Freitag, 14. August 2015

Bleibende Eindrücke

Meine erste Woche auf der Kinder-Diabetesstation ist vorbei. Was habe ich bisher gelernt? Menschen funktionieren analog und nicht digital. Meinte eine Diplom-Ötzi, wie die Ernährungswissenschaftlerin der Klinik (mal wieder) liebevoll von ihren Patienten genannt wird. Sie wollte damit in einem Diätseminar, das ich mir interessehalber freiwillig reingezogen habe, die Frage beantworten, warum zwei gleich schwere und gleich große Kinder völlig unterschiedliche Mengen Insulin brauchen, um dem Energiegehalt einer Colaflasche zu begegnen. Und warum bei einigen Menschen der Blutzucker bei Aufregung steigt, bei anderen sinkt.

Wenn man schon versucht, den Vergleich eines analog bespielten Magnetbandes mit einer mit digitalem Zahlensalat beschriebenen Compact-Disc zu bemühen und dabei riskiert, dass viele der jungen zuckersüßen Jungs und Mädels in ihrem Leben noch nie eine Kassette in der Hand gehalten, geschweige denn ihr Prinzip verstanden haben, hätte ich mir gewünscht, auch noch viel mehr darauf einzugehen, dass die ganzen gesunden Lebensmittel auch nicht digital produziert werden, sondern analog an Bäumen wachsen. Ich persönliche halte die während des Seminars vertiefte Aussage, ein Apfel entspreche einer Kohlenhydrat-Einheit (10 Gramm Kohlenhydrate), für gefährlich. Vielleicht wird ja in Teil 2 oder 3 oder 4 des Seminars noch weiter vertieft und darauf hingewiesen, dass ein Apfel nicht immmer 100 Gramm wiegt und es zudem völlig verschiedene Sorten gibt, die auch unterschiedlich hohe Zuckeranteile haben.

In der Kantine habe ich auf Anhieb drei Äpfel gefunden, die sogar mehr als 200 Gramm wogen. Und die locker 25 Gramm Kohlenhydrate enthalten könnten. Ein Kind, das nun lernt, es müsse diesen Wert mit einem persönlichen (auch noch von der Tageszeit abhängigen) Wert multiplizieren, um auszurechnen, wieviel Insulin zu spritzen ist, verrechnet sich doch sofort. Aber, wie gesagt, vielleicht wird das ja in den nächsten Kursen noch vertieft, um die Kurzen nicht gleich am Anfang mit zu vielen Faktoren zu verunsichern. Der Einsatz einer Waage hielte ich auch nicht für verkehrt. Diplom-Ötzi meinte allerdings, dass man unterwegs ja auch keine Waage in der Hosentasche hätte, als ein Kind konkret danach fragte. Ich darf mir kein Urteil erlauben, ich bin nur Zuhörerin im Rahmen meines Studiums. Aber wundern darf ich mich. Schon.

Gerade in einer seelisch so belastenden Phase greift man doch nach allem, was irgendwie Sicherheit bietet. Und sei es, dass man einen Wert genau berechnen kann. Vielleicht will man aber auch nicht unnötig verkomplizieren und so die Lebensqualität unnötig weiter einschränken, vielleicht will man auch nicht, dass die Kinder ihrer Herausforderung nur mit technischen Berechnungen begegnen.

In vielen Fällen werden die Kinder mit einer Pumpe ausgerüstet, die in der Größe eines aktuellen Handyladegeräts (ohne Kabel) auf die Haut geklebt und über Funk mit einem Steuergerät, etwa in der Größe eines kleinen Smartphones, kommuniziert. Das Steuergerät wird mit umfangreicher Software geliefert und kann über Tasten und auch per USB über einen PC bedient werden. Einerseits ist es toll, dass sich hier in den letzten Jahren offenbar viel getan hat und diese Systeme immer besser werden (in der Praxis von Maries Mutter kommt regelmäßig eine Diabetikerin Mitte 30, die eine Insulinpumpe hat, bei der man sich mit drei Tasten durch Menüs klicken muss und die Größe einer kleinen Kompaktkamera hat), andererseits lässt sich eine Nachahmung der menschlichen Bauchspeicheldrüse (die beim Nicht-Diabetiker das Insulin produziert) dennoch bei Weitem nicht erreichen. Gleichwohl werden mit der Pumpen-/Infusionstherapie wesentlich bessere Werte erreicht als mit herkömmlichen Spritzen. Dennoch: Die Regie über das System einschließlich der Überwachung muss der betroffene Mensch führen und sicher beherschen. Wissen und Routine in der Behandlung mit Spritze oder Pen (manuelle Inkektionshilfe) müssen also trotzdem vermittelt und einigermaßen mühsam erlernt werden. Und man muss zudem die Schwächen und Gefahren dieser automatisierten Systeme kennen. Und darauf sensibilisiert sein.

So habe ich in der Woche auch gelernt, dass man im Zusammenhang mit Diabetes gerne mal seine Nase einsetzen sollte. Während man in der Gastroenterologie, einem anderen Teilgebiet der Inneren Medizin, in dem ich ja im letzten Halbjahr meines Studiums praktisch aktiv sein durfte, manchmal eher seine Nase verschließen können sollte, sollte man sie in der Diabetes-Behandlung eher offen halten. Den Geruch nach Nagellack habe ich bei Patienten ja nun schon mehrmals wahrnehmen dürfen und auch richtig eingeordnet, der Geruch nach Insulin (oder den beigemischten Konservierungsstoffen) war mir bisher (außer aus dem Lehrbuch) nicht so bekannt. Ein charakteristischer Gestank, der irgendwie an Teer und Kraftstoff erinnert, ist oft schon drei Meilen gegen den Wind wahrnehmbar. Die damit verbundene Frage, ob jemand rumgepanscht hat oder die aktuelle Infusion nicht unter der Haut, sondern irgendwo anders austritt, habe ich in den letzten Tagen mindestens ein Dutzend Mal gehört.

Und sonst? Bleibende Eindrücke hat dieser zweite Teil meiner Famulatur schon jetzt hinterlassen. Die meisten Kinder akzeptieren ihre Erkrankung sehr schnell und zeigen sich tapfer und stark. Viele nehmen ihre Herausforderung mit einiger Coolness an und sind gleichzeitig neugierig und aufgeschlossen. Oft hilft es wohl, dass Kinder noch nicht so weitsichtig sind wie Erwachsene. Was, wie immer, überhaupt nicht ankommt, sind Mitleid und übersteigerte Aufmerksamkeit. Manchmal glaube ich, niemand versteht sie da besser als ich. Auf jeden Fall hilft mir meine eigene Einschränkung sehr, im angemessenen Maß mitzufühlen. Und vorbehaltlos (und mit tiefstem Respekt und einem dicken Klos im Hals) zu akzeptieren, dass sich das vierzehnjährige Mädchen, das mir vorhin gegenüber saß, in ihrer bislang zwölfjährigen Erkrankungszeit mehr Wissen, Erfahrung und bestechende Routine in diesem Bereich angeeignet hat als ich es jemals in meinem Leben durch Studium, Forschung und Berufsausübung tun könnte.

Kommentare :

Cornelia Flubacher hat gesagt…

Hallo liebe Jule,
Ich freue mich wieder von dir zu lesen und dann auch noch mein Thema *grins*, verleitet mich sogar zu einem Kommentar.
Meine letzte Diabetesschulung war ähnlich weltfremd, teil 2 und 3 habe ich mir dann auch gespart. Rechnen tue ich eh mit BE = 12 g Kohlenhydrate. Daheim wiege ich fast ausschließlich und draußen schätze ich aufgrund von Erfahrungen. Was ich in den Schulungen echt vermisst habe ist das eingehen auf die Besonderheiten von Fruchtzucker, dafür spritze ich überhaupt nicht. Ganz wichtig bei Gummibärchen und Honig (bei dem man zusätzlich noch die Sorte beachten muss).
Im großen und ganzen läuft das quasi automatisch und ich bin eher genervt von den Leuten mit "oh wie schlimm" und " ist das nicht kompliziert ".
Das was mich am meisten ärgert sind die Leute die sich über den Insulin "Gestank" aufregen, deswegen musste ich auf einer früheren Arbeit immer auf die Toilette zum spritzen.
Naja ich soll ja demnächst eine pumpe bekommen,mit 34, bin schon gespannt wie das wird.
Bleib wie du bist ich finde es klasse und erzähl ganz viel von deiner Diabetes Station.

Mastacheata hat gesagt…

Ich bin 28 und hab seit 25 Jahren Diabetes Typ 1.
Im Kindesalter haben wir auch noch alles aufs Gramm genau gewogen, mittlerweile schätze ich eigentlich nur noch und messe dafür einfach einmal öfter um zu sehen ob das jetzt auch alles so funktioniert wie ich mir das gedacht habe.
Das Insulin einen so starken Geruch haben soll wäre mir jetzt vollkommen neu. Vielleicht nehme ich das aber auch einfach aufgrund der langen Zeit schon nicht mehr wahr.

Pumpen sollen einfacher sein, aber irgendwie kann ich mich mit dem Gedanken dauernd eine Nadel im Körper stecken zu haben und sich damit zu bewegen trotz aller Versicherungen nicht anfreunden. Ich bleibe vorerst lieber beim selber spritzen.

Was ich in deinem Beitragb jetzt aber nicht ganz verstehe ist die Aussage zur Weitsichtigkeit von Kindern vs Erwachsenen...
Für ein kleines Kind ist das doch der reine Weltuntergang wenn man auf einmal auf alles achten muss was man isst und sich dann auch noch die regelmäßigen Injektionen gefallen lassen muss. Als Erwachsener dagegen kann man ja relativ schnell erkennen, dass Diabetes nur äußerst geringfügige Einschränkungen mit sich bringt, die im Alltag eigentlich überhaupt nicht ins Gewicht fallen, wenn man "den Dreh" einmal raus hat.