Montag, 25. Dezember 2017

Terror und Maschinenpistolen

Es hat in diesem Monat in der westlichen Welt keinen Terroranschlag gegeben - wenn man von den beiden gescheiterten Sprengstoff-Attentaten in New York und Malmö absieht. Wobei beim letzten ja noch nicht klar ist, ob der Täter überhaupt eine politische Motivation hatte. Es scheint, als würde unsere diesjährige Advents- und Weihnachtszeit vom Terror verschont bleiben. Und darüber bin ich sehr froh.

Nachdem ich mir heute die mediale Berichterstattung über einen eigentlich harmlosen Vorfall in der Hamburger Michaelis-Kirche, der sich am Heiligen Abend zugetragen hat, angeschaut habe, drängt sich mir allerdings der Eindruck auf, ein Boulevardblatt könnte den nächsten Anschlag nicht abwarten.

Was war passiert? Ich weiß es aus erster Hand, denn ich war, wie fast jedes Jahr, Besucherin des letzten Heilig-Abend-Gottesdienstes im Hamburger Michel. Dieses Mal waren auch zwei junge Männer in der Kirche. Sie hatten einen Rucksack dabei, haben sich vor dem Gottesdienst unterhalten und sich, offenbar entzückt von der Größe und der Schönheit der über 2.000 Menschen Platz bietenden Kirche, gezielt auf bestimmte Dinge, wie die große Orgel, durch Zeigen aufmerksam gemacht.

Einem Besucher kamen die beiden Männer dadurch offenbar merkwürdig vor, er informierte das anwesende Sicherheitspersonal. Dieses wollte wohl kein Risiko eingehen, konnte die Lage nicht einschätzen, informierte zur Sicherheit die Polizei. Die schickte vier Beamte in Zivil, die diskret zu diesen beiden Männern gingen, ihren Dienstausweis vorzeigten und die beiden "Verdächtigen" mit nach draußen baten. Dort schaute man offenbar einmal in den Rucksack, fand nichts Verdächtiges, überprüfte die Personalien, fand ebenfalls nichts Verdächtiges, und kam am Ende zu dem Schluss, dass die beiden Jungs völlig harmlos sind und wohl nur Weihnachten feierten.

Ich will das aber nicht einmal kritisieren. Man muss heutzutage ja mit allem rechnen, und der Michel-Gottesdienst böte politischen Wirrköpfen freilich eine gewisse Bühne. Also lieber einmal überprüfen lassen, bevor wirklich etwas passiert.

Auf der Internetseite eines Boulevardblattes heißt es heute darüber:

1. Die Polizei habe die Kirche "gestürmt". What?! Ein Sturmangriff, der hier gemeint sein dürfte, suggeriert mir, etliche Polizeikräfte seien vor der Tür zusammengezogen worden, hätten sich langsam angenähert und wären dann kämpfend oder zumindest drohend überfallartig, den Überraschungseffekt nutzend oder ihn sogar mit Nebel- und Blendgranaten und der damit verbundenen Verwirrung verstärkend, in das Gebäude eingedrungen, mit einem Gegenangriff rechnend stets das Ziel verfolgend, die betroffenen Personen auszuschalten. Tatsächlich sind vier Leute unauffällig reinschlurft, haben sich unauffällig umgeguckt, die Personen angesprochen, nach draußen begleitet, fertig.

2. "Dreizehn Streifenwagen" seien entsandt worden. Was bedeutet hätte, dass man aus mehreren Stadtteilen diverse Fahrzeugbesatzungen zum Michel geschickt hätte. Und diese angewiesen hätte, vor der Kirche keinen Lärm zu machen, um die Täter nicht zu warnen. Und auch das Blaulicht auszuschalten, da man es durch die Kirchenfenster sehen könnte. So einen Einsatzbefehl könnte es bestimmt geben. Bestimmt würden dann auch gleich Rettungsdienst und ähnliches alarmiert. Führungsbeamte, ... keine Ahnung. Ich habe von alledem nichts mitbekommen. Und auf Nachfrage eines öffentlich-rechtlichen Radiosenders wollte der Lagedienst der Polizei nur drei eingesetzte Fahrzeuge bestätigen.

3. "Beamte mit Maschinenpistolen stürmten die Kirche". Ob sie stürmten, hatte ich ja oben schon für mich geklärt. Ob die vier natürlich Maschinenpistolen im Fahrzeug hatten, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, jeder Streifenwagen hat zumindest eine dabei. Wie das in Zivilfahrzeugen ist, weiß ich nicht. In der Kirche habe ich niemanden gesehen, der eine Waffe in der Hand hielt oder gar eine Machinenpistole um den Hals hängen hatte.

4. "Polizisten unterbrachen die Christmesse". Es handelte sich um einen evangelischen Gottesdienst. Und eine kurze Unterbrechung gab es allenfalls aus Sicht der beiden jungen Männer, als diese für gefühlt zehn Minuten nach draußen gegangen sind, während drinnen weiter gesungen wurde. Die Zivilpolizisten sind so diskret vorgegangen, dass maximal 50 Personen im Umkreis dieser beiden Männer überhaupt etwas mitbekommen haben. Also nicht mal drei Prozent der Besucher.

Ich frage mich jetzt: Warum? Was soll das? Braucht man das?

Und was das Schlimmste ist: Gleich mehrere große Zeitungen, die eigentlich keine Boulevardblätter sind und nach meinen Informationen auch nicht zum selben Verlag gehören, haben diesen Unsinn bereits, offenbar ungeprüft, auf ihre Webseiten übernommen. Und -wie zu erwarten war- dauerte es keine zwei Stunden, bis bei Twitter auch die rechtspopulistische Partei einer Neckar-Großstadt auf diese Meldung aufgesprungen ist.

Na dann: Frohe Weihnachten!

Kommentare :

DerSilberneLöffel hat gesagt…

Sensationsgier. Letzte Woche hier vor Ort: Der Ortssender unterbricht das Programm, der Moderator steht vor Ort. Hätte man seiner Beschreibung geglaubt, so hätte man gedacht, alle SEK der BRD sind vor Ort und erwarten ein blutiges Massaker. Realität: Familienkrach mit zwei Leichtverletzten, dabei eine vorübergehende Geiselnahme des Sohnes an seinem Vater. Im Endeffekt hat der Polizeiapparat überreagiert (was mir aber lieber ist, alsdass nichts passiert) und die Ortsmedien haben meiner Meinung nach in Richtung Pulitzer Preis geschielt.
Warum also der Aufwand? Weil sie es können. Verantwortung und Objektivität wich der Sensationsgier und der Geilheit, die Ersten zu sein.

Anne Kruggel hat gesagt…

Dazu passt das Buch "Gekaufte Journalisten....

LG Anne

Petra Nixda hat gesagt…

Hallo liebe Jule, ich hab gestern erst gesehen, dass es tatsächlich weiter geht,mit dem Blog. Vielen Dank dafür. Du schreibst wunderbar erfrischend. Ich habe noch nicht alles durchgelesen, wohl aber die Begründung der großen Schreibpause. Erst mal alles Liebe für die weitere Zukunft und dass sowas nie wieder passiert. Liebe Grüße

Philipp hat gesagt…

Das geht heute so schnell: Eine Presseagentur setzt eine „Ente“ in die Welt und tausend Blätter und Magazine drücken die News in den Markt. Zeit um so was dann zu prüfen bleibt oft nicht, denn erstens will sich niemand sagen lassen dass man nicht sofort berichtet hätte (Stichwort: Lügenpresse) und zweitens geht es heute um jeden Klick den man zuerst bekommt, denn wenn so eine News erst mal in der Welt ist wird geklickt und gesucht und gegoogelt. Jede Seite die irgend einen Fitzel berichtet bekommt so einen kleinen Hauch Aufmerksamkeit und einen kleinen Teil vom Werbekuchen ab.

Man erinnere sich damals z. B. An den Germanwings-Absturz....

Grüße aus Dresden

Philipp

Anonym hat gesagt…

"Es handelte sich um einen evangelischen Gottesdienst."
Den Christmesse oder sogar Christmette zu nennen, ist gerade noch so drin https://de.wikipedia.org/wiki/Christmette