Samstag, 22. September 2018

Räuber-Essen

"Ich kann nicht schwimmen lernen, ich bin behindert", sagte Helena vor etwas mehr als einem Jahr. Man hatte ihr ernsthaft eingeredet, dass ihre Cerebralparese, die verhältnismäßig leicht ausgeprägt ist, der Grund dafür sein sollte. Vor einem Monat hat sie ihr Seepferdchen-Abzeichen gemacht, also einen Sprung ins Wasser und anschließend 25 Meter schwimmen sowie einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser heraufholen. In der letzten Woche hat sie ihren Jugendschwimmschein in Bronze gemacht, also das, was früher der "Freischwimmer" war. Ich gebe zu, wir haben fleißig geübt. Vermutlich wesentlich mehr als man mit anderen Kindern übt. Aber sie hat es souverän geschafft, und für sie gilt, was für viele Menschen mit Einschränkungen gilt: Wasser ist ihr Element.

Es ist für mich ein Lehrstück. Das ewige Kapitel "Glaube versetzt Berge". Solange sie geglaubt hat, dass sie es wegen ihrer Einschränkung nicht kann, konnte sie es auch nicht. Als sie bei Marie und bei mir gesehen hat, dass man auch mit einer Querschnittlähmung gut schwimmen kann, gab es zuerst keine Argumente mehr. Und später gab es den Glauben daran, dass es machbar sei. Einmal mehr gilt, dass wir nicht die Steine setzen dürfen, aus denen eine Barriere wird. Es ist kein Hexenwerk, an jemanden zu glauben und ein Kind ernst zu nehmen.

Ein Bereich, den wir gerade sehr aufwändig be-ackern, ist ihre kindliche Unbefangenheit. Ich weiß, es gibt verschiedene Theorien, nach denen man eine einmal erlangte Befangenheit nicht mehr ablegen kann. Eingeschränkt durch Verbote, konfrontiert mit nicht altersgemäßen Aufgaben, eingeschüchtert durch die Angst vor Strafen, vielleicht aber auch motiviert von der Aussicht, bei uns bleiben zu dürfen, benahm sich Helena anfangs auffällig "artig", immer auf der Hut, nichts falsch zu machen. Als ihr mal ein Glas herunterfiel, erwartete sie Schläge.

Ich teile die Theorie, einmal erlangte Befangenheit nicht wieder ablegen zu können, nicht. Und umso mehr haben Marie und ich uns kürzlich darüber gefreut, als Helena mit ihrer derzeit besten Freundin, jene Tochter einer Kollegin von Maries Mutter, die mit Helena zusammen zur Schule geht, sich bei uns zu Hause verabredet hat und, als Krönung des Treffens, ein gemeinsames Abendessen angezettelt hat: Die beiden haben sich in den Garten gesetzt, mitten auf den Rasen, zwischen ihnen lag die Platte eines zusammengeklappten Campingtisches, reichlich gedeckt. Die Mission dabei: Räuber-Essen. Messer und Gabel gab es nicht, Tischmanieren auch nicht. Keine eigenen Teller, es wurde mit den Händen aus Schüsseln gegessen, schmatzend, rülpsend, kleckernd und vor allem: Ausgelassen und albern. Die beiden sahen aus wie die Ferkel und ich bin sehr froh, dass sie sich nach draußen verzogen und alte Sachen (von mir) angezogen haben. Als sie wieder rein wollten, habe ich beide mit T-Shirt und kurzer Hose gleich erstmal unter die Gartendusche gestellt, das gab die nächste Gaudi.

Inzwischen ist Helena so weit, dass sie ihre Grenzen austestet. Was zwar anstrengender ist, aber mir und auch Marie eintausend Mal lieber als ein ängstliches Kind. Beispielsweise im Anschluss an das Räuberessen meinte sie, auch beim gemeinsamen Fernsehen ständig betont laut rülpsen zu müssen. Zwei, drei Mal habe ich sie angeguckt, das reichte aber nicht. Marie fragte: "Brauchst du Aufmerksamkeit? Möchtest du gekrault werden?" - Sie rülpste ein "Nein" zurück. Ich sagte: "Och Helena, das ist eklig." - Ihre Antwort: "Ja, tschuldigung, das sollte eigentlich hinten raus."

Lachen wäre jetzt vermutlich kontraproduktiv. Marie übernahm das Wort: "Wir sind hier nicht in der Eckkneipe. Geh bitte in dein Zimmer und lass uns hier in Ruhe Fernsehen. Und mach die Tür hinter dir zu, wir wollen das nicht hören." - Helena guckte mich an, ich sagte: "Tschüss."

Es dauerte keine fünf Minuten, dann kam sie wieder. Mit feuchten Augen, bis zur Zimmertür: "Kann ich mich bitte entschuldigen?" - "Sicher." - "Das war doof von mir. Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe. Ich hatte irgendwie so einen Lauf und fühlte mich gut und ... eigentlich möchte ich keinen Streit." - Marie antwortete: "Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand verlangt von dir, dass du die Luft in deinem Magen behältst. Aber das kann man leise machen und die Hand vor den Mund halten. Und wenn das zwischendurch vielleicht einmal richtig laut sein muss, habe ich auch kein Problem damit. Aber in einer Tour und dann noch mit so einem ekligen Spruch dazu ..." - "Marie? Es sollte lustig sein und es ist einfach daneben gegangen. Okay?"

Abgehakt.

Montag, 17. September 2018

Kartensalat

Ich dachte, es verläuft mal eine Woche, in der keine schrägen Dinge passieren. Nee. Nicht möglich. Meine Bank hat mir mein Kreditkartendoppel gekündigt. Nicht, weil ich damit Unsinn angestellt hätte oder meine Liquidität dahin ist, sondern weil ein Doppel viel zu teuer sei und die Bank es künftig nicht mehr anbiete. Es gebe in Europa kaum noch Stellen, die nur eine der beiden im Doppel vorhandenen Karten akzeptieren. Die Visakarte, also jene, die ich bisher favorisiert habe, fällt für alle jene Kunden weg, die vorher ein Doppel hatten.

Die verbleibende Masterkarte wird, anders als versprochen, aber längst nicht überall akzeptiert. Ich bestelle zum Beispiel für meinen Rennrollstuhl bei einem amerikanischen Händler Handschuhe und Reifen. Der akzeptiert nur Visa. Und ein internationaler Sportbekleidungs-Vertrieb ebenfalls. Also muss ich neuerdings die Visakarte zusätzlich haben, zusätzlich bezahlen und vor allem: Neu bestellen. Und weil jetzt alle neu bestellen, dauert es schonmal acht Wochen, und was schicken sie mir zu? Eine zweite Masterkarte.

Und buchen die Gebühr gleich zwei Mal ab. Plus zwei Mal 5 Euro für eine PIN-Aktivierung. Ohne dass ich je einen PIN erhalten habe. Und sperren mit dem erneuten Visakarten-Antrag, für den ich extra persönlich zur Bankfiliale gehampelt bin, die alte Masterkarte. Und die neue. Nun habe ich gar keine funktionierende Kreditkarte mehr. Wie gut, dass ich weder automatisch verlängernde Por*o-Abos laufen habe noch mit einer der inzwischen drei gesperrten Karten ein Onlineticket bei der Bahn im Voraus gekauft habe.

Und mein Bankberater? Zuckt mit den Schultern. Spricht von Chaos beim Vertragspartner und höherer Gewalt. Vermutlich möchte er selbst auch am liebsten stirnrunzelnd mit dem Kopf schütteln und herummeckern, darf es aber nicht. Wie gut also, dass ich Kunde bin.

Samstag, 8. September 2018

Wochenende

Auch wenn ich Hamburg sehr vermisse, fühle ich mich an der Ostsee sehr wohl. Gerade jetzt, wo es nachts wieder etwas kühler wird, finde ich das Klima, den Wind und die leicht salzige Luft sehr angenehm. Derzeit pendel ich vier bis fünf Mal pro Woche in eine Großstadt, um dort zu arbeiten und mich in der Pädiatrie fortzubilden, und ehrlich gesagt freue ich mich, wenn ich Feierabend habe, auch sehr auf die Ruhe außerhalb einer hektischen Großstadt. Normalerweise kaufe ich nicht mal in der Stadt ein, einerseits, um die Geschäfte in meiner Nähe zu unterstützen, andererseits, weil es dort nicht so viele seltsame Leute gibt. Oder vielleicht sind sie auch auf ihre Weise seltsam, nur komme ich mit ihrer Weise besser zurecht.

Dass mir im Supermarkt einer im Vorbeigehen an die Ti..en fasst, kann wohl fast nur in der Großstadt passieren. In einem kleinen Ort gibt es immer jemanden, der jemanden kennt; das Risiko, erkannt zu werden, ist viel zu groß. Ja, es ist eine Sauerei und eine Erniedrigung, aber ich werde das verkraften. Auch wenn es ganz schön weh tat und schon der Gedanke daran widerlich ist. Schade, dass ich das nicht schnell genug realisiert habe und zu perplex war, um angemessen zu reagieren. Das ärgert mich am meisten. Der Typ ging, während ich in der Warteschlange an der Kasse stand, durch den Gang der geschlossenen Nachbarkasse (wo aber die Sperre nicht geschlossen war) und griff mir im Vorbeigehen von schräg oben an meine rechte Brust, drückte einmal kräftig zu, und verschwand zügigen Schrittes nach draußen. Weder die ältere Dame vor mir noch der Herr hinter mir haben scheinbar etwas mitbekommen. Leider tun solche Menschen so etwas ja nicht, weil sie mich toll finden. Oder meinen Körper. Nicht, dass das so eine Aktion rechtfertigen würde, aber diesen Gedanken fände ich um einen Hauch angenehmer als das Wissen, dass er mir lediglich seine Macht zeigen wollte.

Als ich wieder vor der Tür war, war er weg. Auf dem Weg zum Auto musste ich über die Straße, und während ich an einer Ampel wartete, blieb auf dem Fußweg gegenüber eine ältere Dame mit ihrem Gehwagen offenbar an einer Unebenheit hängen und stürzte vorwärts und mit dem Kopf voraus laut scheppernd über ihr mit Einkaufstüten vollständig behängtes Hilfsmittel. Aua. Positiv war, dass auf beiden Fahrstreifen sofort mehrere Autofahrer anhielten, ausstiegen und der Frau helfen wollten. Auch eine Radfahrerin hielt an, stieg vom Fahrrad ab und kümmerte sich. Mit vereinten Kräften versuchte man, die Frau wieder aufzurichten, was aber nicht gelang. Negativ war, dass man offenbar ohne zu überlegen handelte. Sinnvoller wäre es, die Frau erstmal auf dem Boden liegen zu lassen. Ihr Bewusstsein trübte nämlich in der nächsten halben Minute ganz offensichtlich und von Weitem erkennbar ein. Inzwischen wurde die Ampel grün, ich rollte auf die andere Seite. "Hallo, lassen Sie die Frau mal bitte auf dem Boden." - "Echt? Warum das denn?" - Ich sprach die Frau an: "Hören Sie mich?" - Inzwischen setzten sie die Frau wieder auf den Boden ab. Ich sagte: "Schauen Sie mal, sie ist gar nicht richtig ansprechbar. Ich rufe einen Krankenwagen."

Als ich mein Telefon rausgekramt hatte und den Notruf gewählt hatte, versuchte ich, ihren Puls zu tasten. Der war eindeutig vorhanden und sehr schnell. Ich nahm eine Alkoholfahne wahr. Der Disponent in der Leitstelle meldete sich mit der Frage, wo der Notfallort sei. Nachdem ich ihm diesen genannt hatte, fragte er, was für ein Notfall vorliege. "Eine etwa 75 Jahre alte Frau ist auf den Kopf gestürzt und hat kurz danach das Bewusstsein verloren. Puls und Atmung sind vorhanden. Man muss von einem schweren Schädelhirntrauma ausgehen. Schicken Sie bitte einen Notarzt her." - "Ist die Frau ansprechbar?" - "Nein, sie ist bewusstlos." - "Ist sie alkoholisiert?" - "Möglicherweise." - "Ich schicke Ihnen einen Rettungswagen." - "Schicken Sie bitte den Notarzt, es besteht der Verdacht auf ein schweres Schädelhirntrauma." - "Sind Sie vom Fach?"

Alter! Willst du das jetzt ausdiskutieren bis sie an ihrer Hirnblutung gestorben ist? Beim Sturz über einen Gehwagen und Aufprall mit dem Kopf voraus muss ich nicht fachkundig sein, um zu wissen, dass das eine Hirnverletzung hochwahrscheinlich macht. Wenn sie Pech hat, gleich mit Blutung, vielleicht hat sie sich auch noch die Halswirbelsäule verletzt, die Frau wird höllische Schmerzen haben, und dass sie kurz noch bei Bewusstsein war und jetzt nicht mehr, ist absolut kein gutes Zeichen. Aber bevor ich mich jetzt an der Diskussion auf Kosten von Zeit und Gesundheit der Frau beteilige, sagte ich nur: "Ja." - Und hätte in der Aufregung beinahe noch "Medizinstudentin" gesagt. - "Hilfe ist unterwegs."

Offenbar bringt mein Beruf den Nachteil mit sich, dass man nicht bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes am Telefon betreut wird. Allerdings ging es sehr schnell. Und tatsächlich war der Notarzt ebenfalls sofort entsandt worden und traf knappe zwei Minuten nach dem Rettungswagen ein. Auch er vermutete ein schweres Schädelhirntrauma und verlor keine Zeit, die alte Dame ins Krankenhaus zu bringen. Leider habe ich kein gutes Gefühl, aber ich hoffe natürlich, dass es ihr bald wieder besser geht.

In meinem Job musste ich gestern bei einem sechsjährigen Jungen einen Tubus wechseln. Also ihm einen neuen Beatmungsschlauch in die Lunge legen. Das ist bei Kindern nochmal herausfordernder als bei Erwachsenen. Der Junge liegt seit einem Ertrinkungsunfall im künstlichen Koma. Zudem kam er an ein anderes Beatmungsgerät, da es mit dem bisherigen ein technisches Problem gab. Die nette Stationsärztin, die nicht loben, sondern immer nur tadeln kann, war dabei und schaute mir mit Argusaugen auf die Finger, ohne selbst aktiv zu werden. Die weibliche Pflegekraft und ich arbeiteten gut zusammen, sie macht den Job schon seit über 10 Jahren. Das macht sehr viel Spaß, wenn jemand so routiniert ist. Es klappte alles richtig und zügig. Der Tubus lag, doch als ich das Beatmungsgerät anschließen und einschalten wollte, passierte: Nichts. Es leuchtete alles munter vor sich hin, aber es gab keine Fehlermeldung und keine Beatmung.

Bei Kindern wird der Tubus in aller Regel ja nicht geblockt, so dass man noch vorsichtiger sein muss, wenn man von seinen Routine-Handgriffen abweicht. Befestigt war er auch noch nicht. Ich drückte nochmal auf das Beatmungsgerät. "Du kannst den Tubus kurz loslassen", hatte die Pflegekraft von sich aus das Problem erkannt und übernahm, bevor ich etwas sagte. Wichtig ist dennoch der Austausch untereinander: "Ich habe Probleme mit dem Beatmungsgerät. Es läuft nicht." - Ich versuchte erneut, die Beatmung zu starten, ohne Erfolg. "Es beatmet nicht."

Ich wendete mich wieder dem Patienten zu. Die Aufgaben sind klar verteilt, die technische Bereitstellung des Geräts ist keine ärztliche Aufgabe. Die Pflegekraft versuchte sich an der Maschine, während ich mir einen Beatmungsbeutel schnappte, das Beatmungsgerät wieder abkoppelte und erstmal per Beutel beatmete. "Hat es Sauerstoff?", fragte ich. Die Pflegekraft prüfte die Steckverbindung an der Wand. "Jetzt hör ich es", sagte sie plötzlich. "Nee, das bin ich mit dem Beutel", antwortete ich. Es wurde keine Störung angezeigt, aber es lief auch nichts. Ich riskierte einen Blick auf die Stationsärztin, sie verdrehte die Augen. Tolle Hilfe.

Die Pflegekraft checkte die Sauerstoffverbindung am Gerät. Bingo. Sie war nicht richtig eingesteckt. Nun bekam das Gerät Sauerstoff und funktionierte. Wir konnten Beatmungsbeutel und Beatmungsgerät umgestecken. In der Zwischenzeit hatte ich vier Mal manuell beatmet, der Fehler war also schnell gefunden und meine Vermutung war goldrichtig. Die Beatmung lief, alles war richtig eingestellt, trotz Schwierigkeiten haben wir es hinbekommen. Wie schon gesagt: Sie tadelt gerne, folglich hat sie nicht gelobt, dass wir die Situation gemeistert haben, sondern mich zu tadeln versucht, dass das Beatmungsgerät nicht richtig angeschlossen war. Einmal lasse ich sowas ja durchgehen, aber nun war es genug: "Das ist nicht mein Problem. Ich kann voraussetzen, dass das bereitstehende Equipment fehlerfrei funktioniert." - Sie guckte mich an wie ein Auto. Bis Montag sehe ich sie erstmal nicht mehr. Ja, ich will was lernen. Aber anpampen lassen muss ich mich dazu nicht. Ich schätze, wir werden noch unseren Spaß zusammen haben. Aber jetzt ist erstmal Wochenende.

Mittwoch, 5. September 2018

Fünf Tage

Meine ersten fünf Arbeitstage sind vorbei. Am Wochenende, an meinen ersten beiden Tagen, könnte man meinen, es war der Wurm drin. Selbst einfachste Dinge wie Telefonieren waren ein Problem. Ich musste ein freies Bett organisieren und habe alle in Frage kommenden Stationen angerufen. Nein, nirgendwo sei ein Bett frei. Also blieb der junge Mann zunächst auf einer Privatstation, wohin er erstmal von der Notaufnahme verlegt wurde. Zwei Stunden später höre ich, dass Betten frei waren. Angeblich hätte ich die Frage falsch gestellt: Ich hätte fragen sollen, ob sie einen Patienten unterbringen können und nicht, ob ein Bett frei ist, weil Betten nie frei seien.

Herrje. Kurz darauf höre ich mir bei einem achtjährigem Mädchen mit einer inzwischen abgeklungenen Herzmuskelentzündung Lunge und Herz an, da fängt eine Schwester bei der Bettnachbarin an, einen venösen Zugang zu legen, was sie überhaupt nicht sollte. Also es sollte ein neuer Zugang gelegt werden, aber das war eigentlich mein Job. Sie punktierte hinter mir die Oberarmarterie. Wer vom Fach ist, weiß, was das für eine Sauerei geben kann, und natürlich gab es diese Sauerei. Das Kind schrie wie am Spieß, zappelte rum, und die pflegende Kollegin war alleine nicht in der Lage, die Blutung zu stoppen und ich konnte mich erstmal nicht umdrehen, weil es so eng war und ich zwischen zwei Betten stand. Da bleib mal ruhig.

Wenn man dann noch davon absieht, dass zwei Kinder an dem Wochenende auf der Intensivstation gestorben sind, beide sehr jung, bei beiden war es aber schon lange absehbar, dann war es eigentlich beinahe wie Urlaub. Am Montag bin ich zwischen 6 und 14 Uhr nicht ein einziges Mal auf Klo, geschweige denn zum Essen gekommen. Zwei Mal habe ich mir zwischendrin auf dem Flur einen halben Liter Mineralwasser auf Ex reingekippt, um nicht zu dehydrieren, zwei Mal auch mein Hemd gewechselt. Bin bei einer Reanimation einer Fünfjährigen dabei gewesen, erstmal waren wir erfolgreich, heute morgen ist sie dann doch verstorben. Derzeit liegt noch ein junger Mann dort, ich glaube, er ist 11, der da wohl auch nicht mehr lebend herauskommen wird. Wir rechnen eigentlich täglich damit. Und drum herum sind ganz viele andere kleine oder große Dramen und jede Menge besorgte Angehörige.

Am Montag habe ich noch vor Ort geduscht, es gibt eine Personaldusche mit Klappsitz, und unter der Dusche bestimmt eine halbe Stunde lang geheult, um den psychischen Druck des Vormittags wieder loszuwerden. Der Tag war schon sehr extrem. Als ich am Dienstag wieder dort war, bekam ich von einer Stationsärztin zu hören, dass ich mich besser konzentrieren müsse. Angeblich seien meine Dokumente voller Fehler. Ich dachte schon, ich hätte Lücken drin gehabt oder Schrott geschrieben, aber es war einmal "Schluckrefex" statt "Schluckreflex", einmal "orientierend intertische Untersuchung" statt "orientierend internistische Untersuchung" und einmal "Schleimhäute bande" statt "Schleimhäute blande". Als wenn mir das jeden Tag passiert. Dass die 30 anderen Dokumente ohne Fehler waren und ich bei der Behandlung der Patientinnen und Patienten keinen Fehler gemacht habe, hat man natürlich nicht nochmal extra erwähnt.

Und Helena? Ist eine absolute Schmusebacke. Sehr kuschelbedürftig. Nach wie vor sehr brav. In ihrer Schule gibt es neben Schatten auch viel Licht. Bis auf eine eher unangenehme Lehrerin (die ja immer dazwischen ist) ist Helena sehr zufrieden. Da sie wegen ihrer Cerebralparese nicht so schnell schreibt wie andere Kinder, darf sie beispielsweise Tafelbilder mit dem Handy abfotografieren. Für Klassenarbeiten hat sie eine Zeitverlängerung bekommen. Vom Sport ist sie erstmal befreit worden, das gefällt mir überhaupt nicht, aber erstmal muss da auch geschaut werden, dass sie überhaupt adäquat mit Hilfsmitteln versorgt wird. Sie braucht aus meiner Sicht unbedingt Orthesen, um mehr Halt in den Fußgelenken zu bekommen. Aber da ist der Vormund gefragt, denn solange sie nur zu Besuch ist, können (und werden) wir da kaum was machen. Da gibt es erstmal noch viel wichtigere Baustellen.

Am Montag waren Marie und ich bei einem Kurs für angehende Pflegeeltern, es war schon witzig, wie oft dort betont wurde, dass ja auch lesbische Paare Pflegekinder bekommen können. Wir haben den Irrtum nicht befeuert. Wir haben einmal am Anfang gesagt, dass wir "nur" zusammen wohnen, fünf Minuten später waren wir aber schon wieder ein Paar. Der Referent war ziemlich hohl, von Erziehung mag er ja Ahnung haben, aber wenn mir einer erzählen will, dass das "Deutsche Mietergesetz" mir vorschreibt, dass Kinder unter 14 Jahren alleine keine Waschmaschine bedienen dürfen, frag ich mich, in welchem Film ich bin. Den Vogel abgeschossen hat dann: "Wenn ein Kind auf die Straße rennt, können Sie es mit körperlichem Einsatz davon abhalten. Aber wenn es bei einer Erkältung ständig den Rotz hochzieht und runterschluckt, bringt Ihr körperlicher Einsatz nichts." - Wir haben nicht gesagt, dass Hochziehen und Runterschlucken absolut empfehlenswert ist.

Helena hat Marie und mir am Wochenende jeweils einen Brief aufs Kopfkissen gelegt. Für einen Moment habe ich mich erschrocken, anschließend aber sehr gefreut. Sie schreibt vieles, was ich hier nicht aufschreibe. Zusammengefasst schreibt sie aber, dass es ihr sehr gut geht und sie sehr glücklich ist.

Samstag, 25. August 2018

Seepferd und Abtreibung

Nach täglichem Training hat Helena heute ihr Seepferdchen geschafft. Ja, sie ist eigentlich viel zu alt dafür, aber so sehr, wie sie sich darüber gefreut hat, war es enorm wichtig, dass sie das nachholt. Ein Sprung vom Beckenrand, eine Bahn in Brustlage schwimmen und einmal aus dem schultertiefen Wasser einen Gegenstand vom Boden hochholen. Eigentlich sollte sie erstmal nur springen, aber statt an den nächsten Beckenrand zu schwimmen, schwamm sie spontan einmal quer durch das Becken.

Unsere erste kleine Meinungsverschiedenheit haben wir auch hinter uns. Ich bekam vom Schulweg eine Kurznachricht von ihr, ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie zum Mittagessen zu einer Freundin mitgeht. So spontan war ich damit nicht einverstanden. Ich kenne die Freundin nicht, ich kenne die Familie nicht, und bei uns war Mittagessen vorbereitet. Helena kam nach Hause, hat also auf das "Nein" gehört, was ich sehr wichtig und sehr positiv fand. Allerdings war die Haustür noch nicht ganz zu, da bekam ich die Frage gestellt: "Warum darf ich nicht bei meiner Freundin essen, wenn sie mich einlädt?"

"Das erkläre ich dir gerne. Nach dem Essen." - "Du hast gesagt, ein Kind darf Widerworte geben, wenn es sich unwohl fühlt. Ich fühle mich unwohl. Also: Ich möchte es jetzt wissen." - "Du wirst dich bis nach dem Essen gedulden müssen." - "Menno!", sagte sie und stampfte mit dem Fuß auf. Guckte mich eine Minute mit bösem Blick an, merkte dann, dass das nichts bringt und wechselte das Thema: Eine Mitschülerin habe sich über sie lustig gemacht. Es ging irgendwie um Vornamen, die Lehrerin sei auf die geniale Idee gekommen, dass jedes Kind auf Pappkarten unterschiedlicher Farben die Vornamen von Geschwistern, Eltern und Großeltern schreibt. Jede Farbe stand für eine Generation. Am Ende wurden alle Karten eingesammelt und nach Generationen sortiert aufgehängt. Helena hat keine einzige Karte beschriftet und als die Mitschülerin sie vor allen anderen Kindern nach dem Grund fragte, gesagt, dass sie nicht wisse, wie ihre Eltern heißen, weil sie ein Klappenkind sei. Was ich eine sehr starke Reaktion fand.

Als auch das erklärt war, habe eine Mitschülerin zu ihr gesagt: "Das war bestimmt wegen der Behinderung. Haben deine Eltern das vorher nicht gewusst? Sonst hätten sie doch eine Abtreibung machen können." - Wie einfühlsam! Damit hatte ich die nächste Stunde eine Zwölfjährige neben mir sitzen, die mit mir ausdiskutierte, warum man Menschen mit Behinderung (nicht) tötet. Und dass sie gerne lebt und nicht hätte abgetrieben werden wollen.

Helena sagte, sie habe zu der Mitschülerin nur noch "du Arsch" gesagt und das täte ihr auch nicht leid. Sie habe das sagen müssen, sonst wäre sie innerlich geplatzt. Ich habe inzwischen mit der Lehrerin telefoniert. Sie habe das nicht mitbekommen. Was ich merkwürdig finde. Aber anscheinend wird da viel im Hintergrund gequatscht, wenn sie solche Unterhaltungen mitten in der Stunde nicht mitbekommt. Ich bin ziemlich sauer, dass man, mit dem Wissen, so ein Kind in der Klasse zu haben, solche Aufgabe gibt und sie dann noch so wenig begleitet. Immerhin hat sie mir nun versichert, mit den Eltern der betroffenen Schülerin zu sprechen. Bleibt zu hoffen, dass die nicht auch der Meinung sind, es sei ein Fehler, ein behindertes Kind nicht abzutreiben...

Dienstag, 21. August 2018

Ein Glas und dies und das

Sie hat es geschnallt. Beim dritten Anlauf. Helena kann sich im Wasser vom Rücken auf den Bauch drehen und wieder zurück, kann ohne Hilfe auf dem Rücken schwimmen und gewinnt mehr und mehr Vertrauen in das nasse Element. Bisher war ich immer in greifbarer Nähe und sie mochte auch nicht, dass ich mich weiter als zwei Meter im Wasser von ihr entferne, aber sie macht große Fortschritte. Womit bereits jetzt widerlegt wäre, dass sie wegen ihrer Behinderung nicht schwimmen könne. Papperlapapp!

Ein für mich sehr krasses Erlebnis hatten wir Sonntag beim Abendessen. Ich habe eine Reispfanne (mit Paprika, Tomaten etc.) gekocht, Helena deckte den Tisch. Ich muss sie nicht darum bitten, sondern sie hilft von sich aus. Schiebt einen Teller über den Tisch und stößt beim Zurückziehen ihres Armes etwas ungeschickt mit dem Ellenbogen gegen ein Glas, das daraufhin umfällt, vom Tisch rollt und auf dem Fliesenboden in siebenundzwanzig Teile zerspringt. Es knallt recht eindrucksvoll und ich hätte verstanden, wenn sie sich erschrickt. Stattdessen springt sie fast rückwärts von mir weg, guckt mich mit einem ängstlichen Blick an und reißt ihre Arme schützend vor ihr Gesicht. Das Mädchen ist völlig traumatisiert. "Das war keine Absicht", sagt sie hektisch, kleinlaut.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass sie sich von mir einfangen lässt. Wenn ich die Arme ausbreite, kommt sie zu mir auf den Schoß. "Lass dich trösten", habe ich ihr gesagt. "Du hast dich bestimmt erschrocken von dem lauten Knall. Das ist ein wirklich unangenehmes Geräusch." - "Es erinnert mich so sehr an meine Pflegeeltern. Wenn die gestritten haben, flogen auch immer alle möglichen Sachen durch die Küche. Und wenn ich was runtergeworfen habe, gab es meistens sofort eine Ohrfeige." - "Die bekommst du von mir nicht. Ich schlage dich nicht." - "Kannst du da so sicher sein?" - "Ja. Ganz entschieden. Wenn ich jemanden schlagen würde, würde ich mich selbst nicht mehr mögen." - "Ich kann ganz schön schlimm sein, Jule. Ich hoffe, dass ich das zu dir und zu Marie nie bin." - "Du wirst nicht geschlagen. Weder von Marie noch von mir."

Sie hatte ihren Kopf an meinen Hals gelegt und weinte bitterlich. Sie war überhaupt nicht zu beruhigen. Ich habe sie bestimmt zehn Minuten nur festgehalten und an mich gedrückt. In der Zwischenzeit wurde das Essen kalt. Zum Glück hatte sie noch kein Insulin gespritzt. Nach zehn Minuten sagte sie: "Es tut mir leid, dass ich so neben der Spur bin und du das alles aushalten musst." - "Das ist völlig okay, es ist mir wichtig, dass du mir von den Dingen erzählst, die dich belasten. Du kannst sie nur verarbeiten, wenn du darüber redest." - "Ich habe dir doch gar nichts erzählt." - "Deine Tränen erzählen mir ganz viel, Helena." - Es dauerte einen Moment, dann sagte sie: "Wenigstens lachst du nicht über mich, wenn ich weine." - "Nein. Ich nehme dich und deine Sorgen ernst."

Plötzlich fing sie zu erzählen an. Eine Kurzgeschichte reihte sich an die nächste. Die Inhalte waren verstörend. Es bleibt mir ein Rätsel, wie man ein Kind so behandeln kann wie es die Pflegeeltern offenbar getan haben. Wie man einem Kind, noch dazu einem, das man freiwillig aufgenommen hat, permanent vermitteln kann, dass es unerwünscht und nutzlos sei. Ich verstehe es nicht. Es will nicht in meinen Schädel hinein. Was für mich immer klarer wird: Zum Konzept für die nächsten Jahre wird auch die Frage nach einer Psychotherapie gehören müssen. Nein, ich weiß, wir entscheiden das nicht.

Am späteren Abend hat sie ein Bild gemalt. Vorne liegt ein Buch, davor sitzt eine Möwe am Strand, dahinter ist das Meer, blauer Himmel, Marie und ich schwimmen. Was auffällig ist: Kinder zeichnen oft aus der Vogelperspektive. Quasi den Blick von oben auf das Geschehen. Nicht maßstabsgetreu, eher oberflächlich. Helena zeichnet aus ihrer Perspektive und macht daraus ein detailgetreues Bild, in dem Marie und ich den perspektivischen Fluchtpunkt bilden. Wie ein Foto, das auf uns fokussiert ist. Mit zwölf Jahren. Sehr ausdrucksstark.

Ihre ersten beiden Schultage sind offenbar sehr gut verlaufen. Sie hat Anschluss gefunden bei der Tochter einer Kollegin, die mit ihr in denselben Jahrgang geht. Und sich wohl auch noch mit einem anderen Mädchen angefreundet, das ich noch nicht kenne. Das Nachmittagsangebot der Schule haben wir bislang nicht nicht in Anspruch genommen, wie schon erwähnt, täglich bis 21 Uhr, wobei nach 17 Uhr wohl "nur noch" betreute Freizeit-Angebote sind. Aber dennoch, ich finde es klasse.

Und heute morgen? Hat sie den Frühstückstisch gedeckt. In aller Frühe, bevor ich sie wecken konnte. Mit einem Geburtstags-Topfkuchen, den sie gestern noch mit Marie zusammen gebacken hat. Kerzen drauf, eine Blume auf dem Tisch, die beiden haben Brötchen geholt ... so werde ich gerne geweckt. Es war Helena sehr wichtig, sagte Marie. Und ich habe mich sehr gefreut.

Sonntag, 19. August 2018

Unterste Schublade

An Verbesserungen gewöhnt sich der Mensch sehr schnell. Auch Stinkesocken gewöhnen sich sehr schnell an Verbesserungen. Und nehmen sie irgendwann vielleicht sogar als selbstverständlich hin. Zum Beispiel, wenn man zum Autofahren nicht mehr mit einem Schlüssel hantieren muss. Als Rollstuhlfahrerin bin ich mit beiden Händen stets beschäftigt, da ist es eine enorme Erleichterung, wenn ich keinen Schlüssel in die Hand nehmen muss, um ins Auto einzusteigen. Auch wenn mein allererstes Auto nicht mal eine Funk-Fernbedienung hatte, sondern ich noch mit dem Schlüssel im Türschloss herumfummeln musste und mich irgendwann gewundert habe, dass mein Schlüssel auch beim Auto nebenan passt, möchte ich den technischen Fortschritt nicht missen.

Ich gewöhne mich auch daran, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr verarbeitet, dass Menschen mit Behinderungen am Leben teilnehmen. Sehr viele im positiven Sinne. Sie nehmen es wahr, schauen vielleicht mal, fragen mitunter, sind unbeholfen ... alles kein Problem. Okay, wenn ich am selben Tag zum zwanzigsten Mal gefragt werde, ob ich Hilfe brauche, kann es nerven, aber immerhin fasst mich inzwischen fast niemand mehr einfach so an. Das war vor Jahren noch anders.

Manche Menschen haben aber bekanntlich große Probleme. Zu denen rechne ich auch einen jungen Mann, den ich gestern beim Einkaufen beobachtet habe. Normalerweise blende ich wegen der nach wie vor vorhandenen Gafferei sehr viel um mich herum aus. Manchmal bekomme ich in einer Fußgängerzone gar nicht mit, dass jemand an mir vorbeiläuft, den ich kenne. Wenn ich jemanden beobachte, hat das meistens einen sehr guten Grund. In diesem Fall war es ein sehr schlechter: Der Mann erlaubte sich einen Spaß damit, Einkaufswagen, die Menschen am Rand des Gangs geparkt hatten, ganz subtil in die Gangmitte zu ziehen, ebenso Rollcontainer und einen Pappkarton. Im ersten Moment dachte ich, er erlaubt sich einen Scherz auf Kosten eines Bekannten, der mit ihm einkauft und beim Suchen erstmal aufräumen muss.

Ein eher dämlicher Scherz, weil alle anderen Leute ja auch betroffen sind. Mein Lieblings-Scherz beim Einkaufen ist es, irgendwelche Waren, die man auf keinen Fall haben möchte, unbemerkt im gemeinsamen Einkaufswagen zu platzieren. Das funktioniert natürlich nur einmal im Jahr, aber es funktioniert. Kondome, weiße Schlüpfer in Größe 62, billigsten Schnaps in der Literflasche, eine Fünf-Kilo-Box Gummitiere, zwei Dosen Bier der Hausmarke, Inkontinenzhöschen, Fertiggerichte aus der Dose oder einen 12er Karton Scheuermilch. Zuletzt habe ich Maries Mama geprankt und, während sie an der Kühltheke war, vier Zweiliter-Pakete billigsten Wein in den Wagen gestellt. Und dann ganz leidenschaftlich nach den richtigen Tampons gesucht. In den ersten zehn Sekunden war sie sich nicht sicher, ob sie den richtigen Wagen erwischt hat, dann fragte sie ihren Mann: "Brauchst du günstiges Frostschutzmittel oder warum hast du diese Sterbehilfe hier reingestellt?" - Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er die vier Packungen und stellte sie in den Wagen, der herrenlos direkt daneben stand, und sagte: "Der hat sich im Wagen geirrt."

Jetzt musste ich nur noch hoffen, dass dieser Mensch nicht vor uns an der Kasse steht und dann erstmal der Marktleiter mit dem Stornoschlüssel aus dem Lager gerufen werden musste. Die ältere Dame, zu der der Wagen gehörte, runzelte eine Zeitlang die Stirn, ich hätte zu gerne ihre Gedanken gelesen. Dann packte sie den Wein zurück in unseren Wagen. Ich konnte den Drang, lachen zu müssen, kaum noch unterdrücken. Die Dame ging weiter, Maries Mutter kam zurück und sah den Wein schon wieder in ihrem Wagen liegen. Sie murmelte etwas mit "volltrunken", bevor sie den Wein wieder in das Regal zurückstellte, wo ich ihn hergeholt hatte.

Die gestrige Aktion des jungen Mannes richtete sich scheinbar gegen eine junge Frau, die hinter ihm lief und einen weißen Taststock in der Hand hielt. Sie musste sich ständig neu orientieren und das ganze Gerümpel zur Seite schieben, das der Typ vor ihr in den Gang geräumt hatte. Ich wollte nur noch herausfinden, ob die beiden vielleicht zusammen gehörten. Eine Neckerei? Ein Test, eine Prüfung? Aber danach sah es nicht aus. Bevor ich mich einmischen konnte, und ich hätte mich eingemischt, sprach ihn ein Mitarbeiter an. Ich konnte nicht hören, was er sagte, er redete jedenfalls auf den Typen ein, während er die Unordnung in seinem Laden wieder beseitigte. Für mich sah es so aus, als hätte der Spinner das direkt auf die offensichtlich sehbehinderte junge Frau abgesehen. Würde ich ihn damit konfrontieren, würde er vermutlich behaupten, dass er das nicht gesehen hätte.

Unsere Wege trennten sich. An der Kasse stand die junge Frau mit dem weißen Taststock plötzlich wieder vor mir. Von dem blöden Typen, der die Einkaufswagen in den Weg geräumt hatte, war nichts mehr zu sehen, dafür sprach sie jetzt die Kassiererin an: "Hallo, ich sehe Sie oft im Bus." - Häh? Soll sie jetzt antworten: 'Fein, ich Sie nicht.' Oder vielleicht: 'Ich fahre lieber Bus, weil ich mein Auto immer überall gegen lenke.' - Nein, sie antwortete: "Oh ja, ich fahre oft mit dem Bus Nummer ..."

Die junge Frau packte ihren Einkauf in ihren Rucksack und wollte mit Karte zahlen. Das ging alles ohne Probleme, und wenn ich nicht vorher ihren weißen Stock gesehen hätte, hätte ich von hinten nicht bemerkt, dass sie eine Sehbehinderung hat. Als sie alles im Rucksack hatte, faltete sie ihren Stock wieder auseinander und ging davon. Ich guckte die Kassiererin an, die glotzte dieser jungen Frau gefühlt endlos hinterher, wie sie zielstrebig direkt auf die Ausgangstür zuging, dann aber stehen blieb und einer Frau mit Kinderwagen auswich, die ihr entgegen kam.

Ich war kurz davor, die Kassiererin zu bitten, weiterzuarbeiten, da drehte sie sich zu mir um und murmelte: "Die ist mir schon immer suspekt gewesen. Haben Sie das gesehen? Sie ist der Frau ausgewichen, bevor sie Kontakt hatten. Bei dem Krach hier kann sie das nicht gehört haben, sondern nur gesehen."

What. The. Ich musste mich echt zusammenreißen. Ich antwortete: "Es ist ja nicht gesagt, dass sie gar nichts mehr sieht." - "Und warum hat sie dann einen Blindenstock?" - "Ich vermute, ihre Sehfähigkeit reicht nicht aus, um den Weg und alle Hindernisse rechtzeitig und zuverlässig zu erkennen. Und sie möchte ihre Umwelt sensibilisieren, dass sie nicht alles sieht." - "Wenn Sie mich fragen, ist das eine Betrügerin." - Ich holte tief Luft. Lohnte es sich? Ja. Ich antwortete: "Ich frage Sie aber nicht, und was Sie da behaupten, ist ungezogen, verachtend und respektlos. Sie sollten sich schämen." - "Was wissen Sie denn? Sie glauben gar nicht, was wir hier tagtäglich alles erleben." - "Nee, glaube ich Ihnen auch nicht. Wenn Sie jetzt vielleicht mal voran kommen könnten?!"

So eine blöde Schrippe. Ich hatte keinen Bock, mich noch über sie zu beschweren, dort rumzupetzen und in der Zwischenzeit wird mein Einkauf warm. Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen inzwischen aufgeschlossener gegenüber Menschen mit Einschränkungen geworden sind, schmerzt so ein Vorfall gleich wieder doppelt. Diese Vorverurteilung, diese unberechtigte Kritik von Menschen, die die Situation überhaupt nicht beurteilen können, kotzt mich an. Ich muss es wirklich so deutlich sagen: Es kotzt mich an.

Das sind die gleichen Menschen, die beim Rollstuhlfahrer behaupten, er würde zu Unrecht Sozialleistungen kassieren, denn er habe gerade seinen Fuß bewegt. Ich kann nicht oft genug erwähnen, wie viele Menschen mit Behinderung arbeiten (möchten) und wie viele Rollstuhlfahrer ich kenne, die laufen können. Einige sogar so gut, dass man auf den ersten Blick nicht vermuten würde, dass sie einen Rollstuhl zu Hause haben. Und morgen vielleicht mit dem unterwegs sind, weil sie ihr Tagespensum nicht anders schaffen. Es steht niemandem zu, die Entscheidung, wann jemand ein Hilfsmittel einsetzt und wann nicht, zu kritisieren. Schon gar nicht vor Dritten in Abwesenheit. Das war und ist wirklich unterste Schublade.

Samstag, 18. August 2018

Artgerecht

So viel, wie Marie und ich derzeit mit Behörden zu tun haben, habe ich bereits das Gefühl, ich rolle fast schon weltfrauisch auf den Ämtern ein und aus. Sofern ich denn hinein komme. Ich hatte in dieser Woche einen Termin auf dem für meinen Wohnort zuständigen Jugendamt, das nicht einmal barrierefrei ist. Dafür geht es drinnen aber alles auch etwas gemütlicher zu als in jenem für Helenas bisherigen Wohnsitz zuständigen.

An der Information saß eine ältere Dame, ich schätze zwei Jahre vor der Rente. Sie geriet in Aufregung, als ich vor ihrem Fenster freundlich winkte und ihr, nachdem sie nach draußen kam, erzählte, dass ich bei Frau ... einen Termin hätte. "Du liebe Zeit, da kommen Sie ja gar nicht hin! Warten Sie, da muss ich was überlegen. Wir sind hier nämlich gar nicht artgerecht."

Artgerecht? Bin ich im Zoo? Oder bin ich das exotische Tier, das sie am liebsten in einen Käfig stecken möchte, weil artgerechte Haltung nicht möglich ist? Sie wiederholte: "Da sind wir hier echt nicht artgerecht. Als dieses Haus gebaut wurde, hat man an sowas wie Sie gar nicht gedacht."

Sowas wie ich? Oder sowas wie das, worin ich sitze? Die Gute war hoffnungslos überfordert. Sie kam mit ihrem schnurlosen Telefon wieder raus. "Ich ruf da erstmal für Sie an. Hallo Frau ..., hier ist ein Rollstuhl, der will zu Ihnen. Was? Nee, natürlich, mit ner Behinderten drin, nicht leer. Was stellen Sie denn für Fragen?! Ich weiß nur nicht, wie wir die Behinderte jetzt die Treppe hochkriegen. Ich könnte ja mal drüben beim Bauhof anrufen, ob die vielleicht ein Brett haben oder eine alte Tischplatte oder sowas. Ob die uns da auf die Schnelle was auf die Stufen legen. Das könnte ich machen. Was? Ja, kommen Sie mal her, das ist eine gute Idee."

Fand ich auch. Mein Vorschlag: Akte mitnehmen, nebenan im Supermarkt ist ein Bäcker, dort stehen vier Tische, wir holen uns zwei Getränke und klären alles, was zu klären ist. Nee, das ginge nicht. Da könnte ja jemand mithören. Und überhaupt müsse das Telefon besetzt bleiben. Der Bauhof soll es richten. Es dauerte keine fünf Minuten, da kamen zwei Herren über den Hof. Einer ging schnellen Schrittes, der andere saß in einem Gabelstapler, auf dessen Dach eine gelbe Rundumleuchte rundumleuchtete. Wollten die mich etwa mit dem Ding stapelgabeln? Nee, auf der Gabel, mit der der Staplerfahrer prahlte, schwang scheppernd eine halbverrostete Stahlplatte auf und ab. Zwei Mann, vier Ecken, das Ding abgeladen und mit ungeheurem Getöse auf die Steintreppe geworfen, zwei Holzbohlen drunter, damit sich die ganze Konstruktion nicht so durchbiegt, und bevor ich was sagen konnte, wurde ich mit einem Ungeheuer-Katapult-Anschwung ins Amt befördert.

Mithören und Telefonbesetzung waren wohl nur zwei unwesentliche Gründe, warum das nicht drüben beim Bäcker ging. In das Büro der mich abholenden Dame kamen auch noch die Abteilungsleiterin, die Auszubildende und die Kollegin, weil man ja alles richtig machen wollte. Und man mache ja nicht selbst, sondern arbeite ja nur der vorgesetzten Dienststelle im Landkreis zu. Und überhaupt könne man in solchen Verfahren ja so viel verkehrt machen. "Und wir wollen ja alle, dass es dem kleinen Wurm gut geht später bei Ihnen. Wir müssen ja neutral bleiben, aber wir haben eben schon gesagt, wir finden das ganz toll, was Sie da machen wollen. Wir entscheiden das nicht, aber wir müssen etwas dazu schreiben, ob von uns aus Gründe dagegen sprechen."

Nach dreißig Minuten kam der Amtsleiter zu uns, stellte sich vor, freute sich, mich kennenzulernen. Und wies seine Abteilungsleiterin an, sie möge acht geben, dass beim Herabfahren sich "einer der Männer" mit seinen Füßen auf die untere Kante der Rampe stelle. Nicht, dass das abrutscht. "Im schlimmsten Fall muss ich danach im Rollstuhl sitzen", konnte ich mir nicht verkneifen. Für zwei Sekunden überlegte er, vermutlich wusste er nicht, ob er lachen sollte, dann kam schallendes Gelächter aus ihm heraus: "Ihren Humor haben Sie jedenfalls nicht verloren, das finde ich gut."

Nee, hab ich nicht. Helena geht ab Montag auf eine Gemeinschaftsschule, die rund einen Kilometer von uns entfernt ist. Es handelt sich um eine Offene Ganztagsschule, wo an jedem Schultag bis 21 Uhr Betreuung angeboten wird. Neben Mittagessen und Hausaufgaben-Betreuung finden dort auch Nachhilfe, Förderunterricht, Sport, Theater und Musik statt. Man kann sich dort einerseits für regelmäßige Angebote eintragen (wie zum Beispiel Unterricht an einem Musikintrument), man kann aber auch individuelle Angebote für sieben bis vierzehn Tage im Voraus buchen, wie Nachhilfe in einem bestimmten Unterrichtsfach. Das hilft natürlich sehr, weil man dann (wenn es gut läuft) solche Maßnahmen an jenen Tagen veranstalten kann, an denen Marie und ich nachmittags arbeiten müssen. Dass wir beide gleichzeitig Nachtdienst haben, wird sich wohl verhindern lassen.

Und ein wenig Glück muss man ja auch haben: Maries Mutter hat uns den Kontakt zu einer Kollegin vermittelt, die im selben Ort wohnt wie wir, und zwei Kinder hat (davon eine Tochter in Helenas Alter). Beide Kinder gehen auf diese Gemeinschaftsschule. Der Vater arbeitet in demselben Krankenhaus, in dem ich zur Zeit freigestellt bin, allerdings in einem anderen Bereich. Zur Familie gehört ein Hund, mehrere Pferde und jede Menge andere Tiere. Wir waren gestern zusammen mit Maries Mutter dort. Helena und die Tochter der Kollegin schienen gleich auf einer Wellenlänge zu sein. Während die Erwachsenen sich bei Kaffee und Kuchen kennenlernten, waren die beiden jungen Mädchen sofort damit beschäftigt, alle Tiere zu begutachten. Auch wenn nicht gesagt ist, dass die beiden gleich beste Freunde werden, sehe ich zumindest die Chancen steigen, dass Helena nicht gleich zur Außenseiterin in der neuen Klasse wird. Ich hoffe wirklich sehr, dass das alles klappt. Dass man Helena nicht in "ihre" Stadt zurückholt, sondern (offiziell für acht Wochen) hier belässt, weckt in mir diskreten Optimismus.

Heute waren Marie und ich für zwei Stunden in der Ostsee schwimmen. Ernsthaft schwimmen, also mit dem Ziel, Strecke abzureißen, Kondition aufzubauen und Kalorien zu verbrennen. Wir hatten einen Schwimm-Neo und Socken an, da derzeit viele Feuerquallen unterwegs sein sollen. Zum Glück hatten wir keine Kontakte damit an Händen und Gesicht. Helena saß in der Zeit auf eigenen Wunsch mit einem Buch am Strand. Ein Iglu schützte sie mehr vor dem Wind als vor der Sonne. Sie hat auch ein paar Fotos gemacht, Steine gesammelt, ich habe das Gefühl, ihr geht es gut.

Das Wasser war wärmer als die Luft, der Wind blies in Stärke 3 bis 4, seitwärts, also parallel zur Küste, so dass man weder vom Wind noch von irgendwelchen Strömungen auf das offene Meer hinausgezogen wurde. Es waren also anstrengende, aber schöne Trainingsbedingungen. Als Marie und ich wieder bei Helena angekommen waren und uns gerade wieder in das flachere Wasser bewegten, kam Lukas in Badehose ins Wasser gelaufen. Jener junge Mann aus meinem derzeitigen Schwimmverein, der in mich verknallt ist, sich seit Monaten aber nicht traut. Nun kam natürlich hinzu, dass ich einige Male nicht beim Training war. Heute begegneten wir uns an der Stelle, an der er gerade noch stehen konnte. Er streckte Marie seine Hand zu einem High-Five hin, um mich hüpfte er herum, umklammerte mich von hinten um meinen Bauch, hob mich ein paar Zentimeter nach oben und schaukelte mich übermütig durch die Wellen. Dabei drückte er meinen Po fest an seinen Bauch. Anders herum wäre es bestimmt schöner gewesen, aber immerhin passierte mal irgendwas. Ich drehte meinen Kopf schräg zur Seite, um ihn zu sehen, er sagte mir ins Ohr: "Du siehst bombe aus in dem Teil. Und fühlst dich auch so an. Ich will ein paar Meter schwimmen. Ihr wollt raus? Viel Spaß noch, ich will nicht länger stören."

Und bevor ich irgendwas sagen konnte, war er mit dem Kopf im Wasser und kraulte davon. Ohne Neopren. Ich hoffe, auch ihn berühren die Quallen nicht. Drei Jungs aus seiner Trainingsgruppe kamen hinterher, ebenfalls nur mit Badehose bekleidet. Helena machte Fotos von einer Seemöwe, die sich frech bis auf zwei Meter an sie heran traute, vermutlich in der Hoffnung, etwas zu fressen abzugreifen. Es ist zwar noch immer ein wenig ungewohnt, dass Helena derzeit ständig bei uns ist. Aber ich würde sie bereits jetzt sehr vermissen, wenn sie plötzlich nicht mehr da wäre.

Mittwoch, 15. August 2018

Mehr als eine Nacht

Am Montag war ich mit Helena schwimmen. Im Schwimmbad. Wir hatten ein Becken fast ganz für uns alleine, wir hatten eine Badaufsicht fast für uns alleine und wir haben im flachen Wasser angefangen. In Rückenlage. Es hat einige Zeit gedauert, bis sie sich soweit fallen lassen konnte, dass sie sich flach in Rückenlage auf das Wasser gelegt und ihre Arme ausgebreitet hat. Der schwierigste Punkt war, dass sie merken musste, dass das Wasser sie trägt. Dazu taucht in Rückenlage der Kopf fast komplett ein, am Ende sind die Ohren unter Wasser und nur die Augen, die Nase und der Mund schauen raus. Als Helena verstanden hatte, dass sie bis an diese äußerste Grenze gehen muss, um Erfolg zu haben, klappte es. Ein paar Mal habe ich die Kopfhaltung korrigieren müssen, damit ihr das Wasser nicht über den Mund läuft, aber dann lag sie, anfangs noch etwas verkrampft, später recht locker, auf dem Wasser. Am Ende hat sie sogar zwei, drei Mal mit ihren Armen Schwung gegeben. Es wird noch zwei, drei Stunden dauern, bis sie die erste Bahn alleine schwimmt. Aber sie hat verstanden und Marie zu Hause als allererstes ganz stolz erzählt, dass sie das Schwimmen lernen wird. Der übliche Satz kam auch von ihr: Sie hätte nicht geglaubt, dass das geht.

Am frühen Abend bekam ich einen Anruf. Ob ich bitte, bitte einen einzelnen Nachtdienst machen könnte. Eine Kollegin sei krank geworden und man könne die Quote nicht mehr einhalten, die man bräuchte. Auf einen Nachtdienst bereite ich mich ja gerne vor, indem ich mich nachmittags sehr ausruhe und nicht noch Schwimmen gehe. Aber okay. Am Ende musste ich gar nichts machen, bin um elf Uhr in ein Bereitschaftszimmer gerollt, habe mich hingelegt, bin eingeschlafen und baute plötzlich eine weinende Männerstimme in meinen Traum ein, die tatsächlich im Bereitschaftszimmer herzzerreißend schluchzte: "Das Paradies ist abgebrannt. Ich hab Heimweh, ich will nur weg. Ganz weit weg. Ich will fort. Ganz weit fort." - Ich wachte auf und im selben Moment brüllte Purple Schulz: "Ich will raus!" scheppernd durch den Radiowecker, dessen Sleeptimer ich benutzt hatte. Ich musste mich erstmal orientieren, bevor ich mit Gänsehaut am ganzen Körper das Ding im völlig abgedunkelten Zimmer gefunden und abgestellt hatte. Wieso um alles in der Welt muss man sowas senden, wenn Socke einschlafen will?

Am nächsten Morgen bin ich wieder aufgestanden und nach Hause gefahren. Habe frische Brötchen mitgebracht und anschließend damit begonnen, unsere Bewerbung für Helena zu schreiben. Sie hat inzwischen gefragt, ob sie nicht auch länger bei uns bleiben könnte. Ob wir es uns nicht vorstellen könnten, dass sie bis zum Halbjahreswechsel [in der Schule, also Ende Januar 2019] bleibe. Sie wisse, dass sie eine Last sei, aber wenn sie immer lieb sei und keinen Ärger mache, dann sei sie doch vielleicht nur eine kleine Last und es wäre dann vielleicht einen Versuch wert.

Ich habe ihr erstmal erklärt, dass sie keine Last ist. Sondern ihre Berechtigung hat mit allen Herausforderungen, die ein Kind oder ein pubertierender Teenager mit nach Hause bringt. Mit allen Launen und jedem Ärger, den das mitbringt. Aber dass so etwas eben auch nur funktionieren kann, wenn wir auf diese Herausforderungen eine Antwort finden, mit der alle leben können. Und dass es sehr fraglich ist, ob wir dafür überhaupt die Zustimmung des Jugendamtes bekämen. Und wenn, dann nicht für ein halbes Jahr. Zwar immer mit der Option, etwas, was überhaupt nicht mehr funktioniert, zu beenden, aber schon auf Dauer ausgerichtet. Helena fand das klasse. Allerdings weiß ich auch, dass ihre Angst vor dem Wohnen in einer Einrichtung ihre Meinung sehr beeinflusst.

Wir haben das Angebot, dass sie eine Ganztagsschule besucht. Damit wird es sich hinbekommen lassen, dass immer einer von uns erreichbar ist. Marie und ich werden nicht gleichzeitig Nachtdienst haben, das lässt sich immer einrichten. Und für alles andere lassen sich individuelle Lösungen finden. Eine Zwölfjährige ist kein Baby mehr und sie wird auch mal eine Stunde oder zwei alleine zu Hause sein können, ohne dass die Welt davon untergeht. Marie und ich wissen, dass wir damit eine ernste Entscheidung getroffen haben, von der die Entwicklung eines Kindes abhängig ist. Aber wir sind uns sicher, dass wir es schaffen können und dass wir es gut hinbekommen werden. Wir haben mehr als eine Nacht darüber geschlafen.

Helena ist übrigens als Klappenkind zu Pflegeeltern gekommen.

Samstag, 11. August 2018

Shoppen und so

Helena und ich waren heute morgen in der nächstgrößeren Stadt zum Klamotten shoppen. Mich nervt es absolut, durch enge Gänge von Bekleidungsgeschäften zu rollen, an jedem zweiten Kleiderständer aufzupassen, dass man nichts herunterreißt, schmutzig macht, ständig laufen mir Leute vor den Rollstuhl, die ihre Augen nur auf das nächste Schnäppchen gerichtet haben, es ist laut, stickig - und es ist Samstag morgen. Aber Helena hat gerade einmal zwei Hosen. Davon ist eine eigentlich fertig, so dass sie in Sporthose durch die Gegend läuft, wenn ihre Jeans in der Wäsche ist. Vielleicht geht es anderen Menschen auch so, aber hier ist es unnötig.

Helenas erste Reaktion war: "Die Idee ist supertoll, aber wer soll das bezahlen?" - "Wir schauen mal, ob wir überhaupt was finden, und dann lege ich das aus und hole es mir vom Jugendamt wieder. Wir können ja nun nicht warten, bis das durch alle Mühlen hindurch ist." - Helena weiß natürlich nicht, dass ich, ohne vorher einen Antrag gestellt zu haben, vermutlich niemals irgendetwas zurückbekommen werde. Aber das ist mir gerade egal, denn ich möchte, dass dieses Kind vernünftig herumläuft und sich wohlfühlt. Und mir tut das nun wirklich nicht weh.

Dasselbe gilt für den Friseur. Helena hat in der Substanz sehr gepflegte, lange Haare, aber in den letzten Monaten war da kein Friseur mehr dran. Vielleicht reicht es, wenn die Pflegemutter eine Haushaltsschere schwingt, aber für mich gehört auf einen Kopf ein Haarschnitt. Das muss nichts besonderes sein, aber wenigstens die Spitzen sollten auf einer Länge und die ganze Frisur irgendwie symmetrisch sein.

Gestern kümmerte ich mich bereits um Finger- und Fußnägel. Ob man die mit zwölf Jahren selbst schneiden können sollte, ist nirgendwo festgelegt. Manche Kinder machen das schon mit acht Jahren, zumindest an einer Hand, andere sind mit vierzehn Jahren noch völlig unbeholfen. Helena hat wohl immer mal versucht, sich die Fingernägel zu schneiden, aber dann eher schief und mit scharfen Kanten. Nun muss man wissen, dass jemand mit einer (leichten) Cerebralparese es nochmal erheblich schwerer hat. Insbesondere die Fußnägel brauchten dringend mal eine Pflege. Ihr war das extremst peinlich.

Und zum Thema Cerebralparese bin ich auch etwas angepiekst. Ich hatte auch schon mit Maries Mutter darüber gesprochen. Helena läuft insbesondere barfuß und auf Parkett- oder Fliesenboden wie ein Schwan auf dem Trockenen: Platsch, platsch, platsch. Eindeutige Fußheberschwäche mit Kompensationsbewegungen aus Knie und Hüfte. Entsprechend instabil und wenig grazil sieht das Ganze aus. Man könnte dem Kind mal Orthesen geben für das Fußgelenk, vielleicht reicht es schon, wenn nur der Knöchel stabilisiert wird, vielleicht muss bis zum Schienbein hoch Stabilität her - aber es wäre doch sehr wichtig, dass sie ihre Beine nicht falsch belastet, wenn sie geht. Ich habe beim Fußnägelschneiden, natürlich mit ihrem Einverständnis, mal zwei Reflexe überprüft. Oder eher vier, da beidseitig. Weder links noch rechts funktionieren die Eigenreflexe der Beine, was immer klärungsbedürftig ist. Maries Mutter meinte, das gibt es eigentlich nicht, dass ein Kind heutzutage durch alle Netze fällt, gerade wenn das Jugendamt dran ist. Nach Helenas Aussage wurde sie auch etwa bis zum sechsten Lebensjahr eng durch den Kinderarzt betreut, allerdings habe sich um ihr Gangbild nie jemand gekümmert.

Hinzu kommt, und damit sind wir wieder beim Shoppen, dass sie nach einem Kilometer an ihrer Belastungsgrenze ist. Sie kann dann einfach nicht mehr. Sie will zwar noch hierhin und dorthin, aber dann setzt sie sich an der Bushaltestelle auf die Bank und meint, sie brauche mal einen Moment Pause. Quatscht mit mir, dann geht es irgendwann weiter, aber nach weiteren 500 Metern ist sie wieder am Limit. Vom Sportunterricht in der Schule sei sie einerseits befreit gewesen, weil sie immer schon k.o. war, wenn sie an der Sporthalle ankam, wegen ihrer Behinderung; andererseits habe sie nicht mal Physiotherapie dauerhaft gehabt. Für zwei Kilometer brauchen wir mit Pausen fast 45 Minuten. Am Ende ist sie bei mir auf dem Schoß mitgefahren für das letzte Stück bis zum Auto. Zum Glück sind wir nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, sondern hatten das Auto zentral geparkt.

Immerhin haben wir einige Klamotten gefunden und sie muss nicht mehr jeden Tag dieselbe Hose anziehen. Schuhe müssen wir nochmal an einem anderen Tag besorgen. Sie steht übrigens sehr auf sportliche und figurbetonte Sachen. Sporttights, Sporttops, irgendwann kam sie mit einem Hoodie um die Ecke, hatte die Kapuze und eine Sonnenbrille aufgesetzt, machte plötzlich auf Gangster-Rapperin - war recht amüsant. Hoodie haben wir mitgenommen, Sonnenbrille hat sie von sich aus gleich wieder weggehängt.

Im Moment schläft sie mit T-Shirt und Slip. "Wollen wir auch noch nach einem Schlafanzug gucken?" - In ihren Größen war alles mit Einhörnern, Regenbögen, Mickey Mouse oder Meerjungfrauen bedruckt. "Oah, Jule, ehrlich, das ist nur Mist hier. Wer zieht denn sowas an? Das sind so Dinge, die einem Großeltern zu Weihnachten schenken und Freude erwarten." - Eine Verkäuferin, die gerade etwas weghängen wollte, lachte: "Ich denke das auch immer. Meine Tochter zieht sowas auch nicht an. Mit acht Jahren ist das noch okay, aber danach nicht mehr."

Wir gingen weiter, plötzlich meinte sie: "Wenn ich 18 bin, schlafe ich sowieso nur noch nackt." - Warum formulierte sie das so? Sollte ich darauf reagieren? Oder hatte das keinen tieferen Sinn? Ich fragte: "Warum erst mit 18?" - "Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich schonmal ganz ausgezogen im Bett. Keine Angst, nicht jetzt bei dir. Aber es war halt immer ein Spiel mit dem Feuer." - "Wovor sollte ich Angst haben und warum ist es ein Spiel mit dem Feuer?" - "Hätte meine Pflegemutter das mitbekommen, hätte es richtigen Anschiss gegeben. Ich habe sie mal gefragt, als es ganz heiß draußen war, da meinte sie, sie hätte keine Lust, täglich die Bettwäsche zu waschen." - "Das ist doch albern." - "Also darf ich bei euch auch nackt schlafen?", fragte sie keck. Ich antwortete: "Solange du nicht nackt zum Frühstück kommst und du deine Bettwäsche oft genug wechselst, sehe ich darin kein Problem." - "Meinst du das jetzt ernst?" - Natürlich meinte ich das ernst. Kann mir mal bitte jemand erklären, was die mit diesem Kind gemacht haben?!

Später, im Auto, sagte sie: "Hast du eigentlich gemerkt, dass ich, seit ich bei euch bin, kein einziges Mal gelogen habe?" - Ich musste einen Moment überlegen, wie ich hierauf am Besten antworte. Ich entschied mich für: "Ich vertraue dir, dass du mir die Wahrheit sagst und zuletzt immer nur gelogen hast, weil deine Pflegeeltern nicht fair zu dir waren. Ich habe deswegen auch noch nie überprüft, ob das, was du sagst, die Wahrheit ist. Sondern ich habe dir geglaubt." - "Es ist mir nicht mal schwergefallen. Weißt du, wie das ist, wenn man für jeden Blödsinn Ärger bekommt? Weißt du, wie glücklich ich gerade bin, weil ich seit einer Woche scheinbar auch mal was richtig mache?"

"Ich fand es bisher noch gar nicht so kompliziert mit dir. Ich glaube einfach, dass du viele Dinge, gerade wenn du in Situationen kommst, in denen du bisher gelogen hast, neu lernen musst. Sowas kann man üben." - "Wie zum Beispiel?" - "Wenn jemand dir zum Beispiel eine Frage stellt, auf die du nicht antworten möchtest und bei der du dir überlegst, zu lügen, könntest du auch einfach im ersten Schritt gar nichts sagen. Statt etwas Unwahres zu sagen. Und dann in Ruhe überlegen, ob du nicht deinen Konflikt benennst. Also dann zum Beispiel sagst: 'Die Frage finde ich gerade sehr intim. Ich möchte darauf nicht antworten.'" - "Und dann?" - "Dann ist das entweder so okay oder man spricht mit dir darüber, warum deine Antwort schon wichtig wäre." - "Sind das in deinen Augen keine Widerworte?" - "Ich finde eine Haltung, ein Kind dürfe keine Widerworte geben, inakzeptabel. Ein Kind darf mir gerne sagen, wenn es sich unwohl fühlt."

Ganz plötzlich wechselte sie das Thema. Und fragte mich, ob ich ihr das Schwimmen beibringen kann. Na sicher, junge Frau. Nur nicht mehr heute.

Freitag, 10. August 2018

Plastikkisten

Inzwischen haben auch Maries Eltern und Helena sich kennengelernt. Sollte es tatsächlich so sein, dass wir uns darum bewerben werden, Helena dauerhaft bei uns aufzunehmen, ginge das nur, wenn Maries Eltern das zumindest ideell unterstützen. Ein gemeinsames Grillen bei uns zu Hause bot eine gute Möglichkeit, sich zu beschnuppern. Ich war vor allem sehr gespannt darauf, wie Helena mit Maries Papa zurecht kommen würde, weil ich sie bisher noch nie im Dialog mit einem Mann erlebt habe. Manchmal gibt es ja, wenn ein Kind Gewalt durch einen Angehörigen eines Geschlechts ausgesetzt war, grundsätzliche Vorbehalte gegen andere Menschen desselben Geschlechts. War hier aber überhaupt nicht der Fall. Anfangs war sie sehr aufgeregt und schüchtern, das hat sich aber sehr schnell gelegt. Ich weiß, dass Maries Papa normalerweise in der Freizeit nicht viel über seinen Job als Polizist spricht, aber als Helena interessiert nachfragte, konnte er sie mit einigen Details in seinen Bann ziehen.

Maries Eltern rieten uns am Ende weder zu noch ab, sagten aber, dass sie hinter jeder Entscheidung hundertprozentig stehen. Sie fänden es gut, wenn wir uns für eine dauerhafte Aufnahme von Helena bewerben würden, sofern wir das zeitlich und organisatorisch hinbekämen, sie könnten es aber auch verstehen und vertreten, wenn wir uns dagegen entscheiden. Immerhin wird Helena uns mindestens sechs Jahre beschäftigen, davon ist erstmal auszugehen, und es wird, auch wenn sie derzeit noch so pflegeleicht zu sein scheint, ernsthafte Probleme geben. Wenn ich wüsste, dass sich das einspielt und Marie und ich mit Helena zumindest im alltäglichen Leben gut zurecht kämen, dann wäre nur der Gedanke daran, einem Kind mit einer Einbindung in unseren Alltag enorm zu helfen, ein großer Lohn. Andererseits haben wir uns beide derzeit ganz bewusst gegen eigene Kinder entschieden - zumindest aktuell. Andererseits ist ein zwölfjähriges Kind auch anders als ein Säugling. Derzeit sagen unsere beiden Herzen "ja" und unsere beiden Köpfe "nein". Vermutlich wird das Herz siegen, falls der Kopf keine Argumente mehr findet. Aber es ist wirklich keine leichte Entscheidung. Danke für die vielen Kommentare, die mich gerade überwiegend ermutigen.

Helena, Marie und ich haben heute erneut persönlich mit der Dame vom Jugendamt und mit ihrem Vormund gesprochen. Helena darf auch weiterhin bei uns übergangsweise bleiben. Bis zu einer Dauer von insgesamt acht Wochen sehen die Verantwortlichen keine Schwierigkeiten, solange es Helena gut geht. Das wäre bis Ende September. Das heißt nicht, dass nicht vielleicht in der nächsten oder übernächsten Woche eine geeignete Einrichtung oder übergangsweise eine Bereitschafts-Pflegefamilie zur Verfügung steht, wo Helena zunächst hinkommen kann. Es heißt nur, dass bis dann eine Art "Besuch", und als solcher wird es im Moment gesehen, prinzipiell möglich ist. Insbesondere soll nächste Woche geklärt werden, auf welche Schule sie nach den Sommerferien erstmal geht. Und es ist heute dafür gesorgt worden, dass ihre persönlichen Gegenstände erstmal zu ihr kommen. Sie hatte ja bisher lediglich für wenige Tage gepackt.

Insgesamt vier große Plastikboxen bekam ich von einem Mitarbeiter eines Sozialdienstes übergeben, der diese wohl bereits gestern bei Helenas ehemaligen Pflegeeltern abgeholt hatte. Als Helena das Zeug sah, war sie mehr als aufgeregt, weil wohl entscheidende Dinge fehlten. Also fuhr, während wir warteten, erneut jemand zu der Adresse und holte auf Helenas Beschreibung unter anderem eine "Schatzkiste" aus einem Hohlraum hinter einem Schlafsofa. Das ganze Hab und Gut einer Zwölfjährigen passte in nicht mal ein halbes Dutzend Plastikkisten. Sehr viele Bücher waren dazwischen, eine Sporthose (zu den zwei Jeans, die sie in ihrer mitgebrachten Sporttasche hatte), ein zweites Paar Schuhe, drei Sweatshirts und insgesamt vielleicht acht bis zehn T-Shirts. Ein Dutzend Unterhosen und vielleicht sechs Paar Socken. Ein wenig persönlicher Kleinkram. Ein Kuschelkissen. Keine einzige Jacke, sondern lediglich ein etwas dickerer Fleece-Pullover. Ich hätte beinahe gefragt, wo der Rest ist, als sie sagte: "Jetzt scheint alles da zu sein."

Heute abend war ich zu einem Beratungskurs zum Thema Pflegekinder und Pflegeeltern. Sechs andere Menschen waren unter den Zuhörern. Es dauerte gut zwei Stunden, mit Hin- und Rückfahrt insgesamt rund viereinhalb Stunden. Die Veranstaltung war inhaltlich eher langweilig. Ich hatte den Eindruck, sie richtet sich an Menschen, denen man wirklich alles vorkauen muss und die keine eigenen Überlegungen anstellen können. Solche Dinge wie: "Was macht es mit einem Kind, wenn eine Bezugsperon stirbt?" - Ich hatte gehofft, dort zumindest mehr Entscheidungshilfe zu bekommen. War leider nichts. Vermutlich bin ich mit den falschen Erwartungen dorthin gefahren.

Mittwoch, 8. August 2018

Nicht ohne Hilfe

Natürlich sind Helena und ich nicht völlig überraschend beim Jugendamt aufgetaucht, sondern ich habe uns vorher per Mail angekündigt. Klar, am Wochenende liest niemand seine dienstlichen Mails, aber immerhin hatte die zuständige Mitarbeiterin so direkt zu Dienstbeginn eine Information. Es war etwa 7.35 Uhr, als mein Handy klingelte. Nachdem ich in der Mail nur zwei Sätze geschrieben habe, sagte sie: "Frau Socke, mit Verlaub, Sie kommen gerade von der Uni, sind noch sehr jung, sind persönlich betroffen: Darf ich bitte einmal ausschließen, dass Sie aus einer möglichen Unerfahrenheit heraus Dinge anders bewerten als wir es hier tun? Wir wissen, dass die Pflegeeltern zu den eher strengeren gehören und mitunter etwas konservativere Ansichten haben als Ihr Jahrgang. Wenn da Grenzen überschritten sind, können wir uns vielleicht in einem geordneten Rahmen treffen und gemeinsam überlegen, was wir für Helena tun können. Braucht es wirklich diesen Notfallrahmen? Brauchen wir ein Gespräch heute morgen?"

"Ich kann nicht ausschließen, dass Helena hier eine Märchenstunde veranstaltet und uns Dinge erzählt hat, die sich hinterher als falscher Alarm herausstellen. Ich habe dafür aber keine Anhaltspunkte. Für mich klingt das plausibel, schlüssig, zu detailreich, auch auf Nachfragen, und vor allem inhaltlich zu reflektiert, um ausgedacht zu sein. Nach ihren Schilderungen werde sie gewohnheitsmäßig körperlich misshandelt, durch Schläge, auch mit Gegenständen, es sei auch schon mit Messern nach ihr geworfen worden." - "Ach du liebe Scheiße. Das hat ja gerade noch gefehlt. Ja, da müssen Sie kommen. Ist Helena noch bei Ihnen?" - "Ja." - "Dann bringen Sie sie bitte mit. Sie können ihr sagen, dass wir auf ihrer Seite sind und ihr helfen werden."

Im Auto fragte ich Helena: "Hast du Angst?" - "Ja." - "Wovor?" - "Dass ich in ein Heim gesteckt werde. Bist du erstmal drin, kommst du nie wieder aus diesen Mühlen heraus. Und wenn du irgendwann rauskommst, bist du nicht mehr die, die du warst, als du reingegangen bist. In diesen Einrichtungen ist kein Platz für jemanden wie mich." - "Ich habe das nicht zu entscheiden. Aber ich werde alles versuchen, um dir das zu ersparen. Möchtest du zurück zu deinen jetzigen Pflegeeltern?" - Natürlich war mir klar, dass das niemals in Betracht kommen würde. Sie antwortete: "Es wäre besser als ein Heim oder eine Jugendeinrichtung, aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich lieber mit Menschen zusammenleben, die so cool sind wie Maries Eltern. Ich kenne sie zwar nicht, aber was ich so von Marie gehört habe, müssen sie cool sein. Marie ist auch so cool. Überhaupt seid ihr beide cool. Vielleicht schicken sie mich auch in eine andere Stadt. Wo ich niemanden kenne und alles von vorne anfangen muss. Ich habe so etwas mal im Fernsehen gesehen. Darf ich euch dann trotzdem mal besuchen kommen? Ich meine, für ein Wochenende wie dieses?" - "Na sicher."

Wir wurden bereits erwartet. Zwei Mitarbeiterinnen setzten sich mit Helena und mir an einen großen runden Tisch in einem großen Raum. In der Ecke stand ein großer Tischkicker, auf dem einige Broschüren abgelegt waren. Unter der Decke hing ein Fernseher. Ausgeschaltet. Ein Kalender hing an der Wand und war seit Wochen nicht mehr aktualisiert worden. An der anderen Wand hing ein großes Bild aus einem Hafen. "Möchtest du ein Wasser? Oder einen Fruchtsaft?" - "Wasser. Bitte." - Man schlug vor, dass Helena zunächst einfach nur das erzählt, was sie erzählen möchte, und man anschließend mit ihr ein Protokoll anfertigt, während man parallel auch nochmal mit mir redet.

Helena begann zu weinen, bevor sie den ersten vollen Satz über die Lippen brachte. Dann stand sie auf, ging zum Fenster und schaute nach draußen. Niemand sagte was. Nur ihr Schluchzen war zu hören. Dann drehte sie sich um, lehnte sich gegen die Fensterbank und sagte: "Es ist alles Scheiße. Und ich weiß nicht mal, was ich falsch gemacht habe." - "Vermutlich gar nichts", antwortete ich, rollte zurück und deutete auf meinen Schoß. Ohne zu zögern kam Helena zu mir, setzte sich auf meinen Schoß, lehnte sich an meinen Oberkörper an und begann zu erzählen. Die beiden Mitarbeiterinnen hörten zu.

Helena war schon lange fertig, als die Frage kam, auf die ich schon gewartet habe: "Warum hast du bisher niemandem davon erzählt?" - Helena antwortete: "Das ist doch eine Bombe. Sie lassen alles stehen und liegen, um mit mir noch heute zu sprechen. So eine Bombe zünde ich doch nicht alleine. Nicht, ohne dass mir jemand hilft." - Ich schluckte mehrmals und gab mir größte Mühe, nicht zu weinen anzufangen.

Eine weitere Frage wurde ihr gestellt: Angenommen, sie würde in eine andere Stadt ziehen, wie sehr würde sie ihre Freunde vermissen? Helena antwortete: "Welche Freunde denn? Mit mir will doch schon lange niemand mehr etwas zu tun haben. Früher wurde ich auf jeden Kindergeburtstag eingeladen. Aber irgendwann hat die Mutter meiner damals besten Freundin gesagt, dass sie mich nicht mehr einladen, weil ich ja auch niemanden zu meinem Geburtstag einlade. Und wenn erstmal ein Kind damit anfängt, ist es aus." - "Warum hast du denn niemanden zu deinem Geburtstag eingeladen?", fragte ich und ahnte schon die Antwort, ohne bisher mit Helena darüber gesprochen zu haben. Ja, die Pflegeeltern wollten das nicht.

Wie wir inzwischen wissen, hat Helena mich nicht angelogen. Die Pflegemutter habe inzwischen sowohl die Messerwürfe als auch die wiederholten Schläge durch den Pflegevater bestätigt. Zu den Gründen durfte man mir nichts sagen. Allerdings sagte mir die Dame vom Jugendamt telefonisch: "Aus unserer Sicht sind sie absurd."

Soweit ich weiß, laufen Ermittlungen gegen die bisherigen Pflegeeltern. Und Helenas Unterbringung? Eine Pflegefamilie, die sie sofort aufnehmen könnte, sei nicht zu finden. Möglicherweise entschärfe sich die Situation nach den Sommerferien etwas. Aber versprechen könne man nichts. Die Einrichtung, die jetzt einen Platz frei räumen würde, ist jene, vor der Helena besonders viel Angst hat. Wegen ihrer Erkrankung ist ein hoher Pflegeaufwand nötig, der sei nur dort realisierbar. Weil dort so viel Personal ist, sind dort aber auch die ganzen Leute, die sich in keiner Pflegefamilie zurecht fänden.

Helena wechselt mit Beginn der Klasse 7, also in den nächsten Wochen, die Schule. Aus technischen Gründen, die nicht in ihrer Person liegen. Man wird so schnell nichts Geeignetes für sie finden. Damit ist das nächste Problem (fehlender Anschluss, fehlende Kontinuität, mindestens ein Wechsel mitten im Schuljahr) vor der Tür. Ich habe im Gefühl, dass aktuell vieles bei ihr noch gut läuft (oder besser). Ich habe auch im Gefühl, dass gerade jetzt sehr viel in die falsche Richtung gelenkt werden kann. Ich habe das Gefühl, dass die Mitarbeiterin des Jugendamtes das genauso sieht, auch wenn sie das nicht gesagt hat.

Ich habe dem Jugendamt angeboten, dass Helena in den nächsten Tagen und auch in den nächsten Wochen bei uns ein Gästezimmer hätte. Bis zum nächsten Wochenende wolle man das Angebot in Anspruch nehmen, man müsse allerdings noch einiges mit dem Familiengericht und dem Vormund klären. Aber erstmal sei das die beste Lösung. Die Mitarbeiterin fragte mich unter vier Augen: "Darf ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen? Spielen Sie mit dem Gedanken, Helena dauerhaft bei sich aufzunehmen?"

Ich antwortete: "Das ist eine sehr schwierige Frage. Zuerst weiß ich nicht, was besser ist. Wenn ich für sie eine Anlaufstation in der Not sein kann, so wie ein Kind vielleicht mal zur Oma rennt, wenn es zu Hause zu viel Theater gibt, bin ich sofort dabei. Wenn ich aber wüsste, dass ich Helena damit, dass sie bei uns wohnt, vor etwas Schlimmerem bewahren könnte, dann würde ich mir später ständig Vorwürfe machen, warum ich darüber nicht nachgedacht habe. Also denke ich demnächst darüber nach. Ich weiß noch nicht, ob wir das schaffen würden." - "Sie sollten auf jeden Fall darüber ernsthaft nachdenken. Und sich entscheiden. Dafür oder dagegen. Helena wird diese Frage in den nächsten Tagen stellen, und dann machen Sie vieles richtig, wenn Sie ihr eine klare Antwort geben können. Nicht, ob das klappt. Sondern ob Sie sich das grundsätzlich vorstellen können."

"Würde ich, würden Marie und ich, würden wir überhaupt eine Chance haben, Helena dauerhaft zu uns zu nehmen?" - "Eindeutig ja. Nicht so von heute auf morgen, Regelbewerbungen können auch schon mal ein ganzes Jahr bis zu einer Entscheidung benötigen, aber grundsätzlich ist das denkbar und in so konkreter Lage mitunter auch recht schnell. Wenn sich ein organisierter Weg findet, wie Sie ein plötzliches Kind in Ihre Lebensplanung eingliedern, Sie Kurse besuchen, in denen man Ihnen die Erziehungsfähigkeit bescheinigt, Sie sich umfangreich bewerben und darin Ihre Ideen, Ziele und Möglichkeiten überprüfbar ausführen, vielleicht noch ein Backup haben, falls Sie mal die Nase voll haben, mit ergänzenden Hilfen so über die Runden kommen, dass Helena alle Betreuung bekommt, die sie braucht, Ihre eigene Behinderung nicht im Wege steht, dann sind die Chancen durchaus gut. Sie haben einen Joker in der Tasche: Sie haben nach einem Wochenende eine tiefere Bindung zu dem Mädchen aufgebaut als viele Pflegeeltern es über Jahre schaffen. Sie können es sich ja mal überlegen und mit Ihrer Familie und der Marie besprechen."

Das werden wir tun. Erstmal habe ich mich an meinen Chef gewandt und ihn gebeten, mich für vier Wochen unbezahlt freizustellen. Für den ersten Moment guckte er mich an, als sei ich nicht zu retten, und fragte: "Da muss aber ein großer Notfall vorliegen. Ich hoffe, es ist niemand gestorben." - "Meine Mitbewohnerin und ich haben ein zwölfjähriges Kind vorübergehend bei uns aufgenommen, das schnellstens von seinen prügelnden Pflegeeltern weg musste und für das es keinen anderen Platz gibt. Es muss medizinisch betreut werden. Diabetes Typ 1." - "Kann ich dazu etwas Schriftliches bekommen?" - "Ich kann versuchen, vom Jugendamt etwas zu organisieren." - "Das bräuchte ich. Vier Wochen? Schweren Herzens. Und bitte keinen Tag länger."

Nein. Keinen Tag länger. Aber wenn ich eine Chance haben soll, dieses Chaos zu ordnen, dann geht das nicht im Schichtdienst. Und hier muss erstmal Ordnung rein. Dringend.

Dienstag, 7. August 2018

Tausend

Sonst habe ich ja häufig die Schnapszahlen hervorgehoben. Aber die Tausend? Die ist schon eine Erwähnung wert. Finde ich. Auch ohne Schnaps. Tausend. Tausend Mal gepostet.

Die meisten Statistiken (welcher Beitrag wurde am häufigsten geklickt etc.) werden ja fortwährend in der rechten Spalte angezeigt. Wenn ich also etwas Neues berichten will, muss ich wohl auf die unveröffentlichten Statistiken aus dem Hintergrund zugreifen. Also:

Seit Beginn wurde mein Blog mehr als 6,2 Millionen Mal angeklickt. Und während in den ersten Tagen kein einziger Besucher auf meine neue Seite kam, waren es im ersten Monat immerhin schon gleich über 13.000 Klicks. Also rund 500 pro Tag. Im April 2012 (als mein Blog zum Besten Deutschen Blog bei "The BOBs" gekürt wurde), klickten im Monat fast 150.000 Leute auf meine Seite. Drei Monate später waren es nur noch rund 70.000 Klicks, der Ansturm hatte sich etwas gelegt. Im Juni 2015 waren es aber immerhin wieder 142.000 Klicks, die mich erreichten, bevor ich meine Pause machte.

Aktuell wird meine Seite rund 95.000 Mal pro Monat angeklickt, an einem Beitragstag durchaus knapp 5.000 Mal, an anderen Tagen entsprechend weniger. Die meisten Leserinnen und Leser kommen übrigens aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aus den Vereinigten Staaten, aus Russland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Niederlande und Schweden.

Und es scheint sehr gezielt nach mir gesucht zu werden: Die zehn häufigsten Suchanfragen sind derzeit: "Jule Stinkesocke", "Jules Blog", "Jule Stinkesocke Blog", "Stinkesocke Blog", "Jule Socke", "Jule Blog", "Jule-Stinkesocke", "Jule Stinke", "Jule Rollstuhl Blog" und "Rollstuhl Stinkesocke Blog".

Wer nicht direkt nach mir sucht, sucht: "Behindertenwitze", "Fiese Witze über Behinderte" oder ... ähm ... "Windelgeschichten". Oder nach über 1.000 anderen Dingen.

Zum Beispiel nach folgendem Wortlaut: "Eine Person im Rollstuhl schafft es nach dem Überqueren der Straße nicht, mit dem Rollstuhl den Bordstein zu überwinden, um den Gehweg zu erreichen. Wie verhalten Sie sich?" - Für einen Moment habe ich überlegt, ob das wirklich eine Prüfungsfrage ist. Habe recherchiert und herausgefunden, dass diese sogar mit 4 Fehlerpunkten bestraft wird, wenn man was falsch macht. Richtig wäre, zumindest offiziell: Warnblinker an, aussteigen, helfen.

Falsch wäre gewesen: "Ich hupe und fahre um die Person herum." - Also wäre ein Kumpel von mir, den ich wirklich sehr schätze, durchgefallen. Der würde hupen, das Fenster öffnen und pöbeln: "Kann der Behinderte mal zackig die Straße frei machen?"

Tausend. Nein, hätte ich vor zehn Jahren nicht gedacht. Und keine Angst: Der eintausenderste Beitrag ist schon fast fertig.

Sonntag, 5. August 2018

Auberginen

Ich glaube: Eins der größten Probleme unserer Gesellschaft ist der sorglose Umgang mit Macht. Sorglos ist bereits, wer sich durch Vorurteile lenken lässt. Ja, ich weiß, davon ist niemand ganz frei. Und nein, ich weiß auch, dass statistisch gesehen mehr Jungs Fußball spielen und mehr Mädchen reiten. Vermutlich werden auch die meisten Frauen, die heute Kinder bekommen, ihre Töchter auch Fußball spielen und ihre Söhne auch reiten lassen.

Ich habe vor ziemlich genau acht Jahren von einem Freund anlässlich eines Workshops eine Botschaft gehört, die ich nach wie vor elementar wichtig finde: "Wir müssen aufpassen, dass nicht wir es sind, die den ersten Stein legen für eine Mauer, die später mal jemanden tatsächlich behindern wird."

Ich bin erschrocken darüber, welche Kommentare ich zu meinem letzten Beitrag lesen musste. Einige waren so schlimm, dass ich sie nicht veröffentlichen will. Einige habe ich gelöscht.

Insbesondere wurde mehrmals indirekt gefragt, ob man über Gewalt, die mir oder einem Dritten angetan wird, sprechen soll. Meine Haltung dazu: Unbedingt! Ein Täter, der regelmäßig seine Überlegenheit durch die Anwendung von Gewalt demonstriert, kann (in unserer Gesellschaft) nur im Verborgenen agieren. Er ist nur deshalb verborgen, weil Geschädigte sich nicht trauen zu sprechen. Selbstverständlich muss man klug handeln und sicherstellen, dass ein Täter, der aus dem Verborgenen geholt wird, keinen Zugriff mehr auf die geschädigte Person hat. Aber so etwas gehört nicht verschwiegen und nicht verheimlicht. Damit unterstütze ich den Täter.

Es wurde mehrmals geschrieben, dass ich mich mit Helena überfordern würde und bloß die Finger von einem Kind lassen soll, das schon eine solche Vergangenheit hat. Ja, tatsächlich, es kann sein und es ist aus Statistikersicht bestimmt hochwahrscheinlich, dass Helena bereits einen Knacks hat. Aber: Es war nicht die Rede davon, dass ich sie adoptieren möchte. Wenn sie sich die Chance verbaut, vielleicht weil sie Dinge tut, die ich nicht tolerieren möchte, dann verbaut sie selbst sich ihre Chance. Aber ich werde weder aus Vorurteilen noch aus Angst eine ausgestreckte Hand wieder einziehen. Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn hier zwei Nächte jemand pennt, der zu Hause geschlagen und mit Messern beworfen wird. Ich weiß um die Polemik des letzten Satzes.

Die zahlreichen Warnungen, das Kind gegen den Willen der Pflegefamilie bis Montag bei mir zu behalten, habe ich ebenfalls zur Kenntnis genommen. Soweit sie fürsorglich und freundlich gemeint waren, bedanke ich mich. Ansonsten muss ich aber sagen: Kein Gesetz kann von mir verlangen, ein Kind in einen Haushalt zu geben, in dem gewohnheitsmäßig körperliche und psychische Gewalt angewendet wird. Auch wenn sie vielleicht in den nächsten sieben Tagen nicht geschlagen wird, wer garantiert mir, dass die Pflegemutter nicht am Wochenende die freie Zeit für ein Pläuschchen genutzt hat, bei dem sie Dinge erfahren hat, die sie wieder Messer werfen lässt?

Ganz sicher werde ich Helena nicht verstecken. Sondern ich habe die Pflegeeltern inzwischen angerufen und ihnen gesagt, dass ich Helena erst am Montagvormittag vorbei bringe, weil ich in der Stadt, in der Helena wohnt, sowieso noch etwas zu erledigen habe. Die Pflegemutter war damit einverstanden. Sie wird also nicht plötzlich die Herausgabe des Kindes verlangen, sondern sei froh, dass sie noch eine weitere Nacht Ruhe hat. Und alle anderen Instanzen sind erst am Montag wieder ansprechbar. Sie in die Hände eines Notdienstes zu geben, kommt nicht in Frage, da keine akute, sondern nur eine latente (dafür aber erhebliche) Gefahr besteht. Das emotionale Verhältnis zu den Pflegeeltern, die die gesamte familiäre Beziehungssituation und die Kommunikationsebene zwischen Pflegeeltern und Helena sind so schwer gestört und laufen der Entwicklung des Kindes in so erheblichem Maße zuwider, dass ich mein Handeln für notwendig und angemessen halte. Zu dieser Einschätzung komme ich nicht nur anhand der Geschichten, die Helena erzählt, und deren Wahrheitsgehalt nicht überprüfbar ist. Hinzu kommt, dass sie in irgendeiner Notunterkunft vermutlich gar nicht korrekt medizinisch versorgt werden könnte und damit vermutlich in eine Klinik verlegt werden würde. Das alles ist unverhältnismäßig gegen einen um mehrere Stunden verlängerten, genehmigten Besuch in den Schulferien.

Ich werde auch weiterhin das Angebot machen (nicht Helena, sondern dem Jugendamt bzw. dem Vormund), dass Helena zunächst hier bleiben kann, bis eine geeignete Lösung gefunden ist. Ich rechne mit ein bis zwei Wochen und ich weiß zwar noch nicht, wie ich das mit meinem Job arrangieren kann, aber es wird schon einen Weg geben. Vielleicht findet sich aber auch etwas, was Helena hilft, ohne dass ich daran beteiligt bin. Selbstverständlich kommt sie morgen mit, wenn ich zum Jugendamt fahre.

Helena und Marie sind gerade in der Küche. Zum Mittagessen kochen beide ein Lieblingsgericht von Helena: Gedünstete Auberginen- und Möhrenscheibchen, selbst gemachte Kartoffel-Ecken, in Olivenöl gebratenes gewürztes Hühnerfleisch und dazu Tzaziki. Ich bin sehr gespannt. Heute morgen waren wir zu dritt an der Ostsee (wobei man eigentlich zu viert sagen muss, weil Maries Hund auch dabei war) und haben bei etwas kühlerem Wind in den warmen Wellen gebadet. Wir hatten ein aufblasbares Stand-Up-Board dabei, Helena bekam eine Schwimmweste an. Es hat alles sehr gut funktioniert. Die Hündin, die von Natur aus sehr kritisch gegenüber allen neuen Menschen ist, hat sich von Helena eine Viertelstunde lang den Bauch kraulen lassen und sich dazu komplett auf den Rücken gelegt. Sie scheint ihr zu vertrauen. Marie und ich tun das auch.

Samstag, 4. August 2018

Uff.

Ich habe es befürchtet. Ich hatte es im Gefühl. Und nicht nur ich, sondern auch Marie. Helena, die seit gestern abend bei uns ist, bekommt nicht nur kein Eis oder wird von den mit ihr im Haushalt lebenden leiblichen Kindern ihrer Pflegeeltern ausgegrenzt, sondern ich kann (und muss) hier davon ausgehen, dass ihre persönliche Entwicklung innerhalb dieser Pflegefamilie erheblich beeinträchtigt ist.

Daraus ergibt sich ein großer Konflikt, und das meinte ich in meinem letzten Beitrag, als ich befürchtet hatte, Helena mit meinem (unserem) Angebot, hin und wieder mal ein Wochenende "raus" zu kommen, einen Bärendienst zu erweisen: Ich bin aus beruflichen Gründen zur Anzeige verpflichtet. Mit allen Konsequenzen: Hat sie mich, was ich nicht glaube, angelogen und mir gleich am ersten Abend großen Mist erzählt, gibt es wohl kaum noch eine Basis für ein künftiges Miteinander. Stimmt es, was sie erzählt hat, und daran habe ich keine Zweifel, wird das Jugendamt sie nicht mehr zu den Pflegeeltern zurück lassen. Behalte ich für mich, was ich weiß, gebe ich Helena in Gefahr, mich wird mein Gewissen auffressen und ich verliere unter Garantie meine Approbation.

Glücklicherweise habe ich ihr nicht versprochen, niemandem von dem zu erzählen, was sie mir erzählt hat. Sonst hätte ich jetzt nicht nur ein Glaubwürdigkeitsproblem, sondern auch noch einen ernsthaften Loyalitätskonflikt. Vielleicht wünscht Helena sich hintergründig sogar, dass sich etwas verändert, und weiß nicht, wie sie es anstellen kann. Sie saß mit mir und Marie auf dem Sofa. Sie ist extrem kuschelbedürftig. Sie hat mir von sich aus unter anderem von einem Gewaltausbruch der Mutter erzählt, die an einer Küchenschublade stand und insgesamt drei Brotmesser (also jene, mit denen man sich ein Brot bestreicht) gezielt nach ihr geworfen haben soll. Als Reaktion darauf, dass Helena ihr frech ins Gesicht gelogen haben will. Weil Helena schnell weglief und die Tür hinter sich zuwarf, sei sie nicht getroffen worden. Der Vorfall soll vier Monate her sein.

Angeblich habe Helena irgendeine Hausaufgabe für die Schule falsch oder gar nicht erledigt und in der Folge vom Lehrer eine weitere Aufgabe bekommen, die sie am nächsten Tag zu Hause erledigen sollte. Also sinngemäß: "Aufgabe 1 und 2 solltest du zu heute anfertigen, das hast du von deiner Banknachbarin abgeschrieben, also machst du zu morgen die Aufgaben 3 und 4 zusätzlich." - Über die Mutter einer Mitschülerin (die im Gegensatz zu Helena offenbar alles zu Hause erzählt) habe Helenas Pflegemutter beim Einkaufen davon Wind bekommen, Helena zu Hause mit dem Sachverhalt konfrontiert, und als Helena abgestritten habe, eine "Strafarbeit" aufgebrummt bekommen zu haben, habe die Pflegemutter sich derart über die wiederholte Lügerei von Helena echauffiert, dass sie zusätzlich zu ihrem Gebrüll auch noch Brotmesser in ihre Richtung geworfen habe. Über Strafarbeiten kann man sicherlich schon unterschiedlich denken, aber wieso bekommen solche Menschen ein Kind zur Erziehung anvertraut?!

"Hast du jemals jemandem davon erzählt?", wollte ich wissen. Helena antwortete: "Wenn ich das Frau [vom Jugendamt] erzählt hätte, hätte sie mich gleich in eine Wohneinrichtung gesteckt. Dann wäre ich vom Regen in die Traufe gekommen, denn da geht richtig die Post ab. Da will ich auf keinen Fall hin." - "Und in der Schule, niemandem davon erzählt? Einer Vertrauenslehrerin?" - Sie schüttelte den Kopf. Ich fragte weiter: "Kannst du beweisen, dass deine Pflegemutter mit Messern geworfen hat?" - "Ja. Ich hab Fotos gemacht, als ich alleine war, von den Kerben in der Wand neben der Tür. Die sind auch noch nicht repariert." - "Was hat denn dein Pflegevater dazu gesagt, hat er das mitbekommen?" - "Natürlich, das war ja ein Höllenlärm. Er hat mich gefragt, ob es mir gut geht und gesagt, dass seine Frau manchmal einen kleinen Knall hat, ich soll mir nicht zu viele Gedanken machen, das renkt sich schon wieder ein. Dann haben sie sich gestritten und er hat eine Kaffeekanne gegen die Wand geworfen." - "Wo waren deren Kinder, als dieses Theater war?" - "Im Wohnzimmer. [Die ältere] hat zu mir gesagt: 'Was hast du nun schon wieder angestellt? Du machst unsere ganze Familie kaputt. Wir hassen dich.'"

"Ist er auch gewalttätig?" - "Er hat mir mal mit einem Kleiderbügel auf den Po gehauen." - "Mit einem Kleiderbügel?" - "Ja, so einen aus Plastik, der ist dabei zerbrochen und dann hat er mit der Hand weitergemacht. Er hat sich aber hinterher bei mir entschuldigt und mir 100 Euro Schmerzensgeld gegeben. Die habe ich aber nie ausgegeben, die liegen noch immer [in einem Versteck]. Die gebe ich auch nicht aus." - "Hat er das nochmal gemacht?" - "Nein, aber ich bekomme von meiner Pflegemutter manchmal eine Ohrfeige. Aber das ist nicht so schlimm wie das mit dem Kleiderbügel. Das tat schon sehr weh."

Ich kenne Helenas Vergangenheit nicht. Ich weiß nicht, was sie schon so alles "auf dem Kerbholz" hat. Konnte ich ausschließen, dass das, was sie mir hier erzählte, nur eine weitere Lügengeschichte einer Zwölfjährigen ist? Es gibt tatsächlich Kinder, die sich haarsträubende Geschichten ausdenken (und dabei nicht überblicken, dass das Konstrukt schon bei nächster Gelegenheit einstürzt). Teilweise sind nicht einmal Motivationen dafür erkennbar. Auf logischer Ebene nicht. Auf emotionaler schon. Chronisches Lügen ist behandlungsbedürftig. Ich fragte sie direkt: "Warum lügst du?" - Ihre Antwort passte zunächst zur chronischen Lügerei: "Ich lüge nicht! Das ist die Wahrheit!"

Marie sagte: "Jule hat nicht gemeint, dass du jetzt lügst. Sondern sie wollte wissen, warum du deine Pflegemutter anlügst. Zum Beispiel als das mit den Messern war." - "Achso. Okay, pass auf, ich erkläre es dir, Jule. Darf ich dir vorher eine Gegenfrage stellen? Oder zwei?" - "Klar." - "Hast du schonmal gelogen?" - "Ja." - "Okay. Und hast du früher in der Schule mal heimlich die Hausaufgaben von jemandem abgeschrieben?" - "Sicher. Mehr als einmal." - "Ist das schlimm?" - "'Schlimm' würde ich es nicht nennen, es ist blöd, weil man davon nicht so viel lernt als wenn man es selbst im Kopf herleitet und überlegt." - "Was würdest du mit deiner Tochter machen, wenn sie 12 ist und dir erzählt, dass sie Hausaufgaben abgeschrieben hat?" - "Machen? Gar nichts. Ich wünsche mir, dass wir darüber plaudern könnten. Ich würde ihr erzählen, wie das bei mir früher war. Und ich würde versuchen, eine Lösung zu finden, dass sie künftig ihre Hausaufgaben macht. Warum hast du sie denn nicht gemacht?" - "In dem Fall hatte ich das einfach vergessen. Und erst am Morgen gedacht: Scheiße, wo krieg ich das jetzt noch schnell her? Aber manchmal hab ich auch einfach keinen Bock. Bei dir kann ich das auch zugeben. Oder bei Marie. Bei meiner Pflegemutter kann ich das nicht. Sie würde gleich ausrasten. Da lüge ich dann, weil ich keinen Bock auf Ausraster habe. Und auf Strafen." - "Aber wenn das dann später rauskommt, ist das dann nicht viel schlimmer, weil du zusätzlich gelogen hast?" - "Nein. Jede Chance, dass was nicht rauskommt, ist es wert, zu lügen."

Sie fragte Marie: "Hast du deine Eltern früher angelogen?" - "Eigentlich nicht. Mit meiner Mama konnte ich über alles reden und mit meinem Papa eigentlich auch." - "Das muss so schön sein. Einfach mal was falsch gemacht haben und dann eine zweite Chance bekommen ohne Strafe oder dass dich jemand lächerlich macht." - "Machst du oft etwas falsch?" - "Ich versuche, immer alles richtig zu machen. Aber das ist sehr anstrengend und manchmal gelingt es mir einfach nicht. Manchmal möchte ich auch einfach nur etwas ausprobieren." - "Was zum Beispiel?" - "Tanzen. Nicht gleich Tanzsport. Sondern ich habe mir im Internet ein paar Moves zu einem Song angeschaut. Und habe die bei mir im Zimmer nachgemacht. Mein Pflegevater kam rein und sagte, ich bewege mich wie ein Epileptiker beim Krampfanfall." - "Sollte das witzig sein?" - "Nein, er hat mir später sogar verboten, damit weiterzumachen. Ich sollte die Musik abstellen, die nervt, und mir ein vernünftiges Hobby suchen. Ich gebe zu, die Musik war etwas lauter."

Eigentlich müsste ich sie morgen abend zurück zu ihren Pflegeeltern bringen. Und Montag morgen arbeiten. Ich bekomme Montag morgen frei, das habe ich eben klären können. Bleibt nur zu hoffen, dass die Pflegeeltern keinen Aufstand proben, wenn ich sie nachher anrufe und mit wenigen Worten sage, dass wir Helena erst am Montagmorgen zurückbringen. Denn Montagmorgen werde ich zunächst dem Jugendamt anbieten, dass sie bis auf Weiteres hier bleibt. Ich weiß noch nicht, wie ich das leisten kann, schließlich kann ich mir nicht gleich in der ersten vollen Arbeitswoche frei nehmen, aber mir fällt schon etwas ein. Natürlich sage ich den Pflegeeltern noch nichts davon. Und ich hoffe, Helena wird nun nicht von einer Jugendeinrichtung in die nächste verschoben.

Wir werden heute zum Badesee fahren und zu dritt einen tollen Tag verbringen. Wir werden heute abend zu Hause grillen und vorher gemeinsam Salate schnibbeln ... ich freue mich. Jetzt erstmal gemeinsam frühstücken. Mir raucht der Kopf.

Donnerstag, 2. August 2018

Helena

Ich kann nicht die Welt retten. Das weiß ich. Aber vielleicht kann ich sie ein wenig besser machen? Das weiß ich nicht. Ich weiß derzeit wirklich nicht, ob ich Helena einen Gefallen tue, oder ihr einen Bärendienst erweise, wenn ich mich um sie ein wenig kümmere. Helena ist, alten Prinzipien folgend, nicht ihr richtiger Name, und ich habe bisher auch noch nicht über sie geschrieben.

Marie und ich haben Helena im Sommer 2017 an einem Badesee getroffen. Sie war mit ihren beiden Geschwistern und ihren Eltern dort, um die wenige Sonne zu genießen und im seinerzeit eher kalten Wasser ein paar Runden zu schwimmen. Wobei eigentlich nur Helenas Schwestern schwammen. Helena selbst saß auf einer Bank und las ein Buch, während ihre (jüngeren) Schwestern im Wasser planschten. Erst als Marie und ich mit unseren Rollstühlen auf einen Steg fuhren und an dessen Ende ins Wasser kletterten, wurde sie auf uns aufmerksam. Sie sprach uns aber nicht an, sondern packte ihr Buch weg und setzte sich hinter unsere Rollstühle auf den Steg und beobachtete uns.

Wir schwammen eine ganze Zeit. Als wir zum Steg zurückkehrten, saß Helena noch immer hinter unseren Rollstühlen und beobachtete uns. Ich schätzte ihr Alter auf 10 Jahre. Es ist nicht neu, dass wir für einige Menschen eine Attraktion sind. Wenn Kinder sich an mir festgucken, spreche ich sie irgendwann an. Warum geglotzt werde, ob das spannend sei oder ob das Kind Fragen habe, sind dabei keine guten Ansätze um zu vermitteln, dass Menschen mit Behinderung keine Außerirdischen sind. "Na, alles klar bei dir?", fragte ich. Helena nickte schüchtern. "Gehst du nicht schwimmen?", fragte ich weiter. Helena schüttelte den Kopf. "Das Wasser ist sehr erfrischend", fügte Marie hinzu. Helena sagte leise, schüchtern die Finger verknotend und mit der Hüfte hin und her wackelnd: "Ich kann nicht schwimmen."

What? Okay. Dass manche Kinder keinen Zugang zum Schwimmunterricht bekommen, soll ja vorkommen. Aber dass Helena nicht wenigstens sagte, sie könne noch nicht schwimmen, fand ich bemerkenswert. Das schien ja gerade so, als hätte sie sich damit abgefunden. Ich erwiderte: "Möchtest du es denn noch lernen?" - Sie antwortete: "Ich kann es nicht lernen. Ich bin auch behindert."

Ich dachte spontan an irgendwelche Erkrankungen, bei denen man kurzfristig das Bewusstsein verliert, vielleicht bekam sie Krampfanfälle, die gerade im kalten Wasser provoziert werden könnten. Ich fragte: "Okay?! Was für eine Behinderung hast du denn? Darf ich das wissen?" - Sie nickte. "Ich habe eine Cerebralparese. Und Diabetes." - Die Cerebralparese konnte nur sehr gering ausgeprägt sein, denn sie lief barfuß ohne jedes Hilfsmittel, Armbewegungen und Sprache waren auf den ersten Blick auch nicht auffällig. Vielleicht war der Diabetes so schwierig einzustellen, dass sie bei Anstrengungen gerne mal unterzuckert. Aber deswegen nicht schwimmen zu lernen? - "Okay, Socke, es wird schon einen guten Grund geben, nicht so kritisch sein", dachte ich mir.

Marie und ich legten uns auf den Rasen, Helena setzte sich wieder auf die Bank, nahm ihr Buch, las aber nicht, sondern schaute verträumt zu uns herüber. Die beiden Geschwister durften sich ein Eis holen, Helena hatte keins. Ich habe nicht mitbekommen, ob sie keins wollte oder ob die Eltern es nicht auf die Reihe bekamen, wie man das mit Diabetes löst. Die Eltern und die beiden jüngeren Geschwister alberten auf einer Decke herum, Helena saß still auf der Bank und beobachtete uns.

Eine Stunde später wollten wir noch einmal ins Wasser. Sobald wir uns vom Rasen in den Rollstuhl setzten, packte Helena ihr Buch weg und wollte uns folgen. Ich blieb stehen. Helena guckte mich an. Ich fragte sie: "Na, willst du jetzt mit ins Wasser?" - Sie schüttelte den Kopf und schaute ihre Eltern an. Ich merkte, dass sie gerne gesagt hätten, Helena habe eine Behinderung. Aber angesichts unserer Rollstühle trauten sie sich das wohl nicht. Ich weiß es nicht. Die Mutter sagte: "Wenn du ins Wasser möchtest, ziehst du dir Schwimmflügel an." - Eigentlich wollten wir schwimmen. Ich schaute Marie an. Marie nickte. Ich sagte zu Helena: "Na komm. Wir planschen eine Runde."

Im Wasser taute sie völlig auf. Sie konnte wirklich nicht schwimmen. Und ich wollte auch nicht die Schwimmflügel entfernen, was aber sicherlich kein Problem gewesen wäre. Fast jeder Mensch kann auf dem Rücken liegend im Wasser treiben, vor allem mit einer helfenden Hand unter dem Rücken. Sie versuchte etliche Schwimmbewegungen, und eigentlich sah das alles auch ganz gut aus. Ich war mir sicher, sie könnte das Schwimmen erlernen, wenn man ihr das nur zutrauen würde. Sie tobte mit uns im Wasser, hatte sehr schnell überhaupt keine Berührungsängste mehr, holte erst einen Tennisball ins Wasser, den wir uns gegenseitig zuwarfen, später versuchte sie, uns unterzutauchen und klammerte sich immer wieder an uns. Mal hatte ich sie am Rücken kleben, mal umarmte sie mich, bei Marie dasselbe.

Dann begann sie zu erzählen. Dass sie hier Urlaub machen würden. Dass sie nur ein Pflegekind sei und ständig schlechter behandelt werde als die leiblichen Kinder, dass ihr Diabetes ständig als Rechtfertigung für irgendwelche Verbote herhalten müsse. Manchmal würde sie am liebsten alles, was den Diabetes betrifft, einfach in den nächsten Mülleimer werfen. Bevor sie mehr erzählen konnte, rief der (Pflege-) Vater sie aus dem Wasser. Ich vermute, er hat das Gespräch oder Teile daraus mitgehört. Helena sei kalt, sagte er, sie solle sich abtrocknen, man wolle nach Hause. Marie und ich beachtete er mit keinem Blick. Sie verabschiedete sich und ging davon. Marie und ich unterhielten uns noch eine Weile über Helena, verdrängten aber letztlich unsere vielen Fragen, schließlich würden wir sie wohl nie mehr wiedersehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Vor rund sechs Wochen waren Marie und ich erneut an diesem See. An einem Wochenende. Und wen trafen wir? Richtig, Helena. Ein Jahr älter, sehr viel größer geworden. Wir waren noch nicht aus dem Auto ausgestiegen, da kam sie angeflitzt, umarmte mich so heftig, dass ich fast mitsamt dem Rollstuhl umkippte. Marie saß noch im Auto, als sie die Tür öffnete, hüpfte Helena ihr auf den Schoß und umarmte auch sie. "Ich habe so gehofft, euch wieder zu treffen", sprudelte es aus ihr heraus. "Als zu Weihnachten klar wurde, dass wir wieder hierher in den Urlaub fahren, habe ich mir das ganz fest gewünscht und es ist wirklich in Erfüllung gegangen."

Ich wusste nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen konnte angesichts der lauten Alarmglocken, die in meinem Kopf bimmelten. Dieses Mal war nur die Mutter mit den drei Kindern am See. Wieder bekamen nur die beiden anderen Kinder ein Eis, wieder durfte Helena nur mit Schwimmflügeln ins Wasser, wieder erzählte sie uns, wie blöd es zu Hause lief. Die Eltern würden ganz klar kommunizieren, dass Helena nicht ihr eigenes Kind sei und die drei Kinder unterschiedlich behandeln. Inzwischen würden auch die beiden leiblichen Kinder Helena systematisch ausgrenzen. "Hast du schonmal mit jemandem darüber gesprochen?", wollte Marie wissen.

Helena antwortete: "Das Jugendamt sucht seit Monaten für mich eine neue Familie. Frau ..., das ist die Frau, die für mich zuständig ist, sagt aber, dass es ganz schwierig ist, eine neue Familie zu bekommen, weil ich schon 12 bin und das ein schwieriges Alter ist. Für eine Jugend-WG bin ich noch zu jung. Ich könnte in eine Betreuungs-Einrichtung, aber da möchte ich auf keinen Fall hin, lieber halte ich meine Pflege-Eltern aus. Die wissen natürlich auch, dass ich weg will, und deshalb kümmern die sich auch nur noch um das Nötigste."

"Hast du niemanden, den du mal besuchen kannst, so dass du mal ein Wochenende da raus kommst und etwas anderes siehst?" - Helena schüttelte den Kopf: "Das dürfte ich auch gar nicht. Meine Pflegeeltern wollen das nicht." - Am Ende des Tages gab Marie ihre Handynummer an Helena. Damit sie wen anrufen könne, wenn es ihr schlecht ging. Da Helena kein Handy dabei hatte, schrieb Marie ihr die Nummer auf ein Stück Papier. Ich sprach inzwischen mit der Pflegemutter, fragte sie, ob es nicht möglich wäre, dass Helena schwimmen lernt. So sehr wie sie im Wasser aufblühe. Keine Chance, das Kind sei behindert und eigentlich wolle man mit mir auch nicht reden.

Vor inzwischen drei Wochen ist es mir gelungen, die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes telefonisch zu erreichen. Sehr lange habe ich mit Marie und auch mit Maries Eltern darüber gesprochen, ob wir diesen Kontakt suchen sollten. Maries Eltern fanden, wir sollten das unbedingt tun. Die Mitarbeiterin war gleich sehr freundlich und meine Befürchtung, sie würde mich gleich mit ihrer Schweigepflicht konfrontieren, war unbegründet. Sie erzählte zwar nichts über Helena, aber ich schilderte ihr meinen Eindruck und bat an, dass Helena gerne für ein Wochenende oder auch mal für eine Woche zu uns kommen könnte, um mal aus der Situation herauszukommen. Je nach Erfolg vielleicht auch mehrmals, vielleicht auch regelmäßig einmal pro Monat.

"Wären Sie denn grundsätzlich bereit, Helena als Pflegekind aufzunehmen? Soll das eine Art Probewohnen werden?" - "Marie und ich führen keine Beziehung, sind beide voll berufstätig. Für ein dauerhaftes Pflegeverhältnis sind wir eher nicht die richtige Wahl. Aber vielleicht für einen monatlichen Lichtblick, etwas Positives, mal raus kommen."

Ich zweifelte einen Moment, ob die Dame sich überhaupt mit solchen Dingen beschäftigen wollte und konnte. Aber sie war sofort sehr angetan. Meine Befürchtung, die Pflegeeltern könnten dem nicht zustimmen, zerstreute sie: "Das Sorgerecht liegt nicht bei den Pflegeeltern." - In der letzten Woche rief mich die Mitarbeiterin zurück. Man habe mit Helena gesprochen und sie würde sehr gerne und am liebsten sofort für ein Wochenende zu uns kommen. In den Schulferien sei das auch kein Problem. Wir müssten jedoch zustimmen, dass sich das örtliche Jugendamt zunächst ein Bild von unseren Lebensverhältnissen macht. Also einen Hausbesuch veranstaltet. Und es müsse sichergestellt sein, dass Helena ihre Medizin bekomme. Das sei etwas kompliziert. Ich sagte: "Wenn Sie nur den Diabetes meinen, das bekomme wir wohl zusammen hin." - Ich erwähnte, welchen Beruf ich ausübe.

Der Hausbesuch war heute morgen. Helena darf am Wochenende zu uns. Man habe keine Bedenken und begrüße unsere Idee ausdrücklich. Nur ich weiß derzeit, wie gesagt, wirklich nicht, ob ich Helena einen Gefallen tue, oder ihr einen Bärendienst erweise, wenn ich mich um sie ein wenig kümmere. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich wünsche mir, dass Marie und ich ihr helfen können. Wir werden sie am Freitagabend mit dem Auto von ihrem Zuhause abholen. Es sind knapp über 100 Kilometer pro Strecke.