Samstag, 31. Januar 2015

Nachruf

Auf dem Weg zu Marie fuhren wir an einem öffentlichen Verwaltungsgebäude der Stadt vorbei, das nachts recht dezent angestrahlt wird und vor dessen Eingang drei Fahnenmasten stehen. Die Hamburg-Fahne hängt dort hin und wieder zusammen mit der des Bezirks, in dem das Gebäude steht. Am Christopher-Street-Day flatterte dort auch schon mal die Regenbogenfahne. Heute sah ich im Vorbeifahren aus dem Augenwinkel Europa, Deutschland und Hamburg - alle drei auf Halbmast. Nach der dreitägigen Staatstrauer um die ermordeten Mitarbeiter von Charlie Hebdo Mitte des Monats und dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist das nun der dritte Anlass innerhalb so kurzer Zeit. Auch Maries Mutter sah das und fragte: "Was ist denn jetzt schon wieder los?"

Richard von Weizsäcker ist gestorben. Den ehemaligen Bundespräsidenten (1984 bis 1994) habe ich selbst nicht in seinem Amt wahrgenommen. Als er sein Amt an Roman Herzog abgab, war ich gerade mal ein Jahr und zehn Monate auf der Welt. Aber Maries Eltern waren beide sichtlich bewegt, als sie davon erfuhren. "Das war ein Guter", meinte Maries Papa. Und erzählte.

"Lassen Sie uns die Behinderten und ihre Angehörigen auf ganz natürliche Weise in unser Leben einbeziehen. Wir wollen ihnen die Gewißheit geben, daß wir zusammengehören. Damit helfen wir nicht nur ihnen, sondern auch uns selbst. Denn wir lernen im Umgang mit ihnen wieder zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben.", sagte er in seiner Weihnachtsansprache 1987, also vor nunmehr fast 30 Jahren, und regte dabei zum Nachdenken an, ob "wir vielleicht mit eigenen Hemmungen gegenüber Behinderten nicht fertig" werden.

Ist das erst dreißig Jahre her? Hat wirklich ein Bundespräsident, noch dazu ein guter, diese Worte an das Volk gerichtet, um dafür zu werben, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr ausgegrenzt werden?

Ich will das gar nicht kritisieren. Sondern nur für mich realisieren. Eine solche Ansprache wäre heute kaum mehr vorstellbar. Sofort würde eine Stinkesocke in ihrem Blog rumnörgeln, dass "wir" in "euer" Leben nicht einbezogen werden wollen, schon gar nicht als Alibi, aus Hilfsbedürftigkeit oder zu einem guten Selbstzweck - schließlich sind wir ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft. Heute. Oder zumindest morgen.

Aber damals eben nicht. Damals gab es auch keine Blogs. Damals gab es noch nicht einmal das World Wide Web. Zumindest nicht in der für jeden Bürger zugänglichen Form. Damals hätte ich mir eine andere Möglichkeit suchen müssen, nach einem schweren Unfall weiter zu leben. Ich bin mir nicht sicher, ob und wie es mir gelungen wäre.

"Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann."

So ging die oben erwähnte Weihnachtsansprache weiter. Und dieser Satz von ihm wird häufig zitiert. Mit "Behinderung" meinte er damals nicht die heutige Definition des Wortes, nämlich die Wechselwirkung einer persönlichen Beeinträchtigung mit den Barrieren der Umwelt, sondern eben "nur" die persönliche Beeinträchtigung - wie es damals üblich war. Und ich glaube auch nicht, dass es aus heutiger Sicht glücklich ist, mir als Rollstuhlfahrerin vorstellen zu müssen, dass mir jemand ein Geschenk genommen hat. Ich persönlich würde also eher auf eine kämpferische Formulierung ansprechen, auf eine, die von meiner Person eine Antwort auf eine Herausforderung erwartet.

Aber ich bin und war nicht angesprochen. Sondern ein Volk, das Menschen mit Behinderung ausgegrenzt hat. Und das von seinem Bundespräsidenten aufgefordert werden musste, diese Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.

Was genau seine Worte bewegt haben, lässt sich nicht feststellen. Was sich jedoch genau feststellen lässt, ist die Richtung, die seine Worte vorgeben. Auf diese Vorgabe lässt sich heute, nach so viel Veränderung in unserer Gesellschaft, noch auf einer geraden Linie zurückblicken. Und das finde ich toll.

Dass ich mich als Teil der Gesellschaft fühle, dass ich gleichberechtigt dazu gehöre, so wie ich bin, ist nicht nur ein Verdienst. Sondern auch ein Geschenk, das der Gesellschaft hoffentlich niemand mehr nimmt. Danke, Richard von Weizsäcker.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Ja, so war das damals. Damals, als die Mauer noch stand. Damals, als der Russe vor der Tür stand.

Und das ist gar nicht so verwunderlich. Bedenke, dass beispielsweise der § 175 StGB, der sexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte, erst 1994 abgeschafft wurde. Vor 21 Jahren. Nach der Ansprache von Weizsäckers.

Die Weihnachtsansprache von 1987 ist übrigens auch bei Youtube zu finden.
http://youtu.be/1bYHKRsoxcE

Sein Aufruf gegen Fremdenhass ist heute noch aktuell.

Richard von Weizsäcker war in jedem Fall einer der letzten Staatsmänner im Amt des Bundespräsidenten, und (Selbst-)Darsteller wie Horst Köhler, Christian Wulff oder auch Joachim Gauck sind für von Weizsäcker eine Beleidigung.

jali hat gesagt…

Ich bin in der Zeit groß geworden, als von Weizäcker Präsident war. Mein Eindruck ist, dass seine Worte nicht nur leere Worte waren.

Natürlich waren das andere Zeiten, wenn ich jetzt damals sage, komme ich mir entsetzlich alt vor. Behinderung war nicht wirklich ein Thema, behinderte Menschen wurden in spezielle Institutionen gegeben, und man kümmerte sich dort, weit weg vom Rest der Bevölkerung, so lala um ihre Bedürfnisse.

Jeden ersten Freitag im Monat spielten im ZDF drei Kandidaten um den "Großen Preis", zu Gunsten der "Aktion Sorgenkind", die heute "Aktion Mensch" heißt, sich aber, wie Du ja selber schon erfahren hast, noch nicht völlig davon gelöst hat, Behinderte als "Sorgenkinder" zu betrachten.

Unter von Weizäckers Schirmherrschaft wurden erste Schritte in Richtung Integration gemacht (der Begriff "Inklusion" war, glaube ich, damals noch nicht mal erfunden). Für mich bedeutete das, dass ich erstmals in meinem Leben tatsächlich Kontakt mit behinderten Menschen bekam (wir wurden ja sorgsam voneinander abgeschirmt): Unsere Schule machte ein gemeinsames Projekt mit der benachbarten "Förderschule für geistig Behinderte" (so hieß das damals). Von da an fanden alle Schulfeste, Sportfeste und was man noch so an größeren Schulveranstaltungen gab, gemeinsam statt.

Wir hatten dabei immer viel Spaß, und ich glaube ich habe eine Menge dabei gelernt. Vor allem der Sport war toll. Wir waren ja alle noch sehr jung, und die meisten von uns dachten noch nicht so über Behinderung wie die Erwachsenen. Auf dem Sportplatz waren dann entsprechend alle gleich. Beim Fußballspiel hieß das dann auch mal, entsprechend ruppig an den Gegner zu gehen (da hat sich keines der Teams was gegeben). Rückblickend denke ich, dass solche Aktionen viel öfter nötig gewesen wären. Auch weil die Behindertenpädagogik damals geistg behindeten Kindern viel zu wenig zugetraut hat. Menschen wie Pablo Pineda hatten es wahnsinng schwer, weil keiner geglaubt hat, dass jemand mit Trisomie 21 überhaupt lesen und schreiben lernen kann, ganz zu schweigen von einem Universitätsabschluss.

Gegen das Programm gab es damals mächtigen Widerstand von Seiten der Eltern (also der Eltern der Nicht-Behinderten). Weil das Ganze eben wirklich versuchte etwas gemeinsames zu sein, und keine Charity-Aktion, fürchteten viele, dass der häufige Kontakt mit den behindeten Schülern die Leistungen ihrer Kinder negativ beeinflussen könnte; ganz so als sei eine Behinderung ansteckend (dabei wurden wir nicht mal gemeinsam unterrichtet).

Dass der Bundespräsident sich für diese Art von Aktionen eingesetzt hat, hat vielen Gegnern den Wind aus den Segeln genommen. Über "Linke Alt-68er" unter den Lehrern konnte die Spießerseele sich empören. Beim Bundespäsidenten war das schon schwieriger.

Ich glaube deswegen, sein Einsatz hat viel gebracht.

Chrissy hat gesagt…

Danke Jule für deinen Eintrag. Ohne deine Zeilen wäre dies unbeachtet (von mir) vorübergegangen. Habe mir auch gerade die Weihnachtsansprache angehört und seine Worte sind ehrlich und ja, leider (teilweise) wieder verdammt aktuell. Intoleranz, Hass, Angst, welche zu Hass führen kann. Vorurteile, die nicht hinterfragt werden. Noch immer sind Behinderte nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wir sind allerdings schon auf einem guten Weg, finde ich. Ich danke auch allen Behinderten, die ihr Schicksal nicht einfach hingenommen haben, sondern für Teilhabe und Rechte gekämpft haben und den Weg für uns "nächste Generation" geebnet haben. Jetzt sind wir an der Reihe, weiterzumachen und nicht aufzugeben.

Danke Richard von Weizsäcker, auch wenn ich ihn nicht persönlich im Amt habe kennenlernen können!

Anonym hat gesagt…

Der Große Preis lief donnerstags. Freitags dann Derrick usw. ;-)

Anonym hat gesagt…

@jali hat u.a. folendes treffend ausgesagt: "Behinderung war nicht wirklich ein Thema, behinderte Menschen wurden in spezielle Institutionen gegeben, und man kümmerte sich dort, weit weg vom Rest der Bevölkerung, so lala um ihre Bedürfnisse."

Das gilt auch für unser Alpenland südlich des Bodensees und ich kann das am eigenen Beispiel dokumentieren. Einst mit einer hochgradigen Sehbehinderung zur Welt gekommen, gehe ich in absehbarer Zeit nach einer akademischen freiberuflichen Tägigkeit dem Rentenalter entgegen. Was wäre aber aus mir geworden, wenn meine Eltern im Zeitpunkt meiner Einschulung einfach den behördlichen Anordnungen gefolgt wäre? Das hätte geheissen: Blindenschule in einem weit abseits vom Elternhaus gelegenen ausserkantonalen Internat. Ich kann aus heutiger sicht nur erahnen, wie viele Sitzungen es mit Funktionären, Gutachtern, Adjunkten, Sekretären bis hinauf zum Schulpräsidenten der immerhin einwohnerstärksten Stadt dieses Landes gebraucht hat, bis man mir endlich wenigstens einen Platz in einer Sonderklasse zusammen mit Hör-, Sprach- und Mehrfachbehinderten zuwies. Folge war eine absolute Unterforderung und ein Bildungsrückstand gegenüber der Normalschule. Da haben meine Eltern ein zweites Mal eingegriffen und sie haben in unserem Stadtkreis nach längerer Recherche einen Lehrer der 4. Grundschulklasse gefunden, der bereit war, mich aufzunehmen. Das hiess erst einmal nacharbeiten. Das Wort Grammatik beispielsweise war für mich ein Fremdwort. Gegen Ende der Sechsten war ich dann soweit, dass ich mit dem Grüppchen mithielt, das sich aufs Gymnasium vorbereitete. Das hätte ich allerdings auf die Dauer nicht geschafft. Nach zwei Jahren Sekundarschule ging es dann ab zum Wirtschaftsgymnasium und anschliessend an die Uni. Doch wenn es nach dem Willen der Behörden gegangen wäre, so hätte ich diesen Weg wohl nie beschritten. Den Eltern sei Dank.

Anonym hat gesagt…

An diese Ansprache und Weihnachten 1987 kann ich mich noch erinnern, obwohl ich damals gerade 12 Jahre alt war. Zum Einen weil mir die Thematik familiär bekannt war (der jüngste Bruder meiner Mutter war körperlich und geistig behindert(obwohl ich mir heute nicht mehr sicher bin ob er geistig nicht fitter war als wir alle glaubten und nur seine durch Spastik wirklich schwer verständliche Sprache ihn daran hinderte wirklich kommunizieren zu können) und weil es sich wirklich zu dem Zeitpunkt zu der Thematik etwas tat. So lief 1987 die ZDF-Weihnachtserie "Anna" und lieferte den ersten aktiven Protagonisten im Rollstuhl (und in Patrick Bach war ich rückblickend eh ziemlich verknallt, noch mehr das Jahr drauf als der Kinofilm lief, der erste Film bei dem ich mehr als 1x im Kino war).Und ja die Ansprache Richard von Weizäckers hat viel bewirkt, aber auch der Zeitgeist fing damals an sich zu verändern. Dazu gehört sicher auch, dass irgendwann im Laufe des Jahres das erste Mal in einer TV-Dokumentation über die Euthanasie ind der NS-Zeit berichtet wurde mit viel Details und Bildern und mir mit elf Jahren ( heimlich Fernsehen , wenn die Eltern weg sind wird scheinbar bestraft)erstmals eine Ahnung von den schrecklichen Dingen die gut 40 Jahre vorher in diesem Land geschehen waren vermittelte. Und das wie gesagt ziemlich nahe gehend durch meinen Onkel, den ich ja mein ganzes Leben kannte und durch meine 68er-Eltern (Vater sogar Lehrer)hatte ich auch Kontakte bei integrativen Freizeiten, Veranstaltungen. Das ich schockiert war ist stark untertrieben. Ich denke es fand damals recht starkes Umdenken statt, was durch von Weizäckers Rede gekrönt wurde. Und ja, er war der letzte wirkliche Staatsmann in diesem Amt.

Olli hat gesagt…

Wiedermal ein toller Beitrag von Dir. Aber die Überschrift... Wie war das, Grapefruits und Pomelos senken Blutdruck? Dann muß ich wohl mal eine futtern.

Olli hat gesagt…

Spannend fand ich es be mir, dass ich im Laufe der Jugend/frühen Erwachsenenzeit letztlich aus eigenem Antrieb durch die Medien "vertrauter" mit den Politikern wurde, die ich selber aktiv kaum erlebte. Gut, zu der Zeit hatte es auch diverse Politiker mit größerem Format - Kinder der 70er haben bestimmt mehr/besseres über Schmidt und sein wirken erfahren können, als es zB für Kinder der Nuller-Jahre und den Kanzleramtszaunrüttler der Fall sein wird.

Jali hat gesagt…

@Anonym 10:53: Du hast natürlich recht, Wim Thöhlke kam immer Donnerstags, nicht Freitags. Um 19:30, glaube ich. Danach musste ich nämlich immer ins Bett. :-)

Jali hat gesagt…

@Anonym 13:38:
Ein Glück, dass Deine Eltern so engagiert waren.
Leider ist das ja nicht in allen Familien so, außerdem sollte es eigentlich nicht nötig sein, dass man für eigentlich selbstverständliche Rechte so hart kämpfen muss.

Wenn ich mir die Situation an den Schulen heute so ansehe, glaube ich auch nicht, dass sich wirklich so viel geändert hat. Inklusion findet an vielen Orten nur auf dem Papier statt, bzw. wird als Ausrede benutzt Personal einzusparen, und Kosten zu senken.

Eine befreundete Lehrerin, die eigentlich aus dem Förderbereich kommt, erzählt immer wieder, wie sie -anstatt für sinnvollen inklusiven Unterricht eingesetzt zu werden- immer wieder "Lückenfüllerin" im Regelbereich machen muss.

So Modell, verlässliche Grundschule mit Inklusion, aber wir stellen kein Personal ein. Da habe ich das Gefühl, dass die Wahrnehmung sich zwar geändert hat, aber so richtig Konsequenzen hatte das noch nicht.