Samstag, 5. April 2014

Durch die Tür

Ich brauche für die zwei Wochen nach Ostern einen Praktikumsplatz in einer Klinik. Während die meisten Kommilitonen schon alles unter Dach und Fach haben, bin ich noch immer auf der Suche. Bei uns auf dem Gelände ist nichts mehr frei, aber es gibt genügend so genannte "akademische Lehrkrankenhäuser" in Hamburg, die ebenfalls für so ein Praktikum zugelassen sind.

Nun kam ich gestern mittag im Personalbüro eines solchen akademischen Lehrkrankenhauses an. Mit Termin, nach einer entsprechenden Bewerbung. Ich wurde von einer Sekretärin in ein leeres Büro geführt, ein Mitarbeiter wolle sich gleich mit mir unterhalten.

Nach etwa 10 Minuten kam dieser rein. Geschätzt um die 40 Jahre, Polohemd, Wildlederschuhe. Sein erster Kommentar, noch vor einer Begrüßung: "Wie ist denn der Rollstuhl hier reingekommen?"

Ich überlegte nicht lange. Vorstellungsgespräche sollen Bewerber mitunter provozieren. Falls die Frage ernst gemeint war, war ich ohnehin im falschen Film. Also antwortete ich frech: "Durch die Tür!"

Der Mitarbeiter schien das tatsächlich ernst gemeint zu haben. Er stammelte: "Durch ... die ... achso, ja. Durch die Tür?"

Ich holte weiter aus. Nickend: "Durch die Tür." Und kopfschüttelnd: "Nicht durchs Fenster. Auch nicht durch den Schornstein."

Seine Antwort: "Ähm. Ja. Ich weiß gar nicht ... also." - "Ja?" - "Was ist denn..."

Das konnte nicht ernst gemeint sein. Ich lief zur Höchstform auf: "Was ist eine Tür? Also, eine Tür ist ein optimalerweise vom Tischler aus Holz gefertigtes Objekt, das temporär diejenigen Löcher verschließt, die die Maurer in den Wänden lassen. In erster Linie zwecks Zugangskontrolle."

Er stammelte weiter: "Zugangskontrolle. Ja natürlich. Ich ... ähm ... bin nur gerade etwas perplex, denn in Ihrer Bewerbung stand nicht ... also das mit dem Rollstuhl! Ich meine, das hat man ja nicht alle Tage, dass man mit sowas konfrontiert wird. Also dass ... die meisten Rollstühle sind ja alt."

Verwendete er tatsächlich die Wörter "sowas" und "Rollstuhl" für den Menschen, der ihn benutzte?! Das Gespräch war sowieso gelaufen. Ich sagte dümmlich: "Meiner ist noch gar nicht soooo alt jetzt. Ich finde, er sieht auch noch ganz passabel aus, oder?"

Er musterte mich, dann sagte er: "So meine ich das nicht. Ich meine, dass es ja eher unüblich ist, dass jemand in jungen Jahren im Rollstuhl fährt. Es sei denn, er ist krank, aber dann hat man ihn auf Station."

Oder im Heim, dachte ich mir leise. Hauptsache, 'man hat ihn'. Ich antwortete: "Naja, ob jemand im Rollstuhl durch die Gegend fährt, hängt ja primär von seiner Gehfähigkeit ab."

Er hatte sich halbwegs wieder gefangen und sagte: "Ich sehe, Sie werden mal eine gute Ärztin. Sie wollen bei uns Praktikum machen, ja?"

Ich antwortete: "Nein."

Nun war es endgültig vorbei. "Nein? Aber das hatten Sie mir doch geschrieben!? Oder verwechsel ich Sie jetzt? Weswegen sind Sie heute hier? Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge!"

Ich drehte mich bereits in Richtung des mit einer beweglichen Holzplatte verschlossenen Lochs in der Wand und sagte: "Ich hab es mir gerade anders überlegt. Mir gefällt der Umgang Ihres Hauses mit behinderten Menschen nicht. Ich glaube, dass das, was ich im Praktikum hier lernen würde, nicht gut für mich ist. Ich versuche es daher woanders und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."

"Oh warten Sie, ich öffne Ihnen die Tür!" - Jetzt wusste er ja, was eine Tür ist. Und wie ein Rollstuhl ins Haus kommt. Oder es verlässt. Schade, dass der Weg zu weit war, um die Geschichte lustig zu finden. Und schade, dass ich mich manchmal nicht mehr zurückhalten kann. Wahrscheinlich war mein Verhalten nicht klug. Hätte ich die Klappe gehalten, hätte ich vermutlich den Praktikumsplatz bekommen. Aber andererseits geht es mir so sehr viel besser. Eine neue Chance ergibt sich am Dienstag. Zwei Eisen habe ich noch im Feuer.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

sehr schön... bleib' immer schön widerspenstig...

Mike hat gesagt…

Nett, muss ich mir für meinen nächsten Hamburg-Besuch vormerken.

By the way: Deine Fotos?

LG
Mike

Anonym hat gesagt…

Doch, das hast du schon richtig gemacht, finde ich. Allein, weil es sich sicher super angefühlt haben muss :) Hast du noch einen Blick auf das Gesicht des Herrn erheischen können?

Vielleicht wäre das Praktikum dort auch nicht so bescheuert geworden, wie der erste Eindruck war. Aber solang du nicht drauf angewiesen bist, muss das nicht sein.

Sally hat gesagt…

Ich sitze gerade mit offenem Mund vor dem Laptop. Hast du mal gecheckt, ob da irgendwo 'ne versteckte Kamera war?! UN-GLAUB-LICH.

BigDigger hat gesagt…

Man sollte meinen, dass die Leute in einem Krankenhaus durchaus etwas mehr Empathie könnten. Andererseits lehren gerade kostenoptimierte Klinikbetriebe, wie die dortigen Heilberufe eher zu Krankheitsberufen werden und die dortigen Sozialberufe zu Asozialberufen...

"Wie ist denn der Rollstuhl hier reingekommen?"
Und die Frau, die drin sitzt, erst ...? ^^
Menschen gibt's. Für den musst Du ja wie der Terminator gewesen sein: Halb Mensch, halb Maschine, aus einer anderen Zukunft. Deswegen kann er Dich auch so einfach auf Dein Fortbewegungsmittel reduzieren.

Wobei, ich sollte vielleicht nicht zu sehr über ihn herziehen - die Grenze zwischen Arschloch und Soziopath ist oft genug nur der Zeitpunkt der gestellten Diagnose...

Deine Entscheidung kann ich voll und ganz nachvollziehen, und Du hast meinen ungeteilten Respekt, dass Du das auch so durchgezogen hast. Du hast zwar - noch - keinen Praktikumsplatz, aber Deine Selbstachtung. Das war mit Dir schon mal schlimmer in der Vergangenheit ...

Und Dein Deppenmagnet wird langsam eher ein Schwarzes Deppenloch.
*kopfschüttel*

Anonym hat gesagt…

Das war doch nicht sein ernst?

Das du noch Antworten konntest. Hut ab!

Ich fass es nicht...

fujolan hat gesagt…

Danke Jule.

Ja, es war die richtige Reaktion. Ein Bewerbungsgespräch ist für beide Seiten - und die andere Seite ist durchgefallen mit Bausch und Bogen.

Ich hoffe so sehr, dass dieser Text kommende Woche im ganzen Lehrkrankenhaus durchs Haus wandert und dass es mal kräftig rumst.

Du bist übrigens nett - du könntest ihnen auch den Arsch abklagen.

Philipp hat gesagt…

Hallo Jule,

Genau richtig gehandelt. Bei so einem Start hätte Ich auch keine Lust mehr auf ein Praktikum da gehabt.

Ich drück die sie Daumen dass du bei den anderen Terminen mehr Glück hast.

So wie Ich deine Berichterstattung verfolge gehe Ich davon aus dass man dich und deine beisherigen Leistungen sicher woanderster mehr schätzen wird.

Grüße aus Dresden

Philipp

ThorstenV hat gesagt…

Ich: http://itbeisl.at/Smileys/akyhne/rofl.gif
Jule: http://myanonstore.com/wp-content/themes/shopperpress/thumbs/meme-sticker-likeaboss.jpg
Traurig aber, dass es solche Leute gibt. Ich hätte mich zwar möglicherweise im ersten Moment auch gewundert, wenn nichts in der Bewerbung stand, aber ein wenig geistige Flexibilität sollte man schon aufbringen, statt wie der Hirsch im Schweinwerferlicht zu agieren.

Bloggergramm hat gesagt…

Alles richtig gemacht würde ich sagen.

Habe durchaus auch schon Bewerbungsgespräche abgebrochen, wenn das erkennbar zu nix führen würde.

Schnuffelsocke hat gesagt…

Okay, das man erstmal ein bisschen perplex ist, wenn eine angehende Ärztin im Rollstuhl sitzt kann ich noch nachvollziehen. Immerhin ist das ja nichts alltägliches (leider).
Aber andererseits hätte er wirklich nicht dermaßen bescheuert reagieren müssen. *kopfschüttel*
Gut, dass du wieder gegangen bist. Ich drücke dir die Daumen dass du am Dienstag mehr Erfolg hast!

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule!
Ich musste dreimal lesen um zu kapieren, dass er mit Rollstuhl den Benutzer meinte. Ausserdem müsste der Volltrottel wissen, dass gerade QS junge Leute unfallbedingt betrifft. Dieser Anus gehört wegen Diskriminierung geradezu angezeigt. Weiss schon ohne Zeugen schwierig und auch nicht klug.
Aber dass im 21. Jahrhundert mit einem Menschen im Rollstuhl so umgegangen wird ist ein Skandal. Ich gratuliere Dir zu Deiner Kraft sowas auszuhalten.

Liebe Grüße

Andreas

ednong hat gesagt…

Das ist nicht dein Ernst, dass du dieser Stelle hinterher trauerst? Ich würde mal Frank ansprechen wegen des AGG. Wobei ich vermute, dass du keine Tonaufnahmen gemacht hast und damit auch keine Klagechancen hast.

Weiterreichen würde ich dieses Gedächtnisprotokoll vielleicht an die obere Etage, sofern ich die Vermutung hätte, das würde etwas bewirken.

Aber vielleicht kennt ja deine nächste Chefin die in der oberen dieses Krankenhauses und dann spricht sich so etwas auf diesem Wege weiter.

Du wirst mit Sicherheit eine Stelle finden - zumal für 2 Wochen,w enn ich das richtig gelesen habe, wird das bestimmt nicht das Problem werden.

Jali hat gesagt…

Wenn der Typ symptomatisch für den Laden ist, dann bist Du sicher besser bedient, wenn Du da nicht anfängst.

Bin gerade etwas fassungslos. Gerade in einer Klinik sollte man doch ein klitzekleines bisschen sensibler sein, was den Umgang mit Menschen angeht.

Aber Hut ab vor Deinem selbstbewussten Auftreten. Das bringt nicht jeder beim Bewerbungsgespräch.

Xin hat gesagt…

Bißerl dünnhäutig, hm?

Von einem perplexen Verwaltungsangestellten auf das ganze Haus zu schließen... naja...

Ich habe mir gestern den Film "Der Butler" angesehen, von einem farbigen Diener im weißen Haus, der im Ansehen von einem Minderwertigen zum Vorbild wuchs.
Vielleicht hast Du Dich auch nur der Chance beraubt, dort ein Vorbild zu sein.

Anonym hat gesagt…

UN-FASS-BAR und das zu einer Zeit, in der an allen Ecken und Enden über Inklusion gesprochen wird ... und da liegt das eigentliche Problem: Es wird nur darüber gesprochen und wenn es darauf ankommt, im Interesse einer Inklusion veränderungs- oder kompromissbereit zu sein, ist es ganz schnell vorbei mit dem Thema.

Gut reagiert, Jule, und bei Gelegenheit vielleicht ein Bericht in der lokalen Presse ...

LG, Simone

Anonym hat gesagt…

Hmm, klar, die Antworten waren mutig und deine Entscheidung kann ich verstehen. Aber bringt es was den anderen so zu brüskieren.
Der Typ war nun mal überrascht. Bei aller Toleranz und Integration. Ich bin jetzt ein Mensch, der dein Blog liest und mich versuche ein bisschen in die Welt eines Rollstuhlfahrers hineinzudenken.
Trotzdem ist eine Begegnung mit einem Rollstuhlfahrers oder einer -fahrerin, nicht alltäglich. Liegt einfach daran, dass es mehr Fußgänger als Rollifahrer gibt.
Und jetzt steht bei diesem Menschen zum ersten Mal eine Rollifahrerin im Büro.
Er ist überrascht, fragt komische Sachen, weil in seinem Kopf eben noch nichts Klick gemacht hat, was die richtigen Schaltkreise verbindet, um normal mit dir zu reden.
Hier gleich jeden Satz auf die Goldwaage zu legen finde ich falsch.
Wäre es nicht besser gewesen dem Herrn eben zu zeigen, dass er falsch liegt mit seiner Skepsis? Du hättest einen praktikumsplatz gehabt und dazu noch die Möglichkeit zu zeigen, dass es eben nichts Seltsames ist im Rolli zu sitzen.
Gleich so zu tun als wäre der Typ ein Idiot, weil er sich plötzlich komisch verhält, wenn zum ersten Mal im Rollstuhl sich bei ihm um einen Praktikumsplatz bemüht finde ich etwas arrogant.
Für uns Fußgänger ist es nun mal nicht in jeder Situation Normalität, wenn wir einen Rollstuhlfahrer vor uns sehen. Und es ist nun mal menschlich in außergewöhnlichen Situationen anders zu reagieren als üblich.
Gebt uns die Chance zu lernen, dass diese Situation nichts besonderes ist. Deine Reaktion hat dem Herrn vielleicht nur sein Vorurteil bestätigt, dass Behinderte nicht ganz normal sind. Wer lehnt schon einen Praktikumsplatz ab, bevor man sich überhaupt nur ansatzweise kennengelernt hat.

Jens Irrgang hat gesagt…

Falsch war das sicherlich - den Prakitumsplatz jetzt noch abzulehnen wäre für ihn bestimmt unangenehm und problematisch gewesen. Mit seinem Gestammel hat er sich ja selber in die Ecke gestellt.

Trotzdem war es richtig - es gibt einfach Situationen in denen muss man sich selber treu bleiben, sonst wird das am nächsten Morgen schwierig mit dem Spiegel ...

Bloggergramm hat gesagt…

@Anonym 14:33
"Wer lehnt einen Praktikumsplatz ab, bevor man sich überhaupt nur ansatzweise kennengelernt hat?"

Jemand mit ausreichend Menschenkenntniss um zu erkennen, das es einfach keinen Sinn macht, sich dort damit weiter auseinanderzusetzten.
Was der Herr da gezeigt hat, war leider nicht nur einfache Skepsis oder das Ungewohnte (und gerade im KH sollte das alles nur nicht ungewöhnlich sein).


Seute Deern hat gesagt…

"Der Typ war nun mal überrascht."

Überrascht sein ist ja auch legitim, v.a. wenn in den Bewerbungsunterlagen nicht auf eine Behinderung hingewiesen wird. Die Frage ist doch, wie damit umgegangen wird.

Ein im medizinischen Bereich arbeitender Mensch (auch wenn es ein Verwaltungsangestellter gewesen sein sollte) sollte vielleicht so viel Training mitbekommen haben, dass er nicht im Beisein eines anderen Menschen als "der Rollstuhl" von ihm spricht. Auch in Kliniken sollten wir doch bitte über die Zeiten von "der Blinddarm muss mal aufs Klo" oder "die Mandeln brauchen Schmerzmittel" raus sein.
Hätte er sich nach dem ersten Ausrutscher zusammengerissen und nicht noch "die meisten Rollstühle sind ja alt" gebracht sondern vielleicht... ich weiß nicht... es mit "Aus ihren Bewerbungsunterlagen war ja nicht ersichtlich, dass sie einen Rollstuhl benötigen, ich war nur kurz verdutzt *haha* na, dann lassen sie uns mal mit dem Vorstellungsgespräch beginnen" versucht, Jule hat ihm das Stöckchen ja hingeschmissen mit dem rumwitzeln... dann hätte er Professionalität und Reife gezeigt. Ich gehe mal davon aus, dass das Gespräch nicht vom 16jähren Azubi geführt wurde, der noch nie einen jungen Menschen mit Behinderung gesehen hat. Und Jule hat sich ja auch nicht mit Kopf unterm Arm auf einen Job als Stahlkocher beworben.

Hätte der Herr nur kurz gestutzt, sein Bewerbungsgespräch professionel durchgezogen und vielleicht am Ende noch gefragt, wie die Erfahrung in vorherigen Praktika war und ob der Rollstuhl Stinkesockes Arbeitsmöglichkeiten irgendwie einschränkt, ob sie Anpassungen am Arbeitsplatz braucht, ob sie besondere Hilfen braucht oder es Aufgaben gibt, bei denen sie in vorherigen Arbeitserfahrungen bemerkt hat, dass sie sie körperlich nicht leisten kann... dann hätte sie vielleicht Interesse gehabt, dort zu arbeiten und ein gutes Vorbild zu sein.

Den Praktikumsplatz abzulehnen war eine konsequente Entscheidung. Da ist die Klinik selbst schuld, dass sie sich die Option verbaut hat.

Edelnickel hat gesagt…

Also ich finde deine Reaktion ganz ehrlich völlig richtig.
"sowas" und "Rollstühle" statt Rollstuhlfahrer oder was auch immer zu sagen geht GAR NICHT. Die hätten dich vielleicht die ganze Zeit so behandelt. Lieber den Praktikumsplatz gleich nicht wollen als sich jeden Tag dort sch** zu fühlen und keinerlei Freude dran zu haben.

Echt unprofessionell von dem Mann. Peinlicher gehts kaum!