Donnerstag, 21. August 2014

Aus dem Hintergrund mit ganz viel Liebe

Es war ein schöner Tag. Ich habe selbstverständlich auch an meinem Geburtstag in der zur Zeit völlig überlasteten Praxis von Maries Mutter ausgeholfen. Ich habe Marie und ihre Eltern abends zu einem Italiener eingeladen. Das Essen war sehr lecker, aber nach dem Grillen beim Nachbarn gestern muss ich langsam aufpassen, dass ich nicht zunehme. Ein wenig Sport wäre mit Sicherheit mal wieder von Vorteil. Nein, ich würde auch mit zehn Kilogramm mehr auf den Rippen noch nicht das Idealgewicht verlassen haben und ich futter beim Grillen ja auch nicht drei Stücke Fleisch, sieben Bratwürste und eine halbe Schüssel Kartoffelsalat - aber ich vermisse mein Handbike, meinen Rennrolli und das Wasser! Ich komme in letzter Zeit kaum zum Trainieren, und dabei möchte ich so gerne noch an einem Triathlon teilnehmen in diesem Jahr.

Von Marie bekam ich zum Geburtstag außer einem dicken Kuss auch noch einen Badeanzug geschenkt. Das hat inzwischen Tradition, wir schenken uns gegenseitig Badeanzüge, von denen man, wenn man ernsthaft Schwimmtraining macht, nie genug haben kann. Und endlos halten sie ja, entgegen aller Versprechen der Hersteller, auch nicht. Von Maries Eltern bekam ich eine Umarmung und viele gute Wünsche sowie einen selbst gebackenen Kuchen mit ganz vielen Kerzen. Ich habe mich sehr darüber gefreut und mich bei ihnen mit einem Fotobuch bedankt, in dem ich einige schöne Bilder aus dem letzten Jahr zusammengestellt hatte. Endlich bin ich mal dazu gekommen.

Als Marie und ich abends ins Bett gingen und die Decken zurück schlugen, lagen dort zwei Briefumschläge. Für jeden einen. Ich wäre fast im Erdboden versunken, als ich den Umschlag öffnete. In dem Umschlag war eine Bahncard. Es handelte sich allerdings nicht um eine 25er oder 50er Bahncard, über die ich mich schon sehr gefreut hätte, sondern um eine 100er. Also eine Jahreskarte für ganz Deutschland - Preis: Rund 4.000 Euro. Was für ein Wahnsinn! Jetzt weiß ich, wofür Maries Mutter kürzlich ein Passbild von mir brauchte.

Dabei war ein Brief. In meinem Brief stand: "Liebe Jule, sie war teuer, sie hat einen hohen Wert, aber sie ist bezahlbar. Unbezahlbar und unendlich wertvoll seid Marie und Du. Es ist uns wichtig, dass Ihr niemals aus finanziellen Gründen darauf verzichtet, nach Hause zu kommen. Dass Ihr niemals mit dem Auto fahrt, wenn Ihr nach einer Woche voller Strapazen müde und abgeschlagen seid. Oder wenn Schnee und Eis die Straßen plötzlich glatt und rutschig machen und so kurzfristig keine Frühbucher-Tickets mehr zu bekommen sind. Nutzt die Stunden im Zug für gemeinsames Arbeiten, für Entspannung, Schlaf oder einen langen Blick aus dem Fenster. Wir sind immer für Euch da. Alles Liebe zu Deinem 22.!"

Ich habe Marie angeguckt, die mindestens genauso perplex war. Und dann habe ich tatsächlich an meinem Geburtstag angefangen zu weinen. Nicht wegen der Bahncard. Sondern wegen des Briefs. Es mag Leute geben, die das kitschig oder was-auch-immer finden, aber meinen Nerv haben die beiden getroffen. Eine wunderschöne Message, dass sie mich "unbezahlbar und unendlich wertvoll" finden. Dass Marie und ich niemals abwägen sollen, ob es sich "lohnt", also ob es wirtschaftlich ist, nach Hamburg zu fahren. Dass sie uns wohlbehalten zurück haben möchten. Dass sie immer für uns, also auch für mich, da sein wollen. Sehr bewegend.

Und noch etwas anderes steht in dem Text zwischen den Zeilen, denn man hätte ja auch schreiben können, dass eine Bahncard verschenkt wird, damit wir nie über Geld nachdenken müssen, wenn wir studieren wollen. Stattdessen ist es ein Angebot, jederzeit nach Hause zu kommen. Dieser Brief ist beispielhaft für ihr Verständnis, ihren Sanftmut, ihren Blick, mit dem sie Marie und mich so wie wir sind akzeptieren, und in dem, was wir tun, bestärken, nicht dreinreden, sondern immer wieder die Hand reichen, um selbst da, wo noch nichts wackelt, fest im Stuhl zu sitzen. Ohne sich dabei aufzudrängen, ohne sich vorzudrängeln. Sondern aus dem Hintergrund und mit ganz viel Liebe.

Kommentare :

Christian hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

Das Maries Eltern klasse sind, beweisen sie immer wieder.
Von ihrem Charakter brauchen wir mehr Menschen auf der Welt.

Vio hat gesagt…

Wow, das finde ich auch eine unheimlich schöne Idee!

Philipp hat gesagt…

Hallo Jule,

Alles alles gute zum Geburtstag!

Eine tolle Geschichte! Es ist schön wenn man jemanden hat der sich freut wenn man kommt.

Grüße aus Dresden

Philipp

nussundpoint hat gesagt…

Da muss ich glatt mal eine Runde mitheulen, das ist so lieb geschrieben *_*

Herzlichen Glückwunsch nachträglich auch von mir.

Anonym hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch!
Das wahre Geschenk ist doch, dass du bei Maries Eltern wieder ein Zuhause hast, Sehr berührend!

JayJay hat gesagt…

Dass dich diese Zeilen berühren, verstehe ich gut. Selbst ich als Leser bekomme da ne Gänsehaut. Maries Eltern scheinen tolle Menschen zu sein und ich freue mich, dass du bei ihnen ein Stück weit den Halt und die Geborgenheit und Anerkennung findest, die deine eigenen Eltern nicht in der Lage waren, zu geben.

Auch von mir noch alles Gute nachträglich zum Geburtstag und weiterhin ganz viel Erfolg auf deinem Weg!

Anonym hat gesagt…

Und zack, Pipi in den Augen!

Ein tolles Geschenk, ein toller Brief und tolle Ersatzeltern!

Zwiespalt hat gesagt…

Jetzt habe ich auch Tränen in den Augen. Sooo schön!

Alles Gute nachträglich zum Geburtstag! <3

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

erst mal noch nachträglich alles Gute zum Geburtstag - auch wenn es reichlich spät kommt.

Obwohl ich selbst kaum Emotionen zeige, kann ich gut verstehen, dass du in dieser Situation die Tränen nicht zurückhalten konntest.

Ich freue mich jedenfalls von ganzem Herzen für dich, dass du mit Marie und ihren Eltern eine so wundervolle "Ersatzfamilie" gefunden hast, die dich genau so ins Herz geschlossen hat, wie du nun mal bist.
Ich finde es wirklich schön, dass du dort zumindest teilweise all die Dinge bekommst, die dir deine Eltern nicht geben, bzw. geben können. - Die Nähe, die Vertrautheit und das Gefühl, irgendwo zu Hause zu sein und geliebt zu werden.

Angesichts all dieser Dinge ist das Geschenk, das in diesem Umschlag war, fast schon nebensächlich. - Auch wenn ich es schon extrem großzügig von Maries Eltern finde, euch beiden ein so großes und teures Geschenk zu machen.

Viele Grüße,
Banane

P.S. Ich werde mich wohl so langsam, aber sicher noch durch deine anderen, neueren Einträge arbeiten und den einen oder anderen Kommentar hinterlassen.
Ich bin jedenfalls froh, dass es dir im großen und ganzen gut geht. Bei der langen Pause habe ich schon befürchtet, dir wäre irgendwas zugestoßen.

Anonym hat gesagt…

Jetzt hab ich Tränen in den Augen ...

Ein schöneres Geschenk als Liebe und ein Zuhause kann es doch gar nicht geben.

Alles, alles Liebe und Gute zum Geburtstag

LG
Mechthilda

Anonym hat gesagt…

Da lieg ich auf dem Sofa und plärre was das Zeug hält... Pipi in den Augen.... So schön! Tolle Familie!

Alles Gute nachträglich und viele tolle Stunden im Zug - ohne Ärger!

BigDigger hat gesagt…

Auch von mir nachträglich alles Liebe zum Geburtstag, Du Rollkeks!

An Deiner Stelle hätte ich auch geheult, sowohl wegen des Briefes (ich denke, die Formulierung "nach Hause" bedeutet nicht nur "nach Hamburg"...) als auch wegen der Bedeutung der Bahncard. Allein der Umstand zu wissen, dass man ihnen so viel bedeutet, obwohl man sich diese vermaledeite Karte locker selbst kaufen könnte... Ich will damit nicht sagen, dass ihre Liebe für Dich in Geld aufzuwiegen ist, und auch wenn Maries Mutter Ärztin ist - trotzdem sind zwei Bahncards, die Ihr ja nicht zwingend braucht, sondern nur im Notfall, und die für die Bahn ein Riesengeschäft sein dürften, ein ganzer Batzen Geld, den man nicht einfach so mal eben raushaut.

Mein erster klarer Gedanke nach dem Flennen wäre wohl gewesen: Ihr beiden seid doch vollkommen wahnsinnig geworden...

Dennis hat gesagt…

Hi Jule,

erst Mal alles liebe nachträglich zum Geburtstags.

Das sind super schöne und herzliche Worte, die Maries Eltern dort gewählt haben. Da bleiben mir die Worte fern und es kommen Tränen.

Liebe Grüße
Dennis

Kathy hat gesagt…

erst mal Alles alles Liebe nachträglich zu deinem Geburtstag.

nach längerem nicht in dem Blog reinschauen, heute wieder mal Zeit dazu gefunden und bei diesem Eintrag tränen in den Augen bekommen.

bin immer zu nah am Wasser gebaut.

schöne Worte von dir und auch von Maries Mutti :)

intercepta hat gesagt…

Hallo Jule,
ich habe deinen Blog nun schon zwei mal rauf und runter gelesen (ist ja leider derzeit Funkstille: Heul) und ich stelle für mich fest: Dies ist wirklich der schönste Eintrag.

Das Angebot, nach Hause kommen zu dürfen, macht man wirklich nur, wenn es tiefe Liebe ist, was die Menschen verbindet. Und dafür freue ich mich für Dich. Und es zeigt was für wertvolle Menschen Maries Eltern sind.