Sonntag, 22. Juni 2014

Toilettengang kein Menschenrecht

Ich warne vor: Das, was hier kommt, verdirbt möglicherweise den Appetit... Stell dir vor, du wachst nachts um halb vier auf, die Blase randvoll, du spürst starken Harndrang. Was machst du?

Naja, sicherlich nicht ins Bett. Unter normalen Umständen zumindest nicht. Meine Oma hat mir früher von Zeiten erzählt, in denen man einen Nachttopf neben dem Bett stehen hatte. Als die Toilette noch im Garten stand und man sonst durch den Schnee tigern müsste. Und irgendwann im Alter kommt meistens der Tag, an dem man wieder einen Topf im Zimmer stehen hat. In einem Toilettenstuhl oder ähnliches. Vielleicht zu Hause, vielleicht im Pflegeheim.

Wenn man nun sehr krank oder körperlich schwer eingeschränkt ist, aber seinen Blasenschließmuskel durchaus noch kontrollieren kann (ob nun durch aktives Anspannen oder durch Kompensation, durch die sich beispielsweise auch bei einer Querschnittlähmung eine relative Kontinenz erreichen lässt), vermittelt es durchaus eine hohe Lebensqualität, wenn man seine körperlichen Abwässer dort entsorgen kann, wo sie hingehören. Oder wohin man sie zumindest übergangsweise mit einiger Würde umfüllt.

In unserer Kultur pinkelt man überwiegend ins Klo. Es spricht sicherlich nichts dagegen, sich auch mal hinter einen Busch zu hocken oder, falls männlich, an einen Baum zu stellen. In Brasilien wird öffentlich empfohlen, beim Duschen zu strullern, um Wasser zu sparen. Und vielleicht gibt es noch die eine oder andere akzeptable Besonderheit - nur dann ist irgendwann Schluss mit dem, was man jedem zumuten kann.

Wenn ich mich entscheide, unterwegs in eine Pampers zu machen, weil das Bahnhofsklo zu widerlich ist, um es anzufassen (schließlich muss ich mich überall aufstützen), ist das ein Kompromiss, den ich bewusst eingehe. Kein schöner Kompromiss, aber einer, den ich nach gründlicher Abwägung freiwillig eingehe, um andere Freiheiten, die mir sonst mit meiner körperlichen Einschränkung nicht offen stehen, zu erreichen. Wenn ich nach einer Kneipennacht mit Pampers schlafe, weil mich meine volle Blase nicht weckt und ich mir auch nicht unbedingt zwei Mal einen Wecker stellen möchte, sondern durchschlafen kann, ist das auch meine persönliche Entscheidung. Und ja, ich kenne auch Menschen, die im Bett auf einer Zellstoffunterlage abführen, weil sie wegen ihrer Querschnittlähmung nur in seitlicher Liegeposition die Spannung aufbauen können, die der Enddarm braucht - sofern man nicht digital ausräumen will. Auch ein Kompromiss. Aber alles persönliche freie Entscheidungen.

Wenn man nun so stark körperlich eingeschränkt ist, dass man nachts nicht mehr alleine auf ein Klo, einen Topf oder einen Toilettenstuhl kommt, muss die Frage erlaubt sein, ob nachts ein Pflegedienst vorbei kommt, der die betroffene Person einmal zur Toilette bringt. Ein solcher Einsatz kostet in der Regel unter 10 €, denn dafür steht nicht jemand extra auf. Viele Menschen brauchen nachts Pflege, und sei es, dass sie umgelagert werden müssen, weil sie sich sonst wundliegen. Es gibt in jedem Pflegedienst Kräfte, die nachts unterwegs sind und von einem Patienten zum nächsten fahren. Einen Schlüssel haben, in die Wohnung kommen, denjenigen neu lagern oder ähnliches tun, und wieder wegfahren.

Eine heute 70jährige Britin aus London hat eine solche Leistung bei dem für sie zuständigen Sozialamt beantragt. Der Antrag wurde zunächst bewilligt, inzwischen aber wegen neuer Vorschriften abgelehnt. Es hieße, sie könne auch abends auf eine Zellstoffunterlage gelegt werden, und wenn sie dann nachts eine volle Blase verspürt, lässt sie es einfach laufen.

Ich will niemanden an den Pranger stellen, der das so macht. Wenn sich jemand dafür entscheidet, auf so eine Unterlage zu pinkeln und die anschließend zu entsorgen, ist das seine Sache. Ich kenne auch Leute, die sowas machen. Gerade wenn jemand sehr eingeschränkt ist, hängen manche Messlatten anders. Aber: Das muss bitte jeder selbst für sich entscheiden dürfen.

Die Frau aus London fand das entwürdigend und hat sich gegen die Entscheidung der Sozialbehörde, sie solle statt aufs Klo lieber auf eine Zellstoffunterlage pinkeln, gewehrt. Gestern hat das höchste Gericht, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, geurteilt, dass eine solche Behandlung nicht gegen die Menschenrechte verstoße. Staaten dürften Pflegebedürftigen auch gewisse Unannehmlichkeiten zumuten, um dem Steuerzahler oder der Solidargemeinschaft Geld zu sparen. Die Mittel für soziale Ausgaben seien notwendig begrenzt. Die Staaten hätten einen weiten Spielraum, wie sie diese Mittel einsetzen wollen. Zwar sei die Klägerin in ihrem Recht auf Privatleben betroffen, weil sie Inkontinenzunterlagen verwenden muss, obwohl sie gar nicht inkontinent ist. In Abwägung mit den wirtschaftlichen Interessen von Staat und Gesellschaft müsse sie ihre "sehr unglückliche Situation" aber hinnehmen. In einer demokratischen Gesellschaft seien derartige Eingriffe unvermeidbar.

Tja. Was kommt als nächstes? Rollstuhlfahrer pinkeln zu Hause in die Hosen, schließlich sieht es dort niemand?

Kommentare :

Philipp hat gesagt…

Ouch!

Das war ein Schlag in die Weichteile der Menschenwürde. Und sowas von einem Gericht das sich die MenschenWÜRDE in den Namen schreibt.

Da sollte man doch mal jeden Richter bitten sich an seine Kindheit zurück zu erinnern un zu überlegen wie das war nachts ins Bett gemacht zu haben.

Das was hier beschritten wird ist ein ganz gefährlicher Weg!

Grüße aus Dresden

Philipp

Anonym hat gesagt…

Ich halte das Urteil für richtig.

Nicht jede Unannehmlichkeit geht gegen die Menschenwürde. Deswegen ist es richtig, dass sich hier nicht Richter über demokratisch gefällte Entscheidungen hinwegsetzen. Richter sind keine Gesetzgeber!

Wer der Meinung ist, dass diese Behandlung trotzdem nicht in Ordnung ist, dass es der Gesellschaft dieses Geld wert sein muss (was sicher keine abwegige Meinung ist, im Gegenteil!) muss eben im demokratischen Prozess dafür sorgen, dass die entsprechenden Regelungen neu gefasst werden und einen solchen Fall erfassen.

Das amcht eine Demokratie aus, dass in der Diskussion entschieden wird, welche Gelder für welche Belange ausgegeben werden, wobei von der Verfassung und den Menschenrechten elementare Untergrenzen vorgegeben werden (also insbesondere das Recht auf Leben).

Sabine K. hat gesagt…

Werter Philip,

immerhin muss für ein Kleinkind/einen Säugling nicht eine Pflegekraft extra ins Haus kommen um das Kind auf die Toilette zu tragen oder ähnliches.

Das die Kosten hierfür unter 10 Euro pro Einsatz liegen wage ich bis zum Beweis des Gegenteils zu bezweifeln. Und wenn, dann macht die Menge an Betroffenen, die ja immerhin in die 1000e gehen kann eben auch "etwas" nämlich x*10000 Euro Steuergeld aus. Wenn die Dame, die ja immerhin noch so fit ist, dass sie vor Gericht gehen und Klagen kann ihr Geld besser einsetzen und einen privaten Pflegedienst engagieren will, der diesen Service (für 10 Euro pro Nacht - wirklich????) übernehmen will ist ihr und der Gesellschaft wohl besser gedient.

Und übrigens Babys und Kleinkinder schlafen auch mit Windeln und werden dann halt am nächsten Morgen frisch gemacht. Wenn es den Kindern mit ihrer Zarten Haut "zumutbar" ist so behandelt zu werden, dann ist es das bei den Senioren ebenfalls so.

Ich finde das Urteil in Ordnung so wie es ist!

Sabine K. hat gesagt…

Werter Philip,

immerhin muss für ein Kleinkind/einen Säugling nicht eine Pflegekraft extra ins Haus kommen um das Kind auf die Toilette zu tragen oder ähnliches.

Das die Kosten hierfür unter 10 Euro pro Einsatz liegen wage ich bis zum Beweis des Gegenteils zu bezweifeln. Und wenn, dann macht die Menge an Betroffenen, die ja immerhin in die 1000e gehen kann eben auch "etwas" nämlich x*10000 Euro Steuergeld aus. Wenn die Dame, die ja immerhin noch so fit ist, dass sie vor Gericht gehen und Klagen kann ihr Geld besser einsetzen und einen privaten Pflegedienst engagieren will, der diesen Service (für 10 Euro pro Nacht - wirklich????) übernehmen will ist ihr und der Gesellschaft wohl besser gedient.

Und übrigens Babys und Kleinkinder schlafen auch mit Windeln und werden dann halt am nächsten Morgen frisch gemacht. Wenn es den Kindern mit ihrer Zarten Haut "zumutbar" ist so behandelt zu werden, dann ist es das bei den Senioren ebenfalls so.

Ich finde das Urteil in Ordnung so wie es ist!

Schnuffelsocke hat gesagt…

Hmm.... BESCHEUERT!!!!

Wenn ich überlege, das ich freiwillig "Pampers" anziehe (naja, eigentlich Pants), um mich im Notfall nicht komplett umziehen zu müssen. Meine Entscheidung.

Trotzdem... Wenn ich noch unterwegs bin und mein Darm sich entleeren möchte und ich deswegen heftigste Schmerzen bekomme, kann ich meinem Darm trotzdem nicht befehlen mal in die Pampers zu machen, weil eigentlich auf's Klo gehe und erst in entsprechender Sitzposition meinen Darm entleeren kann.

Wenn ich so darüber nachdenke, komme ich zu dem Entschluss, das die Frau es wahrscheinlich ohne übermäßgen Druck auf die Blase gar nicht schaffen kann, einfach mal so auf eine Zellstoffunterlage zu pinkeln, weil sie da eine innerliche Blockade, ähnlich der meinen, haben dürfte.

Von daher.... Ja, Menschenunwürdig!!!! Gerade, wenn es eben kein Inkontinenzproblem ist, sondern ein Altersproblem oder wegen sonst einer körperlichen Einschränkung!
Das ganze sieht sicherlich auch etwas anders aus, wenn man zusätzlich noch Inkontinent ist, aber es ist trotzdem menschenunwürdig!!!!
Und unhygienisch mit Sicherheit auch... *grübel* Also ich kenne mich jetzt nicht sooo gut aus, weil ich kein Blasenproblem habe... Aber wenn man die ganze oder halbe Nacht dann in dem Zeug drin liegt, könnte ich mir vorstellen das es über kurz oder lang auch zu entsprechenden Hautproblemen kommen kann!

Anonym hat gesagt…

Liebe Sabine K.,

sicherlich schlafen Babies und Kleinkinder mit Windeln.
Wer aber glaubt, ein Baby in nasser Windel würde selig weiterschlummern, hat selbst noch keines gehabt. Und wer es schafft, ein wegen nasser Windel weinendes Kleinstkind bis zum Morgen zu ignorieren, der darf dann höchstwahrscheinlich ordentlich eincremen. Es gibt kaum etwas Aggressiveres als eine Kot-Harn-Mischung auf zarter Babyhaut.

Ein weiterer Denkfehler ist es, zu glauben, nur fitte Menschen könnten vor Gericht gehen und klagen. Ich werfe mal das Wort "Rechtsvertreter" in den Raum und überlasse die Denkarbeit dem geneigten Leser.

Salat

Anonym hat gesagt…

Nun, in England gehen die Uhren anders. Ich lebe (leider) dort und habe schon so einiges an Kämpfen hinter mir. Ich bin sehr stark gehbehindert und auch meine Hände sind nicht mehr voll gebrauchsfähig. Trotzdem "durfte" ich mehrmals für einige Zeit alle zwei Wochen zum Jobcenter gehen und Bewerbungen vorlegen obwohl ich kaum sitzen kann, mich regelmässig hinlegen muss u.ä.
Wie es hier mit Pflegediensten funktioniert weiss ich nicht, ich brauche keinen. Allerdings muss man sagen dass ich mich hier finanziell bei weitem besser stehe als in Deutschland. Hier habe ich einschliesslich Behindertengeld ca 1000 € umgerechnet, zuhause hätte ich knapp 400 € (Hartz IV) und nur mit viel Glück würde ich trotz meiner Behinderungen vielleicht Pflegestufe 1 bekommen.

Ob es dieser Londoner Lady zuzumuten ist sich nachts entsprechend zu verwindeln, sei dahin gestellt. Ich schaffe es auch manchmal nicht rechtzeitig aus dem Bett und zur Toilette zu kommen obwohl es nur ein paar Schritte sind.

Was mich immer wundert dass sich Menschen, die vollkommen ohne gesundheitliche Einschränkungen sind und daher gar nicht wissen wovon sie reden, Urteile anmassen was zuzumuten ist und was nicht. Wie Stinkesocke (Klasse Name übrigens :-) richtig anmerkt muss das jeder für sich selber entscheiden.

Übrigens... auch in Deutschland kommt der Pflegedienst nicht immer dann wenn man ihn braucht.... und Toilettengänge sind ja nun wirklich nicht planbar.

Mit Babies ist das eine besondere Sache. Ich habe drei Kinder und keines hatte je einen wunden Po oder hat die ganze Nacht geschrien wegen einer nasser Windel. Der Älteste hat sogar noch Stoffwindeln erlebt und die sind um einiges nasser als Pampas. Ich weiss ja nicht was Salat für Kinder hat.... wenn denn überhaupt welche...