Freitag, 16. Januar 2015

Biester und Hexen

Sie bleibt spannend, die Diskussion darüber, ob ich mit jedem Patienten (Kunden) über meine Behinderung sprechen muss. Ob es unfreundlich ist, das abzulehnen. Ob ich verbiestert oder gar eine alte Hexe bin, wenn ich ein an meinem Arbeitsplatz von einem Patienten (Kunden) begonnenes Gespräch über die Amputation meiner Beine unwirsch im Keim ersticke. Wenn ich sogar angefasst reagiere auf diesen aus meiner Sicht nach wie vor unsäglichen und unerträglichen Vorstoß.

Gleich einreihen in diese Diskussion möchte ich die Frage, ob von mir ständige Höflichkeit erwartet wird. Ob ich wirklich auf Augenhöhe kommunizieren darf. Ob ich Fragen zurückweisen darf, auch wenn sie nett gemeint oder aus reinem Interesse gestellt sind. Ob es mit meiner allgemeinen Offenheit unter einen Hut zu bringen ist, wenn ich nach Gutdünken Fragen meinem persönlichen Gegenüber einfach nicht beantworte.

Ich glaube, und damit beziehe ich mich auf etliche Leserinnen- und Lesermeinungen zu meinem letzten Beitrag, erneut hervorheben zu müssen, dass ich die allgemein gehaltene Frage, warum sich ein querschnittgelähmter Mensch in aller Regel nicht seine Beine amputieren lässt, durchaus beantworten würde. Inzwischen haben das andere Leserinnen und Leser in ihren öffentlichen Kommentaren bereits getan, so dass mir das nicht mehr nötig erscheint. Eine solche allgemeine Frage würde allerdings einen allgemeinen Rahmen voraussetzen.

Ein allgemeiner Rahmen kann ein Gespräch, meinetwegen auch eine öffentliche Diskussion oder eine persönliche Frage sein. Auch für ein Referat oder eine schriftliche Arbeit würde ich mich durchaus gerne mit dieser Fragestellung auseinander setzen. Dieser allgemeine Rahmen wäre aus meiner Sicht zum Beispiel dann gegeben, wenn der Fragesteller, hier der Splitter-Patient, dieses Gespräch auch mit einem approbierten Kollegen, der nicht im Rollstuhl sitzt, begonnen hätte. Jede Wette: Hätte er nicht.

Vielleicht, weil er den approbierten Kollegen nicht ausreichend im Thema gesehen hätte. Dann stell ich mir halt vor, dass an seinem Kittel auch "Unfallchirurg" oder "Facharzt für Neurologie" oder sonstwas einschlägiges steht. Womit ich nicht sagen will, dass alle diejenigen, an dessen Brust nicht so etwas angeheftet ist, inkompetent sind. Sondern ich suche nach einem Reiz, dieses Gespräch zu beginnen. Meinetwegen kam auch gerade ein Rollstuhlfahrer vor ihm aus dem Behandlungszimmer.

Fakt ist doch erstmal, dass es sich um eine Notfall-Aufnahme handelt. Man mag dahingestellt lassen, ob man mit einem Holzsplitter im Fuß in die Notaufnahme geht. Vielleicht konnte er sich nicht anders helfen, mag ja sein. Aber gerade wenn die Hütte voll ist, im Wartebereich Dutzende Leute sitzen, dann laber ich nicht noch unnötig rum, sondern beschränke meine Ansprüche auf das Wesentliche. Ich ruf doch auch nicht die Feuerwehr, weil nebenan seit drei Stunden eine Katze im Baum sitzt und kläglich miaut, und frage bei der Gelegenheit gleich mal nach, ob einer der starken Männer, die gerade nicht im Baum hängen, mit einer kleinen Leiter und etwas Wasser eben bei mir auf den Schränken Staub wischen könnte. Ich empfinde es als eine moderne Art der Unfreundlichkeit, zu sehen, dass mit mir noch fünf andere Kunden warten, und trotzdem den einzigen Verkäufer mit sinnlosen Fragen stundenlang an mich zu binden, nur um den vier anderen Wartenden zu zeigen, wer hier King ist.

Selbst wenn ich diese Notaufnahmen-Situation völlig ausblende und mir vorstelle, dass mich alternativ beim Warten auf die S-Bahn jemand anspricht, ändert es nichts daran, dass wir uns nicht auf Augenhöhe befinden. Wir sind nicht miteinander bekannt, nicht befreundet, wir haben keinen über das Nötigste hinausgehenden Kontakt, und dann stellt mir jemand so persönliche Fragen und erwartet eine freundliche und liebevolle Reaktion?

Ich empfinde es einfach als eine egoistische Taktlosigkeit, mehrere Leserinnen und Leser haben sogar das Wort "Übergriffigkeit" benutzt, die Gebundenheit meiner Mitmenschen für eigene Belange auszunutzen. Nichts anderes mache ich, wenn ich den Polizisten, der gerade einen Unfall mit Verletzten aufnimmt, danach frage, ob man da vorne parken darf. Oder wenn ich der Kassiererin im Supermarkt oder dem Zimmermädchen im Hotel erkläre, wie sehr ich auf dicke Möpse stehe. Oder die Schauspielerin beim Sonnenbad am Strand für ein Autogramm wecke.

Ich kenne genügend Juristen, Bankangestellte und Ärzte, die regelmäßig auf Partys mit beliebigen Rechtsfragen, Anlagetipps oder Krankengeschichten überhäuft werden. Ich kenne sogar eine Ärztin, die manchem Redseligen auf Feiern einfach die Frage nach dem beruflichen Werdegang mit "Mutter" beantwortet. Das fällt mir in der Notaufnahme natürlich besonders schwer - und das liegt nicht alleine daran, dass ich keine Kinder habe.

"Du sprichst doch auch wildfremde Leute an, wenn du Hilfe brauchst", habe ich mir kürzlich in einer ähnlichen Diskussion anhören müssen. Ist das tatsächlich ein Persilschein, mit dem ich kritiklos jede Ansprache und Frage, und sei sie noch so intim, erdulden muss? Resultiert daraus tatsächlich meine Verpflichtung, zu allen Menschen freundlich zu sein?

Auf Augenhöhe habe ich bisher jede Frage beantwortet. In meinem Blog habe ich bisher nahezu jede Frage beantwortet, denn hier sehe ich mich in einer völlig anderen Rolle. Aber in der Öffentlichkeit mal eben aufgrund meiner sichtbaren Behinderung dazu befragt zu werden, ob der Sex klappt, ob ich meine Beine amputieren lasse, ob ich Windeln tragen muss - das ist schlicht unangemessen. Oder fragt ihr die Frau mit dem Kinderwagen im Bus auch, in welcher Stellung der Sprößling gezeugt wurde, ob die Narbe des Kaiserschnitts schon gut verheilt ist oder ob es beim Niesen noch tröpfelt?

Aber, und das muss ich dann natürlich auch erneut hervorheben, gegen die grundsätzliche Diskussion über das Thema habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Wenn sich jemand, aus welchen persönlichen Gründen auch immer, dafür entscheidet, bei einer Querschnittlähmung seine Beine amputieren zu lassen, akzeptiere ich das. Ich würde zwar meine Bedenken anmelden, wenn ich gefragt werde, aber die letzte Entscheidung über seinen Körper trifft wohl der betroffene Mensch. Und ich lasse mich auch gerne (und vermutlich auch leicht) davon überzeugen, dass beispielsweise starke Schmerzen ein guter Grund sein können. Menschen sind verschieden; die Gründe und die persönliche Gewichtung von Argumenten ebenso. Das nennt man Vielfalt. Glaube ich. Vor demjenigen, der seine Hand durch eine Prothese ersetzt, lüfte ich sogar ein wenig meine Wollmütze, denn ich glaube nicht, dass ich mich das trauen würde.

Ich würde, selbst wenn ich weiß, dass er darüber bloggt, niemals auf die Idee kommen, ihn bei meinem Besuch auf dem Finanzamt anzusprechen, dass er ja nicht mehr länger in der miefigen Amtsstube sitzen müsste, wenn er sich entscheiden könnte, seine gelähmte Hand durch eine mikroprozessorgesteuerte Handprothese zu ersetzen. Ich denke nämlich, dass es seine Gründe hat, warum er sich entweder mit dem Thema noch nicht befasst hat, oder warum er sich trotz Befassens dagegen entschieden hat. Ich denke nicht, dass er nur auf meine Idee, mein Wissen oder meine Motivation gewartet hat. Und ich glaube, nur weil ich beide Hände frei bewegen kann und nicht gerne in einer Behörde arbeiten würde, kann ich mich noch lange nicht in seine Situation hineinversetzen. Das weitestgehend zu versuchen, würde ich aber von mir erwarten, bevor ich schlaue Ratschläge verteile. Und das kann ich nur dadurch, dass ich den Menschen, genauer gesagt: seine Perönlichkeit, näher kennenlerne. Die fachlichen Informationen hole ich mir im Zweifel aus dem Internet. Oder ich frage Menschen, die sich bereit erklärt haben, mit mir über dieses Thema (oder solche Themen) zu sprechen. Oder zu schreiben.

Kommentare :

ruolbu hat gesagt…

Wait wut? O_o
Leute haben allen ernstes in Frage gestellt, ob deine Reaktion angemessen war? Hahahahahaaaooooooh wow. Vielleicht übersehe ich ja irgendwas offensichtliches, aber das wirkt auf mich ziemlich daneben. Muss mir mal die Kommentare angucken.

Was du hier schreibst, ist zumindest absolut so, wie ich es auch halte. Hast du sehr treffend formuliert.

Bloggergramm hat gesagt…

Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn du bei der Arbeit Fragen nach deiner Behinderung nicht zu beantworten bzw. direkt im Keim zu ersticken.
Das ist das gleiche Level, als wenn man bei der Arbeit von einem Fremden danach gefragt wird, ob der Sex letzte Nacht gut war. Oder ob man am morgen Stuhlgang hatte.
Oder warum man (offensichtlich) die Haare gefärbt hat. Oder warum es gerade blauer Fingernagellack sein muss....

P.S. finde es übrigens schade, das du meine Autogrammanfrage nicht beantwortet hat - obwohl du sogar mal in einem Artikel geschrieben hast, da du dazu bereit wärt.

Wolfy hat gesagt…

WTF - ich lese zu selten Kommentare.

Was Jule an dem Splitter-Menschen gestört hat, hätte auch mich gestört:
Er ist verbal in meine persönliche Wohlfühlzone eingedrungen... und zwar wie ein Rudel ausgehungerte Löwen auf der Jagt nach einen Zebra.
Das hätte für mich den selben Charakter als würde ein wildfremder Mensch mich ohne jeglichen Grund (einer von uns stolpert, mich von einem Ekelviech befreien, in einer Menschenmasse weil kein Platz war...) berühren.

Das Bitten um Hilfe (oder das Anbieten eben Solcher) kann damit nicht gleichgesetzt werden. Das Gegenüber hat jeder Zeit die Möglichkeit Nein zu sagen.
Würde dem Splitter-Patienten das Thema wirklich interessieren, hätte er Jule ja fragen können:
"Haben sie einen Augenblick Zeit und darf ich Ihnen eine etwas intimere Frage stellen?"

Hätte Jule sich für ein "ja" entschieden und wäre dann die Frage mit der Amputation gekommen, hätte das direkt einen anderen Charakter als das einfache darauf los Fragen.
Und nebenbei: selbst DANN wäre es immer noch Jules Recht gewesen, ihm die Antwort NICHT zu geben - auch wenn sie dann sicher komplett anders reagiert hätte.

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule,

durch Deinen Blog habe ich wahnsinnig viel über die Lebenswirklichkeit behinderter Menschen gelernt. Das hat mir in vielen Belangen die Augen geöffnet. Ich habe größten Respekt vor Dir und wie Du trotz vieler Widrigkeiten Deinen Weg machst.
Deine Artikel über Grenzüberschreitungen in den letzten Tagen haben mich aber auch an einige spezielle Situation während meines Studiums und meiner Arbeit als Ärztin erinnert.
Ich denke, eine Behandlung beim Arzt ist zumeist ein - wenn auch notwendiger Eingriff - in die Intimsphäre des Patienten. Es gibt viele Menschen, die damit bewusst oder unbewusst Probleme haben. Für einige wird es dann noch problematischer, wenn da dann kein Halbgott in weiß, sondern nur ein "normaler Mensch" - eine Frau oder sogar ein Behinderter - kommt. Bestimmte Menschen nutzen gerade in so einer Situation solch eine scheinbare Schwäche oder auch junges Alter, geringe Erfahrung und ein damit niedriges Standing in der Hierarchie aus, um über ihre Ängste, Schwächen und Komplexe hinwegzutäuschen und Frustrationen abzureagieren. Gerade am Anfang war ich oft sprachlos, wenn Patienten mein berufliches Eindringen in ihre Privatsphäre im Umkehrschluss als Freibrief für Distanzlosigkeit sahen. (Manchmal hilft es auch sich dann Übertragung und Gegenübertragung, etc. mal bewusst zu machen.) Ich habe den Eindruck, dass es sich im Verlauf etwas bessert, weil man Kompetenzen erlangt und weil man intuitiv Patienten einschätzen lernt und anders mit ihnen umgehen kann. Kurz gesagt: Lass Dich nicht entmutigen!
Was mich schon länger interessiert, hast Du eine Vorstellung in welche Richtung Du nach dem Studium gehen willst? Vielleicht auch außerhalb der direkten Patientenversorgung? Es würde mich freuen, mal darüber was zu lesen...

Herzlichst
HH

Olli hat gesagt…

Es geht für mich bei dem von Dir so gut und umfassend dargestellten Fragen wohl auch um die Balance zwischen Neugierig und Desinteressiert oder schüchtern und taktlos usw.. Also darum, wwas/wie viel man andere aus Interesse fragen kann und wo man es, weil unangemessen (von Art oder Situation) einfach lassen sollte.

Da geht es zudem einmal darum, wie ich mich gegenüber anderen verhalte, wenn ich etwas erfahren möchte - und andererseits ist da auch der Aspekt, was gilt als angemessen/höflich/passend, von sich zu erzähöen. Auch da wohl eine Gratwanderung; gibt es doch welche, die mir in Abwesenheit ihres Freundes so genau dessen geschick beim zwischenmenschlichen schildern, dass ich eigentlich nur laufend ein TMI-Schild (to much information) hochhalten oder davonlaufen möchte...

Inhaltliches, also Leitlinien, wie diese Spagate zu läsen wären, traue/packe ich mich bei deinen fundierten Ausführungen hier nicht wirklich etwas anzufügen.

Aber zum "Ich empfinde es als eine moderne Art der Unfreundlichkeit, zu sehen, dass mit mir noch fünf andere Kunden warten, und trotzdem den einzigen Verkäufer mit sinnlosen Fragen stundenlang an mich zu binden, nur um den vier anderen Wartenden zu zeigen, wer hier King ist." mag ich was sagen. Da ist es nämlich auch nicht immer sicher, dass derjenige die Sinnlosigkeit seiner Fragen überhaupt erkennen kann oder/undsich als King fühlen will. Möglicherweise wähnt er sich subjektiv zweifelsfrei als ganz normal, diese Informationsstelle nutzend. Das es auch Situationen gibt, wo sich deine Interpretation fast schon mit Händen grteifbar aufdrängt, ist dabei klar.
Aber sinnhaftige Fragen können auch ein Problem sein - für den Fragenden. Meine persönlich nicht seltene Erfahrung mit Informationsstellen und Verkaufspersonal: die Fragen, die die beantworten könnten, löse ich seber bzw. empfinde es so, dass die doch jeder selber recherchieren kann bis soll. Und die Fragen, die ich wirklich stellen möchte, bei denen blicke ich dann meist in ratlose Gesichter...

Anonym hat gesagt…

"Oder fragt ihr die Frau mit dem Kinderwagen im Bus auch, in welcher Stellung der Sprößling gezeugt wurde [...]"

Japp. Ist angekommen. Mit meiner Frau habe ich (weibl.) zwei Kinder. Ihr ahnt nicht, wie viele wildfremde Menschen, die irgendwie unsere Familienkonstellation begriffen haben, uns fragen, wie wir das gemacht haben. Und dann sind es solche Leute, die einem selbst niemals verraten würden, welches ihre Lieblingseissorte ist, wegen Privatleben und so.

Anonym hat gesagt…

Ich musste jetzt ja doch ungläubig zurück zum letzten Eintrag scrollen und mich davon überzeugen, dass es tatsächlich Menschen, gibt, die nicht verstehen, weshalb das unangemessen und daneben ist.

Nicht die Existenz der Frage an sich. Aber der Kontext, in dem sie gestellt wurde. Ohne Bezug, ohne Rahmen, ohne Anlass.
Da reicht mit doch wirklich eine Handvoll Anstand, Empathie und Reflexionsfähigkeit, um zu verstehen, weswegen ich mir die Frage verkneife und Zuhause einfach mal google, wenn es mich so brennend interessiert.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

ich lese deinen Blog schon viele Jahre und ich habe schon das Gefühl, das deine Reizgrenze ziemlich gesunken ist. Natürlich kenne ich dich nicht persönlich, sondern kann dich ausschließlich nach deinem Blog beurteilen, aber ich empfinde deine Reaktionen schon etwas empfindlich. Vielleicht ist es nicht der richtige Ausdruck; vielleicht kann man es mit ein paar Worten in einem Kommentar auch gar nicht erklären. Ich kann nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die einfach von Fremdem "in Ruhe" gelassen werden wollen. Die nicht angefasst und angesprochen werden möchten, egal um was es geht. Die einfach durch die Welt gehen möchten, ohne registriert zu werden. Du scheinst dazu zu gehören. Es gibt aber auch viele Menschen, die sich gerade darüber freuen, dass man heutzutage noch angesprochen wird; die sich über Smalltalk freuen. Egal ob über das Wetter, Klamotten oder den Hund von nebenan. Jetzt wirst du dir vermutlich denken, dass du ja gar nichts über freundliche Fragen hast, oder? Ok, ich gebe zu, Fragen nach amputierten Beinen sind frech, ABER das muss ich dann auch deutlich sagen. Wenn Omi mir über den Arm streichelt und mich ewas fragt, dann lächle ich, antworte und wünsche einen schönen Tag. Meistens ist es dann durch freundliches umdrehen schon erledigt. Das schadet niemanden und der Tag ist nicht versaut. Wenn ich nach etwas unverschämten gefragt werde, dann weise ich freundlich und bestimmt darauf hin, dass diese Frage unverschämt ist und ich mir weitere Fragen (ggf ausserhalb der dienstl. notwendigen) verbiete. Fertig, aus. Aber es muss eben absolut freundlich und unangegriffen passieren. Du musst nämlich auch bedenken: Habe ich etwas falsch gemacht und werde freundlich darauf hingewiesen, das dies gerade voll daneben war, so bin ich bestenfalls peinlich berührt. Kommt man mir allerdings schnippisch, zickig oder mit einem humorgespickten Spruch daher, so geht mein Gehirn sofort auf Angriff und ich fühle mich kritisiert und damit blossgestellt. Ich denke mir also "blöde Kuh" und ärgere mich über dein Verhalten. Ich denke über mein Fehlverhalten also gar nicht nach und lerne auch nicht aus meinen Fehlern.

Ich glaube du bist mittlerweile ein wenig zu weit in diese zweite Schiene geraten. Du hast so viel Mist und Übergriffigkeit erlebt, dass du einfach angegriffen wirkst, sobald du reagierst. Nichts sagen und lächeln ist genauso falsch. Die Leute wissen dann auch nicht, das sie etwas falsch gemacht haben. Mit Humor können viele auch nicht umgehen und mit Erklärungen schon gar nicht.

Ich hoffe du verstehst ein wenig was ich meine. Du hast viel Mist im Leben erlebt, musst dich immer durchbeissen, aber denk immer dran: Du kannst andere Menschen nicht ändern. Egal wie sehr du dich darüber ärgerst. Das dauert, das tut weh und man kann ein wenig daran verzweifeln. Aber du kannst nur die wenigen Sekunden nutzen, um andere Menschen schnell auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Nicht mehr.

Ich wünsche dir alles Gute!

Anonym hat gesagt…

Ich denke auch, dass man mit einer Behinderung immer etwas verbittert. Man kann sich noch so sehr einreden, dass man weiterhin alles kann, es ist leider nicht so. Und das realisiert man immer mal wieder.
Ich sehe daran jetzt auch nichts schlimmes. Insofern kann man auch mal negativ reagieren. Besser als den ganzen Ärger immer zu schlucken...

Xin hat gesagt…

Hallo Jule,

fällt Dir eigentlich auf, dass Du Dich rechtfertigst?

Ich bin zu dick, habe eine Glatze und trage eine Brille. Wie Du habe ich kein Problem, darüber zu schreiben, aber ich hasse es darauf angesprochen zu werden.
Wenn man mich darauf anspricht, bin aber ich derjenige, der das Problem damit hat. Mir ist es unangenehm darüber zu sprechen, weil ich mich zu dick fühle, weil ich das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen, wie es soweit kommen musste. Und ich will auch nicht aussprechen müssen, dass mir das Thema unangenehm ist, denn dann wüsste mein Gegenüber ja, dass ich nicht nur zu dick bin, sondern auch noch, dass ich mich damit nicht wohl fühle. Dabei ist ganz einfach zu sagen "Du darfst mich das nicht fragen, Du bist unhöflich und Du bist schuld, weil Du ein Idiot bist."
Oftmals wollen die Leute mich aber gar nicht darauf hinweisen, dass ich scheiße aussehe, sondern es ist lediglich offensichlich, dass ich nicht schlank bin.
Und manche haben kein Problem damit über solche Themen zu sprechen. Natürlich nervt es etwas, dass jeder jemanden kennt, der auch dick ist oder mit einer ganz tollen Diät schlank geworden ist und sich für berufen hält, mir das Geheimnis seiner Weisheit zu vermitteln. Und dann habe ich auch keine Lust, mich zu rechtfertigen, dass ich einen sitzenden Beruf habe, zu wenig Zeit für regeläßigen Sport und keinen strukturierten Tagesablauf, so dass ich regelmäßig gesund und pünktlich kochen kann, weswegen ich nunmal unterm Strich dann wieder zu dick bin. Ich setze da andere Prioritäten. Das kann man erklären.
Und das ist mir unangenehm, weswegen ich das nicht erklären möchte.
Weil es mein Problem ist.

Und ich halte es für mich für richtig, dass mir das unangenehm ist. Es ist mir wichtig, dass mir das unangenehm bleibt, das Übergewicht akzeptiere ich nicht. Abnehmen muss eine Priorität haben, sobald Zeit dafür da ist, denn ich weiß selbst, dass ich abnehmen sollte und das kann, sobald andere Prioritäten abgearbeitet sind. Am Übergewicht bin ich schuld und diese berechtigten Ansprachen sind ein Teil der Zinsen, die ich dafür zahle, bis ich das ausgeglichen habe.

Du kannst Deinen Rollstuhl nicht verlassen, egal wie Du Deine Prioritäten setzt. Und Du rechtfertigst Dich. Es ist unangenehm, denn es ist Dein Thema, nicht das Thema vom Splitter-Patienten. Eine solche Anfrage hat das Recht, das Du ihr gibst. Und Du berechtigst diese Anfrage, Dir weh zu tun. Aber das ist Dein Thema. Du entscheidest, ob es richtig ist, dass Dir die Anfrage unangenehm ist. Du bist aber nicht schuld. Du darfst akzeptieren.
Nur dann würde es dazu wohl keinen verärgerten Blogeintrag mehr geben.

Wenn ein Mensch die Welt anders sieht als Du, wie der Splitter-Patient, die Person, die mit Sex-Gesprächen in der Öffentlichkeit eine Probleme hat, der Behinderte, der sich als Animateur in der Disko fangen ließ, das sind alles Punkte, wo bei Dir ein wunder Punkt getroffen wurde. Und wo Du manchmal zu schnell in Schnappatmung verfällst, wenn andere schon vor Dir bereits etwas akzeptiert haben und übersehen, dass Du vielleicht noch nicht soweit bist.
So wie Du bei einem 14jährigen Praktikanten übersiehst, dass der aus dem beschützten Spielzimmer erstmals im Ernst des Lebens landet und er auch noch nicht soweit ist alles so zu sehen, wie Du es siehst.

So anders bist du nicht. Du bist mit der Querschnittslähmung nur anders anders. Wenn sich Deine Perspektive öffnet, so dass Du durch die Augen des jungen Praktikanten, des Splitterpatienten, dem Sex-Fragenden und des Disko-Behinderten sehen kannst, wirst Du sehen, dass Dein Idiotenmagnet auch deswegen fest eingebaut ist, weil Du einen Teil der Menschen, die anders anders sind als Du es bist, erst von Dir aus zum Idioten machst.

Olli hat gesagt…

Achso, noch zu den Fragen auf Feiern usw. Ein Freund, der Rechtsanwalt ist, macht das so: Ein-Satz-Fragen, die er eindeutig mit Ja oder Nein beantworten kann, sind OK, alle anderen Fragen erst nach Termin- und Honorarvereinbarung...
Eine Bekannte, die Psychotherapeutin ist, berichtet im wesentlichen von 2 Arten von Reaktionen: einmal defensives agieren so i.S.v. "Hilfe, die analysiert mich" und dann wieder das ich hab da mal eine Frage (ohne genügend Infos zu geben und die Antwort soll passen und helfen).

Anonym hat gesagt…

@HH:

Für einige wird es dann noch problematischer, wenn da dann kein Halbgott in weiß, sondern nur ein "normaler Mensch" - eine Frau oder sogar ein Behinderter - kommt.

Oh, danke, dass ich als Frau zumindest auch zu den "normalen Menschen" gehöre. Wirklich klasse! In was für einer Welt leben denn solche beschränkten Menschen, wenn sie glauben, dass der "Halbgott" nur männlich sein kann? Ich habe da differenziertere Vorstellungen von meiner Umwelt, es gibt nämlich - SURPRISE - auch Ärztinnen, manche sind behindert, manche nicht und manche sind (Schock!) sogar schwarz. Willkommen im 21. Jahrhundert und nein, kein Applaus und keine Entschuldigung für unverschämtes Verhalten, egal wie sehr das Weltbild solcher Kleingeister rappeln mag.

Anonym hat gesagt…

Anonym 18.01. 17.50:
"Wenn Omi mir über den Arm streichelt und mich ewas fragt, dann lächle ich, antworte und wünsche einen schönen Tag. Meistens ist es dann durch freundliches umdrehen schon erledigt. Das schadet niemanden und der Tag ist nicht versaut. Wenn ich nach etwas unverschämten gefragt werde, dann weise ich freundlich und bestimmt darauf hin, dass diese Frage unverschämt ist und ich mir weitere Fragen (ggf ausserhalb der dienstl. notwendigen) verbiete. Fertig, aus."

Ja, aber Menschen sind keine Maschinen und können und müssen sich auch nicht jeden Blödsinn gefallen lassen. Ganz einfach. Ich verstehe nicht, warum es anscheinend wichtiger ist, hier die Position einer unverschämten und dreisten Person zu verteidigen, und dann Jule noch zu unterstellen, dass sie zu dünnhäutig wäre (übersetzt: sich anstellt), anstatt einfach mal die Fakten für sich sprechen zu lassen: Frechheiten bleiben Frechheiten und das muss sich niemand gefallen lassen. Und wer den Tag versaut, ist der Agressor, nicht diejenige, die so blöde Sache gefragt wird. Man muss ja auch nicht künstlich die Rollen verdrehen. Wenn Omi scheiße sagt, muss Omi es auch vertragen können, ihr blödes Verhalten zurückgespiegelt zu bekommen. Dann weiß Omi vielleicht beim nächsten Mal, wie Benehmen und Anstand geht. Und dann findet sich bestimmt auch jemand zum Arm streicheln.

Anonym hat gesagt…

@Anonym 18.01. 17.50:

Du hast meinen Text nicht verstanden. Ich meinte einerseits die freundliche Omi, die einfach einen netten Smaltalk halten möchte und andererseits den frechen Frager. Der Omi muss ich nicht zwingend sagen, dass ich in Ruhe gelassen werden will. Da kann ich auch freunlich und kurz antworten und mich dann umdrehen. Wer frech wird, dem mach ich unmissverständlich klar, dass seine Frage frech ist und ich nichts weiter dazu hören möchte. Mehr kann ich nicht tun. Keine weitere Diskussion zulassen, den Menschen ignorieren und gut. Alles andere werten diese Menschen schon wieder als Diskussionsstart. Und wie ich schon schrieb: Du kannst andere Menschen nicht ändern! Höchtens zum nachdenken anregen. Und ja, Jule stellt sich in der Hinsicht an, dass sie es an sich so tief heran lässt. Dieser Lernprozess tut ziemlich weh, aber es wird eine Zeit geben, da wird sie einen Panzer gebaut haben und verstehen, dass es immer besch.. Leute geben wird.

jali hat gesagt…

Ich weiß, dass ist nicht vergleichbar, aber die Sache mit dem Anwalt kenne ich: Ich bin Informatiker, und habe mir lange angewöhnt das auf Parties Leuten gegenüber zu erwähnen.

Mit welcher Selbstverständlichkeit wildfremde Leute Dir ihr kaputtes Notebook unter die Nase halten, und dann sagen "Du bist doch Informatiker, reparier mir das mal", und dann beleidigt sind, wenn man das dankend ablehnt ist manchmal schon erschütternd.

Ich habe inzwischen immer einen Stapel Karten dabei, von einem Freund der einen PC-Reperaturservice betreibt.

Leider hast Du diese Möglichkeit nicht, da hilft es nur einen Notfallgroschen dabei zu haben, den man den Leuten geben kann. Dann können sie es der Parkuhr erzählen.