Montag, 17. August 2015

Urlaubsreif

Die Dritte Woche meiner Famulatur beginnt. Und meine Chefin möchte wissen, ob ich über das Thema "Dissertation" nachgedacht habe.

Mehr als genug. Mein Kopf sagt was anderes als mein Bauch. Und das ist erfahrungsgemäß nie gut. Ich muss mich zügig entscheiden. Das neue Semester beginnt. Auch Marie hat übrigens Blut geleckt. Sie liebäugelt mit einem Krebs-Thema.

Es ist so schwierig. Es ist später wesentlich einfacher, wenn man sagen kann, man hätte sich mehr oder weniger bewusst dagegen entschieden, als wenn man sagen muss, dass man es versucht, aber aus Gründen schlechter Organisation oder zu geringer Kapazitäten verkackt hat. Insofern hinterlässt die Entscheidung auf jeden Fall einen neuen Eintrag im Lebenslauf - und jeder Eintrag im Lebenslauf sollte am Ende so positiv zu gestalten sein, dass man selbst noch attraktiv genug bleibt.

Maries Eltern denken da weniger kompliziert. Maries Papa findet, dass sich eine solche Chance vermutlich nie wieder ergeben wird, sagt mir, dass ich alle Zeit der Welt hätte und er seine Frau auch nur wegen des akademischen Titels geheiratet hat. Maries Mutter meinte: "Mach es! Schritt für Schritt. Und wenn du dann in eine Pfütze trittst, ist auch nur ein Fuß nass." - Tolles Motto für eine Rollstuhlfahrerin. Allerdings tritt die ja bekanntlich fast nie in Pfützen.

Ein Freund, dessen Meinung ich sehr schätze, rät mir ebenfalls zu. "Du packst das. Du hast das Zeug dazu. Lass das nicht ungenutzt."

Ich selbst sehe mich anlässlich dieser Konfrontation eher leicht bis mittelgradig verzweifelt, stelle mir Fragen, warum und für wen ich das alles überhaupt mache, finde Antworten, frage mich, ob sie richtig sind, finde weitere Antworten, schiebe die Gedanken zur Seite, kann mich nicht entscheiden. Bin genervt von mir selbst und über meine Unentschlossenheit, fühle mich schwach, blicke auf andere Leute mit meiner Einschränkung, sage mir selbst, dass solche Vergleiche unsinnig sind, weil jeder Mensch seines eigenen Glückes Schmied ist, lese weitere schlaue Kalendersprüche, finde wieder keine Antworten und schreibe das Wort "urlaubsreif" auf meine Schreibtischunterlage. Male es schön bunt aus und gehe ins Bett.

1 Kommentar :

Xin hat gesagt…

In einem vorherigen Beitrag schriebst Du davon, warum Du Dir das nun auch noch aufhalsen sollst.

Schlussendlich muss man sich überall arbeiten und stressig wird es am Ende so oder so. Auch eine Dissertation über eingerissene Fingernägel wird nie allumfassend sein, Du wirst am Ende feststellen, dass aus Zeitmangel so vieles unbetrachtet blieb und unzufrieden sein. Es ist egal, worüber Du schreibst - die Arbeit ist nicht dafür da, dass Du sie gut findest. Man kann jede Arbeit verkacken.

Aber wenn es ein Thema ist, was andere gut finden, wenn es eine Chance ist, dann wirst Du Deine Arbeit am Ende auch nicht perfekt finden. Aber Du hast nicht über eingerissene Fingernägel geschrieben, sondern ein Thema bearbeiten können, was jemanden interessiert.

Offenbar ist das Thema eine Garantie für einen positiven Eintrag im Lebenslauf - eben eine Chance. Es kann also nicht der Kopf sein, der da widerspricht. Und den Bauch würde ich halt fragen, welches Thema banal genug wäre, dass Du sowenig organisieren musst, um daraus beiläufig mit Links eine Top-Dissertation zu machen.