Montag, 21. September 2015

Sina II

Wir hatten uns mit Maries Mutter eine Stunde vor der regulären Sprechzeit verabredet, damit sie Sina kennenlernen kann und genug Zeit für sie haben würde. Während Maries Mutter sich mit ihr in ein Sprechzimmer zurückzog, bekamen Marie und ich ein zweites Frühstück - zusammen mit Maries Papa, der heute später zum Dienst musste. Einerseits tat es mir ja leid, dass wir nun ihr gemeinsames Frühstück störten, andererseits hatte Maries Mutter ausdrücklich darum gebeten, mit Sina eine Stunde eher zu kommen. Und so, wie es aussah, waren die beiden auch schon so gut wie fertig. Mit dem Frühstücken. Sina bekam einen Becher Tee angeboten, Maries Mama nahm ihren Kaffeebecher mit in die Praxis, Marie und ich bekamen noch ein leckeres Brötchen und Maries Papa war für eine knappe Stunde Hahn im Korb.

Ein (halbes) Fenster war offen (gekippt), und draußen kamen die ersten Patienten. Eine junge Frau wurde von ihrem Freund auf einem knatternden Kult-Motorrad in die Sprechstunde gebracht. Gäbe es einen Drive-In, wäre er sicherlich direkt bis in die Praxis gefahren. Man hatte das Gefühl, er wollte der ganzen Straße mitteilen, was für ein tolles, blitzendes und poliertes Motorrad er fuhr. Jede Wette, dass die Lärmvorschriften nicht eingehalten wurden. Man verstand in der Küche sein eigenes Wort nicht mehr und hatte das Gefühl, der Tisch würde wackeln. Als der Motor endlich verstummt war, sagte Maries Vater (und Andi Feldmann hätte die Stimmlage von Meister Röhrich nicht besser hinbekommen): "Sach ma, tut das Not, dass das Moped sooo laut is?"

Bis vor einigen Jahren hätte ich damit so gar nichts anfangen können. Aber Maries Eltern haben großen Wert auf die kulturelle Teilhabe ihrer Tochter gelegt - und nicht zuletzt durch den uneingeschränkten Zugang zu Papas DVD-Sammlung entscheidende Pflöcke eingeschlagen. Und das färbt eben manchmal ein wenig ab. Zumindest die erste Folge mit dem legendären Oberligaspiel im Kieler Zwietrachtstadion kann Marie inzwischen fehlerfrei mitsprechen. Marie krümmte sich vor Lachen. Irgendwann tickte ich sie an: "Luft holen nicht vergessen!" - "Der Auspuff ist abgefallen", stammelte sie mit Lachtränen in den Augen. Wer diese absolut banale Szene nicht kennt, hält uns vermutlich für reichlich bescheuert.

Kurz darauf bat uns Maries Mama, auch in die Praxis zu kommen. Sina saß wie ein Häufchen Elend in ihrem Rollstuhl, eine Spenderbox Taschentücher auf ihrem Schoß. "Es gibt im Leben Situationen, da kommt man aus einem Karussell nicht mehr ohne Hilfe raus. Alles ist zum Kotzen, alles dreht sich im Kreis und man hat keinerlei Kraft mehr, daran etwas zu ändern. Es bringt nichts, wenn wir sie mal eben aus diesem Karussell rausschubsen, sondern es muss jetzt auch was gegen Schwindel, Übelkeit, Einsamkeit, Kraftlosigkeit, gegen den Kater am Morgen danach und gegen alles, was einen da sonst noch so beherrscht, unternommen werden. Wir haben uns gemeinsam dazu entschieden, dass Sina in eine psychiatrische Klinik geht, noch heute und direkt von hier. Wir haben auch bereits mit einem Kollegen telefoniert, der sie aufnehmen wird. Ich mache jetzt noch die Einweisung fertig, den Transportschein - und dann wird das schon wieder." - Sina nickte. Tränen kullerten über ihre Wangen. Ich nahm sie in den Arm. Sie wirkte teilnahmslos. "Wir kommen dich besuchen", versprach ich ihr.

Maries Mutter drückte ihr den ganzen Papierkram in die Hand, der aus dem Drucker gekommen war. "Warum bin ich ein Notfall?", fragte sie. Maries Mutter antwortete: "Das ist meine Einschätzung, Sina. Aufnahme sofort. Ich möchte Sie keine Nacht mehr alleine lassen. Und auch keinen halben Tag mehr." - "Ich habe Ihnen doch versprochen, dass ich mir nichts antue." - "Darum geht es nicht. Sie leiden. Und genauso wie ich jemanden mit akuter Blinddarmentzündung nicht noch eine Nacht nach Hause ins Bett schicke, fahren Sie jetzt auch direkt in die Klinik."

Während Maries Mutter noch etwas in den PC hackte, fragte Sina: "Wie soll ich das denn mit meinen Klamotten machen? Ich muss doch was zum Anziehen haben." - "Kann Ihr Freund Ihnen nichts bringen?" - "Ich möchte niemanden in meine Schränke gucken lassen." - "Haben Sie keine gute Freundin, der Sie Ihre Geheimnisse anvertrauen können?" - Sina schüttelte den Kopf, guckte mich dann aus dem Augenwinkel an, und als sie merkte, dass ich sie ebenfalls anguckte, lächelte sie verlegen. - "Ich kann dir Sachen rausholen, kein Problem. Mich interessieren deine Joints und dein Vibrator auch nicht." - "Kannst du mir versprechen, dass du nur Klamotten rausholst und nicht alles durchwühlst?" - "Sina! Jetzt spinn mal nicht rum. Solange mir keine scharfen Handgranaten entgegen purzeln, behalte ich das für mich, was ich da sehe. Ich gucke auch weder in deine Tagebücher noch in deine Fotoalben." - "Die sind eh verschlossen. Darum geht es nicht." - "Du misst dem viel zu viel Bedeutung zu. Was würdest du denn über mich denken, wenn du das, was ich nicht sehen soll, bei mir im Schrank finden würdest?" - "Dann würde ich denken: Jule ist ein kleines Schwein." - "Ein kleines oder ein großes?" - "Nein, nur ein kleines", lachte Sina, wischte sich die Tränen weg und drückte mir ihren Wohnungsschlüssel in die Hand.

Kommentare :

Philipp hat gesagt…

Oh jeh, hoffen wir dass es der kleinen auf absehbare Zeit besser geht. Ich denke das war die richtige Entscheidung hier sofort zu handeln.

Gute gemacht alte Socke!

Grüße aus Dresden

Philipp

Anonym hat gesagt…

Und sowas kann eine Hausärztin mal eben so beurteilen? Notfall muss in die Psychiatrie? Zwischen Kaffee und guten Morgen? Und dann noch so dominant? So wird bei euch also über das Schicksal von Menschen entschieden. Klasse.

Oberon hat gesagt…

@Anonym: Natürlich kann sie sowas auf der Stelle entscheiden wenn sie der Ansicht ist das Gefahr im Verzug ist. Bei Menschen mit Psychischen Problemen MUSS einfach schnell gehandelt werden da kann man nicht nochmal warten.
In solchen Fällen kann jede weitere Minute zu viel sein.
Und "einfach mal so" hat sie es sicher nicht entschieden, es gibt bestimmte Regeln und an die wird sie sich sicher halten.
Nach dem was Jule geschrieben hat war diese entscheidung durchaus gerechtfertigt und ich hoffe das das Mädel diese Kriese schnell hinter sich lassen kann und wieder ein normales leben führen kann.

sven hat gesagt…

@ Anonym 07:19
Wenn du dir die "Mühe" gemacht hättest und nicht nur diesen einen Beitrag gelesen hättest, wäre dir aufgefallen, dass Maries Mutter sehr verantwortungsvoll mit ihrer "Macht" umgeht. Sie hat Sina, zwar sehr eindringlich, aber nicht zwingend, den freiwilligen Gang in die Klinik empfohlen. Und die Bereitschaft dazu hatte Sina ja schon Jule im ersten Gespräch erklärt. Es ging also "nur" noch um eine schnellstmögliche Aufnahme und diese wird durch das Häkchen bei "Notfall" erreicht.

Es wäre wirklich toll, wenn du das nächste Mal alle für eine Bewertung notwendigen Informationen berücksichtigst, BEVOR du deinen Mund aufmachst und unqualifizierte Bemerkungen, die auch noch beleidigend sind, vom Stapel lässt.
Nicht ohne Grund steht über dem Beitrag "Sina II" - das sollte jedem verständlich und klar machen, dass es da noch einen Beitrag "Sina(I)" geben müsste.
Wenn du dich diese Mühe aber nicht unterziehen möchtest, dann sei doch das nächste Mal bitte ruhig.

Sven

Hana Mond hat gesagt…

@Anonym: Es geht um ein Krankenhaus, nicht um ein Gefängnis. Es geht um Hilfe, nicht um Strafe. Wer überlegt, sich umzubringen, braucht dringend Hilfe! Wäre dein Kommentar ebenso ausgefallen, wenn jemand wegen Herzinfarkt als "Notfall muss ins Krankenhaus" beurteilt worden wäre? Zwischen Kaffee und guten Morgen? Auch da wird über das Schicksal von Menschen entschieden ...
In ein psychiatrisches Krankenhaus dürften die meisten freiwillig gehen, um Hilfe zu bekommen (auch Sina hatte Jule ja erzählt, dass sie hinmöchte!), zwangseingewiesen wird nur, wer eine Gefahr für sich selbst oder andere darstellt.
Für Erkrankte ist der Krankenhausaufenthalt oft eine Erleichterung, sie sind aus dem belastenden Alltag raus, können sich ganz auf sich konzentrieren, werden versorgt, bekommen Hilfe. Und werden gestärkt, um später mit einer ambulanten Therapie zurechtzukommen, was sie im Moment vielleicht nicht schaffen würden.

Alice hat gesagt…

@Anonym 22:44: Wer soll es denn sonst entscheiden? Der Psychologe auf dessen Ersttermin die nicht-privat-versicherte Patientin vier Monate warten musste? Natürlich entscheiden das die Hausärzte. Und so eine Erst-Unterbringung heißt ja noch lange nicht, dass Sina jetzt ganz plötzlich für immer irgendwo verschwindet. Es geht lediglich um eine Erstversorgung/-betreuung, die ihr in der ersten, schweren Zeit hilft.

Summer hat gesagt…

@Anonym: Das ist der JOB der Hausärztin, was glaubst du denn, was sie gelernt hat?! Und ich glaube in keinem anderen ärztlichen Tätigkeitsfeld (von der Psychiatrie abgesehen) gibt es so viele psychiatrische Krankheitsbilder zu behandeln wie in der Hausarztpraxis. Und ganz nebenbei: Rein aus der Beschreibung von Jule heraus würde ich den Fall genauso beurteilen.

Manchmal frage ich mich, ob hier gelegentlich auch mal das Hirn genutzt wird, bevor man Kommentare wie diesen postet, oder ob es nur ums stinkstiefeln geht.

BigDigger hat gesagt…

Wer diese absolut banale Szene nicht kennt, hält uns vermutlich für reichlich bescheuert.

Das tun auch die, die diese absolut banale Szene kennen... ;-)

Was mir bei Dir immer wieder auffällt, wenn Du solche Situationen schilderst: Du hast vollkommen die Perspektive gewechselt. Du bist nicht mehr die, die sich am Donnerstag, dem Zwölften, beim Ausflug im T-Punkt mangels Windel im Beisein der Sozialarbeiterin eingeschissen hat und schamhaft Zuspruch brauchte, sondern Du gibst den trockenen Zuspruch der Normalität und die Petitessisierung jetzt selbst an andere.

Dafür nur ein :-)

Anonym hat gesagt…

Bei "Sina III" möchten wir aber alle lesen, was da im Schrank war. Ich tippe auf gammelige Salamibrote. ;)

Und jetzt ernsthaft: Ich wünsche der Frau von allen Herzen alles Gute und baldige Genesung. Eine nahe Verwandte ist vorgestern eingewiesen worden und ich weiß leider, dass das der Beginn einer anstrengenden Reise ist. Aber wenn ein paar wenige liebe Menschen das Ganze unterstützen, wird das sicher. Ohne professionelle Hilfe würde aber m.E. in vielen Fällen gleich alles den Bach runtergehen.