Freitag, 23. Mai 2014

Wellenlänge

Kleine und große Freaks gibt es überall. Im Norden wie im Süden. So hat ein junger Mann aus meiner neuen Nachbarschaft noch nicht bemerkt, dass ich ihn vom Balkon aus sehen kann, wenn er auf der Bank in einer Grünanlage sitzt und sich einen runterholt. Das macht er jeden zweiten bis jeden dritten Abend. Es ist dunkel, er beobachtet genau, ob irgendwoher Leute kommen ... und dann legt er los. Ich habe das jetzt schon mehrmals beobachten können. Er ist einige Meter weg, ich tippe mal auf 300 Meter, aber man kann trotz der Dunkelheit im Schein einer Laterne erkennen, was er dort macht. Vermutlich möchte er gar nicht, dass ihn jemand entdeckt, vermutlich möchte er eher das Gegenteil. Und das Gegenteil blüht ihm zu Hause. Keine Ahnung.

Das finde ich ein halbes Prozent besser, als wenn mein Nachbar im Aufzug furzt. Ja, in der Kabine. Nicht, während ich daneben stehe, aber wenn ich nach unten fahre, um den Müll wegzubringen, er hoch fährt und ich anschließend den Aufzug wieder rufe, dann ist das ziemlich eindeutig zuzuordnen. Finde ich. Widerlich.

Mit mir zusammen studiert eine 25jährige Frau. Sie studiert nicht Medizin, ich habe sie beim Schwimmen kennengelernt. Ich habe im Rahmen des Hochschulsports in der Schwimmhalle trainiert, wir waren in derselben Bahn, sie fragte mich beim Rausklettern, ob ich Hilfe bräuchte. So kamen wir ins Gespräch, unter anderem darüber, dass ich auch draußen trainiere und gerne in diesem Jahr noch einen (Para-) Triathlon absolvieren würde. Sie sagte, sie würde auch gerne draußen trainieren. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben uns mehrmals verabredet und zusammen draußen trainiert. Zu zweit im See. Ausdauertraining, ich konnte ihr noch ein paar Tipps für ihren Kraulstil geben, ich finde sie nett, sie mich wohl auch.

Und sie erzählte mir von einer Erkrankung, die sie plagt. Eine Psychose. Sie hört Stimmen und sieht Bilder. Immer mal wieder, wenn sie aufgeregt ist. Woher ihre Halluzinationen kommen, weiß niemand so genau, zum ersten Mal sind sie mit 14 Jahren aufgetreten. Sie hat das gut im Griff, meint sie, manchmal ein wenig zu gut. Es kann sein, dass sie auf manche Fragen gar nicht erst reagiert, weil sie gerade denkt, dass sie Stimmen hört. Dass sie richtige Stimmen den Halluzinationen zuordnet, käme aber nicht oft vor. Ich finde das voll krass, vor allem, weil sie mir das auf Anhieb sehr ausführlich erzählte und auch erklärte. Sie meinte: "Ich verheimliche das nicht, es gehört zu mir. Aber meistens erwähne ich nur einmal die Diagnose. Dass ich jemandem die Bilder genau beschreibe, soweit sie überhaupt konkret zu beschreiben sind, kommt eher nicht vor. Außer bei Ärzten, als ich stationär in der Klinik war oder bei meinem ambulanten Psychiater. Aber deine Fragen sind so interessiert, so neugierig, so ernsthaft und so wertfrei. Weißt du schon, was du später werden willst? Interessieren dich Neurologie und Psychiatrie?"

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich habe, auch ohne Starallüren, das Gefühl, gut mit Menschen reden zu können. Also insbesondere habe ich schon oft bemerkt, dass Menschen mir sehr schnell etwas anvertrauen, von dem sie sagen, dass sie es sonst nicht erzählen. Vielleicht wäre es passend, später einmal beruflich in einem besonderen Bereich zu arbeiten. Allerdings: Den ganzen Tag nur Gespräche zu führen, kann ich mir irgendwie auch nicht vorstellen. Zum Glück muss ich mich heute beinahe noch nicht festlegen. Denn bis nach dem 13. Semester ist alles gleich. Erst danach kann man sich durch eine vier- bis sechsjährige Facharzt-Ausbildung spezialisieren. Aber: Ich bin gefragt worden, ob ich nicht promovieren möchte. Ich müsste mich jetzt noch nicht entscheiden, aber ab dem nächsten Semester sollte ich mal Gedanken daran verschwenden.

Ehrlich gesagt: Mich reizt das sehr. Nicht, weil ich einen möglichen Doktortitel als Ausgleich für meine Behinderung sehe oder diesen für mein Ego brauche. Sondern weil ich ganz große Lust hätte, während meines Studiums auch an einer Sache zu forschen. Selbst Ergebnisse auf eigene Fragestellungen zu finden. Und damit meine ich zum Beispiel Themen, für die ich vermutlich nirgendwo einen Proff finden werde. Themen, die ich vielleicht später noch vertiefen könnte. Vielleicht sogar etwas, was mit Behinderung und Inklusion zu tun hat. Oder mit der Wellenlänge, auf denen Menschen, die sich verstehen und vertrauen, kommunizieren.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

An Deiner Stelle, das schrieb ich schon einmal, würde ich Neurologie mit dem Schwerpunkt rehabilitative Medizin machen. Ich kenne die deutsche Ausbildungsordnung zu wenig, aber hierzulande arbeiten in den Neurorehabzentren hauptsächlich Neurologen, teilweise Unfaller und FÄ für physikalische Medizin. Zweiteres kommt nicht in Frage, letzteres ist fad.
Als Neurologin, die so sportlich und einfühlsam ist, bist Du in so einem Zentrum goldrichtig. Psychiatrie finde ich auf Dauer frustrierend. Willst Du wirklich mit Menschen wie Deiner Mutter, Crash--Oma und leider Nein Selbstmörder zu tun haben. Ich glaube nicht, dass Du das auf Dauer durchdrückst.

Liebe Grüße

Andreas

Philipp hat gesagt…

Was du da schilderst kenne Ich von meinem Cousin. Ich kann mir vorstellen dass jemand der so sensibilisiert auf Menschen reagieren kann wie du sich da gut mit so Menschen mit solchen Problemen austauschen kannst.

Ich finde es schön wenn man mit offenen Ohren durchs Leben geht und sich auch gerne einmal die Sorgen und Nöte anderer anhört.

Was das Andere angeht, also dass man seine Fruchtbarkeit unbedingt so in der Öffentlichkeit zur Schau stellen muss finde Ich unmöglich, doch was habt Ihr alle gegen das pupsen. Leute das ist doch sooooooo menschlich. Finde Ich zumindest. Was soll man denn da sonst machen?

Grüße aus Dresden

Philipp

ruolbu hat gesagt…

Hehe ich bin gespannt, was deine Laufbahn noch alles bringt ;)

Zum mastubierenden Mann aus dem ersten Absatz fällt mir nur ein, dass ich schon oft im Netz gelesen habe, dass Menschen es erregend finden, ihre Sexualität im öffentlichen Raum auszuleben. Wohlgemerkt geht es dabei oft nur um den Ort und nicht um andere Menschen. Das Risiko einzugehen, gesehen zu werden und wirklich gesehen zu werden (oder dies zu provozieren) sind durchaus verschiedene Dinge. Drum würde ich dir recht geben, dass dieser Mensch womöglich nicht entdeckt werden will.
Halte ich für weiter verbreitet (zumindest die Fantasie, wenn auch oft nicht die Umsetzung davon), als es scheinen mag. Die Leute geben sich immerhin Mühe, nicht entdeckt zu werden ^^

Anonym hat gesagt…

Werter Andreas, als promovierte Ärztin (ebenfalls aus Österreich) mit bereits seit langer Zeit abgeschlossener Turnursausbildung finde ich es immer wieder schockierend welches unerträtliches Mass an fehlender Empathie und zynischer Menschenverachtung Sie Menschen mit psychischen Problemen entgegenbringen. Sie tun ja gerade so als wenn "Die Da", die eventuell gerade z.B. eine depressive Episode durchmachen oder mit Problemen zu kämpfen haben, mit denen Sie (wohl auch "dank" fehlender (Selbs)reflexion und Sensibilität bisher verschont blieben) eine "andere" "minderwertige" Spezies wären, die nicht zu verstehen ist und bei der auch jede dahingehende Bemühung absolute Verschwendung darstellte.
Damit haben Sie Ihren Beruf wohl offensichtlich gründlich verfehlt und ich denke/hoffe, das wird Ihnen im Laufe ihrer Turnusausbildung auch noch deutlich aufgezeigt werden.

Sabine K.

Anonym hat gesagt…

@Andreas:
Anmerkung noch zum generell "guten" Charakter der Chef- und Primarärzte.
1. Episolde an den SALK (vor ca. 15 Jahren) Turnusarztkollege und ich kommen pünklich, motiviert und "gewaschen, geschneuzt und gekammpelt (=gekämmt/frisiert)" zur ärztlichen Morgenbesprechung am 1. Tag an unserer neuen Abteilung. Begrüssung durch den Primararzt: "Was machen Sie hier? Hinaus mit Ihnen - dies ist eine Besprechung für "richtige (...)" Ärzte - Haben Sie schon alle Routineblutabnahmen (wäre eigentlich primär Aufgabe des diplomierten Pflegepersonals) erledigt?". (Turnusarztausbildung stellt die Ausbildung zum "Arzt für Allgemeinmedizin" in Österreich dar und steht für die meisten ausgebildeten Mediziner am Beginn ihrer Karriere (auch zu einem FA einer anderen Spezialisierung)
2. Beispiel an der Kölner Uniklinik für Strahlentherapie (vor ca. 10 Jahren): Der Chefarzt "missbraucht" seinen Assistenzarzt (der auf eine Oberarztstelle hofft) regelmässig für persönliche, private Dienstleistungen wie dem Einkauf von Weihnachtsgeschenken für die Freundin des Chefarztes. Anschliesseend darf der "Lieblingsassistenzarzt" diese auch noch liebevoll und kreativ für das Fest verpacken. Kein Scherz ich war zu dieseem Zeitpunkt selbst Assistenzärztin in Ausbildung für Radioonkologie an dieser Abteilung.

Die beiden Oberärzte der Abteilung waren jedoch beide menschlich reizend und fachlich deutlich kompetenter als der "Chefgott in Weiß"

Ja, es gehört schon einiges an menschlicher "Größe" - andere nennen es allerdings "Narzissmus" dazu um Chef- oder Primararzt insbesondere an einer Uniklinik zu werden.

LG Sabine K.

Xin hat gesagt…

Ich habe die Theorie, dass nicht eine schlimmes Ereignis zu einem psychischen Defekt oder eine Depression führt, sondern die Art und Weise, wie das Umfeld damit umgeht. Nicht allein der Täter macht einen zum Opfer, sondern die Gesellschaft, die einem erklärt, dass man selbst daran zerbrochen wäre und das Opfer ja so tapfer ist.

Aktuell lese ich 'Jägerin und Gejagte' von Sabine Kügler, dem "Dschungelkind". Sie beschreibt dort die Unterschiede zwischen der Fayu-Welt und der westlichen Welt. Unter anderem dass es im Dschungel keine Depressionen und psychischen Krankheiten gebe, obwohl Kinder erleben, wie ihre Eltern getötet werden und Mord und Totschlag zum Ritus gehören.
Das bestätigt mich in meinem Glauben, dass wir uns in unserer Gesellschaft gegenseitig krank machen. Wir fassen zwei Vorgänge mit dem Begriff "Opfer" zusammen: den vom Täter Geschädigten, aber eben auch die Person, die von der Gesellschaft dauerhaft an die Tat gekettet wird und durch Bedauern und Mitleidsbekundungen emotional runtergemacht wird.
Kügler beschreibt, dass es nach dem Tod eine Zeit zur intensiven Trauer gibt, dass man sich intensiv um die Kinder kümmert, aber eben auch einen klaren Abschluss dieser Phase. Dannach geht das Leben normal weiter und die Kinder sind keine Opfer mehr.

Das verdient in meinen Augen Forschung...

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrte Fr. Kollegin K.!

Ich sehe es als einer meiner Aufgaben an zu verhindern, dass incompliante psychiatrische Patienten Unschuldigen Schaden zufügen. Da Sie Österreicherin sind, haben Sie sicher von der psychiatrischen Patientin gelesen, die ein Auto geklaut und damit eine junge Frau zum Pflegefall gefahren hat. Die Gerichtspsychiaterin hat der Täterin Zurechnungsfähigkeit attestiert. In solchen Fällen frage ich mich schon ob die behandelnden Ärzte richtig reagiert haben. Die Patientin hat ihre Medikamente nicht eingenommen. Einsichtige Patienten haben meine Hochachtung, die sich mit ihrer Erkrankung auseinander setzen. Ich gebe zu wenig Sympathie für Patienten zu empfinden, wie der von Jule geschilderte Mensch, der einen dreifachen Familienvater in den Tod reisst, oder Jules Mutter, die Jule das Leben zur Hölle machte.
Im übrigen habe ich bei Ihrer Orthographie meine Zweifel ob Sie jemals eine Universität von innen gesehen haben.

Andreas

Jule hat gesagt…

@Philipp: Ich hab nichts gegen das Pupsen, aber muss es in einer geschlossenen Fahrstuhlkabine sein?!