Montag, 7. Juli 2014

Im Schlafanzug

Der Idiotenmagnet gehört inzwischen wohl zu mir wie ein Wahrzeichen zu einer Stadt. Vielleicht ändert sich das im Laufe der nächsten Jahre bis Jahrzehnte noch, wenn das Verständnis von "Behinderung" einen anderen Umgang mit beeinträchtigten Menschen erlaubt. Wünschenswert wäre es. Dann bliebe es mir vielleicht erspart, dass mich am Geldautomaten ein Mann um die 60 anspricht, ob ich nicht froh sei, in der heutigen Zeit zu leben, in der Behinderte auch ein Lebensrecht hätten.

Ein weiterer Magnet hat sich in den letzten Monaten herausgebildet. Ich nenne ihn mal den Blaulicht-Magneten. Vielleicht finden meine Leserinnen und Leser noch eine bessere Bezeichnung für das Phänomen, dass ich zur Zeit mindestens einmal pro Monat für jemanden einen Rettungswagen bestelle oder sogar noch umfangreicher Erste Hilfe leiste. Oder alternativ den Trachtenverein Blauweiß Hamburg (oder das Pendant meines derzeitigen Studienortes) anrufe, weil direkt vor mir jemand ein Auto aufbricht (wie letzte Woche Dienstag), jemanden auf offener Straße verprügelt (wie letzten Samstag) oder auf der Autobahn seinen kompletten Werkzeugkasten verteilt, der zusammen mit einem Winkelschleifer vom Anhänger rutscht, weil eine Klappe nicht geschlossen ist.

Man muss dazu erwähnen, dass ein guter Freund von mir mich diesbezüglich noch übertrifft. Sein Büro liegt an einer vierspurigen innerorts verlaufenden Bundesstraße. Ringsherum sind viele große Kaufhäuser, ein Einkaufszentrum, zwei große Krankenhäuser mit Maximalversorgung (also 24 Stunden Notaufnahme), eine große Polizeiwache, eine Feuerwache, eine lange Fußgängerzone, mehrere Supermärkte - kurzum: Jede Menge Leben. Wenn man dort einen Nachmittag über drei Stunden im Büro steht, fahren draußen mindestens zehn Fahrzeuge mit Sirene vorbei, mindestens einmal pro Tag kracht es auf irgendeiner der umliegenden Kreuzungen oder zahlreichen Fahrbahnverschwenkungen. Laut Statistik gab es auf dem einen Kilometer (800 Meter westlich und 200 Meter östlich) vor dem Büro im Jahr 2013 insgesamt 119 polizeilich aufgenommene Unfälle mit 234 beteiligten Personen. Nicht registriert sind natürlich Bagatell-Schäden, bei denen niemand die Polizei gerufen hat. Dieser Freund erzählt, dass er einmal pro Woche die Polizei oder den Rettungsdienst ruft, weil irgendwas los ist. Ob Fahrradfahrer, die über sich öffnende Autotüren stürzen oder Passanten mit Kreislaufproblemen - irgendwas ist immer. Die traurigen Highlights seien zwei Streithähne gewesen, die sich gegenseitig direkt vor seiner Tür mit Kraftstoff übergossen hätten. Erst ist der eine mit einem offenen Reservekanister auf den anderen zugelaufen und hat seine Kleidung damit bespritzt, dann hat ihm der andere das Ding aus der Hand genommen und ihm den Kraftstoff ins Gesicht geschüttet. Festnahmen auf offener Straße und wilde Verfolgungsjagden mit der Polizei seien an der Tagesordnung - seine Bürotür hat inzwischen einen Summer, den er nur noch betätigt, wenn er weiß, wer vor der Tür steht.

Ganz so schlimm ist es bei mir noch nicht. Dennoch endete meine Nacht heute um 5.05 Uhr, als es bei mir an der Tür Sturm klingelte. Eine Neunjährige aus dem Haus nebenan hat mich kürzlich bei einem Nachbarschaftsgrillen auf der Straße kennen gelernt und mich gefragt, ob ich noch zur Schule gehe. Ich habe ihr erzählt, dass ich studiere, was ich studiere, und meinte dann: "Das ist praktisch! Wenn du damit fertig bist, kann ich immer zu dir kommen, wenn ich mal krank bin, und muss nicht immer zu meinem Arzt, da muss man immer so weit mit dem Bus fahren und da wartet man immer so lange."

Dieses Mädel stand heute morgen im Schlafanzug vor meiner Tür: "Jule, Jule, bitte komm schnell, der Papa liegt in seinem Bett und schnauft ganz komisch. Er wacht nicht mehr auf, auch nicht wenn ich rufe!" - Ja, schon wieder. Gegen jede Statistik. Ich rollte mit nach drüben. Nach Herz oder Kreislauf sah es nicht aus, nach Atembeschwerden auch nicht, ich vermutete ein Stoffwechselproblem als Ursache für eine offensichtliche Bewusstlosigkeit. Der Rettungswagen kam, der Notarzt auch, ich kümmerte mich solange um das Mädchen. Das Mädchen durfte ins Krankenhaus mitfahren. Eingeliefert wurde er arztbegleitet mit Musik. Welches Problem er hatte, habe ich nicht erfahren, ich werde aber später mal fragen, was los war. Damit hat eine Woche gleich mal wieder dramatisch begonnen. Und damit gibt es gute Chancen, dass der Rest der Woche entspannter verläuft.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ich finde es toll, dass das Mädchen geistesgegenwärtig genug war Dich zu rufen. Vor allem ist Hoffnung da, dass zukünftige Generationen keine Berührungsängste haben.
Schade, dass Du nicht Notärztin werden kannst. Dir würde sicher nie fad werden.

Liebe Grüße

Andreas


Philipp hat gesagt…

Unter keinen Umständen darf es langweilig werden, gelle?

Eine ruhigere Restwoche und Grüße aus Dresden

Philipp

Jens Irrgang hat gesagt…

Wir haben früher an einer Brücke gewohnt die über die Autobahn geht. Dort hat meine Mutter mit schöner Regelmäßigkeit Abends und Nachts die Polizei und Feuerwehr gerufen wenn mal wieder einer an den Brückpfeilern hängen geblieben ist.

Zuerst haben wir immer noch geschaut was den Krach gemacht hat, später kannten wir das Geräusch so genau das wir nicht mehr nachschauen brauchten.

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule, das Mädel im Schlafanzug bestätigt mal wieder: Du hast nicht nur einen Idiotenmagneten, Du hast ein großes Herz am rechten Fleck und übst eine seltene Anziehungskraft auf Hilfesuchende aus!! Bist einfach eine einmalige Frau. Kompliment!

hena hat gesagt…

Vielleicht hast du gar keinen Blaulichtmagneten und bist nur aufmerksamer und mutiger als der Durchschnitt der Gesellschaft, gehts offener auf Menschen zu und wirkst vertrauenswürdig? Jemand anders hätte das Kind vielleicht gar nicht erst kennengelernt oder dem Mädchen vielleicht nachts gesagt: "Dein Papa hat bestimmt nur gesoffen, morgen gehts wieder, gute Nacht!"

ralle kümmelspalter hat gesagt…

Hey Jule :)

Hat jetzt nichts mit diesem Eintrag zu tun.

Aber ich denke, heute ist ein besonderer Tag für dich. Dein zweiter Geburtstag sozusagen.

Ich weiß nicht, wie du den Tag heute verbracht hast. Vielleicht wirst du es uns ja wissen lassen.

Ich wollte dir eben sagen, dass ich dir ein großes Kompliment machen muss für das, was du seit dem Tag X leistest. Du hast die Herausforderung angenommen und lässt dich nicht unterkriegen. Du hast gute Freunde, studierst ein sehr anspruchsvolles Fach mit guten Ergebnissen und bist sehr sportlich.

Darüber hinaus schreibst du einen wundervollen Blog und lässt uns an deinem Leben teilhaben.

Jule - bleib so, wie du bist. Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg alles Gute!

Viele Grüße vom
Kümmelspalter :)

Schafpudel-Team hat gesagt…

Wie gut das die kleine so klever war dich zu holen und nicht völlig überfordert alleine da stand. Auch wenn das für dich eine verkürzte Nacht bedeutet hat.

Mike hat gesagt…

Hallo Jule,
hast du eigentlich einen speziellen Erste-Hilfe-Kurs gemacht?
Ich hab vor ca. 12 Jahren einen ganz normalen für den Führerschein abgeschlossen und hatte da bspw. mit der stabilen Seitenlage immense Probleme, weil ich doch recht klein und schmächtig bin und auf Grund meiner Behinderung über nicht sonderlich viel Kraft im Oberkörper verfüge.
Dieses Problem hast du ja jetzt nicht (Rolli-Power :-)), aber hast du dir selbst ne Technik überlegt, wie du in dieser Situation agierst? Oder besteht das Problem nicht? Oder hat dir jemand Tipps gegeben?
Ich war in den letzten Monaten zweimal Zeuge eines Unfalls und glücklicherweise waren in beiden Fällen kompetente Helfer vor Ort, so dass ich nicht eingreifen musste. Aber sollte der Fall eintreten, dass ich in so einer Situation auf mich alleine gestellt bin, wäre ich gerne "einsatzfähig".
Irgendwelche Tipps?

vielen Dank für den Blog und alles Gute!

Gedanken eines Irren hat gesagt…

jule, wahrnehmung!

das alles war vorher auch da nur heute nimmst es wahr

stoppe hat gesagt…

yay.. ich war grad der 3m besucher :D

güzel sözler hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch zu einem spektakulären Block

Frank hat gesagt…

3 Mio Klicks... über 1000 von mir, seit ich dein Blog vor ein paar Tagen entdeckt habe und dieses mich viele Stunden gefesselt hat. Du bist klasse, mach weiter so.

ruolbu hat gesagt…

Oh gucke einer an, da sinds 3 Millionen geworden. Na herzlichen Glückwunsch dazu.

Ilse Llu hat gesagt…

Jejejeje ...

Und - spannend (be)geschrieben!

Liebe Grüße
Llu ♥

der 8. Tag hat gesagt…

Weltmeister :-)

Julia, Du hast bislang noch nie über Fußballerlebnisse jedweder Art geschrieben (oder hab ich was überlesen?)... Vielleicht ist es im Zusammenhang mit dem abgefahren spannenden Spiel von gestern so weit?!

Herzliche Grüße und alles Gute aus Rio de Janiero :-)

- Am 8. Tag schuf Gott den 1. FC Köln -

Marrce hat gesagt…

Manchmal kommt alles zusammen. Es gibt Tage da trötet fast nichts vorbei und an manchen würde ich mir am liebsten Ohrenstöpsel rein stecken, weil alle zwei Minuten großer Radau ist...