Mittwoch, 8. April 2015

Unpassende Diagnosen

Nachdem ich gestern noch bei meinem Praktikumsplatz angerufen habe, bin ich heute morgen mit Öffis direkt hingefahren und habe mich vorgestellt. Zum Glück hat alles geklappt und ich darf im nächsten Semester in der Inneren Medizin ganz viel Dünnpfiff lernen. Über Dünnpfiff, meinte ich. Und darüber, warum die Behandlung einzelner Krankheiten nicht so klappt, wie sie eigentlich klappen müsste. Aktuell hat mich eine Professorin heiß gemacht für ihren Forschungsansatz im Bereich der Soziologie. Ich möchte nicht zu viel darüber verlieren, nur, dass es darum geht, herauszufinden, warum es Patienten gibt, die von Arzt zu Arzt rennen, bevor mal jemand eine passende Diagnose stellt. Zielgruppe sind dabei weniger die Patienten, die seltene Krankheiten haben, so dass es wirklich nicht einfach ist, die Diagnose zu finden. Ziel sind vielmehr die Patienten, die eine Krankheit haben, die eigentlich jeder Arzt sofort erkennen müsste - und trotzdem klappt es nicht. Oder die Patienten, die mit offensichtlichen Symptomen in die Aufnahme kommen, und trotzdem wird die Diagnose falsch gestellt.

Ich forsche nicht selbst, sondern ich helfe nur. Im Rahmen meines vorgeschriebenen Praktikumstags einmal pro Woche. Zusammen mit vier Kommilitonen. Es geht nicht darum, herauszufinden, dass Ärzte übermüdet oder überstresst sind, es geht auch nicht darum, Rechtfertigungen für Behandlungsfehler zu finden oder eine Art Beschwerdemanagement zu betreiben. Sondern es geht darum, sich mit dem System und der darin enthaltenen Arzt-Patienten-Beziehung kritisch auseinanderzusetzen. Auch wenn ich heute schon weiß, dass ich mich später im Job nicht den ganzen Tag nur mit theoretischen und statistischen Dingen beschäftigen möchte, halte ich das für sehr lehrreich und spannend. Zumal meine Aufgabe an diesem Praktikumstag mit intensivem Patientenkontakt (also sozuagen direkt an der Front) zusammenhängen wird.

Ich freue mich also auf ein weiteres halbes Jahr mit spannenden Neuigkeiten und Arbeit in einem Bereich, den ich bisher kaum kennengelernt habe. Die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich zu tun haben werde, wirkten erstmal auch völlig entspannt und normal, soll heißen, ich bekam nicht ein einziges Mal die Frage gestellt, ob das mit dem Rollstuhl alles funktionieren wird - also könnte das alles doch mal völlig entspannt und fokussiert auf die Sache ablaufen!

Kommentare :

ednong hat gesagt…

Das klingt spannend.

Mela Eckenfels hat gesagt…

Cooles Thema. Und sehr wichtig.

Anonym hat gesagt…

Das klingt ziemlich spannend :)
Und ich glaube, ich gehöre auch zu der Gruppe solcher Patienten.
Bei mir liegt es daran, dass mich die meisten Ärzte, mit denen ich bisher zu tun hatte, grundsätzlich nicht ernst nehmen. So war ich auch schon mal mit akuter Blinddarmentzündung in der Notfallaufnahme einer Uniklinik (vom Hausarzt dahin geschickt!) und sie haben mich wieder nach Hause geschickt, obwohl mein rechter Unterbauch weh tat, meine Entzündungswerte bei 50 waren und es mir nicht gut ging, mit der Frage "Was machen Sie eigentlich sonst noch so, wenn Sie den Abend mal nicht in der Notaufnahme verbringen?" (dabei war das mein erstes Mal in der Notaufnahme) und mit der Diagnose "Verstopfung", obwohl ich gar keine hatte. Die Blinddarmentzündung ist dann irgendwie abgeklungen, aber sie kam wieder und da bin ich dann erst viel zu spät zum Arzt, weil ich Angst hatte, erneut als Hypochonder dazustehen. Und in der Zeit zwischen 1. und 2. akuter Entzündung bin ich auch ziemlich blass und müde durch die Gegend geschlichen. Das Problem in meinem Fall ist aber glaube ich auch, dass ich meine Beschwerden verharmlose, um nicht so sehr als Weichei dazustehen und der Arzt mich dann deswegen nicht ernst nimmt...aber wie auch immer, das Thema klingt cool und ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und spannende Forschung :) :)

Maria hat gesagt…

Ich fände das auch sehr interessant, was da rauskommt, denn auch ich gehöre zu den Patienten, bei denen grundsätzlich nichts erkannt (gehe daher auch nur noch zum Arzt, wenn ich es wirklich gar nicht mehr aushalte, alles andere heilt dann auch irgendwie alleine ab).
Bei mir wurde unter anderem schon ein Knochenbruch nicht erkannt sowie ein abgestorbener Knochen (sehr genial, jahrelang mir Schmerzen 24/7 durch die Lande von Arzt zu Arzt zu tingeln bis endlich mal einer sagt: "Ich sehe schon, das tut weh!".

Auch ein vereiterter Kiefer wurde zunächst nicht erkannt, als ich schon gar nicht mehr danach fragte und mich damit abgefunden hatte, dass ich mir die Schmerzen nur einbilde, sah es ein anderer Arzt auf den ersten Blick.

Die häufigsten bei mir gestellten Diagnosen sind:
"Ja, ich weiß ja jetzt auch nicht..."
"Da is nix!"
"Stellen Sie sich halt nicht so an."

Und wenn man dann aber eben doch was hat und kein Arzt findet etwas raus und man leidet täglich Schmerzen, dann zweifelt man irgendwann an sich selbst und der eigenen Zurechnungsfähigkeit.


Ich glaube, das liegt zum größten Teil daran, daß die meisten Ärzte keine Lust/Zeit haben, dem Patienten überhaupt zuzuhören. Ich wurde so oft abgewürgt, ja, teilweise aktiv am Weiterreden gehindert, da ist es kein Wunder, dass Ärzte falsche Diagnosen stellen, wenn sie gar nicht alle Fakten kennen.

Gerade als Kassenpatient kommt man sich oft vor wie ein Produkt auf dem Fließband. Da geht es Zack, zack, zack. Wer da nicht ins Schema paßt, hat eben Pech gehabt.

Dazu kommt, daß es eben auch Ärzte gibt, die unglaublich unfähig sind. Bei meinem Ex z.B. wurde einen Winter lang ungefähr alle 2-3 Wochen eine Mandelentzündung (vom Hausarzt) diagnostiziert. Er bekam dann immer Antibiotika, dann war es eine Woche gut, dann kam es wieder. Irgendwann habe ich dann mal gesagt, daß das ja wohl nicht normal ist und er mal zum HNO gehen soll. Fazit: Nebenhöhlen zu, in einer eine Zyste, OP, nie wieder Probleme. Der hat heute seine Mandeln noch und wohl nie eine Mandelentzündung gehabt. Und auf die Idee, daß das nicht normal ist, sollte doch auch ein Allgemeinmediziner durch einfaches Nachdenken kommen.

Bei mir ist das jetzt einfach nur schmerzhaft, aber bei einer Bekannten endete es tödlich. Wenn jemand schon mal Krebs hatte und dann mit Beschwerden wie extreme Müdigkeit plus Schmerzen am ganzen Körper zu mir kommt, würde ich als Laie einfach mal gucken, ob der Krebs wieder zurück ist anstatt den Patienten mit "Da ist nix" nach Hause zu schicken...

Also wie gesagt, aus der persönlichen Erfahrung würde ich sagen: Es gibt auch unter den Ärzten Leute, die schlicht keinen Bock auf ihren Job haben oder die eben einfach schlecht in ihrem Job sind und es gibt Ärzte, die Dinge aus Zeitmangel übersehen, weil sie einfach keine Zeit haben, sich mit ihrem Patienten auseinanderzusetzen und ihm einmal wirklich zuzuhören und/oder die richtigen Fragen zu stellen.