Mittwoch, 25. Februar 2015

Verborgene Stärke

Ob es Spaghetti werden würden, hatte Philipp bis zuletzt offen gelassen. Maries Eifersucht hielt sich zum Glück sehr in Grenzen. Sie muss auch nicht sein, denn ich bin nicht diejenige, die für eine Beziehung alle Freundschaften aufgibt oder vernachlässigt. "Falls da irgendwo ein geschlechtsreifer Bruder rumläuft, der ebenfalls Single ist, schick ihn bitte umverzüglich zu mir", meinte sie.

So stand ich nach einem langen Arbeitstag frisch geduscht und hungrig vor einer Einfamilienhaushälfte im Hamburger Umland und kam immerhin von der Straße bis kurz vor die Haustür. Drei Stufen davor, die Klingel wäre vielleicht mit einem langen Besenstiel zu erreichen. Aber man kann ja anrufen und entgeht damit zumindest für einen Moment lang der Gefahr, dass jemand anderes die Tür öffnet und sich beim Tragen über die Stufen versucht.

Während ich mir überlegte, ob ich alte Schiss-Socke nicht doch noch wieder umkehren sollte und dann doch das Handy in die Hand nahm, öffnete jemand mit Schwung die Tür. Es war Philipp. "Tach!" war sein erster Kommentar. Ich musste grinsen. Aber diese Begrüßung sollte noch nicht alles gewesen sein. Er kam die Stufen runter, umarmte mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Wow. Das fühlte sich gut an. Wir hatten zwar bereits nackt zusammen geduscht, er hatte meine Haare und meinen Oberkörper eingeseift, aber geknutscht haben wir komischerweise noch nicht. Oder uns geküsst.

"Wie machen wir das jetzt am Besten?", fragte er mich. Ich antwortete: "Am Besten ziehe ich hier meine Schuhe aus und dann nimmst du mich packehuck." - "Packehuck? Ich glaube, dann stößt du dir im Flur die Rübe, so hoch ist unser Haus nicht. Ich muss schon immer fast den Kopf einziehen, wenn ich durch die Türen gehe. Geht auch 'auf den Arm'?"

Ging auch. Einen Arm hinter meinem Rücken, die Hand an den Oberarm, der andere Arm unter meinen Kniekehlen - und los ging es. "Fliegengewicht", meinte er. Ich dachte mir so: "Warte mal ab, bis die Treppe enger wird und du 15 Stufen hinter dir hast. Hauptsache, wir fliegen nicht auf die Nase." - Aber alles klappte. Er trug mich eine schmale Treppe hoch, öffnete die Tür zu seiner Wohnküche mit einem Bein auf dem Treppenabsatz stehend und mit dem anderen Bein sanft auf die Türklinke tretend - dabei mich auf dem Arm festhaltend und nur wenig schwankend.

Der Raum war nach dem ersten Eindruck schon etwas länger nicht mehr renoviert worden. Was nicht heißt, dass es unsauber oder verwohnt war, sondern lediglich, dass der Stil eher den späten 1980er-Jahren entsprach. Die schrägen Decken waren mit inzwischen völlig dunklem Fichtenholz vertäfelt, die Wände mit weiß gestrichener Rauhfaser tapeziert. Neben dem Eingang hing das gestickte Bild eines Heißluftballons in einem Holzrahmen. Das auf den ersten Blick einzig Neue war ein großer schwarzer Boxsack. Er trug mich zu einem Einzelbett, vermutlich Dänisches Bettenlager, Kiefernrahmen, das zu einer Art Sofa hergerichtet war und warf mich grinsend auf die weiche Matratze ab. Berührungsängste a la "kann da was zerbrechen" hatte er auf jeden Fall schonmal nicht.

"Herzlich willkommen in meinem Fünfundzwanzig-Quadratmeter-Wohnklo", meinte er. "Wunder dich nicht über die Ausstattung, hier hat früher mein Onkel unter der Woche gewohnt während er auf dem Bau war. Im Moment wohne ich hier, bis ich was Vernünftiges gefunden habe. Besser als bei meiner Mutter unten, da hätte ich überhaupt keine Privatsphäre." - "Alles gut", sagte ich und guckte mich um. Das Bett, auf dem ich lag, hatte ein Dachfenster direkt über den Kopfkissen. Das ist bestimmt schön, solange die Sterne funkeln. Aber spätestens bei strömendem Regen würde es mich nerven. Herrje, bin ich wählerisch. "Ich hol mal eben deinen Rollstuhl."

Einen Moment später kam er mit dem Ding auf dem Arm um die Ecke, stellte ihn mitten in den Raum, schloss die Tür hinter sich und sagte: "Der ist ganz schön leicht und sportlich. Wenn ich an den Dampfer von meinem Opa denke: Der hatte so komischen Hebelantrieb für die Arme und einen Wendekreis von geschätzt 35 Metern." - "Was war mit deinem Opa?" - "Der hatte beide Beine verloren. Er starb, als ich 12 war. Er wohnte nicht in Hamburg, wir hatten kaum Kontakt."

Ich hatte es mir auf dem Sofa bequem gemacht, lag auf dem Rücken, guckte aus dem Dachfenster. "Schönen Blick in den Himmel hat man hier", sagte ich. Er antwortete: "Ja, wenn man nicht einschlafen kann, kann man die Sterne zählen. Oder auf Sternschnuppen warten." - Ich setzte mich hin. Er kletterte auf das Sofa, latschte hinter meinem Rücken vorbei, ließ sich fallen und lag nun so da wie ich vor wenigen Sekunden, während ich auf der Bettkante saß. "Würde er mich jetzt von der Bettkante stoßen?", war mein einziger Gedanke in diesem Moment. Mein Grinsen übersah er. - "So liege ich abends immer hier", führte er vor. Ich nahm mein rechtes Bein in die Hände, platzierte meinen Unterschenkel auf der anderen Seite seiner Beine, drückte meinen Oberkörper hoch und legte mich direkt auf ihn drauf. Bevor er was sagen konnte, stellte ich fest: "Und so schlafe ich abends am liebsten ein."

Mein Ohr lag knapp unterhalb seines untersten Rippenbogens, meine Arme neben seinem Körper, meine Beine auf seinen. Zumindest die Oberschenkel. Er griff nach meinem Hosenbund und zog mich zehn Zentimeter höher. Dann fasste er mit seinen beiden Händen an meinen Po. Ich ließ ihn machen, gleichwohl fing mein Herz zu rasen an. Und was nun kommen würde, war klar. Nur warum musste das ausgerechnet das erste Thema sein? Ich war noch keine zehn Minuten hier. Das ist nicht fair! Er fühlte dort, fühlte erneut am Hosenbund. Er untersuchte auffällig unauffällig. Nun sag schon was! Meine Panik vor einer abweisenden Reaktion verminderte sich mit jeder Sekunde seiner Unsicherheit. Er tastete noch immer und sein Puls wurde immer schneller. In dem Moment, in dem ich fragen wollte, ob etwas nicht in Ordnung ist, sagte er sehr direkt: "Was ist das unter deiner Hose?" - "Protection", murmelte ich, ohne den Kopf von seiner Brust zu heben. Wahrscheinlich war es zu genuschelt, denn er fragte nach. "Protection", wiederholte ich betont lässig.

Jetzt hatte er verstanden. "Pee protection oder poo protection?", fragte er. Also ganz unwissend war er nicht, interessiert, direkt - eigentlich mag ich das. Auch wenn ich mir zunächst wirklich ein anderes Thema gewünscht hätte! "Pee", murmelte ich. Und fügte hinzu: "Ist aber nur zur Sicherheit. Normalerweise ist alles dicht." - "Also kannst du auch ohne?" - "Ohne ist die Regel. Nur draußen, wenn ich nicht weiß, wann und wo ein Klo ist oder wenn ich es nicht drauf ankommen lassen will, ob man einen Autositz kostengünstig reinigen kann, falls die Blase doch mal rumspackt, gehe ich lieber auf Nummer Sicher." - "Ist dir das nicht peinlich?", wollte er wissen.

"Muss es das?", war meine verkehrte Frage. Und korrigierte sofort: "Oder besser: Ist es schlimm, wenn nicht? Es war mir früher peinlich. Heute bin ich nur noch verunsichert, wenn ich nicht weiß, wie du darauf reagieren wirst." - "Ich glaube, da kann man viel falsch machen." Sehr geschickt. - "Eigentlich bin ich nicht aus Zucker. Aber es ist schon etwas Besonderes, auf das ich lieber verzichten würde. Und weil das nicht geht, bin ich in der blöden Situation, manchmal sogar eher als mir lieb ist, erklären zu müssen oder vielleicht sogar aussortiert zu werden." - "Wieso denn aussortieren? Ich finde das stark." - "Was jetzt?" - "Naja, dass du so deinen Weg gefunden hast. Das sieht man dir ja nicht an, im Gegensatz zum Rollstuhl. Und selbst da bist du sehr stark. Man bekommt bei dir sehr schnell das Gefühl, als wäre das völlig normal. So wie der eine lieber blaue und der andere lieber schwarze Jeans trägt." - "Es ist für mich normal. Das ist mein tägliches Leben. Der Rollstuhl genauso wie meine eigenwillige Blase." - "Ja, stark. Richtig stark. Ich sag das ja nicht häufig, aber das imponiert mir. Ich finde das sogar auf eine Art ein wenig erotisch. Deine verborgene Stärke."

Erotisch? Bitte nicht schon wieder jemanden, der auf Behinderungen oder Inkontinenz steht. Das wäre jetzt ein echter GAU. Ich fühlte mich an meinen Ex erinnert, der genau dieselben Worte verwendet hat, bevor ich mit ihm Schluss gemacht habe: Er finde es erotisch, wenn ich dadurch Stärke zeige, dass ich Dinge beherrsche, die andere Frauen (in meinem Alter) nicht beherrschen. Wie Rollstuhl fahren und Windeln anziehen. Allerdings gab mein Ex in dem Gespräch auch zu, dass er eigentlich nicht mich, sondern nur meine Stärke begehrte.

Ich fragte genauer nach: "Eine Behinderung kann erotisch sein?" - An seiner Antwort merkte ich schnell, dass ich zu viele krause Erfahrungen gemacht hatte. Er sagte: "Och, es gibt bestimmt auch Leute, die Behinderungen an sich erotisch finden. Es gibt sogar Leute, die Windeln erotisch finden. In der Nähe von meiner Oma gab es vor Jahren mal eine Kneipe, in der haben sich erwachsene Leute getroffen und sich in Windeln und Babysachen an die Theke gesetzt und sich von der Wirtin den Popo versohlen lassen. Ist wirklich wahr!" - "Ich weiß, darauf bin ich schon öfter mal aufmerksam gemacht worden. Das stand sogar groß in der Zeitung." - "Total schräg. Aber wenn es Spaß macht... Was ich meinte, ist deine verborgene Stärke, also diese Diskrepanz zwischen der allgemeinen Wahrnehmung, Frauen im Rollstuhl sind schwach, inkontinente Menschen sind schwach, und deinem Auftreten. Das finde ich an dir sehr erotisch. Die Behinderung als solche jetzt ehrlich gesagt eher nicht so. Ich denke, die ist da, die ist okay, sie beeinflusst alles, aber sie bedarf irgendwie keiner besonderen Aufmerksamkeit. Geschweige denn einer sexuellen."

Ich lernte auch noch seine Mutter kennen. Sie brachte die Bratpfanne. Nicht zum Verhauen, sondern zum Braten. Es gab Bratkartoffeln mit Schinken und Ei. Und Gurke. Man könnte auch "Bauernfrühstück" sagen. Was mir auffiel: Seine Mutter wirkte deutlich distanzierter. Sie gab mir die Hand, stellte sich vor, war dann aber so schnell wieder weg wie sie gekommen war. Auch Philipp sagte überhaupt nichts weiter, es schien, als hätten sie sich gestritten. Ich kann mich aber auch täuschen.

Wir haben gegessen, gequatscht, er hat mich irgendwann wieder die Treppe nach unten getragen und mich mit einem Kuss auf die Wange verabschiedet. Wir haben uns erneut verabredet, zum gemeinsamen Schwimmtraining. Und er will mich besuchen. In den nächsten Tagen.

Und wie geht das jetzt weiter? Ich muss sein Statement in meinem Kopf erstmal einordnen. Ja, ich will nach wie vor was von ihm. Und er irgendwie auch. Er findet meine verborgene Stärke erotisch. Meine. Soll ich das einfach so hinnehmen, kann ich das für mich nutzen oder ist das womöglich etwas, von dem ich hoffe, dass ich darauf nicht reduziert werde? Das zu glauben, dafür ist es zu früh. Schließlich finde ich es ja toll, wenn er mich erotisch findet. Und vielleicht findet er ja noch andere Sachen an mir erotisch. Oder er wollte mir ein Kompliment machen und mir signalisieren, dass meine Beeinträchtigung okay ist, so wie sie ist. Und höchstwahrscheinlich denke ich schon wieder viel zu viel darüber nach. Und sollte es dringend bleiben lassen. Und ihn weiter kennenlernen.

Kommentare :

ednong hat gesagt…

LOL,
"Und höchstwahrscheinlich denke ich schon wieder viel zu viel darüber nach. Und sollte es dringend bleiben lassen. Und ihn weiter kennenlernen."

Genau das dachte ich auch so - du hast zuviele negative Erfahrungen gemacht und legst jetzt einfach - nachvollziehbar - jedes Wort auf die Goldwaage.

Genieße es und guck, wie es sich entwickelt. Beenden kannst du es doch jederzeit. Und pack ihn nicht zu früh in eine Schublade.

Anonym hat gesagt…

wenn Männer aufgeregt sind reden sie jede menge mist. soviel mist, sodass sie gar nicht mehr merken wieviel das ist. dann sagen sie auch dinge die sie garnicht so meinen und verstricken sich immer mehr oder sind von dingen überzeugt von denen sie gar nicht überzeugt sind.
kann auch sein, dass er seiner Mutter gesagt hat, dass sie das Essen holt und dann alsbald wieder geht. Das musste ich meinen Eltern auch Beibringen..

Jana hat gesagt…

Hi Jule :)
So wie du das hier in deinem Blog formulierst, scheint er dich nicht auf deine "verborgene Stärke" reduzieren zu wollen. Das ist doch schon mal positiv! :D Aber wie du sagtest: einfach nicht zu viel darüber nachdenken! Wünsche dir noch eine angenehme Zeit :)
LG

Simone hat gesagt…

Jule, ich finde du diskriminierst dich gerade selbst ein bisschen. Würdest du sein Kompliment zu deiner inneren Stärke in Zweifel ziehen, wenn du Fußgängerin wärest?!
Und entspricht sein Gesagtes nicht dem, was du von dir selbst denkst ("nicht aus Zucker zu sein")??

Bastian hat gesagt…

Hallo Jule,

ich denke, du machst dir da wirklich zu viele Gedanken... wahrscheinlich auch im Hinblick auf deine bisherigen Erfahrungen.

Es ist nunmal so: Menschen im Rollstuhl (oder mit anderen Einschränkungen) lösen leider bei vielen Menschen immer noch Berührungsängste aus. Mit deiner Art schaffst du es zwar immer wieder sehr gut, den Menschen diese Ängste zu nehmen, aber bei manchen Themen weiß man(n) einfach trotzdem nicht sofort, wie man(n) damit umgehen soll. Das Thema "Schutzhose" ist eben so eins. Wenn man nicht unbedingt einen Fetisch für sowas hat, wird es einen auf jeden Fall erstmal irritieren, und dann tauchen eben Fragen auf. Ich denke mal nicht, dass Philipp einen Fetisch hat, sonst wäre er entweder informierter, oder hätte dich schon früher von sich aus angesprochen.

Stattdessen schätzt er deine Stärke, und ich glaube er bezieht das gar nicht mal auf die eventuell denkbare, wenn auch unsinnige, Diskrepanz zwischen Stärke und Behinderung. Er fände dich sicher auch stark, wenn du nicht im Rollstuhl sitzen würdest. Alleine dein Auftritt, als du ihn angesprochen hast, und eure gemeinsame Zeit während und nach dem Training strahlt ja ein gewisses Selbstbewusstsein aus, auch wenn dir das vielleicht nicht so vorkommt.

Mach dir einfach keinen Kopf, und genieße es, dass du ihn beeindruckst. Am besten lässt du das Thema "Rollstuhl und so" für dich nicht größer werden, als es für ihn ist. Philipp scheint ja allgemein ganz taff zu sein, wenn ihn was interessiert, dann fragt er schon.

Achja, und wir Männer sind da eher sachlich und interpretieren deutlich weniger, als du denkst. Entspannt euch einfach, dann wird das schon!

Liebe Grüße,

Bastian

Anonym hat gesagt…

"Und höchstwahrscheinlich denke ich schon wieder viel zu viel darüber nach. Und sollte es dringend bleiben lassen. Und ihn weiter kennenlernen."

So sieht's aus. ;)

Der Knabe wirkt supersympathisch und ich wünsche euch alles Glück der Welt. Kleiner Minuspunkt: Er wohnt zuhause. Das riecht ein wenig nach Ärger.

Bastian hat gesagt…

Achja, und eine Anmerkung noch:
Eigentlich ging es dir ja auch gar nicht so sehr um eine tiefgründige Beziehung, sondern um etwas anderes, wo "er findet mich erotisch, und ich finde ihn erotisch" vollkommen ausreicht...

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

irgendwie kann man es dir aber auch nicht recht machen... ;-)
Philipp geht doch wirklich gut mit dir um! Er ist zwar kein Profi in Sachen Behinderung, sondern lernt diverse Aspekte dieses Themas gerade mit dir, bzw. durch dich ein Stück weit kennen.
Er ist kein Amelo, aber er hat auch keine Berührungsängste dir, bzw. deiner Behinderung gegenüber.
Das sind doch wirklich ideale Voraussetzungen!

Und dann sieht er in dir auch nicht die "arme, schwache Behinderte", sondern eine starke, attraktive Frau, die ihr Leben auch mit den Einschränkungen und Problemen, die deine Behinderung nun mal mit sich bringt, ziemlich gut und souverän meistert.
Er sieht also nicht primär deine Behinderung, sondern vor allem deinen souveränen Umgang mit deiner Behinderung, was ihn offensichtlich beeindruckt.
Deine Behinderung ist nun mal ein weder ganz unwichtiger, noch ein unauffälliger Teil von dir, der anderen Leuten immer auffallen wird und der auch die Meinung anderer Menschen über dich immer irgendwie beeinflussen wird.
Und nun, wie sollte er denn bitteschön noch besser auf diesen Teil von dir reagieren und mit deiner Besonderheit umgehen, als er es derzeit macht?

Also: Gib ihm eine Chance und lege nicht jedes einzelne seiner Worte auf die Goldwaage!

Viele Grüße
Banane

Eric hat gesagt…

Ich würde ja sagen, denk nicht zu viel darüber nach und schau einfach wo es hinführt. Ich wünsche dir auf jeden Fall, dass du dieses Mal einen guten Fang gemacht hast ...

BigDigger hat gesagt…

Ich will mal meine Gedanken dazu äußern...

Ich nehme ihm durchaus ab, dass Du äußerlich gewissermaßen schwach wirkst. Deinen mangels Verwendung nicht ausgebildete Beinmuskulatur wird ihren Teil dazu beitragen zur äußeren Erscheinung. So wie gewisse Unmöglichkeiten wie die, allein bei ihm die Treppe hochzukommen. Bei vielen Dingen, bei denen andere keine Hilfe brauchen, kannst Du Dir selbst helfen, wenn Du höheren Aufwand treibst - zum Beispiel wenn an einer U-/S-Bahn-Station kein funktionierender Fahrstuhl ist. Dann kannst Du Dir meist selbst helfen, wenn Du zu einer anderen Station fährst und mit dem Bus dorthin, wo Du hinwillst. Das kostet Zeit, die Gehende nicht aufwenden müssen, aber Du kommst ohne Hilfe an. Du musst Dich nicht drauf verlassen, dass sich jemand findet, der Dir hilft. Und dann gibt es Dinge, bei denen Du durch Deine Behinderung eine Schwäche hast. Wie die, dass Du bei ihm die Treppe hochgetragen werden musst. Das ist so, das lässt sich nicht ändern. In gewisser Weise ist das gegenüber anderen eine Schwäche, eine körperlich bedingte Schwäche und eine Einschränkung.

Wie gesagt: Es ist durchaus plausibel, aus diesem Erscheinungsbild auf ein "schwächeres Wesen" bei Dir zu schließen.

Bis man Dich kennt.

Denn dieser körperlichen Schwächeerscheinung diametral entgegen steht Deine charakterliche Entwicklung (von Unsicherheiten wie der mobbenden Praxisschranze von neulich abgesehen). Es wurde Dir hier schon oft gesagt, Du bekommst es immer wieder gesagt, und ich werde auch immer wieder äußern, wie beeindruckend es ist, welch starkes Wesen (von der Verunsicherung bei der Einschätzung von Kerlen abgesehen...) aus dem kleinen Häufchen bettlägerigem Elend geworden ist, das sich am Heiligen Abend bei PL anmeldete und schriftliche Gesellschaft suchte. Aus dem kleinen Mädchen, dass das erste Mal mit dem Rolli aus dem Krankenhaus heraus kam, prompt den, wenn ich mich recht entsinne, T-Punkt vollgepullert hat (persönliche Meinung: Da traf es nicht die Falschen... :-D) und dann heulend rausrollte.

Ich finde es durchaus plausibel, dass wiederum diese Stärke, im Kontrast zur "schwächeren" Erscheinung jemanden amourös beeindrucken kann. Immerhin gibt es ja auch einen nicht allzu seltenen Fetisch für sehr muskulöse Frauen, möglicherweise mit einem ähnlichen Hintergrund.
Und nicht zuletzt gibt es dann eben doch auch Kerle, die sich vor allem von der Persönlichkeit einer Frau angezogen fühlen. (Auch ungeachtet dessen, ob sie nu mal gerade laufen kann oder nicht...)

Insofern: Find's einfach raus, was das bei ihm ist. Du musst ja nix überstürzen.

Nobody hat gesagt…

"Und höchstwahrscheinlich denke ich schon wieder viel zu viel darüber nach. Und sollte es dringend bleiben lassen. Und ihn weiter kennenlernen."

Genau so denke ich. Für das was du dir vorstellst. Zählt zunächst einmal nur seine Person und nicht wirklich sein Verhalten.
Ob er dich nun reizvoll findet oder dich und deine Behinderung ist nun für dein Vorhaben wirklich nicht von Interesse für dich.

Anonym hat gesagt…

Ach Jule,

Ich würde dich so nehmen wie du bist...und dich definitiv nicht von der Bettkante schubsen. Bin aber leider kein Akademiker und habe auch nur einen sehr einfachen Beruf erlernt....und wäre Dir vermutlich auch einfach nur zu alt.
LG, Danny

Jule hat gesagt…

Mein Herz weiß das auch, nur mein Kopf ist inzwischen sehr vorsichtig. Und nein, @Nobody, ich glaube sogar, dieses Mal mehr vorzuhaben. Und ebenfalls nein, @Danny, Alter und Beruf sind mir wichtig zu erwähnen, weil sie einiges über den Menschen aussagen (aber ich wüsste nicht, was das mit Akademikern zu tun hat).

Jule hat gesagt…

Danke an die ganzen Mutmacherinnen und Mutmacher. Und danke an BigDigger für die Zusammenfassung meines Blogs in nur einem einzigen Kommentar. ;)

Ich teile zwar die Sichtweise, dass mein Leben in den letzten Jahren insgesamt betrachtet einen sehr guten Weg gegangen ist. Nur bestand dieser Weg eben aus vielen kleinen Schritten und jeder einzelne war, wenn auch manchmal nicht richtig, oft gut überlegt. Und so stehe ich oft wieder vor einem nächsten Schritt und weiß sehr genau, dass es auch der erste Schritt in eine falsche Richtung sein kann.

Ich will nicht schwarzmalen, dennoch bin ich nachdenklich. Und vorsichtig. Beängstigt. Und neugierig.

Nobody hat gesagt…

Oh dann wünsche ich dir viel Erfolg bei dem Mehr was du dir wünscht Jule.

Dank den Hinweis von BigDigger habe ich jetzt die Nacht nicht geschlafen sondern den lieben Kummerkasten geprüft und die Stickesocke auch gefunden.

Du hast in den letzten Jahren eine so tolle Entwicklung in allem hingelegt, da kann ich dich nur bewundern. Da wird jetzt mit Philipp auch alles klappen. Lass dich einfach auch mal überraschen. Du muss nicht immer dein ganzes Leben komplett durchgeplant haben. Manchmal kann auch eine Überraschung was Gutes werden.

moritz hat gesagt…

"Und höchstwahrscheinlich denke ich schon wieder viel zu viel darüber nach. Und sollte es dringend bleiben lassen. Und ihn weiter kennenlernen." Höchstwahrscheinlich.

Ach ja, und unterm Dachfenster bei strömendem Regen kann man super einschlafen.

Anonym hat gesagt…

was ich mich die ganze zeit frage: stört dich eigentlich nicht, dass er, wenn denn interessiert, diesen blog hier vermutlich problemlos finden wird? ich könnte nie so offen über jemanden reden, den ich begehre und der mich verunsichert, wenn ich wüsste, dass derjenige das alles hört bzw. liest.

Anonym hat gesagt…

Ääääähemmmm, Blödsinn hat er nicht geredet, klingt alles ziemlich kalkuliert, von mir aus überlegt. Andere Dinge würden mir zu denken geben (vita bisher etc.). Aber ok, genieße cloud no. 9, und frage Dich, wer ist am Ende der Nahrungskette, Du oder er...

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule,

gott sei dank, deine letzten Worte, dass Du ihn weiter kennen lernen willst. Ja, mach das, denn es ist gar nicht gut, zu skeptisch zu sein. Wünsche Dir eine wunderschöne Liebes-Zeit, ein Flirren im Bauch und das Vermissen zum nächsten Treffen. GLG, Herzchenmama

Sally hat gesagt…

Genau - du denkst zu viel. ;)
Alles, was ich eigentlich dazu sagen wollte, haben meine Vorkommentatoren schon geschrieben, daher: Freu Dich, dass es so gekommen ist und genieße es! Ich freue mich sehr für Dich. :)

Anonym hat gesagt…

ich glaub, wenn der so redet, dann meint der wirklich deinen charakter. deine stärke als mensch, deine selbstsicherheit, deinen direkten und unverstellten auftritt. nicht dass du weißt wie man windeln anzieht.

Anonym hat gesagt…

Hi Jule,
er findet deine inneren Werte erotisch. Was will frau mehr???

Seine Mutter betreffend:
Mütter mit Söhnen in diesem Alter, die merken, wenn eine Frau ihren Junior nicht ganz gleichgültig lässt, haben IMMER die Frage "potenzielle Schwiegertochter?" im Hinterkopf herumschwirren.

Kein Wunder, dass der erste Kontakt eher distanziert ist, bisher kennt sie schließlich maximal ein paar Fakten (vielleicht Name, Alter Beruf, Schwimmhobby und eben die Behinderung) von dir.

Anonym hat gesagt…

Du musst dem Kerl auch ne chance geben. Guck ihn dir in ruhe an. Aber ich muss sagen dass es sich für mich eher so anhört als hätte er angst was falsches zu sagen und dich dadurch zu vertreiben als nach einem Fetisch Typen.

Männer sind da oft unsicher und reden sich dann um Kopf und Kragen gerade wenn sie einer selbstbewussten Frau gegenüber stehen. :-)

Anonym hat gesagt…

Jule, wenn er sich genau so nen Kopp macht um deinen Kommentar zu seinem Schwanz, und das auch noch in der Öffentlichkeit eines Blogs, dann kommt ihr nie zusammen :-)
Garantien gibts in der Liebe nie.
Und klar hat er erstmal Berührungsängste - er hat ja höchstwahrscheinlich nicht sehr viel Erfahrung im Umgang mit Behinderungen. Wenn es so wäre wärs dir mit Sicherheit (und wahrscheinlich zu Recht) auch nicht recht! Und wenn man beim ersten Date auf ne Pampers stößt ist das halt beim ersten mal verwirrend. Gebt euch Zeit, dann gibt sich das :)

livsglaedjen hat gesagt…

Möglicherweise war es einfach eine sehr unglückliche Formulierung für "Selbstbewusste Frauen machen mich an." ;)

Und ganz ehrlich, auch wenn es für dich Alltag ist, dann ist es für andere nun mal nicht so. Und auch wenn ich jetzt nicht sagen würde "Du inspirierst mich." (Den konnte ich mir nicht verkneifen.) So frage ich mich dennoch, ob ich mich an deiner Stelle auch so hätte entwickeln können wie du es getan hast. Wo mich mein Leben so wie es ist schon überfordert. Dabei möchte ich den Fokus jetzt nicht mal auf deine Behinderung legen, für manche Persönlichkeiten reicht es schon, dass die Ursprungsfamilie nicht funktioniert um nie so selbstbewusst zu werden wie du es bist. Oder sie zerbrechen am harten Studium, oder ähnlich normalen Begebenheiten.

Und genauso wie man es beeindruckend finden kann wie eine Mutter von 5 Kindern ihr Leben meistert (während ich hart mit meinen 2 Katzen und meiner Wohnung kämpfe ;)), kann man eben auch davon beeindruckt sein wie deine Situation offensichtlich keinerlei Einfluss verringernden Einfluss auf dein Ego hat. Ich kann mir also schon vorstellen, dass man jemanden stark finden kann der sein Leben so meistert wie du es tust, ohne dass sich dahinter ein Fetisch verbirgt.

Davon ab bin ich unfassbar neidisch darauf wie du ihn einfach angesprochen hast... Himmel... ich wäre allein bei dem Versuch schon ertrunken.

Ich versteh allerdings auch dein Misstrauen. Und dein Zögern. Ich kenne aus eigener Erfahrung wie viel ein einziges falsches Wort auslösen kann. Wie viele Prozesse es in Gang setzen kann und wie viel man sich kaputt denken kann.

Aber du darfst nicht außer Acht lassen, dass ihr da scheinbar einen wirklich ehrlichen und aufrichtigen Umgang miteinander habt. Und das ist doch eine hervorragende Grundlage, oder?

Ich wünsche dir noch viel schöne Zeit mit ihm. Und hoffe natürlich auch ganz uneigennützig auf viel Lesestoff :D

Zwiespalt hat gesagt…

Liebe Jule,

Ich lese dich ja auch schon eine ganze Weile und wenn ich dir einen Rat geben sollte, dann würde der lauten: genieß es einfach.

Klar können Enttäuschungen weh tun. Aber muss man nicht manchmal das Risiko eingehen?
Ich persönlich würde trotz vorangegangener Enttäuschungen immer mit ganzem Herzen lieben, immer das Risiko eingehen verletzt zu werden, denn die Liebe ist einfach zu schön als dass ich sie mit angezogener Handbremse erleben wollte.


Du bist unheimlich sprachgewandt und beherrschst den Umgang mit Sprachnuancen wie nur wenige Menschen sonst. Gestehe anderen zu, dass ihnen, in diesem Falle Philipp, erst hinterher auffällt, dass eine Formulierung vielleicht nicht ganz 1000%ig geschickt gewesen sein könnte.

Probier aus, genieße. Und lass Philipp nicht die Fehler seines Vorgängers ausbaden. Für den kann er ja nichts.

thorstenv hat gesagt…

Socke macht alles richtig.
Ich glaub allerdinghs nach wie vor aus grundsätzlichen philosophischen Erwägungen, dass "er liebt nicht mich, sondern nur an mir" inhärent sinnlos ist, wenn eigenscaft nicht näher beschrieben ist, da der Mensch (abgesehen vom mittelalterlichen Beseelungstheorien) die Summe seiner Eigenschaften ist. Man kann vielleicht genervt sein, wenn andere eine Eigenschaft an einem liben, die man selbst lieber nicht hätte. Das hat dann aber Ursachen in einem selbst: man fürchtet dann (nicht ganz zu Unrecht) dass es schwer wird die Eigenschaft abzuschütteln (was man ja eigentlich will) wenn man doch dem Partner gefallen will, nicht dier Beziehung gefährden. Also ein innerer Wertekonflikt. Aber einfach so "Er liebt nicht mich, sondern meine Eigenschaften" ist sinnfrei.

"Seine Mutter wirkte deutlich distanzierter"

So what? Die Schwiegertochter in spe ist nie gut genug für den Prinzen. Nie. Mit der Schwiegermutter muss man leben können, nicht sie lieben.

Anonym hat gesagt…

"Seine Mutter wirkte deutlich distanzierter"

Ich habe meine Schwiegermutter am Geburtstag meines jetzt Mannes kennengelernt. Sie hat mir die Hand geschüttelt und "Ich bin Frau X" gesagt, danach haben wir nicht mehr viel gesprochen. Eine Woche später habe ich das erste Mal meinen Schwiegervater getroffen, der mich quasi direkt an sich zog, drückte "Ich bin der Y" sagte und mich in seinen Hobbykeller verschleppte, um mir... ach ich weiß gar nicht mehr genau was zu zeigen.

Die Mütter meiner ersten beiden Partner dagegen waren Zucker, da habe ich am Ende Probleme gehabt, die Beziehung zu beenden, nur um die Mütter nicht zu entäuschen.

Lerne daraus: keine Partnerschaften für die Mütter eingehen, einen Mann nicht wegen der Mutter nicht heiraten. Zumindest, wenn die Männer erwachsen genug sind, um wirklich für sich zu erkennen, dass Mama nicht immer Recht hat ;)