Donnerstag, 27. November 2014

Dublin und Zoey

Zoey. So nenne ich sie mal. Zoey bedeutet "Leben" und der Name ist Programm. Und falls jemand fragt: Das Ypsilon habe ich drangehängt, damit nicht jemand "Zö" liest. Ich musste mir neulich nämlich im Zug über eine Stunde lang mit anhören, wie eine ältere Frau, geschätzt auf etwa 70 Jahre, mit ihrer Freundin per Handy telefonierte. In einem Großraumwagen, in dem eigentlich das Telefonieren verboten ist. Und da die ältere Dame nicht mehr so recht hörte, gelang mir wiederum das Weghören nicht. Sie sprach ausführlichst über einen Roman, den sie gerade las. Dieser spielte in Dublin, der Hauptstadt von Irland.

Man kann vielleicht darüber diskutieren, ob man Städtenamen in der jeweiligen Landessprache aussprechen muss. Als sie allerdings Überlegungen anstellte, dass die Deutschen mit den Iren gemeinsam hätten, dass ihre Hauptstädte auf "lin" enden, wobei es bei einem Vergleich der Einwohnerzahlen eher "Dublinchen" heißen müsste, wagte ich einen zweifelnden Blick durch die Sitzreihen nach hinten. Marie murmelte leise: "Weißt du denn, wie die dort hergestellte irische Schokolade heißt?" - Ich guckte sie mit halb fragenden, halb genervten Blick an und überlegte einen Moment. Dann sagte sie: "Kleiner Tipp: Es ist die kleine Schwester der wahrscheinlich längsten Praline der Welt: Duplinchen." - Auweia.

Zoey ist zwölf. Sie ist vor fünf Jahren beim Spielen auf dem Spielplatz verunglückt. Sie hatte sich an eine Seilbahn gehängt und bekam von einem Freund zum Ende des Seils so viel Anschwung, dass sie sich nicht mehr halten konnte, losließ und im hohen Bogen gegen einen Pfeiler krachte. Seitdem hat sie einen inkompletten Querschnitt im unteren Brustwirbelbereich, etwa in Höhe des Bauchnabels.

Ich wurde auf Zoey im Schwimmbad aufmerksam. Das ist inzwischen mehrere Wochen her. Ich kraulte meine Bahnen und sah irgendwann aus dem Augenwinkel eine Frau mit einem Kind auf dem Arm neben meinem Rollstuhl stehen. Das passiert hin und wieder mal, aber meistens sind Leute, die sich neugierig das leere Teil am Beckenrand ansehen, nach spätestens meiner übernächsten Bahn wieder verschwunden. In diesem Fall hielt ich mich acht Bahnen später am Beckenrand fest, überlegte einen Moment, wieso jemand ein zwölfjähriges Kind auf dem Arm trug, und fragte dann: "Na? Steht der im Weg?"

"Nein, nein, keineswegs. Wir schauen nur völlig begeistert zu, wie Sie das ohne den Einsatz Ihrer Beine alles hinkriegen. Ich habe zu meiner Tochter gerade gesagt: 'Ich würde vermutlich untergehen!'" - "Naja, zum Kraulschwimmen braucht man die Beine ja nicht unbedingt. Es ist zwar vorteilhaft, sie einsetzen zu können, aber mit ein wenig Übung klappt es auch ohne."

Ich erfuhr, dass Zoey auch im Rollstuhl sitzt. Mich wunderte aber, dass die Mutter sie trug und die ganze Zeit auf dem Arm hielt. Das Mädchen sagte keinen Ton. Sie trug einen zu klein geratenen pinkfarbenen Inkontinenz-Badeanzug mit eingenähtem Rüschen-Kleidchen, und aus meiner Perspektive sah ich am Beinabschluss Teile einer Schwimmwindel unter dem Ding hervorscheinen. Zoey hatte ihren Kopf an die Schulter der Mutter gelegt und beobachtete mich, ohne ein Wort zu sagen. Ihre Haare waren zu einem Zopf aufwändig zusammengeflochten. Zwei pinke Haarspangen hielten weitere Haare aus dem Gesicht. Sie wirkte müde. Für einen Moment lang überlegte ich, ob sie möglicherweise auch kognitive Einschränkungen haben könnte.

Hatte sie aber nicht. Inzwischen, mehrere Wochen später, kann Zoey schwimmen. Zumindest schafft sie eine Bahn ohne Hilfe. Manchmal dreht sie sich noch auf den Rücken, wenn es ihr unterwegs zu anstrengend wird, aber manchmal schafft sie auch eine Bahn Brustschwimmen in einem Stück. Wir haben immer mal wieder zusammen geübt und Zoey ist sehr ehrgeizig.

Und sehr anhänglich. Wie ich die Mutter verstanden habe, hat sie sehr wenig Kontakt zu anderen Menschen im Rollstuhl. Warum das so ist, weiß ich noch nicht. Aber es bringt mit sich, dass sie alles selbst ausprobieren und herausfinden muss. Wie komme ich vom Boden in den Rolli? Wie bleibt mein Sitzkissen im Schwimmbad trocken? Wie ziehe ich mir im Sitzen selbst die Hose über den Po?

Die Mutter sagte in dieser Woche zu mir, dass ihre Tochter in den letzten Wochen in einigen Bereichen um Jahre erwachsener geworden sei, so käme es der Mutter vor. Einerseits eine erschreckende Entwicklung, meint die Mutter, andererseits eine längst überfällige. Mit zwölf Jahren sollte ein Kind sich alleine an- und ausziehen. Wenn es das kann. Und Zoey kann es. Inzwischen.

Auch den scheußlich-pinken Kleidchen-Badeanzug haben wir inzwischen ersetzt gegen etwas sportliches Schwarzes. Funktioniert genauso gut und sieht nicht so behindert aus wie das andere Ding. Wie einfach es doch ist, die Mama zu überstimmen, sobald es jemanden gibt, der ins gleiche Horn stößt...

Wir haben uns verabredet, dass Zoey in den nächsten Wochen ein oder zwei, vielleicht auch drei Nächte bei Marie und mir schlafen wird. Es mag sehr befremdlich wirken, aber es gibt eine Sache, die möchte Zoey auch alleine können: Abführen. Wie wir das mit der nötigen Diskretion und Wahrung ihrer Intimsphäre hinbekommen, müssen wir noch überlegen. Aber Zoey wünscht sich nichts sehnlicher, als mit zwölf Jahren endlich ohne die Hilfe der Mutter auszukommen. Ich bin mir sicher, dass sie es schaffen wird. Denn einen Anfang hat sie bereits gemacht: Mir einen langen Brief geschrieben, in dem es einzig und allein um diesen Wunsch geht.

Kommentare :

Stephan Goedecke hat gesagt…

Na mal sehen wie lange es dauert, bis der Shitstorm wegen des "behinderten Badeanzugs" losgeht ;)

gismo1978 hat gesagt…

Ich finde das sind immer die schönsten Beiträge von Dir. Wenn Du und Marie jemand anderem helft der in einer ähnlichen Situation ist. Und sich dann mit relativ wenig Aufwand vieles in deren Leben zum positiven ändert.

Schön schön. :-)

Jakob hat gesagt…

Nach den langen Pausen muss ich sagen: Schön einfach mal nur einen (relativ) neuen Artikel auf deinem Blog zu finden anstatt fünf oder sechs, und dafür einen Monat lang nichts

Und ich freue mich für den Neuzugang in der Liste der jungen Menschen, deren Leben du unglaublich zum Positiven veränderst :)

jali hat gesagt…

Au weia,

da muss die Mama von Zoey aber noch mal in sich gehen, und überlegen, was sie anders machen kann. Du schreibst ja selber, dass das Mädchen kognitiv nicht eingeschränkt ist, also könnte sie vermutlich fast alles selber machen.

Es ist also wahrscheinlich vor allem die Mutter, die hier viel lernen muss. Für mich klingt das ein bisschen so, als ob sie nicht los lassen kann, und die Behinderung ihrer Tochter als Vorwand benutzt, das Kind nicht erwachsen werden zu lassen.

Die amerikanische Schreibweise des Namens finde ich übrigens sehr gruselig. Aber du hast natürlich recht, nicht wenige Deutsche sprechen das "Zö" aus (mit scharfem "z"). Das anglisierte "Zoey" können die meisten aber auch nicht. Eine gute Freundin von mir hat, in ihrer Zeit in Deutschland, darunter zu leiden gehabt, dass ihr Name immer so verunstaltet wurde. Ihr Vorname ist Zoë, und sie hat noch einen walisischen Zweitnamen. Da kannst Du erleben, wie sich die Leute die Zunge verknoten. :-)

Immer noch besser als "Üffes".

Schnuffelsocke hat gesagt…

Ich bin mir sicher, dass Marie und du das super hin bekommen werdet. Ihr seit beide super sozial und dazu noch ein echt tolles Team!

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule, ich glaub' der Magnet der Menschen anzieht denen Du helfen kannst (willst...) ist viel stärker als der Idiotenmagnet....
Alles Gute euch Allen...

ruolbu hat gesagt…

Hast du gerade einen Badeanzug als behindert bezeichnet?

da fuck? O_o

ThorstenV hat gesagt…

Wiedermal: Whoa.
Erstaunlich, was Du so alles praktisch nebenbei noch machst um das Gute in der Welt zu vermehren.

Anonym hat gesagt…

Ich finde es klasse, dass Du Dir dafür Platz in Deinem Leben machst!
Und immer wieder erschreckend wie sehr man mit seinen Einschränkungen allein gelassen wird.
Liebe Grüße
Viktoria

Anonym hat gesagt…

Wenn du so weiter machst in dieser Geschwindigkeit gutes Karma zu sammeln, hast du bei dieser Wiedergeburts-Geschichte bestimmt bald ein Freilos...

Raeblein hat gesagt…

Hallo Jule

Falls das problem noch aktuell ist, vielleicht lasst ihr euch eine Wäscheleine so durch den Raum spannen das im Bad zwei Räume entstehen wenn man über die Leine ein oder zwei Bettlaken werft, so hat Zoe ihre Privatsphäre zu mindest optisch aber das Bettlaken dürfte auch für eine Rollinutzerin kein Hindernis darstellen (schon garnicht im vergleich zu einer Tür falls sie in Schwierigkeiten kommt. Was den Geruch würde ich ganz offen Kaffeepulver auf einer Untertasse hinstellen, das tilgt alle Gerüche und wirkt sicher auch "im Kopf" also gegen die Sorge unangenehme Gerüche zu produzieren. (das gleiche Prinzip hilft auch im Kühlschrank)
Wie immer gilt du musst den Beitrag nicht veröffentlichen aber es wäre schön würdest du ihn lesen.
Danke für deinen Blog und bis bald
Raeblein

Anonym hat gesagt…

Leider kenne ich solche Schicksale aus eigener Erfahrung. Eines Tages führte eine gute Freundin eine junge Frau im Rollstuhl in unsere Clique ein, was ich ausdrücklich begrüsste. Yvonne, so nenne ich sie einmal, in Wahrheit hieß sie ganz anders, war eine kluge gebildete junge Frau mit einem hinreißend hübschen Gesicht, die an einen kompletten QS in der LWS seit Geburt litt. Sie hatte allerdings eine Macke. Sie verschwand immer sehr früh wie wenn sie Angst hätte, dass sich ihr Rolli in einen Kürbis verwandeln könnte. Ausserdem musste sie immer von jemanden gefahren werden, sei es von ihrer Mutter, oder von jemanden von uns. Der Rollstuhl war auch nur bedingt tauglich zum selberfahren. Ein Eisenmonster mit Armlehnen, die sie gar nicht brauchte, und einer hohen Rückenlehne, und natürlich zwei ausladenden Handgriffen.
Ich kam dann auf ihr Geheimniss drauf. Ihre Mutter wickelte Yvonne wie ein Baby. Sie war nicht in der Lage sich selber die Windel zu wechseln. Wobei ich nicht weiss ob es überhaupt eine andere Möglichkeit bei einem kompletten QS gibt, jemanden der von Geburt an behindert ist, Kontinenz bei zu bringen. Sie tat sich auch mit Transfers sehr schwer, wir mussten sie ins Auto heben etc. Ich hatte damals auch das Gefühl, dass die Mutter sie unbewusst natürlich, in völliger Abhängigkeit hielt. Ich habe sie dann aus den Augen verloren, hoffentlich lernte sie noch ein unabhängiges Leben zu führen. Ich mochte sie sehr, eine Beziehung schloss ich aber wegen ihrer Unselbstständigkeit aus, die Behinderung hätte mich nicht gestört. Das Ganze spielte sich in den 80ern ab. Ich dachte immer, dass heute Menschen in einer vergleichbaren Situation besser auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereitet werden. Offenbar hat sich in 30 Jahren nichts geändert. Sehr schade.

Andreas

Anonym hat gesagt…

Jule, du bist wunderbar. Wärest du nicht sowieso schon so sympathisch in allem, was du erzählst, spätestens jetzt würde ich dich lieben.
Manche Menschen haben einen Auftrag im Leben - das hier scheint deiner zu sein.
Ich bin so froh, dass es dich für Menschen wie Zoey gibt. <3

Salat

Anonym hat gesagt…

Dublin leitet sich ab von Dubh Linn (= Schwarzer Pfuhl). Eigentlich müsste der Ort "(Ar) Linn Dubh" heißen, aber die Wikinger, die Dublin gründeten, haben die Worte aus irgendwelchen Gründen umgestellt. Der ursprüngliche irische Ort dort hieß Baile Átha Cliath (= Stadt an der Hindernis-Furt) und so lautet auch heute noch der offizielle irische Name der Stadt.

Is mise le meas

Loxia

Anonym hat gesagt…

Comment avec Zoé?

Anonym hat gesagt…

Nicht alle Menschen sind gleich. Nicht alle gleich stark. Nicht alle mit dem gleichen Intellekt gesegnet (oder gestraft;) All das wird dir als angehende Medizinerin bewusst sein. Es gibt Menschen - Betroffene und Angehörige - die neben sich stehen in dem Moment, wo ein Unfall zu einer Behinderung führt und das ganze Leben umschmeißt.
Schön, wenn du schon weiter bist und - mittlerweile - helfen kannst.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule, nun lässt Du uns ja schon wieder ganz schön lange auf dem Trockenen sitzen, was Neuigkeiten aus Deinem nicht gerade un-spannenden Leben angeht. Ich hoffe es ist nichts schlimmes passiert, und es geht Dir und Allen die Dir wichtig sind gut (mental und physisch).

Wahrscheinlich schreibst Du halt einfach offline an Deinem Tagebuch weiter und wir werden demnächst mit gefühlten 20 neuen Beiträgen erfreut - auch das kennen wir ja mittlerweile schon von Dir. Wird es sich heuer wieder ausgehen mit den "traditionellen" 147 Blogbeiträgen??

Ich wünsche Dir jedenfalls ein schönes Weihnachtsfest und erholsame/verdiente Ferien sowie einen lustigen und guten Rutsch in ein gesundheitlich stabiles und erfolgreiches neues Jahr 2015.

Liebe Grüße Sabine K.,