Mittwoch, 15. Oktober 2014

Kein Schrank und zwei Löwen

"Meinst du, wir sollten für heute Abend vielleicht noch ein Regal kaufen?", fragte mich Marie und spielte dabei eindeutig auf Jörn an. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: "Meinst du, er kommt heute nochmal?" - "Könnte sein. Vermutlich wieder in unserem Badezimmer, wie letzte und vorletzte Woche. Und dann geht er schlafen." - Ich grinste und sagte: "Ich finde, wir sollten ihn mal drauf ansprechen." - "Beide?" fragte Marie. "Immerhin hat er letzte Woche eine Hand auf meine Hüfte gelegt." - "Echt?! Krass!" - "Auf deine bestimmt auch, nur du merkst das ja nicht." - "Oarrr Marie, du bist so fies! Willst du was von ihm?" - "Eine Partnerschaft auf jeden Fall nicht. Dafür ist er mir auf die Dauer zu anstrengend. Glaube ich." - "Nee, eine Partnerschaft kann ich mir irgendwie auch nicht so richtig vorstellen. Aber ich glaube, das weiß er auch. Also Spaß? Nichts Ernstes, so wie ich es zuletzt eigentlich wollte?" - Marie sagte: "Ich glaube, er genießt es einfach, Hahn im Korb zu sein und seine vermutlich allerersten Erfahrungen zu machen. Mit 20 kann man sich auch schonmal dranwagen. Und ich glaube, er wird heute wieder an der Tür bimmeln und seiner Mutter was vom Schränke aufbauen erzählen."

Seine Sache. Es kam wie vorhergesagt. Es klingelte an der Tür, ich ließ ihn rein. Wir hatten eine selbst belegte Pizza im Ofen und während wir mampften und small talkten, nutzte ich den Überraschungsmoment aus, um von meiner eigenen Unsicherheit abzulenken und fragte ihn direkt: "Sag mal, findest du das eigentlich ideal, wenn du uns jetzt jedes Mal über eine Stunde heiß machst und dann plötzlich abhaust und schlafen gehst? Beziehungsweise dich vorher nochmal zehn Minuten heimlich im Bad einschließt?" - Er verschluckte sich fast. Und wurde dunkelrot. Marie setzte noch einen drauf, grinste in sich hinein und murmelte leise: "Erwischt!"

Er war total verunsichert, wusste nicht, was er sagen sollte. Irgendwie süß. Er sollte sich aber nicht unwohl fühlen, darum löste ich die Situation schnellstmöglich wieder auf: "Bleib doch bei uns. Nächstes Mal." - Jörn war allerdings völlig aus der Fassung gefallen. Er sagte nichts mehr, aß nichts mehr und guckte mit leerem Blick in die Gegend. Oh nein, was hatte ich da angestellt? Konnte ich ahnen, dass das jetzt für ihn so eine große Sache war? Ich fragte ihn: "Ist dir das jetzt peinlich oder was? Habe ich dich verletzt?" - Er guckte mich an und kämpfte offensichtlich mit den Tränen. Er sagte: "Nein, nein, alles gut. Ich wusste nur nicht... ich hatte gedacht..."

Marie sagte: "Es merkt niemand? Na komm, für wie naiv hältst du uns? Sowas rieche ich doch zehn Meter gegen den Wind!" - Ich verkniff mir ein Lachen über die gewollt oder ungewollt plastische Darstellung, denn ich wollte Jörn nicht noch weiter verunsichern. Ich sagte: "Du musst dich wohlfühlen. Hier soll nichts passieren, was du nicht möchtest. Aber ich würde mir wünschen, dass du ein wenig mehr zu dir selbst stehst."

Jörn sagte: "Ich bin gerade so verunsichert. Ihr seid beide irgendwie so völlig anders. So unkompliziert. So lieb. So stark. So toll. So brav, aber gleichzeitig eben auch ein wenig ungezogen." - Ich runzelte meine Stirn. Er redete einfach weiter. "So verständnisvoll. Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, ich bin so glücklich bei euch. Obwohl wir uns kaum kennen und auch ohne dass wir viel miteinander reden. Als Jule mir den Bauch gestreichelt hat, war ich wie elektrisiert. Anschließend habe ich mir gewünscht, sie würde ... da unten." - Er flüsterte fast. "Und dann hat sie es einfach so getan, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Das war so schön. Ihr seid so lieb zu mir."

Ich hielt es für fair, ihm zu sagen: "Ich will ganz ehrlich sein, Jörn. Ich glaube nicht, dass aus uns eine partnerschaftliche Beziehung werden kann. Ich glaube, dass wir ein bißchen Spaß haben können. Schränke aufbauen, vielleicht mal Fahrrad und Handbike fahren, zusammen was kochen, wir könnten vielleicht auch mal gemeinsam in die Therme oder so - und ansonsten halt mal den einen oder anderen Videoabend. Mit Massage oder ohne, am Bauch, am Rücken oder bei Lust und Bedarf auch ein büschen dazwüschen. Aber viel mehr wird nicht daraus werden, das glaube ich nicht."

Er stützte sein Kinn auf seine Hand, überlegte einen Moment und antwortete dann: "Vielleicht ist das so auch am besten. Wir kennen uns, wie gesagt, kaum. Für eine Partnerschaft müsste man sich ja erstmal richtig gut kennen. Spaß finde ich gut. Als Mann sowieso. Und sollte sich aus dem Spaß doch noch mehr ergeben, können wir ja nochmal neu darüber nachdenken. Zumindest müssen wir uns dann nichts vormachen, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass wir partnerschaftlich nicht zusammenpassen." - "Das würde ich auch nicht tun", erwiderte ich. Jörn fragte: "Sag mal, Jule, hast du eigentlich einen Freund?" - Ich musste innerlich grinsen und schüttelte den Kopf. Er guckte Marie an: "Du?" - Marie grinste und schüttelte ebenfalls den Kopf. Jörn sagte: "Ich auch nicht."

Ach. Er hatte sich wieder gefangen. Inzwischen saß ihm der Schalk im Nacken. Er grinste und fragte mich: "Und wohin soll ich nun deiner Meinung nach nun beim nächsten Mal kommen?" - Ich überlegte einen Moment, wie ernst das gemeint sein könnte und erwiderte dann: "Keine Ahnung, von mir aus in die Bettdecke. Ist Maries." - Marie: "Hallo?! Benehmt euch mal, ja? Ich will erstmal einen Aids-Test sehen, bevor hier irgendjemand mein Bett besudelt." - Jörn fragte: "Führungszeugnis auch?" - "Ja. Und das Bonusheft vom Zahnarzt. Aber mal im Ernst: Aidstest fände ich nicht so verkehrt."

Ich auch nicht. Was mich ein wenig nachdenklich macht: Vor Jahren bin ich gefragt worden, ob ich mir einen Dreier vorstellen könnte. Damals habe ich kategorisch "Nein" gesagt. Inzwischen würde ich nicht kategorisch "Ja" sagen, ich will nichts von Marie. Ich weiß auch nicht, ob es mit Jörn jemals zu mehr kommen wird als ein bißchen rumfummeln unter der Bettdecke. Aber irgendwie möchte ich dennoch gerade nicht ausschließen, dass Marie und ich zu zweit auch dann ein gutes Team sein könnten, wenn es darum geht, jemanden ein wenig zu verwöhnen. Wie gesagt, ohne dabei was von Marie zu wollen. Vielleicht nimmt mir das auch im Moment nur meine Angst, wegen meiner Behinderung nicht attraktiv oder nicht leistungsfähig genug zu sein, ich weiß es nicht. Und ich möchte auch gar nicht so intensiv darüber nachdenken. Sondern lieber spielerisch die Welt entdecken...

Es gibt den erheblich überwiegenden Teil der Menschheit, bei dem möchte ich nicht in der Nähe sein, wenn mehr läuft als Händchen halten und knutschen. Weder mit mir in der Zeugenrolle noch umgekehrt. Bei ganz wenigen Leuten wäre es mir egal, wenn sie es mitbekommen würden oder wenn ich es mitbekommen würde. Marie wäre eine von diesen wenigen Leuten. Ich glaube allerdings, dass funktioniert nur, wenn man sich nicht in Konkurrenz sieht. Wie, wenn zwei Löwinnen von einem Stück Fleisch essen und beide sich von vornherein einig sind, dass niemand dem anderen etwas wegfuttert.

Wir haben uns heute abend nach dem Essen wieder voneinander verabschiedet. Es hat sich einfach so ergeben. Ohne Schrank, ohne Video. Alle waren glücklich. Zum Abschied hat er uns beiden einen Kuss auf die Wange gegeben. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

Kommentare :

Philipp hat gesagt…

Das wird wieder einen Shitstorm geben, so wie du da schreibst.

Aber jetzt hast du deine Kommentare ja in (hoffentlich) vertrauensvolle Hände delegiert.

Ich wünsche euch dreien alles gute und lasst euch von der Dunkelheit der anderen nicht euer Licht zerstören!

Das wird schon!

Grüße aus Dresden

Philipp

Olli hat gesagt…

Ja, Du bist ein Goldstück. Für Jörn - und alle, die hier im Blog teilhaben dürfen.
Marie natürlich auch.
Die Pechklumpen sind dann, da wird ein Meinungsspalt ggf. durch ganz Bloggerland gehen, die Shitstormer.

Alles nur, dafür aber eindeutig, meine Meinung für die ich eintrete.

Und ja, so ein ganz klein wenig Neid in mir auf Jörn taucht schonmal auf - aber nur, um gleich wieder zu verschwinden.

Evelindi hat gesagt…

Genießt es, diejenigen, die rummeckern, haben keine Ahnung oder sind einfach nur verklemmt. ;-)

Anonym hat gesagt…

Hauptsache ihr habt alle Spaß dabei und fühlt euch wohl - das ist zumindest mein Motto.

Auf viele nette Videoabende. Da fällt mir ein, bei mir wärs auch mal wieder Zeit für einen....Videoabend. ;)

Anonym hat gesagt…

Nun ja, die Beschreibung provoziert aber auch Kritik.

Ich war nicht dabei, ich kenne ihn nicht und kann mir daher nur auf Grund deiner letztlich dann doch dürftigen Beschreibung ein Bild machen (dürftig, weil für eine genaue Beschreibung wohl rund 200 Seiten notwendig wären...).

Und dieses Bild verwirrt mich. Er hat anders reagiert, als ich das so erwartet hätte. Aber ich glaube weiterhin, dass es nicht die feine Art ist, ihn mit zwei Mädels zu überfallen.

Dreh es mal um, zwei Jungs, die ein unerfahrenes Mädchen im gemeinsamen Bett bearbeiten... Natürlich kann sich das Mädchen wehren. Natürlich ist es kein Kindesmissbrauch (wie kommt man bitte auf diese Schiene?!) aber trotzdem wäre einem da wohl unwohl.

Genau so unwohl ist es mir hier. Ich werfe euch da gar keine bösen Gedanken vor, nur: Du hast mehr Selbstbewusstsein und Sicherheit dadurch, dass ihr zu zweit seid. Das ist aber die Sicherheit und das Selbstbewusstsein, dass er verliert, da er euch allein gegenüber steht.

Deswegen hätte ich es besser gefunden, wenn dieses doch deutliche Gespräch nicht in Anwesenheit von Marie stattgefunden hätte.

Aber gut, das musst du wissen und verantworten.

Gut finde ich aber die Ehrlichkeit, klar und offen dazu zu stehen, was er sich von euch erhoffen kann - und was nicht.

Anonym hat gesagt…

Was wird das? Friends with benefits? ;) Nix, was ich mir für mein Leben vorstellen könnte, aber hey... wenn's für euch so okay ist, seid ihr doch alle drei erwachsene Menschen, die wissen müssen, was sie tun.

Habt nur ein Auge drauf, dass ihr Jörn nicht verletzt am Ende. Meistens geht's ja doch immer, bis am Ende wieder wer heult. Und ihr wollt euch doch in zehn Jahren auch alle noch selbst (und vielleicht auch euch gegenseitig) noch in die Augen schauen können.

moritz hat gesagt…

Hallo Jule, habe mich grade fast bepisst vor Lachen, über Deinen Satz "Sag mal, findest du das eigentlich ideal..." etc.

Klasse, wie ihr drei miteinander umgeht, Eure Lockerheit und Unbefangenheit ist echt beneidenswert, und ich verstehe überhaupt nicht, welche Bedenken man haben sollte, wenn es drei Erwachsenen so gut geht.

ruolbu hat gesagt…

Ich glaube, was mich an der Ganzen Sache so irritiert, ist dass einfach wesentlich mehr notwendig ist, eine intime Situation wirklich begreifen zu können, als ein, zwei Texte. Wie Anonym also passend gesagt hat, ich hab nur ein dürftiges Bild.

Und dürftig bedeute nunmal, dass es Interpretationsspielraum gibt. Was bedeutet, dass ich mir ähnliche, aber doch ganz grundverschiedene Szenarien ausmalen kann, wie euer Miteinander nun wirklich ist. Und während manche dieser Vorstellungen völlig problemloses, sexuelles Ausprobieren erwachsener Menschen für mich darstellt, hab ich auch andere plausible Szenarien im Kopf, bei denen ich viel Unverständis empfinde.

Irgendwie raffe ich nicht ganz welchen Grad an Intimität und Offenheit ihr wirklich habt. Intimität ist wunderbar, viel und mehr Intimität finde ich persönlich wunderbarer. Und ich finde, dass die Offenheit dem nicht zu sehr hinterherhinken sollte. Darum finde ich's toll zu lesen, dass ihr darüber redet und frage mich gleichzeitig wie ihr scheinbar schon zweimal irgendwas unter der Bettdecke getrieben habt und eigentlich eindeutige Signale sendet, aber noch keine Unterhaltung dazu geführt habt. Zugegeben das dritte Treffen ist alles andere als zu spät, um sich mal zu underhalten. Ich hätte nur mit was anderem gerechnet. Mir ergibt sich schlicht kein stimmiges Bild und darum bin ich verwirt und kann das alles nicht einschätzen.

Wie gesagt: "dürftig".

ednong hat gesagt…

Also ehrlich,
alle Beteiligten sind volljährig, aufgeklärt und sollten einschätzen können, was sie tun. Wenn man das objektiv betrachtet: Warum sollte es einen Shitstorm geben?

Den gibt es nur, wenn man unüberlegt mitmacht. Albern so etwas. Nervend. Zeitraubend. Sollten diese Leute ihre Zeit lieber in sinnvolle Dinge investieren ...

Ich finde es klasse, wie offen ihr beide damit umgeht. Und wie offen du darüber schreibst. Die Erfahrungen am Anfang sind doch meist am schönsten ...

Frank hat gesagt…

Die Frage die viele hier sicher interessiert,hat er auch bei dir und/oder Marie Hand angelegt und wie würdest du darauf reagieren.

Was würdest du antworten wenn er dich fragt,ob du mit ihm ins Bett gehen würdest?

Ansonsten sind alle volljährig und damit ist das auch ok.