Sonntag, 27. September 2015

Rollstuhlfahrer essen draußen

Im Jahr 2015 dürfen öffentliche Einrichtungen nur noch barrierefrei gebaut werden. Oder zumindest nach einer entsprechenden Vorschrift, die weitestgehende Zugänglichkeit für Menschen mit Beeinträchtigungen sicherstellt. Wesentliche Bestimmungen gelten zum Beispiel für die Gastronomie. So wäre es in der Regel unzulässig, eine bereits barrierefreie Gaststätte nun so umzubauen, dass künftig eine Stufe vor dem Eingang ist und im Rollstuhl fahrende Menschen ab sofort draußen bleiben müssen. Eigentlich.

Im Hamburger Hauptbahnhof gibt es eine Fressmeile mit verschiedenen gastronomischen Einzelbetrieben. Viel fettiges Junkfood, aber als Kompromiss gibt es durchaus die eine oder andere essbare Kleinigkeit. Insbesondere dann, wenn selbst zu kochen oder langes Suchen nicht in Frage kommen. Hin und wieder, vielleicht vier Mal im Jahr, kommt es vor, dass ich mir, meistens zusammen mit anderen Leuten, mit denen ich gerade unterwegs bin, von Sub Wayne zeigen lasse, wo das Brötchen die Körner hat, und ein frisches Sandwich esse. Na gut, ein halbes.

Mit Erstaunen musste ich in der letzten Woche feststellen, dass sämtliche Stühle und Tische dort nun auf einem Podest stehen, auf das ich als Rollstuhlfahrerin nicht mehr komme. Ich kann mich dort also nicht mehr an einen Tisch setzen, sondern muss meine Speise und mein Getränk mitnehmen und draußen essen. Kann das sein? Warum ist das so?

"Entschuldigung, wo können wir uns denn hinsetzen?", fragte ich die Bedienung hinter der Theke. Vier Mitarbeiter guckten sich gegenseitig ratlos an. Früher war mal wieder alles besser: Da konnte man einfach ein paar Stühle zur Seite schieben und sich an einen der Tische setzen, heute geht das nicht mehr. Die Nachbartische sind auch alle für die dortigen Kunden reserviert und der Notausgang muss frei bleiben. Sonst hätten wir uns zu viert mit jeweils einem Tablett auf dem Schoß einfach mal eine Zeitlang dorthin gestellt. Aber vier Rollstühle im Notausgang? Das geht nun wirklich nicht.

"Ist doch schönes Wetter heute", befand die Dame an der Kasse. Marie schwoll der Kamm. Bevor sie etwas sagen konnte, mischte sich ein Kunde, Mitte Dreißig, ein: "Ähm, haben Sie nicht irgendwo einen Klapptisch, den Sie für die Fälle irgendwo hinstellen können?" - "Nein. Es gibt so viele Sitzgelegenheiten draußen, ich sehe das Problem nicht." - "Und wenn es regnet?", fragte der Mann. Die Antwort kam prompt: "Es regnet aber nicht. Hören Sie, das haben unsere Chefs von oben so angeordnet, ich kann es nicht ändern und ich will das auch nicht diskutieren", sprach sie und wandte sich wieder ihrer Kasse zu.

"Wollen Sie was bestellen?", fragte mich ein anderer Mitarbeiter. Ich antwortete: "Nö. Was meinen Sie, wie ich als Rollstuhlfahrerin mit Essen und Getränk in der Hand nach draußen komme? Und dann setze mich auf den Bahnhofsvorplatz zwischen Taxistand und Pissoir?" - Er zuckte erneut mit den Schultern und sagte: "Ich weiß es nicht."

Aber ich weiß es: Nein! Tschüss!

Kommentare :

Lexi hat gesagt…

Passt dazu, was ich bei besagtem Schuppen hier in der Stadt erlebt habe: Uraltes Haus komplett saniert und man hat es nicht geschafft, den Eingang mit Rampe zu bauen - schmale Tür, schmale Stufen und nicht mal ein Geländer dran. Meisterleistung!

Philipp hat gesagt…

Lass dir von einem der aus der Gastronomie kommt sagen dass man mit einem solchen Beruf eher die Diskrepanz zwischen Monatsende und Portemonnaie im Kopf hat als solche "Probleme von Gästen".

Ist leider so.

Wenn du in einem Job fest steckst von dem du nicht weisst warum du Ihn machst und der auch noch schlechter bezahlt ist als ALG II ist dir irgendwann auch egal was deine Gäste von dir so vorgesetzt bekommen oder ob sie überhaupt was essen. Irgendwann sind Gäste nur noch das was dich vom Kaffee trinken abhält.

Das soll keine Entschuldigung sein, aber vielleicht eine Erklärung.

Grüße aus Dresden

Philipp

ednong hat gesagt…

Hm,
könnte doch sein, dass sich das Gewerbeaufsichtsamt über einen HInweis freut.

Anonym hat gesagt…

"Hören Sie, das haben unsere Chefs von oben so angeordnet, ich kann es nicht ändern und ich will das auch nicht diskutieren"

Japp. Und das hat für sie auch überhaupt keinen Sinn, das zu diskutieren. Und nein, sie kann (und darf) euch auch nicht im Notausgang sitzen lassen.

Natürlich ist das falsch. Und natürlich ist das scheiße.
Für euch genauso wie für die Mutter mit Kinderwagen und die alte Dame mit Rollator oder die Familie mit Kindern und Gepäck. Und dass es total überflüssig ist, eine quasi barrierefreie Einrichtung so umzubauen, dass sie es nicht mehr ist, müssen wir gar nicht diskutieren.

Aber die Frau an der Theke kann am allerwenigsten dafür. Die hat das nicht entschieden. Und die ist auch in keiner Position, in der sie das ändern kann. Das ist genau der gleiche Mist wie die Payback-Karte. Der Konzern entscheidet "Wir machen jetzt Payback", die Regionalleitung entscheidet "Wir machen jetzt Payback und fragen nicht nur jeden Kunden nach der Karte - egal ob die Ware punktefähig ist oder nicht - sondern machen ihn direkt auch auf die Vorteile aufmerksam, damit er sich eine ausstellen lässt. Und nein 'Hätten sie denn gerne eine' reicht nicht." Als Mitarbeiter diskutierst du das nicht. Dann bis du nämlich deinen Mindestlohn-Job so schnell los, wie du piep sagen kannst. Du diskutierst das weder mit dem Chef (hat eh keinen Sinn, der setzt auch nur um was ihm vorgeschrieben wird), noch mit dem Kunden (hat eh keinen Sinn, du kannst es nämlich eh nicht ändern). Und es hat auch keinen Sinn, solche Diskussionen mit dem Kunden überhaupt anzufangen... der Kunde hat recht. Das weißt du selbst. Aber dir sind die Hände gebunden. Und du wirst ständig wegen des gleichen Mists (den du nicht verzapft hast) angeschissen.
Wir haben keine barrierefreie Toilette (sind aber auch Einzelhandel, nicht Gastro oder öffentliche Einrichtung). Ich mache alles, um Kunden im Rollstuhl einen Toilettenbesuch zu ermöglichen, aber wenn's nicht passt, kann ich es nicht ändern. Unsere Kundentoilette ist über den Kundenzugang nicht barrierefrei - ich bringe gerne jeden über den Hintereingang (Personalzugang) und ich mache auch gerne einen Ausflug auf die Mitarbeitertoiletten im Wareneingang, aber danach sind mir die Hände gebunden. Ich kann keine Türen verbreitern und keine Treppen rausreißen. Kleine manuelle Rollstühle passen, wenn jemand ein bisschen mobil oder ein bisschen kreativ ist. Wenn der E-Rolli nicht in den Aufzug geht... ist gegenüber ein öffentliches, rollstuhlgerechtes (und ja, vermutlich versifftes) WC. Aber ich kann's nicht ändern und ich muss es auch nicht diskutieren.

Beschwert euch. An der richtigen Stelle.
Das ist der Filialleiter / Franchisenehmer, dessen Chef (vermutlich irgendeine Art Regionalleitung, je nach Struktur) und der Konzern an sich. Das ist nicht die Frau an der Theke. Notfalls geht damit zur Zeitung.

Mike hat gesagt…

Hi
Ich würde mal die Deutschlandzentrale von Subway darüber informieren.
Denen dürfte die Möglichkeit von schlechter Presse und (vor allem) Umsatzverlust nicht vollkommen egal sein.
Der Gewerbeaufsicht dürfte das relativ Wumpe sein.

LG
Mike

Anonym hat gesagt…

Bei dir ist es nur ein mayoverseuchter Fresstempel. Bei uns ist es das Gesundheitsamt. Inklusive Stufe vorm Rolliklo. Und ohne Aufzug. Antwort auf die Frage, wie man als Rollifahrer da hinkommt: "Bringen Sie sich wen mit, der Sie hochträgt, das können wir nicht."

BigDigger hat gesagt…

Danke, liebe Jule!

Danke für den Hinweis und die "dezente" Verklausulierung des Ladens. Jetzt weiß ich ja, welche Klitsche ich am Hauptbahnhof definitiv nicht (mehr) freqentieren werde.

Die bauliche Veränderung ist das Eine, der Umgang mit potenziellen Kunden, die an dieser Barriere scheitern eine ganz andere Sache. Beides spricht nicht für diese Filiale. Aber dagegen, dass ich das mit meinem hart erarbeiteten Geld honoriere.