Montag, 6. Oktober 2014

Blinklicht und Chirurgie

Guten Morgen, die Uni hat mich wieder. Der Tag fing bereits so gut an, dass er nur besser werden kann. Ausgerechnet in meiner Straße standen heute morgen ein Rettungswagen und ein Notarzt-Einsatzfahrzeug. Es war dunkel, es war kalt, niemand zu sehen, nur die beiden Autos blinkten leise vor sich hin. Die standen natürlich ausgerechnet so, dass Marie und ich nicht mit unserem Auto vorbei kamen. Und ausgerechnet dreißig Minuten vor jener Veranstaltung, in der darüber entschieden wird, wer wohin ins Praktikum geht. Oder vielmehr: Wo ich als Rollstuhlfahrerin meine Wünsche äußern kann, bevor verteilt wird. Und "verteilen" könnte bedeuten, dass eben keine Rücksicht genommen wird. Das war in Hamburg anders gelöst, dort konnte man vorher schriftlich Anträge stellen. An dieser Uni gibt es einen Termin, zu dem man erscheinen, mündlich vortragen und begründen muss, warum man einen besonderen Platz haben möchte - wer nicht kommt, wird "zwangsverplant".

"Wer weiß, wie lange das jetzt hier noch dauert", murmelte Marie. Ich antwortete: "Vielleicht fünf Minuten, vielleicht auch eine Stunde. Das ist mir zu riskant. Wenden und dann sehen, dass wir da vorne ein Taxi kriegen?" - Marie nickte. Wir fuhren zurück, luden alles wieder aus und machten uns per pedes per sedis mobiles auf den Weg. Auf Höhe der noch immer blinkenden Fahrzeuge kam uns ein Nachbar im Auto entgegen, der vier Eingänge weiter wohnt. Er kam wohl aus dem Nachtdienst und pöbelte lautstark durch die Straße, ob es sein müsste, dass die hier so beknackt parken. "Zwei Meter weiter vorne und man hätte wenigstens über den Gehweg vorbeifahren können", regte er sich auf. Und sprach uns an: "Wisst ihr, wo die sind?" - Ich schüttelte den Kopf. Selbst wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es ihm bestimmt nicht erzählt. So ein bos demens Spinner. Anstatt sein Auto zwei Straßen weiter in die Parklücke zu stellen und es nach dem Ausschlafen in die Garage zu holen. Oder wie auch immer - ohne Grund wird der Krankenwagen da ja nun nicht so vornehm parken.

Mit dem Taxi haben wir es gerade so eben noch pünktlich geschafft. Marie und ich bekamen die Kurse und die Praktika, die wir haben wollten, im ersten Anlauf. Beim vorgesehenen praktischen Teil darf ich mir die Chirurgie im nächsten Halbjahr verstärkt antun. Das wird ein Spaß und fast noch lustiger als die fachbezogene Terminologie, die wir in Hamburg auch schonmal hatten. Wir satteln auf. Ick freu mir schon!

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

*g* Nein, verraten hätte ich es ihm sicherlich auch nicht und bei Notarzt und Rettungswagen hätte ich bei aller Verkehrsbehinderung sicherlich auch noch ein Auge zugedrückt...

Andererseits kann ich den Frust des Nachbarn fast ein bisschen verstehen. Wenn man von der Arbeit heim kommt (und gerade von der Nachtschicht) und es alternative Haltemöglichkeiten gegeben hätte... warum steht dann das Taxi mit Warnblicker mitten in der zweispurigen Durchfahrt, damit aber auch bitte gar niemand mehr vorbeikommt? Statt auf dem Parkplatz links von der Einfahrt, verkehrswidrig auf dem Platz vor dem Supermarkt rechts von der Einfahrt (Platz für einen halben Zirkus und auch mit Taxi noch genug Platz für Fahrrad, Rollstuhl und Zwillingskinderwagen - nebeneinander) oder fährt durch die Durchfahrt und stellt sich im Innenhof ab oder hält auf dem Taxiplatz gegenüber oder fährt zumindest in der Durchfahrt an den Rand? Fragen über Fragen.

Nur, dass ich den kleinen Gedankengang "In der Durchfahrt steh ich scheiße" von einem Taxi erwarte, von der Rettung, die keine Zeit hat, noch nach der für alle anderen Verkehrsteilnehmer angenehmsten Haltemöglichkeit zu suchen, dann doch wieder nicht.

Johanna hat gesagt…

Ich wünsch dir (und Marie!) einen guten Start ins neue Semester! Finde es immer spannend, wenn du vom Studium oder deinen Praxiserfahrungen schreibst.

Die Chirurgie ist für mich als Nicht-Medizinstudentin eine seltsame Mischung aus Faszination und Abscheu: kann mich nicht entscheiden ob ich hin- oder weggucken will. ^.^

Ich drück die Däumchen, dass die Praxiserfahrung nette Mitmenschen beinhaltet, lehrreich ist und Spaß macht.

Liebe Grüße, Johanna

Edelnickel hat gesagt…

Hey, das freut mich, dass ihr eure Wunschpraktika bekommen habt. Super. :)

Wenn ich fragen darf: wie wird das in einem OP eigentlich mit dem Rollstuhl gehandhabt? So von wegen Sterilität und Sichtfeld. Kenne das ja nur aus Arztserien, kann mir das so schlecht vorstellen.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende. :)