Sonntag, 5. Oktober 2014

Handbikes und Autos

Es passiert leider immer wieder. Ich rede schreibe von Unfällen zwischen Handbikern, insbesondere Rennbikern, und motorisierten Fahrzeugen. Gerade wieder mit tödlichen Folgen: Vorgestern wurde im Raum Siegen, das liegt rund 70 Kilometer östlich von Köln, ein 52 Jahre alter Rennbike-Fahrer von einem abbiegenden Auto erwischt. Er erlag noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen. Ein zweiter Rennbiker wich aus, stürzte und verletzte sich schwer. Die beiden befuhren innerhalb einer geschlossenen Ortschaft einen so genannten Schutzstreifen, also einen von der allgemeinen Fahrbahn durch eine durchgezogene Linie abgeteilten Radweg. Der Pkw war vor der Kollision nach links auf ein Fabrikgelände abgebogen und hatte die beiden entgegenkommenden Rennbiker dabei vermutlich übersehen.

Ich habe die beiden verunfallten Kollegen nicht persönlich gekannt. Mit welcher Geschwindigkeit die beiden auf der Straße, die an dieser Stelle bergab geht, unterwegs waren, kann ich auch nicht sagen. Beide hatten ein Fähnchen am Bike, also ein auf rund zwei Meter Höhe stehendes leuchtendrotes Flatterding an einer flexiblen Plastikstange, das den anderen Verkehrsteilnehmern signalisieren soll, dass da noch jemand auf rund einem halben Meter Höhe über der Fahrbahn schwebt. Ob sie einen Helm auf dem Kopf hatten, weiß ich auch nicht. Ob die Sonne geblendet hat, auch nicht. Ich möchte insgesamt nicht spekulieren und die Unfallauswertung der zuständigen Behörde überlassen. Ich bin nur sehr erschrocken und alarmiert angesichts der Häufigkeit dieser Unfälle. Mal wieder. Es gibt keinen aus der Szene, der nicht mindestens einen tödlich verunfallten Kollegen kennt, und der nicht mindestens von drei bis fünf zum Glück glimpflicher verlaufenen Kollisionen mit Autos weiß. Und das liegt nicht nur daran, dass die Handbike-Szene eng vernetzt ist.

Ich selbst kenne eine Handbikerin aus Hamburg, die wirklich sehr umsichtig und vorsichtig fährt. Die auch seit vielen (ich glaube 30) Jahren einen Pkw-Führerschein hat, die aber auch regelmäßig auf der Straße trainiert und dabei bereits mehrere Unfälle mit Autos hatte. Zum Glück ist nie mehr passiert als gebrochene Knochen. Der letzte Crash hat sie ein Jahr lang außer Gefecht gesetzt.

Angesichts solcher Erfahrungen lehne ich es nach wie vor strikt ab, mit meinem Rennbike auf einer öffentliche Straße im fließenden Verkehr zu fahren. Das ist mir einfach zu gefährlich. Die Leute sehen dich auch mit 20 flatternden Fähnchen und Warnweste nicht. Sie rechnen auch nicht damit, dass da jemand in der Höhe mit 20, 30 oder sogar 40 km/h angeschossen kommt. Ich muss eigentlich immer und ständig in alle Richtungen Blickkontakt haben. Und dabei kann ich eben nicht trainieren. Ich muss darauf vertrauen können, dass die Leute hinter mir und die, die meinen Weg kreuzen, mich gesehen haben. Und das kann ich einfach nicht. Von daher trainiere ich nicht im fließenden Straßenverkehr - auch wenn immer wieder behauptet wird, dass man so "nicht richtig" trainieren könne - und bin bisher zum Glück von Unfällen verschont geblieben.

Schon als Radfahrer nützt es mir nichts, wenn ich hinterher sagen kann: "Der Autofahrer hatte Schuld." - Als Rennbikefahrer (also liegend) habe ich gute Chancen, dass ich einen Crash, den ein Radfahrer noch einigermaßen glimpflich übersteht, nicht überlebe. Ich habe schon, als ich mich vor einem Jahr kritisch über das Thema äußerte, einige Dresche bezogen. Ich kann es aber trotzdem nur wiederholen und werde weiterhin an meine Kolleginnen und Kollegen appellieren: Trainiert nicht im fließenden Straßenverkehr! Auch nicht in Ermangelung einer gesicherten Trainingsstrecke.

Ich habe am Studienort auch neu überlegen und Karten studieren, viel ausprobieren müssen. Und es ist auch noch nicht alles optimal. Aber es gibt Strecken, auf denen man mit Autoverkehr kaum zu rechnen hat. Oder ihn zumindest schon von Weitem sieht, ihn nicht kreuzen muss. Und wenn doch, dann muss man an dieser Stelle eben anhalten, das Training unterbrechen und abwarten, bis entweder alles frei ist oder alle einen gesehen haben. Solange die Straßen hauptsächtlich für motorisierte zweispurige Kraftfahrzeuge ausgelegt sind, geht es meiner Meinung nach nicht anders.

Ich wünsche dem verletzten Kollegen gute Besserung und der hinterbliebenen Familie mein Beileid.

Kommentare :

Stephan Goedecke hat gesagt…

Vielleicht eine Idee für Handbike-taugliche Strecken: bahntrassenradeln.de, sind Radwege auf alten Bahnstrecken, wenig Steigung, wenig Verbindung zum Individualverkehr, war entspanntes Radfahren.

Anonym hat gesagt…

"Sie rechnen auch nicht damit, dass da jemand in der Höhe mit 20, 30 oder sogar 40 km/h angeschossen kommt."

Und genau darum bekommt mein Mann kein Liegerad! Ich weiß, er eiert drum rum und ja, die sind fescher als Erwachsenendreiräder aber *argh* Die fallen, auch mit Fähnchen, genau wie Kinderräder einfach nicht auf. Nur dass hinter Kinderrädern normalerweise irgendwo noch Mama und Papa fahren und dass Kleinkinder auf den Minirädchen einfach die Geschwindigkeit nicht erreichen. Aber ein unachtsamer Autofahrer beim Abbiegen oder beim Herausfahren aus der Ausfahrt... neenee. Danke schön.

Rosa hat gesagt…

Kann dich gut verstehen. Ich fahre nicht sportlich, sondern nur freizeitmäßig und in die Arbeit mit einem normalen Fahrrad, dadurch aber gezwungenermaßen überwiegend im Stadtverkehr, zumindest aber auf meinen normalen Wegen nur auf Radwegen und in Nebenstraßen. Und damit komme ich auf mindestens eine Vollbremsung pro Woche, weil ein Autofahrer meint, beim Rechtsabbiegen nicht nach hinten sehen zu müssen, oder weil jemand über den Radweg in eine Einfahrt einbiegt oder aus einer Nebenstraße kommt und erst nach dem Radweg schaut, ob jemand Vorfahrt hat oder oder oder...

Schnuffelsocke hat gesagt…

Ich find das schrecklich....

Aber ich hätte trotz allem eine Frage was diese Handbikes angeht... Ich versteh das momentan noch nicht so richtig.

Sind diese Handbikes jetzt ein Fahrrad (nur eben speziell für Rolli fahrer) oder ein Rennrad?

Heiko hat gesagt…

Ist in meiner Heimat (Siegen) passiert. Ernüchternd fand ich die knappe Berichterstattung in der lokalen Presse...

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,
sind nicht sportliche Veranstaltungen, wie sie auch ein Training darstellt, im öffentlichen Straßenraum nur mit Sondergenehmigung zulässig? Die öffentliche Straße ist keine Sportarena - das dürfen sich Autofahrer ständig anhören. Es wäre gut, wenn das auch mal bei den Fahrrad- oder sonstigen Bikern ankommt. So schlimm solche Unfälle auch sind, machen sie mich wütend. Denn wegen solcher "Sportler" lebe ich als Autofahrer ständig in der Gefahr, sie umzufahren. Denn wie du schon richtig sagst, man rechnet nicht mit sowas... Mein Beileid dem Biker aber wer kümmert sich um den sicher traumatisierten Autofahrer?
Wir haben hier bei uns viele kurvige Straßen die oftmals sogar vom Belag schlechter sind als die neu gebauten Radwege daneben, und trotzdem müssen ein paar Rennradler lebensmüde auf der Straße fahren statt auf dem sicheren Radweg...
Wie oft habe ich bei dir schon Blogeinträge gelesen und mir dabei gedacht "wenn doch nur alle so denken würden wie du..."
Ich wünsche dir weiterhin unfallfreie Trainings und das möglichst viele Sportler deine Geschichten lesen und beherzigen. Liebe Grüße
Micha

Anonym hat gesagt…

Schlimm, was passiert ist - mein Mitgefühl gilt der Familie. Handbiker kennen in der Regel das Risiko und gehen es trotzdem ein. Wer ambitioniert Rennen fahren will, kann nicht sinnvoll auf immer derselben abgesperrten Strecke trainieren, die womöglich noch gerade und eben ist. Man braucht Steigungen, Gefälle, Kurven etc. Zudem hat nicht jeder so einen netten "Sheriff" in der Nähe... … ;-)

@Schnuffelsocke: Einfach mal nach "Handbike" bzw. Liegebike googlen. Der Unfall ist mit einem Liegebike passiert.

René Madenmann hat gesagt…

Ich hatte Anfang des Monats außerorts mit dem PWK eine Vollbremsung hinlegen dürfen, weil ein Radfahrer nach dem entgegenkommenden Verkehr (und ohne nach hinten zu sehen) vom separaten Radweg über die Straße auf die andere Seite wechseln wollte.

Mal unabhängig von der Schuldfrage: Wenn ich mit Tempo 100 ankomme und auf ein Fahrrad treffe, dann ist das schlimmste, was mir passieren könnte, dass ich das Steuer verreisse und gegen ein stabiles Hindernis fahre. Für den Radfahrer sähe es weniger gut aus, sodass ich Jules Haltung unterstütze.

(Ende meiner Geschichte: Ich habe ihn um vielleicht 10 cm verfehlt und hatte die nächsten Minuten ganz viel Adrenalin im Blut.)

Anonym hat gesagt…

Vielleicht sollte der gute Micha, Schreiber des Kommentars vom 9.10., 0.12 Uhr mal beginnen, mit Radfahrern zu rechnen, dann geht von ihm auch nicht mehr die Gefahr aus, von der er spricht...
Ich selbst bin sowohl Autofahrerin wie auch Handbikerin und werbe doch sehr für mehr gegenseitige Toleranz.
Als Autofahrerin z. B. ärgere ich mich auch oft über die Verkehrsregeln missachtende Radler. Eine Truppe gut organsierter Rennradler auf der Straße hingegen stört mich nicht im Geringsten. Ich breche mir auch keinen Zacken aus der nicht vorhandenen Krone, wenn ich mal eine Weile mit 30 km/h hinter ihnen her "schleiche", wenn da gerade Gegenverkehr kommt.
Mit dem Handbike nutze ich überwiegend die Straße (allerdings meist Straßen, auf denen mir in 15 Minuten oft nicht mehr als 3-5 Autos begegnen.)
Radwege meide ich aus folgenden Gründen meist:
1. Sie sind oft verdreckt, löchrig, extrem uneben durch Baumwurzeln etc. (Gerade in Kombination mit etwas Nässe ist die Brille in kurzer Zeit so gesprenkelt, dass man nichts mehr sieht, denn das Vorderrad schleudert einem den ganzen Dreck ins Gesicht.) Schön sind auch Scherben, die gern mal 4 Wochen oder länger auf Radwegen herumliegen. Rad nach Hause schieben ist als Handbiker aber nicht und flicken wesentlich komplizierter als als Radfahrer...
2. Radwege werden gelegentlich durch die ach so rücksichtsvollen Autofahrer zugeparkt. Ein Radfahrer passt oft noch vorbei, ein Handbiker meist nicht. Einfach mal so ausweichen klappt m. d. Handbike aber leider bauartbedingt oft nicht, es heißt dann mühsam zurückrollen, bis zur nächsten Gelegenheit - und ein Handbike hat keinen Rückwärtsgang...
3. Radwege sind oft so schmal, dass ein Überholen von langsam spazierenfahrenden Radlern nicht ohne weiteres funktioniert.
4. Radwege sind entweder von vornherein als kombinierte Geh- u. Radwege konzipiert oder werden von Fußgängern (gern auch mit Hund, Kind u. Kegel) "missbraucht". Wenn ich da mit 30 km/h heranrausche, würde ich das für keine Seite als "sicher" bezeichnen. Da ich aber nicht spazierenfahren, sondern trainieren will, nutze ich die Straße. Wo soll ich es bitte sonst tun? Keinen Sport mehr machen?
Ein gut ausgebauter, breiter, wenig genutzter Radweg ist natürlich ein Traum, aber so gut wie nie vorhanden.
Aber wie gesagt: Mit ein bisschen mehr gegenseitiger Toleranz könnte man sicher einiges besser machen, oder?

FryBoyter hat gesagt…

Hallo,

bin selbst Handbiker (allerdings mit einem Hase Kettwiesel. Also eher Mountainbike und halb sitzende, aber trotzdem tiefere Position beim Fahren) sei ein paar Jahren. Bisher ist es noch zu keiner wirklich brenzlichen Situation mit anderen Verkehrsteilnehmern gekommen. Und das obwohl ich ohne Fahne am Handbike und auch nicht im Schritttempo durch die Gegend gurke. Hoffen wir mal, dass da so bleibt. Lediglich ein normaler Fahrradfahrer ist mir mal nach einer Kurve hinten drauf geknallt. Mit dem Ergebnis, dass sein Vorderrad im Eimer war. Bei mir nicht mal ein Kratzer. :D