Dienstag, 13. Januar 2015

Opfer-Kastanie und Splitter-Patient

"Liegt ein Mann in der Notaufnahme." - So könnte ein Witz beginnen. Aber wer erzählt ihn mir?

Wie langweilig wäre doch mein Studentenleben ohne den wöchentlichen praktischen Tag. Im Moment in der Chirurgie und heute nochmal aushilfsweise in der Notaufnahme. Fachkräfte werden eben gebraucht... Aktuell dabei: Schülerpraktikant Nick. Soziales Pflichtpraktikum. Nick ist 14 und dauernd auf Sendung. Genauer gesagt: Er muss alles kommentieren und brabbelt dafür in jeden Satz, selbst dann, wenn er gar nicht für ihn bestimmt ist.

"In der Vier liegt ein Mann um die 60 mit einem Splitter im linken Fuß. Jule, das können Sie alleine." - Nick: "Splitter im Fuß? Hat er da DSL drauf?" - "Nein, hat er nicht, es ist ein Holzsplitter. Und falls Tetanus nicht mehr aktuell ist, ..." - Nick: "Täter-Nuss? Gibt es denn auch eine Opfer-Kastanie?"

Seufz. Zur Opfer-Kastanie machte er sich irgendwie gerade selbst. Während ich mich um die Käsefüße aus der Vier kümmerte, durfte Nicknack den Wäschewagen ausräumen. Er dürfte natürlich auch zugucken und helfen, das setzt aber voraus, dass er sich altersgemäß benimmt. Vor diese Wahl wurde er gestellt, er hat sich indirekt für den Wäschewagen entschieden.

Die Frage, wo denn der Schuh drückt, verkniff ich mir und stellte fest, dass des Mannes Problem auch einfacher hätte behoben sein können, wäre zu Hause jemand gewesen, der ihm den Splitter aus der Fußsohle zieht. Das Ding war etwa drei Millimeter lang, vermutlich Fichtenholz, steckte fast parallel in den oberen Hautschichten und hätte mit einer einfachen Haushaltspinzette gezogen werden können. Zum Glück war die letzte Fußpflege noch nicht allzu lange her.

Das alles wäre nicht erwähnenswert gewesen, hätte der Herr mich nicht kurz vor Abschluss mit einer Frage konfrontiert, die mich zu der Annahme verleitete, ich würde zu langsam arbeiten. War beim Splitter entfernen wirklich so viel Zeit vergangen, dass man auf solche Gedanken kommen musste? Er fragte mich: "Wenn ich Sie so sehe, mit dem Rollstuhl, oder wenn ich andere Leute im Rollstuhl sehe, die ihre toten Beine als unnützen Ballast mit sich herum schleppen, dann frage ich mich immer: Warum lassen Sie sich die nicht einfach amputieren? Zumal Sie hier im Haus doch die besten Möglichkeiten hätten!"

Ein kleiner Teufel hielt vor meinem inneren Auge ein Plakat hoch, auf dem geschrieben stand: "Aus dem gleichen Grund, aus dem du dein Gehirn auch nicht entfernen lässt, du Arsch." - Ein kleiner Engel nahm dem Teufel das Plakat aus der Hand und drehte es um. Der Teufel stemmte seine Hände in die Hüften. Der Engel guckte autoritär. Einen Moment lang gefiel mir der Teufel und ich war drauf und dran, das Plakat laut vorzulesen. Eine eventuelle Beschwerde würde ich dann entweder mit seinen akkustischen Halluzinationen oder meinen vokalen Tics erklären. Am Ende gewann der Engel, der Teufel rauchte aus den Ohren und die Traumblase zerplatzte.

Ich sagte: "Nur weil jemand die Muskeln in den Beinen nicht oder nur eingeschränkt bewegen kann, zersägt man ja nicht gleich seinen ganzen Körper." - Er holte nochmal Luft, da wir aber ohnehin fertig waren, fuhr ich ihm kopfschüttelnd in die Parade: "Also die Leute haben manchmal Ideen, das ist schier unglaublich."

Bereits zur Tür gerollt und den Griff in der Hand, drehte ich mich nochmal um: "Die Schwester kommt gleich nochmal und hilft Ihnen beim Anziehen." - "Nicht nötig, so gelenkig bin ich noch." - Eine Verabschiedung sparte ich mir.

Zurück im Dienstzimmer sagte ich zu meiner freundlichen Anleiterin: "Er wollte, dass ich mir meine toten Beine amputieren lasse." - "Wat is los?!" - "Der kommt bestimmt gleich nochmal hierher und will sich erklären. Hast du schnell noch was anderes für mich?" - "In der Drei einen perianalen Abszess. Kannst schonmal vorfahren, ich komme gleich." - "Du, meinetwegen auch das." - "Braucht der denn jetzt noch was?" - Einer ihrer Kollegen, der im Hintergrund am PC tippte, murmelte: "Eine Benimmschule wäre wohl angemessen. Sorry." - Ich sagte: "Der ist versorgt und kann nach Hause."

Perianaler Abszess ist natürlich auch fein. Die arme Frau, Mitte 30, hatte mein volles Mitgefühl. Der Gestank hielt sich zwar in Grenzen, eklig ist das aber dennoch. Ziemlich. Aber nicht eklig genug, um direkt danach im Dienstzimmer ein Stück Butterkuchen zu essen, das eine Schwester anlässlich ihres Geburtstages in die Runde warf. Einmal kurz singen, bevor die erste wieder an die Front musste. Und dann fragte meine Anleiterin nochmal so, dass alle es mitbekamen: "Was wollte der Typ mit dem Splitter jetzt von dir? Du solltest dir deine Beine amputieren?"

Ich gab den Schwank noch einmal in der Runde zum Besten. Der zufällig anwesenden Physiotherapeutin fiel fast der Kuchen aus dem Mund. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich wieder gesammelt hatte, dann nuschelte sie gereizt-genervt: "Auffe Fresse?!" - Zu meinem großen Glück fand sich niemand, der ihr widersprach oder gar ähnliche Ansichten hatte wie der Splitter-Patient. Ob der Engel einen weiteren Kampf gewonnen hätte - ich bin mir da nicht sicher.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Du solltest Dir (idioten)magnetfeldinduzierte Tourette-Schübe zulegen! Unglaublich, diese - zu allem Elend - noch zur Schau gestellte Dummheit mancher Leute. Und dann die Stirn haben, wegen eines Splitters ins Krankenhaus zu wackeln....

Anonym hat gesagt…

Nicknack, der Pausesnack. In einem haps runtergeschluckt, fein gerülpst "gut gerülpst ist halb verdaut" sagte Shreck.

ThorstenV hat gesagt…

Mir scheint der Teufel heißt Bob Dylan und der Engel hat alle Hände voll zu tun ;) http://vimeo.com/44024588

Ich muss gestehen: trotz Blogllektüre immer noch wenig wissend über den praktischen Alltag von Rollstuhlfahrern scheint mir die Frage auf den ersten Blick gar nicht so absurd. Immerhin kann ich spontan einen Vorteil sehen: keine schwer heilenden verletzbaren Stellen mehr. Wieviel praktischen Nutzen (ich seh jetzt mal von Ästhetik ab) haben die Beine, z.B. als passive Stütze und wie oft sind sie im Weg? Hat das wirklich mal wer untersucht? Warum nicht ein wenig "thinking out of the box"? Es gibt ja kein Naturgesetz, warum z.B. eine Prothese nicht besser sein soll, als ein eigenes Bein http://www.zeit.de/sport/2014-07/rehm-prothese-em

Und wenn das alles großer Quatsch war, dann hast Dein Engel hiermit die Erlaubnis, dass er den Teufel gegen mich von der Leine lässt. Lasste das Gemetzel beginnen! ;)

Anonym hat gesagt…

ist die Frage so abwegig?
ich habe eine gelähmte rechte Hand (MNE) und auch darüber nachgedacht

klar wenn man die Probleme bei Amputationen betrachtet wird einem schnell klar das es so besser ist,
aber wenn man die nicht kennt, sich damit nie beschäftigt hat?

aber im Punkt Benimmschule hast du Recht, das ist nichts um es mit fremden zu diskutieren ;-)

du hast den Kotext erlebt, vielleicht war er ein Idiot,
aber ist es nicht auch irgendwie positiv, das er versucht sich in einen Rollifahrer hinein zu versetzen?

verdammt, was ich mach aber gerade hier?

Anonym hat gesagt…

An dem Witz mit dem Splitter und dem DSL habe ich eine Weile geknobelt, bis ich mich erinnerte, dass Du Hamburgerin bist, und der Praktikant vermutlich auch (und der Hamburger Dialekt eine gewisse Ausprache bei SP und ST hat...)

Zu dem Typen mit dem Ding im Fuß: unglaublich! Solch persönliche Fragen würde ich vielleicht jemandem stellen, den ich gut und lange kenne und um seine Befindlichkeiten weiß, aber doch niemals jemanden, den ich gerade das erste Mal gesehen habe!

ednong hat gesagt…

Nun ja,
nicht alle sind so mit Wissen bzgl. Medizin gesegnet wie du. Er hat sich halt mal ein paar Gedanken gemacht.

Spinnen wir die doch mal weiter:
Kleinerer Blutkreislauf - kannste also schon mal 2 Liter vorher spenden. Brauchste ja nicht. Bist du schneller - von weniger - betrunken. Mußt du weniger essen, sparst also Geld. Und mußt entsprechend weniger abführen.

Außerdem wird dir schneller warm, dein Blutdruck läßt sich schneller regulieren. Du hast weniger Fläche zum Reinigen, sparst also auch dort und bist dabei schneller fertig.

Außerdem - hey, Kleidung. Die Beine können ab - oder gehen zumindest nicht schon schnell kaputt (also der Stoff).

Hat doch alles was, oder?

Und jetzt duck ich mich mal ganz schnell und verschwinde ;) ...

Und ernsthaft: ja, im ersten Augenblick sicher eine befremdliche Frage. Aber er wird halt mal - wenn man es ihm zugute hält - out of the box gedacht haben. Es soll nicht vorwurfswoll klingen - wo bleibt dein Humor.

Keine Sorge, alles hat Grenzen. Meiner Meinung nach "verbiesterst" du grad so ein wenig (wenn ich die letzten Einträge so zurückdenke). Und das finde ich schade.

Denn grad im Krankenhaus wirst du solchen Sachen immer mal wieder begegnen. Und jeder Fragende stellt für sich die Frage zum ersten Mal - du dagegen hast sie vielleicht schon 1000 Mal gehört. Das weiß derjenige halt nur nicht.

Einfach ein mildtätiges Lächeln aufsetzen - das bei dir bestimmt noch bezaubernd aussieht - und schon kannst du ihm das gröbste an Antworten nett verpackt an den Kopf wer... äh, ihm ganz liebenswürdig antworten. Mach dir nicht solche fiesen Gedanken, das bringt nur Kummerfalten :)

Anonym hat gesagt…

Das ist schon so bekloppt, dass man darüber schon wieder nachdenken muss.

Tinka hat gesagt…

Der Vorschlag von dem Mann ist und bleibt übergriffig. Allerdings glaube ich, dass das Hauptproblem Besserwisserei und fehlende Akzeptanz anderer Meinungen und Lebensentwürfe ist.

Selbst in meiner Brille scheint von Zeit zu Zeit ein Idiotenmagnet zu wirken:

Die etwas harmlosere Variante:
Auf einer Party sagt eine Bekannte, mit der ich wirklich oft was zu tun habe: "Eine Brille mit einem dickeren Rand in einer kräftigen Farbe würde dir viel besser stehen als diese randlose Brille. Du könntest mit einer anderen Brille so viel aus dir machen!"
Auf die Idee, dass ich mir beim Brilleaussuchen bereits intensiv Gedanken über Design, Tragekomfort, Qualität, Preis und persönliche Vorlieben gemacht habe, scheint sie nicht zu kommen.

Oder der Oberknaller:
Ich sitze in einer Cafeteria und esse ein Stück Kuchen. Jemand setzt sich an meinen Tisch. Nach einiger Zeit sagt er unvermittelt: "Wenn du weniger Süßes gegessen hättest, wären deine Augen nicht so schlecht geworden."
Bevor ich meine Sprache wiederfinden kann, springt der Typ auf und verlässt die Cafeteria.

Wenn man jemanden nicht (gut) kennt, sollte man sich mit "Tipps" und "Ratschlägen" wirklich zurückhalten, wenn man nicht danach gefragt wurde. Das gilt für alle und bei allen.

Eric hat gesagt…

Dazu möchte ich mich glatt meinen Vorschreibern anschließen. Für jemanden ohne jegliches medizinisches Hintergrundwissen, ist die Idee, dass man bei einer Querschnittslähmung ja die Beine gleich amputieren könnte, vielleicht gar nicht so abwegig.

Ich unterstelle Menschen üblicherweise keine Böswilligkeit: So wie du ihn zitierst, hat sich dieser Patient die Frage schon öfter gestellt und dich halt einfach mal gefragt, als sich eben die Gelegenheit ergeben hat. Natürlich lässt sich aus dem geschriebenen Wort der Tonfall der Frage nicht herauslesen und der Nachsatz scheint auch wenig gelungen - aber man könnte durchaus unterstellen, dass er wirklich nur eine Antwort auf ein ihm bisher ungelöstes Rätsel gesucht hat.

Man kann sich höchstens wundern, dass solche Leute es nicht schaffen, ihre Fragen in das Textfeld irgendeiner Internetsuchmaschine einzugeben.

Anonym hat gesagt…

Ich habe mir bei jedem Sturz in aller Öffentlichkeit und den panischen Menschen immer wieder gewünscht, man würde mir das gelähmte Bein einfach abnehmen.
Es wäre nicht mehr im Weg, ich würde nicht als Simulantin beschimpft werden, wenn ich aus dem Rolli ins Auto humpel.

Aber, mir würde die Hilfe zum Umsetzen und aufstehen vom Biden fehlen. Ich VERMUTE bei zwei fehlenden Beinen wäre das aufsetzen vom Boden noch blöder.

Trotzdem finde ich es eine blöde Frage von einem Menschen, den es nichts angeht.

Viktoria

Mela Eckenfels hat gesagt…

Beim weiteren Kampf zwischen Engel und Teufel wäre interessant gewesen, auf welchem Kopf das Schild zerdroschen wird. ;-)

Sandra hat gesagt…

Ich glaube, man muss auch als Arzt nicht immer nett sein. Vor allem dann nicht, wenn Patienten (oder andere Mitmenschen) ungefragt in unsere Privatsphäre/den "persönlichen Raum" platzen oder das Arzt-Patient-Verhältnis auf so plumpe Art "persönlich" werden lassen wollen.
Sicher - die Antwort des Teufelchens wäre ungefähr gleiches Niveau, unprofessionell und ein Fall von "geht gar nicht" gewesen.
Allerdings schafft man es mit der Zeit, sich einen ruhigen und professionellen Umgang mit solchen distanzlosen Menschen zuzulegen, denn man trifft sie immer wieder und ist irgendwann nicht mehr "persönlich betroffen". Zugegebenermaßen macht das zunehmende Alter es einem auch leichter, denn bei entsprechend professionellem Auftreten und "Alterswürde" trauen sich solche Spacken weniger...;)

Xin hat gesagt…

Auf die Gefahr hin, hier gleich in der gleichen Schublade zu landen... aber ich schreibe ja sowieso nur, wenn ich eine andere Perspektive habe. ^^

Bei dem Jungen im Rollstuhl bist Du absolut empathisch und machst Deine Sache wirklich toll, aber bei einem 14jährigen oder einem Splitterpatienten klappt das irgendwie nicht.

Ich finde die Opferkastanie lustig. Puberitär, Kindisch, aber hey... altersgemäß. Pubertierende nerven nunmal. Und entweder man lässt sich nerven oder man lacht drüber. Und der DSL-Splitter... nicht wirklich lustig, aber immerhin kreativ.

Zumal Du mit dem unterdrückten 'Wo drückt denn der Schuh?' in ähnlicher Manier Deine Witze machst.

Was ich nie verstehe ist, dass Dir die Unvorstellbarkeit Deiner Behinderung so fremd ist. Und die Überforderung der Leute, die sich das eben nicht vorstellen können oder sich noch gar nicht wirklich damit beschäftigt haben.

Ich habe mir häufiger die Frage gestellt, was wäre wenn ich Körperfunktionen verlieren würde, eben z.B. im Rollstuhl sitzen würde. Würde ich die Beine abnehmen lassen? Würde ich darauf hoffen, die Beine dank des Fortschritts wieder zu nutzen oder wären sie überflüssiger Balast? Ich schneide ja auch meine Nägel, wenn ihre Länge eher unpraktisch ist. Oder würde ich sie behalten, ganz einfach, weil sie schon immer da waren, quasi aus Emotionalität.

Keine Ahnung. Vielleicht hätte ich die Frage anders formuliert - insbesondere "tote Beine" erscheint mir eher ungeschickt. Vermutlich hätte ich die Frage nicht der ersten vorbeirollenden Frau gestellt, aber die Frage finde ich legitim, denn ich stelle sie mir auch. Aber ich kann sie nicht beantworten, denn ich weiß nicht, ob ich mir eine solche Behinderung wirklich realistisch vorstellen kann. Ich entnehme der Tatsache, dass die meisten Rollstuhlfahrer ihre Beine behalten, dass sie dafür ihre Gründe haben. Aber ich kann nur mutmaßen, welche es sind.

Änni & Anne hat gesagt…

Ich finde die Frage ebenfalls nicht abwegig und bin doch recht überrascht, wie harsch du darauf reagiert hast, nicht zwingend äußerlich, eher innerlich. Aufklärung ist wichtig, daher finde ich es schade, dass du die Absurdität der Frage (so empfindest du es ja offensichtlich) hier im Post nicht eingehender erläuert hast. Es wäre ne Chance gewesen.

oni_42 hat gesagt…

Ich finde die Frage völlig abwegig und frage mich, was in euren Köpfen vorgeht, dass ihr sogar noch beipflichtet obwohl Jule schon schrieb, dass das abwegig ist.
Wieso sollte ein Mensch ein gesundes Stück des Körpers abschneiden? Ja, die Beine können nicht mehr benutzt werden, aber sie sind ja an sich in Ordnung und keine Gefahr für den Rest des Körpers. Dass so eine große OP Komplikationen machen kann, kann man sich auch vorstellen, ohne zu recherchieren. Von Phantomschmerzen sollten auch die meisten Menschen schon gehört haben. Ganz von der Hoffnung auf zukünftige Therapien abgesehen.

Anonym hat gesagt…

Ich bin auch irritiert angesichts Deiner hefitgen Reaktionen, sowohl was den Jugendlichen angeht, als auch bzgl. der Beine.

Der Junge ist 14. Und er macht ein Praktikum in einem Krankenhaus und sieht da Dinge, mit denen er sonst eher nicht konfrontiert ist. Er reagiert natürlich nicht abgeklärt und reflektiert wie ein Erwachsener. Aber er reagiert auch nicht daneben. Da fänd ich sehr, sehr viel mehr Wohlwollen hilfreich.

Und der Patient - klar ist seine Fragefomulierung eher platt, aber ich finde die Frage an sich völlig nachvollziehbar.

Irgendwas hat sich hier sehr verändert. Ich empfinde Dich in den letzten Wochen auch als ziemlich "biestig" in manchen Situationen, oder vielleicht sollte ich besser "heftig" sagen.

Kathrin

Anonym hat gesagt…

Die Frage ist insofern übergriffig, als dass sie davon ausgeht ein gelähmter Körperteil verschwinde aus dem Selbstbildnis des Menschen, habe keine weitere Funktion und wäre "verzichtbar". Ein Arzt mit dieser Meinung könnte sich z.B. bei der Wundversorgung im gelähmten Bereich einer anderen Person weniger Mühe geben nach dem Motto "könnte ja auch genausogut amputiert werden..".

Blinde Menschen lassen sich ja auch nicht die Augäpfel herausnehmen, bzw es werden tlw aufwendig Glasaugen konstruiert. Ebenso werden Ohren nachgebildet und per Magnet am Schädel gehalten nach dem Verlust der Ohrmuschel.

Beine gehören zum Körper den man hat für die allermeisten dazu, egal ob sie nun gelähmt sind oder nicht. Vielleicht ermöglicht sogar eine zukünftige Technologie und Medizin das überbrücken der getrennten Nerven - und man könnte wieder laufenlernen!
Beine können natürlich auch von Rollstuhlfahrern sexy sein, sie halten Windeln auf ihren Platz, die langen Oberschenkelknochen enthalten reichlich Mark für die Blutproduktion.. und Sitzen mit Stümpfen ist allemal unangenehmer als auf den Pobacken und den Oberschenkelunterseiten. Ebenso sitzt man wesentlich wackliger.

Das Leben wäre für Frauen einfacher mit Glatzen - aber kaum eine lässt sich eine schneiden. Haare zwangsweise abschneiden gilt als Körperverletzung.

Nein, Jules Beine gehören zu ihr wie der ganze Rest.

Anonym hat gesagt…

@Anonym 13. Januar 2015 um 23:39:

Zu den Zeiten, als die alten Wählscheibentelephone geradeso verschwunden waren, und der Anschluß von jemandem, der im Internet gesurft hat nicht mehr zwangsweise 'besetzt' war,...
Also als z.B. draußen noch überall die gelben Telephonhäuschen herumstanden, damals wurde eine kleine weiße 'Kiste' (ca. 6*6*2 cm) an die Telephonleitung angeschlossen, und in diese 'Kiste' das Telephon und das DSL-Modem gesteckt.
Diese 'Kiste' hat das nur 2-adrige Telephonkabel dann auf die beiden Geräte verteilt, eben gesplittet.

Olli hat gesagt…

Es ist wohl vopr allem das tote Beine, was die eigentlich nicht ganz unverständliche Frage so deppert und übergriffig, je herabwertend (Jules Beine sind nicht tot und wohl zB beim schwimmen nicht ganz unpraktisch) macht.
Mögliche Reaktion wäre auch gewesen: Gell, die Frage kann sich einem stellen. Um sie von der langen, komplizierten medizinischen Antwort zu verschonen, hier nur die kurze: wenn es eine gute Idee wäre, gäbe es wohl kaum so viele querschnittsgelähmte, die ihre Beine noch haben.

Und weils aus der Chirurgie war: ich suchte für einen Haus-/Heimbesuch einen Chirurgen. Die im MVZ, der Fachpraxis am KH und die diverser Tageskliniken sowie einige Niedergelassene machen alle ganz und gar nicht nie Hausbesuche. Auch bei Fahrtzeiten <20min. Mir deucht bei manchen, weil auch zur Begründung auf die ambulanten OPs verwiesen wurde, die packen ihre Arbeitszeit dmit bzw. der Aufsicht ganz voll und kommen selbst für Privatpatienten + angebotenes Zusatzwegegeld nicht raus.
Aber einer, der in der 9. kontaktierten Praxis, kommt dann doch zum gucken. Weil wenn der stark demente Heimbewohner in eine Praxis gekutscht worden wäre, es dort nur ein "prima, Hausarzt kann so weitermachen" gehiessen hätte, dann hätte mein Teufel eine kaum noch zu beherrschende Motivation zur mind. Sachbeschädigung entwickelt...

Tinka hat gesagt…

Meiner Meinung nach ist eine OP immer ein Risiko, dass ich nur eingehen würde, wenn sie lebensnotwendig ist oder zu einer sehr deutlichen Verbesserung meiner Lebensqualität führen würde. Für die Künstlerin Viktoria Modesta hat die Amputation ihres Beines zu einer solchen Verbesserung geführt.
Das ist trotzdem kein Grund, Personen, die man seit einer Minute kennt, vorzuschlagen, sich doch die Beine amputieren zu lassen.

Und für alle, die meinen, dass man dem Mann doch lieb und nett seine Frage hätte beantworten können, schlage ich mal folgendes Gedankenexperiment vor:

Ihr habt 10 Kilo Übergewicht, aber ihr fühlt euch in eurem Körper wohl und geht fröhlich durchs Leben. Dann trefft ihr zufällig jemanden, der sehr schlank ist, redet kurz mit ihm und nach einer Minute sagt dieser für euch wildfremde Mensch: "Wieso lässt du dir nicht deine 10 Kilo Fett absaugen? Ich meine, das ist ja nur unnützes, schwabbeliges Fett, das du überhaupt nicht brauchst. Ohne die 10 Kilo wäre dein Körper doch viel praktischer und es würde es dir doch viel besser gehen!"

Na, würdet ihr diese Frage auch ganz lieb und nett beantworten, weil die andere Person ja so gar keine Vorstellung davon hat, wie es ist, 10 Kilo Übergewicht zu haben?

Anonym hat gesagt…

Also auch wenn sich dieser Kerl absolut doof angestellt hat, gehe ich davon aus, das er nichts böses wollte, sondern einfach nur eine für ihn interessante wissenschaftliche Frage an eine Fachfrau gestellt hat.
Das er sich dabei wie die Axt im Walde verhalten hat, und zudem noch verbal übrgriffig geworden ist, ist ihm wahrscheinlich nicht einmal aufgefallen.

Zum Thema Beine weg: Ich käme auch nicht auf die Idee, Teile von mir zu entfernen, nur weil diese eingeschränkt oder gar nicht funktionieren.

Wenn man jetzt aber mal völlig "out of the box" denkt, und dabei einen Querschnitt im Sinn hat (das klingt jetzt irgendwie seltsam...), könnte man schon auf die Idee kommen, dass so etwas das Leben für einen Rollifahrer durchaus erleuchtern könnte. Weniger Masse muss bewegt werden, alles ist etwas weniger "unschierig", wie man hier sagt (unhandlich). Ich würde das trotzdem nie jemand raten, vorschlagen oder auch nur ansprechen. Aber ich könnte es auf eine verquerte Art nachvollziehen, wenn sich das jemand für sich selbst überlegen würde...

Nur meine 2 Cents zu dem Thema. Grüße nach Hamburg (oder wo du auch grade bist) :-)

JayJay hat gesagt…

Hi Jule,

ich muss mich ednong anschließen. Deine letzten Posts erwecken bei mir den Eindruck, dass du gerade nicht mehr so locker und ungezwungen mit dem Widrigkeiten unserer "lieben" Mitmenschen umgehst wie sonst. Auch wenn die Frage sehr ungeschickt formuliert war - ich selbst habe sie mir auch schon gestellt. Und zwar bevor ich angefangen habe, deinen Blog zu lesen. Quasi aus Unwissenheit und gemischt mit einer gewissen Naivität. Ich sehe die an dich gerichtete Frage deshalb auch nicht als Angriff oder Bosheit. Du kannst das aber selbst am besten beurteilen: Könnte nicht auch einfach ehrliches Interesse dahinterstecken?

Viele Grüße,
JayJay

stylo hat gesagt…

Hallo Jule,

danke erstmal für Deinen Blog. Ich bin seit längerem stille Leserin und glaube, durch Dich Einiges im Zwischenmenschlichen von Behinderten und Nichtbehinderten besser zu verstehen. Einen direkten Einfluss hast Du auf mich genommen, indem Du mich zur Entscheidung gebracht hast, für meinen neugeborenen Sohn eine vernünftige Invaliditätsversicherung abzuschließen. Du schreibst so oft von den Problemen, die die Minimalversorgung durch den Staat/ die Kasse mit sich bringt, dass mir das sehr wichtig war, damit mein Junior, sollte ihm je so ein Unglück passieren wie Dir, weiterhin ein vernünftiges Leben führen kann.

Aber ich schweife ab. Ich kommentiere heute zum ersten Mal, weil ich bei diesem Blogeintrag an einen Artikel denken musste, den ich vor einiger Zeit gelesen habe:
http://www.zeit.de/2014/17/hh-inga-orlowski-auferstehung
In Einzelfällen kann also eine Amputation tatsächlich zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen, und dann scheint es gar nicht so einfach zu sein, gegen die Vorstellung, die natürlich jeder vernünftige Mensch hat, dass man einen Teil des Körpers nicht so einfach absägt, anzukommen.
Trotzdem ist Dein Ärger verständlich, der Mann hat auch wirklich die denkbar schlechtesten Worte gefunden, um die Gedanken auszudrücken, die ihm im Kopf herumgingen. Aber er hat Dich ja nicht beleidigen wollen, wie so viele Andere, von denen Du hier im Blog geschrieben hast. Vielleicht hatte er ja mal von einem ähnlichen Fall gehört, wie dem oben beschriebenen - oder sich auch einfach nur bei den Paralympics die Prothesenläufer gesehen - und sich so seine Gedanken gemacht, die er dann leider nicht bei sich behalten konnte. Da er niemanden hat, der ihm den Splitter rauszieht, hat er wohl auch niemanden, mit dem er über sowas reden kann. Und sobald man auch nur die geringste Auffälligkeit an sich hat - da pflichte ich der Brillenträgerin bei, die hier geschrieben hat - fühlen sich die Leute offensichtlich ermutigt, ihren Senf zu allem zu geben. Das merke ich, seit ich mit einem Kleinkind in der Öffentlichkeit unterwegs sind. Kostprobe: Ein Frau beim Anblick des Babys im Fahrradanhänger: "Ja, kriegt es denn da drin überhaupt Luft?!" Nee, klar. Die bauen Anhänger, die speziell für Babys ausgelegt sind, natürlich luftdicht...

Lexi hat gesagt…

Nahezu alles, was ich über Querschnittlähmung weiß, habe ich beim Lesen dieses Blogs gelernt.
Ich überlege jetzt mal und nutze dazu auch noch ein bisschen Allgemeinwissen.

Als erstes die Frage: Wo setzt man im Fall einer Amputation die Amputationshöhe an? Knie? Hüfte?
Ziemlich sicher würde die Amputation im gelähmten Bereich stattfinden. Will man dort Amputationsnarben? In einem Bereich, in dem bereits eine Druckstelle durch eine Falte in der Hose unter Umständen monatelang nicht heilt?
Die Narben sind dann noch schlechter durchblutet, brauchen Pflege, sind empfindlich ... schon das allein würde gegen eine solche OP sprechen.

Dann wären damit die Aspekte der Behinderung nicht behoben: Laufen könnte man auch dann nicht (Prothesen bei Querschnittlähmung? Wie soll das gehen?) und die lästige Inkontinenz wäre auch noch da.

Außerdem ist das freie Sitzen für jemanden mit Querschnitt meist schon eine Herausforderung. Bei fehlenden Beinen dürfte jeder Rest Stabilität wegfallen. Könnte man so überhaupt noch sicher in einem Rollstuhl sitzen?

Man darf auch nicht vergessen, dass eine OP immer ein Risiko ist und eine so gravierende einen langen Krankenhausaufenthalt zur Folge hätte, und ob man die so einfach wegsteckt, ist die Frage ...

Ich habe wie gesagt kein besonderes Wissen dazu, kein Medizinstudium (auch nicht begonnen), sondern spinne mir das nur so grob zusammen.

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule, die Beschreibung deines inneren Teufelchens und Engelchens ist einfach klasse und typisch Jule!
Bleib wie Du bist, du bist eine ganze tolle Frau mit Witz, Humor und ganz viel Einfühlungsvermögen für Kinder und alle anderen, die Zuspruch brauchen.
Und mit dem Mut, Dinge anzusprechen die nicht hinnehmbar sind!

Anonym hat gesagt…

Hallo!
1. Das Alles geht dem Patienten einen Feuchten an.
2. Jeder Eingriff birgt ein Risiko.
3. Man darf das ästhetische Moment nicht übersehen, und die Psychologie dahinter. Auch wenn die Beine gelähmt sind, so sind sie doch ein Teil des Körpers.

Ich finde diese Idee für leicht wahnsinnig, weil auch ein Querschnittgelähmter ist eine Person, die ihre körperliche Integrität behalten möchte. Also ich verstehe Jule 100%!

Liebe Grüße

Andreas

Anonym hat gesagt…

Auch mir als Betroffenen sind diese Gedanken schon kommen. Weniger wegen den Beinen als vielmehr wegen den Händen. Und dann auch nicht nur sie abzunehmen sondern durch Prothesen zu ersetzen . Gründe warum das dann nicht realistisch ist aus meiner Sicht: ästhetische Gründe, Gefahr von Komplikationen bei OP oder hinterher (Z. B. Phantom Schmerzen Infektionen etc.), nutzen der Gliedmassen auch bei Lähmung Zum Beispiel über Trick Bewegungen, zur Stabilisierung etc., ethische Gründe, Hoffnung auf Besserung auch bei minimaler Restfunktion, Hoffnung auf zukünftige Heilungsmöglichkeiten beziehungsweise Behandlungsvarianten . Ich verstehe aber ebenfalls nicht warum Jule sich so darüber aufregt . Wahrscheinlich ging es wirklich nicht um den Inhalt sondern darum, dass ein fremder sie darauf anspricht. Jetzt muss man aber sagen das ist kein unterschied zwischen behinderten und Nichtbehinderten, Leute mischen sich einfach in Dinge ein die sie nichts angehen.

Anonym hat gesagt…

Der Punkt ist doch der: die körperlichen oder auch psychischen Belange der angehenden Ärztin, egal welcher Art, gehen den Patienten einen feuchten Dreck an. Ich als Patient habe da einfach meine Klappe zu halten. Ungefragt habe ich da gar nichts zu äußern, sondern sollte mich (dankend) behandeln lassen. Punkt.
Ich als Patient würde auch nie auf die Idde kommen, überhaupt die persönliche Ebene der (angehenden) Ärztin tangieren zu wollen, noch nicht einmal mit positiven Äußerungen. Sollte sie selbst die persönliche Ebene betreten, würde mich das (als Patient) sogar hochgradig wundern...