Sonntag, 19. Oktober 2014

Wie einst die Inklusion entstand

Ich habe heute schon wieder dazugelernt. Ich weiß, man lernt täglich dazu. Manchmal nur ein wenig, manchmal auch ein wenig mehr, wie zuletzt bei den Nebenwirkungen von Midazolam. Der Brocken ist noch nicht mal seit einer Woche in meinem Kopf, da kommt schon ein neuer, noch größerer Brocken durch die Pipeline. Langsam wird es selbst mir unheimlich.

Ich habe dazugelernt, wie in Deutschland der Begriff "Inklusion" entstanden ist!

Und zwar nicht im Soziologie-Kurs. Da kam Inklusion tatsächlich dran, allerdings war der Kurs schon im vorklinischen Teil des Studiums, und der liegt schon etwas länger zurück. Nein, beim Stöbern im Internet stolperte ich über ein aktuelles Interview mit einem hochrangigen Funktionär des deutschen Behindertensports. Aber der Reihe nach.

Ich hatte bis eben geglaubt, Inklusion und Exklusion sind zwei zentrale Begriffe aus der Soziologie, mit denen beschrieben wird, wie Menschen zusammenleben. In einer bedeutenden wissenschaftlichen Theorie aus den 1990er-Jahren gliedert sich das gesellschaftliche Zusammenleben in diverse, von einander abgegrenzte Bereiche. Menschen sind kein eigener Baustein dieser Bereiche, sondern nehmen je nach individuellen Bedürfnissen an ihnen teil. Diese Teilnahme an einem dieser Bereiche nennt man "Inklusion". Eine wesentliche Aussage dieser Theorie ist, dass eine "Inklusion" in einen Bereich nur möglich ist, wenn die Teilhabe an einem anderen Bereich aufgegeben wird (Exklusion).

Unser Proff hatte das mal ganz oberflächlich beschrieben mit den Worten: "Sie können nicht im Operationssaal mal eben Ihre Posaune rausholen und während einer Gallenstein-OP ein Liedchen blasen. Raus aus der Medizin, rein in die Musik! Und beim anschließenden Gottesdienst nehmen Sie die Tröte lieber auch nicht in die Hand, es sei denn, Sie sind gefragtes Mitglied des Orchesters und wollen die Veranstaltung musikalisch untermalen. Dann sind Sie aber eben vorwiegend aus musikalischen Gründen dort, nicht so sehr aus religiösen. Ansonsten: Raus aus der Musik, rein in die Religion!"

In der neueren soziologischen Forschung und insbesondere in der aktuellen Politik und der Sozialarbeit wird der Begriff "Inklusion" zunehmend verwendet, um vollständige gesellschaftliche Teilhabe, also gelungene gesellschaftliche Solidarität zu beschreiben. Diese neue Verwendung steht im deutlichen Widerspruch zu der ursprünglichen Theorie, nach der eine Inklusion einer einzelnen Person in alle (Teil-) Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ja eben überhaupt nicht möglich ist. Auf jeden Fall nicht zeitgleich.

In aktuellen Forschungen versucht man, herauszufinden, warum Menschen unterschiedliche Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Im Bezug auf Menschen mit Beeinträchtigungen spricht man in der Politik seit 2009 von einer Behinderung, wenn das Wechselspiel von Barrieren der Umwelt und einer persönlichen Beeinträchtigung die gesellschaftliche Teilhabe erschwert oder (in Bereichen) unmöglich macht. Das müssen ausdrücklich nicht immer nur bauliche Barrieren sein.

Die Forderung nach der Inklusion aller Menschen (genauer eigentlich nach der Möglichkeit der Inklusion aller Menschen) bedeutet für mich auch, Barrieren abzubauen, die der Möglichkeit der Inklusion eines Menschen in einen gesellschaftlichen Bereich im Wege stehen. Das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention zur gleichberechtigten Teilhabe aller Menschen am Leben in der Gesellschaft und die sich aus der Unterzeichnung Deutschlands ergebende politische Forderung nach der Möglichkeit der Inklusion der Menschen in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ist aber eindeutig mehr, als als (privilegiertes) Mitglied einer Gesellschaft einem Menschen "Zutritt zum Club" zu verschaffen. Ich verschließe mich dabei jedoch keineswegs der Ansicht, zur Inklusion gehöre auch das Einladen, das Zugänglichmachen eines gesellschaftlichen Bereichs durch die bereits dort Teilnehmenden.

Wenn der Inhalt der UN-Konvention in der gesellschaftspolitischen Debatte jedoch zunehmend auf das Wort "Inklusion" subsumiert wird, muss Inklusion mehr sein, als der Bau von Aufzügen und allenfalls halbherzige Versuche, ein Schulsystem neu zu ordnen. Ich bekomme zumehmend den Eindruck, wesentliche Grundsätze wie Selbstbestimmung, Nichtdifferenzierung, Nichtdiskriminierung sind oftmals gar nicht so recht verstanden oder zumindest nicht verinnerlicht worden. Ich habe auch den Eindruck, sie kommen nur sehr schleppend in der Gesellschaft an und fallen auch in der täglichen Debatte und im täglichen Leben zunehmend wieder hinten runter.

Vielleicht verstehe ich ja das Papier grundlegend und permanent falsch - was ich natürlich auch niemals ausschließen kann - und meine Sichtweise ist Asche. Aber wenn, wie gesagt, das ganze Papier auf den Begriff "Inklusion" subsumiert wird, dann muss "Inklusion" auch zwingend die Selbstbestimmung durch den einzelnen Menschen beinhalten. Und damit gehört zur "Inklusion" immer zwingend etwas, was nur der einzelne beeinträchtigte Mensch selbst, also aus eigenem Willen und eigenem Antrieb, veranstalten kann. Entsprechend ist das Beseitigen einer Stufe dann zwar ein wesentlicher und wichtiger Beitrag, der Inklusion möglich macht - Inklusion betreibt der Stufenbeseitiger damit aber eben noch nicht. Und erst recht dann nicht, wenn er stattdessen eine Horde Rollstuhlfahrer in einen Kinosaal trägt. Das ist zwar nett, aber allenfalls Integration. Inklusion ist, wenn die Tür aufgeht und der Rollstuhlfahrer kurz vor seinem Platz noch einmal umdreht, weil noch Werbung läuft und er das meist dreieckig geformte Maismehl-Salzgebäck mit Käsesoße vergessen hat.

Ich sage nicht, dass ich die Dienste eines Menschen, der mich in den Saal trägt, nicht schätze. Aber ich möchte selbst entscheiden, ob ich getragen werden möchte (oder lieber zu Hause bleibe), ich möchte rechtzeitig wissen, dass mich jemand auf den Arm nimmt, und ich möchte schon gar nicht, dass das jemand "Inklusion" nennt. Schon gar nicht dann, wenn eben "Inklusion" stellvertretend für alle Bemühungen steht, die gesellschaftlichen Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen umzusetzen. Und es geht eben auch nicht, dass ein "Träger" mit seinen freundlichen Diensten möglicherweise noch für ein inklusives Kino wirbt und vielleicht noch öffentliche Zuschüsse abgreift.

Das Beispiel mit dem Träger war in Bezug auf die öffentlichen Zuschüsse natürlich überspitzt. Aber ich glaube, dafür umso deutlicher. Zurück zu dem, was ich heute dazugelernt habe: Wie in Deutschland der (sozialpolitische) Begriff "Inklusion" entstanden ist. Nämlich durch ein Missverständnis.

"Damals, als die UN-Behindertenrechtskonvention das Licht der Welt erblickte, war in der Originalversion von 'inclusion' die Rede. Das Problem in Deutschland war, dass dieses Wort hier keine Entsprechung hatte. Man sagte bis dato 'Integration' [oder] auch 'Teilhabe'. 'Integration' ist im englischsprachigen Raum aber für das Migrationsthema reserviert. Also hat man im Deutschen einfach das 'c' durch ein 'k' ersetzt und den Begriff 'Inklusion' geboren, der angeblich für eine neue Philosophie steht und ein etwas weiterreichendes Ziel meint als 'Integration'."

Aha. Hm. Da haben wir in unserer Sprache einen neuen Begriff für eine alte Sache erschaffen, weil in einer anderen Sprache unser Begriff etwas anderes bedeutete. Kommt sowas häufiger vor?

Ich habe keine Ahnung. Ehrlich. Aber wie sich der Begriff durchgesetzt hat, das weiß ich nun auch, das habe ich nämlich heute auch gleich dazu gelernt: "Die UN-Behindertenrechtskonvention hat in Deutschland ja Gesetzescharakter, dem kann sich der [Behindertensport] natürlich nicht entziehen."

Nochmal: Hm. Da kommt ein Gesetzestext daher und ändert die sprachlichen Gewohnheiten! Das finde ich faszinierend. Eine Gesellschaft, in der viele Menschen Raub und Einbruchdiebstahl nicht auseinander halten können, gewöhnt sich innerhalb von fünf Jahren komplett an einen neuen Begriff, den ein gesetzesähnlicher Text aufgrund eines Missverständnisses vorgibt! Könnte das was mit dem sensiblen Thema "Behinderung" an sich zu tun haben?

Ich weiß es nicht. Ich habe mir die erste deutsche (bis heute verbindliche) Fassung der UN-Konvention mal angesehen. In dem Text kommt nicht ein einziges Mal das Wort "Inklusion" oder "inklusiv" vor. Jetzt bin ich doch ein wenig verwirrt und auch überfragt. Ich gebe auf, packe alle Texte zur Seite und werde mich jetzt bei wolkenlosem Himmel und 17 Grad noch etwas sportlich betätigen und zusammen mit Marie noch eine große Runde mit dem Handbike drehen. Einfach nicht so viel nachdenken, sondern "machen".

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Mr. Spock hätte gesagt: "Faszinierend."

"Inklusion ist, wenn die Tür aufgeht und der Rollstuhlfahrer kurz vor seinem Platz noch einmal umdreht, weil noch Werbung läuft und er das meist dreieckig geformte Maismehl-Salzgebäck mit Käsesoße vergessen hat."

Ja, das deckt sich mit dem, wie auch ich den Begriff verstehe: Als Beseitigung von Barrieren, die mit Behinderung einhergehen, und zwar so, dass der/die/das Betroffene die freie Entscheidung hat.

Nun ist das Beispiel, das Du gewählt hast, ein sehr gutes, weil es das Grundproblem verdeutlicht. In dem Kontext bedeutet Inklusion ja auch, dass der Kinobesuch für eine/n Rollifahrer/in nicht an der Belegung der Rolliplätze scheitern darf. Wenn es drei Rolliplätze gibt und es will eine vierte Person mit Rädern unterm Hintern ins Kino, wäre ihr der Besuch verwehrt, selbst wenn die restlichen Kinositze nur zur Hälfte belegt wären.

Dem gegenüber stehen wiederum auch wirtschaftliche Erwägungen. Würde man ein Kino so barrierefrei machen, dass es gar keine Rolliplätze gäbe, sondern solche, die sowohl von Gehern als auch Rollern besetzt werden könnten, dann kostet das eine Menge Geld: Einerseits für die variable Konstruktion der Sitze (natürlich müsste auch gewährleistet sein, dass der/die Rollifahrer/in auf jedem beliebigen Platz sitzen und von dort aus auch während der Vorstellung zum Klo käme), zum anderen für die verminderte Kapazität. Wenn aber die Kinokarte so teuer wird, dass es sich kaum jemand leisten kann, und ganz besonders finanziell schlecht aufgestellte Rollifahrer/innen, dann geht das Ziel der Inklusion auch wieder in die Hose - spätestens mit der Pleite des Kinos. Dann können weder Gängige noch Rollende da rein.

- weiter: Teil 2 -

BigDigger hat gesagt…

- Teil 2 -

Wie löst man das Problem?

Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung. Ich weiß es wirklich nicht. In dem Beispiel, das ja tatsächlich nur beispielhaft für viele Inklusionsfragestellungen steht, läuft es auf eine Art Grenzziehung hinaus: Wo ist die Benachteiligung von Menschen mit Behinderung eine Sache mangelnden Inklusionswillens, und wo ist sie eine Begleiterscheinung der Behinderung, mit der man sich als Betroffene/r abfinden muss?

Am deutlichsten ist wohl ein populäres Bild. Es ist beispielsweise nicht denkbar, dass ein/e Rollifahrer/in an einem im Rahmen der Nicht-Behinderten-Verbände an einem Fußballspiel teilnimmt. Ist es noch Fußball, wenn ein Rollifahrer den Ball mit der Fußstütze führt? Wie soll er damit einen Pass oder gar einen Torschuss produzieren, geschweige denn eine Flanke oder einen Abstoß? Vom Verletzungsrisiko beiderseits abgesehen - man stelle sich mal vor, ein Geher würde einen Rollifahrer abgrätschen...

In dem Punkt wird das Handicap zum Limit, das für alle verständlich ist, für Geher wie für Rollende. Das ist aufgrund der Konstruktion noch einfach nachvollziehbar. Das Kino ist dagegen sehr viel komplexer. Darf man einen Rollifahrer abweisen, weil alle Rolliplätze belegt sind? Ist es verwerflich, nicht mehr Rolliplätze eingebaut zu haben bzw. einen entsprechenden Umbau zu unterlassen, wenn das Ereignis, dass die Nachfrage die vorhandenen Rolliplätze übersteigt, so selten eintritt, dass eine Umwandlung von regulären Sitzplätzen in Rolliplätze einschließlich der nötigen Umbaukosten unwirtschaftlich wäre? Ist dann das Handicap, durch die Behinderung keinen geeigneten Platz mehr zu bekommen, ein Limit, das mit der Behinderung einhergeht, oder eine unterlassene Maßnahme der Inklusion? Ist das Anbieten der Umsetzung auf einen regulären Platz, was ja eine Einschränkung der Mobilität und sonstwas bedeutet, aber auch die Möglichkeit, den Film zu sehen, ein Kompromiss im Sinne des Inklusionsgedankens oder wiederum eine nicht hinnehmbare Erschwernis?

Wie gesagt: Ich habe darauf keine Antwort. Ich kann diese Fragen auch nicht beantworten - ganz einfach weil ich mir nicht anzumaßen wage, darüber zu urteilen, wie sich Menschen mit Behinderung in verschiedenen Situationen zu fühlen haben.

Gibt es überhaupt eine Lösung?
Ich glaube nicht. Ich glaube nicht, dass Inklusion final zu schaffen ist. Man kann es anstreben, aber nicht erreichen. Möglich ist nur eine möglichst detaillierte Annäherung. Danach zu streben, ist wahrscheinlich das einzige realistische Ziel - so deprimierend das ist...

Jule hat gesagt…

Ich glaube, dass das Thema viele Fragen aufwirft, die sich nicht allgemeingültig beantworten lassen und die unterschiedliche Menschen auch sehr verschieden beantworten werden. Ich glaube ferner, dass sich das Verständnis von Barrieren mit der Zeit verändert, genauso wie sich unsere Ansprüche mit der Zeit verändern. Während mein Opa mit einem Leuchten in den Augen von einem Paternoster (Umlauf-Aufzug) in seiner Firma erzählt hat, in den man rein- und rausspringen musste und bei dem man sich übel die Finger klemmen konnte, werden heute Aufzüge stillgelegt, deren Kabinenboden nicht halbwegs bündig in der Etage zum Stehen kommt, bevor die Tür sich öffnet.

Wenn ich als Fußgänger einen Film sehen will, der heute anläuft, muss ich auch damit rechnen, dass die Vorstellung ausverkauft ist. Vielleicht muss man nicht alle 978 Sitzplätze des Kinos als Klappsitze mit viel Platz gestalten, so dass man notfalls einen Rollstuhl davor stellen oder sich umsetzen könnte, vielleicht reicht es einfach, den barrierefreien Eingang in die Mitte des Saales zu legen und eine komplette mittlere Reihe so zu gestalten. Ich würde behaupten, auch hier bestimmt die Nachfrage das Angebot.

Was mich aber ankotzt, ist, sich mit viel öffentlichem Aufriss barrierefreies Kino zu nennen, nachdem man 30.000 € aus Bundesmitteln erhalten hat, um nachträglich den Putzraum in ein Behindertenklo umzuwandeln, danach aber wieder die Putzmaschine dort zu parken, so dass kein Rollifahrer auf die Toilette kommt. Es ist auch nicht das Problem, dass man an der Rampe des Zuges warten muss, weil die Zugbegleiterin gerade ein elternloses Kind versorgen muss. Aber genauso wie man von einer vorbei fahrenden Polizeistreife erwartet, dass sie jemandem hilft, der gegenwärtig zusammengeschlagen wird, erwarte ich auch von den Zugbegleitern, dass sie nicht mit der Ausrede "nicht angemeldet" weggucken, wenn da mal spontan eine Rollifahrerin vor der Rampe steht.

Ich glaube, man wird eine völlig barrierefreie Umwelt nicht erreichen. Aber man kann daran arbeiten und sich ständig dabei verbessern, die Wechselwirkungen zwischen Barrieren und persönlichen Beeinträchtigungen erträglicher zu machen. Weg von dem Problem des einzelnen, hin zu einer Aufgabe an die Gesellschaft.

Hätte ich bei meinem Unfall auch noch meine Seh- und Hörfähigkeit verloren, wäre sowieso die Frage, ob ich alleine ins Kino komme. Vielleicht bräuchte ich dann eine ständige persönliche Assistenz, um mit meiner komplexen Einschränkung nicht permanent ausgeschlossen zu sein. Aber dann wäre Inklusion, nicht spätestens beim Sozialamt begründen zu müssen, warum ich mit meinen Freunden ins Kino möchte, wo ich doch weder sehe noch höre. Oder?!

Klaus hat gesagt…

Zu den Wörtern: Sowohl "Integration" als auch "Inklusion" sind politische Schlagwörter. Daher darf man Ihre Bedeutung nicht einfach aus den einzelnen Wissenschaftsbereichen her 1:1 ableiten.

Mit den Schlagwörtern verhält es sich so, das sie irgendwann für ein bestimmtes Thema eingeführt werden, um ein politisches Ziel zu erreichen. Am Anfang sind diese meist sehr schwammig und umreißen nur grob die Zeile. Nach einiger Zeit verfestigt sich die Bedeutung der Wörter und sie fangen an ein ein stark abgegrenztes Gebiet zu umschreiben.
Will man nun mehr zu dem Thema mehr erreichen, dann kann man diese Wörter nicht mehr einfach umformen. Die Claims sind abgesteckt und es ist sehr schwierig in den Köpfen ein neues, erweitertes Bild zu dem Thema zu verfestigen. Daher schafft man nun ein neues Schlagwort für die neuen Ziele.

Letztlich wird mit "Inklusion" nur ein fachlicher Begriff aus einem anderen Bereichen entlehnt um ihn mit neuen Inhalten und einem neuen Ziel zu füttern. Er soll den Menschen ein stark erweitertes Bild assoziieren als es die "Integration" bisher tat. Nur so kann man bedeutende Fortschritte erzielen.

Wenn also in einer Debatte zu einem neuen Projekt nun das Wort "Inklusion" fällt, dann wissen die Beteiligten, dass hier erheblich mehr gefordert wird als bei der bisher üblichen "Integration". Würde man hingegen nur von "erweiterten Integration" sprechen, dann würden die Beteiligten zwar auch wissen, dass mehr gefordert wird, aber man würde am alten Bild festhalten nur ein Schäufelchen hier und da hinzugeben. Bei "Inklusion" aber ist allen klar, dass ein wenig Kosmetik nicht ausreicht, um das neue Ziel zu erreichen.

Aus dem Grund werden in der Politik immer wieder neue Schlagwörter eingeführt. Die alten Schlagwörter sind wie ein Karren, der sich festgefahren hat. Da kommt man kaum voran. Will man einen bedeutenden Schritt weiter, dann brauch man ein neues Wort, das nun mit neuen, erweiterten Ideen gefüllt werden kann.

jali hat gesagt…

Ich glaube Du Du liegst falsch, wenn Du glaubst, der Begriff "Inklusion" habe sich in der Gesellschaft durchgesetzt.

Wenn Dir der Begriff dauernd begegnet, liegt das vor allem daran, dass er für Dich wichtig ist. Denn was die Gesellschaft unter Inklusion versteht hat ja direkte Auswirkungen darauf, wie Du Dein Leben führen kannst. Dein Sportverband benutzt das Wort, weil es in den Gesetzen steht, und es natürlich unsinnig wäre, ein anderes Wort zu benutzen, wenn der Verband diese Gesetze umsetzen will.

Wenn Du irgendeinen Fußgänger auf der Straße fragst, was Inklusion ist, wirst Du vermutlich ziemlich leere Blicke ernten (es sei denn Du erwischst zufällig, jemanden, der/die beruflich damit zu tun hat).

Genauso gut könntest die Leute bitten Dir die Quantenchromodynamik oder das Plusquamperfekt zu erklären. Will sagen: Die meisten übernehmen den Begriff, wenn sie ihn das erste mal hören, weil sie sich vorher nie mit den Belangen von Menschen mit Behinderungen auseinandergesetzt haben.

Anonym hat gesagt…

Ach, frag' mal nach dem Unterschied zwischen Besitz und Eigentum. Das wird konsequent unscharf und von der gerichtsberichten Presse zu 99,995% falsch verwendet.

Meine persönliche Inklusionsproblematik: Mit meinem Hintern und langen Beinen habe ich im Flugzeug Probleme. Wer inkludiert mich?

M. hat gesagt…

@Klaus: Wie das politische Schlagwort (Jule hat es "sozialpolitschen Begriff" genannt) erschaffen wurde, wurde ja dargestellt. Und es steht für die Umsetzung der UN-Konvention. Aber genau da ist doch der Hase im Pfeffer: Man will etwas Neues, macht aber das Alte unter neuem Namen weiter. Man schafft nicht die Gegebenheiten und ermöglicht den Menschen mit Behinderung, sich einzugliedern (die wollen ja, das ist ja mehr als offensichtlich), sondern man nimmt sie an die Hand und steckt sie irgendwo rein (Inklusion).

@jali: Umso besser, dann ist ja noch Zeit, was daran zu ändern, dass man mit einem neuen Wort in alte Bahnen gelangt!

@Anonym 12.26: Ich schätze, etliche Menschen wären froh, wenn sie überhaupt im Flugzeug mitgenommen werden würden. Frag mal ein paar Rollstuhlfahrer, die können ein Lied davon singen. Leute, die ein wichtiges Thema ins Lächerliche ziehen, ist genau das, was diese Diskussion nicht braucht, nachdem diese Menschen schon über Jahrzehnte nicht wirklich ernst genommen wurden.

Anonym hat gesagt…

"Man will etwas Neues, macht aber das Alte unter neuem Namen weiter."

C'est ça.
Neuer Name, alte Scheiße.
Nur weil man dem Kind einen neuen Namen gibt, heißt es ja nicht, dass alles plötzlich anders und toll wird.

Mela Eckenfels hat gesagt…

Ich fürchte für den Behindertensport gilt, was generell für den organisierten Wettkampfsport gilt:

Besser weghören, sobald ein Funktionär den Mund aufmacht.

Anonym hat gesagt…

Dass in der deutschen Übersetzung das Wort Integration verwendet wird, wird häufig kritisiert. Teilweise wird diese Übersetzung als fehlerhaft bezeichnet. Das liegt auch daran, dass bei der Übersetzung Menschen mit Behinderungen nicht genug miteinbezogen wurden. Deswegen gibt es auch die Schattenübersetzung von Netzwerk Artikel 3, in der das Wort Inklusion verwendet wird.
Eigentlich ist Inklusion auch wirklich etwas Neues, nur wird leider immer wieder versucht, von Inklusion zu sprechen, wenn as teilweise noch nicht einmal Integration ist. Das Problem ist, dass der Begriff, der eigentlich sehr klar definiert ist, falsch verwendet und ausgehöhlt wird.

Mike hat gesagt…

Hi
Ein weiterer Aspekt bei der Inklusion ist, dass es Teile in der Gesellschaft gibt, die diese nicht wollen und nicht wünschen.
Hierzu werden Inklusionsbemühungen durch "Freak Case" Beispiele ins Absurde argumentiert. Z.B. der Fall des Trisomie 21 Kindes, welches wegen seiner Freunde auch aufs Gymnasium gehen soll(te).
tatsächlich dreht sich die Inklusionsdebatte in den Feuilletons in erster Linie um die Inklusion lernbehinderter (aka geistig Behinderter)
Da frage ich mich dann, ob mir was entgangen ist, nämlich dass alle körperlich Behinderten bereits gem. ihrer Fähigkeiten den entsprechenden Schulunterricht besuchen können? Ich habe da gelinde gesagt schwere Zweifel. Von der Bereinigung schwerer Bewegungshindernisse im öffentlichen Raum für Gehbehinderte oder Sehbehinderte ganz zu schweigen.
Darüber könnte ich jetzt noch seitenlang weiter schreiben, bringt aber nix.
Tatsächlich wird die passive und aktive Ablehnung der Inklusion immer noch gesellschaftlich akzeptiert. Imho liegt der tiefere Grund darin, dass wir dem menschen einen bestimmten wirtschaftlichen Wert zuweisen, und Behinderte (egal wie) werden wirtschaftlich als "weniger Wert" angesehen. Dies führ dann zu der bizarren Ansicht, dass "Die" doch froh sein sollen, dass für "Die" überhaupt was gemacht wird. Egal was... Hauptsache billig!
Echte Inklusion ist unerwünscht in diese Kreisen, denn 1. ist sie teuer, 2. Stört es den eigenen Leistungsgedanken. (In Gedanken: Inklusion in der Schule = Herabsetzung des Leistungsniveaus = Schlechtere Chancen für die "normalen Kinder")

LG
Mike

Anonym hat gesagt…

Du hast ja neulich erst einiges zur Aktion Mensch gebloggt, jetzt zur Inklusion, da möchte ich dir ein Zeitzeichen empfehlen: http://www.wdr5.de/sendungen/zeitzeichen/aktionsorgenkind104.html
Dein Blog läßt mich die Welt ja aus anderen Augen sehen. Bei vielem, was du erzählst, denke ich: "Ja, stimmt, so ein Arsch...", bei anderen Dingen eher "naja, woher sollen die das denn wissen... aber gut, wenn man das ständig erlebt, reicht's auch irgendwann", und es gibt auch die "Ups, das hätte ich sein können"-Erkenntnisse.
Mein Gesamteindruck bei dir ist aber doch der, wie sehr sich das Bewußtsein der Behinderten, aber auch das Bewußtsein der Gesellschaft seit meiner Kindheit geändert hat. Wobei es - natürlich? - so ist, dass jüngere Menschen (deines Alters) eben einen anderen Umgang mit Behinderungen haben als Menschen meines Alters. Unsere Eltern waren Kinder der Nazizeit mit ihrem gesamten Gedankengut. Selbst, wenn sie später einiges davon revidiert haben - auch uns wurde der geistig Behinderte (Sauerstoffmangel unter der Geburt) in unserer Straße als jemand potentiell Gefährliches, Gnheimliches dargestellt. Besuche in betreuten Wohneinrichtungen, wie es der Kindergarten MEINER Kinder gewohnheitsmässig durchführte, wäre in meiner Kindheit absolut undenkbar gewesen - vielleicht auch von Seiten der Einrichtungen.

Es hat sich sehr viel getan in den letzten vierzig Jahren. Es ist noch viel mehr nötig, auf jeden Fall, und ich danke dir für dieses Blog, das mich immer wieder neu überdenken läßt, wie ich mit Menschen umgehe, die so andere Bedürfnisse haben als ich. Laß ab und zu mal Gnade walten, wenn wieder jemand zu eifrig hilft - wenn's gerade für dich zu schaffen ist. Gut gemeint mag ja nicht immer gut gemacht sein, aber bös gemeint ist ja auch nicht vorzuziehen, oder?

Salat

BigDigger hat gesagt…

Jetzt - dank Deines Tweets - hätt ich eine Idee für einen Maßstab, wie weit Inklusion gediehen ist: Die Zshl der Autoscooter-Fahrzeuge mit Handgas!

;-)