Mittwoch, 27. August 2014

Konservative Eltern

Mit dem Versuch, einen gut aussehenden Typen abzuschleppen und mehr oder weniger direkt ins Bett zu kriegen, bin ich gescheitert. Vielleicht bin ich zu schüchtern, vielleicht zu brav, ich weiß es nicht. Spätestens, wenn er mit mir Karussell fährt, läuft es wohl allenfalls auf etwas längerfristiges und intensiveres hinaus. Schätzungsweise.

Und warum das nicht klappen wird, weiß ich inzwischen auch. Meine Behinderung. Ja, ich kann es auch langsam nicht mehr hören. Er finde mich zwar nett (inzwischen glaube ich auch, dass 'nett' die kleine Schwester von 'Scheiße' ist) und auch durchaus attraktiv, reizvoll, spannend, vielleicht sogar sexy, er sei, wie ich ganz richtig festgestellt habe, auch auf der Suche, aber er suche doch eher jemanden, dessen Leben unkomplizierter ist. Er bitte um Verständnis, dass er, wenn er den ganzen Tag Schicksale und Krankheiten sehe, er sich nicht noch nach Feierabend Gedanken darum machen möchte, wie der Rollstuhl ins Auto käme. Er müsse seinen Eltern, die sehr konservativ seien, erklären, warum er eine Rollstuhlfahrerin mit nach Hause bringe. Ausgerechnet. Sein Vater wäre sogar so drauf, dass er ihn in stiller Minute fragen würde, ob es für mehr nicht gereicht hätte. Wir könnten gerne zusammen trainieren und mal einen trinken gehen, aber mehr eben auch nicht.

Naja, also doch kein starker Mann. Einer, der seinem Vater eröffnet, dass auch er, der Vater, trotz eingeschränktem Blick auf die Gesellschaft (so möchte ich es mal vorsichtig formulieren) eine Frau gefunden hat. Einer, der meine Behinderung gerade nicht als schicksalhaft und krank und belastend sieht. Ich hätte es wissen müssen.

Es kotzt mich an. Echt jetzt. Einerseits geht es mir sehr gut. Viele Dinge, die andere Menschen mit meinen Einschränkungen nicht oder nur schlecht gebacken kriegen, machen mir keinerlei Probleme. Aber warum will offenbar niemand eine Frau im Rollstuhl? Natürlich gibt es sie, da draußen, jene Männer, die mich wollten. Aber warum begegne ich ihnen nicht? Warum passt es nie? Entweder will ich, dann will (oder kann) er nicht. Oder er will, aber ich kann es mir nicht vorstellen.

Ich sitze fest im Stuhl, ich würde nicht sagen, dass mich diese eigentlich fast schon bemitleidenswerte Äußerung aus der Bahn wirft. Aber sie macht mich wieder mal traurig und sie verletzt mich auch. Sehr.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Hi, ich denke man muss das verstehen. Es ist nunmal so, dass eine Behinderung einschränkt und somit auch für das nähere Umfeld belastend ist. Ich verstehe deinen Wunsch das eine Partnerschaft trotz Behinderung als völlig problemlos angesehen werden sollte, aber das ist nunmal nicht so. Vielleicht wird die suche einfacher, wenn man sich das eingesteht...

Philipp hat gesagt…

Nicht jeder hat die mentale Stärke um das zu bewältigen, und wenn dann auch noch Missetöne aus dem Elternhaus von hinten kommen macht es das nicht gerade leichter.

Ich wünsche dir so sehr dass du bald Mr. Right triffst!

Halt durch, das wird schon!

Grüße aus Dresden

Philipp

Tinka hat gesagt…

Ich habe weniger Verständnis für diesen Mann. Klar kann eine Behinderung einschränkend sein, aber das ist doch wohl egal, wenn man denjenigen liebt! Man stelle sich doch mal folgendes Szenario vor: Der besagte Typ findet eine gesunde Freundin, sie heiraten, irgendwann hat sie einen Unfall - und sitzt plötzlich im Rollstuhl! Sagt er dann "Oh, jetzt muss ich mir ja nach der Arbeit Gedanken machen, wie man deinen Rollstuhl ins Auto bekommt. Das ist mir zu belastend. Ich lasse mich von dir scheiden."???
Wenn er sowas sagen würde, kann man froh sein, nicht mit ihm zusammen zu sein und wenn er sowas nicht sagen würde, dann soll er sich am Anfang einer Beziehung auch nicht so anstellen und der Liebe eine Chance geben.

Jule, ich wünsche dir, dass du jemanden findest, der sich nicht von deinem Rollstuhl abschrecken lässt, sondern einfach mit einem so wunderbaren Menschen wie dir eine wunderbare Beziehung führen möchte.

JayJay hat gesagt…

Schade, dass der Funke nicht übergesprungen ist. Das Frustrierende daran ist, dass du a) natürlich nichts dafür kannst, dass du im Rollstuhl sitzt, b) immernoch ein ganz normaler Mensch bist wie jeder andere auch, das aber c) die meisten Menschen keinerlei Erfahrung im Umgang mit Behinderungen oder körperlichen eingeschränkten Menschen haben. Woher auch, das Thema Inklusion war jahrzehntelang kein Thema und schleppt sich jetzt dahin. Von daher kann ich zumindest nachvollziehen, warum die Suche so schwierig ist. Schade ist, dass hier die Barrieren zwischen Fußgänger und Rollstuhlfahrer scheinbar doch relativ groß sind. Sollte es nicht Wurst sein, wie man sich durchs Leben bewegt? Ob nun zu Fuß, mit fahrbarem Untersatz oder auf allen Vieren?

Anonym hat gesagt…

Mach dir deswegen keinen Stress. Wenn's passiert, passiert's. Und dann macht man(n) sich auch keinen Kopf drum, wie er's seinen Eltern beibringt.

Meinen Mann habe ich kennengelernt, da waren wir beide 25... heute sind wir 6 Jahre verheiratet und in der Familienplanung. Zerebralparese hin oder her. An den Punkt kommen man(n)che nur ein wenig später.

Anonym hat gesagt…

Ergänzung: zumal du dich ja auch nicht bei tetras um siehst sondern vornehmlich bei muskulösen, dritten Kerlen ;-) oder?

ednong hat gesagt…

Ach Jule,
erst einmal Danke dafür, dass nun wieder reichlich Lesestoff vorhanden ist.

Dann: erzwinge es doch nicht! Buche so etwas als Erfahrung ab, das dich weiterbringt.

Ich kann mir vorstellen, wie man in deinem Alter so denkt. Und in deiner Situation mag dich das noch besonders hart treffen.

Aber siehe es doch mal so: für dich ist (deine) Behinderung alltäglich. Für andere, auch Mediziner, nicht. Man muß sich als Fußgänger daran gewöhnen, Kompromisse eingehen - ganz besonders dann in einer Partnerschaft. Und man kann nicht mal absehen, auf was man sich alles einlassen muß. Das erzeugt sicher auch Angst.

Denn seine Angaben deute ich einfach mal so - als Ausflüchte eben. Er hat Angst vor dem "Unbekannten", das da auf ihn zukommen würde. Auf das er sich einlassen würde.

Wie gesagt - für dich ist das seit Jahren alltäglich und selbstverständlich. Für andere nicht.

Natürlich sind deine Beschreibungen über dich immer subjektiv. Ich würde dich aber für einen positiv gestimmten und netten Menschen halten (wie klingt das jetzt kitschig ;) ) - und denke von daher, dass du sicher noch Erfolg haben wirst. Und vorher halt noch einige Erfahrungen sammeln wirst.

Anonym hat gesagt…

Hallo!

Nicht traurig sein! Ich habe 37 Jahre lang auf meinen Traumprinzen gewartet. Ich habe eine nicht sichtbare (aber hörbare) Behinderung, die oft ein "Nein danke" auslöste. Zudem bin ich etwas übergewichtig, und einige Männer können leider besser gucken als denken. Dennoch: Ich habe meinen Traumprinzen gefunden. Mit viel Geduld und Lebensfreude. Auch Du wirst Deinen Prinzen finden. Mit Sicherheit!

LG

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

nach all dem, was ich von dir und über dich in diesem Blog gelesen habe, stelle ich mir dich als eine sehr sympathische, faszinierende und höchstwahrscheinlich auch nicht gerade unattraktive junge Frau vor.

Sollte das in der Realität tatsächlich auch so sein (was ich doch ganz stark vermute), würde es zumindest mich ganz sicher nicht abschrecken, dass du im Rollstuhl sitzt.

Vermutlich werden wir uns nie persönlich kennenlernen... aber ich hoffe doch zumindest, dass du bald einem anderen Mann begegnest, der sich in dich verliebt und sich dabei nicht von deinem Rollstuhl abschrecken lässt!

Viele Grüße
Banane

Anonym hat gesagt…

Ich hab mir das gedacht als er nach dem Botox für die Blase fragte....
einerseits: Schade. Ihr hättet ja nicht gleich heiraten müssen ;-)

andererseits: Maaaan, was ne Lusche. Arghl. Flachpfeife. Loser.

fujolan hat gesagt…

Ähm, auch wenns erstmal weh tut: Aber jemand, der meint, es seinem Papi rechtmachen zu müssen, der hat im Leben nicht das Format, dein Partner zu sein.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule!
Wenn ich mir so Deinen blog so durchlese, dann kommt mir so vor, dass Du bei potentiellen Partnern auch sehr aufs Aussehen schaust. Das ist ja soweit in Ordnung, aber im Gegenzug erwartest Du, dass Dein zukünftiger über Deine Behinderung hinwegsieht. Ich fürchte daraus wird kein Schuh. Du wirst auch irgendwo Abstriche machen müssen. Ist denn ein Typ mit einem kleinen Bäuchlein, oder einer Glatze, oder der ein bisschen älter ist, wirklich so schlimm. Das wichtigste ist doch, dass er sympathisch, emphatisch, intelligent und humorvoll ist. Solange Du einem Idealbild nachläufst, wird das nichts.
Kannst Du Dich erinnern, als ich meine Bedenken äußerte ob da was daraus wird, als er eher negativ auf die Windel reagierte? Nicht dass ich es "schon immer gewusst hätte", aber so eine Windel kann schon ein Liebestöter sein. Ehrlichkeit ist ja gut und schön, aber ich wäre da am Anfang etwas vorsichtiger.
Ich wage zu behaupten Mr. Right war schon da, nur Du hast ihn übersehen.

Liebe Grüße

Andreas

Anonym hat gesagt…

Ich seh' das so wie fujolan. Wenn ein erwachsener Kerl meint, dass er tatsächlich Papi als Fluchtweg im Hintergrund haben muss - sorry, dann hast du was tausendmal besseres verdient.

Und, @Andreas, das hat auch nichts mit zu hohen Ansprüchen zu tun. Ich find ne (Halb-)Glatze auch maximal unsexy.

Anonym hat gesagt…

Und Windeln sind sexy-er als ne halbglatze??? Sorry, aber das ist doch inkonsequent... Zu beidem kann man nix.

Anonym hat gesagt…

Jule -
ich glaub', wenn der Funke wirklich überspringt, dann wird auch der Rollstuhl kein Hindernis sein.

Solange er nicht überspringt, isses halt so, dass quasi "alles" ein Hindernis ist, man/ frau versucht vermutlich irgendwie auch, das Nicht-Funken zu erklären. Da kommen dann plötzlich Pickel, Halbglatze, Übergewicht, Windeln - alle möglichen Äußerlichkeiten, die ganz nebensächlich werden, wenn das Gefühl stark genug ist.

Was die Behinderung sicher erschwert, ist "Sex aus Spaß", also ohne Funken. Da haben es Leute ohne sofort sichtbares Handikap mit Sicherheit leichter, je attraktiver desto leichter.
Aber richtige Verliebtheit hindert nichts.

So wie du dich liest, bin ich auch komplett davon überzeugt, dass Mr.Right auftauchen wird.

Schön, dich zu lesen!

Anonym hat gesagt…

Das hat nichts mit dem Rollstuhl zu zun. Der Mann hatte einfach keinen Bock auf dich.
Wenn mich eine Frau interessiert, ist es vollkommen egal, ob sie im Rollstuhl sitzt, schwarze Haut hat oder vom Mars kommt.

Anonym hat gesagt…

Also bei einigem Quatsch der hier verzapft wird, muss ich jetzt doch einen Kommentar hinterlassen, nicht nur für Jule, sondern für alle die hier mitlesen und im Begriff sind unüberlegt/uninformiert loszuquatschen.

"Was die Behinderung sicher erschwert, ist "Sex aus Spaß", also ohne Funken."

Aha. Also selbst wenn Jule durch ihre Behinderung grob entstellt wäre (was auch im Auge des Betrachters liegt), was Sie nicht ist, kann Sie trotzdem (oder grade deswegen) genauso sexuell anziehend sein wie jeder nicht behinderte. Bestimmt ist Jule auch hübscher, intelligenter, aktiver, offenherziger als viele nicht behinderte Frauen. Jule, du bist komplett selbstständig, kriegst dein Rolli selbst ins auto. Das war ja offensichtlich eine Ausrede! Und Papa vorschieben für sein eigenes verklemmtes Denkmuster, oder weil er dich schlicht nicht attraktiv findet, damit er selbst nicht so schlecht dasteht, finde ich auch sehr arm. Zum Windelthema will ich auch einen Satz loswerden: Ob das sexuell abturnt oder nicht ist auch individuell. Manche finden die Vorstellung komplett eklig, als erste Abwehrreaktion, gewöhnen sich dann aber fix. Andere nehmen das einfach zur Kenntnis ohne das es die Anziehung mindert und dann gibts noch unsere Fetischisten. Ich bin Querschnittgelähmt mit Blasenproblemen, die mal stärker mal schwächer sind. Mein Freund (nicht behindert, sportlich, bei der Bundeswehr) hat keinen fetisch, aber ihn stört das auch nicht groß. Nun lässt sich schwer beurteilen obs ihn nicht stört weil er mich offensichtlich liebt oder obs ihn auch nicht stören würde, wenn wir nur ne schnelle nummer geschoben hätten. Meist passiert nix beim sex, manchmal schicke ich ihn mitten drin raus, wenn wir noch beim vorsiel sind um mich fix zu kathetern und wenn es dann doch mal passiert, stört es ihn nicht weiter. Er rennt danach auch nicht angeekelt unter die Dusche. Ich schmeiß die saugfähige Unterlage weg und wir kuscheln zusammen. ganz "normal" Meine Behinderung spielt auch sonst keine große Rolle und ich weiß dass ich ihn nicht belaste.Ich brauche keine Pfleger/in. Auch wenn Treppen, oder kaputte Aufzüge unseren Ausflug behindern oä, lässt sich immer ein Weg finden. Mir fallen auch keine großen alltäglichen Hürden ein, sosehr ich darüber auch grübel. Ich organisiere mich wie Jule selbstständig und es gibt nichts wo ich auf ihn angewiesen wäre. Und Jule du bist sogar noch sportlicher und fitter als ich. Hast sogar dein eigenes Auto und studierst Medizin. Finanziell musst du dir dank Versicherung etc erstmal keine Gedanken machen und liegst niemanden auf der Tasche. Ich will sagen: An deiner Behinderung liegt es nicht, die "Rahmenbedingungen stimmen" Da haben es andere die wirklich massiv eingeschränkt sind, auf Assistenz angewiesen, nicht arbeiten, etc schwieriger. Mach dir keinen Kopf und um Himmels Willen: Hör nicht auf Leute die dir einreden wollen, das ausgerechnet du in irgendeiner Form den Partner belastest. Barrieren sind nur im Kopf! Die müssen stückweise abgebaut werden, mit viel Humor gehts am besten.

Anonym hat gesagt…

Nochmal hierzu:Was die Behinderung sicher erschwert, ist "Sex aus Spaß", also ohne Funken. Da haben es Leute ohne sofort sichtbares Handikap mit Sicherheit leichter, je attraktiver desto leichter.
Aber richtige Verliebtheit hindert nichts.

Ich sitze im Rollstuhl, mit kompletter Querschnittlähmung, würde mich als sehr attraktiv bezeichnen, andere tun dies auch. Ich hatte in meiner Singelzeit öfter "Sex aus Spaß", meine Behinderung war kein Hinderniss. Manchmal gibts Berührungsängste. Ob man mich auch so hart ficken kann, wie ne Gesunde. Das kann ich bejahen. Und selbst die weniger attraktiven Behinderten (Wer auch immer das beurteil) haben es nicht unbedingt schwerer. Zumindest nicht die Frauen. Achja und nur weil man behindert ist muss man sich auch nicht mit weniger attraktiven Menschen "begnügen". Weil dich deine Behinderung nunmal nicht automatisch weniger attraktiv macht. Also such dir nen knackigen und verführe ihn, wenn das mal nicht klappt heißt das nichts und muss nicht auf die behinderung geschoben werden. Bei meiner wunderschönen Nachbarin, die in ihrer Freizeit modelt klappt das auch nicht immer!