Dienstag, 20. Januar 2015

Famulatur und Suizid

Das Wintersemester neigt sich dem Ende zu. Noch bis zum Ende des Monats raucht mein Kopf, dann kann ich das Tempo für rund zehn Wochen ein wenig drosseln. Insgesamt bin ich gut im Rennen. Im nächsten und übernächsten Monat werde ich vier Wochen lang in einer Kinderarztpraxis den ersten Teil meiner Famulatur ableisten. Ich freue mich schon riesig, obwohl es sicherlich ein hartes Stück Brot wird, das ich da zu kauen habe. Die erste Erkältung seit vielen Monaten habe ich schon fest eingeplant. Und täglich morgens ganz früh mein warmes, kuscheliges Bett verlassen zu müssen, um abends völlig erschöpft wieder in selbiges zu purzeln, klingt wahrhaftig nicht nach Semesterferien.

Bis Ende 2016 werde ich auch noch zwei Monate lang in einem Krankenhaus oder einer Reha-Einrichtung ein weiteres Vollzeit-Praktikum machen müssen und für einen weiteren Monat dann noch in einer Hausarztpraxis. Somit sind die nächsten Semesterferien schon gut belegt. Wenn alles gut läuft, bin ich im Sommer 2018 mit dem Studium fertig. Es kann aber auch gut sein, dass sich das Ende noch um ein oder zwei Semester nach hinten verschiebt.

Mehrmals wurde ich bereits gefragt, auch und besonders in Kommentaren zu einzelnen Postings, ob ich schon Pläne für die Zeit danach habe. Mehrmals wurde sogar sehr konkret das Stichwort "Kinderärztin" in den Raum geworfen. Und mit Blick auf meine Wahl bei der anstehenden Famulatur sehe ich die Frage erneut auf mich zukommen, so dass ich schon einmal vorgreife: Ich weiß es noch nicht. Ich möchte mir das absolut offen halten. Eine Weiterbildung zur Kinderärztin wird im Anschluss an das Studium weitere mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen. Das heißt: Vor 2023 wäre ich damit auf keinen Fall fertig. Und das ist noch sooo lange hin, dann wäre ich bereits über 30. Nein, daran mag ich jetzt noch nicht denken.

Zuallererst denke ich über die nächsten Wochen nach. Ob es Eltern geben wird, die mich fragen wollen, ob ein Mensch im Rollstuhl unbedingt in einer Praxis für Kinder- und Jugendmedizin arbeiten sollte? Immerhin könnten die Kinder ja von meinem Anblick traumatisiert werden. Die Kinder selbst sind in aller Regel sehr neugierig und interessiert. Marie meinte schon, ich solle bei ganz doofen Eltern einfach die Kinder fragen, ob sie nicht auch so einen tollen Rollstuhl haben wollen. Ich weiß, wir sind fies.

Und ich lerne ja immer dazu. Mein heutiger Praktikumstag auf der Chirurgie (wir müssen einen Tag pro Woche praktisch ran) war mal wieder bombastisch. Patient eins und zwei waren derart schlecht gelaunt, dass ich froh war, nur zugucken zu müssen. Beim dritten Patienten im privaten Einzelzimmer durfte ich selbst ran und sollte mich um eine Wunddrainage kümmern. Der Mann um die 60 war relativ entspannt, ließ alles mit sich machen, musste mich dann aber beiläufig fragen, ob ich hin und wieder Suizidgedanken hätte. Und damit waren wir schlagartig und ohne besondere Einleitung schon wieder auf jener Ebene, die ich nicht leiden kann und die mich inzwischen auch wirklich seit einigen Wochen zunehmend nervt.

Ich glaube nicht, dass er mich verletzen oder beleidigen wollte. Es war, wie wohl fast immer, einfach nur unbedacht. Aber es ist mal wieder so, dass damit jemand ungefragt in meinen persönlichen Bereich eindringt. Und es ist zusätzlich so, dass meine Kommilitoninnen so etwas nicht gefragt werden. Soll heißen: Es liegt mal wieder ganz klar an meiner offensichtlichen körperlichen Beeinträchtigung. Und es wird assoziiert: Ich habe kein lebenswertes Leben. Oder mein Lebenswert ist zumindest deutlich herabgesetzt. Diese beschissenen Vorurteile gehen mir inzwischen so derbe auf den Keks, dass ich ernsthaft hoffe, dass das irgendwann mal weniger wird und sich bessert mit der Zeit.

Ich lerne ja aber dazu und habe freundlich geantwortet: "Ihre Frage ist ziemlich unverschämt und die Antwort lautet: Kein Kommentar."

Und das war genau die falsche Antwort. Er grinste und sagte: "'Kein Kommentar' heißt 'Ja'." - "Nein, das heißt es nicht." - "Wie lange ist der Unfall her? Es war doch ein Unfall, oder? Ich gebe Ihnen mal einen guten Rat: So ein Medizinstudium eignet sich nur begrenzt dazu, die eigenen Probleme zu lösen. Als angehende Ärztin werden Sie täglich mit Patienten zu tun haben, die schwere Schicksalschläge zu verkraften haben. Da müssen Sie mit sich selbst im Reinen sein. Und das sind Sie nicht, sonst könnten Sie normal über alles reden."

So ein ...! Was redet der mir ein? Ich habe keine Suizidgedanken. Ich hatte auch nie welche, zumindest keine konkreten und schon gar nicht seit meiner Entlassung aus der stationären Rehabilitation. Sicherlich habe ich mir in der Phase nach dem Unfall Gedanken darüber gemacht, wie ein Leben mit Querschnittlähmung aussieht und auf viele Fragen keine Antworten gewusst. Sicherlich war ich in diesem Zusammenhang so verzweifelt, dass mir als einzig sicherer Ausweg aus der Situation das Ende des eigenen Lebens einfiel und ich mir Gedanken darüber gemacht habe, dass mir dabei niemand helfen, geschweige denn diese Aktion für mich umsetzen wird. Also müsste ich es selbst tun. Aber so unerträglich, dass diese Aktion nicht noch ein wenig Zeit hatte, war es nie, auch wenn ich das Gefühl, alles um mich herum würde mich innerlich zerreißen, furchtbar fand. Und so konkret, dass ich mir einen konkreten Plan ausgearbeitet habe, wurde es zum Glück nie.

Aber was geht ihn das bitte an? Ich schluckte die Kröte im Hals herunter und holte Luft, doch meine Anleiterin, die hinter mir stand, zog das Gespräch an sich: "Die Beurteilung, ob meine Kollegin für ihr Studium und für ihren späteren Beruf persönlich geeignet ist, steht Ihnen nicht zu. Und Sie haben hier auch keine Ratschläge zu erteilen. Ihre Frage war völlig unangemessen, und wenn Sie von mir einen Rat wollen, dann sollten Sie sich bei ihr entschuldigen."

Ich war zum Glück fertig. Er sagte: "Ich weiß, warum sich so wenig Patienten darauf einlassen, Ihren Nachwuchs einzuarbeiten. Ich bestehe künftig auf die gebuchte und bezahlte Chefarztbehandlung. Richten Sie das Ihren Kollegen aus und schicken Sie mir Ihren Chef rein!"

Es dauerte keine halbe Stunde, da ließ mich der Chefarzt zu sich rufen und in einem fünfminütigen Gespräch wissen, dass er keine Auseinandersetzungen mit Patienten wünsche, schon gar nicht mit Privatpatienten. Es sei nicht seine Aufgabe, zwischen den Fronten zu vermitteln. Ich habe ihn dann gebeten, mir als Studentin zu helfen und mir einen Rat zu geben, wie ich künftig mit Fragen nach meiner Suizidalität umgehen soll. Er antwortete: "Dazu darf es gar nicht kommen. Sie haben den Hut auf und Sie dürfen dem Patienten gar nicht den Raum für solche Fragen lassen. Überlegen Sie sich vorher, was Sie in dem Zimmer wollen, und dann arbeiten Sie das konsequent ab, und wenn eine Situation kommt, die ein Patient meint mit sinnlosen und intimen Fragen überbrücken zu müssen, arbeiten Sie nicht souverän und vor allem nicht stringent genug."

Ich schluckte. Und antwortete: "Das verletzt mich gerade sehr." - Seine Reaktion: "Dann habe ich ja den richtigen Nerv getroffen. Sie haben ohne Frage das Zeug zu diesem Beruf, sonst hätten Sie es nicht so weit gebracht. Aber inzwischen müssen Sie so weit gekommen sein, dass Sie Regie führen und nicht der Patient. Sie dürfen nicht lange überlegen, nicht lange rumsülzen, sondern Sie machen Ihren Job. Und so lange Patienten Job und Privatleben vermischen und Sie solches Zeug fragen, ist denen Ihre Rolle nicht klar. Sie lassen die Leute zu nah an sich heran. Also treten Sie mal etwas forscher auf, fragen Sie den Patienten nach seinem Befinden und lassen Sie ihn erzählen und berichten, unterbrechen Sie ihn drei Mal mit der Ansage, dass Sie ihm gerade nochmal weh tun müssen, und sobald Ihre Fragen beantwortet sind, rollen Sie weiter zum nächsten Auftrag! Wenn er dann noch was will, wird er sich schon bemerkbar machen. Und wenn dann solche intimen Fragen kommen, dann sagen Sie einfach, Sie seien auf der Arbeit und nicht in der Kneipe. Es bringt nämlich nichts, auf die Einsicht von Menschen zu hoffen, die meinen, solche Fragen stellen zu müssen. Wenn die bis hierher nicht kapiert haben, dass sich sowas nicht gehört und den Respekt vor Ihnen nicht haben, dann erlangen Sie den nötigen Respekt gewiss nicht durch eine entsprechende Belehrung oder durch drei verdrückte Tränen."

Ich schluckte noch einmal. Er fuhr fort: "Ich sehe in Ihren Augen die nächste Frage, die Sie schon gar nicht mehr stellen wollen. Und die Antwort lautet: Doch, Sie sind für die Patienten da. Sie sollen sich Zeit nehmen, Sie sollen auch mit Ihnen reden. Aber Sie erreichen eben nichts bei jenen, die gar nicht reden wollen. Und jemand, der Sie fragt, ob Sie suizidal sind, der will nicht reden. Menschen, die reden wollen, sind still oder reden erstmal über sich. Die öffnen Ihnen ihr Herz. Und mit denen dürfen Sie sich, wenn Sie die Zeit dafür haben, von mir aus auch eine Stunde lang zum Quatschen in die Kantine setzen. Die anderen ändern Sie nicht. Also bleibt Ihnen nichts anderes, als sich selbst anzupassen. Ich habe davon gehört, wie der kleine Junge im Rollstuhl auf Sie abgefahren ist. In Ihnen steckt ein wunderbares Potential. Aber das eignet sich eben nicht für jeden Menschen", sagte er, ging zur Tür und schmiss mich mit einem Händedruck raus.

Ich schluckte ein drittes Mal und konnte mir ein "Danke" nicht verkneifen. Was total komisch wirken muss in Anbetracht der gehörigen Abfuhr. Aber irgendwie hatte er mir einen Spiegel vorgehalten, in den ich noch nie geblickt habe. Vielleicht hilft mir das weiter. Bestimmt sogar. Ich fragte mich, warum ich das bis heute nie so wahrgenommen habe, bin aufs Klo und habe erstmal geheult.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Dein Patient ist klar ein
http://de.wikipedia.org/wiki/Troll_%28Netzkultur%29
= nicht füttern.
Was aber mit Fällen, wo Intention nicht so eindeutig ist?

Anonym hat gesagt…

Jule, es tut mir wirklich leid, dass du das immer wieder erlebst. Und das es dich so mitnimmt. Ich kann mich absolut in dich hinein versetzen. Ich habe es in meinem Kommentar am 18.01. schon geschrieben: Du kannst andere Menschen nicht ändern. Und du wirst diese unverschämten Fragen noch tausendfach bekommen. Einfach weil du anders als der Durchschnitt bist. Es wird immer Menschen geben, die mit Andersartigkeit nicht umgehen können, und meinen, dass diese Menschen nicht zu einem gesunden Miteinander gehören. Es tut mir leid! Aber du musst lernen damit umzugehen. Du wirst nie darüber stehen können, weil du völlig anders erzogen und aufgewachsen bist. Weil du andere Erfahrungen erleben durftest und musstest und du daher ganz anders denkst als einige andere Menschen. Du wirst dich immer Fragen, warum andere Menschen so mies sind. Und du wirst noch viele Tränen weinen. Immer mal wieder wirst du in dieses Tiefe Loch fallen. Aber man kommt dort auch wieder heraus. Auch du. Und irgendwann ist der Panzer dick genug, um sich nicht mehr drüber zu ärgern, sondern mit einem abgeklärten Lächeln zu antworten, wie dumm mancher Mensch doch ist. Und trotzdem wird einem das Loch ab und an einholen. Du kannst es nicht ändern. Nur lernen damit umzugehen.

Olli hat gesagt…

Zunächst dachte ich, was für ein Arsch von Fließ´band-Chirurg, Patienten so abarbeiten, dass die erst gar nicht unsinnige Fragen stellen können. Und dann begriff ich, der ist wohl schon ein guter und empathischer, auch am Patientenwohl orientierter - bei denen, we es möglich ist und sie es verdienen. Solche, die einf<ach auch nach m.E. verständlicher Ermahnung weiter distanzlos sinjd, hat er wohl leider schon zu viele erleben müssen. Möglicherweise gibt es mehr von der Sorte, als ich/wir und träumen lassen :-(.

gismo1978 hat gesagt…

Es gibt schon Arsch***** auf diesem Planeten. Ich glaube mehr gibt es zu diesem Patienten nicht zu sagen.

Aber ich denke auch, daß der Chefarzt Recht hat. Es ist ziemlich hart, wie er Dir das vor dem Kopf gehauen hat. Das geht vielleicht auch anders. Aber ich finde seinen Ratschlag durchaus wertvoll.

SG Björn

Anonym hat gesagt…

Dein Chef ist sehr gut. Und er hat es auf den Punkt gebracht. Für mich las das sich auch aus Deinen anderen Berichten heraus, Beispielsweise bei dem Rempler , beim Einkaufen oder bei Fragen, ob amputierte Beine für Rollifahrer besser wären. Und Dein Chef hat Recht, Du hast den Hut auf, und dieser Hut der steht Dir gut. Ich glaube, ich werde grade auch persönlich, denn wir kennen uns nicht. Aber ich finde, Du hast ungemein was aus Deinem Leben gemacht. Du bist als Jugendliche aus einem normalen Leben herauskatapultiert worden in eine ungewisse, eher augenscheinlich schlechte Zukunft. Und doch hast Du aus Deiner Zukunft was gemacht, darum lese ich Deinen Blog sehr gerne. Du schreibst so schön, und Du gehst in das Leben, lässt Dir meistens nichts gefallen und Du bist taff....Dass Du dabei mental ab und zu Rückschritte machen mußt, ist normal, denn Du bist ein normal fühlender Mensch. Dass Menschen gugen, wenn einer im Rolli sitzt, das bist du gewohnt... und nun mehren sich derzeit die Menschen, die Dich persönliches fragen, auch das wirst Du meistern. Und ich bin überzeugt, dass Du es zu etwas bringen wirst. Ob Ärztin, ob Buchautorin oder auch in anderen (sozialen) Bereichen, das ist völlig egal. Wenn Dir das nun zu persönlich ist, dann macht es nix, wenn Du das nicht veröffentlichen würdest. Ein freundliches Wochenende Wünsche ich. Eine Mama, achja, und wenn Du magst, schau mal bei Alina-Herzkind in npage, hab Dich verlinkt, hoffe, dass ist ok.

Anonym hat gesagt…

Es bleibt dabei: Ich finde den Chefarzt dir gegenüber ungerecht und übergriffig. Die ersten drei Sätze waren schon zuviel.

Downygirl hat gesagt…

Liebe Jule, ich habe vor einigen Tagen dein Blog gefunden und musste beim Lesen schon mehrfach nach Luft schnappen. So auch bei diesem Beitrag. Ich gebe deinem Chefarzt recht. Du wirst dir ein dickes Fell wachsen lassen müssen ( und das wirst du auch ganz sicher hinbekommen!), denn in dem von dir gewählten Beruf stehst du in der Öffentlichkeit. Und du bist anders, das fordert viele irgendwie heraus. Traurig, aber so istes eben. Das ändert aber nichts an der Tatsache das solche Grenzüberschreitungen ein absolutes No-Go sind. Punkt. Ich denke, das bei dir drei Faktoren zusammenkommen- jung, weiblich und im Rollstuhl. Ich bin mittlerweile nicht mehr ganz so jung (33 Jahre), immer noch weiblich, Fussgängerin. Und es hat in den letzten Jahren spürbar nachgelassen das sich solche geistigen Tiefflieger ( meist Herren jenseits der 50) trauen mir dumm zu kommen. Warum? Ich kann nur mutmassen. Allerdings habe ich mir das angewöhnt was meine Mom ein "Pokerface" nannte. Für gewöhnlich reicht ein Blick, und mein Gegenüber denkt nochmal drüber nach ob er sich auf ein Gespräch einlassen will. Das kommt mit der Zeit, ganz von allein.

Anonym hat gesagt…

Ein klare Antwort für den Nächsten, der Mit dem Thema Suiz.. kommt:

"Psst! Verraten Sie es nicht weiter, aber ich habe den Schrank mit dem 'Zyklon-B' noch nicht gefunden."

Vielleicht merkt er dann welche Meinung bezüglich 'Behinderter' er an den Tag legt.

Philipp hat gesagt…

Hallo Jule,

Ich weiss es ist schwer aber du hast eben einen Beruf mit viel Publikumsverkehr und das mit einem relativen Querschnitt durch die Gesellschaft. Vom Obdachlosen über den Bauarbeiter bis zum Bänker oder eben zum Selbstzahler.

Da sind viele Menschen mit vielen dummen Fragen dabei.

Was dein Chef da gesagt hat hat mich beeindruckt. Ich denke er hat recht. Jemand der solche Fragen stellt macht das nicht aus Interesse sondern aus Provokation und wenn man sich darauf einlässt zieht man immer den Kürzeren.

Ich hatte einmal eine Arbeitskollegin in meiner Umschulung die auf einer Kinder-Brandverletzten-Station gearbeitet hatte. Die sagte auch immer, wenn Sie damals das alles immer persönlich an sich rangelassen hätte wäre Sie daran kaputt gegangen. Ich denke das ist vergleichbar.

Mach dir nichts aus den dummen Kommentaren und versuche drüberzustehen. Auch Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben in eine Gesellschaft hineinzuwachsen für die Inklusion kein Fremdwort sondern gelebte Realität ist.

Grüße aus Dresden

Philipp

Rike hat gesagt…

Ich musste ziemlich schlucken, als ich die Kommentare von deinem Chefarzt gelesen habe. Er mag ja Recht haben, wenn er meint, dass du von deinen Patienten Respekt verlangen musst und das dazugehörige Auftreten entwickeln musst, aber er macht es sich meiner Meinung nach trotzdem ein bisschen einfach.

Es ist ein Unterschied, obe ein Patient einen gestandenen Mann und Chefarzt vor sich sieht oder eine junge Studentin, die vielleicht grade die Hälfte ihrer Ausbildung hinter sich hat. Das sind ganz unterschiedliche Ausgangssituationen und er kann nicht von seiner auf deine schließen. Und wenn er von dir verlangt, zu lernen sich den Respekt deiner Patienten zu erarbeiten, dann sollte er dir meiner Meinung nach auch das nötige Werkzeug dafür geben. Und dazu gehört auch die Gewissheit, dass dein Chefarzt bei Problemen mit übergriffigen Patienten hinter dir steht und nicht vor der Privatkasse kuscht. Ich meine, was erzählt er denn einer Mitarbeiterin, die körperlich oder sexuell angegangen ist. Ist das auch ihre Schuld, weil sie nicht stringent genug gearbeitet hat?

In so fern, er hat Recht, dass Idioten, die dich nach deinen Suizidgedanken fragen, nicht an einem echten Gespräch interessiert sind. Aber du bist nicht diejenige, die sich deshalb anpassen müssen sollte. Zumindest nicht theoretisch. Praktisch wird dir wohl erst mal nichts übrig bleiben als auf eine dickere Haut zu setzten, aber dein Chef lag falsch darin, dir die Verantwortung für diese Situation überzuhelfen.

der 8. Tag hat gesagt…

Das war nicht als 'Abfuhr' sondern als professionelle und durchweg konstruktive Kritik zu verstehen. Somit war Dein Dank nicht widersprüchlich... eher angemessen. Derartige 5 Minuten sind womöglich für die spätere Praxis wertvoller als manch 5-monatige Vorlesungsreihe.
Vielleicht ist es eine Überlegung wert, den Chefarzt zum Ende Deiner Zeit in der Klinik um ein abschließendes Gespräch zu bitten. Du könntest ihm nochmals für die wertvollen Gedanken danken und ihn um seine persönliche Meinung für Deinen weiteren Weg fragen. Er wird es a) zu schätzen Wissen, b) sicher (s)eine weitere wertvolle Einschätzung teilen und Dir c) somit im Idealfall helfen, Deine bekannten und von ihm auch benannten Stärken auszubauen und vermeintliche Schwächen besser ausmerzen zu können.

Weiterhin viel Erfolg für Deine spannende Karriere und Dank fürs Teilhaben lassen!

Johanna hat gesagt…

Ich hätte bestimmt auch geheult. Habe ich auch bereits nach Gesprächen mit Praxisanleitern (anderer Bereich). Und doch waren es genau diese unangenehmen Blicke in den vorgehaltenen Spiegel, die mich haben wachsen lassen.

Ich halte Klarheit für einen der wichtigsten Begleiter im Kontakt mit Menschen. Den Chefarzt habe ich auch so verstanden: es braucht ein gut sortiertes und klares Innen, um ein Gegenüber zu sein, das keine Fläche, bzw. kein Schlupfloch für Übergriffigkeit anbietet.

Liebe Grüße, Johanna

Sandra hat gesagt…

Der Chefarzt hat mit seinem "Einlauf" genau das ausgedrückt, was ich nach deinem letzten Post zu dem Thema schon formulieren wollte.

Ich arbeite auch als Assistenzärztin, habe ein paar Dienstjahre auf dem Buckel, bin aber noch lange kein "alter Hase" und kann aus Erfahrung sagen: DIESE Typen suchen bei allen einen Anknüpfungspunkt um auf die private/persönliche Ebene zu kommen, das ist deren Verständnis von "normaler Kommunikation". Und sie suchen sich IMMER das offensichtlichste. Zu Beginn meiner Dienstzeit wurde ich auf mein jugendliches Aussehen angesprochen (Zitat: "Sie sind Ärztin?! Sie sehen aus als wären sie zwölf!"), danach auf mein Gewicht (ich bin sehr schlank, schon immer gewesen), dann auf meine Kurzhaarfrisur ("Aber mit der Weiblichkeit haben Sie's nicht so, gell? Naja, man liest ja, dass auch in akademischen Berufen immer mehr Homosexuelle arbeiten...") und neuerdings auf meine Schwangerschaft ("Ach Gott, ein Kind bei so einem Beruf, das sind dann die armen Würmer, die schon mit 6 Monaten in die KiTa müssen.")

Wie gesagt: Mit zunehmender Souveränität nimmt das DEUTLICH ab! Wie dein Chefarzt schon sagt: Man muss das Heft in der Hand behalten und seinen Patienten leiten, agieren statt reagieren. Das ist allerdings eine harte Lektion, die einem im Studium keiner beibringt und solange man noch "Studentenstatus" und damit auch nicht wirklich "was zu sagen" hat auch gar nicht einfach umzusetzen. Aber ich bin mir sicher, du kriegst den Dreh recht schnell raus. Das macht es leichter für dich UND deine Patienten ;)

LG,
Sandra

Anonym hat gesagt…

Nachtrag zu Anonym 24. Januar 2015 um 21:12 :

Zur Sicherheit sollte man vorher einem Vorgesetzten, bei dem man sich sicher ist, daß dieser es sich merken kann und wird, 'vorwarnen' daß man diese Formulierung gebrauchen wird.

Nicht das einem danach diese Formulierung als Ankündigung eines 'S' ausgelegt wird.

Anonym hat gesagt…

Tip:antworten einsilbig monoton, nur aufbDEIN topic begrenzt.
Mach es ihm langweilig, dich son schiet zu fragen.

"Hmn" "okay" "und sie?" "Okay, und wie genau haben sie sich verletzt"

(D.h langweilige antwort, dann umleiten zu deiner frage)
"Das ist unangemessen" "sie haben mich was? gefragt? (Nach 2,3 wiederholungen)
Und warum meinen sie, ich wäre suizidal?
Das heisst also was?? (Irgendwann merkt er selbst, wie dumm seine behindert=leben zuende-annahme ist)

JayJay hat gesagt…

Liebe Jule,

schon wieder so eine blöde Situation. Ich hab es bei der Frage, ob Rollifahrer ohne Beine besser dran wären schon geschrieben: Es gibt viele Menschen da draußen, die ungefragt ihre Meinung kundtun und sich ein Urteil erlauben, wo sie besser den Mund hielten. Das wird sich nicht ändern und diese Menschen werden sich nicht ändern, egal wie du in diesen Situationen reagierst. Von daher hat dein Chef Recht. Er hat dir sicherlich einen Spiegel vorgehalten, wie vielleicht die Kommentare bei der Beinamputationsthematik auch schon. Das tut weh und ist unbequem.

Aber hey, du tust allein mit diesem Blog schon so unendlich viel dafür, dass Fußgänger die Rollifahrer besser verstehen. Du hast im Alltag schon sooo viele Situationen gemeistert, die ähnlich waren. Du packst das auch weiterhin! Du bist toll so wie du bist. Du hast aus einer Wendung in deinem Leben, an der viele verzweifeln, das Beste gemacht. Du hast dich aufgerappelt, die Zähne zusammengebissen und dich nicht unterkriegen lassen. Du hast dich gegen ein Leben als Frührentner in Betreuung entschieden und stattdessen für ein Studium, für einen normalen Lebensweg junger Menschen, für eine Perspektive. Du hast so viel erreicht bisher, du "stehst deinen Mann" (entschuldige die plumpe Redewendung) besser als mancher Fußgänger. Es gibt also keinen Grund, dich von solchen Situationen aus der Bahn werfen zu lassen. Versuch, drüber zu stehen. Das ultimative Rezept, einen Menschen in einer Minuten zu ändern oder zur Vernunft zu bringen, wurde leider noch nicht gefunden ;-)

Kopf hoch und liebe Grüße.

ednong hat gesagt…

Puh,
harter Tobak.

Vermutlich hat dein Chef schon recht - er hat nicht die Zeit und Lust, zwischen dir/einem anderen Mitarbeiter und Patienten zu vermitteln.

Und er hat weiterhin Recht damit, dass ein gewisser Respekt gewisse Fragen bzw. Distanzlosigkeit unterbindet. Das Auftreten ist entscheidend.

Und auf eine - mMn - ziemlich harte Art hat er dir klargemacht, wie das seiner Meinung nach funktionieren kann. Letztlich liegt es bei dir, das oder anderes umzusetzen, um dir mehr Respekt beim Patienten zu erarbeiten.

Ich denke, er hat damit schon Recht. Allerdings ist dann auch noch die Frage: Wie willst du ggü. dem Patienten wirken/auftreten? Ich vermute mal, darüber hast du dir noch keine Gedanken gemacht. Und wahrscheinlich auch nicht darüber, welche "Macht" bzw Position du mit deinem Auftreten hast/haben kannst. Und welche Wirkung(en) das erzielt.

Von daher kannst du da jetzt verschiedenste Dinge ausprobieren und gucken, wie das Ganze ankommt. Ich wünsche dir Erfolg dabei.

Xin hat gesagt…

Ich wollte schon auf meinen Kommentar vom 19. hinweisen - gleiche Situation, gleicher Fehler - aber dann kam der Chef-Arzt dazwischen.

"Haben Sie Suizidgedanken?" Blöde Frage. Natürlich, wer hat die schließlich nicht!?
Ich würde Dich nicht fragen, aber ich weiß das auch so - unabhängig von Deinem Blog.
Du sitzt im Rollstuhl, klar ist Suizid für Dich ein Thema, wenn's im Leben scheiße läuft. Wie für uns alle.

Und Dich stört das. Warum eigentlich?

Wenn ich mich umbringen möchte, weiß ich auch wo und wie. Sofort tot, keine Leiche zu entsorgen, keiner muss putzen. Details behalte ich für mich, keine Lust nachher anstehen zu müssen. ;-)
Und ich verreise, was bedeutet, dass die Ausführung eine Reisezeit beinhaltet, also die Möglichkeit in höchster Verzweiflung nochmal Nachdenken zu können und statt Selbsttötung vielleicht einfach nur einen Urlaub zu machen.
Ein gut geplanter Suizid ist die halbe Miete für ein glückliches (Weiter-)Leben.
Aber das ich weiß, wo ich mal sterben möchte, heißt doch nicht, dass ich mich jetzt umbringe?
Suizid ist für mich kein schlimmes Thema, was dazu führt, dass man mit mir über gewollten Suizid reden kann, womit ich es schon mindestens einer Person habe ausreden können.

Der Patient hat auch recht: Du musst mit Dir im Reinen sein. Was spricht gegen "Nein?" als Antwort? Oder spötischer mit einem Grinsen "Just in diesem Moment geht's noch."
Oder wenn Du deinen ehrlichen Tag hast: "Hatte ich nach dem Unfall, aber das ist lange her und heute bin ich ja für Sie da."
Was ist daran so schlimm?

Den Spruch mit der Kneipe finde ich noch besser, wenn man das Thema abbrechen möchte.

Du solltest wirklich mal tief Luft holen, denn auch der Patient hat recht, so unverschämt es ist: Du solltest mit Dir im Reinen sein.

Ein Kompliment an Deinen Chefarzt. Um sich selbst zu erkennen braucht man Leute, die einem den Spiegel auch dann vorhalten, wenn es weh tut. Dafür braucht es Menschen, die bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen, wenn Sie Dir weh tun.
Ich habe Dein ganzes Blog gelesen. Dass die Antworten vom Himmel fallen, würde ich mich wundern, aber die Zeit wird Dir die Antworten bringen, da habe ich keine Zweifel.
Du wirst über solche Fragen in zwei, drei Jahren lachen.

Xin hat gesagt…

PS: Um den üblichen Kommentaren ein Gegengewicht zu bringen: Es tut mir nicht leid, dass Dir das passiert. Es ist wichtig, dass Dir das passiert, damit Du Dich mit Dir auseinandersetzen musst.

Petra hat gesagt…

Liebe Jule,
es passiert leider, dass man auf solche Typen trifft. Es ist ein Machtspiel. Deshalb passiert es Frauen viel häufiger als Männern. Und deshalb passiert es Leuten mit sichtbarer Behinderung häufiger als Leuten ohne.

Ich versuche, mich auf solche Machtspiele nicht einzulassen, nach dem Motto "mich kriegste nicht, Du kannst alleine spielen." Manchmal funktioniert es gut und dann kann ich ueber plumpe Dominanzversuche lachen (das ist uebrigens das effektivste Abwehrmittel). Manchmal funktioniert es weniger gut und dann hilft es, sich daran zu erinnern, dass solche Leute ernsthafte Probleme haben und mit ihrem eigenen Leben nicht klar kommen. Eigentlich koennen sie einem leid tun, denn sie finden keine Möglichkeit, etwas an ihrem eigenen Leben zu ändern. Stattdessen vesuchen sie, andere runterzuziehen, damit ihr eigenes Leben ein wenig besser aussieht. Das gibt ihnen vermutlich einen kurzfristigen Kick und ich könnte mir gut vorstellen, dass die mit der Zeit immer mehr brauchen, damit sich der Kick einstellt. Etwas ändern wird sich fuer sie erst, wenn sie sich trauen, sich mit ihrem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Wenn Du ihnen helfen möchtest, dann red mit ihnen ueber ihr eigenes Leben. Solange Du ueber Dein Leben redest, verstärkst Du ihr Problem.

Liebe Gruesse
Petra

Anonym hat gesagt…

So,so der Herr Vorkasse-Privatpatient hat den Nachwuchs also "eingearbeitet" und leitet somit das Recht ab,sich vom Nachwuchs gratis bespaßen zu lassen?! Was für ein Arschloch! Soll erstmal NACHTRÄGLICH seine Rechnung bezahlen, wennˋs denn dafür überhaupt langt.
Der Chef glänzt auch nicht gerade durch akute Empathieschübe, hilft Dir aber vielleicht, Dich selbst abzuhärten gegen solche Patienten. Ich bleibe dabei: der Leistungsempfänger - vulgo Patient- hat nichts im Privatbereich der Ärztin zu suchen, aber gar nichts.

Anonym hat gesagt…

Der Patient ist ein Idiot, der kein Benehmen hat. Punkt. Und nein, in so einem Kontext ist die Frage nach einem Suizid auch nicht normal oder ein gleichberechtigter Austausch, sondern pure Provokation, die zur Verunsicherung einer jungen Frau dienen soll. Und das ist echtes Arschlochverhalten. Und ob die Ansage von deinem Chef die richtige ist, wage ich zu bezweifeln. Ich finde es sehr viel sinnvoller, dass ein Chef klarmacht, dass er hinter seinen Leuten steht. Deswegen verstehe ich die Frage von Rike auch sehr gut. Was wäre, wenn da noch mehr schief gelaufen wäre? Übergriffige Patienten gibt es eben auch. Punkt. Und manche Dinge kann man eben auch mit seinem Auftreten nicht verhindern - sonst wäre doch alles so wunderbar leicht ihm Leben, nicht wahr?

Anonym hat gesagt…

Ich habe lange überlegt ob ich meinen Senf dazu geben soll oder nicht.
Als ich das Gespräch mit dem Chefarzt lass, war mein erster Gedanke: Was für ein Anus! Nach kurzem nachdenken, erkannte ich erst, daß der gute Mann Jule nichts Böses wollte, er hat halt das Ganze mur in bester Chefarztmanier artikuliert.
Was denn Patienten betrifft: Jule ich verstehe Deine Wut. Warum muss man um Rollstuhl unglücklich sein? Wie kann es der Mann wagen, zum Ausdruck zu bringen, daß ein Leben im Rollstuhl so mies ist, daß man an Suizid denken muss. Daß das an Jule nagt, verstehe ich. Aber sie muss dorthin, daß ihr das egal ist. Was aber leichter gesagt als getan ist.
Wobei der Umgang mit Jule manchmal heikel sein könnte. Ich bin überzeugt, daß wäre ich mit ihr konfrontiert, und würde ich sagen:"Sie machen das aber toll. Meine volle Bewunderung, daß Sie den Arzt Beruf ergreifen, trotz Ihrer Behinderung", wäre sie auch sauer, und ich ein Mitglied des Bullshitbingovereins.

Andreas

Anonym hat gesagt…

Hey Jule

Dein Chef hat schon recht - deine Patienten kommen zu dir, die Begegnung findet an einem Ort statt, an dem du dich auskennst, und sie nicht - da solltest du auch den Gesprächsverlauf gestalten. Andererseits hat er leicht reden, weil die Klientel, die denkt "Rollstuhl = keine Autoritätsperson" und dann bei dir ihre Grenzen austestet, mit denen musste er sich ja nie herumärgern.

Aber wenn die Leute sogar so dreist sind, dich nach Suizid auszufragen? Schau sie ernst an, frag, ob sie öfter über Suizid nachdenken, hake nach, gib ihnen eine Hotline-Nummer die sie anrufen können, mach dir gar eine Notiz... ;)
Vielleicht ist es ja tatsächlich ein ungeschickter Hilferuf, und wenn nicht? Dann lernen sie doch, vorsichtiger zu sein mit so übergriffigen Fragen.

Ella hat gesagt…

Ein Chefarzt, der Klartext redet und völlig recht hat - sei dankbar für seine wertvollen Hinweise. Sentimentalität ist hier fehl am Platz.