Sonntag, 4. März 2018

Eine Mama eben

Ich war lange nicht körperlich so neben der Spur. Grippe und grippaler Infekt sind nicht zu verwechseln. Das wissen wir alle, nachdem es ja oft genug in den Zeitungen aufgegriffen wird. Mit etlichen Tipps zu Hausmittelchen, die helfen sollen. Nein, Grippe ist was anderes. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir eine Influenza eingefangen habe, trotz Impfung (mein damaliger arbeitsmedizinischer Dienst hatte wohl die Sparversion, mit der nur drei der vier wichtigen Erreger verabreicht werden), und ich muss sagen: Noch einmal brauche ich das nicht.

Schnupfen, Husten, Heiserkeit haben sich nicht großartig von dem unterschieden, was man von einem (ausgeprägten) grippalen Infekt kennt. Fieber: Ging gleich heftig los und blieb auch konstant über zwei Tage zwischen 38 und 39 Grad. Allerdings habe ich es nicht als so unangenehm empfunden wie sonst bei einem grippalen Infekt. Nur die Gliederschmerzen - unerträglich. Sowas! Es war wirklich nicht auszuhalten. Ob im Sitzen oder im Liegen: Am liebsten nicht bewegen. Und am liebsten ständig doch bewegen, denn die Schmerzen waren im Ruhezustand auch nicht erträglich.

Es war so heftig, dass mir bereits übel wurde. Ich hatte null Appetit. Fühlte mich dabei unterzuckert, fast schon zittrig. Wenn ich mich hinsetzte, musste ich das langsam tun, weil ich sonst gleich Sterne sah. Und das waren nicht die an meiner Schlafzimmerdecke. Mein Muskeltonus war in den Beinen total erhöht, es reichte, einmal die Decke über mein Knie zu ziehen, damit alle Muskeln in beiden Beinen verrücktspielten und sich zehn bis zwanzig Mal nacheinander rhythmisch zusammenzogen. Kontrollieren kann ich das nicht. Hätte ich an einer Nähmaschine gesessen, hätte ich damit locker vier Strümpfe fertigstellen können. Einmal vom Bett in den Rollstuhl umsetzen brachte nicht nur Schüttelfrost, sondern ich war auch gleich außer Atem.

Nein, der Beitrag wird nicht vom Impfstoff-Hersteller für die Grippe-Impfung gesponsert. Mit denen habe ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen. Bietet doch im nächsten Jahr einfach keine abgespeckte Impfung mehr an. Oder färbt den abgespeckten Kram schlumpfblau ein, damit jeder sofort erkennen kann, dass er eben nicht geschützt ist.

Ich könnte mich noch immer ohrfeigen, dass ich kaum Medikamente zu Hause hatte. Abschwellendes Nasenspray habe ich immer im Haus, aber jetzt hatte ich nicht mal genügend Schmerzmittel. Die letzten zwei Paracetamol hatte ich noch vor dem Fieber eingeworfen. Ich hätte so gerne was gegen die unerträglichen Gliederschmerzen, aber die ganzen haushaltsüblichen Mittel waren da ja eher kontraproduktiv. Hätte ich kein Medizinstudium absolviert, hätte ich vermutlich einfach ASS oder sowas eingeworfen. Das, was jetzt Sinn machen würde, bekomme ich nicht mal eben so in der Apotheke.

Ich versuchte zu schlafen. Alle drei Atemzüge quälte mich der Reizhusten. Plötzlich klingelte es an der Tür. Vermutlich irgendein Nachbar. Oder ein Paketbote. Oder Werbung. Leute, leckt mich. Ich bin krank und bleibe im Bett. Es klingelte noch mal. Ich könnte jetzt ja auch mein Handy gucken und dort sehen, wer vor der Tür steht. Dazu müsste ich mich aber bewegen. Und das tut weh. Es klingelte ein drittes Mal. Dazu klopfte jemand. Eher zärtlich. Mein Handy empfing irgendwelche Nachrichten. Dauerfeuer. Sollte ich doch mal gucken? Wie spät war es eigentlich?

Es war Maries Mama. Ich hatte mit Marie telefoniert und ... mich eigentlich mit Marie zu einem weiteren Telefonat morgen verabredet. "Bin unterwegs zur Tür", schrieb ich ihr zurück. Könnte ja einen Moment dauern.

Den Reizhusten stellte Maries Mama als erstes ab, nachdem sie auf meine Lunge gehorcht hatte. 20 mg Codein und es war, als würde jemand in einer Disko den Lautstärkeregler runterdrehen. Es dauerte keine fünf Minuten, da war der Reizhusten abgeschaltet. Ich legte mich wieder ins Bett, der hohe Muskeltonus ging zurück, ich konnte dabei zugucken. Und die Schmerzen hörten auf. Keine drei Minuten später war ich eingeschlafen.

Gegen ein Uhr wachte ich auf. Es dauerte etwas, bis ich realisierte, was passiert war. Ich wollte aus dem Bett zum Klo. Ich war noch immer wie gerädert und die Schmerzen waren wieder da. Maries Mama saß im Wohnzimmer auf dem Sofa und hackte irgendwas in ihr Laptop. Der Fernseher lief nebenbei. "Du bist ja noch da. Ich bin einfach so eingeschlafen. Ohne mich zu bedanken." - "Das war das einzige, was ich jetzt nicht hören wollte. Was machen die Schmerzen?"

"Sind wieder da. Und genauso unerträglich wie vorhin." - "Das wirkt ja auch nur drei bis sechs Stunden. Was macht der Husten?" - "Der ist erstmal weg." - "Ich würde da jetzt trotzdem nochmal 20 mg Codein drauf geben, damit die Schmerzen aufhören und du schlafen kannst. Ich gucke gleich mal, wie du schläfst, und dann fahre ich irgendwann zurück und ziehe die Tür einfach hinter mir zu. Ich lasse dir das Codein da, falls das um 5 oder 6 wieder unerträglich wird, kannst du noch einmal was nehmen. Tagsüber nicht. Weißt du ja."

Wusste ich. Sie ist ein Engel. Am heutigen Morgen waren die Schmerzen nicht mehr so stark wie in der Nacht. Aber noch deutlich spürbar und vor allem auch noch so stark, dass ich nicht lange in einer Position liegen konnte. Das Fieber war auf 37,6 Grad zurückgegangen. Ich entschied mich gegen eine weitere Codein-Tablette. Und schlief tatsächlich noch einmal ein. Um 9 Uhr war das Fieber komplett runter.

Maries Mutter hatte mir sowohl Paracetamol als auch Tramadol vor Ort gelassen. Mit einem Zettel dran: "Du bist für eine Medizinerin sehr schlecht ausgestattet." - Dann konnte die Party ja beginnen. Das Tramadol habe ich erstmal in eine Geldkassette geschlossen, nicht, dass irgendein Besuch mit Kindern auf die Idee kommt, die mal auszuprobieren. Oder ich im Halbschlaf zum falschen Blister greife.

Inzwischen ist der Husten, der ja nur Reizhusten war, komplett weg. Der Schnupfen ist eher wenig bis mäßig, die Nase auch ohne Nasenspray frei. Nur die Gliederschmerzen sind noch da. Wie gesagt, bis Ende dieser Woche werde ich davon wohl noch etwas haben.

Und im Kühlschrank steht Gurkensalat. Und zwei kleine Portionen Nudelauflauf. Und Joghurt. Und sie hat die ganzen Handtücher aus dem Trockner gefaltet und weggeräumt. Und den Geschirrspüler eingeräumt und angestellt. Eine Mama eben.

Kommentare :

ela hat gesagt…

Hier ist es gerade andersrum. Meine Mutti hat seit heute Grippe - und pflegt meinen Vater nach Schlaganfall. ALso war ich jetzt dort, meinen Vater versorgen und Tee für sie kochen.

Meg hat gesagt…

Hach. :)
Weiterhin gute Besserung.

Die nymphomane Laterne hat gesagt…

Gute Restbesserung liebe Jule! Und ein dickes Dankeschön unbekannterweise an Maries Mama, die ist toll :)

Ich nehme wegen einer Post-Zoster-Neuralgie seit dem Spätsommer Zistrose. (Genaues Präparat und Dosierung gern auf Anfrage). Dank dessen (es ist auch ein Neuraminidase-Inhibitor, wie Tamiflu) bin ich tatsächlich nicht krank geworden, nicht mal harmlose Schnupfenviren hatten eine Chance. Das war gar nicht geplant aber so ziemlich die beste Nebenwirkung, die ich je hatte ;-)

Eric hat gesagt…

Total super von Maries Mutter!

Kleiner Nachtrag zu Sonne und Grippe: das Paper, das ich gepostet habe, ist leider kostenpflichtig. Eigentlich meinte ich dieses hier, was auch eindrucksvollere Daten enthält:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16959053

Leider fangen jetzt jetzt schon die ersten selbsternannten Gurus und auch Ärzte damit an, kaum ist ein Zusammenhang vermeintlich verstanden, hohe Dosen und Konzentrationen im Serum als neues Therapieziel zu setzen. Zu viel scheint aber das adaptive Immunsystem zu dämpfen. Wo für uns sonnenbedürftige Mitteleuropäer das Optimum liegt, ist noch unklar. Sicher über dem offiziellen Tagesbedarf, aber sicher auch nicht bei 10000 oder mehr Einheiten pro Tag.

Anonym hat gesagt…

Also bei uns auf der ITS sind in den letzten Tagen schon 3 Leute an der Grippe verstorben.

Dieses Jahr mache ich mir auch zum ersten Mal überhaupt Gedanken darüber, eine Ansteckung, egal wo, wirklich zu vermeiden.

Anonym hat gesagt…

Weiterhin gute Besserung und was ein Segen, solche Engel um sich herum zu haben!

Anonym hat gesagt…

Ohweh... Gute Besserung. Und solche Leih-Mamas sind Gold wert! Ich war jetzt 4 Wochen krank. Vermutlich auch „echte“ Grippe (getestet hat der Arzt dann nicht mehr - das ggf passende Medikament meinte er sei nun eh zu spät bzw wegen Schwangerschaft nicht erlaubt).. 1,5 Wochen war ich zu nix in der Lage als im Bett zu liegen, mir Tee bringen zu lassen und zittern ins Bad zu wanken. Am Schlimmsten fand ich auch die Kopf- und Gliederschmerzen bis zur Übelkeit. Dazu Frühschwangerschaft und dann ein 2,5 jähriges Kind mit 40 Fieber. Party ;) ich liebe meinen Partner für seine Kraft in den zwei Wochen!! Keine Ahnung wie das Alleinerziehende machen??? Muss ich jedenfalls echt auch nicht mehr haben...

Feststelltaste hat gesagt…

Habe mir gerade eine Impfung (nicht Grippe) beim AMD wegen anstehender Reisen abgeholt und mal neugierig gefragt, wie sie derzeit impfen: quadrivalent seit letztem Jahr, Firma bezahlt's, wie mir die Krankenschwester mit russischem Akzent erzählte.

Anonym hat gesagt…

Und es hat was mit Dir zu tun, dass Du von einer Fremd- Mama so umsorgt wirst...
Gute Besserung

ThorstenV hat gesagt…

"... damit locker vier Strümpfe fertigstelle ..."
Ah! Der Jule-typische Hamburger Humor - trockener als die besten Martinis, die ich je hatte. Ich hoffe, das ist ein gutes Zeichen auf dem Weg zur Besserung. Jedenfalls drücke ich fest die Daumen und bedauere, dass ich kein Orang-Utan bin. Kein solcher https://jule-stinkesocke.blogspot.de/2013/08/schengen.html , sondern ein echter. Dann könnte ich vier Daumen drücken.
Den Artikel hätte man auch "Goldstück sorgt für Goldstück" betiteln können. Prima, dass die internationale Schwesternschaft der Goldstücke so gut organisiert ist.
Kudos an Mama.

Birthe hat gesagt…

Huiuiui, da hats dich aber mächtig erwischt. Gut, dass da so eine liebe Mama bereitstand, um sich um dich zu kümmern. :) Ich wurde schon seit Jahren nicht mehr krank, selbst wenn alle in meiner Familie krank lagen. Aber ich ernähre mich auch unnormal gesund, könnte damit zusammenhängen. ;p Auch empfehlen kann ich dir im Winter die Einnahme von Selen. Das boostet dein Immunsystem und macht dich auch widerstandsfähiger.

Alles liebe Dir und wieterhin gute Besserung!

Birthe