Sonntag, 12. Oktober 2014

Barrierefrei zum Arzt

Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, sollen in den nächten Jahren erwachsene Menschen mit kognitiven oder mehrfachen Einschränkungen eine bessere ärztliche Behandlung in Deutschland bekommen. Konkret ist vorgesehen, mit einer Finanzspritze von 50 Millionen Euro eine eine ärztliche Versorgung dieser Menschen in eigens eingerichteten medizinischen Behandlungszentren aufzubauen. Die von erwachsenen Menschen mit Behinderungen speziell benötigten Gesundheitsleistungen sollen "an einem Ort und mit vertretbarem Aufwand aus einem Guss" erbracht werden. Darüber hinaus würden Ärzte bevorzugt zugelassen, die sich verpflichten, ihre Praxis barrierefrei einrichten.

Im Kinder- und Jugendbereich gibt es bereits ein flächendeckendes Netz von so genannten "sozialpädiatrischen Zentren". Irgendwann werden diese jungen Menschen aber zu alt, um zum Kinderarzt zu gehen. Oftmals fallen sie dann in ein Loch, so die Bundesregierung.

Ich kenne mich mit dem Thema nicht gut genug aus, um mir ein abschließendes Urteil bilden zu können. Grundsätzlich begrüße ich natürlich alles, was getan wird, um Barrieren und damit Behinderungen abzubauen. Allerdings finde ich, es sollte generell keine neue Praxis mehr zugelassen werden, die nicht barrierefrei ist. Ob man dem Arzt, der die Zulassung beantragt, diese Kosten aufbrummt oder ob man sie aus einem entsprechenden staatlichen Programm nimmt, will ich nicht entscheiden müssen. Auf jeden Fall werden bei staatlichen Zuschüssen auch die privat versicherten Patienten an den Kosten beteiligt.

Wie gesagt, ich bin nicht tief genug im Thema, um mitreden zu können. Ich hoffe lediglich, dass dieses Angebot ein ehrlich gemeintes Angebot ist. Ehrlich insofern, als dass nicht das eigentliche Ziel ist, die Therapiekosten von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen dadurch mittel- bis langfristig zu senken, dass Therapieformen standardisiert werden. Standardisiert wurden in den letzten Jahren zum Beispiel die Rollstuhlversorgungen bei erwachsenen Menschen. Für einen Aktivrollstuhl, der zwischen 2.500 und 4.000 Euro kostet, zahlen die meisten Krankenkassen nur noch eine Pauschale, die nicht mal den Anschaffungspreis des günstigsten Modells deckt. Was die meisten Aktivrollstuhlfahrer können, dürfte Menschen mit kognitiven Einschränkungen in den Fängen eines standardisierten Versorgungsprogramms schwer fallen: Entweder massiv draufzahlen oder argumentieren, warum man vom Standard abweicht. Ich hoffe, dass es nicht so kommen wird.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

"Im Kinder- und Jugendbereich gibt es bereits ein flächendeckendes Netz von so genannten "sozialpädiatrischen Zentren". Irgendwann werden diese jungen Menschen aber zu alt, um zum Kinderarzt zu gehen. Oftmals fallen sie dann in ein Loch, so die Bundesregierung."

Diese jungen Menschen fallen dann aber nicht zwingend in ein Loch, weil es für sie keine barrierenfrei zugänglichen Praxen gibt, sondern vor allem deswegen, weil sie von einem Arzt, der sie zum Teil seit 18 Jahren kennt, über ihr komplettes Krankheitsbild und den Krankheitsverlauf informiert ist, über möglicherweise fast zwei Jahrzehnte Behandlungen geplant und koordiniert hat und der auf (früh)kindliche Erkrankungen spezialisiert ist aus rechtlichen Gründen weggedrängt werden.

Durchschnittlich gesunde Kinder sehen ihren Arzt zu den vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen, zu den Impfungen und vielleicht hier und da mal wegen Halsentzündung, Bauchschmerzen oder wegen eines eingewachsenen Zehennagels. Da mag sich ein gewisses Vertrauensverhältnis aufbauen, aber das kann in der Regel ähnlich gut auch zu einem normalen Allgemeinmediziner neu aufgebaut werden.

Chronisch kranke oder behinderte Kinder sehen "ihren" Arzt in der Regel wesentlich häufiger. Nicht unbedingt, weil vorauszusetzen ist, dass ein Kind mit einer körperlichen Behinderung häufiger akut krank ist (dafür haben sicherlich auch viele behinderte Kinder einen regulären Kinderarzt außerhalb der Sozialpädiatrischen Zentren, nämlich den Kinderarzt um die Ecke) sondern eben für Untersuchungen, Behandlungen, Verschreibungen im direkten Bezug zur Behinderung.
Sinnvoller als die Schaffung zugänglicher Praxisräume wäre es doch vielleicht, die Weiterbehandlung eines (jungen) Erwachsenen durch den behandelnden
Facharzt zu ermöglichen. Sicher, der Arzt mag ein "Kinderarzt" sein, trotzdem ist genau dieser "Kinderarzt" der spezialist für diese angeborene oder früh erworbene Krankheit / Behinderung. Gerade gebündelt in den Sozialpädiatrischen Zentren.

Ein "Kinderorthopäde", der sich auf die Behandlung von Kindern mit CP spezialisiert hat, wird doch nicht dadurch plötzlich der falsche oder schlechtere Ansprechpartner, weil "das Kind" 18 oder 19 oder 20 wird. Er ist dann doch viel mehr genau der Mediziner, der dieses Kind mglw. seit der Geburt betreut hat, Kind & Diagnose am besten kennt und das "Kind" auch im Erwachsenenalter eigentlich am kompetentesten weiterbetreuen könnte. Klar, nicht bei jedem Schnupfen, dafür muss sicherlich die barrierefreie Infrastruktur auch innerhalb der regulären Allgemeinpraxen geschaffen werden, aber zumindest mit Betracht auf die spezifische Grunderkrankung. Ein Orthopäde, der sich mit den regulären Volkserkrankungen (a la "Isch hab Rücken" oder "Isch hab Schulter") auskennt, ist trotz der Facharztausbildung nicht zwingend Spezialist für frühkindliche Grunderkrankungen wie CP oder SB. Das sind die Ärzte, die diese Krankheitsbilder als erste sehen, die entsprechenden Kinder- und Jugendärzte. Warum bei bestehender Behinderung diesen Ärzten nicht erlauben, ihre Patienten mit diesem spezifischen Bezug auch über das Erreichen der Volljährigkeit weiterzubehandeln? Dadurch fallen diese jungen Erwachsenen doch in ein viel größeres Loch, als durch die barrierefreie Erreichbarkeit. Oder ist mein persönlicher Eindruck da total falsch?

Stephan hat gesagt…

Und wenn ich einen anderen Arzt möchte, als die, die dort praktizieren (freie Arztwahl)? Dann wird mir wieder schwer gemacht. Und "an einem Ort" ist unter anderem ein Synonym für "konzentriert". Neenee, die sollen lieber dafür sorgen, dass es genug Ärzte mit vernünftigen Praxen gibt.

Anonym hat gesagt…

Liebe Anonym vom 20.10.,12.45h!

Wann, bzw. in welchem Alter würdest Du denn dann die Grenze ziehen, ab der ein Mensch mit einer angeborenen oder frühkindlich erworbenen Einschränkung nicht mehr zu "seinem" Kinderarzt gehen sollte? Mein Empfinden ist, daß wenn die Einschränkung deutlich über das 18. Lebensjahr hinaus Auswirkungen hat, dann doch ein gegebenfalls spezialiserter Facharzt (egal welchen Geschlechts ;-)) die bessere Wahl ist. Darauf zu achten, dass die (Fach)Ärzte in den multidisziplinären Behandlungszentren entsprechend spezialisiert sind und laufend Fortbildungen besuchen, das ist meines Erachtens die Aufgabe derjenigen Stelle/Behörde, die die Verträge mit den Ärzten abschließt bzw. auch der Ärztekammer (Fortbildungen). Aber ein sagen wir mal 52jähriger beim Kinderarzt würde mich etwas befremden (selbst wenn dieser einst mit einer angeborenen Hüftdysplasie oder so auf die Welt gekommen wäre)und Kinderärzte sind dann mit beispielsweise Prostakarzinomen oder anderen Erkrankungen die typeriserweise im fortgeschrittenen Erwachsenenalter auftreten andererseits ja auch wieder überfordert.

Mfg Sabine K.

P.S. Selbst als Ärztin bzw. Medizinerin weiß ich jetzt spontan nicht was ein CP (Cerebralparese????) oder ein SB (Spina bifida?????) ist und kann nur raten (vielleicht richtig - vielleicht aber auch nicht) deshalb ist es in medizinischen Zusammenhängen wirklich hilfreich und meines Erachtens wichtig Abkürzungen weitgehend zu vermeiden weil so mancher Kardiologe unter z.B. HWI (HinterWand(Herz)Infarkt) etwas ganz anderes versteht als der Standardurologe (HWI = Harnwegsinfekt) und auch die Therapie entsprechend anders angeht ;-)