Sonntag, 20. September 2015

Sina

Sina fiel beim Fensterputzen aus dem zweiten Stock und ist seitdem querschnittgelähmt. Ich hatte seit ihrem Unfall vor zwei Jahren mehrmals Kontakt zu ihr. Immer mal wieder für ein paar Stunden. Kennengelernt habe ich sie beim Warten auf eine Kontrolluntersuchung. Wir saßen zusammen im Wartezimmer, kamen ins Gespräch, tauschten Nummern aus, trafen uns zum Quatschen. Immer für ein bis zwei Stunden, mehr nicht. In den letzten neun Monaten vielleicht insgesamt drei Mal.

Gestern abend klingelte gegen halb neun mein Handy. Ich guckte drauf und sah ihre Nummer. Eigentlich hatte ich nach mehreren Kilometern Schwimmtraining gar keinen Bock mehr, jetzt noch lange zu telefonieren, aber wir könnten uns ja kurz für einen anderen Tag verabreden. Als ich mich meldete, war auf der anderen Seite eine eher emotionslos wirkende Stimme, die mir ohne lange Umschweife erzählte, dass ich in ihrer Liste von Leuten stehe, die sie im Notfall anrufen könnte.

Ich fragte direkt zurück: "Bist du in Not?" - "Ja", antwortete eine verschnupft, vermutlich verheult klingende Stimme seufzend. - Ich fragte: "Kannst du frei sprechen?" - "Jaja, ich bin alleine zu Hause. Mir geht es nicht gut. Ich überlege schon wieder, ob ich mich umbringen soll. Ich werde es nicht tun, weil ich leben möchte, aber ich denke schon wieder darüber nach, wie es sein würde, wenn alles vorbei ist. Das ist für mich ein Zeichen, dass ich dringend Hilfe brauche, bevor diese Gedanken in den nächsten Tagen siegen. Ich werde am Montag in die Klinik gehen und mich aufnehmen lassen. Ich weiß, wir kennen uns eigentlich kaum, aber wir hatten immer so schöne Gespräche miteinander. Ich will nicht lange um den heißen Brei reden: Meinst du, du könntest heute nacht zu mir kommen und bei mir schlafen? Das würde mir sehr helfen."

Uff. Nee. Ja. Ach du Scheiße. Das klang wie abgelesen. Ich antwortete: "Ich brauche eine Stunde, bis ich bei dir bin." - "Ich kann warten, wenn ich weiß, dass du kommst." - "Ich komme. Aber nur bis morgen früh, danach muss ich wieder weg." - "Das hilft mir schon. Für die nächste Nacht finde ich auch noch jemanden. Ich sollte nicht alleine sein, die Nächte sind am schlimmsten."

Kurz vor zwölf stand ich vor einem heruntergekommenen Mietshaus. Sie bewohnt eine Einzimmerwohnung im Erdgeschoss. Es gibt ein vielleicht zwölf Quadratmeter großes Zimmer mit Kochniesche, dazu ein Bad - und ein etwa ein Meter breites und fünfzig Zentimeter hohes Fenster direkt unter der Decke. Vor dem Fenster stand ein Baum und eine Straßenlaterne. Hier würde ich auch depressiv werden. Ich wage sogar zu bezweifeln, dass dieses Loch (ohne vernünftiges Fenster) überhaupt zum Wohnen zugelassen ist. Beklemmend fand ich es. Und kalt.

Wir standen für zwei Stunden im Raum, guckten uns an, sie schüttete mir ihr Herz aus. Ihr langjähriger Freund hatte anlässlich ihres Unfalls mit ihr Schluss gemacht, jetzt hatte sie eine Beziehung, in der er vögeln und sie umarmt werden wollte. Sie hat sich das Vögeln gefallen lassen, weil es mit Umarmung und körperlicher Nähe zu tun hat. Sie sei ihren Freundinnen zu traurig, es würden sich nur oberflächliche Gespräche ergeben, ihr Rollstuhl sei kaputt und werde seit Monaten nicht repariert, sie käme nicht alleine aus dem Haus, der Pflegedienst zocke sie ab, bei ihrem Studium fühle sie sich ausgebrannt.

Heute morgen meinte sie zu mir, sie hätte die erste Nacht seit Wochen mal wieder mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen. Und ich habe sie davon überzeugen können, mitzukommen. Zu mir und Marie für eine weitere Nacht. Ich habe meine Verabredung dann doch noch kurzfristig abgesagt. Morgen früh holt sich Sina von Maries Mutter eine Einweisung, falls es bis dahin keine bessere Idee gibt. Dann hat sie zumindest eins: Eine vernünftige Hausärztin, die ihr helfen kann, wieder auf einen guten Weg zu kommen. Ich glaube, Sina ist einfach nur überfordert und alleine. Und sie käme zurecht, wenn sie jemanden hätte, der ihr hin und wieder mal die Hand reicht. Und mit dem sie reden könnte. Im Moment schnibbelt sie mit Marie ein Mittagessen für uns zusammen. Ich drücke ihr die Daumen, dass sie aus ihrem Loch schnell wieder rauskommt. Sowohl aus dem seelischen als auch aus der komischen Wohnung.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Alles gute an Sina an dieser Stelle. Wünsche ihr, dass sie eine Erfüllung im Leben findet. Also einen guten Sinn, eine gute Aufgabe, etwas, was sie ausfüllt. GlG an alle, die Herzchenmama

Philipp hat gesagt…

Oh jeh, manchmal kommt eben aber auch alles auf einmal!

Alles Gute an dieser Stelle auch vom mir!

Grüße aus Dresden

Philipp

Anonym hat gesagt…

Nein, das sehe ich anders, mit einer helfenden Hand ist es leider nicht getan ...
Ich kenne das, habe die selben Probleme (keine Freunde, sch*** Pflegedienst, schaffe es nicht aus der Wohnung etc) und noch mehr ( Infekten, schmerzen ) und ich bin verheiratet ziehe meine Familie aber nur runter... Da wirst du nicht viel tun können...

Alice hat gesagt…

Dass jemand für sie da ist wird den Grundzustand vermutlich nicht ändern können, aber ein verständnisvolles Umfeld hält zumindest den Lebenswillen aufrecht. Und eine gute Ärztin wird ohnehin wissen, was sie in diesem Fall zu tun hat. Der erste Schritt ist es sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht und das hat sie mit ihrem Anruf anscheinend geschafft. Well done. Alles Gute für Sina!

Anonym hat gesagt…

Ich muss ein bisschen Anonyms Beitrag vom 21. September um 10:53 zustimmen. Mit einer helfenden Hand ist es in solchen Situationen oft nicht getan.

Wir haben eine Freundin, die sich ähnlich ausgebrannt fühlt. Nach dem Studium und der ersten befristeten Anschlussbeschäftigung ist sie in ein tiefes, tiefes Loch gefallen. Bezieht inzwischen H4. Sie ist aber auch aktuell nicht arbeitsfähig, das hat nichtmal primär etwas mit ihrer Behinderung zu tun, sondern mit psychischen Problemen, bei denen man davor steht und nicht weiß, wo die Henne ist und wo das Ei. Und bei denen sie sicht nicht helfen lassen will. Oder kann. Oder keine Ahnung.
Wir hatten sie nach so einer "Episode" mal kurz einsammeln lassen. Nach drei Tagen, als sie realisiert hat wo sie war, hat sie sich selbst entlassen. Danach hat man sie nochmal kurz mitgenommen, aber auch da ist sie gegangen.

Wir spielen das Spielchen jetzt zwei Jahren.
Sie ist Depressiv. Nicht nur "runter" sondern hat eine wirkliche Depression, die behandelt werden muss. Sie will nicht. Manchmal sagt sie, sie höre Stimmen.

Ich glaube, sie leidet unter eine Psychose. Klinische war nie mein Steckenpferd, aber ich habe (aus Interesse) klinische Psychologie gehört, auch wenn mein Schwerpunkt in Organisations-/Wirtschaftspsychologie lag. Ich kann sie weder diagnostizieren noch behandeln, aber ich kann die Warnglocken klingeln hören. Die Warnglocken, die keiner ernst nimmt. Es ist ja noch "nichts" passiert (nein, viele Menschen rollen im Regen nackt durch die Stadt, ganz klar). Und solange "nichts" passiert, gibt es keinen Grund sie einzuweisen.

Das kann kein Laie stemmen. Auch kein Laie der Medizin studiert.
Ja, sie einer kompetenten Hausärztin zu übergeben, die vielleicht positiv auf sie einwirken kann, ist sicherlich ein guter und richtiger Start! Von da kommt man vielleicht an einen Punkt wo man ansetzen kann.
Ja, sie aus der Wohnung rauszuholen ist sicherlich auch richtig. Jeder sollte ein wohnliches, warmes und lebenswertes Lebensumfeld haben.
Ja, jeder sollte Freunde haben. Aber viele Freunde ziehen sich in solchen Situationen zurück, weil sie nicht leisten können, was sie fühlen das sie leisten können sollten / müssten. Freunde können akut aktive Unterstützung leisten. Da sein, wenn man nachts nicht alleine sein kann. Kisten schleppen beim Umzug. Einen mit ins Kino nehmen. Aber Freunde können von innen heraus nichts ändern.
Und man wird nicht wegen des Wohnumfelds klinisch depressiv. Die Hirnchemie denkt nicht "Oh, da steht ein Baum vor dem Fenster, ich verabschiede mich jetzt." Jemand der depressiv ist, bleibt in solchen Wohnumständen, weil er sich aufgegeben hat und weil es eh egal ist. Ein Umzug ist sicherlich eine gute Idee und sicherlich prinzipiell richtig und vielleicht kann er auch kurzfristig helfen, aber langfristig reicht das bei niemandem, der so weit unten ist, dass er jemandem den er kaum kennt, erzählt er habe "schon wieder" Suizidgedanken. Meine alkoholkranke Ex-Kollegin hat auch nach dem Stellenwechsel drei Monate so ausgesehen, als hätte das ihr Problem gelöst - das ist aber nicht so.

Fine ich es gut und richtig, dass du/ihr euch Sina angenommen habt? Klar! Gut, wenn Menschen hingucken und helfen. Aber von da muss es professionel weitergehen, angestoßen durch Maries Mutter als neue Hausärztin und durch psychologische Betreuung. Sonst macht euch das alle kaputt.