Mittwoch, 22. April 2015

Wie gewonnen, so zerronnen

Zehn Euro war der Gutschein wert, den Maries Vater kürzlich im Baumarkt gewonnen hatte. Diese zehn Euro waren schnell verdientes Geld. Wie wertvoll zehn Euro sein können, bekam ich heute vor Augen geführt, als ich im Supermarkt an der Kasse stand. Ein junger Mann stand vor mir, er war etwa fünf Jahre älter als ich. Er hatte Brot, Salami, mehrere billige Tiefkühlpizzen Margarita, Mehl, Eier und Milch auf dem Laufband. Alles zusammen sollte knapp zehn Euro kosten. Als die Kassiererin den Preis nannte, griff er sich theatralisch in alle möglichen Taschen. Mir war sofort klar, dass da was nicht stimmte. Dann sagte er: "Ich habe mein Portmonee vergessen. Können Sie das kurz zur Seite packen und ich bringe Ihnen das Geld gleich vorbei?"

"Das darf ich nicht. Ich muss das stornieren und wieder zurückbringen. Dann müssten Sie gleich noch einmal einkaufen. Aber das sind ja nur ein paar Teile." - Die Frau stand von ihrem Stuhl auf und brüllte nach dem Stornoschlüssel. Ich mischte mich ein: "Was kostet das?" - "Neun Euro achtundsiebzig." - "Zahl ich mit. Bevor das jetzt hier eine halbe Stunde dauert und der Kollege in fünf Minuten noch einmal durch den ganzen Laden turnt."

Der junge Mann blickte beschämt zu Boden. Irgendwas stimmte da wirklich nicht. Aber egal. Mein Einkauf kam auf dieselbe Rechnung, ich zahlte mit EC-Karte und fertig. Während er mich fünf Mal fragte, ob er mir helfen sollte, fiel mein Blick in seinen Rucksack. Drin lag ein Portmonee. Ich holte einmal tief Luft.

Auf dem Weg zum Ausgang fragte ich ihn: "Und, wo ist Ihr Portmonee nun? Im Auto? Oder zu Hause?" - "Ehrlich gesagt habe ich kein Geld. Ich hatte gehofft, dass sie die Tüte mit dem Zeug an die Seite legt, dann hätte ich sie mir geschnappt und hätte Hackengas gegeben. Aber dann kamen Sie und haben alles durcheinander gebracht." - "Das ist doch Scheiße", fuhr ich ihn an. "Sie wohnen doch hier irgendwo. Wollen Sie sich demnächst nur noch verstecken, weil Sie Angst haben müssten, hier jemandem über den Weg zu laufen, der Sie wiedererkennt?" - "Ich wohne auf der anderen Seite der Stadt. Sorry. Es tut mir Leid. Ich kriege von meinem Chef noch drei Monatsgehälter und jeden Tag hält er mich hin."

"Dann gehen Sie doch mal zum Amt und lassen sich einen Vorschuss auszahlen. Bevor Sie hier Essen klauen gehen." - "Und wo soll ich nächsten Monat arbeiten? Wenn das Amt da Druck macht, schmeißt er mich doch raus. Ich suche ja schon was Neues, aber so einfach ist das alles nicht." - Ich drückte ihm zehn Euro in die Hand. "Der Monat ist noch lang", sagte ich. Und verwand. Muss ja für ihn nicht noch peinlicher werden. Armes Schwein. Irgendwie.

Kommentare :

Clavicular von PL hat gesagt…

in der vorletzten Zeile fehlt ein "sch", aber dies nur nebenbei.

Die Zeit ist reif für eine Begebenheit aus meinem Leben:
Mein Vater erzählte mir vor vielen Jahren, dass er in der Mittagspause öfter zum Metzger geht. Eines Tages war vor dem Laden ein Bettler "habe Hunger, Geld..." Mein Vater meinte zu ihm, dass er ihm kein Geld gibt, aber er läd ihn ein. Er könne haben was er wolle, er zahlt alles. Der Bettler lehnte ab "so ein feiner Mann und ich, was sollen die Leute von Ihnen denken?" Mein Vater im Anzug meinte nur "das ist mir gleichgültig, sie sind mein Gast, wir gehen in den Bäcker und Metzger, nehmen sie sich was sie wollen" Ende von Lied: er lehnte ab. Er wollte nur Geld. Wahrscheinlich nicht des Essens wegen sondern der BTM wegen.
Nun, viele Jahre später brachte ich am Bahnhof eine Freundin zum Zug. Schnell zurück, meiner fährt in 3 Minuten. "Hallo, haben sie einen Euro? Ich habe Hunger.." Mmmh, stoppte meinen schnellen Gang "sie können auch mitkommen" meinte sie zugleich. "ich meinte ok, alles klar, gehen wir einkaufen. Also gingen wir in den Supermarkt am Bahnhof. Aus Nudel wurden Nudel, Sauce, Hackfleisch. "welche nehm ich, die ist voll teuer, die kostet 20 Cent mehr." Kein Problem. Auch 500g Nudelpackung statt 250g, kein Problem. Ich erfuhr ihre Lebensgeschichte und nutzte die 10 Minuten an der Kasse (lange Schlange) für eine politische Ansprache, sodass es jeder um mich herum mitbekam. Die Rechnung betrug noch nicht mal 5 Euro. Die Frau war super glücklich. Ich weiß, dass dies ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Ich wollte gleiches was mir mein Vater erzählte selbst in die Tat umsetzen. Ich habe meine Bahn verpasst, aber das war mir die Erfahrung allemal wert.

Anonym hat gesagt…

Tolle Aktion von dir :)

ednong hat gesagt…

Man, wohin bewegt sich nur unsere Gesellschaft.

Bleibt zu hoffen, dass es ihn vom Klauen abhält - und er sein Geld bekommt.

Philipp hat gesagt…

Oh mann, wenn der Chef die Mücken nicht rausrückt, das ist echt asozial.

Was bringt es Ihm dann aber noch wenn er weiter dorthin geht und nicht meckert weil er Angst hat rauszufliegen.

Ist doch auch doof.

Grüße aus Dresden

Philipp

Anonym hat gesagt…

Du bist ein guter Mensch, du kommst in die Suppe (wie meine Oma immer sagte. Muss man sich nur mit Dialekt vorstellen ;-) ).

Spaß beiseite: Echt nett von dir. Aber solche kleinen Dinge sind es einfach, die einen netten Menschen ausmachen.

JayJay hat gesagt…

Daumen hoch. Hab ich auch schon gemacht. Bei dir können sich ne Menge Leute was abschauen. Solche Aktionen mögen vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Aber man weiß nie, wie viele Menschen, die Zuschauer waren, sich dich vielleicht als gutes Vorbild nehmen und beim nächsten Mal ähnlich handeln.

Menschlichkeit und Mitgefühl kommen immer mehr zu kurz in unserer Gesellschaft. Tolle Aktion Jule!