Sonntag, 19. Januar 2014

Stubbe in Rente

Nun ist Stubbe also in Rente. Nach 20 Jahren spielte seine fünfzigste und letzte Folge im Rollstuhlbasketball-Milieu und wurde in Hamburg gedreht. Ich habe sie gestern zum ersten Mal sehen können und ich fand sie insgesamt sehr gelungen. Wer sie in der Mediathek schnell noch ansehen will, sollte sich diesen Beitrag nicht durchlesen, denn sonst geht die Spannung verloren.

Apropos: Blickt man auf den Spannungsbogen und auf die kriminalistische Handlung, fand ich die Folge eher durchschnittlich. Es kamen von vornherein etwa vier Tatverdächtige plus der große Unbekannte in Frage, wenn man gleich davon ausgeht, dass die Laienschauspieler keine Hauptrolle übernehmen würden. Der große Unbekannte schied ziemlich schnell aus, weil es an Nebenhandlungen fehlte. Wobei das kein Vorwurf an den Autor sein soll, denn in einer letzten Folge ist ohnehin schon jede Menge Handlung enthalten, die da einfach reingehört, wenn man jemanden wie Stubbe pensionieren will. Ein Stubbe wird eben nicht fünf Minuten vor Ende erschossen oder fällt mit seinem Auto eine Steilküste hinab, sondern Stubbe geht schnuggelig in seinen wohlverdienten Ruhestand, mit sich, seiner Familie und seinem Job im Reinen und mit seiner Liebsten im Arm.

Das alles unterzubringen, einige tagträumerische Rückblicke auf die vergangenen fünfzig Folgen einzuflechten und nebenbei dem Rollstuhlsport noch eine angemessene Präsentationsplattform zu geben, geht einfach etwas zu Lasten der Krimispannung. Aber ich fand, das störte überhaupt nicht. Es war eine wunderschöne Samstagabend-Unterhaltung, die völlig nebenbei ein tolles Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung zeigte, von dem sich viele Regisseure eine dicke Scheibe abschneiden können. Und ich habe meinen Leuten in der WG, die mit mir zusammen den Film per Beamer an der Wand des Gruppenraums guckten, bis zum Schluss nicht erzählt, wer da gemordet hat. Die Ersten kamen erst in dem Moment, als David mit seinem Rollstuhl in der Halle umkippte und Judith ihn auf ihre Art motivierte, wieder aufzustehen, auf die richtige Fährte. "Die hat doch einen an der Waffel", äußerten sie und sollten Recht behalten. Eifersucht auf die erfolgreiche und beliebte Maria (Jana Reinermann) sollte die bemutternde Judith (Jule Böwe) auf einen ausgeklügelten und vernichtenden Plan bringen. Fast ganz zum Schluss kommt raus, was viele schon einige Zeit ahnten: Judith hat eine völlig gestörte Wahrnehmung, erlebt sich in einen Arzt verliebt, hasst die von ihr getötete Maria, weil sie ihr leichtfertig den Doctore ausgespannt hat - und muss dann auf Stubbes Frage, ob Dr. Riedel ihre Liebe je erwidert habe, zugeben: "Er hat es nicht mal gewusst."

Ein richtiges flüssiges Basketballspiel ist leider nicht dargestellt, dafür ist zu viel geschnibbelt worden. Aber das tut der Sportart keinen Abbruch, denn einzelne Spielzüge sind durchaus erkennbar. Die professionellen Schauspieler, allen voran Trainer Niklas (Uwe Bohm), haben hart trainiert, um Bewegungsabläufe im Rollstuhl so authentisch und flüssig wie möglich wirken zu lassen. Was gelungen ist. Die Rollstühle passten, waren qualitativ hochwertig, die Inhalte waren stimmig, die gespielten Bewegungsmuster passten zu den erwähnten Lebensgeschichten und Verletzungen (Motorradunfall etc.). Einige gute Kompensationstechniken (Aufheben eines Balls, Ein- und Aussteigen aus dem Sportrollstuhl, Ausladen des Rollstuhls aus dem Auto, Öffnen von Türen und vieles mehr), waren sehr realistisch gespielt. Es gab einige Szenen, wie das gegenseitige Umarmen in der Halle beim Gedenken an Maria oder die abschließende Spielszene, die ich emotional sehr berührend und insbesondere von den Laien wunderschön gespielt fand.

Der eher gemütliche Stubbe (Wolfgang Stumph), der nach einer gemeinsamen Zech-Einlage kaum noch geradeaus gehen kann und sich auf Trainer Niklas abstützt ("Man hilft, wenn einer an den Rollstuhl gefesselt ist") und am nächsten Morgen mit einem Seil an den Rollstuhl gefesselt aufwacht ("Was soll der Scheiß? Danke für die Belehrung") wird mir, obwohl ich die Serie früher nie geschaut habe, künftig fehlen. Sein Kollege Zimmermann (Lutz Mackensey) ist genauso herrlich auf dem falschen Dampfer und steif ("Mit Minderheiten lieber eine Spur zu korrekt") wie man ihn schon als Kriminalrat Iversen in alten Wiederholungen des Großstadtreviers schätzen gelernt hat. Uwe Bohm in der Rolle des Niklas wächst als eher arschiger Trainer in der Szene um seine potentielle Impotenz über sich hinaus ("Meinst du, dass ich keinen mehr hoch kriege?"), Jule Böwe spielt ihre Rolle (Judith) einfach hervorragend und auch Jana Reinermann (Maria) fand ich in ihrer Rolle (beliebt, erfolgreich, sexy, keck und mit Hamburger Dialekt) nur traumhaft.

Nicht ganz so professionell waren einige Kleinigkeiten, die mich aber eher zum Schmunzeln gebracht haben: Während in der Halle noch die Tote liegt und man draußen den Hausmeister Müll sammeln sieht, heißt es später, der Hausmeister sei vor dem Todeszeitpunkt nach Hause gegangen. In der Rechtsmedizin wirkt es für eine Sekunde lang so, als wenn die tote Maria grinst. Als David auf der Intensivstation liegt, spricht der Arzt draußen von "schweren Schlaftabletten", mit denen er versucht habe, sich umzubringen, was ich als Medizinstudentin mal vorsichtig belächeln möchte, ohne weiter darauf einzugehen. In einer Szene, als Stubbe auf einen Loyalitätskonflikt für das Davids Schweigen zu den Tatumständen kommt, hat seine Enkeltochter für einen Moment lang die Hosen nass. Und als Stubbe ganz am Ende in die Sporthalle geht, um nachzustellen, wie sich der Mord abgespielt haben könnte, spiegelt sich für einige Sekunden ein Beleuchtungskran und ein Lkw mit Filmequipment in der Fensterscheibe der Sporthallentür. Aber sowas sieht man vermutlich auch nur, wenn man sehr genau hinschaut. Schade war auch, dass der Abspann nicht vernünftig zu lesen war, weil bereits Werbung für den nächsten Film lief.

Meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner fanden den Film allesamt sehr gut gelungen. Ich habe viele positive Mails bekommen. Aus unserem Sportverein kamen auch überwiegend positive Rückmeldungen. Und, und damit möchte ich dann nun endlich abschließen: 8,57 Millionen Zuschauer schauten den letzten Stubbe (26,3 Prozent Marktanteil) und ließen die anderen Sender (5,43 Millionen Volksmusikfans auf ARD und 5,29 Millionen DSDS-Bohlen-Freunde auf RTL) weit zurück. Schön, dass ich für einen solchen Film inspirieren durfte.

Kommentare :

chris hat gesagt…

Da hast du aber echt sehr genau hingeschaut ;-) Die Kleinigkeiten habe ich nicht bemerkt...
Ich fand ihn auch echt gut..
Liebe Grüße
Christine & Joshua

Anonym hat gesagt…

also ich muss ja sagen, dass ich Maria aus den Vlog-Rückblendungen ziemlich nervig fand. Zu aufgedreht, zu taktlos und ständig die Kamera die sie ungefragt jedem ins Gesicht hält, und das selbst nachdem die Leute sich darüber beschweren.

Sehr toll fand ich auch das mit dem an den Rollstuhl fesseln - als er das betrunken sagte meinte ich "das kann der doch nicht sagen" - nur um kurz darauf (unter verwunderten Blicken) loszuprusten als er am nächsten Morgen aufwachte.

Schade war, dass die Szene als Judith aus dem Auto ausgestiegen ist zusammengeschnitten wurde. Vermutlich hat die Schauspielerin die Beine benutzt weshalb da der cut drin war, ich hätte den Vorgang aber gerne komplett gesehen.

Anonym hat gesagt…

Mir hat der Stubbe auch gut gefallen, ich finde die Parallelen waren gut zu erkennen. Meinst du, deinen Eltern ist aufgefallen, wer da inspiriert hat, falls sie die Folge gesehen haben?

Anonym hat gesagt…

Also ich fand den Krimi ganz ok - wenn auch nicht überragend. Dafür fehlte mir etwas die Spannung. Das v-bloggende Opfer fand ich etwas nervig. Wenn mich jemand so mit der Kamera verfolgen würde...*grrr*

Was mich etwas überrascht hat, waren die Reaktionen der Rollifahrer in der Mordszene und als die Polizei am Tatort war. Da hätte ich doch etwas mehr Emotion erwartet.

Schön fand ich, daß einem breiten Publikum präsentiert wurde das auch Rollifahrer Partnerschaften eingehen, Sex haben und Kinder bekommen. Wobei...ist letzeres wirklich so eine Seltenheit wie im Film behauptet?

BTW: Ich war heute zufällig beim Arzt (FA für PT-Medizin) und der hat doch hartnäckig behauptet, daß es mit der QSL ein und für alle Mal aus ist mit dem Sex...naja, zum Glück gibt's Jule's Blog...wir wissen mehr.

LG Björn

Anonym hat gesagt…

Vor allem ich fand Maria für total süss. Vielleicht ein bisschen aufgedreht, aber total positiv und lebensbejahend.
Wenn Jule im wahren Leben auch so ist, dann kann ich nur bedauern sie wie die Meisten hier, nie in Realita zu sehen.

Andreas

Olli hat gesagt…

So, mal sehen, ob ich alles noch zusammenbringe, was ich sagen wollte.

Ich war bei den Sportrollstühlen von der doch sehr flachen Rückenlehen überrascht - ich hätte gedacht, die ist bei jedem Rollstuhl schon so hoch wie eine normale Lehne.
Man merkt, ich bin ein Kerl, dem fällt zuerst technisches auf. Auflösung auf die Frage werde ich wohl spätestens dann bekommen, wenn ich es dieses Jahr endlich zu dem entsprechenden Turnier hier in Köln schaffe.

Bisher dachte ich, ich hätte mitunter schon eine überdurchschnittlich sensible Wahrnehmung, aber Jule, was Du da alles bemerkt hast, ist mir völlig entgangen.

Dafür ist, so wie ich das gerade sehe, aber wohl auch allen bisherigen Fragestellern bei den entsprechenden Fragerunden entgangen, nach einem Dialekt bei Dir zu fragen. Komme drauf, weil Du das bei der Film-Maria erwähnt hast.

Insgesamt war das kein Krimi der Tatort-Art die mich als Krimi begeistern, aber als nette Unterhaltung, vor allem mit dem Hintergrundwissen, fand ich es klasse. Spannend auch zu sehen, dass ich vor Uhrzeiten wohl mal Stubbe guckte, da war seine Tochter noch viel jünger, ich auch, damals fand ich sie noch sehr anziehend, heute nimmer^^

War es eigentlich Dein Wille oder wurde nicht gefragt, ob in Abspann oder Kommunikation zu der Folge auf Deine Lebensgeschichte als Anhaltspunkt hingewiesen wurde?

Chrissy hat gesagt…

Mir hat der letzte "Stubbe" auch sehr gut gefallen. Ich hätte ihn aber nicht gesehen, wenn du das nicht zur Sprache gebracht hättest (Danke dafür :-)).

Mach weiter so, vielleicht wird ja nochmal ein Film draus ;-)

jacob hat gesagt…

schön, dass die laiendarsteller es so toll hinbekommen, behindert zu spielen... aber wäre es in diesem und anderen fällen nicht besser, "echte" rollifahrer etc. für solche rollen zu nehmen?

Daniela hat gesagt…

@Jacob
Wenn ich mich recht erinnere waren die Laienschauspieler der Basketballgruppe Leute aus Jules Sportverein, also wohl "echte" Rollifahrer.

Ich hätte den Stubbe ohne Deinen Hinweis, Jule, auch eher nicht geschaut. Danke dafür, denn er hat mir, mit dem Hintergrundwissen aus dem Blog, auch sehr gut gefallen. Früher habe ich Stubbe oft geschaut, aber irgendwann habe ich die Krimis irgendwie aus den Augen verloren. Eigentlich schade, wie ich jetzt festgestellt habe.

Die Paralleln waren für Blog-Leser unverkennbar, Uwe Bohm wie immer einfach nur genial. Ich mag diesen Schauspieler sehr gerne.

Anonym hat gesagt…

Danke für den Hinweis auf den Film, bisher hatte ich noch nie Stubbe geschaut.

Eine medizinische Frage beschäftigt mich jetzt: Wenn man Maria beatmet hätte, bis die Wirkung des Muskelrelaxans aufhört, hätte sie dann (relativ) problemlos überlebt?