Sonntag, 15. Februar 2015

Hamster in der Dose

Dass Menschen zum Arzt gehen, weil sie sonst niemanden haben, mit dem sie ihre Sorgen und Probleme besprechen können, ist kein Geheimnis. Das soll es auch nicht sein, im Gegenteil. Trotz aller Scham und allem Streben nach Perfektion setzt sich in der Gesellschaft allmählich zunehmend die Erkenntnis durch, dass nicht alle Menschen gesund sind und dass es nicht nur körperliche Erkrankungen gibt. Wobei ich eine einfache, einmalige Ratlosigkeit nicht gleich als psychische Erkrankung ansehen würde. Dennoch gibt es viele Menschen, die alleine zu grübeln beginnen - über Fragen, von denen sie wissen, dass sie sie alleine nicht beantworten können und über Probleme, von denen sie wissen, dass sie sie alleine nicht lösen können. Daraus kann sich schon etwas entwickeln, was man dann nicht mehr im Griff hat. Das soll kein fachlicher Beitrag werden, sondern lediglich ein grob gefasster Aufhänger für eine Begegnung in jener Kinderarzt-Praxis, in der ich im Moment mein Pflichtpraktikum ableiste.

Von einer Elfjährigen, die inzwischen fest davon überzeugt war, Krebs zu haben, weil ihr immer mal wieder große Mengen Blut aus der Vagina laufen, bekam ich nur erzählt. Sie hat eher halbherzig versucht, mit dafür ungeeigneten Tabletten ihrem Leben ein Ende zu setzen. Die Mutter habe, so meine Chefin, weder verstanden, in welchem Konflikt das Mädel sich befunden hat, noch welchen Anteil sie an dieser Eskalation zu tragen hatte. Wie kann es bitte sein, dass man seine eigene Tochter nicht auf die Regelblutung vorbereitet? Wie kann es bitte sein, dass die Tochter nicht die richtigen Informationen findet und Antworten auf die Fragen bekommt, die sich in ihrem Kopf hin und her bewegen? Was für familiäre Strukturen sind es, die nicht mal ein Mindestmaß an Vertrauen ermöglichen? Warum schafft es die Mutter nicht, wenigstens ein Aufklärungsbuch zu verschenken, wenn ihr das selbst zu peinlich ist? Was für Energie hat das Mädchen unbemerkt aufbringen können, damit die Sauerei, die eine Regelblutung gerade bei unerfahrenen Leuten verursachen kann, nicht entdeckt wurde?

Was so erschreckend ist: Das Mädchen hatte, im Gegensatz zu mir (meine Mutter hat mich auch nie aufgeklärt, ich bekam allerdings auch nicht mit 10 schon meine Regel) sogar Zugang zum Internet und sich wohl auch diverse Seiten ausgedruckt. Sie hat aber die Antwort immer schon vorgegeben, indem sie gleich nach Blut, Vagina und Krebs gesucht hat. Zwar war, so meine Chefin, immer ausdrücklich von "Blutungen außerhalb der Regel" die Rede, aber wer nicht weiß, dass mit "Regel" die Regelblutung gemeint ist und sprachlich auch noch nicht so gewandt ist, bringt "Blutungen außerhalb der Regel" und "Krebs im Vaginabereich ruft in der Regel kaum Beschwerden hervor" auf einen Nenner, obwohl einmal die Regelblutung und einmal der Regelfall gemeint ist. Der "Fall" ist inzwischen einige Zeit her, das Mädchen hat es überlebt, das Jugendamt wurde eingeschaltet.

In der letzten Woche kam ein ebenso alter Junge in die Praxis. Während der Schulzeit. Es fiel ihm leichter, den Lehrern zu sagen, er müsse zu einem Arzttermin als mit seinen Eltern zu sprechen. Und die Lehrer ließen ihn gehen - ich hätte in der vierten Klasse auf jeden Fall einen Zettel von meinen Eltern vorzeigen müssen, wenn ich während der Schulzeit alleine abhauen wollte.

Der Grund des Besuchs: Familiäre Probleme. Unlösbare. Aus Sicht des Kindes. Bis zur Anmeldung hat er es ohne Tränen zu vergießen geschafft, dann brach es aus ihm heraus. Meine Chefin nahm ihn relativ schnell dran, ich sollte und durfte dabei sein. So ein Notfall kann einem den ganzen Sprechstundenbetrieb sprengen. Aber was wiegt schon ein geordneter Praxisbetrieb gegen die Sorgen eines Kindes? Ich möchte mir jedenfalls nicht vorstellen, dass der Kurze sich hinterher draußen vor den Bus wirft. Muss ja nicht gleich sein, aber weiß ich das, wenn ich seine Sorgen nicht kenne?

Der Papa trinkt. Die Mama trinkt. Der Papa schlägt die Mama. Die Mama verteidigt sich mit dem Brotmesser. Der Papa hat dem Sohn erklärt, dass die Mama möchte, dass der Papa auszieht. Aus meiner Sicht wäre eine Trennung wohl auch die beste Lösung. Eine Beziehung, in der geschlagen und mit Messern hantiert wird, ist gescheitert. Nun instrumentalisiert der Vater das Kind, indem er ihm erzählt hat, dass das Kind ihn dann nie wieder sehen kann. Er müsste sich eine andere Wohnung nehmen und würde in eine andere Stadt ziehen, zum Sitz seiner Firma, in der er derzeit im Außendienst arbeitet. Der Sohn liebe seinen Vater, zumindest so sehr, dass er sich nicht plötzlich für immer von ihm trennen möchte. Er habe schon einen lieben Onkel (den Bruder des Vaters), den er nur selten sieht, obwohl er ihn so gerne mag. Der sei einfach cool. Seine Mutter sei anstrengend, alleine, ohne seinen Vater, sei das Zusammenleben kaum vorstellbar.

Ich kann nicht in allen Einzelheiten ausführen, was außerdem noch zur Sprache kam. In Stichworten: Keine freie Verwendung des (spärlichen) Taschengeldes, er muss um Erlaubnis fragen, wenn er sich irgendwas von seinem Geld kaufen will. Keine freie Klamottenwahl, wobei es nicht darum geht, Markenklamotten zu tragen, sondern wenigstens beim Einkaufen hinsichtlich Farbe und Form mitreden zu dürfen. Spielen mit Freunden nicht zu Hause, nur draußen und nur bis 18 Uhr. Keinerlei Intimsphäre: Selbst auf Klo würden die Eltern regelmäßig kontrollieren, was er gerade anstelle. Meine Chefin erzählte, sie war einmal zum Hausbesuch dort: Er teile sich mit seiner Schwester ein 5 Quadratmeter großes so genanntes "halbes" Zimmer mit Etagenbett, Schrank und Schreibtisch. Die Wohnung liegt in einem Hochhausblock, habe aber insgesamt fünf Zimmer.

Ob es noch andere Menschen in seiner Familie gebe, mit denen er reden könne, wollte meine Chefin wissen. Das Kind antwortete: In Hamburg wohnten nur die Großeltern mütterlicherseits. "Aber auf die bin ich sauer seit der Sache mit meinem Hamster." - Der Hamster sei gestorben und lag eines Morgens tot in seinem Käfig. Wer bitte stellt einen nachts lärmenden Hamster in so ein kleines Kinderzimmer? Der arme Hamster. Nein, mal im Ernst: Das Kind hatte das Bedürfnis, das tote Tier zu beerdigen. In einer Hochhaussiedlung ist das eher schwierig, aber bei den Großeltern im Garten vor dem Haus sollte es sein. Also packte er zusammen mit seiner Mutter den toten Hamster in Watte und Stroh in eine alte Keksdose. Ein anderes Behältnis hatte man auf die Schnelle nicht gefunden.

Die Großeltern hätten dann gesagt, dass sie einen toten Hamster in einer Keksdose nicht in ihrem Garten vergraben. Erst auf Betteln des Kindes hätten sie schließlich eingelenkt. Der Opa hat versprochen, erst noch ein Holzkreuz für den Hamster zu machen und ihn am nächsten Morgen einzubuddeln. Jetzt werde es schon dunkel und am Sonntag könne man nicht graben... Ein Holzkreuz hat es nie gegeben, es sei immer etwas dazwischen gekommen. Dafür hat der Enkel bei der nächsten Familienfeier zufällig mitbekommen, wie sich der Opa über den Enkel amüsiert hat. Den Hamster habe er im Hausmüll entsorgt und die alte Keksdose verwende er jetzt für seine unsortierten Briefmarken - bevor er sie in seine Alben einordne. Tatsächlich, so der Patient, stand im Regal eine solche Keksdose.

Und ich dachte immer, meine Familie ist einigermaßen grotesk. Was ich überhaupt nicht begreife: Irgendwo muss der Kurze solche Dinge wie Trauer, Totenruhe, Beerdigung, Mitsprache, Liebe, Verlustangst, Verantwortung, Unrechtsbewusstsein ... doch vermittelt bekommen haben. Wie verkorkst geht es da bitte zu? Ich kann das noch immer nicht begreifen und bin, was die Auseinandersetzung mit diesem "Fall" angeht, noch immer absolut sprachlos.

Meine Chefin hat den Sozialen Dienst des Jugendamtes angerufen. Die haben eine Mitarbeiterin in die Praxis geschickt. Meine Chefin sagt: "Wenn ich ernsthaft Kenntnis darüber habe, dass dort geprügelt wird und die Eltern mit Messern aufeinander losgehen, habe ich gar keine andere Wahl. Im Rahmen einer ambulanten haus- oder kinderärztlichen Betreuung kann ich im Moment kaum mehr für ihn tun. Und es gibt noch ein jüngeres Geschwisterkind, um das sich auch jemand kümmern muss."

Kommentare :

Simone hat gesagt…

Boah, was für ein toller kleiner Kerl! Wie mutig, dass er sich bei deiner Chefin Hilfe geholt hat!! War früher u.a. als KJ-Psychotherapeutin in HH tätig, solche Kids wie er haben in mir regelmäßig "Adoptionsimpulse" ausgelöst. Kam natürlich nicht in die Tüte (also ab zur Supervision mit den Muttergefühlen).

Philipp hat gesagt…

Ei wei wei, das tut richtig weh beim lesen. Richtig, richtig weh.

Ich hoffe da kann geholfen werden.

Grüße aus Dresden

Philipp

Anonym hat gesagt…

Für jeden Mist braucht man heute irgendeinen Befähigungsnachweis, aber Kinder erziehen darf jede/r Gestörte. Diese Eltern verdienen nicht die Bezeichnung. Schon gar nicht diese Mutter, die von den Großeltern offenbar schon psychisch deformiert wurde. Armer kleiner Kerl.

Andreas

Anna hat gesagt…

Liebe Jule, ich kommentiere anonym, da ich in diesem Zusammenhang ein anonymes Angebot erwähnen möchte, für das ich seit Jahren arbeite - die gute alte Nummer gegen Kummer, die Kinder und Jugendliche kostenlos (auch vom Handy) unter der 0800 111 0 333 anrufen können. Wir sind oft erste Ansprechpartner für solche und ähnliche Fälle - mich freut es aber, dass der Junge sich bei deiner Chefin so gut aufgehoben gefühlt hat, dass er sich ihr anvertrauen konnte. Nach so einer Person hätten wir am Telefon auch mit ihm gesucht. Naja, vielleicht kommt dir oder einer/m Leser/in die Nummer bei der Arbeit mal gelegen.

Weiterhin alles Gute!
Anna

Johanna hat gesagt…

Mensch, so ein mutiger kleiner Mann. Toll, dass er sich getraut hat, damit nicht mehr alleine zu sein. Bleibt zu hoffen, dass die Unterstützung vom Jugendamt etwas bewirkt.

Bei mir führen solche "Fälle" immer dazu, dass ich mir die Welt einfach heiler wünsche und ich würd auch manchmal gern bemuttern und sichern und verfügbar und verlässlich sein. Das ist manchmal schon echt schwer auszuhalten, wie kaputt (gemacht) die Welt sein kann.

Anonym hat gesagt…

Thumbs Up für Annas Kommentar! :-)

Edelnickel hat gesagt…

Oh Gott. Ich habe das dringende Bedürfnis, den kleinen Kerl zu adoptieren, zu knuddeln und zu lieben. Armes Kerlchen. :(

BigDigger hat gesagt…

Mann, es sagt tatsächlich schon eine Menge über den Leidensdruck des Jungen aus, wenn er gegenüber der Kinderärztin - und einer völlig Fremden - sich traut auszupacken. Praxisbetrieb hin oder her, dabei geht es genauso um die Gesundheit des Jungen wie bei einer körperlichen Erkrankung. Wie Du schon richtig schreibst, es ist nicht einzuschätzen, ob er sich vor den Bus wirft oder nicht. Langfristig gesehen ist aber genau das die Perspektive. Das kann mit 11 passieren, mit 12, 14, 16, 19 oder auch mit 34.

Und ich weiß aus eigener Erfahrung, welche Überwindung es kostet, gegenüber einer anderen Person eingestehen zu müssen, dass man schwach ist.

Zu meiner Schulzeit gab es zwei Suizide an meiner Schule binnen zwei Jahren. Einen davon kannte ich von früher vom Fußball. Ich gehe nicht in Details (obwohl ich sie kenne), weil ich nicht weiß, wer mitliest, aber so viel kann ich sagen: Er hat es zuhause in Hamburg nicht fertig gebracht, also wartete er bis zur Stufenreise in die Toskana. Der andere zog noch direkt andere mit rein, auf eine ziemlich grausame Weise.

ednong hat gesagt…

Wahnsinn, dass er das alles schon so beurteilen kann. Das ist ja eher selten. Traurig finde ich immer die Instrumentalisierung durch einen oder beide Elternteil(e) - das ist einfach ätzend.

Wenn eine Trennung anliegt - was sich nun leider nicht immer vermeiden läßt - dann sollte das harmonisch sein. Denn noch mehr Streit oder Streß hilft da keinem.

Ich hoffe mal, dass ihm geholfen werden kann.

Schnuffelsocke hat gesagt…

Klasse, das auch seelische Notfälle Vorrang haben!
Gibt es wahrscheinlich leider nicht in jeder Praxis...
Aber Notfall bleibt Notfall. Egal ob körperlich oder seelisch / psychisch!


fujolan hat gesagt…

Danke Jule.
Für Vielerlei, auch, dass du deine LeserInnen gerne "mitnimmst" zu deinen Erlebnissen, ob aus der Kinderarztpraxis oder eine Verliebtheit.
Hier hast du heute einen lauten Lacher und ein Lächeln geschenkt mit deinem Text.

Dem Jungen wünsche ich Menschen, die ihn begleiten. Auszeiten. Die Chance auf kleine oder wenn nötig große Fluchten.
Ich hab neulich mal ein Jugendamt informiert - schweren Herzens (Gewalt in der Familie) - und hatte Angst vor der Reaktion der Eltern. Sie war "Ich hab schon so lange gehofft, dass mal jemand was sagt" und "danke. Ich nehme das HIlfsangebot an"

Und dann schäme ich mich bitterlich, wenn ich sehe, wie die Hilfsangebote für Kinder u.a. in der offenen Jugendarbeit zusammen gekloppt und kaputt gespar worden sind.

Anonym hat gesagt…

Hach, ich mag die Geschichten aus deinen Praktika :-)

Ich hätte nie gedacht dass Kinder alleine zum (Kinder)arzt gehen, das kenne ich so gar nicht. Sind das dann Kinder, die sowieso öfter in der Praxis sind (wie das Mädchen mit denn Allergien)? Kommt der Schulschwänzerjunge auch regelmäßig? Und der arme Kerl aus dieser Geschichte? Die Kinderärztin scheint einen guten Draht (ähnlich wie du) zu den Kindern zu haben, wenn sie mit solchen Problemlagen kommen.

Anonym hat gesagt…

Es gibt so viele unfähige Eltern und es macht mich wütend, dass immer nur oder zumindest gerade die Kinder darunter zu leiden haben.

Und ich habe immer mehr das Gefühl, dass es gar nicht so viel Hilfe geben kann wie gebraucht wird.