Samstag, 3. März 2018

Frau Pingpong und Frau Klum

Sieben Monate ist es her, dass ich das letzte Mal mit einem grippalen Infekt im Bett lag. Wenn man von einer leichten Impfreaktion absieht, die ich nach meiner Grippe-Impfung hatte, war ich über ein halbes Jahr durchgehend topfit. Was angesichts meines doch recht häufigen Kontakts zu kranken Menschen wohl eine kleine Sensation ist. Umso frustrierter bin ich gerade, dass ich mir tatsächlich (trotz Impfung) die echte Influenza eingefangen habe. Viermal darf man raten, welcher Stamm im Impfstoff gefehlt hat und warum. Ich könnte kotzen. Zum Glück ist sie online nicht übertragbar.

Soll ich mal ein wenig jammern? Ja?

Aua! Richtig aua.

Das Fieber ist eine Sache. Es ist nicht schön, aber für mich jetzt auch nicht so schlimm. Es ist halt da, ich fühle mich matschig, überwärmt und antriebslos. Unproduktiver Husten ist nervig, aber dennoch auszuhalten. Über meinen Schnupfen freut sich die Taschentuchindustrie. Aber die Gliederschmerzen... Leute, war das eine Nacht! Ich wusste nicht, wie ich liegen oder sitzen sollte. Ich habe mich gefühlt alle dreißig Sekunden anders hingelegt, weil ich die Schmerzen nicht aushalten konnte. Ich bin sicherlich nicht zimperlich, aber das war heftig. Und dann nur kurzwirksames Paracetamol im Haus. Was gleichzeitig Fieber senkt. Nicht gut.

Inzwischen hänge ich jetzt den vierten Tag damit herum. Bis zum nächsten Wochenende wird mich das wohl noch beschäftigen. Und entsprechend verlängert sich auch mein Praktisches Jahr noch in den April hinein. Obwohl ich die Zeit eigentlich zum Lernen nutzen wollte.

Lernen. Einerseits fühle ich mich sehr sicher, andererseits liegen hier noch hunderte Karteikarten, die ich noch nicht aussortieren konnte. Oftmals sind es Besonderheiten. Aktuelles Beispiel von vorhin: Statine. Cholesterinsenkende Medikamente. Cerivastatin (Lipobay, ist vom Markt), Lovastatin (ist auch vom Markt, muss man aber ebenso kennen), Simvastatin, Atorvastatin, Pitavastatin, Pravastatin, Fluvastatin, Rosuvastatin und so weiter. Dazu muss man wissen, wie die verstoffwechselt werden, wie sie sich zusammensetzen und wo die häufigsten Probleme sind. Und mittendrin liegt die Karte vom Pentostatin. Und nein, das ist jetzt mal kein Cholesterin-Senker. Das ist ein Krebsmedikament, das gezielt eine DNA-Schädigung hervorruft und damit als letztes Mittel bei einer bestimmten Form der Leukämie eingesetzt wird.

Okay, das wird man im Alltag nicht verwechseln. Und schon gar nicht aus Versehen mal eben so verordnen. Aber es ist examensrelevant. Also: Hopphopp, rin in Kopp! Langsam ist da echt kein Platz mehr.

Apropos verwechseln: An meinem "Arbeitsplatz" holen sich täglich ganz viele Leute eine Infusion ab, die ärztlich überwacht werden muss. Eine Patientin heißt Bärbel Meier. Natürlich nicht wirklich, aber es ist ein anderer, häufig vorkommender Name. Eine andere heißt Beatrice Pingpong. Natürlich auch nicht wirklich, aber der Nachname ist so, dass es einigermaßen albern klingt und man sich für einen Moment fragt, ob man das jetzt wirklich so aufrufen soll oder ob es vielleicht ein ausländischer Name ist, der vielleicht ganz anders ausgesprochen oder betont wird. Oder so.

Letzte Woche, es ist alles vorbereitet, und ich schließe Beatrice Pingpong an die Infusion für Bärbel Meier an. Wobei Bärbel Meier eine etwa drei Mal so starke Dosis bekommt wie Beatrice Pingpong. Die Mitarbeiterin hat das vorbereitet, war neu, ich frage die Patientin auch noch: "Bärbel Meier?" - Sie sagt: "Ja, das ist richtig."

Und während ich anfange, das zu dokumentieren, in der Akte von Bärbel Meier, weiß ich die ganze Zeit, dass was falsch ist. Nicht vom Kopf, denn ich habe mich ja mehrmals vergewissert, sondern vom Bauch. Ich gucke auf das Geburtsdatum und denke so: "Das kann nie und nimmer stimmen." - Scheiße. Ich rolle zur Patientin, stoppe sofort die Infusion. Sie liest gerade eine Zeitung, schaut mich fragend an. "Heute nur ein Drittel?" - "Frau Meier, wie heißen Sie mit Vornamen?" - "Beatrice. Warum?" - "Ich möchte mich einmal vergewissern, dass ich die richtige Akte vorliegen habe." - "Falls Sie mich nicht finden, bei Ihnen im Schrank, müssen Sie sonst unter 'Pingpong' suchen. Den Namen hatte ich bis vor meiner Scheidung."

Ja geil. Ich rolle zurück zum Schreibtisch, mit zitternden Fingern den Professor angepiept, der ruft binnen zehn Sekunden zurück. "Können Sie mal bitte schnell kommen? Ich hab hier Scheiße gebaut."

Erstmal die Akte von der Frau Pingpong aus der Schublade holen. Sie hätte ein Drittel bekommen müssen. Mit Glück habe ich das wohl gerade noch rechtzeitig gestoppt. Der Professor kommt um die Ecke. "Was ist passiert?" - "Frau Pingpong heißt seit gestern auch Meier und hat die Infusion von einer anderen Meier dranhängen." - "Sofort stoppen. Wo ist sie?" - "Ist schon gestoppt. Sie liegt dahinten." - "Wieviel hat sie davon bekommen?" - "Ein Drittel. Aber hochdosiert." - "Das ist nicht so schlimm. Nur schade um das, was wir jetzt wegwerfen. Kann passieren. Sie haben es ja noch rechtzeitig gemerkt. Immer noch mal fragen, wen man vor sich hat, selbst wenn man sich sicher ist." - "Hab ich ja gemacht. Ich habe gefragt, ob Sie Bärbel Meier ist, bevor ich die Infusion für Bärbel Meier angeschlossen habe."

Der Professor guckte mich ungläubig an. Sekunden lang. Ich guckte ihm entschlossen in die Augen. "Ich geh da jetzt hin und scheiß sie zusammen", sagte er und dachte wohl, ich würde zurückrudern. Stattdessen sagte ich: "Ich komme gerne mit."

Der Professor ging auf die Patientin zu, die ausgestreckte Hand voraus: "Wir müssen kurz reden. Hier ist gerade was durcheinander geraten. Sie haben jetzt einen anderen Nachnamen?" - "Jo." - "Und auch einen anderen Vornamen?" - "Nö." - "Weil die Kollegin sagt, sie hätte Sie vorhin mit Bärbel Meier angesprochen." - "Jo. Bärbel ist doch auch ein schöner Vorname. Fast so schön wie Beatrice." - War die Frau wirklich so blöde? Oder noch blöder? Das hätte zweifellos dramatisch enden können. Für sie und für mich. Ich stand da mit offenem Mund und machte vermutlich ein Gesicht wie eine Kuh, wenn es donnert. Am liebsten hätte ich ihr eine Schelle verpasst, aber ich drehte mich stattdessen um und rollte ins Dienstzimmer zurück.

Ein paar Minuten später kam der Professor wieder dazu. "Machen Sie sich keinen Kopf. Das wäre mir genauso passiert. Sprechen Sie bitte kurz mit der Kollegin, die das bereitgestellt hat. Und künftig bitte auch das Geburtsdatum abgleichen." - Ich nickte, während er raus ging. Und Sekunden später nochmal reinkam: "Und gut, dass Sie mich sofort gerufen haben."

Beim nächsten Patienten, ein Frühpensionär Anfang 60: "Herr Schulz, wann sind Sie geboren?" - "Oha. Das ist schon so lange her, das weiß ich gar nicht mehr genau. Gab es einen Unfall, oder warum fragen Sie das neuerdings?" - "Beinahe. Jemand wusste nicht, wie er heißt." - "Ist nicht wahr. Und hat einen falschen Namen gesagt?" - "Ja." - "Nein. Das ist doch Comedy." - "Nein, Stationsalltag." - "Ach, das ist doch genauso doof als wenn ich mich im Bus auf den Klappsitz hocke und zu kacken anfange, weil ich denke, ich bin zu Hause auf dem Klo!" - Auf der Liege daneben bricht jemand in Gelächter aus. "Ist doch wahr! Wo sind wir denn?! Wenn Sie mich jetzt mit 'Martin Schulz' ansprechen, dann fühl ich mich doch nicht geehrt, sondern rufe 'Stop!' Ich will doch nicht dem seine Medizin in meinen Adern haben. Wenn Sie mich mit 'Heidi Klum' ansprechen würden, dann würde ich vielleicht einen Moment überlegen."

Zwei Tage später liegt er wieder vor mir. "Frau Klum? Ihr Geburtsdatum bitte?" - Der Nachbar guckt sparsam, Herr Schulz schlägt sich auf die Oberschenkel und bricht in tosendes Gelächter aus. "Mädel, mit dir haben sie hier echt ein Goldstück an Bord."

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ich würde den Mega-Föhn kriegen. Das ist jetzt ein Medikament. Ich stell mir vor, es gibt zu jedem solche sperrigen Namen und dann noch so, dass dieselben Endungen unterschiedliche Gruppen bedeuten. Nein, dann parke ich lieber meinen Container-LKW rückwärts an die Rampe, ohne dass ich ein zweites Mal ansetzen muss. Das kannst du nämlich nicht!

Danke, das ich immer miterleben darf, was bei dir so abgeht. Und gute Besserung. Der Typ hatte recht: Bist ein Goldstück!

Anonym hat gesagt…

Erst mal gute Besserung. Ich kann es nachfühlen. Hatte das vor drei Wochen.Schüttelfrost und Fieber. Mit geschwollenen Beulen am Hinterkopf und Mandelentzündung. Drei Tage ging es mir besser, nun wieder Fieber... bin total platt. Also, schone Dich. Ist ne ganz doofe Grippe

Eric hat gesagt…

Gute Besserung und für die Zukunft wünsche ich dir ab und zu, dass die Leute das sonderbare Organ in dieser Knochenschale am oberen Ende ihres Körpers ab und zu verwenden.

Anonym hat gesagt…

Schön, von Dir zu Lesen! Von mir auch gute Besserung an dieser Stelle und viel Erfolg fürs Lernen!

Ein interessantes Thema, dass Du da aufwirfst und gut reagiert! Eine Frage habe ich zu der Namensverwechslung: fragt Ihr die Patienten tatsächlich sind Sie „Bärbel Meier“ oder fragt Ihr „wie heißen sie“? Die Frage ist tatsächlich immer so zu stellen, dass der Patient immer selbst seinen Namen sagen sollte (kognitive Einschränkungen etc. mal ausgenommen). Idealerweise haben sie auch noch ein Patienten–ID–Band – gibt es sowas bei Euch? Ich arbeite selbst in einem großen Klinikum und da sind das natürlich auch immer wieder Themen, auch im Rahmen der OP–Vorbereitung z. B. Zum Ausschluss von Seitenverwechslungen etc.

Anonym hat gesagt…

Mittelgroße Stadt mit zuständigem Krankenhaus. Herr Pingpong geht zum OP-Vorgespräch. Dort wird auch auf die durchaus nicht trivialen
Vorerkrankungen eingegangen. Nur stehen da auch einige in der Akte, von denen Hr. Pingpong gar nichts weiß. Nach einer Weile
dämmerte Hr. A. Pingpong: ein Teil der Diagnosen gehören zu seinem Zwillingsbruder B. Pingpong. Da wurde wohl bei der Dokumentation
die falsche Akte gezogen. Wohl dem, der sich als Patient noch in einem mitdenkenden Zustand befindet und das auch tut.

Wünsche Dir für den Endspurt viel Kraft!

Feststelltaste hat gesagt…

Oh nee, nicht das jetzt. Richtige Grippe ist echt ätzend! Und ich rate nur einmal, das war der trivalente Impfstoff? Wenn das auch noch über den AMD Deines Arbeitgebers kam, dann sind die echt blöd. Wobei, bei uns (keine medizinische Einrichtung, aber halt viel Reiseverkehr nach Ostasien, wo die Kollegen die neuesten Viren mitbringen können) haben die vor drei Jahren auch noch trivalent verabreicht und wussten es auf Nachfrage nicht einmal. Ich habe in dem Jahr auch was bekommen und dann erst mal mit Impfpass den Hausarzt gefragt, was ich denn da geimpft bekommen hätte. Und dass es gegen Ende der sonnenärmsten Zeit zuschlägt, ist auch kein Wunder: http://www.nber.org/papers/w24340


Die Namensadoptiererin hat sich echt dämlich benommen. Manche Leute können halt noch nicht einmal um die nächste Ecke denken. Dein Bauchgefühl ist offensichtlich gut entwickelt! Wenn man Einscheidungen treffen muss, ohne die Fakten vollständig zu kennen, ist ein "it doesn't feel right" manchmal das, was einen vor Dummheiten bewahrt.

Also, Kopf hoch und gute Besserung! Ich drück' Dir die Daumen für den Endspurt!!!

Clavicular von PL hat gesagt…

Gute Besserung Jule !
und der andere Mist: du bist nicht alleine.
Im Rettungsdienst passiert mir das ständig.
"Frau Meier, haben sie Kopfschmerzen? Können sie klar sehen? Haben sie erbrochen?"
ja, mir alles schlecht, erbrochen habe ich (gestern) auch ständig
Dann kommt der Notarzt, welcher paralle alarmiert wurde.
Kurze übergabe an diesen: "Kopfschmerzen, visus oB, gestrige mehrfache emesis"
Notarzt zu Frau Meier:
"Frau Meier, tut ihnen der Kopfweh? Wie ist das mit ihren Augen? mussten sie sich übergeben?"
nö, mir geht es gut, keine Probleme.

Da fühlt man sich dann auch wie der letzte Trottel. Ich frage mich immer ob die mir das dann glauben.
Und das ist KEIN Einzelfall. Das geschieht öfter wie einem lieb ist.

Viel Erfolg und gute Besserung weiterhin !

Anonym hat gesagt…

Wie Du solche Dinge immer meisterst ...
Ich muss das Vorbildpotest, auf dem Du für mich stehst, wohl nochmal um einen halben Meter erhöhen.

TheLivingUndead hat gesagt…

Wie zur Hölle kann man so dämlich sein und bei einem anderen Vorname ja sagen, solche Leute fordern Fehler doch geradezu heraus, leider gehen diese dann aber zu Lasten der Ärzte, was aber absolut ungerechtfertig ist...