Donnerstag, 28. August 2014

Stinkende Behinderte

Auch ich brauche mal Haar-Shampoo. Und was läge da näher, als in einem Supermarkt welches zu kaufen?

Ich rollte den Gang entlang, rechts von mir waren tausende Deo-Flaschen, rechts von mir waren Badezusätze, in der Mitte standen zwei Halbstarke, geschätzt auf 14 bis 15 Jahre, die jedes zweite Deo öffnen und durch die Gegend sprühen mussten. Sie fanden sich witzig. Genug Platz war vorhanden, so dass ich in größtmöglichem Bogen um die beiden herum fuhr, um möglichst schnell durch die Nebelwolke hindurch zu kommen.

Einer der beiden lief hinter mir her und sprühte mir mit den Worten "Hey, die Behinderte stinkt" irgendein Deo ins Gesicht. Ich war darauf nicht vorbereitet, bekam die Augen nicht schnell genug zu und konnte erstmal nichts mehr sehen. Ich stoppte. Es brannte wie Hölle. Ich nahm die Hände vor das Gesicht und beugte instinktiv meinen Oberkörper nach vorne. Bis dahin konnte man vielleicht noch davon ausgehen, dass das ein blöder Streich war, bei dem man übermütig etwas über das Ziel hinausgeschossen ist. Jetzt kam nur der zweite noch hinterher und sprühte mir auch noch irgendwas über den Kopf. Nicht für eine Sekunde oder zwei, sondern vermutlich die halbe Flasche. Ich bekam kaum noch Luft. Die beiden fanden das irre komisch und lachten sich kaputt.

Ich hatte noch immer die Hände vor den Augen. Das Öffnen der Augen war nicht möglich, es brannte nach wie vor wie Hölle. Jetzt begannen die beiden, mich im Stuhl durch die Gegend zu schieben. Nicht langsam, sondern mit ziemlich hoher Geschwindigkeit. Einer lachte, der andere schob mich brummend vor sich her, während er bereits im Laufschritt war. Ich musste, um nicht rauszukippen, meine Hände vom Gesicht nehmen und mich am Rahmen des Stuhls festhalten. Ich schrie wie am Spieß, er soll die Scheiße sein lassen, das sei nicht witzig. Er fand: "Doch, das ist sehr witzig, darum machen wir das ja." - Irgendwann gab er mir aus dem Laufen einen Stoß. Ich rollte frei durch irgendeinen Gang. Ich versuchte, meine Greifreifen zwischen die Finger zu bekommen und zu bremsen. In dem Moment, als ich die Hände vom Rahmen nahm, krachte ich auf irgendwas drauf. Es war aus Metall, es gab aber nach. Irgendein rollender Wagen. Sehen konnte ich nichts. Der Aufprall war relativ glimpflich, irgendwelches Verpackungsmaterial fiel über mich. Der Wagen rollte scheppernd irgendwo gegen, ich konnte mich soweit fangen, dass ich meinen Stuhl zum Stehen bekam. Nach wie vor brannten meine Augen, ich sah überhaupt nichts. Das Gelächter kam wieder dichter. Ich schrie in Panik um Hilfe. Ich überlegte, mich aus dem Stuhl fallen zu lassen, konnte aber nicht einschätzen, wohin ich fallen würde und ob man mich vielleicht tritt.

Ich hörte die Stimme einer alten Frau, die irgendwas mit "Rotzlöffeln" schrie. Noch jemand kam angelaufen, ein Mann, er rief mit starkem Akzent: "Halt den mal fest, der gehört dazu, die haben hier irgendwas mit der Rollstuhlfahrerin angestellt." - "Lass mich los, ich stech dich ab", hörte ich. Ich wusste überhaupt nicht, was da los war. Ich hörte aber, dass immer mehr Leute angelaufen kamen. Ich versuchte, blinzelnd was zu erkennen, sah aber nur einen weißen Schleier und es brannte weiterhin wie verrückt. Überhaupt nicht peinlich... Ein Mann legte eine Hand auf meine Schulter: "Sind Sie verletzt? Können Sie sagen, was passiert ist?" - "Ja, zwei Jungs haben mir Deo ins Gesicht gesprüht und mich mit vollem Schwung hier irgendwo gegen geschoben. Ich kann nichts sehen und das brennt wie Hölle. Aber es ist wohl nicht so schlimm, geht bestimmt gleich vorbei." - Der Mann brüllte durch den Laden: "Bring den Spinner mal her, der hat hier die Frau verletzt. Und ruf mal einen Krankenwagen."

Wenigstens war die Situation wieder überschaubar. "Du setzt dich da vorne hin und machst keinen Mucks, sonst brech ich dir alle Knochen. Hast du das verstanden?" - "Ja", murmelte eine bekannte Stimme kleinlaut. "Hol du mal paar Wasserflaschen her für die Frau, sie soll mal ihre Augen spülen. Und ein Handtuch oder sowas. Und gleich eine große Rolle Küchenkrepp. Aber ohne Kohlensäure!" - Irgendjemand wetzte davon. Ein älterer Mann sagte: "Dir sollte man mal ein paar vor die Fresse kloppen." - "Ja, gehen Sie weiter, das nützt doch jetzt nichts."

Jemand kam angewetzt. "Hier, Wasser." - "Nehmen Sie mal Ihren Kopf hier zur Seite, so, und dann versuchen Sie mal, die Augen offen zu halten. Ich kippe Ihnen Wasser drüber, damit die Augen gespült werden." - Die ganze Soße lief zur Hälfte in meinen Kragen und zur anderen Hälfte auf den Fußboden. Eine noch völlig unbekannte Frau kam dazu: "Was macht ihr denn hier für eine Sauerei?" - "Bring lieber mal das Küchenkrepp, die beiden Verrückten da haben der Frau Deo in die Augen gesprüht." - "Die haben hier auch Hausverbot."

Ein paar Minuten später konnte ich schon wieder sehen. Zwar immernoch wie durch einen Schleier, aber ich konnte erkennen, was los war. Einige Leute standen herum und glotzten. Zwei Sanitäter kamen herein und gaben mir eine Augenspülflasche. Kurz danach kam die Polizei. Ein Typ vom Sicherheitsdienst begrüßte die beiden Beamten mit Handschlag und erzählte: "Der hier und der da haben beide bei uns Hausverbot, waren trotzdem im Laden, haben der Rollerfahrerin hier Deo in die Augen gesprüht, so dass sie nichts mehr sehen konnte, sie dann rumgeschubst und sie am Ende in den Müllwagen gelenkt. Mein Chef und ich haben die beiden anschließend gleich festgesetzt, er hier hat gedroht, mich abzustechen." - "So, dann ihr beide mal hier ans Regal, ich werde euch nacheinander nach Waffen durchsuchen, hat jemand von euch Waffen oder gefährliche Gegenstände in der Tasche?" - Das angekündigte Messer war nicht vor Ort. Anschließend: "Und dann hätte ich gerne von allen Beteiligten mal die Ausweise. Und dann bestell uns schonmal einen zweiten Wagen, die beiden kommen mit auf die Wache. Geht die Geschädigte mit ins Krankenhaus?"

Ich wollte eigentlich nicht, aber die Sanitäter machten mich auf einen bierdeckelgroßen Blutfleck zwischen Knie und Schienbein in meiner Jeans aufmerksam. Vermutlich von der Kollision mit dem Rollcontainer. Das machte mir jetzt erstmal größere Sorgen, denn die im gelähmten Bereich vorliegenden Wundheilungsstörungen machen es wahrscheinlich, dass ich mich damit noch über Monate beschäftigen würde. Ich ließ mich also in den Krankenwagen bringen, dort zerschnitt man erstmal mein Hosenbein, legte ein steriles Tuch auf die Wunde und fuhr mich in die Klinik. Dort wurde die "Platzwunde nach stumpfem Anpralltrauma" gesäubert, ein gequetschter Wundrand versorgt und der ganze Kram immerhin genäht. Eine Augenärztin guckte sich meine Augen an, gab mir Tropfen mit, die ich in den nächsten 48 Stunden regelmäßig reinträufeln sollte. Sie meinte aber, da würde nichts nachbleiben.

Und nun? Jetzt darf ich vermutlich in einem halben Jahr zu irgendeinem Gerichtstermin, bei dem die beiden Rotzlöffel mit aller Härte verwarnt werden. Und die Staatskasse zahlt dann meine Anreise vom Studienort und die Gerichtskosten, weil die Jungs mittellos sind. Oder so ähnlich. Hurra, ich könnte mal wieder kotzen. Da gehste einmal Shampoo kaufen...

Kommentare :

Laura hat gesagt…

Nicht zu fassen, solche Vollidioten!

Anonym hat gesagt…

Ich bin gerade sprachlos vor Wut. Solche... solche... ach, einfach sprachlos! Gute Besserung Dir!
- Mai

jali hat gesagt…

Bin zwar eigentlich gegen Gewalt, aber schade, dass der Mann seine Drohung nicht war gemacht hat, dem Typ "ein Paar in die Fresse zu hauen!"

Inwieweit die beiden mit einer Verwarnung davon kommen, wird sich zeigen. Der Angriff mit dem Deo dürfte als gefährliche Körperverletzung bewertet werden (das Deospray wurde wie eine Waffe benutzt), bei so was verstehen Richter meist keinen Spaß mehr.

Ich hoffe Deinem Knie geht es inzwischen besser!

Xin hat gesagt…

Gute Besserung zu wünschen ist hoffentlich nicht mehr nötig. Das ist schon eine unglaubliche Geschichte. Das wird ja hoffentlich deutlich mehr als eine Verwarnung, aber wohl kaum mehr als eine brauchbare Zahl von Sozialstunden.

Hab Mitleid mit den beiden. Du bist den beiden Intelligenzverweigerern nur einmal begegnet, die beiden müssen ihr ganzes Leben damit klarkommen.

F.O. hat gesagt…

Hamburg halt. Ich fahre jeden Morgen mit der S 21 von B-Dorf zum Hbf und drei Mal pro Woche ist irgendwas los. Entweder ein Polizeieinsatz am oder im Zug, irgendwelche Prügeleien, einer zieht die Notbremse, einer wirft Böller im Bahnhofstunnel ... irgendwas ist immer.

Gerade heute steht in der Zeitung, dass vier Jugendliche vor meiner Haustür auf Handy-Abzock-Tour waren, mit Messern und einer scharfen Schusswaffe. Vorgestern wurde hier ein Laden überfallen ... hier ist jeden Tag highlife.

Und dann braucht man sich auch nicht wundern, wenn Kinder, alte Leute, Behinderte ständig Opfer werden, denn die meisten Täter sind feige und suchen sich die schwächsten der Gesellschaft aus.

Philipp hat gesagt…

Oh jeh oh jeh.

Ich hoffe es geht dir wieder besser und mit deinen Augen ist alles OK und dass dein Bein schnell wieder in Ordnung kommt.

Ich glaube jetzt weiss Ich warum man Shampoo mittlerweile auch bei Amazon bestellen kann.

Grüße aus Dresden

Philipp

nussundpoint hat gesagt…

Unglaublich.

JayJay hat gesagt…

Es macht mich fassungslos, das zu lesen! Ich hoffe, du hast diese unschöne Erfahrung inzwischen einigermaßen gut verarbeitet und gesundheitlich nichts zurückbehalten. Auch wenn sie dich ja leider nochmal einholen wird bei einer eventuellen Verhandlung. So eine Scheiße, echt! Ich habe in meiner Freizeit hin und wieder mit Jugendlichen zu tun, die Sozialstunden ableisten müssen. Aus unterschiedlichsten Gründen. Die meisten davon wissen sehr wohl, was sie falsch gemacht haben. Aber es kommt oft auf den Freundeskreis an, ob sie rückfällig werden oder daraus lernen. Ich wünsche dir, dass die beiden ein Einsehen haben und sich wenigstens aufrichtig entschuldigen.

Johanna hat gesagt…

Boah wie ätzend! Bei sowas könnte ich ja ausrasten... Kein bißchen Anstand und Respekt und das dann auch noch witzig finden. Hoffentlich gibt's für die Täter angemessene Konsequenzen.

Gute Besserung!

Nobody hat gesagt…

Was du hier machen kannst, liegt ja auf der Hand.
Zu Frank und Akteneinsicht beantragen. Als Nebenkläger den Fall insgesamt vorantreiben, denn wie schon geschrieben wurde. Hier sind wir im Bereich der Körperverletzung wenn nicht sogar der gefährlichen Körperverletzung.
Da bleibt es dann nicht bei einen Dudu, sondern wird schon deutlich härter Bestraft.

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

ich kann es kaum glauben, dass es Leute gibt, die sich so idiotisch verhalten und sich dabei auch noch cool vorkommen.
Hoffentlich bekommen diese Jungs einen kräftigen Denkzettel verpasst, der sie dazu bewegt, ihr Hirn und ihren Verstand einzuschalten, sofern so etwas bei ihnen überhaupt vorhanden ist.

Viele Grüße
Banane

Anonym hat gesagt…

Am Anfang vom Text dachte ich noch, dass das wieder so ein verrückter Albtraum von dir war, so unglaublich ist das. Ich fasse es nicht.

DerSilberneLöffel hat gesagt…

Irgendwie habe ich die ganze Zeit gehofft, dass Du schreibst "...und dann bin ich endlich aufgewacht...!"

LG, Holger

Lastzero hat gesagt…

Ach Du liebe Zeit! Naja, immerhin wurden sie erwischt... dachte schon, die kommen davon... doof, dass es niemand vorher bemerkt hat... vielleicht solltest Du auch ein Spray zur Verteidigung mitnehmen^^

Anonym hat gesagt…

So ging es mir auch, wann wacht Jule endlich auf! Schlagt mich, aber je linker die Politik, desto mehr Gesindel treibt sich herum, das weder Respekt kennt, noch Furcht vor Konsequenzen hat.
Die Quelle all dieses Übels ist der fehlgeleitete Wohlfahrtsstaat. Solche Typen kommen in der Regel aus bildungsfernen Familien, in denen mangelnde Schullbildung und Arbeitslosigkeit vererbt wird. Diese Jugendlichen brauchen eine Tagesstruktur. Aber sobald ein "pöser konservativer" Politiker auf die Idee kommt, dass man Dauerarbeitslose für gemeinnützige Tätigkeiten einsetzt, ist der Aufschrei gross. Dieses "Abhängen" ist die Wurzel allen übels.

Andreas

Edelnickel hat gesagt…

Oh Gott, ich habe gerade Tränen in den Augen. Wie kann man so scheiße sein?

Wie geht es dir jetzt? Was macht das Knie? Deine Augen? Und die Seele?
Wenn du darüber reden willst oder so, schreib mich einfach an. Meine Mailadresse sollte hinterlegt sein.

Gute Besserung dir!

Lastzero hat gesagt…

@Anonym: Was hat "abhängen" mit linker oder rechter Politik zu tun? Die NPD würde ich spontan auch mal als "bildungsfern" bezeichnen, insbesondere was Geschichte angeht. Ich finde es schlimm, wenn ein persönliches Ereignis wie dieses für billige Stimmungsmache missbraucht wird. Der Fokus auf persönliche Leistung führt letztendlich auch dazu, dass Menschen keine Rücksicht aufeinander nehmen: "Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht".

Olli hat gesagt…

Fassungslos.

Und das Verbot von Sprühdeos zugunsten vom Deo-Sticks kann und wird keine Lösung sein.

Dir alles Gute!

Anonym hat gesagt…

@Lastzero: Vielen Dank, die Stimme der Vernunft gegen diese billige Polemik. Jule, du tust mir echt Leid. Was für riesen Schwachköpfe! Da hat wohl die Erziehung komplett versagt.

Anonym hat gesagt…

Wer also von der gefängnislosen Gesellschaft träumt, die Opfer verhöhnt, indem gar keine oder lächerlich kurze bzw bedingte Haftstrafen ausspricht etc. macht sich mitschuldig. Und diese Art der Justizpolitik meine lieben linken Freunde, kommt aus eurer Ecke. Nicht umsonst kommen solche Übergriffe in Hamburg bis zum totprügeln von Passanten deutlich häufiger vor, als im konservativen Bayern.
Wer solchen Tätern Gnade gewährt verachtet die Opfer. Lippenbekenntnisse wie leid einem das Opfer tue bringen gar nichts. Nur konsequente und harte Bestrafung versprechen Erfolg. Mir platzt jedesmal der Kragen wenn dann die Täterversteher mit dutzenden Ausreden solche und noch schlimmere Taten rechtfertigen versuchen. Über diese lahmen Resozialisierungsversuche lachen doch die Täter. Die einzige Prävention ist arbeitslose Jugendliche von der Strasse wegzubekommen. Und wenn es bedauerlicherweise keine Arbeit gibt, dann müssen die Jugendlichen halt Arbeiten für die Kommunen erledigen. Wer eine Stütze von der Allgemeinheit erhält, hat auch die Verpflichtung etwas für die Allgemeinheit zu leisten. Ja, und die Erbringung von Leistung ist nicht Böses, sondern liegt in der Natur des Menschen. Die Abschaffung von Leistungsanreizen ist kontraproduktiv. Den Vorwurf der billigen Polemik retourniere ich gerne an die Absender. Wer die NDP in den Mund nimmt, als Gegenpol zu linker Gesellschaftspolitik hat entweder nichts verstanden, oder steht selber so weit links von der Mitte wie die NDP rechts steht.

Anonym hat gesagt…

...und wenn die arbeitslosen Jugendlichen für die Kommune arbeiten, braucht man ja keine regulären Angestellten mehr. Die kann man dann entlassen - das nutzt auf jeden Fall, denn deren Kinder sind ja auch irgendwann mal arbeitslose Jugendliche...

Notiz an mich: nicht mit Idioten diskutieren, sie ziehen dich auf ihren Level und schlagen dich dort mit Erfahrung.

Anonym hat gesagt…

Ich möchte nich auf die Politik-Diskussion eingehen sondern mal den positiven Aspekt der Geschichte hervorheben:
Es haben sich Leute eingemischt! Die Täter wurden gestellt, Jule versorgt, ein Rettungswagen und die Polizei gerufen. Eigentlcih sollte das eine Selbstverständlichekit sein, leider ist sie es noch nicht immer. Und deswegen denke ich muss man das auch sehen, auch als Zeichen gegen diese Idioten, dass sich da etliche Leute klar und offen gegen die gestellt haben.

Olli hat gesagt…

Wie hat sich die Sache inzwischen entwickelt? Gab es einen Gerichtstermin oder anderes neues?