Mittwoch, 5. Februar 2014

Plötzlich Glibber

Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Und welche, die will wirklich niemand wissen. Und trotzdem: Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass Niemand sein Wissen erweitert.

Als Bloggerin schreibe ich fast über alles. Nicht ständig über Dinge, die Niemand nicht wissen will, aber manchmal eben auch. Manchmal muss es auch sein. Nach so viel Gesülze wissen nun alle, was jetzt kommt: Too much information.

Dass auch Menschen Sex haben, ist allgemein bekannt. Dass Menschen, die keine Partnerin und keinen Partner haben, mitunter Sex ohne Partnerin oder Partner haben, auch. Ich rede schreibe von Onanie, oder -wenn man die Bibel mal außen vor lässt- von Masturbation, oder -wenn man schwierige Wörter auch außen vor lässt- von Selbstbefriedigung, oder -wenn man es einfach ausdrückt- vom Streicheln. Sich selbst.

Nachdem man inzwischen weiß, dass behinderte Menschen auch Menschen sind, man entschuldige nach diesem Zeitungsartikel (hat nichts mit Sexualität zu tun, bitte später ablenken lassen) bitte meinen Zynismus, gilt für behinderte Menschen: Auch sie haben Sex. Und masturbieren. Genauso häufig oder genauso selten wie Menschen ohne sichtbare Behinderung. Manch einer wird nun denken: "Wie langweilig." - Aber es gibt eben auch diejenigen, die denken: "Ach echt?"

"Ach echt" ist für mich ja okay. Nicht jeder Mensch kann alles wissen, nicht jeder Mensch muss alles wissen, jeder Mensch hat das Recht, dazuzulernen. Nicht okay sind für mich Menschen, die mit "igitt" oder "bitte nicht" reagieren, und erst recht nicht okay sind für mich Menschen, die deshalb so reagieren, weil es um Menschen mit Behinderung geht, die da Sex haben oder masturbieren. Oder beides.

Damit bin ich wieder bei meinem ersten Satz: Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Ob, wann und wie oft jemand Sex hat oder masturbiert, gehört in aller Regel dazu. Und in aller Regel soll jeder Mensch selbst entscheiden können, ob und wieviele er von diesen Informationen aufnehmen möchte. Meine Leserinnen und leser sind also nach der Einleitung gewarnt, dass hier noch was über-informatives kommt, aber was ist eigentlich mit ... Pflegekräften?

Es gibt bei uns im Wohnprojekt einen Runden Tisch, bei dem sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter austauschen, so etwas wie eine Teambesprechung. Damit keine unnötige Distanz geschaffen wird und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht in die Situation kommen, in der sie über die Bewohnerinnen und Bewohner bestimmen, nimmt an diesen Besprechungen immer eine Bewohnerin oder ein Bewohner teil. Weil diese Person dabei natürlich auch sehr viel über ihre oder seine Nachbarinnen und Nachbarn erfährt, muss die teilnehmende Person mit einer Mehrheit und ohne Gegenstimmen für dieses "Amt" gewählt sein. Es gibt aktuell nur vier Leute aus unseren drei Etagen, die dieses Amt ausüben, eine davon ist die Stinkesocke.

Ich habe mich nach der letzten Montagmorgen-Runde entschieden, zunächst mit dem betroffenen Bewohner und anschließend mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern in einer großen Runde zu sprechen und nun auch darüber zu schreiben. Ich habe dafür ausdrücklich die Erlaubnis bekommen. Denn, und nun komme ich endlich zum Punkt, dieses Thema hat eine solche Brisanz, dass es einer Mitarbeiterin den Job gekostet hat. Das habe ich nicht entschieden, aber das liegt begründet in diesem Teamgespräch. Die Mitarbeiterin nimmt ihren Jahresurlaub und hat bereits einen Auflösungsvertrag unterschrieben. Es handelt sich um eine feste Mitarbeiterin, die nun vermutlich vorzeitig in Rente geht. Die Bitte nach dem Auflösungsvertrag kam an Ende von ihr, da sie, so sagte sie, das Gefühl habe, sie sei für die junge Welt zu alt. Die junge Welt, in der behinderte Menschen sexuell aktiv sind.

Nein, es lag niemand masturbierend im Hausflur oder hatte Sex in der Gemeinschaftsküche. Es geht um einen jungen Mann, der eine Muskelerkrankung hat und über nur sehr wenige Bewegungen noch aktiv bestimmen kann. Er kann einen elektrischen Rollstuhl noch mit einem angepassten Joystick steuern, Fingerfunktionen sind noch vorhanden. Rutscht die Hand aber vom Joystick und fällt der Arm dabei von der Lehne, so dass er seitlich hinab hängt, reicht seine eigene Kraft nicht, den Arm wieder nach oben zu bewegen. Es muss also jemand seine Hand wieder an den Joystick legen. Der junge Mann studiert zur Zeit in einem Bachelor-Studiengang einer Fachhochschule und hatte die besagte Pflegekraft gebeten, ihn abends in Rückenlage ins Bett zu legen und seine Hände unter der Bettdecke auf seinem Bauch zu positionieren.

Die besagte Pflegekraft vertritt kompromisslos die Ansicht, dass genau das nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehöre und aus ethischen Gründen abgelehnt werden könne. Sowohl das Positionieren der Hände vor dem Zudecken auf dem Bauch als auch das nächtliche Drehen oder das morgendliche Waschen eines Menschen, der vor dem Einschlafen ejakuliert habe. Sie möchte damit nicht konfrontiert werden. Sie gestehe ihm zu, dass er sexuelle Bedürfnisse habe, aber dafür solle er sich doch eine Freundin oder notfalls eine Sexualassistentin anschaffen. Auch, und das führte sie gleich mit aus, das unter der Dusche zu machen, komme für sie nicht in Frage, ungeachtet dessen, dass sie gar nicht dabei sei. Weil sie ihn da ja wieder rausholen müsse und dann ja zu befürchten habe, "plötzlich in Glibber zu treten" - und das wolle sie nicht.

Eine 52jährige Pflegerin antwortete gleich sehr deutlich: "Mit Verlaub, dann hast du aber den falschen Job. Sexualität ist menschlich und als Pflegerin sollte dir nichts menschliches fremd sein. Ob nun jemand Labskaus erbricht, Schnodder aus der Nase laufen hat, eitrig niest, blutig hustet, verkeimten Urin verliert oder einen Kubikmeter vergorenen Durchfall in die Hose setzt. Es gibt Schutzkleidung, es gibt Handschuhe, es gibt Wasser, Desinfektionsmittel und eine gewisse Distanz. Wenn der junge Mann sich nicht selbst berührt, entleeren sich die Überschüsse auch irgendwann von alleine, willst du dann auch sagen, dass du den nicht mehr anfasst? Kann ich nicht verstehen."

Eine 28jährige: "Du bist doch persönlich davon gar nicht betroffen. Schaff dir eine Distanz dazu. Er befummelt sich doch nicht deinetwegen oder wenn du dabei bist. Wo ist das Problem? Ich hab sowieso Handschuhe an und muss ihn morgens im Intimbereich waschen. Und selbst wenn er sich in die Hose gespritzt hat, kommt das in die in die Wäsche und fertig."

Eine 35jährige: "Ich verstehe das Problem ehrlich gesagt auch nicht so ganz. Die Menschen wohnen hier und haben dort, wo sie wohnen, auch ihre Intimität und ihren höchstpersönlichen Lebensbereich. Das wird professionell beantwortet: Wenn er sich nähert, was ich übrigens bei ihm nie erlebe, bekommt er klare Antworten, und ansonsten bekommen wir Geld dafür, dass wir die Dinge tun, die die Bewohner selbst nicht tun können. Wie zum Beispiel irgendwelche Sekrete wegputzen. Das soll nicht böse klingen, aber eigentlich kannst du froh sein, dass er das im Bett macht und nicht vor dem PC beim Pornos gucken. Aber selbst dann müsste man sich auf ein Procedere verständigen. Was machst du denn, wenn Maria sagt, sie möchte nackt schlafen und ihr Spielzeug in die Hand gelegt bekommen?"

Die Antwort: "Sie schläft bei mir nicht nackt und Spielzeug gibt es auch nicht. Dafür sind andere Leute da."

Tenor ist eigentlich, dass keine Mitarbeiterin und kein Mitarbeiter sexuelle Handlungen an Bewohnerinnen und Bewohnern vornehmen darf. Die Grenze ist aber aus unserer gemeinsamen Sicht dort, wo es um aktive, direkte Handlungen geht. Jemandem einen Vibrator einzuschalten und in die Hand zu legen, dann aus dem Zimmer zu gehen, wäre danach keine sexuelle Handlung. Das wäre der Fall, wenn das Personal den Vibrator aktiv benutzt. Das heißt: Bei der eigentlichen Handlung soll die Bewohnerin oder der Bewohner alleine sein. Davor und danach kann man helfen. Bisher sind wir mit dieser Regelung sehr gut gefahren. Ich persönlich brauche dafür keine Hilfe, aber einige andere Menschen, die hier wohnen, schon.

Die Frage, ob Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter solche Hilfen ablehnen dürfen, hat die besagte Pflegekraft für sich beantwortet. Indem sie um Entlassung gebeten hat. Das werte ich als ein "eigentlich kann ich es nicht ablehnen und konsequenter Weise gehe ich, weil ich es nicht tun möchte". Die Frage, die aber trotzdem im Raum steht, ist eben genau diese. Und sie geht eben schon sehr ins Eingemachte. Ähm. Einge ... du weißt schon.

Kommentare :

Bloggergramm hat gesagt…

Die Frage läßt sich einfach beantworten.
Pflege soll Hilfen leisten die zur Erhaltung, Anpassung oder Wiederherstellung der physischen, psychischen oder sozialen Funktionen und Aktivitäten des Lebens führen. Sexualität berührt gleich alle dieser Funktionen und ist somit eine elementare Aktivität des Lebens.
Daher gehört es eben auch in den Aufgabenbereich einer Pflegekraft damit umgehen zu können und im Rahmen der Möglichkeiten Hilfestellung zu leisten. Und sei es eben "nur" das saubermachen.
Ein kategorisches, einseitiges Ablehnen dessen ist somit also hochgradig ethisch bedenklich.

Micha hat gesagt…

Ich finde, so einfach lässt sich die Frage eben nicht beantworten. Ich möchte als Pfleger nicht die Zeugnisse sexueller Handlungen von fremden Körpern wischen.

Und die nächste Bewohnerin steht auf Lack und der muss ich dann jeden Abend ein Lacknachthemd anziehen und eine Kette um den Hals legen? Und wer auf feuchte Spielchen steht, darf munter ins Bett machen und ich als Pfleger beziehe jeden Morgen das Bett neu?

Nee, Pflegetätigkeiten sind die grundsätzlichen Dinge und Sexualität gehört nun mal zu den Besonderheiten, ob es schmeckt oder nicht.

Karoline hat gesagt…

Du wirst aus ethischen Gründen niemanden dazu zwingen können, Sperma wegzuwischen. Da kann ich die Pflegerin schon gut verstehen, ich würde es auch nicht wollen. Ich dachte eigentlich, ihr wäret eine Sozialeinrichtung. Gilt das dann auch gegen euch selbst beim Umgang mit den Angestellten?

Bloggergramm hat gesagt…

@Micha, Karoline
Natürlich gehört Sexualität zu den grundlegenden Bedürfnissen eines Menschen. Das abstreiten zu wollen, ist menschenverachtend. Ich hoffe inständig, das ihr nicht in der Pflege arbeitet.

Anonym hat gesagt…

Sexuelle Handlungen gehören zu den menschlichen Grundbedürfnissen der allermeisten Menschen. Ich persönlich versteh jetzt auch nicht so ganz, wo der Unterschied zwischen Fäkalien und Ejakulat sein soll, wenn wir hier schon vom Ekeln sprechen. Solange Betreuer/innen nicht aktiv mit den Handlungen konfrontiert oder zu Berührungen aufgefordert werden, sehe ich hier überhaupt kein Problem. Wer behinderten Körpern keine sexuellen Bedürfnisse zugestehen kann, ist einfach falsch in dem Job.

Xin hat gesagt…

Zwiespältig.

Einerseits kann ich die Frau verstehen, sie ist Pflegekraft und nicht Putzfrau im Puff. Mal so grobschlächtig formuliert.

Tatsächlich hat sie aber offenbar den falschen Job - nicht unbedingt als Pflegerin, sondern den falschen Job bei euch.

Wie ich das mitbekomme seid ihr ja auch noch recht junge Leute und wenn man da waschend assistiert, dann ist man ja doch sehr intim (nicht sexuell) mit dem Behinderten in Kontakt. Ich kann mir schon vorstellen, dass man bei der Situation - wenn man in einer anderen Zeit aufgewachsen ist - damit Probleme hat, sich "moralisch schmutzig" fühlt, es also eigentlich gar nicht so sehr um den "Glibber" geht, sondern darum Teil der sexuellen Handlung zu sein, auch wenn man bei der eigentlich Handlung gar nicht anwesend ist. Man assistiert eben. Man leistet den Beitrag, der die "Sünde" ermöglicht. Und in gewisser Weise ist das durchaus der Einstieg in eine sexuelle Assistenz und das kann man schnell zu Prostitution für besondere Bedürfnisse weiterspinnen, womit wir bei einer gewissen Generation schnell wieder bei "moralisch schmutzig" wären, wobei wir bei der "Sünde" eigentlich schon da sind.
Ich kann das durchaus nachvollziehen.

Da ich nicht in der Generation bin, denke ich da eher an einen Lappen und gut ist. Wenn man sowieso derart intim mit dem Behinderten zu tun hat, keine Ahnung... schön für ihn, ein Wisch für mich. Wenn es nur immer so einfach wäre, einem Menschen etwas Glück zu schenken. Thema beendet.
Obwohl, nicht ganz... ich glaube, ich würde mich geehrt fühlen, dass man bei einer derart intimen Sache überhaupt gefragt wird. Ich denke, eine derart offensichtliche Bitte ist doch durchaus auch ein Zeichen des Vertrauens mit dieser Kenntnis diskret im Sinne des Fragenden umzugehen.

Rike hat gesagt…

Hmm, interesante Frage.

Ich würde dazu tendieren, dass solange die Pfleger nicht gebeten werden bei den sexuellen Handlungen selbst zu assistieren sondern nur die Überbleibsel zu beseitigen oder das Spielzeug zu reichen bzw. die Hände auf den Bauch zu legen, das noch in den Bereich Pflege/Assistenz fällt und gemacht werden sollte. Zumal ich davon ausgehe, dass durch die anderen Hilfeleistungen ja bereits eine sehr tiefe Form von Intimität zwischen Pflegern und Gepflegten besteht. Ein bisschen Sperma sollte da nicht das große Drama sein.

Anonym hat gesagt…

Ehm? Also ab sofort muss man dann als Mann seine nächtlichen Ejakulationen im Schlaf einstellen? Und die Existenz einer Morgenlatte eh.. wegoperieren lassen? Sry, wer sowas verlangt hat keine Ahnung von Anatomie!
http://de.wikipedia.org/wiki/Morgendliche_Erektion
http://de.wikipedia.org/wiki/Pollution

Sry, wer mit sowas, was NICHTS mit Sexualität im hier verstandenen Sinne zu tun hat, nicht zurechtkommt hat NICHTS in der Pflege zu suchen. Das wäre ja wie ein Pfleger der mit Menstruationsprodukten auf keinen Fall etwas zu tun haben will..

BigDigger hat gesagt…

@Micha und Karoline
Wo ist der Unterschied zwischen Sperma und Urin - es kommt aus der gleichen Öffnung, deren Umgebung zu waschen zudem zur Aufgabe einer Pflegekraft gehört.
Wo ist der Unterschied zwischen Sperma und Blut?
Wo ist der Unterschied zwischen Sperma und ausgespieenem Rachenschleim bei einer Erkältung?

Der einzige Unterschied ist tatsächlich, dass es Menschen wie Euch gibt, für die Sexualität tabuisiert ist, und zwar nicht aus rationalen Gründen und noch nicht mal aus Vorurteilen, sondern aus reiner indoktrinierter Verachtung.

Es gibt schlichtweg keine vertretbaren Argumente, warum irgendjemand bei einem erwachsenen Menschen, der mit seinen sexuellen Körperfunktionen niemandem einen Schaden zufügt, den er ihm nicht auch mit anderen Körperfunktionen zufügen kann, darüber richten kann, ob diese erwachsene Person Sexualität haben darf oder nicht, geschweige denn Dinge tun oder nicht tun darf, die (auch unter bestimmten Voraussetzungen) autonom durchführbar sind.

Schließlich verbietet Euch Jule auch nicht, Euch fortzupflanzen, obwohl es für den Genpool und das soziale Zusammenleben der Gesellschaft vielleicht besser wäre, würdet Ihr es sein lassen.

Mit welchem Recht wollt Ihr einem anderen Menschen die Ausübung seines freien Willens verwehren - und warum sollte das dann auch noch ethisch sein?

Wie würdet Ihr es denn halten, wenn Ihr zwei Menschen mit körperlicher Behinderung betreuen würdet, die verheiratet sind? Was wäre, wenn die verlangen würden, dass er nackt auf eine Bank zu legen sei und sie darüber ein eine motorgetriebene, wippende Tragekonstruktion? Würdet Ihr einem Ehepaar die Beihilfe zur Vollziehung der ehelichen Pflichten verweigern?

Und nein, ich sage hier explizit nicht, dass dazu auch sexuelle Dienstleistungen selbst gehören! Aber die Beseitigung jedweder Körperflüssigkeiten sowie das Ermöglichen von selbstbestimmten Handlungen gehört definitiv dazu.

Edelnickel hat gesagt…

Ich bin gerade etwas fassungslos über manche Kommentare.
Wie prüde kann man denn sein? Sexualität ist das natürlichste der Welt!
Ohne Sexualität gäbe es dich nicht und mich nicht und überhaupt. Wie könnt ihr denn selbst mit euch/euren Partnern umgehen, wenn ihr Sex NICHT als etwas ganz Normales anseht?
Ich empfinde das als ungesundes Verhältnis. Sex, ihbähgehweg, oder wie?

Und mit Verlaub: die Pfleger sind i.d.R. selbst explosiven Durchfall gewohnt! Aber ein bisschen Sperma ist das Übel der Welt?!

Anonym hat gesagt…

Also ich verstehe nicht warum es ethisch weniger vertretbar ist Sperma wegzuwischen als andere Körperflüssigkeiten. Dafür gibt es Handschuhe etc. Und soweit ich weiß passiert es gerade heranwachsenden Männern durchaus völlig ohne ihr eigenes zu tun das sie ejakulieren. Sollen die dann selber sehen wie sie sauber werden?
Ich würde eher fragen ist es ethisch und moralisch vertretbar jemandem ein sexual leben zu verweigern...
just my 2 cents

Sho

fujolan hat gesagt…

Bloggergramm hat es klar gesagt: Es gehört zum Leben!

Karolines Kommentar finde ich absurd. Was ist an Sperma unethischer als an Spucke, Kotze, Scheiße? Oder sollen wir differenzieren zwischen Sperma, der willentlich abgegeben wurde und unwillentlich?

Anonym hat gesagt…

Ich komme zwar aus dem Bereich der Altenpflege, aber auch dort hat Sexualität ihren Platz und natürlich auch ihre Berechtigung. Ich denke schon, das unsere Aufgabe als Pflegekraft auch beinhaltet im Rahmen der Grundpflege mit allen menschlichen Ausscheidungen in Kontakt zu kommen. Ich trage Handschuhe und Arbeitskleidung und letztlich ist es doch egal, warum ich ein Bett neu beziehe oder warum ich einen Betreuten wasche/ dusche.

Lexi hat gesagt…

"Ob nun jemand Labskaus erbricht, Schnodder aus der Nase laufen hat, eitrig niest, blutig hustet, verkeimten Urin verliert oder einen Kubikmeter vergorenen Durchfall in die Hose setzt."

This.

Wer damit umgehen kann, aber nicht mit Sperma, entschuldigung, bei dem läuft was falsch. Beruf verfehlt.

Im Gehirn mancher Menschen scheinen Menschen mit Behinderungen immer noch asexuelle Wesen zu sein.

Immerhin hat eure Pflegekraft konsequent die entsprechenden Schlüsse gezogen.

Andrea hat gesagt…

Meine Güte, was soll die Diskussion?
Ob ich ihr ein Lacknachthemd anziehe oder eines aus Baumwolle ist doch egal. Gegen feuchte Hinterlassenschaften gibt es Unterlagen, da muss das Bett nicht neu bezogen werden.
Wenn man einen Beruf ergreift, der in die Intimsphäre der Menschen eindringt, dann muss man sich darauf einstellen, auch mal Sperma oder Scheidenflüssigkeiten wegzuwischen. Und ehrlich gesagt, da wird mir von den anderen Dingen, die die 52Jährige aufgezählt hat, eher ein wenig mulmig zumute.

Niemand wurde gezwungen, aktive Handlungen vorzunehmen. Es ging doch nur darum, die Hände unter die Decke auf den Bauch zu legen. Und am nächsten Morgen ist eh wieder alles trocken.

Ich möchte gerne wissen, was all die jetzt Gesunden anstellen würden, sollten sie je in diese Situation kommen.
Legt Euch doch mal ein halbes Jahr Abstinenz auf. Und dann stellt Euch vor, niemand ist da, der hilft sich selber zu befriedigen.

Mal so nebenbei gefragt: Wenn sich der Betroffene eine Sexualassistentin zulegen würde, müsste sie ihn danach waschen, die Bettwäsche (bei Bedarf) wechseln? Oder die Freundin? Wäre das nicht dann trotzdem die Aufgabe der Pflegerin?

Genauso schlimm fand ich die Aussage, "Maria schläft bei mir nicht nackt." Für mich hört sich das so an, als ob sie schon öfter gegen Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner gehandelt hat, weil sie eine bestimmte Vorstellung davon hat, wie Behinderte zu behandeln sind. Und das verstösst eindeutig gegen das Recht auf Selbstbestimmung.

Da könnt Ihr wirklich froh sein, dass sie von sich aus gegangen ist.

Anonym hat gesagt…

Eine Frage, die man besagter Pflegeperson mal stellen sollte:

Wie läßt sich Sperma, welches zufällig bei einem "feuchten Traum" auftrat, von solchem Sperma unterscheiden, bei welchen manuell 'nachgeholfen' wurde?

Nach meiner (männlichen) Meinung ist da weder chemisch noch physikalisch, geschweige denn optisch, ein Unterschied feststellbar!

Blütefrau hat gesagt…

Ich persönlich habe kein Problem damit jemanden, der aufgrund von Erkrankung, sich nicht selbst helfen kann zu unterstützen. Und wie ja auch erwähnt wurde, soll man ja auch nicht daneben stehen und zu gucken oder selbst Hand anlegen, was nun wirklich eine Grenzüberschreitung wäre.
Nein, man zieht sich diskret zurück und wenn man dann wieder rein kommt bleibt man professionell und macht es weg.
Wenn jemand im Pflegeberuf Probleme damit jemandem etwas zu verweigern nur weil er ein Sekret wegmachen soll, hat nix in der Pflege zu suchen. Ist meine Meinung.
Beispiel: Eine Person hat unter sich gelassen, weil er keine Kontrolle über seinen Körper hat und bittet darum sauber gemacht zu werden. Da sage ich nicht nein. Es ist mein Beruf dies zu tun und dabei professionell zu bleiben. Das Beispiel finde ich kann man auf alle möglichen Situationen anwenden. Ich finde es gut, dass es solch eine Besprechung gibt um mögliche Probleme zu ändern bzw anzusprechen.

Niklas hat gesagt…

@Karoline:

Als Pflegekraft musst du auch Speichel, Erbrochenes und Fäkalien wegwischen. Das kann, mich eingeschlossen, nicht jeder und dafür verdient jeder Mensch in diesem Beruf höchsten Respekt.

Aber: All das wird gemacht, um dem zu Pflegenden ein menschenwürdiges Leben unter möglichst großer Abdeckung seiner Bedürfnisse zu ermöglichen. Dazu gehört (vereinfacht ausgedrückt) neben Essen, Trinken und Schlaf nun mal auch Sexualität. Demnach ist eine Pflegekraft, die ihren Patienten davon abhält, weil dieser ohne ihre "Vorbereitung" keine Möglichkeit dazu hat, tatächlich ungeeignet. Punkt.

Es redet ja niemand davon, dass sie dabei sein soll. Aber vielleicht möchten die meisten Menschen ja auch alleine kacken und trotzdem muss es bei manchen hinterher jemand anders wegmachen.

Mastacheata hat gesagt…

Nee, Pflegetätigkeiten sind die grundsätzlichen Dinge und Sexualität gehört nun mal zu den Besonderheiten, ob es schmeckt oder nicht.

Also wenn Sexualität für dich nicht zu den "normalen" Dingen des Lebens gehört, dann hast du eine sehr verstörte Einstellung zu dem Thema.
Ich hatte bei den bisherigen Einträgen hier im Blog eher mit dem anderen extrem gerechnet, aber wahrscheinlich wird Jule Kommentare vom anderen Extrem erst gar nicht freischalten.

bansdo hat gesagt…

Versetzt euch einfach (ok, einfach ist das bestimmt nicht) in seine Lage. Würdet ihr nicht auch versuchen, irgendeinen Weg zu finden? Ich würde das. Ob ich in der Pflege arbeiten könnte, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings ist meine Erfahrung, dass meine Ekelschwelle, seit wir Kinder haben, verschoben wurde. Ein bis zu den Ohren vollgekacktes Kind sauber zu machen, ist eine ähnliche Kategorie. Die verwandtschaftliche Nähe und der Fakt, dass man nicht sagen kann: "Das kann ich aber nicht." ist sicher noch was anderes. Gebe ich ja zu. Deshalb die Unsicherheit, ob ich für einen professionellen Pflegeberuf geeignet wäre. Die Frage, ob Profis das hinkriegen müssten, haben m.E. die anderen Pflegekräfte jedoch beantwortet. Also nochmal zur Ausgangsfrage: was soll der junge Mann machen? Was würdet ihr erwarten und auch für euch als Lösung annehmen? "Hat er halt Pech gehabt und ich würde das auch so für mich gelten lassen", nehme ich kaum jemandem ab.

bansdo hat gesagt…

Nachtrag:
Am nächsten Morgen ist da nix mehr glibberig.

NewRaven hat gesagt…

Ich kann ehrlich gesagt auch kaum glauben, was ich hier lese (@Micha / Karoline). Ich kann verstehen, wenn man aufgrund von Religion, Alter oder sonstwas nicht mit Sexualität von Menschen um kann. Aber ehrlich: dann hab ich mit einem solchen Pflegeberuf auch VÖLLIG den falschen Job gewählt. In seiner minimalsten Grundlogik beinhaltet dieser Beruf nunmal, das ich mit solchen Dingen in Berührung komme, sei es nun Erbrochenes, sei es Urin, sei es eben auch Sperma. Das mag, selbst für eine Pflegekraft die ihren Job gut und gern ausführt, nicht immer mega schön und erfüllend sein, gehört aber dazu. Und so ziemlich jeder hat in seinem Job Dinge, die er möglicherweise nicht so gern erledigt, aber sie dennoch erledigt, weil sie nunmal ein Teil davon sind.

Wo kämen wir denn jetzt bitte hin, wenn Menschen, egal ob "unattraktiv", unverheiratet, behindert, gesund oder... ach, eigentlich völlig egal was, plötzlich keinen Sex mehr haben dürften? Diese Person wird dafür bezahlt, der bedürftigen Person bei Grundbedürfnissen zu unterstützen. Und hier geht es um das sehr passive Unterstützen eines elementaren Grundbedürfnisses eines jeden Menschen. Wer das nicht fertig bringt, ist im falschen Job und wer hier solche Kommentare dazu schreibt, irgendwo in der Mitte des letzten Jahrhunderts hängen geblieben.

Oder, ums etwas netter mit Andreas Worten zu sagen (toller Beitrag übrigens): Wenn das Mädel ein Lackkleid haben will, zieh ich es ihr als Pflegekraft ohne überhaupt nur ne Sekunde zu zögern an. Wenn das Mädel ein Spielzeug in die Hand haben will, bekommt sie das natürlich. Und wenn der Junge seine Hand auf den Bauch (!) positioniert haben will, leg ich sie verdammt nochmal da hin. Und je nachdem, wie mein persönliches Verhältnis zu der Person ist, wünsch ich ihr sogar noch lächelnd viel Spaß. Wer dazu alterstechnisch, religionsbedingt, aufgrund eigener "Verklemmungen" oder aus sonstigen Gründen nicht in der Lage ist, sollte, in der Tat, wie die Dame hier auch, einfach gehen und sich nen anderen Job suchen.

@Jule: aus irgend nem Grund, kann ich auf Blogger nicht mehr wie gewohnt mir meinem Google-Konto kommentieren. Kommt nur noch ne Fehlermeldung. Weißt du da was drüber?

BigDigger hat gesagt…

Stinki schafft's ins Bildblog... :-D

Anonym hat gesagt…

Sexualität ist ein menschliches Bedürfnis, das auch pflegebedürftige Menschen haben (dürfen). Pflege muss hier Hilfestellung bieten. Sexualität ist aber auch ein Gebiet, auf dem viele Menschen sehr empfindsam sind und ebenfalls das Bedürfnis haben, nicht mit ihr konfrontiert zu werden. Eine gewisse Achtsamkeit muss auch den sexuellen Gefühlen des Personals entgegen gebracht werden. Wer z.B. Opfer sexueller Gewalt wurde, traumatisierende Erlebnisse hatte oder unter unerfüllter oder nicht möglicher Sexualität leidet, tut sich schwerer, als andere.

Wer schon einmal in der Pflege gearbeitet hat (ich habe das im Zivildienst) oder mit offenen Augen im Krankenhaus oder im Pflegeheim unterwegs war, der merkt, dass Pflege viel mit menschlichen Bedürfnissen zu tun hat. Ejakulat muss ich als Pfleger genauso beseitigen wie andere Körperflüssigkeiten. Dabei ist es egal, ob es das Ergebnis eines feuchten Traums, ehelicher "Pflichten" (die gibt es so nicht mehr!) oder irgendwelcher Spielzeuge ist. Der Pflegebedürftige kann es jedenfalls nicht. Hotelpersonal muss ebenfalls die diversen Hinterlassenschaften der Gäste ertragen. Und die Haushaltshilfe ebenso.

Wie vom Pflegepersonal zu Recht angemerkt, gibt es natürlich eine Grenze: Eigene sexuelle Handlungen. Dieser Bereich der Intimität hat hier keinen Platz. Wie in vielen anderen professionellen Verhältnissen (Arzt, Therapeuth, Lehrer usw.) auch. Aber auch innerhalb von Familien (Eltern-Kind, Inzest usw.), Freundschaften usw.

Dagegen die Ermöglichung sexueller Handlungen grundsätzlich Teil der Pflege. So wie eine gute Freundin einem heimlichen Liebespaar ein paar Stunden ihre Wohnung (und ihr Bett) zur Verfügung stellt. Wer damit in der Pflege ganz persönlich ein Problem hat und deshalb bestimmte Aufgaben nicht erfüllen kann, der ist nicht am richtigen Platz. Aber die besondere Sensibilität einer Person, sei es auch Erziehung, Biographie oder Persönlichkeit, darf nicht einfach abgetan werden. So sollte beispielsweise geprüft werden, ob nicht andere Tätigkeiten ohne Beihilfe zu sexuellen Handlungen möglich sind.

Anonym hat gesagt…

PS: Sexualität ist normal. Aber jeder Mensch hat eine andere Normalität von Sex.

Winny hat gesagt…

Sehr guter Beitrag und gute Einschätzung der Sachlage von eurer Seite. Leider ist das Thema "Behinderung und Sexualität" immer noch ein Tabuthema, wobei "wollen und nicht können" nur ein Aspekt ist. Gerade in stationäre Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung ist kommt häufiger die Frage, wie damit umgegangen werden soll, wenn Bewohner sich näher kommen. Was ist mit Verhütung? Was ist mit Kinderwunsch? Aber auch: wie geht man mit sexueller Gewalt um? Wie kann man Bewohner schützen? Was macht man mit Bewohner, die Grenzen überschreiten?
Grenzbereiche sind immer schwierig und - wie Sartre sagt - immer konkret und Situationsbezogen. Für eure Mitarbeiterin war es mehr als nur ein hygienisches Problem, welches sie scheinbar nur durch die Kündigung lösen konnte. Auch wenn das für das restliche Team ein mulmiges Gefühl hinterlässt, finde ich die (persönliche) Entscheidung durchaus in Ordnung, konsequent und letztendlich auch im Interesse der Bewohner.

Frank hat gesagt…

Nicht wundern wenn die Klickzahlen nach oben schießen,
du hast seit heute einen zweiten Eintrag bei Bildblog.de

Glückwunsch

Anonym hat gesagt…

Aus meiner Sicht kann ein Mitarbeiter nicht zu sexuellen Handlungen gezwungen werden im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses. Das Einschalten eines Vibrators oder die Konfrontation mit Sperma sind eindeutige sexuelle Handlungen.

Nadine hat gesagt…

@BigDigger
Ich fand das Thema wichtig und hab gehofft, dass der Bildblog das auch so sieht. ;)

tourist hat gesagt…

@anonym 15:25

das umlegen eines schalters oder das wegwischen einer körperflüssigkeit sind aus deiner sicht sexuelle handlungen? ernsthaft?

eventuell solltest du das thema und die kommentare noch einmal gründlich lesen. hier geht es nicht darum, dass die mitarbeiter AKTIV bei sexuellen handlungen anwesend sein sollen.

Anonym hat gesagt…

"Aus meiner Sicht kann ein Mitarbeiter nicht zu sexuellen Handlungen gezwungen werden im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses. Das Einschalten eines Vibrators oder die Konfrontation mit Sperma sind eindeutige sexuelle Handlungen."

Weil ja vibrierende Geräte GRUNDSÄTZLICH für nix anderes als Orgasmusbeschaffung verwendet werden. Is klar.
Ist dann das einschalten eines PCs wenn sich der Pflegling Pornos danach anschaut auch eine sexuelle Handlung? Das öffnen der Tür wenn die Freundin des Pfleglings hineinmöchte um mit ihm in Abwesenheit der Pflegekraft Sex zu haben?

Und wie kann "Konfrontation mit Sperma" eine HANDLUNG sein? Handlungen führt man de facto aus, also meinst du vielleicht eher "beseitigen von Sperma".
Wobei eben das auch nur ebenso "sexuell" ist wie eine Unterhose einer Frau welche morgens auch eher.. anderers riechen kann dank dem REM Schlaf.
Oder unterscheidest du da zwischen Ejakulationen im Schlaf und aktiv herbeigeführten?
Übrigens ist auch Menstruationsblut eine direkt mit dem Geschlecht verbundene Körperflüssigkeit..

Judi hat gesagt…

@anonym 15:25: Ach so. Wenn ich also jetzt einen Vibrator in die Hand nehme und den einschalte dann ist das in dem Moment schon Sex?
Und wenn im Hotel das Zimmermädchen morgens die Laken wechselt und dabei mit Spermaflecken konfrontiert wird ist das eine sexuelle Handlung?
Verschwurbelte Weltsicht...

Ich würde soweit gehen zu sagen daß das Verweigern der entsprechenden Handlungen (Hände entsprechend hinlegen, Vibrator in die Hand geben) ein Akt der Gewalt gegen die Betreuten ist. Die Pflegeperson missbraucht in dem Moment die Macht, die sie über die gepflegte Person hat in nicht unerheblichem Maße.
SIE entscheidet in dem Moment, wie der beeinträchtigte Mensch zu leben hat. Das steht ihr aber nicht zu. Wenn der / die zu Betreuende am Ohr gekratzt werden will, gefüttert (oder eben auch mal NICHT gefüttert) werden will / muss, gewaschen werden will, ob ein Buch vorgelesen werden soll daß dem Betreuenden nicht gefällt, ob innert einer Stunde 20 Bonbons ausgewickelt und in den Mund geschoben werden sollen oder eben auch hunderttausend andere Sachen - das hat die Pflegekraft / Assistenz zu tun und Punkt. Dafür ist sie da. und das hört bei Menschen die jedem Lebensbereich auf Hilfe angewiesen sind selbstverständlich auch beim Sexuallebennicht aus. Wenn der betreffende junge Mann gebeten hätte "falte mir meine Hände und leg sie auf die Decke" hätte das geschehen müssen. und wenn er halt das "gegenteil" wünscht muss das auch geschehen...
Sexuelle Handlungen vornehmen - nein. Sexuelle Handlungen zulassen / ermöglichen - selbstverständlich!
Ich finde es schade bis erschreckend, daß man da 2014 überhaupt noch drüber nachdenken / diskutieren muss...
LG
Judith

gismo1978 hat gesagt…

Moin Jule,

bevor ich was sage habe ich einige Fragen:

- Habt Ihr Druck auf die Pflegekraft ausgeübt, damit sie kündigt oder kam die Entscheidung komplett von Ihr?

- Wie alt war die Pflegekraft und hat sie etwas über den Background ihrer Ressentiments gesagt?

Grundsätzlich teile ich die Meinung vieler hier, die gesagt haben, daß eine Pflegekraft damit umgehen können muß. Das heißt nicht, daß ich das könnte - bestimmt nicht (hat aber nix mit Sexualität sondern mit Krankheitsängsten zu tun). Aber ich habe mir eben auch nicht diesen Beruf ausgesucht.

Ich find's auf jeden Fall klasse, daß Du dieses Thema auf den Tisch gebracht hast. Mein erste Gedanke war "Jule, ich liebe Dich..". Natürlich nur im übertragenen Sinne. Und: "Yes, schön daß das Thema auf den Tisch kommt."

Egal ob bewußt oder unbewußt, Du tust ungemein viel für die Belange Behinderter. Und Du bringst auch nicht Behinderten diese ganzen Themen nahe - ich glaube da bewirkst Du ne ganze Menge mit. Mehr als manche Broschüre&Co. Und ich glaube nicht, daß Du das in einem Maße tust den man noch als "normal" bezeichnen kann.

Jetzt kommt die Preisfrage: Hat Dich eigentlich schon mal jemand für's Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen? Oder bist Du bei sowas eher ein Fan der "Hanseatischen Ablehnung" (Wikipedia)? Wie dem auch sei, für engagierte Menschen wie Dich ist das Teil jedenfalls geschaffen worden. :-)

LG Björn

Tante Cook hat gesagt…

>>Das Einschalten eines Vibrators oder die Konfrontation mit Sperma sind eindeutige sexuelle Handlungen.>>

Also bitte? Ein Vibrato einschalten ist in etwa so sexuell wie die Bedienung einer Duschbrause oder das Schälen einer Banane. Damit kann man nämlich auch sexuelle Freude haben.

Und jede Mutter die Bettwäsche ihres Teenies wechselt übt dabei eine sexuelle Handlung aus? Reinigungskräfte in Hotels auch?

Was mich aber mal ernsthaft interessieren würde… Gibt es irgendwelche Dokumente die das genauer regeln, was Pflegekräfte zu leisten haben?

Es gibt ja komische Zeitgenossen, mit seltsamen Alltagsvorlieben. Da wären jetzt zum Beispiel Menschen, die sich aus religiösen Gründen nicht Waschen. Wenn der nun schwer behindert ist und gepflegt werden muss… Muss die Pflegekraft dem dann beim Pinkeln assistieren, obwohl dort über Jahre nicht sauber gemacht wurde? Oder kann man dann die Pflege verweigern oder Durchsetzen, dass der Mann sich Waschen lässt?


Jule hat gesagt…

@gismo1978:

Danke für dein Lob. Wenn du eine ernsthafte Antwort möchtest: Mir fallen spontan noch ein Dutzend Menschen ein, bei denen ich eine solche Auszeichnung viel angemessener fände. Im Moment würde ich mich damit nicht wohl fühlen - frag mich in 20 Jahren noch einmal! :)

Anonym hat gesagt…

Ich sehe in diesem Speziellen Fall nur bedingt ein Problem.

Offenbar kann besagte Pflegekraft diese Handlungen nicht mit sich selbst vereinbaren. Jeder Mensch hat wohl persönliche Grenzen und ich finde das legitim, egal ob man diese Grenzen nun verstehen kann oder nicht.

Natürlich ist dieser Beruf (oder möglicherweise auch nur gewisse Arbeitsstellen) nicht das Richtige für sie.

Sie hat ja aber offenbar auch gekündigt.

Es ist mir auch nicht klar ob sie bei Stellenantritt schon wusste, dass das ein Teil ihrer Aufgaben sein wird. Wie auch immer nun kann sie eine Stelle suchen, deren Anforderungen sie gerecht werden kann und ihr eine geeignete Pflegekraft - vermutlich die Beste Lösung für Alle.

Anonym hat gesagt…

Also, ich bin ja keine Pflegerin, aber wenn ich mir vorstelle, ich müsste entsprechende Aufgaben verrichten, wäre Sperma mir eindeutig lieber als Fäkalien.

Dass man als Pflegekraft auch mit Körperausscheidungen konfrontiert wird, müsste eigentlich jedem klar sein. Wenn es nun eine junge Frau, die grade die Ausbildung hinter sich hat, wäre, könnte ich die Kommentare einiger hier bekräftigen. Aber sie ist ja laut Jule schon etwas älter. Also wohl schon erfahren in dem Beruf.

Aber seit ich von Lehramtsstudentinnen gehört habe, die beim Gedanken, vor Kommilitonen ein Referat zu halten, in Tränen ausbrechen, weil sie nicht vor anderen Leuten reden können, wundert mich im Hinblick auf Berufsverfehlung nichts mehr...

@ anonym 15:25:
Wenn das sexuelle Handlungen sind, dürfte es für dich ja kein Problem sein, ein Jahr lang dein Sexualleben auf das Anschalten eines Vibrators (nicht benutzen!!) zu beschränken!

Roichi hat gesagt…

Moin Jule,

ich kann mich den meisten Kommentatoren nur anschließen, was den Inhalt des Artikels angeht.
Und auch deiner Sicht darauf.

Beim drüber Nachdenken ist mir allerdings noch eine andere Frage in den Sinn gekommen, die mit dem eigentlichen Thema nur am Rande zu tun hat.
Menschen, die wie dieser Junge Mann nur noch sehr eingeschränkt beweglich sind, müssen ja irgendwie auf sich aufmerksam machen. Wie wird da bewerkstelligt, wenn jemand in dieser Situation eine Pflegekraft rufen muss/möchte? Er kann ja schlecht zum Telefon greifen. Und eine Art Babyphone scheidet schon allein aus Gründen der Privatsphäre aus.
Irgendwie bin ich da noch nicht auf eine Lösung gekommen.

Anonym hat gesagt…

Dass das eine Situation ist, die man differenziert betrachten kann/muss, zeigen ja schon die vielen vorangegangenen Kommentare.

Ich könnte nicht so eindeutig sagen "Die muss das machen". Allerdings kommt es mir auch nicht richtig vor, sowas kategorisch abzulehnen.

Sexualität ist ganz klar ein Bestandteil des Menschsein und jeder lebt sie - auf die eine oder andere Art und Weise.
So, wie jeder sie auf seine Art und Weise lebt, hat auch jeder seine eigenen Erfahrungen damit gemacht. Wir (du und ich, uns trennt altersmäßig ein Monat) sind aufgewachsen in einem Umfeld, das dem Thema Sexualität gegenüber offen ist. Ich hatte in der Schule von der 5. bis zur 8. Klasse jedes Jahr einen Block Sexualkunde, wo es eben nicht nur um anatomische Fakten ging. In der 9. Klasse hatten wir ein Projekt zur Prävention von sexueller Gewalt. In der 10. Klasse waren wir auf TDOs (Tage der Orientierung) und haben als selbstgewähltes Thema Sexualität gehabt. Da ging es dann schon seeehr ans Eingemachte. Wir haben mit den Betreuern (keine Lehrer :D ) über solche Dinge wie Selbstbefriedigung, Intimrasur und Sexualpraktiken geredet. Obwohl also viel geredet, wenig tabuisiert wurde, war das Thema für uns immer leicht anrüchig/unangenehm/mit Peinlichkeit behaftet. Wenn ich mir jetzt also vorstelle, dass sich eine Frau, die in die Generation meiner Eltern fällt, sich diesem Thema so unmittelbar gegenübergestellt sieht, kann ich mir denken, wo die Problematik liegt. In dieser Generation ist Sexualität nunmal etwas, was jeder hat und jeder tut, aber hinter verschlossenen Türen und es wird nicht darüber geredet.

Ich denke, dass es ihr nicht um den "Glibber" als "Glibber" ging - da gibt es ja echt ekligere Sachen - sondern vielmehr darum, dass sie mit dem definitiven Wissen, wann der junge Mann was gemacht hat hätte weiterhin mit ihm arbeiten müssen. Es wäre ihr peinlich und unangenehm gewesen.

Ich finde, das hat etwas mit Toleranz zu tun: Die Grenzen (und seien sie psychisch) von anderen Leuten akzeptieren. Und wenn sie ihren Job ansonsten gut macht, dann hättet ihr bestimmt eine Lösung gefunden, wie der junge Mann sich ausleben kann, ohne, dass sie dabei tangiert wird. Aber sich das Recht herauszunehmen, jemanden (faktisch) zu etwas zu zwingen, was seiner Erziehung, den Moral- und Wertevorstellungen, mit denen er aufgewachsen ist so widerspricht, das finde ich nicht richtig.

(Anmerkung: Rein rechtlich gesehen habt ihr vermutlich recht. Aber es gibt ja auch eine Menschliche Ebene. Und ja, natürlich gibt es in jeder Generation offene Menschen, die damit umgehen können. Aber eben auch andere.)

(Oh, und nochwas: Ich hatte im Praktikum mit einer Schwester zu tun, die hatte ein Problem mit Ohren. Statt sie zu zwingen, ihren Patienten die Ohren zu waschen, haben alle Kollegen das so respektiert und ihr das abgenommen. Dafür hat sie halt dann ein Bett mehr bezogen. So what.)

Anne hat gesagt…

Ich bin in keinem Pflegeberuf tätig aber ich finde das gehört einfach mit dazu. Persönlich fände ich die meisten anderen Sauereien, die so entstehen können wesentlich unangenehmer als ein bisschen Glibber. (An dem hatte die zu Pflegende Person ja hoffentlich Spass - ich glaube kaum, dass man das vom Kubikmeter Durchfall sagen kann ;))
Und auch was den Zeitpunkt vom Zurückkommen zum Saubermachen angeht können die Beteiligten ja Absprachen treffen (z.B. 1 Stunde später, am nächsten Morgen,...).

Anonym hat gesagt…

Ich lese hier gerne. Seit kurzem erst, zugegeben, aber trotzdem gerne. Warum? Zum einen, weil ich selbst im Rollstuhl sitze, aber längst nicht nur deshalb. Jule, du bist Klasse. Du bist nämlich überaus intelligent und hast die seltene Gabe, Wesentliches zu erfassen und auf virtuelles Papier zu bringen. (Klar, auf Klopapier ginge es auch - nur mühsamer). Mit Behinderung hat das - dein Schreibtalent - gleich NULL zu tun. Schreib einfach weiter, egal, ob du laufen kannst oder nicht, singen oder nicht, schwimmen oder nicht, Klavier spielen oder nicht ... DU kannst schreiben und diese Gabe versetzt dich in die Lage, deine Sicht der Dinge absolut einzigartig und total lesenswert rüberzubringen.
Ja, zum "Glibber" - da kann ich nur sagen: Was meinste, was "normale" WGs für Probleme haben? Loch im Laminat? Kein warmes Wasser? Ah ja ... Mach einfach weiter. Du relatierst manche "Probleme" so herrlich wohltuend und überaus geistreich :)

Schnuffelsocke(n) hat gesagt…

Hey!

Grundsätzlich finde ich, das man jedem seine Sexualität anerkennen sollte. So lange sie im Rahmen des Gesetzes bleibt...
Ich kann auch den Wunsch des Behinderten nachvollziehen .... Nur ich selber hätte wirklich ein Problem, ihm die Hand entsprechend hinzulegen. Weil ich selber ein Problem mit Sexualität habe.
Ist es denn soooo schlimm, wenn man damit ein Problem hat?
Okay, so wie die Pflegerin / Assistentin reagiert hat finde ich einfach unmöglich! Aber was wäre, wenn sie einfach gesagt hätte, sie könnte das nicht machen, weil sie mit dem Thema an sich ein Problem hat?

Wie gesagt... Ich finde ihre Reaktion absolut beschissen. Aber es gibt eben Menschen die Probleme mit Sexualität haben. Egal ob sie jetzt in der Pflege arbeiten oder nicht.
Und dabei geht es mir nicht mal um Körperfüßigkeiten (weil für die "kann" ja niemand was). Aber einfach.... Ich weiß nicht... Ich könnte das nicht tun, ohne nacher irgendein schräges Gedankenkarussell zu haben, was ich gar nicht haben will.

Anonym hat gesagt…

Ganz wunderbar geschriebener Text, Stinkesocke! Dankesehr.
Es geht dabei mehr um die Perspektive der Pflegekraft. Mir kam dabei die Erinnerung an eigene Erlebnisse als Patientin: Schwer verletzt und lange bewegungsunfähig dachte ich damals, ich könnte niemals wieder körperlich Sex haben. Diesen Verlust empfand ich schlimmer, als nicht wieder laufen, stehen oder wenigstens sitzen zu können.
Ich war noch eine junge Frau bei diesem Unfall und im KH wie in der Reha gab es eine Menge junger Zivildienstleistender... Die schlimmsten Momente waren jene, wo mehrere dieser netten Männer meinen kaputten nackten Körper herumhieven mussten (z.B. auf die Bettpfanne). Bei aller Trauer um dein ehemals bewegliches Leben nehmen dir solche Situationen auch noch das letzte bisschen Würde, wenn du nicht aufpasst. Der einzige Schutz vor Verrohung und Selbstaufgabe ist dann ein gewisser Humor auf beiden Seiten. Wenn die Reha-Einrichtung gut ist, wird auf einen respektvollen Umgang Wert gelegt. Intimsphäre umfasst alle körperlichen und psychischen Bedürfnisse. Welche diese sind, legt jede und jeder selbst fest.
Im Übrigen kenne ich Tetraplegiker, die ein überaus interessantes Sexualleben genießen. Und zwar mit sich und anderen! (Unbezahlt!)

breakpoint hat gesagt…

Das Gesundheits-/Pflegesystem ist darauf nicht eingestellt.
Sh. [Link].

Jan hat gesagt…

Sehr interessante Frage. Ich wurde zwar in meiner Zeit als Zivi in einem Behindertenheim am Rande damit konfrontiert, aber da die Bewohner das da ganz gut untereinander regeln konnten, musste ich für mich selbst da keine Entscheidung treffen, was ich mache und was nicht. Letztlich finde ich es unangenehm, aber am Schluß würde ich da wahrscheinlich schauen, was die Gesetze sagen, und in dem Rahmen eben augen zu und durch, ob ich da nun mal Scheiße oder Sperma wegmachen muß, ist dann auch kein so großer Unterschied. Und dass die Bewohner auch mal Druck ablassen müssen ist sowieso klar.

Übrigens glaube ich nicht, dass die Gesetze da unbedingt etwas vorgesehen haben, sondern eher, dass gesagt wird, Essen, Schlafen, Hygiene, braucht man alles zum Leben, Sex nicht, Sex ist nur ein Stück Lebensqualität und nicht lebensnotwendig. Aber ich mag irren.

John hat gesagt…

Stimmt Jan, Sex ist nicht lebensnotwendig, aber nötig, und zwar nicht nur für junge Leute. Und Dir Jule, vielen Dank für den Artikel. Solche Gedankenanstösse gehören einem größerem Publikum zugänglich gemacht