Freitag, 6. Februar 2015

Drogen und Theophyllin

Am zweiten Tag meiner Famulatur in der Kinderarzt-Praxis sollte ich ein Sprechzimmer übernehmen, meine Chefin das andere. Und bei jedem Patienten am Ende die Therapie einmal mit ihr abstimmen. Gleich als erstes kam ein Mädchen zu mir, gerade 13 Jahre alt. Zerrissene Jeans, Wollpulli, Lederjacke über dem Arm. Blonde Haare akkurat geflochten. Blasse Gesichtsfarbe, dünne Arme und Beine, im Gesicht sah sie aus wie ein zerbrechliches Porzellanpüppchen. Sie wirkte einerseits sehr schüchtern, andererseits begrüßte sie mich gleich mit einem "Moinsen". Ich musste grinsen. Ich sagte ihr, was ich jedem sagen muss, nämlich dass ich Famula(ntin), also quasi Praktikantin bin. "Cool", meinte sie, "vielleicht studiere ich später auch mal Medizin. Aber den N.C., den man dafür braucht, werde ich wohl nie erreichen. Schaun wir mal. Ich will aber gar nicht lange den Betrieb aufhalten, ich brauche meine Drogen und vor allem einmal neue Theophyllin-Ampullen, und dann bin ich auch gleich wieder weg."

Ein 13 Jahre altes Mädel will was?! Ich ließ mir meine Irritation nicht anmerken, rief mir ihre Akte auf. Asthmatikerin, reagiert auf Erdnüsse, Nüsse und Penicillin mit einer Anaphylaxie (also einem lebensbedrohlichen allergischen Schock). Letzter Lungenfunktionstest wurde vor kurzem vom Facharzt gemacht, letzte medizinische Reha in Süddeutschland im letzten Sommer. Behindi-Ausweis mit einem Grad von 100, dazu eine amtliche Feststellung über "Hilflosigkeit im Kindes- und Jugendalter", ein Attest für die Teilnahme am Wettkampfsport. Reiten. Bevor ich ins Blättern kommen würde, lenkte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf das Mädchen. "Was brauchst du genau von dem ganzen Gedöns hier?", fragte ich sie und deutete auf den Monitor. "Also, Salbutamol habe ich immer mehrere Sprays gleichzeitig im Gebrauch, damit ich das nirgendwo liegen lasse, da bräuchte ich eine neue Packung. Das Fluticason habe ich nur zu Hause, da ist das letzte Ding gerade angebrochen. Das bräuchte ich also auch einmal. Salmeterol hab ich noch zwei Sprays verschlossen zu Hause liegen. Das reicht, sonst wird das schlecht. Und dann brauche ich noch die Theophyllin-Ampullen."

"Hast du die schon mal bekommen?" - "Ja, aber erst zwei Mal gebraucht. Da waren fünf Ampullen in der Packung, eine habe ich immer im Rucksack, falls ich einen großen Anfall bekomme, der auf Salbutamol nicht anspricht. Gerade beim Reiten kann es ja dauern bis der Notarzt da ist, da trinke ich dann eine halbe Ampulle. Ist besser als wenn ich blau werde." - Ich schluckte. Sie fuhr fort: "Eine Ampulle war mal in einem Rucksack drin, der geklaut wurde, jetzt hat meine Mutter noch eine zerbrochen, als sie meine nassen Stiefel fallen gelassen hat und nun habe ich nur noch die eine. Das ist mir zu riskant." - "Klar." - Es klopfte, die Chefin kam rein. Das Mädchen stand auf, begrüßte sie mit einem sportlichen Handschlag. Sie fragte: "Na, kommt ihr klar?" - "So halb", antwortete ich. "Ich stell mich gerade ein bisschen doof an." - Meine Chefin setzte sich neben mich und übernahm die ganze Sache. Das Mädchen erzählte erneut. "Hast du dein Tagebuch dabei? Kann ich es einmal sehen bitte? Und dann würde ich gerne noch einmal auf Lunge und Herz hören."

Als das Mädchen wieder draußen war, bekam ich Tipps, von denen ich einen so kürzlich schon einmal sehr deutlich gehört hatte. "Drei Dinge. Erstens: Begegne der Reife und der Größe eines Kindes immer mit Respekt, aber lass dich davon nie emotional mitnehmen. Zweitens: Du führest Regie und bestimmst, was passiert. Der Patient darf fragen, aber nie fordern. Drittens: Selbst wenn dich die Erkrankung des Patienten überfordert, der Patient soll sich bei dir gut aufgehoben fühlen und dir vertrauen. Daher gib ihm zumindest das Gefühl, dass du genau weißt, was du tust."

Ich habe das erstmal so geschluckt, damit es im Programm weiter geht. Die restlichen Patienten waren durchweg Atemwegsinfekte und damit eine gewisse Routine. Na klar hat mir dieses Mädchen imponiert. Wenn ich mir vorstellen sollte, ständig hochpotente Notfallmedizin mit mir rumschleppen zu müssen, damit ich bei einem Ausritt in den Wald nicht über die Wupper springe, hätte ich schon zu knabbern. Das Mädel ist aber gerade mal in der 5. Klasse. Aber ich fand nicht, dass ich sie unnormal behandelt habe. Das mit der Regie habe ich schon einmal gehört - ich darf mir die Leitung der Veranstaltung nicht aus der Hand nehmen lassen. Ich arbeite dran. Aber ich fand auch nicht, dass ich das getan hatte. Zumindest nicht so extrem, dass sie mir zu nahe gekommen wäre oder mir das Gespräch aus der Hand genommen hätte. Und das mit dem Gefühl ... da bin ich mir sehr unsicher. Gerade als Frischling kann ich nicht auftreten als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen. Ich halte es eigentlich für sinnvoller, dem Patienten zu vermitteln, dass man ihn ernst nimmt. Also auch wenn ich vielleicht gerade nicht weiß, ob ich einem Kind Theophyllin in die Hand drücken darf und ich von dieser Frage völlig überrascht bin: Ich halte es für falsch, mit einem flüchtigen Blick in eine Anfallsstatistik und einem Abhören der Lunge im Normalzustand den Eindruck zu vermitteln, ich hätte alles im Griff.

Habe ich einfach nicht. Und ich möchte nicht in zwei Jahren vor Gericht stehen und die Frage beantworten, wieso ich leichtfertig einem Kind solche Medikamente ausgehändigt habe, mit denen es sich jetzt aus Versehen umgebracht hat. Ich möchte dann wenigstens begründen können, wieso ich mich so entschieden habe. Und selbst wenn ich durch einen Blick in ein Asthma-Tagebuch und durch das Abhören der Lunge ein wenig Zeit zum Überlegen gewonnen habe, ändert es nichts daran, dass ich überfordert war und gerne erstmal in Ruhe nachgelesen, nachgefragt oder zumindest nachgedacht hätte. Aber vielleicht fehlt mir letztlich nur noch eine generelle Routine, um schneller zu solchen Entscheidungen zu kommen.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Ich sehe das wie Du. Du kennst die Patienten nicht, Du kennst die Geschichte nicht. Und als Famulantin musst Du besondere Vorsicht walten lassen. Wenn Du Ärztin bist, kommst Du um Entscheidungen nicht herum, für die Du Verantwortung trägst. Aber solange Du nicht so weit bist, finde ich es nicht schlimm, wenn Du dann doch Schwäche zeigst. Vor allem dann, wenn Du Dich in einem Nicht-Routine-Fall absicherst. Das einzige, was ich empfehlen würde: Nicht sagen, dass Du Dich doof anstellst. Sag der "Chefin" bzw. dem "Chef": Der Fall ist zu speziell, um ihn ohne Sie zu klären.

Was die Regie angeht: Ich denke nicht, dass Du sie Dir da hast aus der Hand nehmen lassen. Einzig das mit dem Auf-den-Monitor-gucken-Lassen würde ich so eher nicht machen. Das ist Dein Reich bzw. ärztliches Reich, und ein Patient muss nicht immer alles wissen, was da notiert ist. Besonders wenn Du mal Junkies begegnest in Deiner Berufsausbildung, wirst Du die Erfahrung machen, dass die jede Notiz sehr nützlich für ihre Sache finden werden...

Ansonsten: Dir war der Fall neu, Du hast Dir die Lage der Patientin angehört. Und letztlich lebt sie mutmaßlich schon ihr ganzes Leben damit, das heißt, sie weiß, wie es läuft. Sie weiß schon, wann sie was und in welcher Situation braucht, schließlich geht es dabei um ihr Leben. Sie kennt ihre Bestände.

Bei meiner Großmutter läuft das auch nicht viel anders. Nur dass ich derjenige bin, der wöchentlich nach Verordnung die Medikamente zusammenstellt. Wenn sie was braucht, geh ich zum Hausarzt, sag der Sprechstundenhilfe auch nur, welche Medikamente auf den Rest gehen, krieg das unterschriebene Rezept, und gut ist. Dazu muss meine Oma nicht jedes Mal zum Arzt. Da muss sie sowieso alle drei Monate hin...

Wenn was verordnet ist und funktioniert und der Verbrauch auch plausibel ist, muss man, wie das Mädel sagte, den Betrieb wirklich nicht lange aufhalten. Wenn Arzt und Patient sich gut kennen. In Deinem Fall war das ja wieder was anderes...

Winterkatze hat gesagt…

Vielleicht ist es die fehlende Routine, vielleicht aber auch das Interesse für den Patienten. Die Routine kommt von selber und ich hoffe sehr, dass dir das Interesse für den Patienten erhalten bleibt.

Mir begegnen regelmäßig Ärzte, die sich keine Zeit nehmen, um Fragen jenseits ihrer schnellen (und zum Teil auf Vorurteilen basierenden) Diagnose zu stellen oder die statt nachzufragen die Überweisung für den Facharzt ausstellen. Mir ist als Patient ein Arzt lieber, der auch mal sagt, dass er sich gerade nicht sicher ist, der nachforscht und auch mal um die Ecke denkt - und bei dem ich nicht das Gefühl habe, ich würde mit einer eventuellen Nachfrage am Podest des übermächtigen Doktors kratzen.

Anonym hat gesagt…

Ein lustiger Rechtschreibfehler ist drin: "Gerade als Frischling kann ich nicht auftreten als hätte ich die Weißheit mit Löffeln gefressen."

Weisheit schreibt man aber nur mit s anstatt mit ß. Hat schließlich nix mit weißer Farbe zu tun :D

Gruß

Loxia

Jule hat gesagt…

@BigDigger: Da hast du recht, doof anstellen war zu tief gestapelt. Allerdings das mit dem Monitor ist mir erst beim zweiten Lesen aufgefallen: Sie hat nicht gesehen, was auf dem Bildschirm stand. Ich hatte lediglich mit einer lässigen Handbewegung darauf gedeutet und sie so wissen lassen, dass ich die Akte sehen kann. Aber ausgewählt hat sie aus ihrem Gedächtnis.

Jule hat gesagt…

@Loxia: Danke für den Hinweis, ich habe das mal überarbeitet...

Flic hat gesagt…

Hi Jule!
Ich finde es gut, das du dir Zeit nimmst für Patienten und auch, dass du kritisch hinterfragst, warum sie welche Medikamente nehmen.
Auch dass es dich zuerst geschockt hat, dass dieses Mädchen mit 13 Jahren alleine mit düsen Medikamenten hantiert. Allerdings seh ich es so: Ich habe Diabetes, seitdem ich fünf bin und spritze Insulin. Zuerst hat dies meine Mutter gemacht, dann ich alleine und meine Mutter hat kontrolliert. Mit 9 Jahren bin ich zum ersten Mal alleine auf Geburtstage gefahren und habe dann meine Mutter angerufen, wie viel ich spritzen soll für das Abendessen. Das hat meist gut geklappt. Ich war nie so schwer unterzuckert, dass ich ins Krankenhaus musste und mit Insulin kann ich mich in der falschen Dosierung auch umbringen oder in lebensbedrohliche Situationen bringen und das war mir auch mit 9 Jahren schon bewusst. Es war gut, das meine Mutter mich alleine zu Geburtstagen hat gehen lassen.
Dieses Mädchen muss alleine mit der Dosierung dieser Tabletten klar kommen um unabhängig zu sein. Wenn man ihr das nicht lässt, dann hängt sie immer am Rockzipfel ihrer Eltern. Das ist ungefähr so, als wenn man einem nur stark eingeschränkt gehfähigem Menschen sagt, er darf kein Rollstuhl fahren, weil er damit ja einen Unfall bauen könnte. Dir als Frau mit Querschnittslähmung dürfte auch bekannt sein, dass du im alltäglichen Leben Dinge tust, wo andere Leute vielleicht sagen würden, dass sie eklig sind oder das sie das nicht machen könnten und du machst es trotzdem, weil es sein muss, damit du unabhängig bist. So ist es ganz sicher mit diesem Mädchen und ihren Medikamenten auch.

Anonym hat gesagt…

Ich bin eine Mutter eines Kindes mit angeborener Dilertativer Kardiomyopathie....Mein Kind lebt nun seit einigen Monaten Dank eines Spenders. Ich kann nur sagen, dass es stimmt, dass Ärzte solche Schicksale nicht so sehr an sich ranlassen dürfen. Sonst können sie einfach nicht mehr mit klarem Kopf handeln. Seit meine Tochter auf der Welt ist, habe ich wirklich mit sehr vielen Ärzten zu tun... nun ist es so, dass ich aber weiß, dass unsere Ärzte alle sehr viel Verständnis für meine Tochter und auch für mich zeigen. Nicht alle, es gab auch Docs darunter, die bei einem damals vierjährigen Kind nicht glauben konnten, dass sie starke Schmerzen hatte, als Blut im Urin war, und ich mit ihr mit Blaulicht ins KH kam, nachdem meine Tochter vor Schmerzen kollabiert war. Einer hat ihr damals tatsächlich Simulation unterstellt und ihr eine Tablette Paracetamol gegeben. Sie schrie das ganze KH zusammen und ein weiterer Arzt, der uns seit ihrer Geburt kennt, hörte das, kam rein und gab ihr sofort Morphin. War übrigens damals ein Stein, der dann auf natüliche Weise rauskam...Was ich sagen will ist, dass es sicherlich sehr schwer für einen Arzt ist, das Richtige abzuwägen. Aber wer als Arzt genau zuhört, der wird auch das richtige tun. Zu viel Mitgefühl kann da bestimmt stören, auf der anderen Seite aber wäre ein Abstumpfen auch falsch, da die Mitte zu treffen ist das Gold. Wenn nun ein Kind oder Jugendlicher (dem man nicht ansieht, dass er lebensbedrohlich krank ist) bei einem Arzt ist, dann ist der Hintergrund des Kindes (hier die Eltern) oder des Jugendlichen selber, dieser: Außenstehende sehen die Krankheit nicht, sind ja keine lilaschwarzen Muster am Körper, und die Erklärungsnot im Umfeld ist riesengroß. Für andere Eltern gesunder Kinder nicht nachvollziehaber. Hier hat man immer das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Geht so ein Schwerstkranker zu einem Arzt, dann weiß man, der Doc weiß Bescheid, hier muß ich nix erklären, kann einfach nach den Medis fragen, und wieder gehen. So hat es ja auch das Mädel gemacht. Sachlich, fast ohne Emotionen, mit Selbstbewußtsein und mit Stolz.... wenn das Kind in den Alltag geht, dann sieht man ihm die Krankheit, die lebensbedrohlich ist, nicht an. Es ist blasser als andere Kids und dünner, das wars. Erinnert mich echt an meine Tochter... Denn im Umfeld ist dann doch die Erklärungsnot. Es ist nicht sichtbar, wie bei einem Menschen, der einen Gips trägt, oder einem Rollifahrer, oder, wie bei meiner Tochter, die mal im Rolli sitzt, mal gehen kann. Jedenfalls wollte ich sagen, dass ich glaube, Jule, Du wirst mal eine sehr gute Ärztin.

Anonym hat gesagt…

Ist doch ganz einfach zu beantworten. Wenn das Kind schon den Namen des Zeugs kennt und das auch bereits angewendet hat, wird es schon seine Richtigkeit haben. Willst Du als Küken verantworten, dass das Mädchen stirbt, weil es keine Notfallmedikamente bekommen hat?

ednong hat gesagt…

Hm,
als Famulantin kannst du die Patienten nicht kennen. Und wer weiß schon, wie sich deine Chefin beim ersten Kontakt mit dem Patienten angestellt hat - für sie sind die jetzigen Kontakte Routine, für dich ist jeder ein Erstkontakt.

Dass du "ihre Verordnungen" hinterfragst, ist gut und nachvollziehbar - schließlich willst du lernen und nicht stumpf nachverordnen. Von daher finde ich es ok, dass du dir Zeit zum Nachdenken nimmst und nachfragst.

Vielleicht ist es die Art/der Ausdruck deiner Fragen, die deine Chefin (noch) mitbekommen hat und sie gestört haben. Und den Eindruck hinterließen, du läßt dir das Heft aus der Hand nehmen.

Es ist schon richtig, dem Patienten den Eindruck zu vermitteln, man wüßte, was man tut. Oder ist gerade auf dem Weg dorthin. Sie braucht nur eine Bestätigung ihrer Verordnung oder dafür, dass sie diese fortsetzt. Du mußt erst einmal ergründen, wieso sie dies und das verordnet hat und dann entscheiden, ob du das so fortsetzt bzw. warum. Ein ganz anderer Prozeß halt.

Und Ärzte sind keine Götter, für mich jedenfalls. Mich persönlich stört es auch nicht, wenn der Arzt diverse Dinge nachfragt - ggf. frage ich, wieso er dies und jenes wissen will.

Es gibt aber natürlich auch Patienten, die sind da wesentlich labiler. Oder vielleicht sowieso schon nicht einverstanden mit der Therapie vom Arzt. Die könnte ein zu starkes Nach-/Hitnerfragen natürlich unsicher machen.

Arzt sein ist nicht nur Wissen über den Körper und Medis zusammen zu bringen, sondern sicher auch sehr viel Psychologie bzgl. des Umgangs mit dem Patienten.

Allein, dass du über diese ganzen Dinge nachdenkst zeigt, dass du das Feedback ernst nimmst und dich weiter verändern und verbessern wirst. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule!

Ich finde es toll, dass Du auch dann schreibst, wenn es für Dich nicht so gut gelaufen ist. Das ist völlig normal. Als Arzt sollte man ständig das eigene handeln hinterfragen, aber um Gottes Willen nicht, dass es der Patient merkt.
Eine Eigenschaft gefällt mir an Dir als angehende Ärztin nicht: Du reagierst auf Kritik seitens des Chefs/Chefin immer etwas wehleidig und negierst die Kritik. DU hast Dir in der Tat das Heft aus der Hand nehmen lassen, und hast zugelassen, dass das gute Mädchen sofort erkannt hat, dass sie einen Azubi vor sich hat. Kinder mit so einer langen Krankengeschichte sind verdammt clever. Außerdem ist Theophyllin nicht so eine gefährliche Droge wie Du tust. Vor allem wenn im PC die Dauermedikation drinnen steht, dann glaube es einmal, dass sie es braucht.
Nimm Dir bitte die Kritik Deiner Chefin zu Herzen, und gehe in Dich.

Andreas

Anonym hat gesagt…

Zu"Regie behalten"und Verantwortunb etc. stellt sich mir spontan die Frage wie eine Famulantin am 2.Tag ihrer ersten Famulatur schon alleine und eigenverantwortlich Patienten bahendeln darf, ohne das eine medizinische Fachkraft im Raum ist.
Komische Ärztin.

Anonym hat gesagt…

@17:30

Sie behandelt sie ja nicht. Sondern erhebt nur die Anamnese, untersucht den Patienten und schlägt dann der Ärztin eine Therapie vor. Das bedeutet, die Ärztin kommt bei jedem Patienten einmal dazu.

Das ist für den 2. Tag der viermonatigen Famulatur in der Tat nicht gewöhnlich. Man muss aber daran denken, dass Jule bereits viele Erfahrungen gesammelt hat in der Praxis ihrer Freundin (oder deren Mutter).

Hinzu kommt, dass heute viel mehr Praxisanteile mit dem theoretischen Teil direkt verknüpft werden. Früher kam man vor der Famulatur nicht mit dem Patienten in Kontakt, das ist heute ganz anders. Ab dem 5. Semester muss auch Praxisanteile wahrnehmen; das "Wie" regelt allerdings jede Uni anders.

Ich habe nach der ersten Woche in einer Hausarztpraxis auch ein Zimmer übernehmen dürfen und musste am Ende nur die Therapie mit meinem Chef abstimmen, genauso wie bei Jule. Ich kenne aber auch Kommilitonen, die die ganze Famulatur lang fast nur hinterhergetrabt sind. Das gibt es auch, nur davon lernt man ja nichts...

Jule hat gesagt…

Hm. Spannend, was sich aus meinem Text so alles herauslesen lässt. Und was ich so alles ungenau beschrieben habe, trotz der Ausführlichkeit. :)

@Andreas: Theophyllin stand eben nicht im PC. Sie hatte es irgendwann von ihrem Lungenfacharzt bekommen als Notfallmedikation. Es ging mir auch nicht darum, ob sie es braucht. Es ging mir darum, dass ich es nicht beurteilen konnte. Ich habe gelernt, dass das gerade für Kinder ein gefährliches Medikament ist, weil es schnell überdosiert werden kann. "Ich trinke ungefähr eine halbe Ampulle" lässt mich im ersten Moment rätseln, ob sie sich dieser Gefahr bewusst ist. Ich kann es einfach nicht überblicken, daher habe ich es auch nicht ohne Nachfrage ausgedruckt (unterschrieben hätte es ja sowieso jemand anderes).

Was das Erkennen angeht: Ich bin verpflichtet, jedem zu Beginn zu sagen, dass ich nur "Praktikant" bin. Sicher, "ich stell mich doof an" war unklug, aber ich lerne eben noch. Nur es lässt sich nicht vermeiden, dass auch clevere Kinder sofort merken, dass ich unerfahren bin. Und genau aus diesem Grund könnte es eben auch sein, dass mal jemand ausprobieren will, was geht. Auch wenn ich das nicht unterstelle, ich kann es einfach nicht beurteilen.

Über "Wehleidigkeit" denke ich sicher nochmal nach. Und ich werde auch in mich gehen. Sowieso und überhaupt.

@ednong: Theophyllin war gar nicht im PC vermerkt. Es war quasi eine "Bestellung" von ihr, ohne dass es als Medikation im Computer oder (wie die Chefin später nachgeguckt hat) in einem Arztbrief erwähnt war.

Jule hat gesagt…

@13.14: So einfach ist es eben nicht. Nur weil mir eine unbekannte Dreizehnjährige erzählt, sie hätte mal Theophyllin geschluckt, stelle ich keine Verordnung aus (was ich sowieso nicht darf; aber selbst wenn ich es dürfte, würde ich es nicht tun).

Ich möchte mich vergewissern, dass das seine Richtigkeit hat. Bei Salbutamol glaube ich ihr das so. Die Kurberichte, die Lungenfunktionsprüfungen; klar, dass da was vorliegt. Das ist eine Standardtherapie, bei regelmäßiger Reha wird sie in der Anwendung geschult und kennt sich vermutlich besser aus als jeder Kinderarzt.

Aber bei Theophyllin habe ich gelernt, dass das eine eher geringe therapeutische Breite hat und sich schnell überdosieren lässt. Mit ernsten, durchaus tödlichen Folgen. Da will ich sicher sein.

Es steht da ja nicht, dass ich sie ohne Medikamente ziehen lasse. Sondern dass ich erst prüfe. Somit stirbt auch niemand.

@Flic: Ich kenne auch bereits Kinder, die mir mit gerade mal 6 Jahren die Wirkungsweise ihrer Insulinpumpe erklärt haben und sich da so durch die Menüs geklimpert haben, dass mir schwindelig wurde. Ich habe nichts dagegen, dass Kinder früh den verantwortungsvollen Umgang mit ihren benötigten Medikamenten lernen. Bei den im PC verzeichneten Inhalationssprays gab es auch keine Nachfrage von mir. Aber das Theophyllin, um das es ging, stand nicht im PC und sie wollte es in einer Form und Potenz haben, wie das üblicherweise auf den Notarztwagen gehört. Es ging nicht um Tabletten.

Ich bin mir sicher, dass du mit 9 Jahren deinen Pen richtig einstellen oder deine Spritze richtig aufziehen konntest. Ich würde dir mit 9 auch das Glukagon-Notfallkit verschreiben. Selbst wenn du dich um 2 oder 4 Einheiten verrechnet hast, in der Regel merkt man den Fehler. Bei dem Zeug, was das Mädchen verordnet haben wollte, muss man sich vorstellen, dass jemand in höchster Atemnot, alleine, nachdem die Bedarfsmedikamente nicht gewirkt haben, ein Notfallmedikament (ich trinke dann eine halbe Ampulle) einnehmen wollte, dass bei einer ganzen Ampulle möglicherweise ernsthafte Folgen hat. Dass ich da zögere und mich vergewissere, hat nichts mit Einschränkungen zu tun, meiner Meinung nach. Sondern mit Verantwortung. Mag sein, dass ich dazu noch viel lernen muss. Aber genau dafür ist ein Praktikum ja auch da. Ansonsten bin ich in der Regel diejenige, die Kinder dazu motiviert, alleine Rollstuhl zu fahren und sich alleine zu kathetern, um nicht immer bei Mama am Rockzipfel zu hängen. Das hier ist aber etwas komplexer - denke ich.

Anonym hat gesagt…

Hat das Mädchen die Theophyllin verschrieben bekommen? Und was ist mit dem Schulschwänzerjungen passiert?

Anonym hat gesagt…

Es besteht ein Unterschied darin, sich seiner Sache sicher zu sein und (ohne Nachfragen) zu machen - oder so zu tun, als sei man sicher.

Sprich hier zum Beispiel: Zuhören, feststellen, dass man nicht weiter kommt (hier: nicht entscheiden will/kann, ob die geforderten Sachen jetzt so in Ordnung sind oder nicht), sich das aber nicht anmerken lassen (Lunge abhören, ...) und dann unauffällig zum Ausbilder/Arzt. Und wenn unbedingt dein fehlendes Wissen, dann eher auf nicht funktionierende Computertechnik o.ä. schieben.

Du sollst sicher wirken, nicht unbedingt sicher sein! "Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit" - zumindest dem Patienten gegenüber. Natürlich den Patienten nicht anlügen, aber eben nicht so deutlich durchblicken lassen, dass du gerade keine Ahnung hast.

Soweit würde ich das beurteilen, aber ich lese natürlich immer nur den kleinen ausschnitt den du uns hier mitteilst.

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule!

Was Du nicht wissen kannst, aber mir geht dir ewige Diskussion ums Theophyllin einfach auf die Nerven. Nichtmediziner bitte weghören, es wird fachlich.
Theophyllin war jahrzehntelang DIE Notfallmedikation. Ich habe einmal einem Jungen der in der respiratorischen Insuffizienz war Euphyllin streng nach kg KG gespritzt. Als endlich die nachgeforderte Notärztin nach einer halben Stunde kam, habe ich den kleinen Patienten komplett versorgt gehabt und transportfertig übergeben. Die Kollegin hat wegen des Euphyllins mächtig rumgezickt. Obwohl ich selber Notarzt bin, und alle refresher mache, gestehe ich, dass der Paradigmenwechsel an mir vorbeigegangen ist. Das Thema kam dann kurze Zeit später beim nächsten Notarztrefresher auf den Tisch. Der Vortragende sagte, man solle es wegen der drohenden Tachykardie nicht mehr geben, und präsentierte prompt einen Fall in dem er selber Theophyllin intravenös verabreicht hat, was mich prompt zwischenfragen lies. Er meinte, dass man Patienten die gut darauf reagieren damit nach wie vor versorgen könne. Ich musste schmunzeln. Meiner Ansicht nach ist Euphyllin mit Bedacht und Vorsicht eingesetzt eine gute Substanz vor der man sich nicht mehr fürchten muss, als vor anderen Notfallmedikamenten.
Du wirst noch feststellen, was heute state of the art ist, kann morgen veraltet sein, und übermorgen eine Renaissance erfahren. Ich gebe das, was ich kenne, und mit dem ich gute Erfahrungen habe, ausser natürlich es gibt sehr gute Gründe dagegen.

Mit kollegialen Grüssen

Andreas

Anonym hat gesagt…

Der Junge klimperte durch die Menüs seiner Insulinpumpe, dass dir schwindelig wurde. Also hast du davon keine Ahnung? Und was machst du, wenn er bewusstlos wird, weil er zu viel Insulin gespritzt hat und die Pumpe immer neues Insulin nachgibt? Erstmal über dein Smartphone die Bedienungsanleitung runterladen und in den 232 Seiten suchen, wie das Gerät auszuschalten geht?

Noxi hat gesagt…

@anonym 08:45: das zeigt nicht, dass Jule keine Ahnung hat. Es gibt eine Myriade an Modellen von Insulinpumpen. Selbst ein Professor der Endokrinologie würde die nicht alle kennen und bedienen können.
Wenn das Kind bewusstlos ist, dann ist die Erstmaßnahme immer erstmal Glukose (egal ob Überzucker oder Unterzucker. Kann man oft ja nicht vor Ort diagnostizieren. Der Unterzucker ist jedoch das was akut gefährlicher ist, also erstmal immer Zucker). Ein unterzuckerter Patient kommt dadurch sehr schnell wieder zu sich. Allen weiteren Firlefanz (Insulinpumpe besser einstellen, Schulung, damit ne Überdosierung nicht mehr vorkommt) kann man dann in der Klinik machen.

Mastacheata hat gesagt…

@08:45 Erwartest du etwa, dass Ärzte sämtliche möglichen Gerätschaften aller potentiellen Patienten weltweit in und auswenidg kennen?

Zurück zum von dir beschriebenen Fall: Glucagon injizieren, Schlauch durchtrennen, Zuckerlösung verabreichen.
Da fallen mir weit einfachere, pragmatischere und schnellere Lösungen ein als sich erst in ein neues technisches Gerät einzuarbeiten.

Ich hab zwar mit Insulinpumpen nichts am Hut, bin aber selbst seit 25 Jahren Typ-1 Diabetiker.

Jule hat gesagt…

@08.02.15, 8.45: Dann nehme ich eine große Schere und schneide den Schlauch *schnipp schnapp* möglichst nah am Körper ab.

Jule hat gesagt…

@07.02.15, 22.34: Sie hat es bekommen und er bekam eine Bescheinigung, dass er an dem Morgen in der Praxis war.

Christiane hat gesagt…

Respekt für die selbstkritische Darstellung!

noch eine Jule hat gesagt…

Liebe Jule, ich finde du hast in dem Fall vollkommen richtig reagiert. Mal bei deiner Chefin nachfragen ist völlig in Ordnung, schließllich ist das Zeug ja nicht wirklich ungefährlich. Ich hätte dir in dem Alter die gleiche Menge an Medis aufzählen können. Trotz Kindsein haben sich an der Dialyse und auch als ich meine neue Niere hatte nicht meine Eltern um meine Medis gekümmert, sondern ich selbst und ich habe immer den Ärzten erklären können, was mit mir los ist und was ich brauchte, zumindest meditechnisch. Krankenschwestern, die nicht auf mich hören wollten, weil ich ja noch ein Kind war, hatten danach meistens die Quittung und die Erkenntnis, das es andersrum doch besser gewesen wäre. Leider gibt es halt auch Kinder und Jugendliche, die da anders sind, sich überschätzen oder überhaupt nicht mit sich umgehen können. Ich denke deshalb hat dir die Ärztin noch einmal geraten, dir das Zepter nciht aus der Hand nehmen zu lassen. Einfach nochmal ein gut gemeinter Hinweis.

Sabine K. hat gesagt…

@ NOXI: "Wenn das Kind bewusstlos ist, dann ist die Erstmaßnahme immer erstmal Glukose (egal ob Überzucker oder Unterzucker. Kann man oft ja nicht vor Ort diagnostizieren."

Diese Aussage halte ich für grob Fahrlässig! Natürlich kann jeder Notarzt (und vermutlich auch jeder Rettungssanitäter) mit einem kleinen Fingerpiks und einem normalen Messgerät feststellen ob eine Hypo- oder Hyperglykämie vorliegt.

Ein bewußtloses Kind kann ja ausserdem noch eine ganze Reihe anderer Probleme und Ursachen für die Bewußtlosigkeit haben, die sich nicht mit einer simplen Glukose-Infusion beben lassen.

Sabine K.

Mathias hat gesagt…

Hervorragende Grafik Diese Seite und Buchung erregte meine Aufmerksamkeit. Es ist schön, dass Blogs wie dieses existieren!

Jojo hat gesagt…

Hallo Jule,

großen Respekt für deine Offenheit.
Hier wurde ja schon ordentlich Diskutiert.

Schöner Blog, weiter so!

Beste Grüße

Jojo