Mittwoch, 29. Oktober 2014

Unbequeme Freunde

Ich hatte gestern erneut Kontakt mit Gerd. Jenem 51 Jahre alten Patienten, der vor einigen Wochen einen schweren Verkehrsunfall hatte, und der letzte Woche völlig desorientiert war. Ich bin im Rahmen einer schriftlichen Hausarbeit von meinem Professor darauf hingewiesen worden, dass zwingend auch einige allgemeine Befunde mit erhoben und aufgeschrieben werden müssen. Er wurde beinahe etwas böse: "Das haben Sie ja nun schon etliche Male gemacht und wissen es daher. Warum werden Sie da jetzt nachlässig?"

"Ich bin da keineswegs nachlässig", widersprach ich und sagte, dass ich jüngst in meinem Praktikum gelernt hätte, dass jene Beobachtungen, die ich keiner chirurgischen Diagnose zuordnen konnte, nichts in der Chirurgie zu suchen hätten. Da hatte ich ja was gesagt. Ich beschrieb die Verwirrtheit des Patienten, sagte, dass ich es für ein Delir (Durchgangssyndrom) halten würde, mir aber gesagt wurde, dass mich das nicht zu interessieren hätte. Das sei Aufgabe des Psychiaters, nicht des Chirurgen. Ich wusste, dass ich damit provoziere. Ich wusste aber auch, dass ich es nicht hinnehmen werde, dass mich ein anleitender Arzt erst fünf Minuten mit einem desorientierten Patienten rumlabern und dann dumm stehen lässt.

Ich bekomme meine Informationen, wenn ich sie denn für das Studium brauche, im Zweifel auch anderswo. Aber kann ich mir denn sicher sein, dass der Patient die Behandlung bekommt, die er braucht? Ein Delir, das zwei Wochen nach dem Koma noch besteht, bedarf einer Behandlung, so habe ich es gelernt. Wenn das inzwischen überholt ist oder es Ausnahmen gibt, dann möchte ich das auch lernen! Ansonsten interessiert mich wenigstens, ob er behandelt wird.

Ich bin seit heute auf einer anderen chirurgischen Station. In einem anderen Krankenhaus. Offiziell, weil es Probleme wegen des Rollstuhls im OP gibt. Kapazitätsprobleme. Man bedauert das. Die Patientenakte von Gerd durfte ich nicht noch einmal einsehen. Aber verabschiedet habe ich mich von ihm, er war übrigens völlig wach und orientiert. Und ich habe auch seine Tochter kennenlernen dürfen, die sich bei mir bedankt hat.

Wie gesagt, seit heute findet mein Praktikumstag auf einer anderen chirurgischen Station statt. Mein Professor hat mich noch einmal zur Seite genommen: "Das hat keine disziplinarischen Gründe, dass Sie jetzt woanders sind. Sachlich haben Sie alles richtig gemacht. Ich rate Ihnen nur ... nein, ich rate Ihnen nichts. Sie gehen manchmal einen schwierigen, unbequemen Weg. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit chronischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen häufig die schwierigen Wege gehen. Damit werden Sie sich nicht immer nur Freunde machen."

Ich antwortete: "Das ist mir bewusst. Ich bin mir aber sicher, dass nicht alle Menschen einen großen Bogen um mich machen werden. Es gibt Menschen, die mögen unbequeme Freunde." - Streckt er mir doch die Hand aus...

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Das ist dieses typische Deutsch:
"Das hat keine disziplinarischen Gründe, dass Sie jetzt woanders sind."

Vulgo: "Es hat disziplinarische Gründe, dass Sie jetzt woanders sind. Einer Praktikantin steht es nicht zu, sich über das Wohlergehen von Patienten Gedanken zu machen - wenn wir die auch noch behandeln, kostet das viel zu viel Geld!"

Das ist so diese "Ich bin ja kein Nazi, aber... Ausländer raus! Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!"-Logik. Sarrazin-Sprech, übertragen auf den klinischen Ausbildungsbetrieb.

Xin hat gesagt…

*hand ausstreck*

Bekannte sind bequem. Freunde sind ehrlich und Ehrlichkeit ist Verantwortung und Verantwortung ist unbequem.

Philipp hat gesagt…

Es kommt einem in den letzten Jahren, vielleicht auch dank Fallpauschalensystem, immer wieder so vor als würde die weisse Zunft immer mehr und mehr das Interesse am Patienten verlieren und nur noch schauen wo es was zu schnibbeln gibt, was auch bezahlt wird. Tja, so ist das nunmal eben.

Grüße aus Dresden

Philipp

Anonym hat gesagt…

@ Phillip
das ist eine Unterstellung, die ich zurück weise. ABER: richtig ist, dass gerade in der Unfallchirurgie in Deutschland Vieles was konsverativ behandelt werden kann, operiert wird. Also ganz konkret: wenn man sich in Österreich einen einfachen Knochenbruch zuzieht wird mit dem guten alten Gips konservativ behandelt. So ein Gipsverband mag zwar lästig sein, aber nach 4 Wochen kommt er in der Regel runter, und der Unterarm zB ist wieder wie neu. In Deutschland wird sofort operiert. Man erspart sich auch nicht immer einen Stützverband, man hat eine Narkose, den Wundschmerz, und irgendwann muss das Zeugs wieder raus. Da wird in good old Germany zuviel operiert. Wobei ich den Operateuren nichts Böses unterstelle, aber die denken, dass der Patient rascher wieder mobil und arbeitsfähig wird. Und bei einem Schienbeinbruch ist das sicher indiziert. Wer möchte schon 8 Wochen mit einem Gipsverband der von der Leiste bis zu den Zehenspitzen geht, herumhumpeln. Das wird auch in Österreich operiert. Aber in D werden auch Kleinigkeiten operiert, das ist sicher nicht immer indiziert.
Aber gier zu unterstellen ist hart.

Anonym hat gesagt…

Na siehste Jule, und die Menschen, die hinter die Fassade schauen können oder wollen und die sich auch gerne mit manchmal unbequemen "schwierigen" Menschen auseinandersetzen wollen, die gibt es überall - mindestens so häufig wie die stumpfsinnigen "Germany´s Next Topmodel" ... SeherInnnen.

Dein Professor gefällt mir !!