Donnerstag, 7. Mai 2015

Ihr Kind, ihre Erziehung

Manche Menschen sollten keine Kinder haben. Und in einem Fall meine ich das durchaus ernst. Was habe ich mich heute aufgeregt!

Nicht weit von Maries und meiner Wohnung am Studienort entfernt wohnt eine Familie. Im zweiten Stock. Das Kind ist schätzungsweise vier oder fünf Jahre alt. Hin und wieder sieht man die Mutter das Kind in einen Fahrradanhänger verladen und mit dem kleinen Mädchen zum Einkaufen fahren. Wenn ich für meine Uni am Schreibtisch sitze, fällt mein Blick manchmal nach draußen und ich sehe die beiden. So auch heute.

Heute sah ich allerdings nur die Tochter. Und zwar in der Wohnung. Auf der Fensterbank turnen. Das Fenster war zwar geschlossen, aber dennoch halte ich das für ziemlich gefährlich. Am Anfang habe ich ein paar Mal nach drüben geschaut und so gedacht: Hoffentlich fällt es dort nicht runter! Nach drinnen könnte es schon gefährlich werden, aber so ein Fenster kann ja auch mal zerbrechen. Gerade, wenn das Mädchen es lustig findet, mit dem Popo immer wieder gegen die Scheibe zu donnern und sich offenbar zu wundern, wie flexibel Glas doch sein kann. Kurzum: Ich sah das Kind schon auf der Straße liegen. Und der Adrenalinspiegel ging schlagartig hoch, als das Kind begann, am Fenstergriff zu spielen.

Ich zog mir schnell was über und machte mich auf dem Weg, wollte dort klingeln. Leider kam ich an die Klingel nicht dran. Das Kind hampelte weiter auf der Fensterbank herum. Ich schaute, ob ich einen langen Stock oder ähnliches finden würde, mit dem ich die Klingel erreichen könnte. Ich schaute sogar in die Mülltonne. Nichts. Vor der Tür war eine Treppe, so dass ich auch nicht gegen die Tür klopfen könnte. Sofern das in den Wohnungen des Mehrfamilienhauses überhaupt jemand hören würde.

Ausgerechnet in dieser Zeit kam auch niemand vorbei, den ich bitten könnte, mal für mich zu klingeln. Doch dann kam eine junge Radfahrerin, die ich kurzentschlossen anhielt. Sie war zwar zuerst reichlich verdattert, was ich von ihr wollte, stellte dann aber ihr Fahrrad ab und guckte ängstlich in die Richtung des inzwischen bereits gekippten Fensters. Sie klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Niemand zu Hause? Dann würde ich gleich die ... doch, da tat sich was. Eine Frau öffnete mit verschlafenem Blick. "Was wollen Sie?"

"Ihr Kind turnt auf der Fensterbank und ich habe große Angst, dass es rausfällt", sagte ich. Das Kind kam ebenfalls die Treppe heruntergelaufen. Die Mutter antwortete: "Haben Sie keine anderen Sorgen?" - "Entschuldigung, es klettert unbeaufsichtigt auf der Fensterbank und hat das Fenster bereits geöffnet." - "Das Fenster geht nach innen auf, es könnte sich also höchstens selbst dort runterfegen. Und davor steht ein Bett. Gehen Sie zurück in Ihre Wohnung. Mein Kind, meine Erziehung."

"Mama, was will die Frau?", fragte das Kind. Die Antwort: "Die Frau hat gesehen, dass du auf die Fensterbank geklettert bist." - "Wieso?" - "Weil sie das sehen kann." - "Warum?" - "Weil ein Fenster durchsichtig ist." - "Hat die Frau kaputte Beine?" - "Ja, und ganz viel Langeweile. Wir kochen uns jetzt erstmal einen Tee, wie findest du das?" - "Toll!" - Rumms, Tür zu. Und fünf Minuten später kletterte das Kind wieder auf der Fensterbank herum. Ihr Kind. Ihre Erziehung. Ich hoffe, ich muss es nicht mit ansehen, sollte das Kind da doch eines Tages mal runtersegeln. Weil die Erziehung doch nicht so zuverlässig funktioniert hat. Oder das Fenster doch nicht so stabil ist. Ich hoffe es wirklich.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ich hab die Situation nicht selber gesehen, aber ich behaupte mal ganz dreist, dass du da total überreagierst.
Natürlich ist das irgendwie abstrakt gefährlich, aber eine moderne Doppel- oder gar Dreifach-Scheibe geht nicht "einfach so" kaputt.
Und den Einwand der Mutter, dass das Kind beim öffnen des Fensters halt nach drinnen und nicht nach draußen fällt muss ich unterschreiben.

Ich habe selbst einen Sohn und wundere immer häufig was für banale Dinge Leute ( insbesondere Leute ohne Kinder) so gefährlich finden.

Rekordhalterin ist die Frau von der Supermarkt-Fleischtheke:
Kind schläft im Einkaufswagen in der Babyschale. Der Wagen steht etwa 2 Meter entfernt auf der anderen Seite des Ganges: "Wollen Sie das Kind da so weit weg stehen lassen? Es ist ja so schnell was passiert!". Da ist mir nichts mehr zu eingefallen.

Anonym hat gesagt…

In der Stadt, in der ich bis vor Kurzem gewohnt habe, ist genau so etwas schief gegangen. Ich kann Jule gut verstehen, dass sie sich sowas nicht tatenlos anschaut.

ednong hat gesagt…

@Anonym - 20150614-21:09
Auch ein "modernes" Fenster kann durchaus recht schnell nachgeben. Und wenn die Scheibe kaputt ist, fällt das Kind vielleicht nicht unbedingt raus, weil andere Scheiben noch heil sind. Aber es dürfte sich je nach Situation arg verletzen.

Zumal ich auch vermute, dass es auch nicht hauptsächlich darum geht, dass gerade jetzt Gefahr besteht, sondern das Kind einfach falsch handelt in der Situation. Gerade wenn da ein Bett steht, wird es immer wieder (aus Langeweile?) da herumtoben. Und ein Fenster bzw. eine Fensteröffnung ist nunmal kein Spielplatz für Kleinkinder.

Klar müssen Kinder aus eigener Erfahrung lernen. Dennoch gibt es Grenzen, die sie halt nicht überschreiten sollten (abhängig vom Alter). Und ist das Fenster kaputt, zahlt im Zweifel die Allgemeinheit: Versicherung das Fenster, andere Versicherung die Arztkosten. Und das muß einfach nicht sein.

Und ja, ich bin auch kinderlos, habe aber genug Freunde mit Kindern in unterschiedlichem Alter. Und habe selbst eine Erziehung genossen, die ich auch heute noch so bezeichnen würde.

Philipp hat gesagt…

Da muss Ich meinem Vorredner beipflichten. Ich kann die Sittuation ja jetzt natürlich nicht einschätzen, doch hat die Mutter ja recht wenn sie sagt dass das Kind wenn es denn fallen sollte, nach Innen fallen würde.

Wie gesagt, so aus der Ferne schwer zu beurteilen.

Grüße aus Dresden

Philipp

Yvonne hat gesagt…

Ich finde, Du hast genau richtig reagiert und ich hätte es genauso gemacht. Es mag sein, daß das Kind erstmal nach innen fällt, wenn es das Fenster öffnet. Aber wenn das Fenster offen ist und das Kind wieder auf die Fensterbank klettert, ist da eben nix mehr was einen Sturz aufhalten würde. Ich habe vor ca. 2 Jahren was ähnliches erlebt, als ich Abends von einer Freundin wieder nach Hause wollte. Wir stehen vor der Tür und am Haus gegenüber turnt ein Kind von 2 oder 3 Jahren am offenem Fenster im 1. Stock. Habe dann dem Kind zugerufen, daß es da wieder runter soll und dann kamen zum Glück auch relativ schnell die Eltern. Aber da rutscht einem das Herz schon in die Hose.

Olli hat gesagt…

Und wenn es bei offenem Fenster nach innen gefallen und wieder auf die Fensterbank geklettert ist?
Ich würde zur Gewissensberuhigung und zwecks Ausschluß jedweder (moralischer) Mithaftung das dem Jugendamt melden, ist dann der ihr Kram und wenn es letal schief geht werden die medial zerlegt und nicht unsere Lieblingssocke aufgeribbelt.

Anonym hat gesagt…

Ich habe selber zwei Kinder. Meine Kinder dürfen so etwas nicht, aber ich muss auch eingestehen, man muss dann relativ häufig sagen, tu dies nicht, tu das nicht, komm da runter, lass deinen Bruder los, nimm den Kugelschreiber aus dem Ohr...

Manche Eltern sind da sehr viel relaxer, was für die Eltern-Kind-Beziehung durchaus förderlich sein kann. Ich habe es dann aber schwer, mich mit solchen Eltern zu unterhalten, während ihr Kind beispielsweise beim Spielen die Straße mit einbezieht.

Grundsätzlich gilt: auch Kinder solcher Eltern werden groß - die meisten zumindest...