Freitag, 6. Juni 2014

Eine Seefahrt, die ist lustig

Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön, denn da kann man fremde Länder und noch manches andre sehn. Hollahi.

Als waschechte Hamburgerin kenne ich Wind, Wasser und damit Wellengang. Eine Hafenrundfahrt bei Windstärke zehn (so grüne Gesichter hast du noch nirgends gesehn) haut eine Stinkesocke nicht aus dem Stuhl und entsprechend amüsiert bin ich jedes Mal, wenn Leute sich im Kajak krampfhaft am Paddel festhalten, sobald eine kleine Motoryacht vorbeituckert und drei Wellen etwas Bewegung ins Leben bringen. Meine Kommilitonen waren zumindest recht erstaunt, dass ich trotz meiner Behinderung keine Angst hatte, bei einem Kajak-Ausflug auf einem breiten Fluss ohne Strömung mitzumachen. Als ich denen nämlich vorher erzählte, dass wir manchmal mit Seewasser-Kajaks über die Ostsee geheizt sind, versuchten mehrere Leute, mir zu erklären, dass das, wenn man im Rollstuhl sitzt, ja nicht ginge. Zumal ich mich geweigert hatte, Beweisfotos vorzulegen. Leute, erklärt ihr mich nicht, was ich nicht kann. Okay?

Egal. Es geht um eine Seefahrt und nicht um eine Flussfahrt, also muss hier noch mehr kommen... Ich bin eingeladen worden. Von Shane. Shane ist Amerikanerin, studiert in jenem Bundesland, in dem ich derzeit wohne, allerdings nicht in derselben Stadt wie ich und auch nicht Medizin. In Kontakt gekommen sind wir über eine andere Rollstuhlfahrerin, ich nenne sie einfach mal Bärbel, die an meinem derzeitigen Wohnort studiert (auch nicht Medizin), und die mir von einem Yacht-Urlaub auf dem Meer vorschwärmte. Eine große Yacht, auf der man auch mit dem Rolli überwiegend klar käme. Sie gehört eigentlich Shanes Eltern, und da eine Tante wegen Multipler Sklerose im Rollstuhl sitzt, habe man bei der Ausstattung des rund 45 Meter langen Luxus-Kahns auf breite Türen und wenig Schwellen geachtet.

Kurzum: Über das verlängerte Pfingstwochenende sei mit insgesamt 12 Personen eine Fahrt durch ein paar Seen und auf dem Meer geplant, Bärbel sei eingeladen gewesen, könne aber wegen einer Hautverletzung nicht teilnehmen. Sie sei super traurig, da das im letzten Jahr so schön war. Nun ist ein rollstuhlgerechtes Zimmer auf dem Dampfer frei. Ob das nicht was für mich wäre. Es koste nichts, ich müsste nur den Hin- und Rückflug und mein Essen bezahlen. Ich war anfangs skeptisch, ich kannte Shane nicht, ich kannte die 11 anderen Leute nicht - andererseits klang das, was Shane vorhatte, nicht schlecht, sondern sehr reizvoll. Bärbel drängte mich nahezu, doch wenigstens einmal mit Shane zu telefonieren und drückte mir quasi, bevor ich mir Widerworte überlegen konnte, ihr Handy in die Hand. Am anderen Ende war Shane und ... naja, es klang alles sehr toll. Drei Tage entspannen, ein Kapitän (denn das Schiff darf nur mit Führerschein gefahren werden) und eine Köchin seien an Bord, es gebe keine Drogen und alle Leute seien ihr persönlich bekannt, bis auf ich. Das müsste sich halt vorher auch noch ändern, denn sie nehme nur Leute mit, die sie vorher schonmal gesehen habe und die ihr sympathisch seien. "Du kannst auch deinen Freund oder deine Freundin mitbringen, dann teilt ihr euch das Zimmer. Steht sowieso ein Doppelbett drin."

Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, wie und warum sich jemand, der in Amerika wohnt, in Europa eine große Luxusyacht irgendwo hinlegt. Und irgendwie fand ich das alles zu abgehoben. Trotzdem traf ich Shane und am Ende hatte ich ein gutes Gefühl. Wir, das heißt Marie und ich, denn ohne Begleitung würde ich auf keinen Fall mitfahren, müssten uns halt gut benehmen, meinte Shane, und wir dürften nichts kaputt machen, bräuchten eine Haftpflichtversicherung, ihre Eltern würden ihr das sonst nicht erlauben. Aber die Yacht liege derzeit sowieso rum, nachdem die Eltern in der letzten Woche von dort wieder abgereist seien. Die Fahrt starte und ende im französischen Vitrolles, das ist in der Nähe von Marseille. Es gebe direkte Flüge dorthin. Die anderen Leute seien alle zwischen 20 und 35 Jahre alt. Ich sei die einzige Rollstuhlfahrerin, aber die (selben) Leute hätten im letzten Jahr mit Bärbel im Rollstuhl auch keine Probleme gehabt. Ich telefonierte mit Marie und dann war die Entscheidung gefallen. "Ja" zu einem Luxus-Pfingsturlaub auf einer Yacht im Mittelmeer. Mit Koch und Kapitän. Maries Vater sagte: "Ihr lebt ja wie Gott in Frankreich."

Der Hinflug machte keine größeren Probleme, mein Rollstuhl überstand den Transport im Frachtraum unbeschadet. Marie landete kurz nach mir mit einem anderen Flieger. Und bevor wir uns lange mit irgendeiner Überland-Busverbindung auseinander setzen wollten, bat uns ein Taxifahrer einen Festpreis an. Beide Leute, beide Rollstühle, alles Gepäck für zusammen 25 Euro - im Vergleich mit Hamburger Verhältnissen ein mehr als guter Deal. Aus unserer "Reisegruppe" waren bisher außer Shane nur zwei andere Leute da, ein Paar um die 30 Jahre alt. Nach und nach trudelten die anderen Leute ein und nach und nach wurde ich entspannter. Alle waren nett, soweit ich das überblicken konnte, waren keine schrägen Vögel dazwischen, alle wirkten entspannt und es herrschte von der ersten Sekunde eine sehr lockere und lustige Stimmung.

Wir gingen an Bord, für Marie und mich sah das so aus, dass ein kräftiger junger Mann uns nacheinander auf den Arm nahm, rübersprang, und jemand anderes den Rollstuhl auf das Schiff hob. Apropos Schiff: Die Yacht wirkte "in echt" noch viel größer als auf den Fotos, die wir gesehen hatten. Wir bekamen eine Führung durch verschiedene richtige Zimmer, dann legten wir ab, um Hafengebühren zu sparen. "Sonnencreme, Getränke und Crush-Eis sind die wichtigsten Dinge, die wir an Bord brauchen", ließ uns Shane wissen. Von allem sei genug da. Das Boot tuckerte mit den erlaubten 6 Knoten (etwa 11 km/h) durch einen Binnensee in Richtung Meer. Erstes Ziel sei eine Sandbank vor der Küste. Die Sonne schien, Marie machte ein glückliches Gesicht, es könnte ein toller Pfingst-Urlaub werden.

Als nächstes bekamen wir die Benutzung der sanitären Einrichtungen erklärt. Waschen und duschen sei nur mit Öko-Shampoo erlaubt, das keine Silikone und andere chemischen Zusätze enthielt, denn das Dusch- und Waschwasser werde direkt ins Meer geleitet. "Wenn das Boot eine Schaumspur hinter sich herzieht und die Polizei sieht das, wird das teuer." - Für die insgesamt drei Klos an Bord sei das etwas anders geregelt, denn seit rund 30 Jahren müssten solche Yachten mit einem Fäkaltank ausgerüstet sein. Diese Yacht habe zwei solche Tanks, einer sammle die festen Bestandteile (einschließlich Spezialklopapier), der zweite die flüssigen. Mit anderen Worten: Die Abwasser werden nach dem Häckseln gefiltert und in einen Tank gepresst. Alles Flüssige läuft dabei in einen zweiten Tank, der ab einer Entfernung von etwa 5,5 Kilometern zur Küste völlig legal ins Meer entleert werden dürfe. Wie lecker.

Was wir ebenfalls noch schnell hinzu lernten, war ein weiterer wichtiger Zweck der Reise. Neben dem allgemeinen Verlangen nach Sonnenbräune und Entspannung gab es noch den mehrheitlichen Willen zum Austausch von Körperflüssigkeiten. Ich hatte schon damit gerechnet, dass wir auf jeden Fall wegen des trotz enormer Dimensionen des Schiffs begrenzten Raums und eher dünner Wände mittelbar Zeuge sexueller Aktivitäten werden würden, dass aber die Mehrheit völlige Hemmungslosigkeit praktizieren wollte, war uns vorher selbstverständlich nicht gesagt worden. Ich bin bestimmt nicht prüde oder schamhaft und ich halte mich ganz sicher nicht für verklemmt. Auch Marie ist keine graue Maus und folgt allenfalls dem Sprichwort: "Stille Wasser sind tief."

Allerdings fühlte ich mich etwas angemacht, als eine Teilnehmerin, etwa 30, mich mit "du musst gar nicht so böse gucken" zurechtwies, als ich zugegebenermaßen verdattert realisierte, wie sie sich gerade für alle sichtbar auf dem Ledersofa vor dem Fernseher durchbügeln ließ. Komplett nackt natürlich. Marie und ich rollten nach draußen, um Shane auf der Terrasse zu treffen. Sie war immerhin noch mit einem Top bekleidet. Aber eben auch nur mit einem Top. Was soll ich sagen? Ihre Vagina sah hübsch aus, überhaupt ihr ganzer Körper war durchaus ansprechend, wenn nicht sogar sehr erotisch. Nur mussten Marie und ich erstmal neu herausfinden, ob wir unter diesen bisher unbekannten Umständen unsere nächsten Tage verbringen oder lieber wieder abreisen wollten. Marie, direkt wie sie eben sein kann, fragte Shane: "Du, sag mal, wieso ficken da eigentlich welche in der Fernseh-Ecke?" - Spontane Antwort: "Weil sie es können!"

Soso. Ob uns denn niemand gesagt hätte, was für eine Pfingsparty hier steige und falls es uns tatsächlich niemand gesagt hätte, ob wir wirklich geglaubt hätten, man starre drei Tage auf das weite Meer und meditiere. "Ähm, ja, nein", stotterte ich. Für die Frage, ob wir damit ein Problem hätten, baten sich Marie und ich noch etwas Bedenkzeit aus. "Können wir dir das in ein paar Stunden beantworten?" - "Na klar, und bedenkt bei eurer Antwort auch gleich, dass Swinging, Swapping und Gruppenaktivitäten genauso auf dem Programm stehen wie Mottopartys." - "Mottopartys?", fragte Marie erschrocken. Ich witzelte: "Hätte ich das gewusst, hätte ich mein Latex-Bodysuit mitgebracht!" - "Wir werden morgen, wenn wir die Essenspläne besprochen haben, einen kurzen Landgang in Marseille haben, weil wir noch einmal einkaufen müssen. In der Stadt gibt es einen Shop, klein aber fein, wo man das eine oder andere besorgen kann."

Ich glaube, das war in dem Moment unser kleinstes Problem. Wir mussten uns entscheiden: Entweder war das Pfingstwochenende trotz Luxus-Yacht und Bombenwetter im Mittelmeer in Kürze beendet und wir müssten ein barrierefreies Hotel finden, um es uns bis zum Rückflug irgendwo in Strandnähe gemütlich zu machen, oder wir würden das Spielchen mitspielen und einfach hoffen, dass jeder, der uns zum Sex auffordern wird, ein Nein akzeptiert. Oder vielleicht ergibt sich sogar noch eine Chance auf etwas Spaß? Solange alle die Grenzen respektieren, müssten wir nur damit leben können, dass um uns herum eine bislang unbekannte Atmosphäre herrscht. Wir zogen uns in unseren Raum zurück und kamen relativ schnell zu einer Entscheidung. Marie sagte: "Es sind genügend Frauen an Bord. Wir könnten darauf vertrauen, dass alle die Grenzen beachten. Ich würde einfach nochmal mit allen reden und ehrlich sagen, dass wir so etwas zum ersten Mal mitmachen und gespannt, aber unsicher sind. Anhand der Reaktionen merken wir dann ja, ob die anderen Rücksicht nehmen oder nicht. Und vielleicht sollten wir uns als lesbisches Paar ausgeben und im schlimmsten Fall kriegt jemand von uns Migräne."

Die gemeinsame Planungsrunde mit allen Leuten begann. Marie fasste sich ein Herz und sprach in großer Runde an, dass wir keinerlei Erfahrungen hätten und nun, wo es so weit sei, sehr aufgeregt wären. Bevor sie mehr sagen konnte, meinte ein Typ: "Jeder von uns war in seinem Leben schon ein erstes Mal dabei. Es gibt drei ganz einfache Regeln: 'Nein' heißt nein, 'weiß nicht' heißt nein, 'ja' heißt ja. Wer sich nicht dran hält und andere bedrängt, wird auf offener See ausgesetzt. Notfalls mit Rollstuhl. Ansonsten gilt: Nackt ist erlaubt, fotografieren nicht, wer irgendwo dazukommen will, muss fragen. Sowohl am Tisch oder vor dem Fernseher fragt man, ob hier noch frei sei. Ebenso, wenn man irgendwo zuschauen wolle.

Konnte ich damit leben? Schwierig aber tendenziell ja. Und Marie auch. Wir waren gespannt.

Kommentare :

ruolbu hat gesagt…

Spannend :D (... ich glaub das gilt sogar doppeldeutig)

Ja nee, wäre aber schon cool gewesen, wenn Bärbel oder Shane das mal direkt ausgesprochen hätten. Gegenüber euch die dort niemanden kennen und zuvor noch nicht dabei waren.

Ansonsten freut mich die Aussage "weiß nicht heißt auch nein". Mit Enthusiasmus dabei zu sein, ob nun aus Lust oder Neugier ist eben etwas ganz anderes als sich durch die Athmosphäre getragen zu irgendwelchen Tätigkeiten bewegen zu lassen. Ich hoffe die Tour bleibt bei dieser guten Einstellung zum Sex.
Ich freue mich jedenfalls auf die weitere Text, sind ja ettliche geworden :o

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Anonym hat gesagt…

was Du immer alles so erlebst :-)

Anonym hat gesagt…

Du schreibst "Der Hinflug machte keine größeren Probleme, mein Rollstuhl überstand den Transport im Frachtraum unbeschadet".
Kannst du ein wenig von dem Flug erzählen? Als Fußgänger kann ich mir das gerade nicht so vorstellen wie du ohne Rollstuhl im Flieger sitzt. Oder bekommt man da einen Rollstuhl der Fluggesellschaft gestellt? Wenn ja, warum?

Philipp hat gesagt…

Oh jeh oh jeh...

Du erlebst vielleicht Sachen...

Ich glaube ich hätte mich da ziemlich unwohl gefühlt.

Grüße aus Dresden

Philipp

Anonym hat gesagt…

Es ist immer wieder interessant, was du so erlebst.
Was sagt denn Bärbel dazu, dass sie euch/dir das nicht erzählt hat. Ihr scheint es ja letztes Jahr durchaus gefallen zu haben.

Anonym hat gesagt…

Eine 45m Yacht?
Das sind dann schon mal rund 50 Millionen Euro, die da irgendwann investiert worden sind....
Keine schlechte Partie.

Vio hat gesagt…

Du erlebst ja häufiger mal ungewöhnliche Dinge. Aber die Story ist so abgedreht, dass es mir richtig schwer fällt das zu glauben…

Olli hat gesagt…

Uuups.
Du toppst mal wieder alles.
Und da dachte ich, ich könnte etwas mithalten. Mit der lesbischen Assistenzärztin, die ich bein Dankbesuch (warme Worte und kalter Schein für bes. gute Behandlung einer Angehörigen) in der Notaufnahme wiedersah und die hinterher am Parkplatz zu mir meinte, ich wäre ein verdammt guter Grund, heterosexuell zu werden. Das ganze incl. beeindruckendem Austausch oraler Körperflüssigkeiten.

Jule hat gesagt…

@Vio: Keine Chance, es gibt keine Nacktfotos auf dieser Seite. :)