Mittwoch, 21. März 2018

Puff und Meise

Das Gute daran, wenn man weiß, wie sich eine Bronchitis anhört, ist, dass man weiß, wann man eine Bronchitis hat. Um das grobe Rasseln beim tiefen Ausatmen zu hören, brauchte ich nicht mal ein Stethoskop. Ich bin bis heute noch nicht wieder völlig gesund. Allerdings schon lange nicht mehr ansteckend, seit zehn Tagen schon wieder auf der Arbeit - ich darf nicht lange fehlen im Praktischen Jahr. Wenn ich sehr laut sprechen muss, habe ich noch immer den typischen Reizhusten. Aber kein Rasseln mehr, kein grobes und auch kein feines. Also auch keine Lungenentzündung. Und der ganze Mist ist auch ohne Sekundärinfektion und damit ohne Antibiotikum (und vor allem ohne Neuraminidase-Hemmer, zu denen ich ohnehin ein sehr kritisches Verhältnis habe) wieder weg gegangen. So heftig hat es mich allerdings lange nicht erwischt.

Kleine Anekdote, die die zart besaiteten Leserinnen und Leser lieber überspringen und zum nächsten Absatz vorscrollen: Irgendwann haben natürlich auch meine neuen Nachbarn mitgekriegt, dass ihre neue Nachbarin nicht mehr jeden Morgen früh los fährt. Ob sie mir was vom Einkaufen mitbringen sollen, wollten sie wissen, und klingelten dafür bei mir an der Tür. Ist ja nett. Kräuterbonbons gegen den Reizhusten wären gut. Sie schleppen tütenweise an, allerdings alle mit Süßstoff. Bei einigen hatte ich das gesehen und die gleich weggepackt, bei einer von den Schweizern erfundenen Sorte dachte ich erst, die gibt es nicht mit Süßstoff. Drei Stück habe ich gelutscht und habe so derbe Blähungen davon bekommen, dass ich mir nachts eine Windel angezogen habe, weil ich nicht abschätzen konnte, was da noch so alles passiert. Es ist nichts passiert, außer dass ich irgendwann durch Blick auf die Uhr festgestellt habe, dass ich durchschnittlich alle zwei Minuten gepupst habe. Mehrere Stunden lang von drei Bonbons. Nie wieder.

Man kann, für alle die, die den letzten Absatz übersprungen haben, auch zusammenfassen, dass ich keinen künstlichen Süßstoff vertrage. Und kaum war ich wieder unter Menschen (also seit dieser Woche, in der letzten Woche durfte ich aus Sicherheitsgründen noch keinen Patientenkontakt haben, sondern nur Papierkram erledigen), hatte mich der Alltag wieder. Ich rolle mit einer Rolle (tolles Wortspiel) Krepppapier (mit vier "p", drei vor dem "a", eins hinterm "a") zu einem Patienten, da spricht mich lachend ein Mann an: "Willst du damit nen Puff aufmachen oder wofür brauchst du das alles?" - Seh ich aus wie ne Puffmutti? Oder eher wie eine Prostituierte?

Hinter dem Vorhang kam mein Chef heraus, guckte den lachenden Mann an und sagte: "Nehmen Sie sich mal ein bißchen zusammen. Wir sind hier nicht in Ihrer Eckkneipe." - Wobei er eher noch der harmlosere Patient war. Eine andere Patientin sollte zum ersten Mal ein bestimmtes Medikament intravenös, also über einen Tropf, bekommen, und noch bevor überhaupt irgendwas in ihrem Kreislauf angekommen sein konnte, fing sie an zu zittern, die Augen zu verdrehen und zu atmen, als hätte sie gerade einen Sprint hinter sich gebracht. Ich fragte sie, ob alles in Ordnung ist, sie ignorierte mich und zitterte weiter. Ich fragte nochmal: "Hallo? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?" - "Ich glaube *schnauf* *schnauf*, ich vertrage das Medikament nicht." - "Die Infusion läuft noch gar nicht", antwortete ich. Sie guckte mich an, hörte schlagartig auf zu tief und schnell zu atmen und sagte dann: "Dann hab ich eine Allergie gegen den Schlauch." - Na sicher. Ne Meise hast du. Aber ne große.

Meine Karteikarten sind schon weniger geworden. Aber leider gibt es noch immer einen großen Stapel von Dingen, die ich noch nicht drauf habe. Und neulich habe ich den Fehler gemacht, in den bereits aussortierten Karten noch einmal zu stöbern. Und festgestellt, dass ich einiges schon wieder vergessen habe. Noch rund sechs Wochen bis zum Examen. Und ich habe das blöde Gefühl, dass es nicht reichen wird. Obwohl mein Kopf mir sagt, dass ich völlig entspannt sein sollte. Wenn das bloß erst vorbei ist.

Kommentare :

Olli hat gesagt…

Die Reaktionen auf Süßstoffe sind schon erstaunlich vielfältig.

Bei einem Praktikum bei einem Süßwarenhersteller, der ein Produkt damit einführte, stellte sich auch die Frage der Verträglichkeit. Also traten Geschäftsführer, Produktmanager wie Praktikanten zum Selbstversuch an.

Möglicherweise hat es auch mit Gewöhnung zu tun, denn die Auswirkungen und Ausfälle waren sehr unterschiedlich. Dem Geschäftsführer hätten Schriftstücke fast nur noch unter der Kabinenwand durchgereicht vorgelegt werden können, der Produktmanager schätze die Taste am telefon, mit der er das Mikrofon im Telefon stummschalten könnte und Praktikant und Praktikantin haben problemlos riesige Mengen der neuen Produkte verzehrt.

Den Link vom Krepppapier zum Puff kriege ich nicht hin. Genausowenig verstand ich anno 2011 die Werbedisplays von Tempo im Supermarkt, wo deren neues Toilettenpapier hing, von dem man sich Blätter zum ausprobieren abreißen konnte. Der Aufbau stand mitten im Markt.

Die Allergie vor Kontakt mit dem vermuteten Kontaktauslöser kennen auch Mobilfunker, wenn die Klagen kommen, bevor die neuen Antennen überhaupt eingeschaltet sind.

Feststelltaste hat gesagt…

Schön, ein kleines Lebenszeichen von Dir! Mit Bronchitis wieder schaffen zu gehen, finde ich aber heftig.

Ich vermute mal, dass Du auf Zuckeraustauschstoffe reagierst, also zuckerähnliche Stoffe, die Normalmensch mit Normaldarmflora nicht verdauen kann, nicht aber auf Süßstoffe per se. Aber das ganze Gesocks ist mir supekt, lieber sich Süß grundsätzlich abgewöhnen. Wir haben mal eine Stevia gezüchtet, aber die fanden die Milben viel besser als wir, also konnten wir davon nicht großartig kosten.

Wie dem auch sei, ich drücke sämtliche Daumen und große Zehen für den Endspurt!

JL hat gesagt…

Liebe Jule,

Erst einmal ist es gut, dass es Dir Gesundheitlich besser geht!!! Das Gefühl vor Prüfungen und Examen nicht genug zu wissen kennen wahrscheinlich sehr sehr viele Menschen. Der Stapel an Karteikarten wird einfach nicht kleiner, Karteikarten deren Inhalt bereits sicher schien, sind plötzlich doch wieder zurück im Pool.....vor meinem Jura Examen, was allerdings schon etliche Jahre her ist, ging es mir genau so....vor jeder neuen Prüfung und sei sie noch so unbedeutend, geht es mir so...
Es gibt die Inhalte, die man sich "ums verrecken" nicht merken kann. ABER: Die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur 2 der Inhalte in der Prüfung gleichzeitig dran kommen und man sich dann tatsächlich an nichts - also auch nicht einen Teil der Antwort erinnern kann und man aus diesem Grund tatsächlich durchfällt ist verschwindend gering.

Du hast so viel geschafft, hast viele Hürden überwunden....Du wirst auch Dein Examen mit Bravour bestehen!!
Bleib' entspannt und denk daran, in Deinen Lernplan auch "Erholungszeit" mit einzuplanen. Zeit die Du explizit NICHT mit Lernen verbringst, sondern etwas für Dich tust, mit Freunden verbringst oder etwas unternimmst. Und wenn es nur eine Stunde ist - diese Stunde ist wichtig und hilft dem Gehirn frisch zu werden, um wieder neuen Stoff aufzunehmen.

....und wenn alles nichts hilft - dann hilft es sich klar zu machen, was im schlimmsten Fall passieren würde, würde man tatsächlich die Prüfung nicht schaffen....ja- das wäre blöd - aber das Leben würde weitergehen, Du kannst die Prüfung wiederholen, Du bleibst der selbe großartige Mensch, Du verlierst weder Deine wahren Freunde, noch Deine Lebensgrundlage. Du verlierst Zeit - na und?

Christina hat gesagt…

Moin Jule. Die Süßstoffgeschichte kann ich voll nachempfinden. Von den Schweizern vertrag ich inzwischen nur noch diese quadratischen Originale. Alle anderen Sorten sind bäh. Bzw verursachen bäh.

Ich hab mir in den 2 Jahren deinen Blog nochmal komplett durchgelesen und so komm ich zu einer Frage wegen deiner Ausbildung (teils weil es mich privat interessiert, teils weil ich im Inklusionsbereich arbeite und es schon nicht verkehrt wäre, es zu wissen.

Darfst du immernoch nur 15 Stunden pro Woche arbeiten, um die Rente zu behalten oder hat sich da was gendeet?

Feststelltaste hat gesagt…

Wichtiges Thema, was JL angeschnitten hat, wer sagt denn, dass die Antworten heute oder in 30 Jahren richtig sind? Um es mit Malcolm Kendrick, MD zu sagen, the medical profession continues to get the wrong end of the stick.

Egal, erstmal die geforderten Antworten lernen, eigene Meinung und kritisches Denken kommen später. In diesem Sinne alles Gute!!!

Natalie hat gesagt…

Mich würde mal interessieren, ob du im Krankenhaus einen anderen Rollstuhl als deinen Alltagsrollstuhl benutzt. Ich möchte meinen, bei dir dazu bisher nichts gelesen zu haben.

Vielleicht kommt ja demnächst mal wieder eine Fragerunde und du nimmst diese hier mit auf :)

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule, dann will ich dich auch noch einmal kurz vom Lernen abhalten. Das ist kein Sabotageakt, denn es kommt auf die Dosierung an. Eine kurze Unterbrechung und dann frisch zurück ist besser, als eine vermeintlich braves, martialisches Durchlernen. Das Kunststück ist, nicht in der Pause zu versumpfen, sondern dann auch wirklich wieder zurück an die Arbeit zu gehen.

"Ne Meise hast du."

Darf sich Fr. Doktor denken, aber schreiben tut sie "Es imponierte ein ausgeprägter Noceboeffekt". ;-)
"Eben so klingt vieles im Lateinischen gelehrt und tiefsinnig, was im Deutschen gemein und unsinnig seyn würde." - https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Kr%C3%BCnitz

"... dass ich keinen künstlichen Süßstoff vertrage."

Keinen? Überhaupt keinen? Meinst Du damit auch das, was traditionell auch als Zuckeraustausschstoff bezeichnet wird, wie Isomalt, Xylit etc. und sich oft in solchen Bonbons findet.

Bei einigen ist es wie mit Milchzucker. Auch wenn keine strikte Unverträglichkeit vorliegt, wenn man lange Zeit keinen zu sich nimmt, verliert der Körper die Fähigkeit diesen zu verdauen. Das Zeug wird nicht abgebaut, liegt einfach so im Darm rum und es kommt zu einer osmotische Diarrhoe. Umgekehrt kann man durch langsame Dosisteigerung eine erhöhte Toleranz erreichen. Sie es so, man den Zwang zum Stubenhocken und Lernen auch was Positives abgewinnen: man muss nicht unter die Leute, das ist die ideale Gelegenheit auszuproberen, ob die Pupserei auch anhält, wenn man nicht nachgibt und über längere Zeit ab und an ein Bonbon einwirft.

Vielleicht schaffst Du ja beides simultan: Kopf und Bauch befrieden. Ich drück beide Daumen.

Anonym hat gesagt…

Oh Schande.
Das sollte natürlich heißen
"Sieh es so, man kann den Zwang zum Stubenhocken und Lernen auch was Positives abgewinnen:"