.

Chapeau!!

Fastdäne hat gesagt…

Hallo,
dass mit dem Journalismus ist ja eine feine Frage, ich befürchte aber, dass auch die Socke irgendwann mal Geld verdienen will und muss. Bei meinem Bild der heutigen Medien ist so ein Journalismus, wie er sich hier immer wieder andeutet wohl eher kaum gefragt, wenn auch dringend wünschenswert.
Jule, dein Kommentar zu der Biographie der Frau Bentele sind goldrichtig. So lange das für Behinderte noch immer als "besonders" gilt, ein Abi zu machen oder ein Studium zu absolvieren, sind wir von Inklusion sehr weit weg.
Gruß Frank

Anonym hat gesagt…

Zur Erinnerung, Jule ist bestens versorgt und DARF gar KEIN Geld dazuverdienen!

Ich finde auch, dass Jule inzwischen hervor ragend schreibt. Die Medizin ist aber eine Berufung!

LH

Andreas

Edelnickel hat gesagt…

Ich weiß nicht, ich finde das irgendwie als positive Diskriminierung. Ist zwar positiv, aber ja immernoch Diskriminierung.

Sie verdient auf jeden Fall Respekt dafür, dass sie trotz ihrer Blindheit Abitur und Studium gemeistert hat; das ist ja so schon eine Leistung, aber als blinder Mensch hat man sicher noch mehr Hürden, allein schon beim Lernen.
Trotzdem finde ich nicht, dass das eine Qualifikation fürs Amt ist.

Andererseits: wer in den Ämtern der Bundesregierung hat schon die passende Qualifikation?
Wir haben einen Juristen als Gesundheitsminister, einen Juristen als Landwirtschaftsminister, eine Ärztin als Verteidigungsministerin, eine Finanzwirtin als Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend......

Ich hoffe (wie bei allen anderen auch), dass sie ihre Sache gut macht, egal ob sie nun selbst behindert ist oder nicht. Das sollte dabei keine Rolle spielen...

Liebe Grüße,
nickel

Hecate hat gesagt…

Dieses Video macht mich gerade sehr, sehr wütend und sehr, sehr traurig.
Willkommen im (As)Sozialstaat Deutschland!

Jali hat gesagt…

@Edelnickel: Es ist vor allem deswegen eine Leistung als blinder oder sonstwie mit einer Behinderung lebender Mensch Abitur zu machen, weil einem die Gesellschaft in der man lebt so viele Steine in den Weg legt.

Gerade im Bereich der Bildung gilt: Behindert ist man nicht, behindert wird man. Jemand ist ja nicht dumm, nur weil er oder sie nicht sehen, hören oder laufen kann. Leider werden die Betroffenen aber oft so behandelt.

Ich bin auch etwas skeptisch, ob Frau Bentele für den Job die richtige ist. Aber nicht wegen ihrer Blindheit, sondern weil sie auf dem politischen Parkett ein Neuling ist.

Ich habe da so den Verdacht, dass die Berufspolitiker sich gedacht haben: "Prima, jetzt haben wir eine Quotenbehinderte, die wir vorzeigen können, wenn jemand nach Behindertenpolitik fragt, und ansonsten hält die sich raus, und wir können machen was wir wollen!"

Es ist nun an Frau Bentele dem Rest der Politik zu zeigen, dass sie sich getäuscht haben, und ordentlich politischen Druck auf zu bauen. Gerade ihre Underdogposition erlaubt es ihr, überraschend aufzutreten und auch mal gegen tradierte Konventionen zu verstoßen. Ich wünsche ihr, dass ihr das gelingt.