Samstag, 25. Oktober 2014

So ein Tag

Heute war mal wieder so ein Tag von der besonderen Sorte. Eigentlich ging es gestern schon los, als ich vor dem Aufzug im Bahnhof stand und ein Reisender, Rentenalter, mit rollendem Aktenkoffer, polierten Lackschuhen und schwarzem Schirm mich ungefragt dumm von der Seite zulaberte: "Ich hatte mal eine Bekannte im Rollstuhl, die konnte auch nichts alleine." - Leider hatte ich meine Stöpsel nicht im Ohr. Taub stellen? Der Typ gaffte mich von der Seite an. Ich spürte seinen Blick. Die Kabinentür des Aufzugs öffnete sich. Ich dachte mir so: 'Wenn der mich jetzt anfasst, um mich dort hinein zu schieben, fängt er sich eine. Nein, Jule, beruhige dich, das kannst du nicht machen.' - Ich deutete auf die Tür: "Bitteschön, ich warte noch." - "Nicht mit?" - "Ich warte. Und das kann ich sogar schon alleine." - "Nun sei mal nicht gleich so zickig, du weißt doch wohl genau, wie das gemeint war. Also mach hier keinen Zirkus und steig ein." - Ich drehte mich weg, nahm mein Handy in die Hand und checkte meine Mails. Er sagte: "Na dann eben nicht, dann musst du eben in deinem Selbstmitleid ertrinken."

'Mein Selbstmitleid, wie du es nennst, krieg ich schneller runter als du in den Aufzug kommst. Und bevor die Tür zu ist, schmeiß ich dir noch die leere Flasche hinterher', dachte ich mir leise. Ich sah vor meinem inneren Auge meine Psychotherapeutin sich grinsend die Hände reiben. Der Aufzug kam von oben wieder runter, ein Mann stand drin, blieb beim Aussteigen in der Tür stehen. "Warten Sie, ich halte Ihnen die Tür auf!" - Ich erwiderte: "Wenn Sie in der Tür stehen, komme ich aber nicht an Ihnen vorbei. Kommen Sie einfach raus, das geht schon." - "Meinen Sie?" - "Ja." - Er kam nach draußen, um direkt vor der Kabinentür, sich halb um die Ecke wickelnd, stehen zu bleiben und einen ausgestreckten Arm in die Lichtschranke zu halten. Dabei musste ich mit meinem Kopf unter seinem langen Mantel hindurchtauchen. "Geht es so?" - "Ja, danke", seufzte ich.

Heute morgen habe ich das Einkaufen übernommen. Auf meiner Liste standen jene Reste, die Maries Mutter gestern nicht bekommen hatte. Ich fuhr mit dem Auto, alle Behindertenparkplätze waren belegt. Eine Frau stand an der geöffneten Tür eines Fahrzeugs, das auf einem solchen Parkplatz stand. Ich öffnete das Fenster auf der Beifahrerseite: "Entschuldigung, fahren Sie weg?" - "Das ist ein Behindertenparkplatz!" - "Ja genau, fahren Sie weg?" - "Ich habe gesagt: Das ist ein Behindertenparkplatz!" - Okay. Ich nahm meinen Parkausweis in die Hand, hielt ihr den sichtbar hin und versuchte es ein drittes Mal: "Schauen Sie mal bitte. Fahren Sie weg?" - Ich bekam zum dritten Mal die Antwort: "Das ist ein Behindertenparkplatz!" - Ich gab auf. Ich fuhr auf die andere Seite einer Hauptstraße, durch das dortige Wohngebiet. Dort waren auch zwei Behindertenplätze. Beide waren belegt, beide von Autos, in denen kein Ausweis auslag. Ein "normaler" Parkplatz wurde gerade frei. Ich stellte mich rückwärts in die Parklücke. Rückwärts, weil der Parkplatz am rechten Rand eines Fünferblocks war und ich so die Garantie hatte, dass bei der Rückkehr nicht jemand neben der Fahrertür stehen würde. Ausweis in die Windschutzscheibe - ansonsten hätte ich ein Ticket lösen müssen.

Als ich wieder zurück kam, auf dem Schoß eine große Klappkiste mit dem Einkauf, hatte doch tatsächlich jemand auf dem Gehweg neben meiner Fahrertür geparkt. Sich quasi so zwischen Fahrradständer und Blumenbeet gequetscht, dass alle Fußgänger über die Fahrbahn laufen mussten und ich selbst dann nicht mehr ins Auto gekommen wäre, wenn ich ohne Rollstuhl unterwegs gewesen wäre. Man hatte, um in die Lücke zu gelangen, sogar meinen Außenspiegel angeklappt. 'Immerhin nicht abgefahren', dachte ich mir. Ich verstaute meinen Korb im Kofferraum. Ich rollte um die Fahrzeuge herum und sah an meinem Scheibenwischer einen Zettel. Nee, oder? Doch angeditscht? Nein, eine Knolle. Parken ohne Parkschein, Sie erhalten demnächst Post. Unglaublich. Allerdings, der Uhrzeit nach konnte die Überwachungskraft noch nicht weit weg sein. Ich rollte in eine Position mit besserer Übersicht und sah eine weiße Mütze in einiger Entfernung. Auf in den Kampf.

"Entschuldigung, ich habe hier gerade einen Zettel an meinem Scheibenwischer entdeckt. Kann es sein, dass Sie etwas übersehen haben? In meiner Windschutzscheibe liegt eine Ausnahmegenehmigung aus, dass ich keinen Parkschein lösen muss." - "Was?!", erwiderte der Mann entsetzt. - "Na, ich bin Rollstuhlfahrerin, wie Sie sehen, und ich habe eine Ausnahmegenehmigung, dass ich an Parkscheinautomaten ohne Gebühr und ohne zeitliche Begrenzung parken darf." - "Die lag nicht aus." - "Aber sicher lag die aus!", sagte ich mit meinem hübschesten Lächeln. - "Die haben Sie eben hingelegt." - "Also hören Sie mal, die Unterstellung ist aber jetzt ein wenig frech, finden Sie nicht? Denken Sie, ich hab das nötig?" - "Denken Sie, ich habe es nötig, falsche Tickets auszustellen? Sehen Sie. Aber Sie bekommen ja noch eine Anhörung, da können Sie das ja aufschreiben." - "Kommen Sie doch bitte einmal mit zurück. Dann werden Sie sehen, dass ich den da gar nicht nachträglich reingelegt haben kann. Ich bin nämlich komplett eingeparkt worden und kriege keine Tür mehr auf." - Er guckte mich mit prüfendem Blick an und sagte dann: "Ich komme da gleich hin. Ich schreibe den hier noch kurz zu Ende."

Zwei Minuten später standen wir vor meinem Auto. Es war offensichtlich, dass ich höchstens durch den Kofferraum hätte einsteigen können. Und dass ich das nicht gemacht habe, glaubte er mir endlich. Er guckte in die Windschutzscheibe: "Ach da liegt ja der Ausweis! Den müssen Sie ein wenig deutlicher nach oben schieben, so sieht man den kaum, vor allem, wenn der hier so dicht dran steht und man gar nicht dazwischen kommt! Geben Sie her, ich buche das aus, die Sache hat sich für Sie erledigt." - "Könnten Sie einen Abschlepper bestellen?" - "Für den da?" - "Ja, ich komme nicht mehr in mein Auto. Und das liegt nicht daran, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Da würde niemand mehr reinkommen." - "Naja, da müsste ich ein paar Fotos machen. Moment." - Er funkte seine Zentrale an. Der Mann mit der weißen Mütze verschwand, der Abschlepper kam relativ schnell, aber dann: "Das tut mir leid, junge Frau. Wenn ich den wegziehe, ballert der dabei gegen Ihr Auto. Die Vorderräder sind voll eingeschlagen, da müssten wir einen Kran holen. Ich könnte aber den anderen hier wegziehen und umsetzen. Dann müssten Sie das allerdings bezahlen." - "Kosten?" - "Bei Ihnen würde ich einen Sonderpreis machen, 79 Euro." - "Interessant, kommt aber sowieso nicht in die Tüte." - "Wieso?" - "Na, ich erteile Ihnen ja keine Aufträge, fremde Autos umzusetzen. Oder?" - "Ja, dann kommt der Kollege mit dem Kran, das kann aber ein bis zwei Stunden dauern." - "Dann rufe ich jetzt bei der Polizei an und erkläre denen, dass der Auftrag erst in zwei Stunden erledigt werden kann, ob sie eventuell einen anderen Abschleppunternehmer schicken. Es ist kalt, es fängt an zu regnen..."

Nach zehn Minuten war der Kollege (vom selben Unternehmen) mit dem Kran da. Geht doch. Kaum war das Auto angebunden, kam dessen Besitzer an. "Halt, was machen Sie da mit meinem Auto?" - "Wir haben einen Abschleppauftrag von der Stadt. Sie stehen hier auf dem Gehweg und alle Fußgänger müssen über die Fahrbahn." - "Aber da schleppt man doch nicht gleich ab!" - "Das müssen Sie mit der Stadt klären. Wir haben den Auftrag." - "Okay, was kostet es?" - Der Sonderpreis war hier gleich doppelt so hoch, immerhin hatte man nicht nur die Anfahrt, sondern auch noch Vorbereitungen zum Abschleppen getroffen. Wahnsinn.

Als ich endlich wieder bei Marie zu Hause ankam, stellte ich fest, dass ein eigentlich noch drei Wochen haltbares Lebensmittel bereits verdorben war. Ich ärgerte mich darüber, dass ich das im Supermarkt nicht gesehen hatte, obwohl ich eigentlich sehr genau hinschaue. Und dann hatte ich noch ein wichtiges Teil vergessen, obwohl ich mir sicher war, es im Einkaufskorb gehabt zu haben. Vielleicht war es an der Kasse auf dem Laufband in einen anderen Einkauf gerutscht, denn auf dem Bon stand es nicht. Und wenn jetzt noch jemand behauptet, meine Bauchschmerzen wären psychogen, gibt es Kloppe...

Kommentare :

ruolbu hat gesagt…

Diese Beiträge frustrieren, belehren und unterhalten gleichermaßen. Nur doof, dass du sicherlich nicht unterhalten bist und auch keine Belehrung mehr benötigst. Da bleibt dann nur Frust. Mein Beileid zum Kontakt zu solchen Menschen.

Kannst du mir das mit der Polizei erklären? Inwiefern hat ein Anruf von dir jetzt dafür sorgen können, dass der Auftrag in 10 Minuten und nicht 100 erfüllt wird?

Philipp hat gesagt…

Oh jeh! Es gibt manchmal solche Tage, das kenn Ich.

Hake es ab und vergiss es. Wenn man sich darüber grämt wird es auch nicht besser.

Grüße aus Dresden

Philipp

Anonym hat gesagt…

Ich weiß nicht wen ich unsymphatischer finde. Die Frau mit dem begrenzten aktiven Wortschatz oder den der ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen parkt.

Seitdem ich deinen Blog lese fällt mir auf wie oft sich Leute, ohne Berechtigung, auf Behindertenparkplätze stellen. Und wie gedankenlos das offenbar geschieht.

Anonym hat gesagt…

Wenn du mal approbiert bist, solltest du unbedingt Hausärztin auf dem Land werden. Ich behaupte, dort ist die Deppendichte bei weitem nicht so hoch wie in der Stadt!

Graugrüngelb hat gesagt…

Ja, zuparken ist irgendwie ein tolles Hobby, hab ich den Eindruck.

Ich kenne es (mit behindertem Kind) so: Alle Behindertenparkplätze in der Nähe der Therapeutin belegt, zum Glück wird ein normaler Parkplatz frei - ganz rechts. Also dahin und Parkausweis rein. Als ich eine Stunde später mit Kind im Rolli zurück komme, steht rechts auf dem Gehweg einer in ca. 25 cm Abstand. Links ist etwas mehr Platz, es reicht immerhin, um mich mit schwerem und schlaffem Kind dazwischen zu quetschen und die Schiebetür zu öffnen. Kind irgendwie ins Auto "werfen", dann ums Auto rum, mich dazwischen quetschen, Kind in den Kindersitz (hinten rechts) zerren, anschnallen, Rolli in Kofferraum und los.

Spaß geht irgendwie anders.

ThorstenV hat gesagt…

Doing things the jule way hat sich eigentlich wiedermal ganz gut bewährt.

Aber

"... vor allem, wenn der hier so dicht dran steht und man gar nicht dazwischen kommt!"

Ach was. Statt einer Entschuldigung, oder wie?

Sowas liest man besonders gerne, wenn man weiß, wie, wenn es vor Gericht kommt, immer der "zuverlässige Beamte glaubhaft versichert" dass er alles ganz genau gesehen hat und sicherlich bei jedem noch so zugeparkten Auto bis an die Windschutzscheibe rangeturned ist und er auch gar keinen Zeitdruck hatte, seine Schicht fertig zu kriegen.

Eine Dashcam die das Amaturenbrett filmt wär vielleicht 'ner Lösung.

ThorstenV hat gesagt…

@ ruolbu "Inwiefern hat ein Anruf von dir jetzt dafür sorgen können, dass der Auftrag in 10 Minuten und nicht 100 erfüllt wird?"

Von einem Anruf steht da nix.

Darf ich einen Tipp abgeben? Es hat damit nicht das Geringste zu tun. Aufgrund des Hinweises auf einen möglichen Anruf hat man nochmal nachgesehen und es hat sich herausgestellt, dass da in der Firma etwas verwechselt wurde und selbstverständlich sofort ein Kran zur Verfügung steht, wenn die Stadt einen braucht. Es war eine rein zufällige Verwechslung, die rein zufällig durch das nochmalige Nachsehen aufgrund des Hinweises aufgedeckt wurde. Also ein seltenes Zusammentreffen zweier Zufälle. Normal kommt sowas natürlich nie vor, weil schon solche Verwechslungen normal nie passieren. Aber manchmal, alle 1000 Jahre einmal, machen Menschen eben Fehler. Kann man nix gegen machen.

Jule macht ja auch Fehler. Z.B. hat sie diesen Beitrag jetzt versehentlich unter der Kategorie Abzocke eingeordnet. Muss ein Irrtum sein. Ist ja sonst ganz unerklärlich, nech?