Sonntag, 11. November 2018

Wilde Maus

Ganz lange - drei Jahre, um genau zu sein - war ich nicht mehr auf dem Hamburger Dom. Nee, das ist keine mit dem Rollstuhl erklimmbare Aussichtsplattform auf einer besonders großen oder besonders hübschen Kathedrale der Hansestadt, sondern ein Volksfest unweit der legendären Reeperbahn mit über 200 Schaustellern und mehr als 100 Gastronomiebetrieben. Über 10 Millionen Besucher zählt die Veranstaltung jedes Jahr. Den Namen hat sie aufgrund ihres ursprünglichen Veranstaltungsortes, dem ehemaligen Hamburger Mariendom, der um 1800 abgerissen wurde.

Man könnte vielleicht erwarten, dass mir kurz nach dem Tod meines Vaters der Sinn nicht nach Kirmes steht. Und trotzdem waren wir heute da und hatten viel Spaß. Und ich glaube sogar, dass es angemessen und gut war. Ja, der Tod meines Vaters ist ein emotionaler Moment, auch wenn wir in den letzten beinahe zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatten, und er mich zuletzt wie den letzten Dreck behandelt hat. Aber dass ich mir jetzt aus moralischen oder ethischen Gründen eine Trauerzeit aufzwingen lasse, in der ich nicht lachen und keinen Spaß haben dürfte, sehe ich nicht ein.

Marie und ich hatten Helena schon seit Monaten versprochen, heute mit ihr das Volksfest zu besuchen, und sie hat sich bereits sehr darauf gefreut. Mit dabei waren Maries Eltern, bei denen wir vorher zum gemeinsamen Brunch verabredet waren. Helena, die vorher nach eigenen Angaben noch nie auf einem so großen Volksfest war, weil sie den 1,6 Kilometer langen Weg nicht schafft, bekam zum ersten Mal meinen alten Rollstuhl ausgeliehen. Zu Hause lässt sie keine Gelegenheit aus, um sich in Maries oder meinen aktuellen Stuhl zu setzen, sobald ich beispielsweise auf dem Sofa bin. Sie gurkt damit durchs Haus, kippelt damit herum und hat null Berührungsängste. Draußen war sie damit allerdings, von unserer Terrasse abgesehen, noch nie.

Es war proppevoll, was natürlich, weil Menschen nicht geradeaus gehen, sondern immer mal wieder stehen bleiben, rückwärts, seitwärts oder diagonal gehen, eine enorme Herausforderung war. Die Menschen gucken ja nicht, sondern stolpern seitwärts über uns oder springen plötzlich zur Seite, um mitten in einer Menschentraube Platz zu machen, obwohl man sowieso nur zwei Meter weiter kommt und schon seit fünf Minuten demjenigen langsam hinterherfährt. Ich würde behaupten, für Helena war es eine Herausforderung, die sie aber insgesamt sehr gut gemeistert hat. Und während sie zwischenzeitlich immer mal aufstehen konnte, um sich irgendeinem abgefahrenen Fahrgeschäft hinzugeben, musste ich mich von kräftigen Männern hineintragen lassen. In Autoscooter (mir tut noch alles weh), über Kopf drehenden Scheiß (mir dreht sich jetzt noch alles) und eine abgefahrene Geisterbahn, auf deren halber Strecke irgendein blutüberströmter Freak mit Kettensäge hinter uns herlief. Der gehörte aber zum Geschäft.

Marie musste mit Helena in die wilde Maus, eine Achterbahn, auf der einzelne Gondeln eher unsanft um die Kurven heizen. Und in irgendein Dreh-Katapult-Überkopf-Istmirschlecht-Teil, das immerhin so dicht neben der Kinder-Bimmelbahn lag, dass ich mich beim Zuschauen entscheiden konnte, ob ich lieber Awolnation oder den Wildecker Herzbuben zuhören wollte. Am Ende durfte sich unsere kleine wilde Maus noch einen klebrigen Liebes-Apfel mitnehmen und als sie gerade fünf Minuten im Auto saß, schlief sie bereits tief und fest.

Ich bin ganz froh, dass sie auf Wörter wie "Rollstuhl" oder "behindert" noch nicht so reagiert. Ich filtere diese und ähnliche Wörter inzwischen aus jeder Unterhaltung heraus. Heute sagte ein Paar, geschätzt um die 60 Jahre alt, während wir auf Marie und Helena warteten, zueinander: "Du, guck mal da! Die Familie da. Drei behinderte Kinder. Ich meine, wenn man eins hat und das zweite schon unterwegs ist, okay. Aber wie kann man mit 10 Jahren Abstand noch eins kriegen, wenn man schon vorher weiß, dass es behindert sein wird? Völlig verantwortungslos, sowas. Die armen Kinder."

Seine Frau antwortete: "Nicht so laut!" - Und Maries Mutter murmelte nur trocken: "Weißte Bescheid?!"

Samstag, 10. November 2018

Selbsternannter Alles

Da könnte man mal einen Tag ausschlafen. Einen Tag seit langer Zeit. Marie hat sich um Helena gekümmert, Helena war in der Schule und um halb neun bimmelte es an der Haustür. Einmal, zweimal, dreimal. Helena ist krank und sie hat ihren Haustürschlüssel vergessen? Nee, ein osteuropäischer Mensch stand vor der Tür und bat um Spenden. War angetrunken und erklärte: "Ich bin selbsternannter internationaler Menschenrechtler und selbsternannter Alles. Sie müssen mir Geld geben."

Dann allerdings gerieten seine Gedanken aus der Spur: "Was hast du gemacht, sitzen im Rollstuhl. Unfall gehabt?" - "Hören Sie, ich möchte nicht, dass Sie hier klingeln. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag." - Tür zu. Während ich mich wieder hinlegte, hoffte ich, dass der selbsternannte Alles nicht nochmal klingelt oder aus Frust in meine Hecke pinkelt. Ich war gerade wieder eingeschlafen, da bimmelte es tatsächlich erneut. Gleich zwei Mal hintereinander. Und kurz darauf wummerte jemand gegen die Tür. Jetzt reichte es.

Dieses Mal sah ich zwei Umrisse vor der Glastür. Zwei Menschen in blau. Die suchten bestimmt den selbsternannten Alles, dachte ich mir. Ich öffnete. "Guten Morgen, wir möchten zu Frau Socke." - "Steht vor Ihnen." - Nanu? Ist was mit Helena? Oder mit Marie? Vermutlich bin ich zu schnell gefahren. Oder zu langsam. Oder es geht um mein Auto, das ja noch auf dem Klinikparkplatz steht. Hat es jemand geklaut und ist damit gegen einen Baum gefahren? Sie fragten: "Dürfen wir mal reinkommen?" - "Eigentlich nicht. Worum geht es?" - "Sind Sie die Tochter von Herrn ... Socke, geboren am ...?" - "Dann kommen Sie doch mal rein."

Das hörte sich nicht gut an. Und meine Befürchtung sollte sich bewahrheiten. "Wir müssen Ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen. Ihr Vater ist gestern abend tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Es tut mir sehr leid." - Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass das eines Tages auf mich zukommen würde. Aber so rasch? Ich antwortete: "Danke. Wissen Sie Genaueres?" - "Nein, wir haben nur die Bitte von den Kollegen aus ... bekommen, Sie zu benachrichtigen. Ich gebe Ihnen aber gerne die Nummer der örtlich zuständigen Wache, dann könnten Sie dort nachfragen." - "Ja, vielen Dank." - "Können wir noch etwas für Sie tun?" - "Nein, ich glaube nicht." - "Sollen wir jemanden anrufen, der zu Ihnen kommt, damit Sie nicht alleine sind?" - "Nein, das ist so in Ordnung. Ich habe zu meinem Vater seit fast zehn Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Das ist zwar eine sehr traurige Nachricht, aber ich bin einigermaßen gefasst." - "Dann wünschen wir Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag."

Er wäre dieses Jahr noch 62 geworden. Das ist eigentlich kein Alter, um zu sterben. Ich bin heute, am Tag nach der Nachricht, spontan die rund 300 Kilometer zu seiner Adresse gefahren, kam natürlich nicht bis zur Wohnung, da sie im 2. Stock ohne Aufzug ist. Auf dem Hintern die Treppen hochrutschen wollte ich dann doch nicht. Ein älterer Herr fummelte auf einem vor dem Haus gelegenen Garagenhof an seinem Fahrrad herum, er fragte gleich, zu wem ich wollte, und wie sich dann herausstellte, wohnt er mit seiner Frau im ersten Stock schräg unter meinem Vater. Zu dem Nachbarn hatte mein Vater wohl bis zuletzt immer mal lockeren Kontakt gehabt. Er erzählte, dass er das Haus eigentlich seit zwei Jahren nicht mehr verlassen hatte. "Verschiedene Nachbarn haben für ihn eingekauft, das konnte er ja alles nicht mehr. Jetzt hatten wir uns gewundert, weil wir fast eine Woche nichts mehr von ihm gehört haben. Sonst kam er immer mal bis zu unserer Wohnungstür und redete mit uns, gab uns einen Einkaufszettel, aber nachdem wir gar nichts mehr von ihm hörten, sind wir nach oben und als niemand öffnete, haben wir den Krankenwagen angerufen. Naja, die haben ihn dann im Flur gefunden. Die Wohnung ist noch versiegelt, da darf im Moment noch niemand rein."

Paula, meine Halbschwester, wird am Donnerstag zu mir an die Ostsee kommen. Mit ihr fahre ich dann am Freitag noch einmal zu seiner Wohnung. Emma, meine andere Halbschwester, kommt am Freitag direkt aus Bayern dazu. Dann wollen wir das Chaos mal sichten und entscheiden, wie es weitergeht. Sofern die Obduktion nichts Auffälliges ergibt, wird die Wohnung bis dahin freigegeben sein.

Auch wenn es mein Vater war und die Nachricht an sich sehr emotional ist, trage ich das alles gerade sehr mit Fassung. Ja, es berührt mich, und ja, ich denke darüber nach, wie ich es mir (anders) gewünscht hätte, aber ich habe ihn fast zehn Jahre nicht gesehen. Und das, was ich zuletzt gesehen habe, wie er mich behandelt hatte, wie er meinen Unfall verarbeitet hat, hatte einen tiefen negativen Eindruck bei mir hinterlassen. Es ist meine rechtliche Pflicht, mich zusammen mit meinen beiden Halbschwestern darum zu kümmern, dass er bestattet wird, ich sehe es als meine moralische Pflicht, mich um die Wohnung und den Nachlass zu kümmern, sofern die finanzielle Situation nicht so unmöglich ist, dass es klüger wäre, gar nichts erst anzufassen. Aber mehr wird da nicht laufen.

Donnerstag, 8. November 2018

Achtzig und mehr

Wenn mich am Morgen nach zwölf Stunden Stationsdienst und weiteren zwölf Stunden Bereitschaftsdienst, in denen ich keine halbe Stunde gelegen habe, jemand fragt, ob ich die nächste Zwölf-Stunden-Schicht auch noch übernehmen könnte, weil so viele Leute krank sind, und ich dann ablehne und dann mir noch blöde Kommentare anhören muss, dann ist ein Zeitpunkt gekommen, wo ich mich - vorbei an allen Strukturen und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten - beim obersten Chef melden muss. Er sei ja immer für mich da, hat er mir an meinem ersten Tag gesagt. "Dann werde ich ihn mal beim Wort nehmen", dachte ich mir und war gespannt, ob er sich noch an mich erinnern würde, denn wir hatten seitdem nichts mehr miteinander zu tun.

So überstand ich die ersten drei Stunden der dritten Zwölf-Stunden-Schicht in Folge noch irgendwie, um mir nicht sagen lassen zu müssen, mir wären die Gesundheit und das Leben von Kindern egal. "Ich müsste bitte unverzüglich mit dem Chef sprechen", sagte ich zu seiner Mitarbeiterin im Vorzimmer. Ob ich einen Termin hätte, wollte sie wissen, und als ich verneinte, holte sie bereits Luft, aber ich fuhr ihr in die Parade: "Er hat gesagt, er sei immer für mich da." - "Er telefoniert gerade. Warten Sie einen Moment, wenn ich sehe, dass er aufgelegt hat, versuche ich, dazwischen zu kommen. Sie arbeiten hier?"

Nee, ich hab die grünen Klamotten und das Stethoskop draußen im Müll gefunden. Ich hielt ihr meine Chipkarte, die an meiner Brusttasche hing, entgegen. Sie winkte ab, vielleicht hatte sie im selben Moment gemerkt, dass es schlauere Fragen gibt. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür und der Chef kam heraus. Legte seiner Sekretärin eine Mappe auf den Tisch, kam auf mich zu und fragte: "Guten Morgen, wollen Sie zu mir?" - Ich nickte, ohne ein Wort zu sagen und ohne ein Lächeln aufzusetzen. Das hat ihn offenbar irritiert: "Ist was passiert?", fragte er. Ich schüttelte den Kopf und antwortete: "Noch nicht. Ich müsste Sie mal dringend sprechen."

"Kommen Sie rein", sagte er, hielt mir erst umständlich die Tür auf, schloss sie dann hinter mir, setzte sich auf seinen Stuhl, klickte irgendwas auf seinem PC weg und fragte: "Was gibt es denn so Dringendes?" - "Ich werde jetzt gleich nach Hause fahren. Weil meine Stationsleitung damit nicht einverstanden ist und mir bereits gesagt wurde, dass ich damit die Gesundheit der Patienten gefährde, möchte ich Sie vorher informieren." - "Warum wollen Sie denn nach Hause fahren?" - "Ich kann nicht mehr. Ich bin physisch und psychisch erschöpft." - "Sie sehen auch nicht gut aus. Bedrückt Sie etwas? Sie haben so verweinte Augen." - "Ich habe nicht geweint, ich bin übermüdet." - "Wie kommt das?", fragte er und fing an, gelangweilt auf seinem PC zu tippen.

Ich sagte: "Ich konnte heute nacht nur etwa zwanzig Minuten ruhen, weil so viel los war. Ich war mit Kollege ... alleine für alle vier Stationen da und wir mussten zeitweise priorisieren, weil wir nicht alle dringlichen ..." - Er guckte mich an und unterbrach mich: "Verstehe ich das gerade richtig, Sie haben schon einen Nachtdienst hinter sich?" - "Nein, einen Bereitschaftsdienst und einen Tagdienst. Ich bin jetzt seit über 27 Stunden durchgehend im Dienst und habe zusammengerechnet vielleicht 45 Minuten Pause machen können." - "Was?!" - "Ja, es ging nicht anders. Immer, wenn ich ..." - "Das meine ich nicht. Habe ich das richtig verstanden, Sie haben bereits 24 Stunden Dienst gehabt und sollen jetzt noch eine Schicht dranhängen?" - "Ja." - "Nein. Das kommt nicht in Frage. Sie machen sofort Feierabend. Sie können gehen. Entschuldigung, rollen. Ich regel das auf Ihrer Station. Die Kollegin ruft Ihnen ein Taxi. Sie fahren bitte nicht mehr mit dem Auto."

"Das geht ja schon seit Wochen so. Ich habe aus den letzten sieben Tagen schon über 80 Stunden auf der Uhr. Warum wird das toleriert?" - "Frau Socke, diesen Tonfall schätze ich überhaupt nicht. Ich sehe Ihnen aber nach, dass Sie völlig übermüdet sind. Ich kontrolliere Ihre Stunden nicht, dafür habe ich gar keine Zeit. Und es stünde ja auch nie dabei, warum sich ein Arbeitszeitkonto schnell füllt oder schnell leert. Da haben Sie schon ganz richtig entschieden, zu mir zu kommen. Dann kann ich etwas unternehmen. Das werde ich auch gleich tun, denn sowas wollen wir hier nicht. Dass man mal eine zweite Schicht übernehmen muss, weil Not am Mann ist, kommt vor. Das musste ich früher auch. Aber nach 24 Stunden ist keiner mehr fit. Sie fahren jetzt nach Hause und schlafen sich aus. Können Sie am Montagmorgen wiederkommen?"

Kann ich. Auf der Rückfahrt im Taxi rief mich mein Kollege an, der mit mir zusammen ebenfalls schon die Nacht gearbeitet hatte. Ich dachte erst, er wollte sich bei mir beschweren, dass er nun noch mehr Arbeit aufgehalst bekommen hat, und überlegte einen Moment, ob ich das wegdrücke, aber er erzählte mir, dass der Klinikdirektor ihn auf Station im Gang abgefangen und gefragt hätte, wie lange er bereits im Dienst sei. "Ich hab gesagt: Das ist die dritte Schicht in Folge. Da hat er gesagt: Sie fassen nichts mehr an und fahren sofort nach Hause. Nehmen Sie sich ein Taxi, damit Sie keinen Unfall bauen. Er hat mich gefragt, was ich gerade mache und sich bei mir entschuldigt." - "Das hat er bei mir nicht gemacht." - "Der war richtig in Fahrt. Ich möchte nur mal wissen, wen er jetzt alles von zu Hause geholt hat, denn außer uns beiden waren ja nur noch zwei weitere Leute da. Mit denen können sie unmöglich den Tagdienst machen." - "Ist das mein Problem?" - "Nö. Meins auch nicht. Ich habe bis Montag frei." - "Ich auch."

Freitag, 2. November 2018

Ein Stein in der Nacht

Und gleich wieder ein 24-Stunden-Dienst. Auch wenn die Hälfte davon Bereitschaft ist und ich zwischendurch versuche, zu schlafen, geht das so nicht weiter. Eigentlich möchte ich nicht mal 40 Stunden arbeiten, derzeit sind es aber eher 60 Stunden. Im Durchschnitt. Wenn sich hier von Seiten der Klinik keine Verbesserung in der Personalplanung ergibt, werde ich erneut den Arbeitsplatz wechseln. Das ist einfach too much.

Und es ist ja nicht so, dass man nachts durchschläft. Sondern in einer Tour ist irgendwas los. Kaum hat man die Augen zu, piept der Melder. Und meistens ist es irgendetwas Unnötiges. Hinzu kommt ja auch, dass ich danach nicht sofort wieder einschlafe. Ein Beispiel, eins von vielen, und ich warne schon vor, es wird eklig, möchte ich gerne mal notieren.

Es ist genau 3 Uhr und 24 Minuten, als es piept. Weil ich in dem Bereitschaftszimmer sowieso nicht gut und tief schlafen kann, bin ich sofort hellwach. Licht an, Wolldecke weg, rüber in der Rollstuhl, nichts vergessen, Tür auf, Licht aus, los. Durch eine elektrisch öffnende Tür ins Nachbargebäude, selbes Stockwerk, Stationszimmer. Die Schwester: "Man schickt uns ein 12 Jahre altes Mädchen mit Atemproblemen aus der Notaufnahme rüber." - "Aus der Notaufnahme?" - "Ja. Die haben dort keine Kapazitäten und es ist ein Kindernotfall." - "Was?!"

Mein Puls steigt sofort auf gefühlte 200 Schläge pro Minute. Die schicken jemanden mit Atemnot aus dem Schockraum weg? Aus Kapazitätsgründen? Entweder sind die Kollegen nicht ganz dicht oder das ist irgendwas, was nachts nichts in der Notaufnahme zu suchen hat. Okay, erstmal cool bleiben. Im Behandlungsraum schonmal Licht einschalten, Überwachungsgeräte sind alle bereit, eine Fachkraft aus der Pflege ist auch bereit. Nur die Patientin kommt nicht. Fünf Minuten vergehen, zehn Minuten vergehen. Dann, endlich, geht die Aufzugstür auf. Ein weinendes Mädchen, vermutlich 12, kommt zu Fuß. Gesichtsfarbe normal, von Atemnot keine Spur. Zwei überforderte Eltern, sehr ungepflegt, und eins, zwei, drei, vier weitere Kinder. Mitten in der Nacht. Zwei quengeln, einer hat einen Ball in der Hand und das vierte spielt mit der Aufzugstür und wird ein paar Sekunden später vom Vater an der Jacke weitergezogen.

Okay. Also tatsächlich irgendein banales Problem. Dafür unterbricht man mal wieder meinen Schönheitsschlaf. "Wer ist die Patientin? Bitte mitkommen, Mama oder Papa bitte mitkommen, alle anderen setzen sich bitte da drüben in den Warteraum und sind leise, hier schlafen Patienten." - Der kleine Junge beginnt, auf dem Flur mit dem Ball zu spielen. Die Klamotten der Mutter riechen, als kämen sie aus einer drei Jahre nicht gelüfteten Wohnung. Das Kind setzt sich auf die Behandlungsbank. Ich stelle mich vor. "Was führt dich denn mitten in der Nacht zu mir?"

Die Mutter antwortet, das Kind habe eine fette eitrige Mandelentzündung und das sei sehr schmerzhaft und unangenehm und deshalb bekomme die Tochter kaum noch Luft. Ich spreche das Kind an, das Kind hatte gerade aufgehört zu heulen, fängt aber jetzt wieder an. Beim Atmen weht mir ein übler Mundgeruch entgegen. Eitrige Mandelentzündung? Mitten in der Nacht? Alleine schon von dem Gestank weiß ich, dass da was nicht stimmt. "Wer hat die Mandelentzündung festgestellt?", frage ich.

Das Kind weint: "Meine Mutter. Das tut richtig weh im Hals und ich kann kaum richtig schlucken und kriege keine Luft." - "Und seit wann ist das so?" - "Ich bin aufgewacht und dann bin ich zu meiner Mutter und habe sie geweckt." - "Wir sind sofort mit ihr in die Notaufnahme."

"Dann lass mich mal bitte einmal in deinen Mund gucken", sage ich, organisiere mir eine Lampe und einen Spatel. Handschuhe habe ich sowieso schon an, vorsichtshalber binde ich mir noch einen Papier-Mundschutz um. Nicht nur wegen möglicher Bakterien, sondern vor allem wegen des Gestanks, der mich erwartet. Meine Kollegin aus der Pflege stellt unterdessen erstmal das Fußballspiel auf dem Flur ein. Meine Patientin will den Mund nicht aufmachen. "Es tut so weh."

Irgendwann macht sie den Mund dann doch auf. Keine eitrige Mandelentzündung. Überhaupt keine Entzündung. Übler, penetranter Mundgeruch und, vermutlich dafür verantwortlich, rechts ein fetter Tonsillenstein, der rund einen halben Zentimeter weit herausschaut. Das würde ein Fremdkörpergefühl erklären, aber Schmerzen? Und von Luftnot kann bei einer Sauerstoffsättigung von 100% und rosigen Schleimhäuten keine Rede sein. "Du hast einen Mandelstein, der vermutlich der Grund für deine Beschwerden ist." - "Kann man daran sterben?" - "Nein. Das ist völlig harmlos, kann aber im Hals etwas pieksen. Ich würde, damit die Beschwerden aufhören, ihn entfernen." - "Ich will keine Spritze." - "Da brauchen wir keine Spritze." - "Ohne Betäubung will ich auch nicht!" - "Da kann man nichts betäuben. Der Stein sitzt in einer Falte deiner rechten Gaumenmandel." - "Mama, ich will nach Hause."

"Meistens löst er sich von alleine. Falls er sich löst, spuckst du ihn bitte sofort aus, hier in die Schale. Okay? Nimm mal bitte deinen Kopf ganz weit nach hinten. Und jetzt mal bitte den Mund weit auf- und wieder zumachen." - Er löste sich nicht. Ich besorgte mir einen langen Wattestab, den ich etwas befeuchtete. "Schau mal bitte: Damit drücke ich jetzt einmal gegen dein Zahnfleisch, oben hinter dem letzten Zahn. Ist das okay? Das ist nur ein etwas längeres Wattestäbchen." - Sie nickte und machte den Mund auf. Und hielt still. Das Problem wird der Würgereiz sein. Wenn ich da drücke, wo ich drücken müsste, wird sie sofort ganz extrem würgen. Also ganz langsam herantasten. Eine riesengroße kalkige, stinkende Masse blitzt mir entgegen. Der Stein sitzt locker. Lange Pinzette an den Augen des Kindes vorbei, ganz vorsichtig ziehen, sie würgt nicht.

Zack, da ist er. Sie fängt kurz an zu würgen, aber da ist schon alles draußen. Sie weint schon wieder. "Ist alles erledigt. Hier ist der Stein. Hast du ganz tapfer gemacht." - Schlagartig hört sie auf zu weinen. "Die Schmerzen sind weg. Igitt, warum stinkt der so?" - "Das sind Speisereste, tote Zellen und das alles in anaerober Atmosphäre. Also ohne Sauerstoff. Das stinkt dann so. Und deswegen entsorgen wir den gleich. Möchtest du am Waschbecken deinen Mund mal kräftig ausspülen? Und dann zu Hause vielleicht mal mit etwas Mundwasser gurgeln. Und nochmal schön Zähne putzen. Okay?"


Das ganze Behandlungszimmer stinkt von diesem kleinen Stein. Und so ein Stein bildet sich nicht innerhalb von Stunden oder Tagen. Und eigentlich muss man damit auch nicht in die Notaufnahme. Aber wenn ich schonmal wach bin...

Donnerstag, 1. November 2018

101 mal gesucht

Ich habe mir mal wieder 101 Suchbegriffe, die Leserinnen und Leser hierher gespült haben, auswerfen lassen und mir so meine Gedanken dazu gemacht.

1. ab wann ist man erwachsen
Auf dem Papier ab 18 Jahren, in der Realität manchmal erheblich später.
2. abführzäpfchen vor schwimmbad
Keine gute Idee.
3. als mann nackt in der jeans sexy
Kommt drauf an, aber allemal besser als in einer Unterhose mit Sägefisch-Motiv.
4. am strand zelten
... ist meistens nicht erlaubt. Aus Gründen.
5. anderes wort für einst
Früher.
6. apfelmus einfrieren
Im Gefrierbeutel kein Problem.
7. aus versehen laut gepupst
Soll vorkommen, hab ich gehört.
8. aus versehen leise gepupst
Soll auch vorkommen.
9. badesee pinkeln alle rein
Alle wohl nicht, aber einige wohl schon.
10. bea hat das handy aus
Dann möchte Bea wohl nicht gestört werden.
11. behinderte ausleihen party
Alles klar bei dir?
12. behindertenfick strafbar
Nur, wenn jemand nicht zugestimmt hat.
13. beide eltern braune augen kind blaue fremdgegangen
Nein, ein Kind braunäugiger Eltern kann blaue Augen haben.
14. beim fernsehen einfach pupsen
Von mir aus kannst du beim Fernsehen machen was du willst.
15. beim orgasmus unangenehm pipi
Kann es sein, dass du gesquirtet hast?
16. birkenstock quietschen beim laufen
Ölen?
17. bist du nackt in der badewanne
Ja.
18. bist du sexy
Ich finde schon.
19. damenbinden besser als tampons
Das muss jede Frau selbst wissen. Ich finde Tampons besser als Binden.
20. darf ich dich was fragen
Nur zu.
21. darf ich mit unterhose duschen
Wer sollte es dir verbieten?
22. darf man in deutschland seine cousine heiraten
Soweit ich weiß, ja.
23. du bist nicht du wenn du untervögelt bist
Das stimmt.
24. du hältst jetzt deine schnauze
Ich sage ja gar nichts.
25. du hast eine meise
Derzeit ist keine im Garten. Es ist einfach schon zu kalt.
26. du kannst ja nichts dafür
Ich sowieso nicht.
27. du parkst wie eine wurst
Wie parkt denn eine Wurst?
28. endoskop baumarkt darmspiegelung
Lass es.
29. fachwort für zwanghaftes nasebohren
Rhinotillexomanie.
30. falsche freunde aussortieren
Das ist immer ratsam.
31. freundin trägt gerne pampers
Soll vorkommen. Stört es dich?
32. furzen beim essen
Finde ich jetzt nicht so lecker.
33. furzt du nachts im bett
Ja.
34. gäbe es eine möglichkeit
Immer.
35. gut küssen wichtig
Für mich ja.
36. hallo jule ich lebe noch
Ja, moin, das ist fein!
37. hast du ein pinkes stethoskop
Nein, aber ich weiß, dass das bei einigen Mädchen gerade der Renner ist.
38. hast du einen vorhang vor der badewanne
Nein.
39. heizung nicht angestellt ich friere
Tja, da weiß ich auch nicht, was man da machen könnte.
40. hört ihr es hat gegongt
Sowas nennt man akustische Halluzination.
41. ich drücke dir die daumen
Danke!
42. ich leihe dir geld
Nochmal danke, ist aber gerade nicht nötig.
43. ich muss ganz dringend pipi
Im Bad gibt es so eine weiße Keramikschüssel, da kann das rein.
44. im neoprenanzug bekomme ich gefühle
Viel Spaß.
45. im notfall aa in die windel
Das ist eine ziemliche Schweinerei.
46. jule findet marie sexy
Marie ist sexy.
47. jule in wirklichkeit busfahrerin
Ich hatte tatsächlich mal einen Kleinbus.
48. jule kommt aus dem schwarzwald
Das ist jemand anderes.
49. jule stinkt
Nö.
50. kann ein pferd schwimmen
Ja.
51. kann ich frische champignons essen
Wenn du sie verträgst und keine Allergie hast, wüsste ich nicht, was dagegen sprechen sollte. Aber bitte nicht ungewaschen.
52. kann ich singen
Sing mal.
53. kann jemand mit einem iq von 45 sprechen
Ja, eine Bekannte von mir hat einen IQ von 45. Ist sehr nett, sehr hübsch, kann aber keine Uhr und scheitert an ihren Schnürsenkeln. Weiß aber schon vor der Begrüßung, wie es dir gerade geht.
54. kann man in der ostsee baden
Ein wenig zu kalt im Moment, würde ich denken.
55. kannst du mir einen witz erzählen
Okay, noch einen gemeinen Behindertenwitz: Was machen siamesische Zwillinge im Sportunterricht? Ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
56. können hummeln fliegen
Sagen wir mal so: Sie heben ab und sie landen wieder. Ob sie dorthin wollten, weiß man immer nicht so genau.
57. können kinder asthma kriegen
Ja, viele Kinder haben Asthma.
58. können querschnittgelähmte sex haben
Meine Lieblings-Dauerbrenner-Frage. Die Antwort lautet: Ja.
59. liliputaner korrektes wort
Kleinwüchsiger Mensch.
60. machen viele mädchen in ihre badesachen
Im Freibad hoffentlich weniger als im Meer.
61. mädchen können rülpsen
Das stimmt.
62. magst du polenböller
Nein.
63. masturbieren bei erkältung
Wenn dir danach ist ...
64. mein freund fährt gerne im rollstuhl
Meine beste Freundin macht das auch. Jeden Tag.
65. mein tampon geht nicht rein
Schön vorsichtig sein. Tu dir nicht weh.
66. mein trainer möchte sex und ich bin 17
Und was möchtest du?
67. meine eltern sind endlich volljährig
Glückwunsch!
68. meine freundin und ich machen gerade petting
Nee. Du tippst am Computer.
69. mit 18 schon volljährig
Auf dem Papier schon, in der Realität oft nicht.
70. mitschülerin und ich schmusen in der umkleide gibt es ärger
Wenn ihr den Unterricht verpasst, ja. Sonst eher nicht.
71. nackt im eigenen pool verboten
Wer verbietet das?
72. onanieren masturbieren unterschied
Streng genommen beschreibt 'masturbieren' die geschlechtliche Selbstbefriedigung und 'onanieren' den unterbrochenen Geschlechtsverkehr. Die Bibel erzählt, wie Onan mit einer Frau schläft, jedoch außerhalb auf den Fußboden ejakuliert und deshalb von Gott getötet wird (Genesis 38.9).
73. penis eingipsen
Nee, das geht nicht.
74. pferd furzt beim reiten
Das machen die doch oft.
75. pipi gemeinsame badewanne
Euer ganz spezieller Badezusatz?
76. querschnittgelähmt grad 3
Das kenne ich nicht.
77. raclette im puff
Feierst du Silvester im Puff?
78. radhose mit oder ohne unterhose
Ohne!
79. rollstuhl mieten
Es gibt bestimmt Sanitätshäuser, die einen verleihen. Dürfte vermutlich der letzte Heuler sein.
80. sally oben ohne gesehen
Ich noch nicht.
81. sauberstoffsättigung nachts 85
Das ist viel zu niedrig. Ab zum Arzt!
82. schienbein blut abnehmen unsinn
Nein, kein Unsinn.
83. schulpraktikum im puff machen
Den Vorschlag kannst du deinem Lehrer ja mal machen.
84. vor magenspiegelung zähne putzen
Ja.
85. wann darf man hupen drücken
Meine Hupen darf niemand drücken.
86. wann kommt dhl
Bei mir meistens so um die Mittagszeit.
87. wann macht penny auf
Keine Ahnung, dort kaufe ich selten ein.
88. warum ist sprit so teuer
Spekulatius, nä?
89. was bedeutet käsiger verfall
Das gibt es zum Beispiel bei Tuberkulose.
90. was ist eine otholite
Otolithen sind kleine Steine, die sich bei Wirbeltieren im Innenohr befinden und dort für die Wahrnehmung von Beschleunigung und Verzögerung des Körpers zuständig sind.
91. was ist supra reanimation fernsehen
Suprarenin ist synthetisch hergestelltes Adrenalin.
92. wenn die party eskaliert
... schickst du deine Gäste nach Hause.
93. wer bin ich
Sag du es mir.
94. wer hat meine telefonnummer
Ich nicht.
95. wespe im glas notarzt
Wenn sie bereits in den Mund oder Rachen gestochen hat, ist das nicht verkehrt. Solange sie aber noch im Glas ist, gibt es eine einfachere Lösung des Problems: Nicht trinken!
96. wie findest du knackige männer
Knackig.
97. wie fühlt sich eine leiche an
Kalt. Und durch die ungewohnt kalte Haut fühlt sich diese häufig sehr samtig an.
98. windeln im neoprenanzug sinnvoll
Im Trockenanzug macht das Sinn. Im Nassanzug nicht.
99. wird jemand mit schneewittchen syndrom gerne als baby behandelt
Vom Schneewittchen-Syndrom spricht man, wenn eine Mutter neidisch auf ihre Tochter ist und die Tochter dann, um die Mutter nicht unglücklich zu machen und weiter von ihr geliebt zu werden, ihren (externen) Erfolg abwendet, nicht mehr auf ihr Aussehen achtet etc. Gemeint ist hier vermutlich das Aschenputtel-Syndrom (oder Cinderella-Syndrom), bei dem vorwiegend junge Frauen mit ihrer Unabhängigkeit überfordert sind und sich in eine behütete Atmosphäre (zurück) sehnen.
100. wo ist jule
Hier!
101. wohin kommt der pokal?
Du könntest ihn ins Regal stellen. Oder ins Gästeklo. Je nachdem.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Arbeiten, saunieren, reiten

Oh, ich darf mal atmen. Zwischendurch. Nur ein wenig. Nur ganz flach. Durchatmen würde ich ja gar nicht verlangen. Das wird sowieso überbewertet.

Zum ersten Mal seit vier Wochen habe ich mal zwei Tage am Stück frei. In meiner Klinik steppt der Bär, die ohnehin schon dünne Personaldecke ist, als die erste Atemwegs-Infekt-Herbstwelle sie aufschüttelte, zerbröselt. Wie ein alter, staubiger Lumpen, der fünfzig Jahre auf dem Dachboden in der Sonne lag. Eigentlich mache ich eine Facharzt-Ausbildung, eigentlich habe ich keine Erfahrung, aber wenn ein ebenso frischer Kollege und ich nicht mehrere 24-Stunden-Schichten hingelegt hätten, hätten sie den Laden wohl schließen müssen.

Nein, es ist wirklich unschön. Um nicht zu sagen: Eine Zumutung. An einem Morgen, keine halbe Stunde nach Dienstbeginn, kümmerte sich mein Kollege um eine 14jährige, die so lange hyperventiliert hatte, bis sie Sterne sah und umgekippt ist (durch das verstärkte Ausatmen von Kohlendioxid gerät der Säure-Basen-Haushalt durcheinander und das Blut wird basischer). Mich rief man unterdessen zu einer 14jährigen mit Atemnot, die am Vorabend mit einem entgleisten Diabetes stationär aufgenommen worden war. Mein spontaner Verdacht auf eine frische Lungen-Embolie bestätigte sich später. Insofern bin ich einerseits einigermaßen stolz auf mich, sofort alles richtig gemacht zu haben (schließlich kann man, gerade wenn man bei einer 14-Jährigen, die ohne einschlägige Vorgeschichte aufgenommen worden war, jetzt nicht spontan eine Lungen-Embolie erwartet, sehr viel falsch machen), andererseits in großer Sorge, dass beim nächsten Mal meine fehlende Erfahrung einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Maries Mutter nannte die Zustände "unverantwortlich", sie habe andere Zeiten erlebt.

Im Moment, so habe ich das Gefühl, ist es auf allen Ebenen anstrengend. Ich habe beispielsweise in den letzten vier Wochen insgesamt sieben Autos abschleppen lassen. Ich weiß nicht, was im Moment los ist. Hat der lange Sommer dazu geführt, dass bei dem einen oder anderen Teile des Hirns eingetrocknet sind? Nein, es ging nicht darum, dass ich mir einen Parkplatz freigeschaufelt hätte. Sondern dass ich Autos entfernen lassen musste, um in mein Fahrzeug einsteigen zu können. Weil sich andere Menschen zu mir auf den von mir belegten Behindertenparkplatz hinzu gestellt haben. Nach dem Motto: "Wieso Raum verschenken? Da passe ich doch noch mit drauf. Klar, es wird dann zwar so eng, dass man neben mir nur noch durch den Kofferraum einsteigen kann, aber das ist ja nicht mein Problem, meine Tür geht ja auf." - So ungefähr. Weiße Markierungen auf dem Boden sind doch nur aufgemalt, weil die Stadt zuviel wasserfeste Farbe bestellt hatte. Und das Schild mit dem Rollstuhlsymbol ist eigentlich auch nur ein Landeplatz für Vögel. Immerhin kam die Polizei jedes Mal sehr schnell und der Abschlepper auch. Eine Krone hab ich aber noch draufzusetzen: Einen besonders dreisten (ich würde gerne "Spinner" sagen, aber das darf ich ja nicht) Menschen hat es gleich zwei Mal erwischt. An einem Tag musste er fragen, wohin sein Auto umgesetzt worden ist, am nächsten Tag parkte er wieder im Abstand von nicht einmal zehn Zentimetern neben mir. Vielleicht hat am zweiten Tag auch der Bruder das Auto gefahren. Dafür spräche, dass einer alleine wohl kaum so doof sein kann.

Vermutlich übernimmt in allen Fällen inzwischen das Handy das Denken. Früher habe ich diejenigen belächelt, die ihr Auto im Fluss versenkt haben, weil das Navi ihnen auf der Kaimauer das Abbiegen empfohlen hat, heute habe ich zunehmend das Gefühl, kaum einer denkt noch mit und ist gleichzeitig vom Blick auf den Bildschirm abgelenkt. Oder davon, sein Gerät wie ein Knäckebrot vor den Mund zu halten und irgendwas ins Mikrofon zu labern. Alleine zwei junge Frauen konnte ich beim Warten auf den Abschlepper dabei beobachten, wie sie nacheinander gegen dieselbe gläserne Bushaltestellen-Box gerannt sind, weil sie mir ihrem Handy beschäftigt waren. Eine hat den Anprall noch mit dem Arm abgefangen, die andere hielt sich hinterher den Kopf und hat morgen vermutlich eine fette Beule an der Stirn.

Andere träumen, während sie sich darauf verlassen, dass ich für sie mitdenke. Noch anstrengender. Die erste Vollbremsung der letzten Woche musste ich an der Ausfahrt eines Baumarktes hinlegen. Jemand kam mit einem alten Ford Fiesta vom Parkplatz, ohne auch nur eine Sekunde auf die vierspurige Straße geschaut zu haben. Als ich hupend und quietschend einen halben Meter vor dem Kollisionspunkt zum Stehen kam, niemand hinten reinkrachte, Helena noch in den Seilen hing, winkte dieser falsch abbiegende Fahrer mir zu und zeigte mir "Daumen hoch". Die zweite Vollbremsung war nötig, weil eine Radfahrerin ein Stopp-Schild missachtete. Ich fuhr auf einer abknickenden Vorfahrtstraße, bog links ab, sie kam aus der von vorne einmündenden Straße mit Stopp-Schild, allerdings ohne anzuhalten. Marie saß neben mir auf dem Beifahrersitz und schrie nur: "Die fährt!" - Da bremste ich aber schon lange. Statt sich zu entschuldigen, brüllte die Radfahrerin draußen herum, zeigte mir eine Scheibenwischer-Geste und versuchte im Vorbeifahren, meinen Spiegel abzutreten. Packte sich dabei fast noch auf die Nase. Vollbremsung Nummer drei war vor einer Engstelle. Ich hatte das blaue Schild, die Dame, die mir entgegen kam meinte offenbar, sie könne einfach auf meiner Spur weiterfahren, musste dann aber auch scharf abbremsen, um nicht mit mir zusammenzukrachen, schüttelte den Kopf und lenkte, statt die zehn Meter zurückzufahren, über den Rad- und Gehweg rechts an mir vorbei. Hatte dabei ein Handy am Ohr und diskutierte aufgeregt. Vermutlich nicht über die brenzlige Situation im Straßenverkehr.

An den letzten beiden Sonntagen waren wir bei Maries Eltern. Zu dritt, mit Helena. Ja, sie wohnt noch immer bei uns und ja, wir sind zuversichtlich, dass sie auch weiterhin bei uns wohnen darf. Allerdings ist noch immer keine endgültige Entscheidung gefallen. Den Tag bei Maries Eltern haben wir zur gemeinsamen Entspannung genutzt. Sind morgens hingefahren, haben gemeinsam gebruncht, sind anschließend zu dritt (Marie, Helena und ich) in der Sauna im Garten gewesen und im Pool geschwommen. Maries Eltern waren nachmittags bei Freunden eingeladen. Eigentlich wollten wir mit Helena nur ein wenig schwimmen. "Dürfen wir nicht in die Sauna?", fragte sie. Marie antwortete: "Doch, aber das mag ja nicht jeder." - "Ich liebe Sauna. Darf man, wenn man in der Sauna war, anschließend eigentlich auch nackt in den Pool?" - Alles klar, alle Sorgen mal wieder unbegründet.

Aber es gab auch begründete Sorgen zwischenzeitlich. Grenzen austesten gehört ja dazu und manchmal würde ich mir wünschen, Helena testet gemächlicher. Ich bekam eine Nachricht von ihrer Lehrerin, dass sie ohne Entschuldigung zwei Stunden zu spät gekommen war. Dabei war sie pünktlich los. Am Nachmittag saß Helena mit ihrer besten Freundin, der Tochter der Kollegin von Maries Mama, in ihrem Zimmer, als ich nach Hause kam. Immerhin waren die beiden mit irgendwelchen Schuldingen beschäftigt. Ich fragte Helena direkt: "Warst du heute in der Schule?" - Immerhin log sie mich nicht an, sondern sagte gar nichts. Ich fragte ihre Freundin: "War Helena heute in der Schule?" - Sie zögerte einen Moment, antwortete dann: "Na klar war sie heute in der Schule." - Ich fragte: "Und wann?" - Sie seufzte. Dann sagte Helena: "Nach der großen Pause. Na und?"

Ich sprach die Freundin an: "Geh bitte nach Hause." - Helena fielen fast die Augen aus dem Kopf. Sie tat mir so leid, aber das musste sein. Helena sagte: "Englisch kotzt mich an. Wir machen die ganzen zwei Stunden nichts weiter als Vokabeln wiederholen, weil die anderen sie zu Hause nicht richtig lernen. Da sind wir halt reiten gewesen." - "Helena, erstens möchte ich wissen, wann du reitest, zweitens bin ich nicht damit einverstanden, dass du die Schule schwänzt." - "Ich weiß. Deswegen haben wir vorher ja auch niemanden von unserem Plan erzählt." - "Helena, das geht nicht. Schule ist keine Party, bei der man kommt und geht, wann man will." - "Du hast nie geschwänzt früher, oder?" - "In deinem Alter nicht, nein." - "Später?" - "Später ja." - "Heute fängt man mit vielen Dingen früher an." - "Nee, Helena, vergiss es. Das ist einfach nicht okay. Wo wart ihr überhaupt mit den Pferden?" - "Wir waren am Strand und sind mit Fullspeed durch das flache Wasser galoppiert."

Wie toll. Ich sagte: "Helena, ich kann dich wirklich gut verstehen. Aber ich kann das nicht dulden. Und wenn es nicht reicht, dass wir darüber reden, muss ich mir Konsequenzen überlegen. Und das möchte ich eigentlich nicht. Und du, glaube ich, auch nicht." - "Jule, ich hab zwei Stunden geschwänzt, okay? Zwei Stunden. Ich habe das jetzt nicht jeden Tag oder jede Woche vor. Aber ich will eigentlich auch nicht versprechen, dass das nie wieder vorkommt." - Ich holte schon Luft, da fuhr sie fort: "Ich verspreche aber, dass es erstmal nicht wieder vorkommt und dass ich dir das erzähle, wenn es nochmal vorgekommen sein sollte. Ich wollte dir das von heute auch erzählen, aber du hast mich ja gar nicht zu Wort kommen lassen."

Kann ich damit leben? Erstmal ja. Ansonsten wird es wohl darauf ankommen, wann sie das wieder macht. Die Mutter der Freundin rief mich kurz darauf an und wollte mir verkünden, dass die beiden Scheiße gebaut haben. "Ich weiß es schon. Helena hat es mir erzählt und ich gehe davon aus, dass das nicht wieder vorkommt." - "Diese kleinen Kröten. Sie sind so süß mit ihrem eigenen Kopf. Einerseits sind sie so selbständig, dass sie das alles aushecken und mit den Viechern loskommen und da auch hinterher alles richtig gemacht haben, andererseits haben sie keinen Plan, warum das nicht geht und was alles passieren kann. Und damit meine ich nicht, dass sie jemand sieht. Meine war wohl die Anstifterin und hat von mir erstmal eine Woche Stubenarrest aufgebrummt bekommen. Damit fällt das Reiten bei ihr für die nächste Woche flach. Jetzt sitzt sie in ihrem Zimmer und heult."

Ich überlegte, was das früher wohl bei meinen Eltern ausgelöst hätte. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Montag, 1. Oktober 2018

Gewissen

Helena ist wieder da. Angeblich gab es nicht genügend Personal, um ihre Rückfahrt zu organisieren oder durchzuführen. Und das Handy hat man ihr am ersten Tag abgenommen, weil beim Probewohnen und in den ersten vier Wochen generell kein Handy erlaubt sei. Helena ist Marie und mir um den Hals gefallen, als sie wieder da war, konnte es nicht abwarten, endlich (verspätet) in die Schule zu kommen, und fand das Wochenende schrecklich. Die anderen Jugendlichen seien einzeln ganz okay gewesen, aber ein völlig kaltes, rechthaberisches Klima, in dem es nur darum geht, der Coolste zu sein, herrschte in der Gruppe vor. Die Mitarbeiterinnen seien alle sehr arrogant gewesen. Und niemand habe mit ihr geschmust. Dabei ist sie eine absolute Schmusebacke.

Nee, ich weiß schon, wofür Marie und ich uns erneut "fortbilden" lassen haben: Wie erziehe ich mein Kind nicht? 95% der dort vermittelten Inhalte erschließen sich einem intellektuell durchschnittlich begabten Erwachsenen innerhalb von 30 Sekunden. Ich kam mir ein wenig so vor wie beim Lesen jener Gebrauchsanweisungen, in denen fett aufgeführt wird, dass man seinen Hamster nicht in den Föhn stecken oder seine Gummistiefel nicht im Backofen trocknen soll. Aber egal, wir haben darüber geredet und jetzt weiß ich es.

Das Kinder-Intensivbett, das ich gestern stillgelegt hatte, weil ein Gerät ständig falschen Alarm gibt, war zwischenzeitlich von einem Techniker angesehen und für in Ordnung befunden worden. Meine Oberärztin hat es heute wieder belegt, und als nach zwanzig Minuten wieder falscher Alarm ausgelöst wurde (wieder mit höllenlautem Dauer-Dingeldingeldongdong über die ganze Station), hat die Oberärztin entschieden, dass das Gerät komplett ohne akustische Alarme weiterbetrieben wird. Bedeutet: Geht es der dort angeschlossenen Patientin wirklich schlecht, bekommt man das mitunter erst ganz verzögert mit. Auch im Stationszimmer, wo die Vitalparameter aller Betten auf einem vernetzten Monitor ebenfalls angezeigt werden, ließen sich keinerlei sinnvolle EKG-Werte für dieses eine Bett erheben. Zudem blinkte das Ding permanent aufgeregt, so dass man ständig dorthin blickt. Dieses Mal habe ich nun den Chefarzt angesprochen, weil ich es unverantwortlich finde, jemanden, der intensiv überwacht werden soll, in ein Bett zu legen, das nicht intensiv überwachbar ist.

"Das ist aber geprüft worden, das Gerät ist in Ordnung. Habe ich hier schwarz auf weiß." - "Tun Sie mir bitte einen Gefallen und schauen Sie einmal auf den Flur, da blinkt es Ihnen schon entgegen." - "Gleich. In fünf Minuten." - Vermutlich wollte er mir einen Vorsprung lassen, denn als er kam, wurde das eine Bett erneut gesperrt. Was zur Folge hatte, dass ein Kind in ein anderes Krankenhaus verlegt werden musste. Und nun verleg mal ein Intensivkind ... Meine Oberärztin guckte mich mit schmalen Augen an. Tja, ist so. Es ist verdammt schwer, sich gegen sie durchzusetzen, aber alles andere hätte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können.

Sonntag, 30. September 2018

Nicht so gut

Manchmal gibt es auch bei mir Wochen, in denen gar nichts Besonderes passiert. Oder passieren besondere Dinge, die ich inzwischen gar nicht mehr als ungewöhnlich wahrnehme? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich gerade irgendwie insgesamt überfordert, ich möchte sogar behaupten: Es läuft gerade nicht so gut. Die letzte Woche war so beschissen, dass ich froh bin, dass sie endlich vorbei ist. Voller Hoffnung, dass die nächste Woche besser wird. Etwas zumindest.

Das Jugendamt hat sich kurzfristig überlegt, dass es doch schön wäre, wenn Helena sich an diesem Wochenende eine Jugend-Wohneinrichtung anschaut und dort im Rahmen eines Probe-Wohnens eine Nacht schläft. Dort sei ein Platz frei geworden, der gut zu Helena passen würde. 300 Kilometer weit weg, in einem ganz anderen Bundesland. Marie und ich haben morgen abend unseren nächsten Erziehungs-Pflichtkurs, von dem ich im Moment gar nicht weiß, ob er noch nötig ist. Eigentlich sollte Helena heute wieder zurück zu uns kommen, heute bekamen wir von der Einrichtung einen Anruf, dass sie erst morgen kommt. Angeblich gab es technische Schwierigkeiten bei der Beförderung, mit ihr sei alles okay. Mehr sagt man uns aber nicht. Und Helena hat sich seit gestern nicht mehr bei uns gemeldet. Ich hoffe, dass nur etwas mit dem Handy nicht stimmt. Ladekabel vergessen, Karte leer, Handy kaputt, ... ich habe ein komisches Gefühl.

Am Montag hat mir jemand den Rückspiegel abgefahren. Und ist natürlich abgehauen. Zum Glück ist es nur der Rückspiegel und nicht noch die Tür oder die Scheibe, aber mal eben 250 € und einen Tag ohne Auto, da es ja keinen umgebauten Leihwagen gibt. Und das Auto ist ja auch gerade erst neu. Macht ja nix. Am Mittwoch hat mich einer eingeparkt, hat sich mit seinem Kleinstwagen mittig auf die Linie zwischen zwei Behindertenparkplätzen gestellt, so eng, dass er von meinem linken Nachbarn und von mir die Außenspiegel berührt hätte, wäre er noch einen halben Meter weiter vorgefahren. Es war nass, kalt, dunkel, ich fror, musste aufs Klo und habe zwei Stunden auf die Polizei und eine weitere halbe Stunde auf einen Abschlepper gewartet.

Am Donnerstag hab ich mich schon wieder mit meiner Oberärztin angelegt. Ja, die, die nicht lobt, sondern nur tadelt. Auf der Kinder-Intensivstation drehte ein Überwachungsgerät durch und gab ständig Alarme, obwohl nichts los war. Ich habe dann, als klar war, dass das Ding herumspackt, angeordnet, dass die Patientin mit ihrem Bett an einen anderen Platz kommt. Ständige Fehlalarme führen ja über kurz oder lang dazu, dass echte Alarme nicht mehr ernst genommen werden. Zusammen mit der zuständigen Schwester hat alles problemlos geklappt, anschließend keift mich meine Oberärztin an, dass das völlig unverhältnismäßig sei und ob ich überhaupt wüsste, was ein leeres Intensivbett koste. Ich habe mich dann hinreißen lassen zu dem Kommentar: "Auf jeden Fall weniger als wenn einer wegen eines defekten Geräts geschädigt wird oder sogar ganz den Löffel abgibt." - Ich weiß, ich hätte es mir sparen sollen.

Zwanzig Minuten später sollte ich zum Chefarzt, ich erwartete schon ein Donnerwetter, stattdessen kam sachliche Kritik: "Wenn Sie sich entscheiden, ein Intensivbett stillzulegen, weil da irgendwas mit der Technik nicht stimmt, dann überlassen Sie das doch bitte nicht den Kollegen, den Service anzurufen." - "Ich bin davon ausgegangen, dass das keine ärztliche Aufgabe ist und wollte nichts durcheinander bringen." - "Wenn Sie entscheiden, dass der Platz gesperrt wird, müssen Sie auch die Störung melden." - "Entschuldigung, das wusste ich nicht." - "Einfach mal die Dienstanweisungen lesen!"

Eine Stunde später kam ein junger Mann rein, war umgekippt, anschließend wieder aufgestanden und mit dem Fahrrad ins Krankenhaus gefahren. War gut drauf, lustig, locker, machte Späßchen und flirtete mit unserer Pflegeschülerin, die, wie er, noch nicht 18 ist. Sondern kurz davor. Ebenfalls wie er. Ich redete mit ihm, er versuchte, auch mit mir zu flirten und meinte albern, dass er hoffe, dass mein Stethoskop vorgewärmt sei, damit sich seine Nippel nicht aufstellten, wenn ich auf sein Herz horche. In dem Moment rauscht meine Oberärztin herein und keift herum, warum kein Erwachsener hier sei. Ich runzelte die Stirn. Daraufhin meinte sie: "Sie", und deutete dabei auf die Schülerin, "zählt nicht. Sie ist unter 18. Das heißt, Sie sind derzeit alleine mit einem Minderjährigen in einem Raum. Sie wissen, das ist gegen die Vorschrift."

Ich habe ihr dann später im Dienstzimmer zum gefühlten zehnten Mal gesagt, dass ich es nicht leiden kann, wenn Sie mich vor Dritten zurechtweist. Wenn sie Kritik hat, kann sie mich irgendwo zur Seite nehmen. Sie meinte, diese Diskretion stünde mir vielleicht in fünf Jahren mal zu. Wow. Ich sag ja, mit der habe ich meinen Spaß. Allerdings muss ich erwähnen, dass sie die einzige ist, mit der ich derzeit solche Probleme habe. Bei allen anderen Kolleginnen und Kollegen läuft es gut, wenn nicht sogar sehr angenehm.

Und sonst? Genau. Freitag. Seit Freitagabend ist bei uns zu Hause die Heizung defekt. Morgens ist die Hütte kühl, die Heizung zeigt "Störung" an. Zwei Mal haben sie schon das gleiche Bauteil ausgetauscht, ich habe das Gefühl, da ist eine ganze Charge im Eimer, weil nun zum dritten Mal das gleiche Teil defekt ist. Allerdings wird es nun neu ab Werk bestellt. Was zur Folge hat, dass das Haus kalt bleibt. Seit Freitag. Morgen mittag soll alles beisammen sein. Per Express. Zum Glück gibt es warme Bettdecken. Gute Nacht!

Samstag, 22. September 2018

Räuber-Essen

"Ich kann nicht schwimmen lernen, ich bin behindert", sagte Helena vor etwas mehr als einem Jahr. Man hatte ihr ernsthaft eingeredet, dass ihre Cerebralparese, die verhältnismäßig leicht ausgeprägt ist, der Grund dafür sein sollte. Vor einem Monat hat sie ihr Seepferdchen-Abzeichen gemacht, also einen Sprung ins Wasser und anschließend 25 Meter schwimmen sowie einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser heraufholen. In der letzten Woche hat sie ihren Jugendschwimmschein in Bronze gemacht, also das, was früher der "Freischwimmer" war. Ich gebe zu, wir haben fleißig geübt. Vermutlich wesentlich mehr als man mit anderen Kindern übt. Aber sie hat es souverän geschafft, und für sie gilt, was für viele Menschen mit Einschränkungen gilt: Wasser ist ihr Element.

Es ist für mich ein Lehrstück. Das ewige Kapitel "Glaube versetzt Berge". Solange sie geglaubt hat, dass sie es wegen ihrer Einschränkung nicht kann, konnte sie es auch nicht. Als sie bei Marie und bei mir gesehen hat, dass man auch mit einer Querschnittlähmung gut schwimmen kann, gab es zuerst keine Argumente mehr. Und später gab es den Glauben daran, dass es machbar sei. Einmal mehr gilt, dass wir nicht die Steine setzen dürfen, aus denen eine Barriere wird. Es ist kein Hexenwerk, an jemanden zu glauben und ein Kind ernst zu nehmen.

Ein Bereich, den wir gerade sehr aufwändig be-ackern, ist ihre kindliche Unbefangenheit. Ich weiß, es gibt verschiedene Theorien, nach denen man eine einmal erlangte Befangenheit nicht mehr ablegen kann. Eingeschränkt durch Verbote, konfrontiert mit nicht altersgemäßen Aufgaben, eingeschüchtert durch die Angst vor Strafen, vielleicht aber auch motiviert von der Aussicht, bei uns bleiben zu dürfen, benahm sich Helena anfangs auffällig "artig", immer auf der Hut, nichts falsch zu machen. Als ihr mal ein Glas herunterfiel, erwartete sie Schläge.

Ich teile die Theorie, einmal erlangte Befangenheit nicht wieder ablegen zu können, nicht. Und umso mehr haben Marie und ich uns kürzlich darüber gefreut, als Helena mit ihrer derzeit besten Freundin, jene Tochter einer Kollegin von Maries Mutter, die mit Helena zusammen zur Schule geht, sich bei uns zu Hause verabredet hat und, als Krönung des Treffens, ein gemeinsames Abendessen angezettelt hat: Die beiden haben sich in den Garten gesetzt, mitten auf den Rasen, zwischen ihnen lag die Platte eines zusammengeklappten Campingtisches, reichlich gedeckt. Die Mission dabei: Räuber-Essen. Messer und Gabel gab es nicht, Tischmanieren auch nicht. Keine eigenen Teller, es wurde mit den Händen aus Schüsseln gegessen, schmatzend, rülpsend, kleckernd und vor allem: Ausgelassen und albern. Die beiden sahen aus wie die Ferkel und ich bin sehr froh, dass sie sich nach draußen verzogen und alte Sachen (von mir) angezogen haben. Als sie wieder rein wollten, habe ich beide mit T-Shirt und kurzer Hose gleich erstmal unter die Gartendusche gestellt, das gab die nächste Gaudi.

Inzwischen ist Helena so weit, dass sie ihre Grenzen austestet. Was zwar anstrengender ist, aber mir und auch Marie eintausend Mal lieber als ein ängstliches Kind. Beispielsweise im Anschluss an das Räuberessen meinte sie, auch beim gemeinsamen Fernsehen ständig betont laut rülpsen zu müssen. Zwei, drei Mal habe ich sie angeguckt, das reichte aber nicht. Marie fragte: "Brauchst du Aufmerksamkeit? Möchtest du gekrault werden?" - Sie rülpste ein "Nein" zurück. Ich sagte: "Och Helena, das ist eklig." - Ihre Antwort: "Ja, tschuldigung, das sollte eigentlich hinten raus."

Lachen wäre jetzt vermutlich kontraproduktiv. Marie übernahm das Wort: "Wir sind hier nicht in der Eckkneipe. Geh bitte in dein Zimmer und lass uns hier in Ruhe Fernsehen. Und mach die Tür hinter dir zu, wir wollen das nicht hören." - Helena guckte mich an, ich sagte: "Tschüss."

Es dauerte keine fünf Minuten, dann kam sie wieder. Mit feuchten Augen, bis zur Zimmertür: "Kann ich mich bitte entschuldigen?" - "Sicher." - "Das war doof von mir. Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe. Ich hatte irgendwie so einen Lauf und fühlte mich gut und ... eigentlich möchte ich keinen Streit." - Marie antwortete: "Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand verlangt von dir, dass du die Luft in deinem Magen behältst. Aber das kann man leise machen und die Hand vor den Mund halten. Und wenn das zwischendurch vielleicht einmal richtig laut sein muss, habe ich auch kein Problem damit. Aber in einer Tour und dann noch mit so einem ekligen Spruch dazu ..." - "Marie? Es sollte lustig sein und es ist einfach daneben gegangen. Okay?"

Abgehakt.

Montag, 17. September 2018

Kartensalat

Ich dachte, es verläuft mal eine Woche, in der keine schrägen Dinge passieren. Nee. Nicht möglich. Meine Bank hat mir mein Kreditkartendoppel gekündigt. Nicht, weil ich damit Unsinn angestellt hätte oder meine Liquidität dahin ist, sondern weil ein Doppel viel zu teuer sei und die Bank es künftig nicht mehr anbiete. Es gebe in Europa kaum noch Stellen, die nur eine der beiden im Doppel vorhandenen Karten akzeptieren. Die Visakarte, also jene, die ich bisher favorisiert habe, fällt für alle jene Kunden weg, die vorher ein Doppel hatten.

Die verbleibende Masterkarte wird, anders als versprochen, aber längst nicht überall akzeptiert. Ich bestelle zum Beispiel für meinen Rennrollstuhl bei einem amerikanischen Händler Handschuhe und Reifen. Der akzeptiert nur Visa. Und ein internationaler Sportbekleidungs-Vertrieb ebenfalls. Also muss ich neuerdings die Visakarte zusätzlich haben, zusätzlich bezahlen und vor allem: Neu bestellen. Und weil jetzt alle neu bestellen, dauert es schonmal acht Wochen, und was schicken sie mir zu? Eine zweite Masterkarte.

Und buchen die Gebühr gleich zwei Mal ab. Plus zwei Mal 5 Euro für eine PIN-Aktivierung. Ohne dass ich je einen PIN erhalten habe. Und sperren mit dem erneuten Visakarten-Antrag, für den ich extra persönlich zur Bankfiliale gehampelt bin, die alte Masterkarte. Und die neue. Nun habe ich gar keine funktionierende Kreditkarte mehr. Wie gut, dass ich weder automatisch verlängernde Por*o-Abos laufen habe noch mit einer der inzwischen drei gesperrten Karten ein Onlineticket bei der Bahn im Voraus gekauft habe.

Und mein Bankberater? Zuckt mit den Schultern. Spricht von Chaos beim Vertragspartner und höherer Gewalt. Vermutlich möchte er selbst auch am liebsten stirnrunzelnd mit dem Kopf schütteln und herummeckern, darf es aber nicht. Wie gut also, dass ich Kunde bin.

Samstag, 8. September 2018

Wochenende

Auch wenn ich Hamburg sehr vermisse, fühle ich mich an der Ostsee sehr wohl. Gerade jetzt, wo es nachts wieder etwas kühler wird, finde ich das Klima, den Wind und die leicht salzige Luft sehr angenehm. Derzeit pendel ich vier bis fünf Mal pro Woche in eine Großstadt, um dort zu arbeiten und mich in der Pädiatrie fortzubilden, und ehrlich gesagt freue ich mich, wenn ich Feierabend habe, auch sehr auf die Ruhe außerhalb einer hektischen Großstadt. Normalerweise kaufe ich nicht mal in der Stadt ein, einerseits, um die Geschäfte in meiner Nähe zu unterstützen, andererseits, weil es dort nicht so viele seltsame Leute gibt. Oder vielleicht sind sie auch auf ihre Weise seltsam, nur komme ich mit ihrer Weise besser zurecht.

Dass mir im Supermarkt einer im Vorbeigehen an die Ti..en fasst, kann wohl fast nur in der Großstadt passieren. In einem kleinen Ort gibt es immer jemanden, der jemanden kennt; das Risiko, erkannt zu werden, ist viel zu groß. Ja, es ist eine Sauerei und eine Erniedrigung, aber ich werde das verkraften. Auch wenn es ganz schön weh tat und schon der Gedanke daran widerlich ist. Schade, dass ich das nicht schnell genug realisiert habe und zu perplex war, um angemessen zu reagieren. Das ärgert mich am meisten. Der Typ ging, während ich in der Warteschlange an der Kasse stand, durch den Gang der geschlossenen Nachbarkasse (wo aber die Sperre nicht geschlossen war) und griff mir im Vorbeigehen von schräg oben an meine rechte Brust, drückte einmal kräftig zu, und verschwand zügigen Schrittes nach draußen. Weder die ältere Dame vor mir noch der Herr hinter mir haben scheinbar etwas mitbekommen. Leider tun solche Menschen so etwas ja nicht, weil sie mich toll finden. Oder meinen Körper. Nicht, dass das so eine Aktion rechtfertigen würde, aber diesen Gedanken fände ich um einen Hauch angenehmer als das Wissen, dass er mir lediglich seine Macht zeigen wollte.

Als ich wieder vor der Tür war, war er weg. Auf dem Weg zum Auto musste ich über die Straße, und während ich an einer Ampel wartete, blieb auf dem Fußweg gegenüber eine ältere Dame mit ihrem Gehwagen offenbar an einer Unebenheit hängen und stürzte vorwärts und mit dem Kopf voraus laut scheppernd über ihr mit Einkaufstüten vollständig behängtes Hilfsmittel. Aua. Positiv war, dass auf beiden Fahrstreifen sofort mehrere Autofahrer anhielten, ausstiegen und der Frau helfen wollten. Auch eine Radfahrerin hielt an, stieg vom Fahrrad ab und kümmerte sich. Mit vereinten Kräften versuchte man, die Frau wieder aufzurichten, was aber nicht gelang. Negativ war, dass man offenbar ohne zu überlegen handelte. Sinnvoller wäre es, die Frau erstmal auf dem Boden liegen zu lassen. Ihr Bewusstsein trübte nämlich in der nächsten halben Minute ganz offensichtlich und von Weitem erkennbar ein. Inzwischen wurde die Ampel grün, ich rollte auf die andere Seite. "Hallo, lassen Sie die Frau mal bitte auf dem Boden." - "Echt? Warum das denn?" - Ich sprach die Frau an: "Hören Sie mich?" - Inzwischen setzten sie die Frau wieder auf den Boden ab. Ich sagte: "Schauen Sie mal, sie ist gar nicht richtig ansprechbar. Ich rufe einen Krankenwagen."

Als ich mein Telefon rausgekramt hatte und den Notruf gewählt hatte, versuchte ich, ihren Puls zu tasten. Der war eindeutig vorhanden und sehr schnell. Ich nahm eine Alkoholfahne wahr. Der Disponent in der Leitstelle meldete sich mit der Frage, wo der Notfallort sei. Nachdem ich ihm diesen genannt hatte, fragte er, was für ein Notfall vorliege. "Eine etwa 75 Jahre alte Frau ist auf den Kopf gestürzt und hat kurz danach das Bewusstsein verloren. Puls und Atmung sind vorhanden. Man muss von einem schweren Schädelhirntrauma ausgehen. Schicken Sie bitte einen Notarzt her." - "Ist die Frau ansprechbar?" - "Nein, sie ist bewusstlos." - "Ist sie alkoholisiert?" - "Möglicherweise." - "Ich schicke Ihnen einen Rettungswagen." - "Schicken Sie bitte den Notarzt, es besteht der Verdacht auf ein schweres Schädelhirntrauma." - "Sind Sie vom Fach?"

Alter! Willst du das jetzt ausdiskutieren bis sie an ihrer Hirnblutung gestorben ist? Beim Sturz über einen Gehwagen und Aufprall mit dem Kopf voraus muss ich nicht fachkundig sein, um zu wissen, dass das eine Hirnverletzung hochwahrscheinlich macht. Wenn sie Pech hat, gleich mit Blutung, vielleicht hat sie sich auch noch die Halswirbelsäule verletzt, die Frau wird höllische Schmerzen haben, und dass sie kurz noch bei Bewusstsein war und jetzt nicht mehr, ist absolut kein gutes Zeichen. Aber bevor ich mich jetzt an der Diskussion auf Kosten von Zeit und Gesundheit der Frau beteilige, sagte ich nur: "Ja." - Und hätte in der Aufregung beinahe noch "Medizinstudentin" gesagt. - "Hilfe ist unterwegs."

Offenbar bringt mein Beruf den Nachteil mit sich, dass man nicht bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes am Telefon betreut wird. Allerdings ging es sehr schnell. Und tatsächlich war der Notarzt ebenfalls sofort entsandt worden und traf knappe zwei Minuten nach dem Rettungswagen ein. Auch er vermutete ein schweres Schädelhirntrauma und verlor keine Zeit, die alte Dame ins Krankenhaus zu bringen. Leider habe ich kein gutes Gefühl, aber ich hoffe natürlich, dass es ihr bald wieder besser geht.

In meinem Job musste ich gestern bei einem sechsjährigen Jungen einen Tubus wechseln. Also ihm einen neuen Beatmungsschlauch in die Lunge legen. Das ist bei Kindern nochmal herausfordernder als bei Erwachsenen. Der Junge liegt seit einem Ertrinkungsunfall im künstlichen Koma. Zudem kam er an ein anderes Beatmungsgerät, da es mit dem bisherigen ein technisches Problem gab. Die nette Stationsärztin, die nicht loben, sondern immer nur tadeln kann, war dabei und schaute mir mit Argusaugen auf die Finger, ohne selbst aktiv zu werden. Die weibliche Pflegekraft und ich arbeiteten gut zusammen, sie macht den Job schon seit über 10 Jahren. Das macht sehr viel Spaß, wenn jemand so routiniert ist. Es klappte alles richtig und zügig. Der Tubus lag, doch als ich das Beatmungsgerät anschließen und einschalten wollte, passierte: Nichts. Es leuchtete alles munter vor sich hin, aber es gab keine Fehlermeldung und keine Beatmung.

Bei Kindern wird der Tubus in aller Regel ja nicht geblockt, so dass man noch vorsichtiger sein muss, wenn man von seinen Routine-Handgriffen abweicht. Befestigt war er auch noch nicht. Ich drückte nochmal auf das Beatmungsgerät. "Du kannst den Tubus kurz loslassen", hatte die Pflegekraft von sich aus das Problem erkannt und übernahm, bevor ich etwas sagte. Wichtig ist dennoch der Austausch untereinander: "Ich habe Probleme mit dem Beatmungsgerät. Es läuft nicht." - Ich versuchte erneut, die Beatmung zu starten, ohne Erfolg. "Es beatmet nicht."

Ich wendete mich wieder dem Patienten zu. Die Aufgaben sind klar verteilt, die technische Bereitstellung des Geräts ist keine ärztliche Aufgabe. Die Pflegekraft versuchte sich an der Maschine, während ich mir einen Beatmungsbeutel schnappte, das Beatmungsgerät wieder abkoppelte und erstmal per Beutel beatmete. "Hat es Sauerstoff?", fragte ich. Die Pflegekraft prüfte die Steckverbindung an der Wand. "Jetzt hör ich es", sagte sie plötzlich. "Nee, das bin ich mit dem Beutel", antwortete ich. Es wurde keine Störung angezeigt, aber es lief auch nichts. Ich riskierte einen Blick auf die Stationsärztin, sie verdrehte die Augen. Tolle Hilfe.

Die Pflegekraft checkte die Sauerstoffverbindung am Gerät. Bingo. Sie war nicht richtig eingesteckt. Nun bekam das Gerät Sauerstoff und funktionierte. Wir konnten Beatmungsbeutel und Beatmungsgerät umgestecken. In der Zwischenzeit hatte ich vier Mal manuell beatmet, der Fehler war also schnell gefunden und meine Vermutung war goldrichtig. Die Beatmung lief, alles war richtig eingestellt, trotz Schwierigkeiten haben wir es hinbekommen. Wie schon gesagt: Sie tadelt gerne, folglich hat sie nicht gelobt, dass wir die Situation gemeistert haben, sondern mich zu tadeln versucht, dass das Beatmungsgerät nicht richtig angeschlossen war. Einmal lasse ich sowas ja durchgehen, aber nun war es genug: "Das ist nicht mein Problem. Ich kann voraussetzen, dass das bereitstehende Equipment fehlerfrei funktioniert." - Sie guckte mich an wie ein Auto. Bis Montag sehe ich sie erstmal nicht mehr. Ja, ich will was lernen. Aber anpampen lassen muss ich mich dazu nicht. Ich schätze, wir werden noch unseren Spaß zusammen haben. Aber jetzt ist erstmal Wochenende.

Mittwoch, 5. September 2018

Fünf Tage

Meine ersten fünf Arbeitstage sind vorbei. Am Wochenende, an meinen ersten beiden Tagen, könnte man meinen, es war der Wurm drin. Selbst einfachste Dinge wie Telefonieren waren ein Problem. Ich musste ein freies Bett organisieren und habe alle in Frage kommenden Stationen angerufen. Nein, nirgendwo sei ein Bett frei. Also blieb der junge Mann zunächst auf einer Privatstation, wohin er erstmal von der Notaufnahme verlegt wurde. Zwei Stunden später höre ich, dass Betten frei waren. Angeblich hätte ich die Frage falsch gestellt: Ich hätte fragen sollen, ob sie einen Patienten unterbringen können und nicht, ob ein Bett frei ist, weil Betten nie frei seien.

Herrje. Kurz darauf höre ich mir bei einem achtjährigem Mädchen mit einer inzwischen abgeklungenen Herzmuskelentzündung Lunge und Herz an, da fängt eine Schwester bei der Bettnachbarin an, einen venösen Zugang zu legen, was sie überhaupt nicht sollte. Also es sollte ein neuer Zugang gelegt werden, aber das war eigentlich mein Job. Sie punktierte hinter mir die Oberarmarterie. Wer vom Fach ist, weiß, was das für eine Sauerei geben kann, und natürlich gab es diese Sauerei. Das Kind schrie wie am Spieß, zappelte rum, und die pflegende Kollegin war alleine nicht in der Lage, die Blutung zu stoppen und ich konnte mich erstmal nicht umdrehen, weil es so eng war und ich zwischen zwei Betten stand. Da bleib mal ruhig.

Wenn man dann noch davon absieht, dass zwei Kinder an dem Wochenende auf der Intensivstation gestorben sind, beide sehr jung, bei beiden war es aber schon lange absehbar, dann war es eigentlich beinahe wie Urlaub. Am Montag bin ich zwischen 6 und 14 Uhr nicht ein einziges Mal auf Klo, geschweige denn zum Essen gekommen. Zwei Mal habe ich mir zwischendrin auf dem Flur einen halben Liter Mineralwasser auf Ex reingekippt, um nicht zu dehydrieren, zwei Mal auch mein Hemd gewechselt. Bin bei einer Reanimation einer Fünfjährigen dabei gewesen, erstmal waren wir erfolgreich, heute morgen ist sie dann doch verstorben. Derzeit liegt noch ein junger Mann dort, ich glaube, er ist 11, der da wohl auch nicht mehr lebend herauskommen wird. Wir rechnen eigentlich täglich damit. Und drum herum sind ganz viele andere kleine oder große Dramen und jede Menge besorgte Angehörige.

Am Montag habe ich noch vor Ort geduscht, es gibt eine Personaldusche mit Klappsitz, und unter der Dusche bestimmt eine halbe Stunde lang geheult, um den psychischen Druck des Vormittags wieder loszuwerden. Der Tag war schon sehr extrem. Als ich am Dienstag wieder dort war, bekam ich von einer Stationsärztin zu hören, dass ich mich besser konzentrieren müsse. Angeblich seien meine Dokumente voller Fehler. Ich dachte schon, ich hätte Lücken drin gehabt oder Schrott geschrieben, aber es war einmal "Schluckrefex" statt "Schluckreflex", einmal "orientierend intertische Untersuchung" statt "orientierend internistische Untersuchung" und einmal "Schleimhäute bande" statt "Schleimhäute blande". Als wenn mir das jeden Tag passiert. Dass die 30 anderen Dokumente ohne Fehler waren und ich bei der Behandlung der Patientinnen und Patienten keinen Fehler gemacht habe, hat man natürlich nicht nochmal extra erwähnt.

Und Helena? Ist eine absolute Schmusebacke. Sehr kuschelbedürftig. Nach wie vor sehr brav. In ihrer Schule gibt es neben Schatten auch viel Licht. Bis auf eine eher unangenehme Lehrerin (die ja immer dazwischen ist) ist Helena sehr zufrieden. Da sie wegen ihrer Cerebralparese nicht so schnell schreibt wie andere Kinder, darf sie beispielsweise Tafelbilder mit dem Handy abfotografieren. Für Klassenarbeiten hat sie eine Zeitverlängerung bekommen. Vom Sport ist sie erstmal befreit worden, das gefällt mir überhaupt nicht, aber erstmal muss da auch geschaut werden, dass sie überhaupt adäquat mit Hilfsmitteln versorgt wird. Sie braucht aus meiner Sicht unbedingt Orthesen, um mehr Halt in den Fußgelenken zu bekommen. Aber da ist der Vormund gefragt, denn solange sie nur zu Besuch ist, können (und werden) wir da kaum was machen. Da gibt es erstmal noch viel wichtigere Baustellen.

Am Montag waren Marie und ich bei einem Kurs für angehende Pflegeeltern, es war schon witzig, wie oft dort betont wurde, dass ja auch lesbische Paare Pflegekinder bekommen können. Wir haben den Irrtum nicht befeuert. Wir haben einmal am Anfang gesagt, dass wir "nur" zusammen wohnen, fünf Minuten später waren wir aber schon wieder ein Paar. Der Referent war ziemlich hohl, von Erziehung mag er ja Ahnung haben, aber wenn mir einer erzählen will, dass das "Deutsche Mietergesetz" mir vorschreibt, dass Kinder unter 14 Jahren alleine keine Waschmaschine bedienen dürfen, frag ich mich, in welchem Film ich bin. Den Vogel abgeschossen hat dann: "Wenn ein Kind auf die Straße rennt, können Sie es mit körperlichem Einsatz davon abhalten. Aber wenn es bei einer Erkältung ständig den Rotz hochzieht und runterschluckt, bringt Ihr körperlicher Einsatz nichts." - Wir haben nicht gesagt, dass Hochziehen und Runterschlucken absolut empfehlenswert ist.

Helena hat Marie und mir am Wochenende jeweils einen Brief aufs Kopfkissen gelegt. Für einen Moment habe ich mich erschrocken, anschließend aber sehr gefreut. Sie schreibt vieles, was ich hier nicht aufschreibe. Zusammengefasst schreibt sie aber, dass es ihr sehr gut geht und sie sehr glücklich ist.

Samstag, 25. August 2018

Seepferd und Abtreibung

Nach täglichem Training hat Helena heute ihr Seepferdchen geschafft. Ja, sie ist eigentlich viel zu alt dafür, aber so sehr, wie sie sich darüber gefreut hat, war es enorm wichtig, dass sie das nachholt. Ein Sprung vom Beckenrand, eine Bahn in Brustlage schwimmen und einmal aus dem schultertiefen Wasser einen Gegenstand vom Boden hochholen. Eigentlich sollte sie erstmal nur springen, aber statt an den nächsten Beckenrand zu schwimmen, schwamm sie spontan einmal quer durch das Becken.

Unsere erste kleine Meinungsverschiedenheit haben wir auch hinter uns. Ich bekam vom Schulweg eine Kurznachricht von ihr, ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie zum Mittagessen zu einer Freundin mitgeht. So spontan war ich damit nicht einverstanden. Ich kenne die Freundin nicht, ich kenne die Familie nicht, und bei uns war Mittagessen vorbereitet. Helena kam nach Hause, hat also auf das "Nein" gehört, was ich sehr wichtig und sehr positiv fand. Allerdings war die Haustür noch nicht ganz zu, da bekam ich die Frage gestellt: "Warum darf ich nicht bei meiner Freundin essen, wenn sie mich einlädt?"

"Das erkläre ich dir gerne. Nach dem Essen." - "Du hast gesagt, ein Kind darf Widerworte geben, wenn es sich unwohl fühlt. Ich fühle mich unwohl. Also: Ich möchte es jetzt wissen." - "Du wirst dich bis nach dem Essen gedulden müssen." - "Menno!", sagte sie und stampfte mit dem Fuß auf. Guckte mich eine Minute mit bösem Blick an, merkte dann, dass das nichts bringt und wechselte das Thema: Eine Mitschülerin habe sich über sie lustig gemacht. Es ging irgendwie um Vornamen, die Lehrerin sei auf die geniale Idee gekommen, dass jedes Kind auf Pappkarten unterschiedlicher Farben die Vornamen von Geschwistern, Eltern und Großeltern schreibt. Jede Farbe stand für eine Generation. Am Ende wurden alle Karten eingesammelt und nach Generationen sortiert aufgehängt. Helena hat keine einzige Karte beschriftet und als die Mitschülerin sie vor allen anderen Kindern nach dem Grund fragte, gesagt, dass sie nicht wisse, wie ihre Eltern heißen, weil sie ein Klappenkind sei. Was ich eine sehr starke Reaktion fand.

Als auch das erklärt war, habe eine Mitschülerin zu ihr gesagt: "Das war bestimmt wegen der Behinderung. Haben deine Eltern das vorher nicht gewusst? Sonst hätten sie doch eine Abtreibung machen können." - Wie einfühlsam! Damit hatte ich die nächste Stunde eine Zwölfjährige neben mir sitzen, die mit mir ausdiskutierte, warum man Menschen mit Behinderung (nicht) tötet. Und dass sie gerne lebt und nicht hätte abgetrieben werden wollen.

Helena sagte, sie habe zu der Mitschülerin nur noch "du Arsch" gesagt und das täte ihr auch nicht leid. Sie habe das sagen müssen, sonst wäre sie innerlich geplatzt. Ich habe inzwischen mit der Lehrerin telefoniert. Sie habe das nicht mitbekommen. Was ich merkwürdig finde. Aber anscheinend wird da viel im Hintergrund gequatscht, wenn sie solche Unterhaltungen mitten in der Stunde nicht mitbekommt. Ich bin ziemlich sauer, dass man, mit dem Wissen, so ein Kind in der Klasse zu haben, solche Aufgabe gibt und sie dann noch so wenig begleitet. Immerhin hat sie mir nun versichert, mit den Eltern der betroffenen Schülerin zu sprechen. Bleibt zu hoffen, dass die nicht auch der Meinung sind, es sei ein Fehler, ein behindertes Kind nicht abzutreiben...

Dienstag, 21. August 2018

Ein Glas und dies und das

Sie hat es geschnallt. Beim dritten Anlauf. Helena kann sich im Wasser vom Rücken auf den Bauch drehen und wieder zurück, kann ohne Hilfe auf dem Rücken schwimmen und gewinnt mehr und mehr Vertrauen in das nasse Element. Bisher war ich immer in greifbarer Nähe und sie mochte auch nicht, dass ich mich weiter als zwei Meter im Wasser von ihr entferne, aber sie macht große Fortschritte. Womit bereits jetzt widerlegt wäre, dass sie wegen ihrer Behinderung nicht schwimmen könne. Papperlapapp!

Ein für mich sehr krasses Erlebnis hatten wir Sonntag beim Abendessen. Ich habe eine Reispfanne (mit Paprika, Tomaten etc.) gekocht, Helena deckte den Tisch. Ich muss sie nicht darum bitten, sondern sie hilft von sich aus. Schiebt einen Teller über den Tisch und stößt beim Zurückziehen ihres Armes etwas ungeschickt mit dem Ellenbogen gegen ein Glas, das daraufhin umfällt, vom Tisch rollt und auf dem Fliesenboden in siebenundzwanzig Teile zerspringt. Es knallt recht eindrucksvoll und ich hätte verstanden, wenn sie sich erschrickt. Stattdessen springt sie fast rückwärts von mir weg, guckt mich mit einem ängstlichen Blick an und reißt ihre Arme schützend vor ihr Gesicht. Das Mädchen ist völlig traumatisiert. "Das war keine Absicht", sagt sie hektisch, kleinlaut.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass sie sich von mir einfangen lässt. Wenn ich die Arme ausbreite, kommt sie zu mir auf den Schoß. "Lass dich trösten", habe ich ihr gesagt. "Du hast dich bestimmt erschrocken von dem lauten Knall. Das ist ein wirklich unangenehmes Geräusch." - "Es erinnert mich so sehr an meine Pflegeeltern. Wenn die gestritten haben, flogen auch immer alle möglichen Sachen durch die Küche. Und wenn ich was runtergeworfen habe, gab es meistens sofort eine Ohrfeige." - "Die bekommst du von mir nicht. Ich schlage dich nicht." - "Kannst du da so sicher sein?" - "Ja. Ganz entschieden. Wenn ich jemanden schlagen würde, würde ich mich selbst nicht mehr mögen." - "Ich kann ganz schön schlimm sein, Jule. Ich hoffe, dass ich das zu dir und zu Marie nie bin." - "Du wirst nicht geschlagen. Weder von Marie noch von mir."

Sie hatte ihren Kopf an meinen Hals gelegt und weinte bitterlich. Sie war überhaupt nicht zu beruhigen. Ich habe sie bestimmt zehn Minuten nur festgehalten und an mich gedrückt. In der Zwischenzeit wurde das Essen kalt. Zum Glück hatte sie noch kein Insulin gespritzt. Nach zehn Minuten sagte sie: "Es tut mir leid, dass ich so neben der Spur bin und du das alles aushalten musst." - "Das ist völlig okay, es ist mir wichtig, dass du mir von den Dingen erzählst, die dich belasten. Du kannst sie nur verarbeiten, wenn du darüber redest." - "Ich habe dir doch gar nichts erzählt." - "Deine Tränen erzählen mir ganz viel, Helena." - Es dauerte einen Moment, dann sagte sie: "Wenigstens lachst du nicht über mich, wenn ich weine." - "Nein. Ich nehme dich und deine Sorgen ernst."

Plötzlich fing sie zu erzählen an. Eine Kurzgeschichte reihte sich an die nächste. Die Inhalte waren verstörend. Es bleibt mir ein Rätsel, wie man ein Kind so behandeln kann wie es die Pflegeeltern offenbar getan haben. Wie man einem Kind, noch dazu einem, das man freiwillig aufgenommen hat, permanent vermitteln kann, dass es unerwünscht und nutzlos sei. Ich verstehe es nicht. Es will nicht in meinen Schädel hinein. Was für mich immer klarer wird: Zum Konzept für die nächsten Jahre wird auch die Frage nach einer Psychotherapie gehören müssen. Nein, ich weiß, wir entscheiden das nicht.

Am späteren Abend hat sie ein Bild gemalt. Vorne liegt ein Buch, davor sitzt eine Möwe am Strand, dahinter ist das Meer, blauer Himmel, Marie und ich schwimmen. Was auffällig ist: Kinder zeichnen oft aus der Vogelperspektive. Quasi den Blick von oben auf das Geschehen. Nicht maßstabsgetreu, eher oberflächlich. Helena zeichnet aus ihrer Perspektive und macht daraus ein detailgetreues Bild, in dem Marie und ich den perspektivischen Fluchtpunkt bilden. Wie ein Foto, das auf uns fokussiert ist. Mit zwölf Jahren. Sehr ausdrucksstark.

Ihre ersten beiden Schultage sind offenbar sehr gut verlaufen. Sie hat Anschluss gefunden bei der Tochter einer Kollegin, die mit ihr in denselben Jahrgang geht. Und sich wohl auch noch mit einem anderen Mädchen angefreundet, das ich noch nicht kenne. Das Nachmittagsangebot der Schule haben wir bislang nicht nicht in Anspruch genommen, wie schon erwähnt, täglich bis 21 Uhr, wobei nach 17 Uhr wohl "nur noch" betreute Freizeit-Angebote sind. Aber dennoch, ich finde es klasse.

Und heute morgen? Hat sie den Frühstückstisch gedeckt. In aller Frühe, bevor ich sie wecken konnte. Mit einem Geburtstags-Topfkuchen, den sie gestern noch mit Marie zusammen gebacken hat. Kerzen drauf, eine Blume auf dem Tisch, die beiden haben Brötchen geholt ... so werde ich gerne geweckt. Es war Helena sehr wichtig, sagte Marie. Und ich habe mich sehr gefreut.

Sonntag, 19. August 2018

Unterste Schublade

An Verbesserungen gewöhnt sich der Mensch sehr schnell. Auch Stinkesocken gewöhnen sich sehr schnell an Verbesserungen. Und nehmen sie irgendwann vielleicht sogar als selbstverständlich hin. Zum Beispiel, wenn man zum Autofahren nicht mehr mit einem Schlüssel hantieren muss. Als Rollstuhlfahrerin bin ich mit beiden Händen stets beschäftigt, da ist es eine enorme Erleichterung, wenn ich keinen Schlüssel in die Hand nehmen muss, um ins Auto einzusteigen. Auch wenn mein allererstes Auto nicht mal eine Funk-Fernbedienung hatte, sondern ich noch mit dem Schlüssel im Türschloss herumfummeln musste und mich irgendwann gewundert habe, dass mein Schlüssel auch beim Auto nebenan passt, möchte ich den technischen Fortschritt nicht missen.

Ich gewöhne mich auch daran, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr verarbeitet, dass Menschen mit Behinderungen am Leben teilnehmen. Sehr viele im positiven Sinne. Sie nehmen es wahr, schauen vielleicht mal, fragen mitunter, sind unbeholfen ... alles kein Problem. Okay, wenn ich am selben Tag zum zwanzigsten Mal gefragt werde, ob ich Hilfe brauche, kann es nerven, aber immerhin fasst mich inzwischen fast niemand mehr einfach so an. Das war vor Jahren noch anders.

Manche Menschen haben aber bekanntlich große Probleme. Zu denen rechne ich auch einen jungen Mann, den ich gestern beim Einkaufen beobachtet habe. Normalerweise blende ich wegen der nach wie vor vorhandenen Gafferei sehr viel um mich herum aus. Manchmal bekomme ich in einer Fußgängerzone gar nicht mit, dass jemand an mir vorbeiläuft, den ich kenne. Wenn ich jemanden beobachte, hat das meistens einen sehr guten Grund. In diesem Fall war es ein sehr schlechter: Der Mann erlaubte sich einen Spaß damit, Einkaufswagen, die Menschen am Rand des Gangs geparkt hatten, ganz subtil in die Gangmitte zu ziehen, ebenso Rollcontainer und einen Pappkarton. Im ersten Moment dachte ich, er erlaubt sich einen Scherz auf Kosten eines Bekannten, der mit ihm einkauft und beim Suchen erstmal aufräumen muss.

Ein eher dämlicher Scherz, weil alle anderen Leute ja auch betroffen sind. Mein Lieblings-Scherz beim Einkaufen ist es, irgendwelche Waren, die man auf keinen Fall haben möchte, unbemerkt im gemeinsamen Einkaufswagen zu platzieren. Das funktioniert natürlich nur einmal im Jahr, aber es funktioniert. Kondome, weiße Schlüpfer in Größe 62, billigsten Schnaps in der Literflasche, eine Fünf-Kilo-Box Gummitiere, zwei Dosen Bier der Hausmarke, Inkontinenzhöschen, Fertiggerichte aus der Dose oder einen 12er Karton Scheuermilch. Zuletzt habe ich Maries Mama geprankt und, während sie an der Kühltheke war, vier Zweiliter-Pakete billigsten Wein in den Wagen gestellt. Und dann ganz leidenschaftlich nach den richtigen Tampons gesucht. In den ersten zehn Sekunden war sie sich nicht sicher, ob sie den richtigen Wagen erwischt hat, dann fragte sie ihren Mann: "Brauchst du günstiges Frostschutzmittel oder warum hast du diese Sterbehilfe hier reingestellt?" - Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er die vier Packungen und stellte sie in den Wagen, der herrenlos direkt daneben stand, und sagte: "Der hat sich im Wagen geirrt."

Jetzt musste ich nur noch hoffen, dass dieser Mensch nicht vor uns an der Kasse steht und dann erstmal der Marktleiter mit dem Stornoschlüssel aus dem Lager gerufen werden musste. Die ältere Dame, zu der der Wagen gehörte, runzelte eine Zeitlang die Stirn, ich hätte zu gerne ihre Gedanken gelesen. Dann packte sie den Wein zurück in unseren Wagen. Ich konnte den Drang, lachen zu müssen, kaum noch unterdrücken. Die Dame ging weiter, Maries Mutter kam zurück und sah den Wein schon wieder in ihrem Wagen liegen. Sie murmelte etwas mit "volltrunken", bevor sie den Wein wieder in das Regal zurückstellte, wo ich ihn hergeholt hatte.

Die gestrige Aktion des jungen Mannes richtete sich scheinbar gegen eine junge Frau, die hinter ihm lief und einen weißen Taststock in der Hand hielt. Sie musste sich ständig neu orientieren und das ganze Gerümpel zur Seite schieben, das der Typ vor ihr in den Gang geräumt hatte. Ich wollte nur noch herausfinden, ob die beiden vielleicht zusammen gehörten. Eine Neckerei? Ein Test, eine Prüfung? Aber danach sah es nicht aus. Bevor ich mich einmischen konnte, und ich hätte mich eingemischt, sprach ihn ein Mitarbeiter an. Ich konnte nicht hören, was er sagte, er redete jedenfalls auf den Typen ein, während er die Unordnung in seinem Laden wieder beseitigte. Für mich sah es so aus, als hätte der Spinner das direkt auf die offensichtlich sehbehinderte junge Frau abgesehen. Würde ich ihn damit konfrontieren, würde er vermutlich behaupten, dass er das nicht gesehen hätte.

Unsere Wege trennten sich. An der Kasse stand die junge Frau mit dem weißen Taststock plötzlich wieder vor mir. Von dem blöden Typen, der die Einkaufswagen in den Weg geräumt hatte, war nichts mehr zu sehen, dafür sprach sie jetzt die Kassiererin an: "Hallo, ich sehe Sie oft im Bus." - Häh? Soll sie jetzt antworten: 'Fein, ich Sie nicht.' Oder vielleicht: 'Ich fahre lieber Bus, weil ich mein Auto immer überall gegen lenke.' - Nein, sie antwortete: "Oh ja, ich fahre oft mit dem Bus Nummer ..."

Die junge Frau packte ihren Einkauf in ihren Rucksack und wollte mit Karte zahlen. Das ging alles ohne Probleme, und wenn ich nicht vorher ihren weißen Stock gesehen hätte, hätte ich von hinten nicht bemerkt, dass sie eine Sehbehinderung hat. Als sie alles im Rucksack hatte, faltete sie ihren Stock wieder auseinander und ging davon. Ich guckte die Kassiererin an, die glotzte dieser jungen Frau gefühlt endlos hinterher, wie sie zielstrebig direkt auf die Ausgangstür zuging, dann aber stehen blieb und einer Frau mit Kinderwagen auswich, die ihr entgegen kam.

Ich war kurz davor, die Kassiererin zu bitten, weiterzuarbeiten, da drehte sie sich zu mir um und murmelte: "Die ist mir schon immer suspekt gewesen. Haben Sie das gesehen? Sie ist der Frau ausgewichen, bevor sie Kontakt hatten. Bei dem Krach hier kann sie das nicht gehört haben, sondern nur gesehen."

What. The. Ich musste mich echt zusammenreißen. Ich antwortete: "Es ist ja nicht gesagt, dass sie gar nichts mehr sieht." - "Und warum hat sie dann einen Blindenstock?" - "Ich vermute, ihre Sehfähigkeit reicht nicht aus, um den Weg und alle Hindernisse rechtzeitig und zuverlässig zu erkennen. Und sie möchte ihre Umwelt sensibilisieren, dass sie nicht alles sieht." - "Wenn Sie mich fragen, ist das eine Betrügerin." - Ich holte tief Luft. Lohnte es sich? Ja. Ich antwortete: "Ich frage Sie aber nicht, und was Sie da behaupten, ist ungezogen, verachtend und respektlos. Sie sollten sich schämen." - "Was wissen Sie denn? Sie glauben gar nicht, was wir hier tagtäglich alles erleben." - "Nee, glaube ich Ihnen auch nicht. Wenn Sie jetzt vielleicht mal voran kommen könnten?!"

So eine blöde Schrippe. Ich hatte keinen Bock, mich noch über sie zu beschweren, dort rumzupetzen und in der Zwischenzeit wird mein Einkauf warm. Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen inzwischen aufgeschlossener gegenüber Menschen mit Einschränkungen geworden sind, schmerzt so ein Vorfall gleich wieder doppelt. Diese Vorverurteilung, diese unberechtigte Kritik von Menschen, die die Situation überhaupt nicht beurteilen können, kotzt mich an. Ich muss es wirklich so deutlich sagen: Es kotzt mich an.

Das sind die gleichen Menschen, die beim Rollstuhlfahrer behaupten, er würde zu Unrecht Sozialleistungen kassieren, denn er habe gerade seinen Fuß bewegt. Ich kann nicht oft genug erwähnen, wie viele Menschen mit Behinderung arbeiten (möchten) und wie viele Rollstuhlfahrer ich kenne, die laufen können. Einige sogar so gut, dass man auf den ersten Blick nicht vermuten würde, dass sie einen Rollstuhl zu Hause haben. Und morgen vielleicht mit dem unterwegs sind, weil sie ihr Tagespensum nicht anders schaffen. Es steht niemandem zu, die Entscheidung, wann jemand ein Hilfsmittel einsetzt und wann nicht, zu kritisieren. Schon gar nicht vor Dritten in Abwesenheit. Das war und ist wirklich unterste Schublade.

Samstag, 18. August 2018

Artgerecht

So viel, wie Marie und ich derzeit mit Behörden zu tun haben, habe ich bereits das Gefühl, ich rolle fast schon weltfrauisch auf den Ämtern ein und aus. Sofern ich denn hinein komme. Ich hatte in dieser Woche einen Termin auf dem für meinen Wohnort zuständigen Jugendamt, das nicht einmal barrierefrei ist. Dafür geht es drinnen aber alles auch etwas gemütlicher zu als in jenem für Helenas bisherigen Wohnsitz zuständigen.

An der Information saß eine ältere Dame, ich schätze zwei Jahre vor der Rente. Sie geriet in Aufregung, als ich vor ihrem Fenster freundlich winkte und ihr, nachdem sie nach draußen kam, erzählte, dass ich bei Frau ... einen Termin hätte. "Du liebe Zeit, da kommen Sie ja gar nicht hin! Warten Sie, da muss ich was überlegen. Wir sind hier nämlich gar nicht artgerecht."

Artgerecht? Bin ich im Zoo? Oder bin ich das exotische Tier, das sie am liebsten in einen Käfig stecken möchte, weil artgerechte Haltung nicht möglich ist? Sie wiederholte: "Da sind wir hier echt nicht artgerecht. Als dieses Haus gebaut wurde, hat man an sowas wie Sie gar nicht gedacht."

Sowas wie ich? Oder sowas wie das, worin ich sitze? Die Gute war hoffnungslos überfordert. Sie kam mit ihrem schnurlosen Telefon wieder raus. "Ich ruf da erstmal für Sie an. Hallo Frau ..., hier ist ein Rollstuhl, der will zu Ihnen. Was? Nee, natürlich, mit ner Behinderten drin, nicht leer. Was stellen Sie denn für Fragen?! Ich weiß nur nicht, wie wir die Behinderte jetzt die Treppe hochkriegen. Ich könnte ja mal drüben beim Bauhof anrufen, ob die vielleicht ein Brett haben oder eine alte Tischplatte oder sowas. Ob die uns da auf die Schnelle was auf die Stufen legen. Das könnte ich machen. Was? Ja, kommen Sie mal her, das ist eine gute Idee."

Fand ich auch. Mein Vorschlag: Akte mitnehmen, nebenan im Supermarkt ist ein Bäcker, dort stehen vier Tische, wir holen uns zwei Getränke und klären alles, was zu klären ist. Nee, das ginge nicht. Da könnte ja jemand mithören. Und überhaupt müsse das Telefon besetzt bleiben. Der Bauhof soll es richten. Es dauerte keine fünf Minuten, da kamen zwei Herren über den Hof. Einer ging schnellen Schrittes, der andere saß in einem Gabelstapler, auf dessen Dach eine gelbe Rundumleuchte rundumleuchtete. Wollten die mich etwa mit dem Ding stapelgabeln? Nee, auf der Gabel, mit der der Staplerfahrer prahlte, schwang scheppernd eine halbverrostete Stahlplatte auf und ab. Zwei Mann, vier Ecken, das Ding abgeladen und mit ungeheurem Getöse auf die Steintreppe geworfen, zwei Holzbohlen drunter, damit sich die ganze Konstruktion nicht so durchbiegt, und bevor ich was sagen konnte, wurde ich mit einem Ungeheuer-Katapult-Anschwung ins Amt befördert.

Mithören und Telefonbesetzung waren wohl nur zwei unwesentliche Gründe, warum das nicht drüben beim Bäcker ging. In das Büro der mich abholenden Dame kamen auch noch die Abteilungsleiterin, die Auszubildende und die Kollegin, weil man ja alles richtig machen wollte. Und man mache ja nicht selbst, sondern arbeite ja nur der vorgesetzten Dienststelle im Landkreis zu. Und überhaupt könne man in solchen Verfahren ja so viel verkehrt machen. "Und wir wollen ja alle, dass es dem kleinen Wurm gut geht später bei Ihnen. Wir müssen ja neutral bleiben, aber wir haben eben schon gesagt, wir finden das ganz toll, was Sie da machen wollen. Wir entscheiden das nicht, aber wir müssen etwas dazu schreiben, ob von uns aus Gründe dagegen sprechen."

Nach dreißig Minuten kam der Amtsleiter zu uns, stellte sich vor, freute sich, mich kennenzulernen. Und wies seine Abteilungsleiterin an, sie möge acht geben, dass beim Herabfahren sich "einer der Männer" mit seinen Füßen auf die untere Kante der Rampe stelle. Nicht, dass das abrutscht. "Im schlimmsten Fall muss ich danach im Rollstuhl sitzen", konnte ich mir nicht verkneifen. Für zwei Sekunden überlegte er, vermutlich wusste er nicht, ob er lachen sollte, dann kam schallendes Gelächter aus ihm heraus: "Ihren Humor haben Sie jedenfalls nicht verloren, das finde ich gut."

Nee, hab ich nicht. Helena geht ab Montag auf eine Gemeinschaftsschule, die rund einen Kilometer von uns entfernt ist. Es handelt sich um eine Offene Ganztagsschule, wo an jedem Schultag bis 21 Uhr Betreuung angeboten wird. Neben Mittagessen und Hausaufgaben-Betreuung finden dort auch Nachhilfe, Förderunterricht, Sport, Theater und Musik statt. Man kann sich dort einerseits für regelmäßige Angebote eintragen (wie zum Beispiel Unterricht an einem Musikintrument), man kann aber auch individuelle Angebote für sieben bis vierzehn Tage im Voraus buchen, wie Nachhilfe in einem bestimmten Unterrichtsfach. Das hilft natürlich sehr, weil man dann (wenn es gut läuft) solche Maßnahmen an jenen Tagen veranstalten kann, an denen Marie und ich nachmittags arbeiten müssen. Dass wir beide gleichzeitig Nachtdienst haben, wird sich wohl verhindern lassen.

Und ein wenig Glück muss man ja auch haben: Maries Mutter hat uns den Kontakt zu einer Kollegin vermittelt, die im selben Ort wohnt wie wir, und zwei Kinder hat (davon eine Tochter in Helenas Alter). Beide Kinder gehen auf diese Gemeinschaftsschule. Der Vater arbeitet in demselben Krankenhaus, in dem ich zur Zeit freigestellt bin, allerdings in einem anderen Bereich. Zur Familie gehört ein Hund, mehrere Pferde und jede Menge andere Tiere. Wir waren gestern zusammen mit Maries Mutter dort. Helena und die Tochter der Kollegin schienen gleich auf einer Wellenlänge zu sein. Während die Erwachsenen sich bei Kaffee und Kuchen kennenlernten, waren die beiden jungen Mädchen sofort damit beschäftigt, alle Tiere zu begutachten. Auch wenn nicht gesagt ist, dass die beiden gleich beste Freunde werden, sehe ich zumindest die Chancen steigen, dass Helena nicht gleich zur Außenseiterin in der neuen Klasse wird. Ich hoffe wirklich sehr, dass das alles klappt. Dass man Helena nicht in "ihre" Stadt zurückholt, sondern (offiziell für acht Wochen) hier belässt, weckt in mir diskreten Optimismus.

Heute waren Marie und ich für zwei Stunden in der Ostsee schwimmen. Ernsthaft schwimmen, also mit dem Ziel, Strecke abzureißen, Kondition aufzubauen und Kalorien zu verbrennen. Wir hatten einen Schwimm-Neo und Socken an, da derzeit viele Feuerquallen unterwegs sein sollen. Zum Glück hatten wir keine Kontakte damit an Händen und Gesicht. Helena saß in der Zeit auf eigenen Wunsch mit einem Buch am Strand. Ein Iglu schützte sie mehr vor dem Wind als vor der Sonne. Sie hat auch ein paar Fotos gemacht, Steine gesammelt, ich habe das Gefühl, ihr geht es gut.

Das Wasser war wärmer als die Luft, der Wind blies in Stärke 3 bis 4, seitwärts, also parallel zur Küste, so dass man weder vom Wind noch von irgendwelchen Strömungen auf das offene Meer hinausgezogen wurde. Es waren also anstrengende, aber schöne Trainingsbedingungen. Als Marie und ich wieder bei Helena angekommen waren und uns gerade wieder in das flachere Wasser bewegten, kam Lukas in Badehose ins Wasser gelaufen. Jener junge Mann aus meinem derzeitigen Schwimmverein, der in mich verknallt ist, sich seit Monaten aber nicht traut. Nun kam natürlich hinzu, dass ich einige Male nicht beim Training war. Heute begegneten wir uns an der Stelle, an der er gerade noch stehen konnte. Er streckte Marie seine Hand zu einem High-Five hin, um mich hüpfte er herum, umklammerte mich von hinten um meinen Bauch, hob mich ein paar Zentimeter nach oben und schaukelte mich übermütig durch die Wellen. Dabei drückte er meinen Po fest an seinen Bauch. Anders herum wäre es bestimmt schöner gewesen, aber immerhin passierte mal irgendwas. Ich drehte meinen Kopf schräg zur Seite, um ihn zu sehen, er sagte mir ins Ohr: "Du siehst bombe aus in dem Teil. Und fühlst dich auch so an. Ich will ein paar Meter schwimmen. Ihr wollt raus? Viel Spaß noch, ich will nicht länger stören."

Und bevor ich irgendwas sagen konnte, war er mit dem Kopf im Wasser und kraulte davon. Ohne Neopren. Ich hoffe, auch ihn berühren die Quallen nicht. Drei Jungs aus seiner Trainingsgruppe kamen hinterher, ebenfalls nur mit Badehose bekleidet. Helena machte Fotos von einer Seemöwe, die sich frech bis auf zwei Meter an sie heran traute, vermutlich in der Hoffnung, etwas zu fressen abzugreifen. Es ist zwar noch immer ein wenig ungewohnt, dass Helena derzeit ständig bei uns ist. Aber ich würde sie bereits jetzt sehr vermissen, wenn sie plötzlich nicht mehr da wäre.

Mittwoch, 15. August 2018

Mehr als eine Nacht

Am Montag war ich mit Helena schwimmen. Im Schwimmbad. Wir hatten ein Becken fast ganz für uns alleine, wir hatten eine Badaufsicht fast für uns alleine und wir haben im flachen Wasser angefangen. In Rückenlage. Es hat einige Zeit gedauert, bis sie sich soweit fallen lassen konnte, dass sie sich flach in Rückenlage auf das Wasser gelegt und ihre Arme ausgebreitet hat. Der schwierigste Punkt war, dass sie merken musste, dass das Wasser sie trägt. Dazu taucht in Rückenlage der Kopf fast komplett ein, am Ende sind die Ohren unter Wasser und nur die Augen, die Nase und der Mund schauen raus. Als Helena verstanden hatte, dass sie bis an diese äußerste Grenze gehen muss, um Erfolg zu haben, klappte es. Ein paar Mal habe ich die Kopfhaltung korrigieren müssen, damit ihr das Wasser nicht über den Mund läuft, aber dann lag sie, anfangs noch etwas verkrampft, später recht locker, auf dem Wasser. Am Ende hat sie sogar zwei, drei Mal mit ihren Armen Schwung gegeben. Es wird noch zwei, drei Stunden dauern, bis sie die erste Bahn alleine schwimmt. Aber sie hat verstanden und Marie zu Hause als allererstes ganz stolz erzählt, dass sie das Schwimmen lernen wird. Der übliche Satz kam auch von ihr: Sie hätte nicht geglaubt, dass das geht.

Am frühen Abend bekam ich einen Anruf. Ob ich bitte, bitte einen einzelnen Nachtdienst machen könnte. Eine Kollegin sei krank geworden und man könne die Quote nicht mehr einhalten, die man bräuchte. Auf einen Nachtdienst bereite ich mich ja gerne vor, indem ich mich nachmittags sehr ausruhe und nicht noch Schwimmen gehe. Aber okay. Am Ende musste ich gar nichts machen, bin um elf Uhr in ein Bereitschaftszimmer gerollt, habe mich hingelegt, bin eingeschlafen und baute plötzlich eine weinende Männerstimme in meinen Traum ein, die tatsächlich im Bereitschaftszimmer herzzerreißend schluchzte: "Das Paradies ist abgebrannt. Ich hab Heimweh, ich will nur weg. Ganz weit weg. Ich will fort. Ganz weit fort." - Ich wachte auf und im selben Moment brüllte Purple Schulz: "Ich will raus!" scheppernd durch den Radiowecker, dessen Sleeptimer ich benutzt hatte. Ich musste mich erstmal orientieren, bevor ich mit Gänsehaut am ganzen Körper das Ding im völlig abgedunkelten Zimmer gefunden und abgestellt hatte. Wieso um alles in der Welt muss man sowas senden, wenn Socke einschlafen will?

Am nächsten Morgen bin ich wieder aufgestanden und nach Hause gefahren. Habe frische Brötchen mitgebracht und anschließend damit begonnen, unsere Bewerbung für Helena zu schreiben. Sie hat inzwischen gefragt, ob sie nicht auch länger bei uns bleiben könnte. Ob wir es uns nicht vorstellen könnten, dass sie bis zum Halbjahreswechsel [in der Schule, also Ende Januar 2019] bleibe. Sie wisse, dass sie eine Last sei, aber wenn sie immer lieb sei und keinen Ärger mache, dann sei sie doch vielleicht nur eine kleine Last und es wäre dann vielleicht einen Versuch wert.

Ich habe ihr erstmal erklärt, dass sie keine Last ist. Sondern ihre Berechtigung hat mit allen Herausforderungen, die ein Kind oder ein pubertierender Teenager mit nach Hause bringt. Mit allen Launen und jedem Ärger, den das mitbringt. Aber dass so etwas eben auch nur funktionieren kann, wenn wir auf diese Herausforderungen eine Antwort finden, mit der alle leben können. Und dass es sehr fraglich ist, ob wir dafür überhaupt die Zustimmung des Jugendamtes bekämen. Und wenn, dann nicht für ein halbes Jahr. Zwar immer mit der Option, etwas, was überhaupt nicht mehr funktioniert, zu beenden, aber schon auf Dauer ausgerichtet. Helena fand das klasse. Allerdings weiß ich auch, dass ihre Angst vor dem Wohnen in einer Einrichtung ihre Meinung sehr beeinflusst.

Wir haben das Angebot, dass sie eine Ganztagsschule besucht. Damit wird es sich hinbekommen lassen, dass immer einer von uns erreichbar ist. Marie und ich werden nicht gleichzeitig Nachtdienst haben, das lässt sich immer einrichten. Und für alles andere lassen sich individuelle Lösungen finden. Eine Zwölfjährige ist kein Baby mehr und sie wird auch mal eine Stunde oder zwei alleine zu Hause sein können, ohne dass die Welt davon untergeht. Marie und ich wissen, dass wir damit eine ernste Entscheidung getroffen haben, von der die Entwicklung eines Kindes abhängig ist. Aber wir sind uns sicher, dass wir es schaffen können und dass wir es gut hinbekommen werden. Wir haben mehr als eine Nacht darüber geschlafen.

Helena ist übrigens als Klappenkind zu Pflegeeltern gekommen.