Samstag, 25. Januar 2014

Weil sie nicht im Rollstuhl sitzen

"Wo bleibt dein Humor?", war eine anlässlich meines letzten Postings mehr als einmal gestellte Frage. Weil ich über den blöden Witz mit dem Schuhband nicht lachen konnte. Und weil ich es befremdlich fand, von wildfremden Menschen auf meine Unterwäsche angesprochen zu werden. Nun, ich möchte mich nicht rechtfertigen, warum ich manchmal nicht (mehr) den Humor habe, der solche Situationen geschmeidiger auflösen würde. Aber wenn solche Fragen gestellt werden, möchte ich es gerne erklären. Und ganz am Ende mal einen Versuch starten.

Ich lache sehr gerne. Über mich, über meine eigene Dusseligkeit, über meine Missgeschicke, über Situationskomik, über Witze, über Dinge, die komisch aussehen - ich halte mich für einen sehr fröhlichen Menschen und das Lachen kommt von ganz alleine. Dieses Lachen tut mir gut. Es gibt aber auch noch ein zweites Lachen (oder besser: Lächeln), jenes aus Anstand. Und das ist einmal okay, ein zweites Mal auch, aber dann wird es irgendwann anstrengend. Und wer über einen langen Zeitraum angestrengt ist, wird irgendwann müde.

Genauso ist es mit Unterhaltungen. Ich könnte und kann mich stundenlang mit netten Menschen unterhalten. Ein Thema ergibt das andere, wir vergessen die Zeit. Solche Gespräche finde ich toll, sie geben mir Kraft, sie machen mich glücklich. Es gibt aber auch noch etwas anderes, das nennt sich Small Talk, Gespräche aus Höflichkeit. Die sind auch okay, hin und wieder, aber ich bin keine Dauer-Small-Talkerin. Sinnloses, oberflächliches Gelaber möchte ich nicht den ganzen Tag ertragen, weder aktiv noch passiv. Das strengt mich an, das macht mich ebenfalls müde.

Und dann gibt es noch etwas: Achtung und Höflichkeit voreinander, Toleranz im Umgang miteinander und eine gewisse Distanz zueinander. Ich gebe zu, mir fällt es nicht immer leicht. Aber optimalerweise ergänzen sich zu wenig Achtung und zu wenig Höflichkeit durch die Toleranz des anderen und die Distanz, die zwischen den beiden Menschen steht. Ich empfinde es so, dass ich im Alltag sehr häufig (um nicht 'extrem häufig' zu sagen) eine mangelnde Distanz anderer zu mir, mangelnde Achtung und fehlende Höflichkeit vor mir durch ein großes Maß an Toleranz kompensiere. Meine Behinderung liefert häufig den Anlass, aber die Verbindung meiner Behinderung mit meiner Person (zu 'Die Behinderte') ist es, was mich oft wütend macht. Für die meisten Menschen im Alltag bin ich 'eine Behinderte', und nach wie vor die meisten Menschen im Alltag können entweder nicht damit umgehen, dass ich eine körperliche Einschränkung habe, oder dass meine körperliche Einschränkung nicht der Mittelpunkt ist, um den sich mein ganzes Leben dreht.

Es werden auf diese Zeilen vermutlich wieder einige mit der Frage reagieren, ob ich zu lange nicht richtig durchgevögelt worden bin. Oder weniger ordinär ausgedrückt: Ob ich keine anderen Sorgen habe, meine Tage bekomme oder meine Gedanken nicht etwa einer zunehmenden und überflüssigen, schädlichen Verbittertheit geschuldet sind. Ich möchte auch das beantworten: Ja, ich bin untervögelt. Man könnte fast schon von einem chronischen Leiden sprechen. Allerdings: Ich habe auch noch andere Sorgen. Meine Tage sind nicht fällig und die Frage, ob meine Auseinandersetzung mit dem Thema überflüssig und schädlich ist, möchte ich mal verneinen. Schädlicher fände ich, an nicht ausgesprochenen Schwierigkeiten tatsächlich zu verbittern.

Ich bin, und das gebe ich zu, über einiges chronisch genervt. Etwa darüber, dass mir Leute jeden Tag denselben Unsinn erzählen und empört sind, wenn ich darüber nicht mehr lachen kann und auch nicht täglich lächeln möchte. Etwa wie die Kassiererin an der Supermarktkasse, die sich von jedem dritten Kunden in dem Moment, in dem sie einen Artikel mehrmals über das Scannerfenster halten muss, bevor er endlich erfasst wird, anhören darf: "Oh, gibt es den heute umsonst?" - Mit dem Unterschied, dass sie für ihre Arbeit und ihre Höflichkeit bezahlt wird. Würde man ihr das übel nehmen, wenn sie auf den Spruch nur müde lächelt oder gar nichts sagt und die nicht gelesenen Ziffern per Hand eingibt? Und erst wieder lächelt, wenn der Kunde einen gerade aus dem Automaten gezogenen Geldschein mit den Worten: "Hab ich heute morgen frisch gedruckt!" übergibt?

Ich bin eigentlich ein total schüchterner Mensch. Ich möchte in der Öffentlichkeit nicht angesprochen werden. Ich möchte auch keinen Dialog mit fremden Menschen führen. Ich möchte mich in die hinterste Ecke des Busses setzen, meine Musik hören und in Ruhe gelassen werden. Schal bis über die Nase, Mütze bis über die Augenbrauen. Ich bin auch mal zu früh aufgestanden, vielleicht sogar mit dem falschen Bein, mir ist kalt, mich nervt der halb geräumte und mit Tonnen von Salz und Sand bestreute Schnee auf dem Gehweg, die ganzen losen Platten, Fugen, Pfützen, Hundehaufen und falsch parkenden Autos, ich habe Schiss vor irgendeinem Vortrag, den ich gleich halten soll, bin wegen meiner Zwischenprüfung angespannt und habe Hunger.

Jede andere Studentin in meinem Alter würde man einfach in Ruhe lassen. Sicher, sie müsste ihre Fahrkarte zeigen, wenn im Bus eine Kontrolle ist. Sie müsste artikulieren, welches Brötchen sie kaufen möchte, wenn die Verkäuferin sie anschaut. Aber sie würde nicht permanent dichtgelabert werden, müsste nicht ständig ihren Knopf aus dem Ohr ziehen und auf irgendwas reagieren - unter den Blicken Dutzender Menschen, die, ohne fachlich versiert zu sein, prüfend schauen, ob ich die eine oder andere Alltäglichkeit hinbekomme, sofort bereit zu einer Erklärung oder einer Hilfestellung. Klar, es ist nett gemeint. Aber 'nett gemeint' ist nicht immer nett. Sondern eben manchmal auch nervig. Ich vermisse es oft, dass meine Mitmenschen sich eine völlig simple Frage stellen: "Würde die Frau überleben, wenn ich jetzt nicht da wäre?" - Mein Alter sollte die Frage beantworten: Ich bin schon groß.

Zurück zu denjenigen, die mich ansprechen (ich meine damit nicht die Fragerunden in meinem Blog, sondern persönliche Dialoge auf der Straße): Da stehen Dutzende Leute am Bahnsteig. Warum wird der Typ mit dem Gangsterblick nicht gefragt, ob seine Unterhose warm ist? Warum streicht der Frau mit dem Kinderwagen und dem Partner an der Seite niemand durch die Haare? Warum wird die Schülerin nicht gefragt, ob sie ihre Tage bekommt und gerne Strings trägt? Warum will niemand von dem älteren Mann mit dem Stock wissen, ob seine Prostata ein Nachträufeln bedingt? Warum wird der Uniformierte nicht gefragt, woher seine Narbe an der Stirn kommt? Warum schenkt dem Mann in Schlips und Kragen keiner Geld? Warum fragt die Frau mit Kopftuch niemand, ob sie ihre Gebärmutter noch hat und ob der Sex mit ihrem Mann sie befriedigt? Warum bedauert niemand den Schüler, der mit seinen gerade erst 15 Jahren schon Legasthenie hat? Warum fasst niemand der Busfahrerin an die Hüften und schiebt sie durch die nächstbeste Tür? Warum will von der Polizistin niemand die Oberweite wissen?

'Weil sie nicht im Rollstuhl sitzen?' - Das kann doch nicht die richtige Antwort sein.

Ich habe mir mal den Spaß gemacht, wollte einen Tag lang mitschreiben. Ich hatte einen kleinen Block und einen Kugelschreiber in der Tasche und wollte bei jeder Gelegenheit Notizen machen über die Dialoge mit wildfremden Menschen. Auch auf die Gefahr hin, dass mich den ganzen Tag lang nur wenige Leute ansprechen und die Liste abends völlig langweilig ist. Wer möchte, darf mal reinlesen - ich habe nach 3 Stunden abgebrochen. Und nein, es war kein außergewöhnlicher Tag. Aber auch kein gewöhnlicher.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ohmann, was ein generve. Da wird man ja bekloppt. Und das geht laufend so?
Entweder merke ich es nicht mehr wenn mich jemand belanglos voll labert oder es ist wirklich weniger bei mir. Ich habe jedoch noch eine Frage: Bist das nur du, oder werden Marie & Co ebenfalls in diesem Maße zugequatscht?

Blogolade hat gesagt…

Puh. Also 1-4 finde ich noch normal. Ich kenne das auch so, dass man sich auf der Straße grüßt, auch nach dem Weg fragen finde ich nicht verwerflich, das kommt hier auch dauernd vor.

Viele Hilfeangebote (Tür auf, mal anfassen) kenne ich aus Kinderwagenzeiten und auch da hat es teilweise genervt weil man mit einem Kinderwagen oft stabiler die Stufen runterkommt, wenn man es alleine macht.
Beim Kinderwagen gehen die Zeiten vorbei. Beim Rolli leider nicht.

Mal was anderes: du solltest diese Auflistung der kaputten Aufzüge mal an die Verkehrsbetriebe weiterleiten. Das ist ja nicht normal, dass du dauernd Umwege nehmen musst. -.-

Hast du schonmal versucht, dickere Kopfhörer zu besorgen. So on-ears? Das wäre vielleicht deutlicher, einen kleinen Stöpsel in Ohr als "Lass mich in Ruhe" Zeichen übersieht man schneller, besonders bei langen Haaren. Nur so als Idee.

Hecate hat gesagt…

Als ebenfalls eher schüchternem und im Alltag meist nicht zu Small Talk aufgelegtem Menschen dachte ich bei deinem Eintrag mehr als einmal: "Jo, kenn ich."
Wenn ich mit Bus/Bahn unterwegs bin, mache ich mit Stöpseln im Ohr und Blick aufs Buch gerichtet einen denkbar unnahbaren Eindruck. Und mich spricht dann in der Regel auch keiner an.

Ich lese deinen Blog seit mittlerweile drei Jahren. Aktuell lese ich zum dritten Mal alles von hinten nach vorne durch.
Ich habe durch deinen Blog extrem viel gelernt und mehrfach mein eigenes Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung reflektiert.
Dabei sind mir zwei Dinge wieder und wieder aufgefallen:

1. Ich wäre selbst viel zu schüchtern, um irgendjemanden auf persönliche Dinge anzusprechen. Egal ob mit Behinderung, niedlichem Kind, schicken Schuhen oder sonst was.
2. Ich käme niemals auf die Idee, jemanden einfach so anzusprechen, weil ich selbst weiß, wie stressig/nervig es sein kann, von Fremden angesprochen zu werden. Manche Gespräche sind für mich wirklich purer Stress. Das will ich niemandem zumuten.

Nach allem, was ich die letzten drei Jahre hier gelesen habe, wäre, säße ich im Rollstuhl, der Umgang anderer Leute mit mir für mich am problematischsten. Man WIRD eben häufiger behindert (gemacht), als dass man behindert IST, das sieht man besonders deutlich an den ach so hilfsbereiten Menschen, die meinen, mal eben schieben zu müssen. Oder an den des Lesens von Hinweisschildern temporär unfähiger Zeitgenossen, die auf Behindertenparkplätzen parken.
Gerade für das Thema "Behindertenparkplätze" hat dein Blog mich sensibilisiert. Ich habe auch vorher nie auf solchen Parkplätzen gestanden, aber jetzt würde es mir niemals wieder einfallen. Und wenn ich ein Auto sehe, dass auf eine Behindertenparkplatz steht, schaue ich mittlerweile schon automatisch in die Windschutzscheibe - so gut wie nie sehe ich da einen entsprechenden Ausweis.

Das, was du in drei Stunden dokumentiert hast regelmäßig zu erleben - da musst du dir wirklich nicht vorwerfen, zu wenig Humor zu haben, zumal der aufmerksame Blogleser durchaus merken dürfte, dass es dir nicht an Humor mangelt.
Manche Dinge hat man einfach zu oft gehört, um sie noch lustig zu finden.

Ich denke gerade nach, welche Interaktionen ich in meinem Leben mit (mir fremden) Menschen mit (sichtbaren) Behinderungen hatte. Mir fällt eine ein: Ich habe einer Frau im Rollstuhl mal die Tür aufgehalten. Die hat sich dafür bedankt und das war es. An besagter Tür hätte ich das allerdings auch für jeden anderen getan, weil die Stelle recht eng ist und ich auch nicht sonderlich scharf auf Körperkontakt/körperliche Nähe mit Fremden bin.

Bei manchem, was ich hier in diesem Blog (und teils in den Kommentaren) schon gelesen habe, wurde mir ganz anders. Mein Glaube an die Menschheit wird da schon arg strapaziert.

Viele Grüße
Lexi

Micra hat gesagt…

Ich hätte ja echt nicht gedacht, dass das so extrem ist. Ich bin ja schon genervt, wenn mich einmal im Monat einer im Bus anspricht, weil es gerade regnet, der Bus nicht weiterfährt, mein tablet interessant findet (auf dem ich gerade lese) oder mir aus seinem schweren leben berichten muss.
Wobei ich auch nicht immer abneigend reagiere. Gerade bei älteren Menschen habe ich das Gefühl, dass sie einfach mal mit jemandem reden wollen.
Ein Grund warum du so oft angesprochen wirst ist wohl auch, weil ein Gesprächseinstieg relativ leicht ist: Kann ich helfen, wie ist das passiert, usw.

ruolbu hat gesagt…

pretty fucked up :/

Ich weiß, dass es vielen Leuten so geht, und zwar auf Grund verschiedenster Umstände. Solche Querschnitte durch den Tag einer Person und was für abgefahrendes Zeug sich manche Menschen anhöre müssen, hab ich schon auf anderen Blogs lesen dürfen.

Da war die Frau, die sich allerlei herablassende Dinge anhöre durfte, weil sie nicht "deutsch" aussieht (was zum Teufel das auch immer sein soll).

Da war jemand der/die wegen dem eigenen Körpergewicht und den Körpermaßen - welche beide in den Augenen vieler Menschen auf der Straße scheinbar schlicht "falsch" waren - ständig Kommentare erntet.

Oder das homosexuelle Pärchen, welches in der Öffentlichkeit kaum Bezieheungsgespräche führen kann oder Händchen halten darf (ganz zu schweigen von küssen), ohne der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu werden und das auch mitgeteilt zu bekommen.

Und dann war da die transexuelle Frau, die bei jedem Einkaufstrip damit rechnen konnte, in Warteschlangen oder im Bus sich irgendwas von irgendwem anhören zu dürfen, weil ihr Erscheinungsbild nicht so wirklich dem entspricht, was viele Menschen gerade noch so mit ihrem Weltbild vereinbaren können.

Nicht das es unbeding hilfreich ist, dem optischen Medien-Ideal einer Frau zu entsprechen. Denn Erlebnisberichte von Frauen zu catcalls und street harassment sind glaube noch das, was ich am aller meisten im Netz gefunden habe.


Normen, darum geht es. Entpsrichst du der Norm deiner Gesellschaft, darfst du ein unbeschwertes Leben genießen. Wenn nicht, werden du und dein Körper zu Objekten des öffentlichen Interesses.

Danke für den Einblick, ich finde sowas hilfreich und wertvoll.

Edelnickel hat gesagt…

Ich habe mich erst gefragt, ob du da einfach etwas empfindlich bist oder so. Blöderweise habe ich nämlich den Fehler gemacht davon auszugehen, wie oft ich selbst so angesprochen werde auf der Straße. Aber dann habe ich deine Liste gelesen und bin echt erstaunt. Das ermüdet ja schon beim Lesen!
Ich kann dich vollstens verstehen!

Anonym hat gesagt…

Jetzt wundere ich mich wirklich, daß Du noch nicht durchgedreht bist.

Oje. :(

gismo1978 hat gesagt…

Hmm, also ich kann Deine Reaktion nachvollziehen. Ich habe mir die 31 Gespräche in (nicht mal) 3 Stunden durchgelesen. Mein Eindruck ist, daß es die Leute fast durchgängig wirklich nett mit Dir meinen. Aber sie wissen halt nicht, wie es ist im Rollstuhl zu sitzen. Das Du die Sprüche und Fragen so häufig hörst. Und Deine Bedürfnisse kennen sie auch nicht. Ich vermute mal, daß das Bedürfnis vor allem der Wunsch nach Normalität ist? Hier müssen die Leute einfach noch ne Menge lernen.

Und mal ehrlich, wo lernen das "Normalos" eigentlich? Die meisten Rollstuhlfahrer und Schwerbehinderten (wage ich jetzt einfach mal zu behaupten) werden sowieso in irgendwelchen speziellen Schulen oder Werkstätten beschäftigt. Die bekommt ja fast niemand zu Gesicht. Ich hab deswegen auch schon mal so richtig die Haßkappe aufgehabt nach der Besichtung so einer gGmbH (war ein Lieferant von uns). Total liebe und fleißige Leute waren das. Deswegen ist Inklusion ja so wichtig.

Wenn mich so viele Leute morgens anquatschen würden, dann wär mir schon das Klappmesser in der Hosentasche aufgegangen. Naja, egal. Labertaschen gibt es überall. Am Besten man nimmt Panzerband mit und droht den Leuten das auch zu benutzen (für den Mund usw.). ;-)

Du scheinst für die Leute wirklich wie ein buntes Chamälion zu sein. Ich bin mal eine ganze Zeit lang mit einem (ziemlich spaceigen) Dahon Faltrad im Zug gefahren...da haben einen die Leute auch ständig drauf angequatscht.

Ich habe neulich auf Youtube 'ne Folge von My Gimpy Life gesehen. Ich find das paßt irgendwie zur Situation: http://www.youtube.com/watch?v=pYTnldzk9nc

Eine Frage stelle ich mir dann aber auch: Warum tust Du Dir den Mist an und fährst nicht mit dem Auto?

LG Björn

BigDigger hat gesagt…

Der Idiotenmagnet funktioniert also noch.

Soll ich jetzt auf viel Eis und Schnee und Streumittel hoffen? Vielleicht wird Dein nächster Vierrädriger ja weniger magnetisch? Obwohl... unwahrscheinlich.

Tante Cook hat gesagt…

Ich fühl mich angesprochen. :D
Also Jule, hilft es dir persönlich weiter, dich zu ärgern? Macht es nicht Sinn sich einfach dran zu gewöhnen?

Ich verstehe ja, dass es nervt. Wirklich. Aber mit einer Behinderung ist man eben noch ein Exot. Damit können viele nicht umgehen. Woher auch. Dass Behinderte in normale Schulen gehen ist erst seit relativ kurzer Zeit möglich. Es gibt also wenige Menschen, die den natürlichen Umgang gelernt haben. Die anderen sind eben unsicher. Ein paar davon ergreifen die Flucht nach vorne und beweisen, dass sie nett sind und fürsorglich. Ist nicht unbedingt immer passend aber doch grundsätzlich einfach nett.

Die Oma fragt sicher nicht den Typ mit dem Gangsterblick. Aber sie fragt wohl die meisten netten jungen Mädchen, die zu dünn angezogen aussehen.

Durch die Haare streichen tut man nicht. Es hilft doch aber auch nicht sich zu ärgern? Ein freundlicher Hinweis oder auch ein unfreundlicher schützt vielleicht den nächsten.

Als Schülerin wurde ich tatsächlich genau das gefragt. ich war so 14? "Wie alt bist du denn mein Kind" - "14" - "Oh, das ist ja ein spannendes Alter! Bist du denn schon eine richtige Frau?" - "???" - "Hast du schon deine Blutungen?" - "Hmm, joa…" - "Und schon Sex?"

Ich denk mal, ein großer Teil der Leute, die dich ansprechen sind einfach nur nett und möchten helfen. Das finde ich super und ich finde, dass es für eine gute Gesellschaft spricht.
Ein Teil ist komisch und spricht einfach jeden an. Ein Teil denkt sich bestimmt "oh die sitzt im Rollstuhl, da soll man nicht gucken, aber weggucken und nicht helfen ist auch nicht nett, ich frag einfach mal was.

Bei dir kommen wohl mehrere Faktoren zusammen. Du bist jung und ein Mädchen (da fühlen sich alte Leute angesprochen), du wirkst nicht assig (das erfreut viele so sehr, dass sie einen vollquatschen) und dann noch der Rollstuhl.

Ergänze doch bei allen deinen Beispielen mal den Rollstuhl. Den Polizist mit der Narbe oder die Frau mit Kopftuch würden diese Frage auch nicht gestellt bekommen, säßen sie im Rollstuhl.

glaub mir, die bekommen andere Fragen :D

Anonym hat gesagt…

Wirklich Wahnsinn, wie oft du angequatscht wirst. Ich frag mich echt, warum man das macht. Ich würd gar nicht auf die Idee kommen. :/ Vielleicht als der Busfahrer fragen, ok...aber einfach so?!

Gunnar hat gesagt…

hierarchien. menschen die ungefragt in die privatsphäre anderer eindringen sehen denjenigen dessen privatsphäre sie verletzen als "hierachisch unter ihnen stehend an".

also, ich finds dufte dass du dir das nicht gefallen lässt.

apropos, grüße in die hamburger provinz aus der einzig prima stadt in deutschland - berlin (sorry, musste sein)

Anonym hat gesagt…

Guten Morgen!
Ich verstehe Jule sehr gut. Das Problem ist, dass sich Jule nicht als Person per se wahr genommen fühlt, sondern in erster Linie als Rollstuhlfahrerin und Behinderte.
Dss Prinzip sollte aber heissen, zuerst der Mensch, dann der Rollstuhl. Die Behinderung verstellt vielen Menschen den Blick auf Jule selber. Des weiteren ärgert sie, dass die Leute ihre Privatsphäre nicht achte. Auch wenn manche Menschen ehrliche Anteilnahme zeigen, so befriedigen die meisten doch nur ihre Neugierde. Und dann sind da noch die "Hilfsbereiten", die ungefragt Hilfestellung leisten wollen, und glauben sich dann den Freibrief erwerben die üblichen Fragen stellen zu dürfen, die Jule schlicht beim Hals heraushängen.
Ein gewisses Problem stellt auch die Tatsache dar, dass viel zu wenige Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, offenbar am öffentlichen Leben teilnehmen. Wenn man bedenkt wie viele Menschen jährlich einen QS erleiden, wie viele mit Erkrankungen wie Spina bifida, Muskeldystrophien etc geboren werden, MS Kranke es gibt, so wundert mich selber wie selten man einen Menschen im Rollstuhl auf der Straße begegnet. Die meisten davon sind dann in Begleitung.
und da liegt der Hase im Pfeffer. Würden mehr Menschen im Rollstuhl am öffentlichen Leben teilnehmen, so wäre der "Sensationseffekt" zu klein um die von Jule beschriebenen Reaktionen hervor zu rufen.
Allerdings wundert mich das nicht, dass sich zu viele zu Hause verkriechen.
Ich finde es sollte in den Köpfen der Menschen ein Rollstuhl was völlig Normales sein. OK, der oder diejenige kann nicht laufen und benötigt daher einen Rollstuhl, Punkt. Schluss der Debatte. Es sollte die Person die drinsitzt zählen.

liebe Grüße

Andreas

Bloggergramm hat gesagt…

Du scheinst da eine ganz besondere "Gabe" zu haben. Am Rollstuhl alleine kann es nicht liegen.
Meine Ex-Freundin (und nach 7 Jahren Beziehung beste Freundin) sitzt auch im Rollstuhl, aber bei ihr ist das überhaupt nicht so ausgeprägt. Den einen oder anderen Verwirrten hat sie zwar auch, aber das ist in einem Rahmen, den ich als Fußgänger auch habe....

Wolfy hat gesagt…

Ach Jule... wie ich schon schrieb:
Die Frage nach der Unterhose kann jedem gestellt werden. Meine Großeltern machen das zu weilen.
Mit ihren Enkelkindern, Rollstuhlfahrern, Hipstern, Menschen im Anzug, etc. pp.

Allerdings picken sie sich immer den Menschen raus, von dem sie meinen, dass er.... nunja... am ungefährlichsten ist. Da hast du im Rolli natürlich die Arschkarte - welcher Fußgänger glaubt schon, bei einem Rollifahrer in Gefahr zu sein. ;)
Und ja - hier greift eindeutig ein Vorurteil. Ich wüsste zumindest nicht, warum Rollifahrer nicht beleidigend, brutal oder gefährlich sein sollten. ^^"

Nebenbei:
Wenn du dich (verständlicher Weise, erwähnte ich ja schon im Vorbeitrag) genervt fühlst:
Nimm die Kopfhörer nicht raus, wenn es nicht sein muss. So hättest du zumindest schon mal zwei Gespräche umgehen können.
Machen die Fußgänger in ähnlichen Situationen auch so.
Und ja - auch wir werden gerne mal von der Seite her angesprochen und genervt. Allerdings bin ich das Problem los, seit dem ich richtig GROSSE Kopfhörer habe. Keine Stöpsel - sondern welche zum aufs Ohr legen. Selbst wenn die Musik aus ist: alle Welt denkt, dass du sie eh nicht hörst. ;)

Anonym hat gesagt…

"'Weil sie nicht im Rollstuhl sitzen?' - Das kann doch nicht die richtige Antwort sein."

Doch, leider. :-( Es macht mich traurig und wütend das zu lesen, aber leider können die meisten nicht mit "außergewöhnlichen Menschen" (Egal ob Rollstuhl oder Brandnarben, Tragetuch oder sonst eine Besonderheit) umgehen. Bei vielen Sachen wird noch halbwegs gelassen reagiert, aber bei Rollstuhlfahrenden (sofern sie nicht ersichtlich alt sind und geschoben werden) hört es einfach auf. Da überwiegt das Mitleid (hattest Du nicht mal einen Beitrag mit "Nett, aber nutzlos"??) und es wird eine größere Hilfsbereitschaft an den Tag gelegt. Die ansonsten unserer Gesellschaft leider abgeht. Und das man zu fremden Menschen eine gewisse Distanz wahrt, setzt Respekt voreinander voraus. Da die oben erwähnte Hilfsbereitschaft den Respekt vor der Person leider außer Kraft setzt, kommt es immer wieder zu solchen "Ansprachen". Und die finde ich überaus unverschämt! Und deswegen bin ich der Meinung, dass Du zu wenig Humor hast, sondern ganz im Gegenteil sehr viel Humor und Gelassenheit brauchst um durch den Tag zu kommen.

Einen erfolgreichen Uni-Tag und noch frohes Lernen! Bewahre Deinen Humor und Deine Lebensfreude!

Jali hat gesagt…

Ich finde es immer wieder überraschend, dass Leute so distanzlos sein können. Ich hatte in den Hamburgern eigentlich immer eine ähnlich kühle hanseatische Einstellung vermutet, wie bei uns Bremern. Will sagen: Wenn jemand dich nicht offensiv zum Gespräch animiert, lässt Du denjenigen einfach in Ruhe.

Oder geht da bei den Leuten plötzlich ein Schalter, und alle Manieren sind vergessen, weil sie einen Rollstuhl sehen? Ich vermute es.

Was den saublöden Witz mit dem Schuhband angeht: Der ist alt. Und ich meine richtig alt. So alt, dass Mario Barth vermutlich Markenschutz dafür beantragt hat. Die älteste dokumentierte Fassung davon, die ich bei einer kurzen Google-Suche finden konnte, ist aus der Bühnenshow von Ted Healy von 1921 (wer den nicht kennt: aus der Show ging die Komikertruppe "The Three Stooges" hervor). Bei den Stooges bekam das Opfer des Witzes meist beim nach unten schauen noch einen Nasenstüber, zum Glück wurdest Du ja von dieser Tätlichkeit verschont. Witzig war das schon bei den Stooges nicht.

Patrick Gamm hat gesagt…

Guten Morgen!

Ich habe gerade in deinen Text rein gelesen und muss dir uneingeschränkt zustimmen. Ich bin ja schon genervt in der Bahn wenn sich Menschen neben mir laut unterhalten oder einfach unangenehm sind. Dann aber auf dem ganzen Weg noch wegen irgendwelcher Dinge angequatscht zu werden wäre echt zu viel. Bleibt wirklich die Frage offen warum ein Mensch im Rollstuhl diese Reaktionen hervorruft. Ist es der Beschützerinstinkt der anderen, pure Neugier oder wird man einfach als Freiwild betrachtet, der arme behinderte der wohl eh keine Freunde hat und dem es ganz schlecht geht dem tue ich jetzt mal einen gefallen und beschäftige mich mit ihm um ihm zu zeigen das ich ihn akzeptiere.
Gerade diese Texte sind es die ich so gerne von dir lese um eben das eigene Verhalten anderen Menschen gegenüber einmal zu überdenken.
Ich wünsche Dir auch in Zukunft ein dickes Fell und das du in der ein oder anderen Situation deinen Humor nicht verlierst.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

kann mir gut vorstellen, wie sehr das Ganze schon nach kurzer Zeit nervt. Und dann auch noch ständig
eine gewisse "Freundlichkeit" an den Tag legen zu müssen.

Eines würde mich aber interessieren: ist aus dem ständigen Angesprochen-werden auch mal etwas "Gutes" rausgekommen, bzw. hast du dadurch interessante Leute kennengelernt, mit denen du länger im Kontakt standest, bzw. diese zu Freunden wurden ?

liebe Grüße..

Chris

Christian hat gesagt…

Auch wenn du dir wie Don Quichotte (besser Don Quijote) vorkommst im Kampf gegen die Windmühlen der Ignoranz/Respektlosigkeit/... Du machst das Richtige! Man kann die Leute doof sterben lassen, oder man versucht sie zu verändern.

Auch wenn du die Doppelbelastung von Behinderung und Vorbild nicht gewollt hast, ein Teil der Leser wird mir zustimmen, das du das gut machst und schon einige zum Nach- und Umdenken gebracht hast.

Du kannst nicht chronisch untervögelt sein wenn das Leben dich jeden Tag aufs neue f*ckt.

Auch wenn es schwerfällt, lass dich nicht unterkriegen!

Micha Boschke hat gesagt…

Hallo Jule,
das ist ja der Hammer - deine Liste. Ich fahre auch jeden Tag 2h mit den Öffentlichen hier in Berlin zur Arbeit und nach Hause. Hier trifft man zwar auch genug Verstrahlte, was sich aber eher auf Gerüche/allgm. Benehmen/Geräusche beschränkt. Ich werde in einem ganzen Monat nicht so oft angesprochen, wie du in den 2h. Es würde mich vermutlich in Kürze zur Weißglut bringen, wenn ich meine Geschichte mehrmals pro Tag erzählen müsste. Das du überhaupt dabei noch höflich bleiben kannst, zeigt welch hohes Maß an Toleranz dir innewohnt.
Gut, das du das mal so aufgeschrieben hast - ich hätte es nicht für möglich gehalten.
VG
Micha

Annkathrin Hana Mond hat gesagt…

Ich mag es auch nicht, auf der Straße angesprochen zu werden (schon gar nicht auf meine Unterwäsche) und finde nicht, dass das was mit Humorlosigkeit zu tun hat.
(Ebenso das mit den Schnürsenkeln - ich mag Scherze auf eigene, nicht auf anderer Leute Kosten. Ich freu mich schon wieder auf den 1. April. Nicht.)

Birgitta hat gesagt…

Hallo Jule,
ich kann dich gut verstehen. Als mein großer Sohn in seiner schlimmsten Neurodermitisphase war, da war er 3 Jahre alt. Seine Haut war rund um den Mund aufgeplatzt, entzündet, wund.... Und auch seine Hände waren durch die Neurodermitis offen und wund. Es war wie Spießrutenlaufen beim Einkauf. Wie oft wurden wir angequatscht, mit dummen Bemerkungen belabert und guten Tipps eingedeckt, die wir gar nicht wissen wollten! "Bist wohl vom Fahrrad gefallen?" war noch das angenehmste.... Am Ende wollte er fast gar nicht mehr raus.
Ich finde, das hat nichts mit sexueller Zufriedenheit oder Hormonhaushalt zu tun - wenn man ständig blöde Kommentare ertragen soll, dann ist man irgendwann genervt - die einen früher, die anderen später. Das Problem ist man aber nicht selbst, sondern die Menschen, die vor der Verwendung ihres Mundwerkes nicht ihr Gehirn einschalten - denn ich bin mir sicher, sie würden auch nicht gerne so angequatscht werden!
Wünsch dir gute, starke Nerven!
Birgitta

Anonym hat gesagt…

Hi Jule,
ich vermute, die meisten Leute moechten sich einfach nur freundlich und hilfsbereit zeigen. Man liest / hoert so viel ueber Menschen, die durch Behinderte/alte Menschen/Muetter mit Kinderwagen etc 'hindurchsehen' und einfach vorbeihasten, obwohl evtl jemand Hilfe gebraucht haette.

Ich vermute, dass die Hamburger, die dir manchmal so auf den Geist gehen, einfach nur fuer sich beschlossen haben, dass sie nicht zu dieser Gruppe Menschen gehoeren moechten. Es ist mit Sicherheit nicht boese gemeint und keiner moechte dir auf den Senkel gehen. Es ist vielleicht nur ein Versuch der Inklusion, der manchmal etwas verunglueckt.

Uebrigens machen meine Freundinnen, seit sie Kinder haben, aehnliche Erfahrungen. Sie werden sie 20x am Tag angesprochen ('Was ist es denn, Junge oder Maedchen?', 'Wie alt ist er denn?', 'Kommen Sie da durch mit dem Kinderwagen?' etc etc).

Dass du angesprochen wirst, hat evtl also gar nichts mit dem Rollstuhl zu tun. Versuch doch, mit einem Laecheln drueber wegzugehen.

Ganz liebe Gruesse,
eine Hamburgerin

Daniela hat gesagt…

Ich dachte bei dem Blog-Eintrag vom 22.01. auch erst, "Da hatte sie aber einen schlechten Tag!", aber ja, Du hast recht, irgendwann geht es einem schlicht auf die Nerven. Gut gemeint ist halt, wie immer der doofe Bruder von Gut gemacht.

Wir haben bei uns im Hundesport-Verein auch ein Mädel, das im Rolli sitzt und mit ihrem Hund Agility macht.
Am Anfang, als sie bei uns ins Training kam, war ich auch immer versucht zu fragen: "Paßt das?? Stehen die Hürden zu eng? Kommst Du da rum??" Bis ich mich selbst zur Ordnung gerufen habe und mir klar gemacht habe, wenn sie auf einem Turnier ist, steht da ein Parcours der auf Fußgänger ausgerichtet ist und dann fragt der Richter auch nicht, ob alles für den Rolli genehm ist. Sie muß es nehmen wie es kommt.

Also ist unser Trainingsziel wie bei allen anderen Teilnehmern auch, Lösungen für die Stellen zu finden, wo es hängt. Der Weg ist für sie meist ein Anderer, als für uns, das Ziel das Gleiche, den Hund fehlerfrei durch den Parcours zu führen. So einfach kann es sein, wenn man sich nicht selbst die Sicht verstellt.

Und für diese freie Sicht, möchte ich Dir an der Stelle einfach mal danken, denn ohne Deinen Blog wäre meine Sichtweise sicher auch noch durch "Gut gemeint" verstellt.

VG
Daniela

Anonym hat gesagt…

Ich lese hier ja für gewöhnlich nur stumm mit, aber zu diesem Beitrag muss ich einfach mal eins schreiben: DANKE!

Oft wird es von Außenstehenden als frustriert angesehen, wenn man als Rollstuhlfahrer nicht ständig mit jedem Menschen über alles sprechen möchte oder auf blöde Anreden zynisch reagiert, aber warum sollte man auch? Warum muss ich es ständig über mich ergehen lassen, gelobt zu werden, wenn ich aus dem Bus aussteige oder gefragt zu werden ob ich Hilfe brauche wenn ich einfach nur dastehe und auf jemanden warte?

Ich arbeite selbst in einem Krankenhaus und auch dort ist es nicht möglich den Gang entlang zu fahren ohne ein "Huiiiii, nicht so schnell" oder ein "Achtung, wenn Sie mich umfahren lande ich auch noch im Rollstuhl" zu hören (bei 3 Metern Abstand zum Patienten). Mittlerweile werden diese Patienten ignoriert aber ich sehe selten Kollegen den Gang entlang gehen und mit solchen Kommentaren beworfen werden und frage mich nur: warum nicht?

Diese Überidentifikation mit Rollstuhlfahrern, wodurch Hemmungen vollkommen verschwinden, ist mir ein Rätsel und ich fürchte, das wird sich auch nicht so schnell ändern.

Schon des öfteren habe ich von befreundeten Rollstuhlfahrern gehört, man müsse zu Fremden immer freundlich und auskunftsbereit sein, damit sie Vorurteile gegenüber Rollstuhlfahrern abbauen, aber das ist für mich kein zufriedenstellender Zustand.

Wie also in Zukunft damit umgehen?

Anonym hat gesagt…

Ich glaube, die meisten Leute wollen einfach nur irgendwas sagen, weil sie meistens "Rollstuhl == Behinderung == Lebensunfähig" verbinden und auch ihre eigene Unsicherheit überspielen müssen.
Ich denke, daß es die freundliche Kaffeehausdame ebenso ankotzt, jeden Morgen zigmal "ne Latte zum mitnehmen" zu hören oder "Kaffee ohne Zucker - süß bin ich selbst". Und die Kassiererin würde das unscanbare Teil am liebsten bis nach sonstwo pfeffern. Das Problem ist, daß dies eines Tages auch passieren wird, nur wird es dann heißen:"Die ist aber unfreundlich, sowas geht überhaupt nicht!". Auch Du wirst vlt. eines Tages die Nerven für solch einen Mist nicht mehr haben und irgendeinem oder einer eine verbale Attacke entgegenschleudern. Nur dann wird es heißen:"Die ist nicht nur behindert, sondern auch noch frech!". Dabei wolltest Du doch einfach nur Deine Ruhe haben. Ich hoffe und wünsche Dir, das solch ein Tag niemals in Dein Leben tritt :-). Auch wenn es Dich müde macht, der Spruch auf meiner Tasse hat mir schon oft geholfen:"Lächle! Du kannst sie nicht alle töten!"

//LG, Stefan

Anonym hat gesagt…

öh uff.
Protokoll doch bitte noch anderswo veröffentlichen. Traumhaft. Alptraumhaft.
Kriege den Mund nicht mehr zu

Schnuffelsocke(n) hat gesagt…

Hey Jule!
Ich kann echt verstehen, dass dich das nervt. Aber ich glaube, ich bin da oft auch nicht besser.
Leider trifft man nicht oft behinderte Menschen. Zumindest hier in der Gegend nicht. Keine Ahnung wieso.
Naja und wenn man dann mal jemand sieht, weiß man oft nicht, wie man reagieren soll.
Ich glaube, die Menschen und auch ich haben immer noch nicht kapiert, das Behinderung eigentlich alltäglich ist und nicht etwas soooo besonders. Etwas anderes ja. Aber damit kann man ja genauso leben wie mit allem anderen möglichen "Mist" auch.
Nur das vergesse ich zumindest recht häufig.

Liebe Grüße

Anonym hat gesagt…

Die Summe macht's. Immer wieder ähnliche Kommentare von saublöd bis mitleidig, immer die gleichen Fragen. Tapsige, unbeholfene aber ungewollte, weil nicht benötigte Hilfsangebote.
Ich kann Jule verstehen, auch wenn vermutlich nicht der einzelne "Samariter" nervt, sondern die Vielzahl. Wie verhält man sich als Fußgänger richtig? Vielleicht am ehesten wie sonst auch: zurückhaltend, aber bereit zu helfen. Ist doch egal, wo und bei wem etwas anbrennen könnte, man kann das auch im Augenwinkel mitbekommen, ohne große "Showeinlagen". Ohne "Helfersyndrom".

ThorstenV hat gesagt…

Ich find den Idiotenschnitt an dem Tag eigentlich ganz durchschnittlich, nur ist das Problem natürlich, dass der Fußgänger in solchen Fällen gleichzeitig im wörtlichen und übertragenen Sinn sagen kann: Wenn mir einer blöd kommt, dann geh ich einfach weg. Schlimmer als den Tag fand ich die Supermarktsache. Das war einfach jenseits von Allem, was notfalls noch toleriert werden kann.

Wären hier nicht zwei kaputte Aufzüge, die dich dazu gezwungen haben eine Rundreise zu machen, wäre auch weniger Gelegenheit zum Zusammentreffen mit Vollpfosten gewesen. Daraus sollte man denn Schluss ziehen, dass es einfach nicht sein darf, dass Aufzüge länger als unvermeidlich kaputt sind. Ein Schild "Aufzug defekt" ist keine Reparatur. Das darf daher nicht länger dort hängen, als es dauert, bis der Techniker kommt.

Ansonsten hilft vielleicht das ein wenig http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-ueber-politische-korrektheit-a-942246.html

die andere Jule hat gesagt…

Ach Mensch, du Arme. Ich kann gut verstehen, das dich das aufregt. Nach dem vierten "Vorsicht Treppe" auf einem Weg, den ich fast jeden Tag laufe, also genau kenne, könnt ich auch an manchen Tagen an die decke gehen. Was mir manchmal hilft ist das Ganze den Leuten zu spiegeln. Nach dem Motto "Wie würden sie sich fühlen, wenn sie ständig gefragt werden, ob sie gut klarkommen oder sie einfach von hinten jemand am Arm greift?" Die etwas schlaueren fangen dann zumindest mal an nachzudenken.

Sepp hat gesagt…

Hallo Jule, danke für den Mitschnitt von deinem ganz normalen Morgen.

Mich würden wohl die ganzen Umstände und Umwege am meisten nerven. Die Gespräche wären mir vielleicht egal, aber ich kann natürlich nicht nachvollziehen wie es ist, wenn das alle Tage den ganzen Tag so geht.
Als Fußgänger wären bei mir vielleicht 10 von den 31 Situationen genauso gelaufen. Also musst du 3x mehr mit Leuten reden bzw auf Leute reagieren. Das ist schon ne Menge, vor allem wenn du dich als eher schüchtern bezeichnest.

Der meiste Small-Talk ist "rollstuhlbedingt", weil die Situationen eben nicht einfach stillschweigend klappen. Wenn alle Aufzüge funktionieren würden, alle auf dem Gehweg und im Bus genügend Platz für Rollis lassen würden, dann wäre da weniger Gerede nötig. Du kannst da fast nichts machen (ausser hier drüber schreiben). Aber die Bahn oder der Verkehrsverbund kann diese Situationen verbessern.

Und auch die Leute, die aus Hilfsbereitschaft was sagen, wirst du wohl nicht los. Es wäre wohl auch schlimmer, wenn nie jemand Hilfe anbieten würde. Zum Glück war keiner an dem Morgen so aufdringlich wie du es schon öfters beschrieben hast. Nur der eine (Busfahrer?) hat wohl ungefragt angefasst - was sicher gut gemeint war, aber dich natürlich nervt.

Die dritte Gruppe sind die Leute, die Mitleid haben und dann ein Gespräch anfangen. Da kommen vermutlich die blödesten Aussagen. Solche Gespräche kannst du wohl nur verhindern, wenn du dich hinter Kopfhörern verbarrikadierst. Oder vielleicht wenn du die ganze Zeit sehr böse oder gefährlich rüberkommst ;) Das gäbe dann wahrscheinlich ganz andere interessante Blog-Einträge.

Chrissy hat gesagt…

Unter den Eintrag setze ich sofort meine Unterschrift. Ok, ich sitze nicht im Rollstuhl aber eine kleine Macke habe ich trotzdem. Da tun sich nicht diese, aber andere Probleme bzw. Problemchen auf. Ich kann das irgendwie trotzdem gut nachvollziehen, denn allzu oft war (und bin manchmal) das arme Mädel (ja, auch mit 24), das 'nen Gehfehler hat. ARGH!
Und nein, ich bin nicht mehr nett, weils ja "so nett gemeint war" oder "die/der es halt nicht anders kennt/unsicher ist/nen schlechten Tag hat".
Ich wünsche dir ein dickes Fell und gute (!!!!!) Freunde, bei denen du dich auch mal so richtig auskotzen kannst. Aber da ich deinen Blog schon sehr lange verfolge: Die hast du bereits :-)

prachtmaedchen hat gesagt…

Du hast jedes Recht der Welt Anstand und Respekt zu verlangen. Ohne Diskussion.

Würde man mit mir so umgehen wie mit dir, wenn ich das Haus verlasse, würde ich ernsthaft überlegen, nie wie auf die Straße zu gehen.

Tomke Buß hat gesagt…

Hey Jule,

Ich kannte den verlinken Blogeintrag von dir bisher nicht und habe ihn mit viel Interesse gelesen. Ich habe mich schon öfter gefragt, was ich wohl tun würde, wenn man mir mit dieser unglaublichen Regelmäßigkeit mit dieser Mischung aus Mitleid, verschleierter Herablassung fehlplatzierter Hilfsbereitschaft - kurz, dieser ungeheuerlichen Aufdringlichkeit begegnen würde. Und ich wundere mich jedes Mal, wenn du schreibst, wie ruhig du meistens bleibst. Ich werde schon beim Lesen wahnsinnig davon und meiner ganz bescheidenden Meinung nach ist es sehr, sehr gut, dass du dich nicht daran gewöhnt hast, dass du es nicht wortlos und klaglos und als gegeben hinnimmst. Oder, wie es so schön heißt: Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen. Warum solltest du solcher Aufdringlichkeit, ungefragten Berührungen und ignorieren deiner Privatsphäre mit Humor und Freundlichkeit begegnen (müssen)? Wer würde sich das schon gerne gefallen lassen? Und ich denke nicht, dass das Gegenteil davon zwangsläufig 'Verbitterung' heißen musst. Sicher wäre es einfacher, es auszublenden und und zu ignorieren... aber, wie gesagt, es sollte nicht so sein und du hast meine aufrichtige Bewunderung dafür, dass du den Grad zwischen Verbitterung und Gleichgültigkeit gefunden hast.

Alles Liebe,
Tomke

Mela Eckenfels hat gesagt…

Puh. Ich hab ja öfter mit einem Freund gescherzt, ob wir einen 'laber mich an' Aufkleber auf der Stirn hätten, weil wir immer von Wildfremden zugequarkt wurden und dann gerne mal direkt mit der gesamten Lebensgeschichte. Bei mir zielsicher immer dann, wenn ich gerade vollkommen sozial inkompatibel war und mich irgendwo hinter meinem Laptop verkrochen habe. Aber behaupte mal .. unsere Angelabertwerden-Frequenz ist gegen das im Link geschilderte gar nichts.

Spätestens nach Nummer 17 wäre ich wohl bereit für die ersten Mord.

Anonym hat gesagt…

Habe mal die "3-Stunden-Mitschrift" gelesen und muss sagen: Ich kann Dich voll und ganz verstehen. Wenn das immer so geht, ist es ja nicht auszuhalten. Und dann noch am frühen Morgen. Klar meinen es viele vielleicht nett, aber Du hast recht: Nur weil jemand im Rollstuhl sitzt, muss man sie / ihn doch nicht permanent anlabern.
Andererseits: Wenn Du mal wirklich Hilfe brauchst und alle ignorieren Dich, wäre das auch nicht schön.
Schwierige Sache.
Alles Gute und danke für den Einblick in Dein Leben. Heiko

meg hat gesagt…

ich kann dich total verstehen.

Anonym hat gesagt…

Nach dem Protokoll: Kannst du die Öffis nicht vermeiden?

Anonym hat gesagt…

Ausstrahlung.
Anscheinend hast Du was an Dir, dass Leute den Kontakt suchen, wenn auch teilweise etwas (sehr sehr seeeehr) unbeholfen.
Schonmal Stilwechsel probiert?

Ich sitze im Rolli und mich quatscht keiner an.
Maximale Reaktion: Die Leute springen aus dem Weg. Ansonsten werde ich stets ignoriert. *seufz*
Dein Rasen ist grüner... . ;)

Anonym hat gesagt…

Ich mag diesen Eintrag besonders weil um ehrlich zu sein ich mir auch oft gesagt habe "is doch nicht so schlimm die Person wollte nur nett sein" oder "das war doch eigentlich lustig" wenn du über Ereignisse geschrieben hast.
So zusammengefasst was bei dir in so kurzer Zeit passiert kann ich es besser verstehen wenn du genervt auf manche Dinge reagierst. Und "Kling" macht vieles auf einmal sehr viel Sinn bzw. kann man besser verstehen.
Danke dafür. Als seither stille Mitleserin auch einfach mal danke für deinen Blog auch wenn das nicht viel ist und jetzt nichts besonderes weil es eigentlich selbstverständlich sein sollte. Aber seit ich deinen Blog lese und vor allem die Einträge in denen es ums Parken geht habe ich nie wieder auf einem Rollstuhl gekennzeichneten Parkplatz geparkt.
*ironieon* Ja ich weiß voll toll von mir *ironieoff*
Ich sollte dazu sagen das ich das früher viel zu oft gemacht habe aus Bequemlichkeit und mir immer dachte stört ja niemand und ich auch nie daran gedacht habe das ich ja gar nicht mitbekomme ob es jemand stört. Wie gesagt eigentlich sollte es selbstverständlich sein und ist eigentlich nichts besonderes aber danke das du mir dieses blöde Verhalten mit deinen Einträgen vor Augen geführt hast.
Alles gute
Eve

Kümmelspalter hat gesagt…

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass du einfach nur noch "chronisch genervt" bist. Und ich finde, du darfst das auch mal zum Ausdruck bringen.

Nur habe ich leider keinen spontanen Lösungsvorschlag für dich. Und ich befürchte, dass das auch nicht aufhören wird, dass wildfremde Menschen dir Gespräche aufzwingen oder dich z.B. einfach anfassen. Ich glaube, EBEN WEIL du durch deine Behinderung auffällst, denken manche Menschen, sie müssten sich sofort um dich sorgen oder dir zu Hilfe eilen. Und das ist wahrscheinlich nicht mal böse gemeint. Sie wissen es einfach nicht besser.

Insofern wäre es vielleicht einfach das Beste, solche Gespräche höflich aber bestimmt zu beenden!?

Nachdenkliche Grüße vom
Kümmelspalter

eLKa hat gesagt…

Hallo Jule,
ich habe mich grad in deinem Blog festgelesen und muss jetzt ganz schnell wieder aufhören und weiterarbeiten ^^
Aber der eine Kommentar muss noch sein:
Deine Gesprächsprotokolle haben mich stark an die Kinderwagen- und Tragezeit erinnert. Wie alt ist er denn? Junge oder Mädchen? Ach so süß! Meiner ist ja auch... *hier beliebige Lebensgeschichte einsetzen* oder, wenn ich ihn im Tragetuch hatte, wurde auch gern eine Diskussion über das Tragen angestoßen. Anstrengend!!
Wenn ich mir nun vorstelle, das jeden Tag hören zu müssen... :-(
Aber auch, wenn ich nur Handarbeiten mache im Zug werde ich schon von allen Seiten (gerne von alten Frauen) angequatscht. Mir helfen da sehr gut große, nicht zu übersehende Kopfhörer!

Z hat gesagt…

Ich kann deine Frustration zum Großteil verstehen. Manche Sachen sind unterirdisch. Andererseits kann ich auch einen Teil der "Anquatscher" verstehen. Die meisten wollen einfach helfen. Ich als Fußgänger, der die öffentlichen meidet, wo es nur geht, werden megaselten angesprochen. In den meisten Fällen finde ich ein wenig Kommunikation aber ganz angenehm, besonders, wenn man nen guten Tag hat. Ist man schlecht drauf, will man natürlich in Ruhe gelassen werden.

Lange Rede, schwacher Sinn: Obwohl ich mich für recht intelligent halte (nicht nur weil ich einen Master habe), kann ich mich in der ein oder anderen Person wiedererkennen und hätte in der Vergangenheit eventuell ähnlich gehandelt. Aus Freundlichkeit wohlgemerkt.

Laura hat gesagt…

Liebe Jule,
das Dich das nervt, kann ich nach dem Protokoll sehr gut nachvollziehen. Auch aus eigener Erfahrung in unserem schönen Städtle kann ich Deine Erfahrung bestätigen und bin froh, dass dieser Winter nicht so lang war, sodass ich wieder (auch bei Regen) mit dem Rad fahren und somit die meisten unnötigen/nervigen Gespräche umfahren kann.

Dir weiterhin viel Kraft die Nerver zu überstehen und probier doch den Tipp mit den großen Kopfhörern mal aus. Vielleicht hilft's ja ;)

Markus hat gesagt…

Die 3-Stunden-Mitschrift hat mich berührt. Einen besseren Eindruck, wie sich alltägliche Situationen im Rollstuhl anfühlen, kann man nur noch kriegen wenn man dabei ist. Sehr wertvoll, dieser Blog.